Mittwoch, 30. Juni 2010

Unser neuer »Ein-Buch-lesen-Nachrichtenkanal«

Hiermit möchten wir Sie auf unser neues Nachrichtenblog hinweisen: In geballter Form finden Sie dort die Neuigkeiten rund um die Autorengemeinschaft »Ein Buch lesen«.

Sylvia B., deren Initiative und Tatkraft das neue Blog zu verdanken ist, wird die geschätzte Leserschaft dort regelmäßig mit kleinen Appetithäppchen versorgen, die Lust machen auf mehr.
Und jetzt: Vorhang auf für die »Ein Buch lesen-Nachrichten«!

Sonntag, 27. Juni 2010

24 »Wer war John Frum?«

Teil 24 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die Anreise war eine Tortur: Frankfurt – Amsterdam –Tokio – Guam – Pohnpei – Kosrae – Honolulu – Sydney – Port Vila (Vanuatu) – Tanna. Nicht die Sehnsucht nach sandigen Südseestränden hat mich mit einigen wackeren Reisegefährten ins ferne Melanesien geführt. Es waren auch keine archäologischen Rätsel, die vor Ort zu ergründen waren. Es war ein geheimnisvoller Kult, der uns die weite Reise hat antreten lassen: der ominöse John-Frum-Kult lockte uns nach Tanna. Jedes Jahr wird diesem John Frum am 15. Februar gehuldigt. Wie lange noch? Langsam aber sicher passt sich das Christentum der seltsamen Religion an, um irgendwann den fremden Glauben dem christlichen einzuverleiben.

Anno 1774 wurde James Cook auf das Eiland von Tanna gelockt: von nächtlichem Glühen »in den Wolken«. Die Quelle des rötlichen Lichts war rasch ausgemacht: Es rührte von Yasur, einem Vulkan. James Cook wollte mit seiner Mannschaft den Vulkankegel erklimmen. Doch die einheimische Bevölkerung hinderte ihn daran. Das Gebiet sei durch ein mächtiges Tabu geschützt und dürfe nicht entweiht werden. »Dort hausen die Seelen der Verstorbenen!« erfuhr James Cook.

Die Anhänger des John-Frum-Kults sind überzeugt, dass der Yasur-Vulkan den Mittelpunkt der Welt darstellt. Aus der glühenden Lava, die der Yasur einst ausgespuckt hat, sei die Welt entstanden.

Auch heute ist der Yasur noch mehr als imposant. Sein Hauptkrater hat einen Durchmesser von etwa 300 Metern und ist rund 100 Meter tief. Drei aktive Schlote schleudern rund um die Uhr das irdische Höllenfeuer hoch in den Himmel. Statistiker haben errechnet, dass es alle drei Minuten zumindest zu einer Mini-Eruption kommt. Durchschnittlich alle drei Minuten wird ein glühender Klumpen zähflüssigen Materials empor gespuckt. Abends und nachts ist dieses natürliche Feuerwerk wirklich sehr imposant.

Während unseres Aufenthalts auf Tanna sind wir, so stand es im Informationsbrief des Reisebüros, »in Bungalows nach einheimischem Stil« untergebracht. Bei den »Bungalows« handelte es sich um bescheidene Einraum-Hütten auf Pfählen mit spärlicher Möblierung, bestehend aus einem Bett, einem Nachttischchen und einem Stuhl. Romantisierend hieß es im Schreiben des Reisebüros: »Erleuchtet mit Kerosin-Laternen und umgeben von tropischen Blumen...macht die atemberaubende Aussicht auf die Bucht und das Rumoren und Glühen des Yasur-Vulkans diese Bungalows wahrlich spektakulär.«

»Kerosinlampen« gab es allerdings keine. Licht spendete abends und nachts eine Wachskerze... und gelegentlich eine Glühbirne, die an einem wenig Vertrauen schenkenden Draht von der Decke baumelte. Elektrischen Strom gab es allerdings nur wenige Stunden am Tag: so lange wie der Motor des kleinen Aggregats ratterte.

Auf fließendes Wasser musste ebenso wenig verzichtet werden wie auf ein WC: Die Toilette (eine) und die Dusche (eine) waren von jedem »Bungalow« aus auch nachts leicht zu erreichen, wenn man eine Taschenlampe dabei hatte. Nach dem Abendessen wurde nämlich das Aggregat abgeschaltet und die Bungalows versanken in Dunkelheit.

War elektrischer Strom Mangelware, so gab es reichlich Regenwasser: kaltes Regenwasser strömte aus der Dusche. Auf komplizierte Technik wurde verzichtet. Von einem Sammelbehälter führte ein Gartenschlauch zur Dusche. Wer zuerst kam, wurde manchmal mit warmem Wasser belohnt. Schnell spendete die Dusche aber nur noch kaltes Nass.

Kaltes Regenwasser gab es auch zu trinken (manchmal mit einem kleinen Schuss Zitronensaft, meist aber pur). Ich muss aber konstatieren: Auf meinen vielen Reisen führte unsauberes Trinkwasser immer wieder zu manchmal recht erheblichen Magen- und Darmproblemen. Das Regenwasser von Tanna aber muss von bester Trinkqualität gewesen sein. Hauptnahrungsmittel war Reis, der in verschiedenen Varianten gereicht wurde, zum Beispiel mit gebratenen Bananen oder Gurken.

So spartanisch das Leben auf Tanna auch war, so wunderschön waren die klaren Nächte mit einem traumhaft schönen Sternenhimmel. Nirgendwo sonst habe ich die Unendlichkeit des Alls so deutlich gespürt, ja gesehen wie auf Tanna. Nachts lag man in seinem Bett unter einem Moskitonetz... wie mitten in einem paradiesischen Urwald. Undefinierbare Tierstimmen beunruhigten weniger als das Rumpeln des Yasur-Vulkans. Manchmal meinte ich, deutlich zu spüren, wie der Boden vibrierte.

Das Reisebüro hatte keineswegs zu viel versprochen, tatsächlich machte das Rumoren und Glühen des Yasur-Vulkans »diese Bungalows wahrlich spektakulär«. Wir haben den Vulkan abends besucht, stundenlang am Kraterrand gesessen. Wir spürten die Wärme unter unseren Füßen... und wie der Boden bebte. Wir sahen Lavabomben glutrot in die Luft sausen und zu Boden stürzen. Wir hatten Glück.. wurden nicht getroffen.

Unter dem Krater des Yasur-Vulkans lebt nach Überzeugung der Anhänger des John-Frum-Kults nicht etwa der von den Christen verteufelte Satan... sondern der göttliche Sohn. Und diesem positiven Wesen wird jeden Freitag gehuldigt. In einer größeren Hütte versammeln sich die Gläubigen. Sie lauschen andächtig Musikanten... Gitarren kommen zum Einsatz. Es erklingen aber keine schleppenden Kirchenlieder. Stattdessen erschallt frohe, mitreißende Musik. Die Menschen strahlen ruhige Gelassenheit, aber auch frohe Heiterkeit aus. Uns wenige fremde Besucher nehmen sie wie selbstverständlich in ihren Kreis auf. Jung und alt tanzen um die Hütte herum. Schon kleine Kinder sind dabei.. wie auch altehrwürdige Greise. Die Feiern dauern bis zum Morgengrauen.

Alle Jahre aber werden am 15. Februar besondere Rituale gefeiert. Mehr oder minder die gesamte Anhängerschaft John Frums ist dann zugegen, wenn verschiedene Gruppen stampfenden Schritts um den Festplatz marschieren. Sie vollführen dabei Sprünge im Rhythmus der Musik. Und alles geschieht in einer seltsamen Mischung aus heiterer Gelassenheit und stillem Ernst... zu Ehren von John Frum. Die stechende Sonne scheint den Anhängern John Frums nichts auszumachen.

Wer aber war John Frum? Ein göttlicher Sohn, der unter dem Vulkankrater lebte... wird immer wieder von seinen Anhängern verkündet. Ein Messias-Wesen, das den Menschen den ursprünglichen Glauben brachte. Eine göttliche Gestalt, die einst zu den Menschen von Tanna kam. Sie werde, so habe John Frum versprochen, dereinst wieder kommen und den Menschen von Tanna eine paradiesische Zeit bescheren. Ein rotes Kreuz auf weißem Grund sei, so hört man oft von seinen Anhängern, sei das heilige Zeichen John Frums.

Ein christlicher Missionar fragte einen John-Frum-Anhänger herablassend: »Du wartest auf die Rückkehr von John Frum? Wie lange schon?« - »Seit fast fünfzig Jahren!« Der Missionar erkundigte sich weiter: »Dein Vater... wie lange wartet der schon auf die Wiederkehr John Frums?« - »80 Jahre!« Kopfschüttelnd lachte der Missionar: »Du glaubst immer noch, dass John Frum wieder erscheinen wird... nachdem er 80 Jahre ausgeblieben ist?« Die Antwort des John-Frum-Anhängers ließ das Gelächter des Missionars verstummen: »Man sagt, dass ihr Christen seit 2 000 Jahren auf die Wiederkehr eueres Messias wartet. Und ihr meint immer noch, dass er doch noch erscheinen wird, obwohl er sich schon zwei Jahrtausende nicht hat blicken lassen?«

Wer war John Frum? Oder: Wer ist John Frum? Beim Jahresfest der John-Frum-Anhänger am 15. Februar fällt auf, wie die einzelnen Männer-Gruppen marschieren: im Gleichschritt, mit geschulterten Fahnen und Holzstangen. Die Männer-Gruppen haben ganz und gar nichts Tänzerisches an sich. Sie wirken kriegerisch-militärisch. Manche scheinen sich dabei um einen grimmig-ernsten Gesichtsausdruck zu bemühen. Alkohol trinken sie keinen. Und so klappt es mit geradezu preußisch exaktem Gleichschritt.

Ohne Frage: die Umzüge der Männer haben etwas Strenges, Militärisches an sich, auch wenn die »Soldaten« barfuß und mit bloßem Oberkörper marschieren. Hat John Frum etwas mit Militär zu tun?

Foto 1 (Vulkan): Ingeborg Diekmann, Bremen. Alle übrigen Fotos: Walter-Jörg Langbein.
Copyright für alle Fotos: Walter-Jörg Langbein

»Von John bis Jesus«,
Teil 25 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 4.7.2010,
am Nachmittag

Samstag, 26. Juni 2010

Samstagsrezension Helga König: " Die Judenbuche"- Annette von Droste-Hülshoff

Eine Dichterin aus dem Münsterland.

Tuna von Blumenstein bat mich erneut, bei meiner Samstagsrezension  ein Augenmerk auf ihr geliebtes Münsterland zu legen und schlug mir vor, einen Text der Dichterin Annette von  Droste Hülshoff zu rezensieren, die vor über 200 Jahren in der malerischen Burg  Hülshoff  unweit von Münster zur Welt kam.

Ich habe die „Judenbuche“ vorhin nach vielen Jahren abermals gelesen und bin in meiner Interpretation noch etwas  ratlos. Der Untertitel der Novelle lautet „ Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen“. Mein spontaner Eindruck: es handelt sich um eine Milieustudie, die die Lebensverhältnisse in dem benannten Gebiet im 18. Jahrhundert beschreibt, schwierige Charaktere aufeinandertreffen lässt, Armut und Ursachen von Verwahrlosung anspricht, auch religiöse Vorurteile zum Thema macht und in ihrer Gesamtheit subtil psychologisch angelegt ist. Die Novelle soll auf einer wahren Begebenheit beruhen.

Protagonist der Novelle ist Friedrich Mergel. Zunächst liest man von seiner Herkunft. Sein Vater ist ein Säufer, der sowohl seine erste Frau als auch seine zweite ( Friedrichs Mutter) misshandelt, seinen Frauen das Leben zu Hölle macht, schließlich irgendwann betrunken im Wald einschläft  und erfriert. Zu diesem Zeitpunkt  ist Friedrich 9 Jahre alt. Er und seine  Mutter werden fortan von der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt. Seine Mutter, vormals eine adrette Frau, verwahrlost. Die Beschreibung ihres Verhaltensmusters lässt den Schluss zu, dass sie schwer depressiv ist.

Friedrich  wird von seinem Onkel, dem Bruder seiner Mutter adoptiert.  Die Dorfbewohner verändert nun ihr Verhalten gegenüber Friedrich.  Auf dem Anwesen seines Onkels lernt er den Kuhhirten Johannes Niemand kennen, welcher im optisch ähnelt, wie ein Zwillingsbruder. Nur eine kleine Halsnarbe unterscheidet die beiden, die miteinander Freundschaft schließen.

Zum schönen Jüngling geworden, entwickelt Friedrich einen ausgeprägt narzisstischen  Habitus und  schneidet gerne bei Gleichaltrigen auf. Seine Geltungssucht  wird immer extremer. Ein solches Verhaltensmuster beruht stets auf Minderwertigkeitskomplexen, die er offenbar aufgrund seiner Herkunft hat.

Friedrich lebt im Wechsel von aufschneiderischem Auftritt bei gleichaltrigen Dorfbewohnern, die ihn bewundern und Zurückgezogenheit beim Hüten von Kühen, einer Beschäftigung, der er scheinbar gerne nachgeht. Hier kann er ganz er selbst sein, muss sich nicht dem Stress der zwanghaften Selbstdarstellung aussetzen.

In den Wäldern unweit der Wiesen, wo er die Kühe hütet, ist Holz- und Jagdfrevel an der Tagesordnung. Oberförster Brandis wird von Holzdieben erschlagen. Der sensible Friedrich empfindet an dem Mord eine gewisse Mitschuld, weil er den Förster in die Richtung der Holzdiebe schickte als dieser danach fragt.

Seine  diffusen Schuldgefühle, die sich mit den Minderwertigkeitsgefühlen paaren, führen dazu, dass er sich noch weiter aufbläst, eine silberne Uhr bei Aaron, einem Juden gekauft, aber noch nicht bezahlt hat, und sich auf einem Hochzeitsfest mit seinem Schmuck gebärdet.  Aaron, der auch auf der Feier ist, ärgert sich zu Recht und stellt ihn bloß. Kurz darauf wird Aaron erschlagen unter einer Buche im Wald aufgefunden. Vieles spricht dafür, dass Friedrich der Täter ist. Wenn Menschen mit schweren Minderwertigkeitsgefühlen das Gesicht verlieren, sind sie nicht selten zu allem fähig...

Friedrich flieht noch in der Nacht mit seinem Freund Johann, was ihn zusätzlich verdächtig macht. Nachgewiesen werden kann ihm die Tat allerdings nicht. Hinzu kommt, dass später der Verdacht durch das Geständnis eines Dritten entkräftet wird, wobei nicht gewiss ist, ob der Geständige tatsächlich besagten Aaron meinte.

Die Judengemeinde macht aus der Buche ein Mahnmal und ritzt auf Hebräisch die Worte ein: Wenn du dich diesem Ort  nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast“.

28 Jahre später kehrt Friedrich in das Dorf zurück, gibt sich allerdings als Johannes aus. Er erfährt, wie es seiner Mutter und seinem Onkel ergangen ist. Beide sind mittlerweile tot, beide sind im Elend verstorben. Es ist anzunehmen, dass dies weitere Schuldgefühle bei ihm ausgelöst hat.

Es dauert nicht lange und man findet Friedrich (man erkennt ihn an der Halsnarbe) erhängt an der Buche. Natürlich ist Friedrich nicht Opfer von Rache geworden, sondern er hat sich selbst erhängt.  Sein Motiv sich zu töten, ist meines Erachtens  eine Mischung aus Schuldgefühlen und herostratischem Ruhm.

Sicher kennen viele Leser das Buch aus ihrer Schulzeit. Ich denke aber es ist lohnenswert, es abermals zu lesen, allein der psychologischen Facetten wegen.




Freitag, 25. Juni 2010

Freitagskolumne - »Post an Wagner«: Frauenwitze, Männerwitze

Eine Antwort auf Franz Josef Wagners Kolumne
»Liebe Frauen«, BILD, 08. 03. 2007

Lieber Franz Josef Wagner,

dem Webmaster von BILD-Online müsste man einen Orden verleihen, denn er hält viele Ihrer älteren Kolumnen in einem Riesenarchiv verfügbar. Ich blättere dort hin und wieder, wenn ich das Bedürfnis habe, mal wieder richtig abzulachen. Auch heute ist es geglückt: Ihr Glückwunsch zum Weltfrauentag 2007 hätte wirklich einen prominenten Platz in der Witzecke von BILD verdient gehabt. Und das nicht der von Ihnen zitierten Männerwitze wegen, die auch damals schon nicht wirklich neu waren und bei Bedarf oft auch auf Frauen, Lehrer, Beamte oder Kaninchenzüchter angewandt werden.

Nein, ich musste vielmehr über die Ratlosigkeit lachen, mit der Sie dem unbekannten Wesen Frau gegenüberstehen und bekunden, Ihre Leistungsfähigkeit werde von der Lustfähigkeit der Frau bestimmt. Eine merkwürdige Aussage für jemanden, der wenige Sätze weiter erklärt: »Ich persönlich bin Single, vielleicht aus Feigheit, vielleicht aus Angst.« Das kann doch nur bedeuten: Ihre Leistungsfähigkeit ist total im Keller! – Herr Wagner, das ist ja furchtbar! Dagegen sollten Sie etwas unternehmen! Vielleicht könnten Sie sich mit Eva Herman zusammentun, die, wenn sie richtig verliebt ist, vielleicht sogar freiwillig auf ihr Wahlrecht verzichtet, damit die Welt wieder in Ordnung ist? Die auf ihre Gleichstellung pfeift und Ihnen stattdessen einen Apfelkuchen bäckt, den sie treusorgend für Sie warm hält, während Sie auf Sauftour zu Recherchezwecken durch das Berliner Nachtleben ziehen?

Ja, das Leben könnte so schön sein für einen »musealen oder komischen« Mann, als der Sie sich selbst bezeichnen. Mit einer Evagleichen an der Seite könnte für Sie nichts mehr schiefgehen, denkt man. Doch das scheint auch nichts für Sie zu sein, wie Sie an anderer Stelle zum Ausdruck bringen.

Sie scheinen hin- und hergerissen zu sein zwischen Angst und Langeweile. Haben Sehnsucht nach einer Weltordnung, die Sie gleichzeit mit ihrer langweiligen Spießigkeit abstößt.
Da diese beiden Extreme, wie schon Richard Wagner in seiner Oper »Tannhäuser« aufzeigt, nicht wirklich vereinbar sind, werden Sie also weiter Briefe schreiben. An Frauen, die Sie nicht verstehen. Werden als einzigen »Beleg« Ihrer Aussagen belanglose Witze zitieren, die, wie schon oben gesagt, sehr leicht auch mit umgekehrten Vorzeichen erzählt werden können. Werden den Schild Ihrer subjektiven Wahrnehmung wie eine Monstranz vor sich hertragen und den eigenen Frust millionenfach reproduzieren. Schade.

Bevor ich die Kolumne schließe, möchte ich nicht versäumen, Sie mit einigen sich im Umlauf befindlichen Witzen zu konfrontieren, die nicht minder platt sind wie die oben von Ihnen zitierten. Zu Ihren Gunsten will ich annehmen, dass sie Ihnen bisher unbekannt waren, denn andernfalls würde Ihre Kolumne wirken, als hätten Sie sie bewusst um die andere Hälfte der Wahrheit verkürzt. Wie wäre es mit dem hier?:

»Warum haben Frauen kleinere Hände?« Antwort: »Weil man damit in den Ecken besser putzen kann.« Oder: »Was ist der Unterschied zwischen einer Frau und einem Paar Socken?« Antwort: »Die Socken stinken erst, nachdem man drin war.« Der da hat auch was: »Was ist der Unterschied zwischen einer Frau und einem Tumor?« Antwort: »Ein Tumor kann gutartig sein.«

Na, reicht das?

Herzlichst,

Ursula Prem

Sonntag, 20. Juni 2010

23 »Vom fliegenden Gott zu John Frum«

Teil 23 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Freude schöner Götterfunken...« jubiliert ein enthusiastischer Sänger. Friedrich Schillers »Ode an die Freude« erklingt nun schon den ganzen Tag. Der kleine örtliche Radiosender strahlt ausschließlich Ludwig van Beethovens Sinfonie aus.. von morgens bis abends. Begeistert stellt mein Taxifahrer den kleinen Radioapparat auf höchste Lautstärke und singt begeistert mit. Obwohl er kein Deutsch spricht, beherrscht er inzwischen den Text vollkommen.

Nur die riesige steinernen Statuen zeigen sich unbeeindruckt. Ich aber muss zugeben: genau so fühle ich mich... Ich bin überglücklich. Ein Kindheitstraum ist in Erfüllung gegangen. Endlich bin ich auf der Osterinsel gelandet. »Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum!« heißt es im Text. Und in der Tat: die Osterinsel ist so etwas wie ein »Heiligtum«, so etwas wie ein sakraler Ort einer uralten Kultur.

Stoisch blicken die riesigen Osterinselstatuen ins Leere. Ein stolzer Vogel breitet seine Schwingen aus und kreist über den uralten Figuren. Wenn sie uns nur ihre Geschichte erzählen könnten... Wenn wir die beeindruckenden Kunstwerke wie ein Buch lesen könnten.... Thor Heyerdahl wie Erich von Däniken haben versucht, die Geheimnisse der Osterinsel zu ergründen.

»In meiner Jugend kam Kontiki zu uns, besuchte den Nabel der Welt!« vertraute mir ein greiser Osterinsulaner an. »Er war von ehrwürdiger Gestalt und hatte einen mächtigen Bart! Kontiki befragte uns nach unseren alten Bräuchen und Überlieferungen! Er notierte sorgsam, was er erfuhr. Künftige Generationen, die ein Buch lesen können, werden die Wahrheit erfahren!«

Für den der wissenschaftlichen Vernunft verpflichteten Experten ist der Sachverhalt klar: »Viracocha alias Kontiki war ein legendärer Gott, der nach der religiösen Überlieferung der Inkas den Menschen schuf... nach der großen Flut!« Und somit kann natürlich die Osterinsel vor einigen Jahrzehnten nicht von Kontiki besucht worden sein. Fiktive Gestalten besuchen keine Inseln.

Und doch hat mir der greise Osterinsulaner kein Märchen erzählt: der bärtige Norweger Thor Heyerdahl (1914–2002) wurde, wie er glaubhaft berichtet, 1947 und 1955 von manchen Bewohnern der Osterinsel ehrfürchtig als »Herr Kontiki« angeredet. Offensichtlich waren sie davon überzeugt, dass auch der »Kontiki« der mythischen Überlieferungen eine reale Person war. Wissenschaftler indes erklären eine reale Person zur Fiktion. Sollte der mythologische Kontiki ebenfalls eine reale Person gewesen sein, die nach einer gewaltigen Flut nach Peru kam? Gewöhnlich wird das in der Wissenschaft bestritten. Als reine Fantasiegestalt wird Make Make angesehen...

Make Make, der fliegende Gott, griff auch in das Leben der Menschen ein, als eine Flut zu einer gewaltigen Apokalypse zu werden drohte. So wird es durch die uralten Mythen überliefert. Make Make wies, so heißt es, den Bewohnern des Atlantis der Südsee den weiten Weg übers Meer zur Osterinsel. Dort siedelten sie sich nach einem abenteuerlichen Exodus an. War Make Make eine reale Person, ein reales Wesen?

Einst gab es vermutlich Tausende von Ritzzeichnungen, die Make Make darstellten. Die meisten sind im Verlauf der Jahrhunderte verwittert... oder von Sammlern archäologischer Objekte gestohlen worden. Teilweise wurde sogar mit amtlicher Genehmigung kostbares Erbe der Ur-Osterinselkultur mutwillig zerstört. Ein eklatantes Beispiel: Anno 1965 entdeckte der deutschstämmige Chilene Karl Schanz unweit des heutigen Flugplatzes einen massiven Steinbrocken mit komplexen Einritzungen. Dabei handelte es sich, so Schanz, um ein Instrument zur exakten Beobachtung der Sterne. Bevor freilich genauere Untersuchungen durchgeführt werden konnten, ließ die chilenische Armee den Felsbrocken sprengen: aus »Sicherheitsgründen«, wegen der Nähe zum Flughafen.

Mühsam muss man noch erhaltene Abbildungen zeichnerisch rekonstruieren... Sie ergeben ein maskenhaftes, roboterartiges »Gesicht« Make Makes.

»Make Make brachte unsere Vorfahren auf unsere Insel!« höre ich immer wieder. »Und die ersten Siedler errichteten die Statuen?« frage ich. »Nicht gleich!« Zunächst habe man aus Lavabrocken Pyramiden aufgetürmt: als Grabmale für verstorbene Vornehme. Aus den Pyramidenhügeln seien dann solide Plattformen geworden. Und auf die Plattformen habe man schließlich die geheimnisvollen Statuen gestellt.
Die meisten Ritzzeichnungen von Make Make befinden sich oberhalb der Steilküste bei Orongo. Von hier stiegen einst mutige junge Männer die schroff mehrere Hundert Meter senkrecht abfallende Klippe hinab. Dann stürzten sie sich in die gefährliche Brandung, um zur kleinen »Vogelinsel« zu schwimmen. Wer als erstes von dort ein Ei aus einem Fregattvogelnest sicher bergen konnte, der war für ein Jahr lang so etwas wie der religiöse und irdische König. Vielleicht war’s aber etwas anders: Auf der Insel gab es verschiedene Stammesclans. Jede dieser Gruppen wurde von einem Chief geführt. Jeder Chief wählte einen besonders sportlichen Schwimmer und Kletterer, der dann im Wettkampf für ihn antreten durfte. Zum religiösen König wurde nicht der Sportler selbst, sondern sein Chef ernannt.

Das Inseloberhaupt hauste ein Jahr in einer Höhle, die er in der Zeit seiner Regentschaft nicht verlassen durfte. Ein Jahr lang lebte er in Dunkelheit, fern seiner Mitmenschen. Angeblich durfte er sich auch nicht waschen, was die übrige Bevölkerung auf Distanz gehalten haben dürfte.

Auch wenn die Einzelheiten auch in der Bevölkerung der Osterinsel umstritten sind: Es wurde ein »Vogelmensch-Kult« zelebriert, dessen Ursprung in Vergessenheit geraten ist. Bei Orongo stellte man die geheimnisvollen »Vogelmenschen« dar: Seltsame, fast monströs wirkende Mischwesen aus Mensch und Vogel wurden in den Stein geritzt, oft direkt neben Darstellungen des fliegenden Gottes Make Make.

Wer waren diese »Vogelmenschen«? Hatten sie einen Bezug zum fliegenden Gott Make Make und den gigantischen Statuen der Osterinsel? Und wann wurden die monströsen Figuren und kuriosen Ritzzeichnungen geschaffen?

Lange galten konservative Zahlen als gültig, die den Kunstwerken nur ein recht junges Alter zubilligten. Demnach entstanden die Statuen etwa im Mittelalter bis in die Neuzeit. Wenn man schon nicht wirklich wusste, wer wie die Figuren schuf, transportierte und aufstellte... dann durfte das nicht in grauer Vorzeit geschehen sein. Was in der Öffentlichkeit nicht zur Kenntnis genommen wird:

Der Archäologieexperte, Buchautor und Journalist Frank Joseph stellte dezidiert fest, dass die so vorsichtigen Datierungen völlig falsch sind. De facto wurde die Arbeit an den Kolossen – so Frank Joseph – erst vor mindestens zweitausend Jahren beendet! Diese Erkenntnis, von Frank Joseph im seriösen Fachblatt »Ancient American – Archaeology of the Americas before Columbus« (Nr. 12) publik gemacht, hätte einschlagen müssen wie eine Bombe.

Im Verlauf der letzten Jahrhunderte starben die Wissenden der Osterinsel, die die hölzernen Schrifttafeln wie ein Buch lesen konnten. So vermag bis heute niemand mehr, die rätselhafte Schrift von »Rapa Nui« zu entziffern. Oder wird die uralte Welt der schriftlichen Überlieferungen nur wenigen Eingeweihten zugänglich gemacht? »Das Meer kennt alle Geheimnisse!« bekam ich bei meinen Besuchen auf der Osterinsel immer wieder zu hören. »Wer kundig ist, kann in seinen Wellen wie in einem Buch lesen....«


Von Make Make, dem fliegenden Gott... zu einer anderen Gottheit der Südsee... zu John Frum. Der geheimnisvolle Kult macht deutlich, wie uralte Mythen und Religionen entstehen können.....

»Wer war John Frum?«,
Teil 24 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 27.6.2010

Samstag, 19. Juni 2010

Samstagsrezension Helga König: Schland o Schland- ein Sommermärchen

 Meine liebe Freundin Tuna von Blumenstein hat mich auf einen Video-Clip bei „YouTube“ aufmerksam gemacht, mit welchem eine Gruppe junger Studenten, sie nennen sich „Uwu Lena“, ihre Freunde bespaßen wollten. Bespaßt haben sie mittlerweile auf YouTube alleine über 45.000 Menschen und das ist schon erstaunlich.

Die Gruppe singt, musiziert und tanzt irgendwo in einem Park in Münster. Spontan denkt man an eine Sommerparty. Die Melodie kommt einem sofort bekannt vor. Es ist die Melodie von Lenas Song, mit dem sie den „Grand Prix de Eurovision“ vor Kurzem gewonnen hat und auf diese Weise „Europameisterin“ geworden ist.

Die Studenten haben anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2010 einen neuen witzigen Text dazu verfasst, den mir Tuna  zuschickte und in den ich mich zunächst vertiefte, um mir hinterher noch einige Male diesen lebensfrohen Clip anzusehen.

Endlich im Jahre 2010 gelingt es jungen Leuten, unverkrampft mit dem Nationalgefühl umzugehen und eine neue Nationalhymne zu texten: frisch, frech und zeitgemäß. Bravo!

Im Refrain heißt es „ Schland o Schland“. Allein schon diese lässige Abkürzung des Begriffs Deutschland ist gelungen. Preußischer Drill  wird weggeblasen mit „Vuvuzelas“, mit denen die Studenten auf dem Clip gekonnt umgehen und zeigen, dass sie Weltbürger sind, trotz der Schwarz-Rot-Gold-Maskerade.   

Die Jungs lassen durchblicken, dass sie dem Ausgang der Weltmeisterschaft gelassen entgegensehen, in diesem Jahr einfach nur feiern …. Schland will nicht verbissen siegen, das zeigen Uwu-Lena. Schland ist reifer geworden, man will nicht mehr siegen um jeden Preis. Die Männer jedenfalls nicht. Dabeisein und Spaß haben lautet die Devise.

Even if you don´t bring that cup with you 
We´re gonna love you either way!

Die schlauesten  Schländler sind offensichtlich die Münsterländer: Ihnen ein dreifaches Hip-Hip-Hurra.:-)) Von ihnen können die alten Preußen lernen, die Schland-Ikone Angie auch.

Rezension Helga König

Freitag, 18. Juni 2010

Freitagskolumne - »Post an Wagner«: Deutsche Mütter

Eine Antwort auf Franz Josef Wagners Kolumne
»Liebe deutsche Mütter«, BILD, 26. 04. 2006

Lieber Franz Josef Wagner,

was werde ich in den Abgründen Ihres Archivs noch alles finden, so lange Ihre Kolumne pausiert? Soeben habe ich wieder solch ein Goldnugget ausgegraben, bei dessen reiner Lektüre es mich in den Fingern kribbelt. Deutsche Mütter, so Ihre durch eine dümmliche Studie untermauerte Behauptung, seien heutzutage faul, im Gegensatz zu den Trümmerfrauen, wie Ihre Mutter eine war. Und glücklich sind Sie, dass Ihre Mutter keinen Sex gehabt habe.

O Sie Frucht der jungfräulichen Empfängnis, wandelnd auf den Spuren des Erlösers: War es der Heilige Geist, der über Ihre Mutter gekommen ist? Oder hat Sie vielleicht der Storch im Flug verloren, bei einem allzu kühnen Wendemanöver, als er den Versuch unternahm, einem herumschwirrenden Geschoss zu entkommen? - Wir wissen es nicht. Auch ist nicht bekannt, mit wieviel Verständnis Ihre Mutter das Leben betrachten würde, welches ihr kleiner Franz Josef heute führt: Als alltäglicher Gast der angesagtesten Berliner Nobellokale, dem Rausch nicht abgeneigt, als einsamer Wolf durch die Gassen treibend, nicht wissend, wie man eine Suppe ohne Dosenöffner zubereitet. So gesehen lebt er das Leben einer in dieser Studie beschriebenen durchschnittlichen deutschen Mutter von heute, ob mit oder ohne rotlackierte Fingernägel, das entzieht sich meiner Kenntnis. Ob Mutter Wagner seine offenkundig zur Schau getragene Liebe zum Rausch, welche dabei hilft, steigenden Alkoholkonsum salonfähig zu halten, wohl als Erfüllung ihres Erziehungszieles ansehen würde?

Ja, von einem guten Tisch im Borchardt's aus lässt sich prima über Trümmerfrauen philosophieren. Würde die Pasta dort besser schmecken, wenn statt der vorbeiflanierenden Kundschaft aus den Galeries Lafayette Trümmerfrauen die Straßen bevölkern würden? Mit weinenden Kindern im Schlepptau? Wünschen Sie sich den damaligen Albtraum zurück, damit Frauen wieder Frauen sein können?

Fragen über Fragen, über deren Antworten Sie nachdenken sollten. Eines jedoch ist klar: Diese Frauen wird es nicht mehr geben ohne die Männer von damals. Hätte es Ihnen in Stalingrad besser gefallen als im Borchardt's?

Herzlichst,

Ursula Prem

Sonntag, 13. Juni 2010

250. Blogbeitrag: Das Pferdchen und die fette Kuh

Es war einmal 'ne fette Kuh,
Die ließ den Pferden keine Ruh.
Sie hatt' 'nen Arsch wie Satteltaschen,
Warum nur muss sie so viel naschen?

Einmal stieg sie auf ein Ross,
Um ihm zu zeigen, wer ist Boss.
Doch das Pferdchen bäumt' sich auf,
Mit der fetten Kuh darauf.

Diese schrie und fiel hinunter,
Doch das Pferdchen blieb ganz munter.
Mit dem Gesicht liegt sie im Dreck,
Und plötzlich ist die Brille weg.

»Du blödes Vieh, du fieser Gaul,
Komm her: Dann kriegst du eins aufs Maul!«
Doch das Pferdchen trabte weiter
Sein Gesichtsausdruck war heiter.

Die fette Kuh lief zu ihm hin,
Gehorsam kam ihm nicht in 'n Sinn.
Es galoppierte nun herum
Und rannte fast die Fette um.

Plötzlich knackste es sehr laut,
Das fette Weib erschrocken schaut:
In Scherben liegt die teure Brille,
Sie kostete fast eine Mille!

Cosima Prem (10)
Mein Kinderkrimi »Vier Freundinnen auf Schatzsuche« kann hier bestellt werden:

22 »Am Tor zur Südsee«

Teil 22 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Fast senkrecht wächst die steinerne Monstermauer empor. Mutter Natur hat sie geschaffen, als glühend heiße Lava-Massen emporstiegen und erstarrten. Helle Flechten und grünes Moos verleihen dem grauen Lavagestein ein bizarres Aussehen. In den Lavabrei eingeschlossen wurden Felsstückchen, die heute zum Teil als Fremdkörper aus der Wand herausragen.

Man muss nahe an die wuchtige Mauer herantreten, um ihr Geheimnis zu erkennen... Es sind die Konturen einer liegenden Gestalt. Ein langes Ohr am Kopf ist auszumachen. Auge und Nase wurden ebenfalls dargestellt, so wie der Oberkörper. Offensichtlich hat man nur versucht, ein Kunstwerk zu schaffen. Das Experiment muss bereits im ersten Stadium abgebrochen worden sein.

Wichtige Fragen stellen sich: Wer hat diese bescheidenen Umrisse in das Vulkangestein gemeißelt? Wann geschah dies? Warum wurde der klägliche Versuch sofort wieder aufgegeben?


Schon vor Jahrhunderten regte die Südsee die Fantasie manches Forschers an. Längst war es zur Routine geworden, per Schiff von der alten in die neue Welt zu gelangen. Was aber lag jenseits von Amerika? Musste nicht im Westen ein weiterer Kontinent liegen?

Davon war ein gewisser Arnold Roggeveen, ein geschäftstüchtiger niederländischer Weinhändler, im ausgehenden 17. Jahrhundert felsenfest überzeugt. Und diese Landmasse wollte er entdecken. Freilich war es nicht wissenschaftlicher Entdeckergeist, der ihn motivierte. Roggeveen hoffte mit den Bewohnern Handelsabkommen schließen zu können. 1666 plante er seine Expedition ins Unbekannte. Freilich erhielt er, als er einen entsprechenden Antrag stellte, keine Genehmigung. Schon damals war die staatliche Bürokratie sehr mächtig.

Roggeveen musste unzählige Fragen beantworten und immer neue, stets »wichtige« Fragen beantworten. Als er endlich die erforderlichen Urkunden, Beglaubigungen und Einwilligungen zusammen hatte, konnte er sich das Abenteuer finanziell nicht mehr leisten. Der Kampf mit der Bürokratie hatte ihn zum armen Mann gemacht.

Erst ein halbes Jahrhundert später, nämlich am 16. Juni 1721, machte sich sein Sohn Arnold Roggeveen auf den Weg, um den ehrgeizigen Plan des Vaters zu verwirklichen. Die Expedition wurde ein kaufmännischer Misserfolg. Den erhofften Kontinent... gab es nicht. So konnten keine Handelsabkommen geschlossen werden....

Ostern 1722 »entdeckte« Arnold Roggeveen die Insel, die nach eben diesem christlichen Fest benannt wurde... die Osterinsel. Allerdings war Arnold Roggeveen wohl nicht der erste Europäer, der die mysteriöse Insel ausfindig gemacht hatte. Bereits anno 1566 wurde in spanischen Chroniken erstmals über die Entdeckung der Osterinsel durch Alvaro Mendana de Neyra berichtet. Und anno 1578 stieß der spanische Seefahrer Juan Fernandez vor der Küste Chiles im Stillen Ozean auf »ausgedehntes Festland«.

Als »Handelspartner« war die Osterinsel für Roggeveen vollkommen uninteressant. Sie war ein bedeutungsloses kleines Eiland mit eher ärmlicher Bevölkerung. Gewiss: Die stattlichen Statuen des Eilandes legten Zeugnis ab für meisterliche Steinmetzkunst. Aber mit Steinmonstern konnte man keinen Handel treiben....

In der Tat: die Osterinsel ist ein kleines Fleckchen Erde, in Gestalt eines Dreiecks von etwa 24 Kilometern Länge und 13 Kilometern Breite. Einst formten gewaltige Vulkanausbrüche auf dem Grund des Pazifiks das kleine Eiland. Und auch heute noch sind es drei Vulkane (Rano Kao, Maunga Puakatiki und Maunga Terevaka) die das Bild der Osterinsel dominieren.

Als großer Erforscher der Geheimnisse der Osterinsel gilt der Norweger Thor Heyerdahl (1914–2002). In den Jahren 1955 und 1956 erkundete er das Eiland. Seiner Überzeugung nach wurde es einst vom Westen aus besiedelt. In zwei Wellen sollen, so Heyerdahl, Menschen von Südamerika aus die kleine Insel bevölkert haben. Die Mythenwelt der Osterinsel besagt aber etwas ganz anderes. Die Annahme Heyerdahls hat sich inzwischen auch als falsch erwiesen. Dank moderner Genuntersuchungen wissen wir: die Osterinselbevölkerung kam nicht aus dem Westen, nicht aus Peru, sondern aus dem Osten. Daran hat es für die heutigen Osterinsulaner nie den geringsten Zweifel gegeben. Und genau das überliefert die Sagentradition der Osterinsel!

Raul Teave, ein stolzer Osterinsulaner, erzählte mir 1992: »Meine Vorfahren kamen vom Atlantis der Südsee. Es versank – im Westen der Osterinsel – in den Tiefen des Meeres. Make Make, der fliegende Gott, brachte die Rettung. Er flog den Priester Hau Maka zur rettenden Insel, zum Nabel der Welt. Er brachte ihn wieder zurück... und so konnten die vom Tode bedrohten Menschen evakuiert werden, auf Rapa Nui, die ›Osterinsel‹!«

Bis heute wird die Erinnerung an Make Make in den Überlieferungen der Osterinsel gepflegt und erhalten. Voller Ehrfurcht betrachten die Osterinsulaner, die sich wieder verstärkt dem alten Glauben zuwenden, die Darstellungen Make Makes. Sie wurden vor vielen Jahrhunderten in den Stein geritzt.
Für Heyerdahls Südamerika-Theroie hat Paul Teave nur ein müdes Lächeln übrig. »An diesen Unsinn hat hier niemand geglaubt! Die Überlieferungen unserer Vorfahren lassen keinen Zweifel: die Urbevölkerung stammt aus der Südsee!« Heute ist die Osterinsel von Europa und Amerika aus betrachtet... das Tor zur Südsee.

»Aber Thor Heyerdahl hat doch das Rätsel der Osterinselriesen gelöst!« wende ich ein. Paul Teave lächelt milde. Seit mehr als 50 Jahren kursieren entsprechende Berichte: Thor Heyerdahl sei es gelungen, eine Handvoll Osterinsulaner einen Osterinselriesen aus dem Vulkangestein meißeln zu lassen. Thor Heyerdahl selbst hat diese Legende ins Leben gerufen. In seinem Buch »Aku-Aku/ Das Geheimnis der Osterisel« (1) wird Heyerdahls Experiment im Bild dokumentiert. Sechs wackere Osterinsulaner schlagen auf das Vulkangestein ein. Schon kann man die Konturen eines der berühmten Osterinselriesen erkennen. Der Bildkommentar erläutert: »Eine Statue wird im Steinbruch des Vulkans ausgehauen.« Blättert man weiter, so sieht man Erstaunliches. Zwölf Osterinsulaner richten »die Figur« auf. Der Text zum Foto vermeldet: »Zwölf Mann haben sie in achtzehn Tagen mit Stangen und Steinen aufgerichtet.«

Die beiden Fotos suggerieren eindeutig: Heyerdahl hat zunächst eine Statue aus dem Fels schlagen und dann aufrichten lassen.

Fakt ist aber: Heyerdahls Experiment ist kläglich gescheitert. Und das hat Thor Heyerdahl im Text seines Buches auch keineswegs verschwiegen. So berichtet er (2), dass bei den Steinmetzen die Begeisterung rasch schwand. Bereits nach drei Tagen gaben sie auf und pflegten ihre zerschundenen, blutigen Hände.

Bis heute hält sich die Legende, es sei Heyerdahls osterinsulanischen Freunden gelungen, eine Steinstatue aus dem Vulkangestein zu schlagen, zu transportieren und aufzustellen. Das aber ist falsch. Heyerdahls Team hat nur eine eher bescheidene Kontur in die Monsterwand geschlagen... und dann aufgegeben! Es ist bei Heyerdahls gescheitertem Versuch geblieben. Auch heute – mehr als ein halbes Jahrhundert später – wartet eine Osterinselfigur im Stein darauf, befreit zu werden. Der Versuch wurde nach wenigen Tagen abgebrochen.. und bis heute nicht fortgesetzt!

Wir müssen zwischen feststehenden Fakten und Vermutungen unterscheiden. Fakt ist: Die Osterinselriesen stammen aus dem Steinruch im Ranu Raraku-Krater.

Fakt ist: Irgendwann stoppten die Steinmetzen ihre Arbeit. Von einem auf den anderen Tag blieb ihre Arbeit liegen. Deshalb findet man heute im Steinbruch Statuen in fast allen Stadien... solche, die eben erst begonnen wurden und solche, die fast schon vollendet worden sind.

Unweit des Steinbruchs fanden sich zahllose primitive Steinwerkzeuge, Faustkeile zum Beispiel. Heißt das, dass die Osterinselriesen mit diesen primitiven Werkzeugen hergestellt wurden? Erinnern wir uns: Heyerdahls Gehilfen scheiterten bei dem Versuch, mit solchen Werkzeugen eine kleine Statue aus dem Stein zu hauen.

Eine alternative Erklärung bietet sich an: Vor Jahrtausenden schufen unbekannte Künstler mit unbekannter Technologie die Statuen der Osterinsel. Damit kein Missverständnis auftaucht: Das muss keine außerirdische Technologie gewesen sein! Es mag vor Jahrtausenden auf der Osterinsel Wissende gegeben haben, die über Fähigkeiten verfügten, die wir heute sogenannten »Steinzeitmenschen« nicht mehr zutrauen!


Spekulieren wir weiter: Aus unbekannten Gründen hörten die Erschaffer der Statuen von einem Moment auf den anderen mit der Arbeit auf. Zurück blieben fertige und unvollendete Statuen. Jahrhunderte später versuchten Osterinsulaner, mit Hilfe von primitiven Steinfäustlingen die begonnen Statuen zu vollenden. Sie schlugen mit ihren primitiven Werkzeugen auf den Stein ein... und gaben bald wieder auf. Mit ihren primitiven Mitteln hätten sie Jahre benötigt, um eine einzige Staue aus dem Stein zu hauen. Um bis zu eintausend solcher Figuren herzustellen, wären wahre Arbeiterheere erforderlich gewesen.

Die Osterinsel aber war schon immer nur sehr dünn besiedelt. Arbeiterheere gab es nie. Natürlich hätten die vielen Steinmetzen auch ernährt werden müssen. Ein zweites Herr an Bauern wäre erforderlich gewesen. Eine solche Bevölkerungsdichte aber hat es nachweislich niemals auf der Osterinsel gegeben.

Spekulieren wir weiter: Die mühselige, wieder aufgenommene Arbeit im Steinbruch erbrachte (Jahrhunderte nachdem die ursprünglichen Arbeiten im Steinbruch abrupt abgebrochen worden waren) keine nennenswerten Ergebnisse... nur blutige Hände, zersplitterte und stumpfe Fäustlinge... und Frust. Man gab auf. Die nutzlosen Werkzeuge wurden achtlos weggeworfen. Mitte des 20. Jahrhunderts scheiterten Heyerdahls Gehilfen bei einem ähnlichen Versuch. Und doch gilt es als »bewiesen«, dass die Statuen mit Steinfäustlingen aus dem Vulkan gemeißelt wurden.

In grauer Vorzeit versank das Atlantis der Südsee in den Tiefen des Pazifiks. Make Make brachte die Rettung und wies den Weg zur Osterinsel. Sieben Seefahrer überprüften erst die Richtigkeit von Make Makes Rettungsplan. Sie lotsten schließlich den Exodus in die neue Heimat. Sieben Statuen, die als einzige aufs Meer hinaus blicken (nach Westen!), stellen die sieben mutigen Seeleute dar.
Heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus, leben wir in einer Zeit der weltumfassenden Probleme und Krisen. Länder wie Griechenland stehen vor dem Bankrott. Die Ölpest im Golf von Mexiko, ausgelöst durch die Explosion der Plattform Deepwater Horizon von BP, könnte so etwas wie ein modernes Menetekel sein. Haben wir uns schon so sehr an Katastrophenmeldungen gewöhnt, dass die Millionen und Abermillionen von Litern Öl, die ins Meer fließen, mit stoischer Gelassenheit aufgenommen werden?

Auf der Osterinsel wurden nach und nach alle Palmen gefällt. Ob damals auch kritische Stimmen zu hören waren, die vor dem Raubbau mit der Natur warnten? Wenn es sie gab, verhallten ihre Stimmen ohne Wirkung. Dabei konnte jeder erkennen, dass es bald keinen Palmenwald mehr geben würde, so überschaubar die Osterinsel ist. Die Palmen wurden trotzdem alle geschlagen. Hungersnöte waren die Folge. Fruchtbares Ackerland wurde ins Meer gespült. Es konnten keine Boote mehr gebaut werden. Fischfang war so gut wie unmöglich geworden. Auswandern konnten die Osterinsulaner auch nicht mehr. Es gab kein Entkommen mehr aus der Katastrophe.

Verhalten wir uns klüger als die Osterinsulaner? Wir sind dabei, die Grundlagen für ein Überleben der Menschheit geradezu planmäßig zu zerstören! Dabei ist unsere »Insel« Erde für uns heute ebenso überschaubar geworden, so wie es die Osterinsel einst für ihre Bewohner war.

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Fußnote 1) Thor Heyerdahl: »Aku- Aku. Das Geheimnis der Osterinsel«, Ullstein Sonderausgabe, Frankfurt 1972, Bildteil zwischen Seiten 104 und 105

Fußnote 2) ebenda, S. 93
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»Vom fliegenden Gott zu John Frum«,
Teil 23 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 20.6.2010


Samstag, 12. Juni 2010

Samstagsrezension Helga König- DVD: Jenseits von Afrika

Der Film „Jenseits von Afrika“ beruht auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Karen Blixen. Regisseur ist der von mir sehr geschätzte Sydney Pollack. Handlungsorte sind Dänemark und Kenia. Die Handlungszeit erstreckt sich auf den Zeitraum von 1913-1931.

Der  Film beginnt mit einer Szene auf einem Sommerfest in Dänemark. Karen (Meryl Streep) wurde gerade von ihrem Geliebten verlassen und unterhält sich mit ihrem besten Freund Baron Bror von Blixen – Finecke (Klaus Maria Brandauer)- er ist der Bruder ihres Geliebten - über diesen Umstand. Karen  kommt aus sehr wohlhabendem, allerdings nicht adeligem Hause. Ihr Freund Bror ist adelig, aber gänzlich verarmt,  weil er ein Lebemann  ist.  Karen bietet ihm die Ehe mit ihr an, um nicht als sitzengelassenes Mädchen zu gelten. Sie macht ihrem Freund klar, dass beide einen Vorteil von der Eheschließung haben werden. Der charmante, leicht ironische Blixen sagt zu und willigt auch ein, mit Karen gemeinsam in Afrika zu leben.

In Afrika möchte Karen eine Molkerei eröffnen, doch als sie dort ankommt, hat Blixen das dafür vorgesehene Geld in Kaffeepflanzen investiert.  Auf dem Weg zu ihrem neuen Zuhause lernt sie den Großwildjäger Denys Finch Hatton (Robert Redford) kennen, der in ihrem späteren Leben eine wichtige Rolle spielen wird. Denys und Karen mögen sich auf Anhieb.

Karen ist mit ihrem gesamten Hausstand nach Kenia gereist, ihrem kostbaren Silber und Porzellan, ihren dänischen Möbeln und der Art von Gemütlichkeit, die fast ein wenig unpassend in der neuen Umgebung wirkt. Wie unnötig all die Habe ist, bemerkt Karen erst viel später.

Ihr erster Eindruck in Afrika ist ein eher ärgerlicher: ihr wird der Zugang in einem europäischen Club verwehrt als sie nach Blixen sucht. Die kolonialen Strukturen  lassen ein Frauenbild, wie es Karen in Afrika  leben wird, nicht zu. Sie heiratet in Kenia ihren Freund Bror, der nicht daran denkt, ihr beim Aufbau der Plantage zu helfen, sondern stattdessen auf Großwildjagd geht und sich des Weiteren als Schürzenjäger auslebt.

Zwischenzeitlich kümmert sich Karen um den Aufbau der Kaffeeplantage. Denys, von dem sie weiß, dass er ebenso gerne wie sie liest  und dessen Freund besuchen sie  in ihrer dänischen Idylle im kenianischen Hochland. Sie verbringen einen Abend dort und erzählen einander hübsche, fantasievolle Geschichten. Zwischen Karen und Denys funkt es, aber  Karen verbirgt zunächst ihre Gefühle, weil sie ihrem Mann eine treue Ehefrau sein möchte.

Als Karen an Syphilis  erkrankt- sie hat sich bei ihrem Ehemann infiziert -und für lange Zeit zur Behandlung nach Dänemark  zurückkehrt,  trennt sie sich innerlich von Blixen und vollzieht, nach  Kenia zurückgekehrt, auch die Trennung von Tisch und Bett. Geschieden werden die beiden erst viel später auf Wunsch von Blixen  als er eine andere reiche Frau kennengelernt hat.

Nun beginnt die Liebesgeschichte zwischen Karen und dem freiheitsliebenden Denys, der  diese Frau immer als gleichberechtigte Partnerin betrachtet. Er nimmt sie mit auf Safari und zeigt ihr die Schönheit des Landes.

Denys ist sehr weise, ein guter Beobachter, der ihr auch von den Massai berichtet und der Mentalität der schwarzen Kenianer, aus denen man keine Europäer machen sollte, wie er der festen Überzeugung ist.

Karen schafft es,  ein gutes Einvernehmen zu einem Häuptling herzustellen, dessen Untertanen ihr beim Aufbau der Kaffeeplantage helfen. Sie bringt den alten Häuptling sogar dazu, zu akzeptieren, dass die schwarzen Kinder eine  von ihr gegründete Schule  besuchen. Man erlebt immer wieder den Wechsel von harter Arbeit und den Besuchen von Denys, mit dem sie mittels einem von ihm geschenkten Grammophon  gemeinsam Mozart hört und  eine Form von Liebe lebt, die mich immer wieder zu Tränen rührt.

Natürlich weint man auch mit Karen als nach einer besonders guten Ernte, diese durch ein Feuer zerstört wird und dies das Ende für sie in Afrika bedeutet. Dass ihr geliebter Denys dann auch noch durch einen Flugzeugabsturz ums Leben kommt,  lässt den Gedanken aufkommen, dass auf dieser Frau ein Fluch liegt……

Diesen Film habe ich schon sehr oft gesehen. Er ist einer meiner Lieblingsfilme. Ich mag die schönen Aufnahmen von der kenianischen Landschaft, die gehaltvollen Dialoge, die exzellenten schauspielerischen Leistungen aller Darsteller, die gesamte Poesie des Films, die in Bildern und Worten zu Ausdruck kommt und die Liebesgeschichte zwischen Karen und Denys, die für mich zu den großen Liebespaaren  der  Literatur- und Filmgeschichte  zählen.



Freitag, 11. Juni 2010

Freitagskolumne - »Post an Wagner«: Charlotte Roche und W.A. Mozart

Eine Antwort auf Franz Josef Wagners Kolumne
»Liebe Charlotte Roche«, BILD, 18. 04. 2008

Lieber Franz Josef Wagner,

Streifzüge durch das Archiv Ihrer Kolumnen haben für mich immer etwas Erheiterndes. Der Brief, den Sie 2008 an Charlotte Roche schrieben, ist ein wahres Juwel. Er offenbart über den Seelenzustand eines Jungfrau-Maria-Anhängers sehr viel mehr, als eine vielhundertseitige psychoanalytische Einlassung dies könnte. Mit welchem Ballast sich Menschen seit Jahrhunderten abquälen, bringen Sie in wenigen Sätzen auf den Punkt:

Eine Frau, die furzt, kann ich nicht küssen. Ich liebe himmlisch riechende Frauen, heilige Frauen, die nach Efeu duften. Natürlich weiß ich, dass eine Frau einen Darm hat. Aber wenn sie auf Klo muss, lege ich Mozart auf, um ihre Geräusche nicht zu hören. (Zitat Ende)

Ja, der gute Mozart. Ich glaube, er wäre solchen Problemen eher verständnislos gegenübergestanden, ging er doch selbst in etlichen Briefen an seine Base Maria Anna Thekla Mozart teilweise derbe und heftig zur Sache. Die sogenannten Bäsle-Briefestellen eine der zahlreichen Facetten des Phänomens Mozart dar, die von vielen seiner Bewunderer schamhaft übergangen werden, worüber Mozart selbst wohl am lautesten gelacht hätte. Wie gefällt Ihnen dieses Zitat aus seinem Brief vom 23. Dezember 1778:

[...]also kommen sie gewis, sonst ist ein schys; ich werde alsdan in eigner hoherperson ihnen Complimentiren, ihnen den arsch Petschieren, ihre hände küssen, mit der hintern büchse schiessen, ihnen Embrassiren, sie hinten und vorn kristiren, ihnen, was ich ihnen etwa alles schuldig bin, haarklein bezahlen, und einen wackeren furz lassen erschallen, und vielleicht auch etwas lassen fallen -[...]?

Sie sehen: Zwischen Charlotte Roche und Wolfgang Amadeus Mozart, dessen Musik Sie dazu nutzen, Toilettengeräusche zu übertönen, gibt es eine Schnittmenge: Beide scheinen von der sorgsam gepflegten Spaltung des Weiblichen in nicht furzende, duftende Heilige und ausgasende, stinkende Huren erfrischend unbeeindruckt zu sein. Freie Geister eben, die einen Furz als das nehmen, was er ist: ein biologischer Vorgang. War es vielleicht auch die durch solche innere Freiheit erworbene Abwesenheit permanenten Bauchkneifens, die Mozarts Geist fähig werden ließ, solch herrliche Musik zu erschaffen? Wir werden es nicht mehr erfahren. Unmöglich aber ist es nicht.

Bauchkneifen aufgrund kultureller Hemmungen ist jedoch nur die harmlose Seite der Medaille. Das in zahlreichen Kolumnen durchblitzende, von Ihnen propagierte Frauenbild: Hier die unerreichbar-Heilige, dort das »furzende, stinkende, schwitzende Urgeschöpf« ist eine religiöse Erfindung, die den Urgrund sämtlicher sexuellen Störungen auch und gerade der Priesterkaste darstellt. In solchen Fällen genügt es eben nicht mehr, Naturgeräusche durch Mozart zu übertönen. Nein, der Sexualtrieb verlagert sich: vom unberührbaren Wesen Frau auf weniger unberührbare Ministranten.

Religiöse Übertreibungen haben in der Menschheitsgeschichte genug angerichtet. Es reicht jetzt. Aus diesem Grund wohl dürfte das Buch Feuchtgebietevon Charlotte Roche solch ein Erfolg geworden sein: Jahrtausendelange Verbiegung in die eine Richtung lässt das Pendel eben irgendwann in die andere Richtung schwingen: Nicht minder übertrieben, und gerade deshalb heilsam.

Herzlichst,

Ursula Prem

Montag, 7. Juni 2010

Das Pony Loona

Auf meinem Reiterhof gibt es eine schwarzbraune Ponystute von der Rasse `Deutsches Reitpony´. Ihr Name ist Loona und sie ist soooo süß! Immer wenn ich an ihre Box gehe und leise ihren Namen rufe, spitzt sie die Ohren und schaut neugierig über die Boxentür. Ich gebe ihr dann einen Kuss auf die Nüstern, und sie bleibt dabei ganz friedlich und ruhig stehen. Ihre Mähne ist so schön. Ihr Schopf hängt ihr bis über die Augen und verdeckt den schönen weißen Stern auf ihrer dunklen Stirn. Aber ich frage mich, wie sie mit dem langen Schopf überhaupt noch was sehen kann!

Wenn ich sie putze, ist sie meistens ganz friedlich, nur das Hufeauskratzen kann sie nicht leiden. Aber wenn es regnet, muss ich sie im Stall putzen und sie an den Gitterstäben der Boxen von den anderen Pferden anbinden. Da sie sich mit vielen Pferden immer streiten und beißen will, ist das Putzen manchmal ganz schön anstrengend. Viele Pferde versuchen auch, den Knoten vom Führstrick mit den Zähnen aufzudröseln, sodass man ihn immer wieder neu machen muss!
Beim Satteln steht Loona meistens still, aber manchmal dreht sie sich auch dauernd herum, sodass der Sattel oft runter rutscht. Das macht die Stute aber fast nur, wenn sie sich gerade wegen einem anderen Pferd ärgert, zum Beispiel wenn der Haflinger Adonis (von dem ich schon mal erzählt habe) ihr zu nahe kommt. Die zwei können sich überhaupt nicht leiden. Adonis greift Loona immer an, und die Ponystute hat Angst vor ihm. Doch beim Zäumen ist sie immer friedlich und nimmt die Trense meistens wie von selbst, die Süße.

Beim Reiten ist sie toll, meistens hat sie " Hummeln im Hintern" und buckelt wie verrückt.
Neulich durften wir zum ersten Mal nach so vielen Regentagen auf den Reitplatz gehen und ich bekam Loona. Diese ist immer sehr schreckhaft beim ersten Mal auf dem Platz, weil es auf dem Hof viele Hühner und Hähne gibt, die auf den Platz rennen und die Pferde aufscheuchen. Perlhühner sind da besonders schlimm.
Springreiten liebt sie! Sie verweigert nie, sondern springt immer schön über das Hindernis. Manchmal flippt sie dabei aus vor Freude und hüpft dann wie wild herum.
Nach einer Reitstunde bekommt sie immer ein paar Äpfel oder Karotten von mir. Die nimmt sie immer so zärtlich, einfach goldig! Dieses Pferdchen muss man einfach lieb haben!!!!


Cosima Prem (10), Autorin des Kinderkrimis
Vier Freundinnen auf Schatzsuche


Auf diesem Reiterhof lebt Loona:
Kloster Seligenporten

Sonntag, 6. Juni 2010

21 »Das weiße Pferd von Uffington«

Teil 21 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
Von Walter-Jörg Langbein


Frühjahr 1969. Von London aus bin ich mit Zügen und Bussen in die Grafschaft Oxfordshire gereist. Je näher ich mich an »District Vale« heranarbeitete, desto schlechter wurde das Wetter. An einer Bushaltestelle griff mich ein mitfühlender Autofahrer auf, nahm mich ein Stück mit. Am Ziel angekommen, erkundigte er sich, ob ich denn wirklich aussteigen wolle. Denn inzwischen goss es in Strömen. Ich wollte mich durch ein nahendes Gewitter nicht aufhalten lassen. Zum »weißen Pferd von Uffington« sei es nun auch nicht mehr weit, vertröstete mich der Mann. Am besten würde ich jenem Feldweg folgen. Er würde an einer Hecke enden. Hinter der Hecke würde ich ein Wäldchen erkennen. Nun müsse ich nur noch auf dieses Wäldchen zuhalten... dann könne ich das »weiße Pferd« nicht verfehlen.

Ich bedankte mich und marschierte los. »Lass dich nicht vom Drachen erwischen!« rief mir der Fahrer hinterher. Dann hörte ich, wie er die Autotür zuschlug und davonfuhr. Was hatte er wohl gemeint?

Bei jedem Schritt schien es dunkler zu werden. Pechschwarze Wolken und eine offenbar ausbrechende neue Sintflut erschwerten mein Weiterkommen stark. Immer wieder rutschte ich aus, fiel in kalten Matsch. Endlich ertastete ich eine Hecke mehr als ich sie wirklich sah. Ich kroch hindurch, wobei ich mir einige schmerzhafte Kratzer zuzog. Dunkel zeichnete sich ein düsteres Wäldchen ab. Ich wähnte mich schon am Ziel. Schnurstracks lief ich auf das Wäldchen zu. Ich kletterte und kroch einen steilen Abhang hinauf, stieg über den einen oder den anderen Graben... und stand plötzlich vor dem Wäldchen. Vom »weißen Pferd von Uffington« entdeckte ich keine Spur. Hatte mich der freundliche Autofahrer in die Irre geführt? Hatte ich ihn falsch verstanden? Ich suchte und suchte.. und fand nichts. Schließlich gab ich resigniert auf und machte mich auf den Rückweg.

Per Anhalter wollte ich zurück nach London kommen... doch kein Autofahrer nahm mich mit. Ob das daran lag, dass ich lehmverschmiert am Straßenrand stehend... und das bei nach wie vor strömendem Regen und abendlicher Dunkelheit.. keinen unbedingt vertrauenserweckenden Eindruck machte? Schließlich erbarmte sich ein Bauer meiner. Ich erzählte ihm von meiner Pleite. Mein Bericht löste bei ihm wahre Heiterkeitsausbrüche aus. Als er endlich wieder klar sprechen konnte... verstand ich seine Reaktion. Die Gräben, über die ich in der zunehmenden Dunkelheit geklettert war... diese Gräben bildeten das legendäre »weiße Pferd von Uffington«. Ich muss mehrfach über die Riesenzeichnung gestiegen sein... ohne es zu bemerken!

Das »weiße Pferd von Uffington« hat riesige Ausmaße: Es ist fast 110 Meter lang und fast 40 Meter breit. Man kann es am ehesten mit den Scharrzeichnungen von Nasca vergleichen: In der Wüste Perus wurde die dunkle Erdschicht entfernt, so dass der hellere Untergrund zum Vorschein kam. Um das »weiße Pferd« in den Boden zu zeichnen, hat man Gräben von 50 bis 90 Zentimeter Tiefe gegraben... bis der weiße Kalk unter dem Erdreich zum Vorschein kam. Aus der Luft betrachtet sieht man das Bildnis eines »Pferdes«: weiß »gezeichnet« in grün-braune Wiese.

Fast sieht es so aus, als habe es in Südengland ein kurios anmutendes Hobby gegeben: das Erschaffen von riesengroßen Pferdebildern mitten in der Natur. Einige Beispiele für »weiße Pferde« seien genannt. Die Kunstwerke entstanden zwischen 1780 und 1937.

Oldbury (auch Cherhill): 1780
Pewsey: 1785
Marlbourough (auch Preshute): 1804 (renoviert 1873)
Alton Barnes: 1812
Broad Hinton (auch Hackpen): 1838
Devizes: 1845
Broad Town: 1863
Ham Hill (auch Inkpen): 1860
Pewsey: 1937


Das »weiße Pferd« von Cherhill, zum Beispiel, wurde 1780 von Dr. Christopher Alsop aus Calne in Auftrag gegeben. Die Ausmaße waren beachtlich: Länge 67 Meter, Breite 50 Meter. Dr. Alsop, im Volksmund »der verrückte Doktor« genannt, beaufsichtigte 1780 die Herstellung der großen »Scharrzeichnung« - aus der Distanz. Per Megaphon schrie er den Arbeitern Befehle zu, die auf seine Anweisungen hin die Torfschicht abtrugen... bis die darunter liegende Kreide zum Vorschein kam. In den Jahren 1935 und 2002 wurde das Werk restauriert.

Richtig ist, dass von Ende des 18. bis ins 20. Jahrhundert hinein im Süden Englands »weiße Pferde« geschaffen wurden. Unbestritten ist aber, dass das Riesenbildnis von Uffington sehr viel älter ist. Wann wurde es kreiert?
Francis Wise, renommierte Bibliothekar, veröffentlichte 1742 ein Werk über das weiße Pferd von Uffington. Es trug den etwas umständlich klingenden Titel »Further Observations upon the White Horse and other antiquities in Berkshire« (zu Deutsch etwa »Weitere Beobachtungen zum Weißen Pferd und anderen Altertümern in Berkshire«.

Nach Wise war König Alfred der Initiator: 871 n.Chr. besiegten König Alfred Truppen die Dänen bei Ashdown. Daran sollte bis in alle Ewigkeit das »weiße Pferd« erinnern.
John Aubrey und Thomas Baskville indes sahen bereits im 17. Jahrhundert einen Stammeshäuptling namens Hengist, Anführer der Sachsen, Angeln und Jüten, als geistigen Vater des »Riesendenkmals« an: Zusammen mit seinem Bruder Horsa soll Hengist bereits um 450 im Südosten Englands eingefallen sein. Mit großem Geschick und harter Brutalität sollen die Brüder als Anführer germanischer Stämme das Land erobert haben. Und beide haben angeblich schließlich Ende des vierten oder zu Beginn des fünften Jahrhunderts das Bildnis von Uffington in den Boden graben lassen. Angeblich hatte Hengist ein weißes Pferd in seiner Standarte geführt haben.
Nun gibt es ein Problem: Das »Pferd von Uffington« ist – wie andere Bilder von Pferden oder Riesen im Süden Englands – eine Art Scharrbild.

Es wurde aber nicht wie die Geogplyphen Südamerikas in knochentrockenen Wüstenboden gekratzt, sondern in weichen Boden gegraben. Gras und Humusschicht wurden entfernt. Es wurden Gräben ausgehoben – bis zur darunter liegenden Kalkschicht. Je älter so ein Kunstwerk ist, desto größer ist die Gefahr, dass es irgendwann einmal zuwächst. Wird es dann später rekonstruiert, so ist das alles andere als einfach. Werden wirklich die richtigen Stellen des Kalkfelsens vom Erdreich befreit? Wird wirklich so ein Bild wieder hergestellt... oder wird es verändert?

Selbst wenn so ein Riesenbild über Jahrhunderte regelmäßig gepflegt wird, können sich Veränderungen ergeben. Solche Veränderungen können versehentlich erfolgen, wenn unsauber gearbeitet wird. Sie können aber auch ganz bewusst vorgenommen werden, etwa wenn ein heidnisches Bild christianisiert wurde. Prof. Hans Schindler-Bellamy, Archäologe aus Wien, im Interview mit dem Verfasser: »Die Darstellung eines heidnischen Fabelwesens galt als Teil uralter Volksfrömmigkeit. Epona, zum Beispiel, war in vorchristlichen Zeiten eine Fruchtbarkeitsgöttin. Sie wurde als attraktive Frauengestalt hoch zu Ross dargestellt!«

Es ist durchaus denkbar, dass das »weiße Pferd von Uffington« einst in vorchristlichen Zeiten im Rahmen eines Epona-Kults entstand... und dass in christlichen Zeiten eine Umgestaltung vorgenommen wurde. Alles, was an die Muttergottheit Epona erinnerte, wurde »wegrestauriert«.

Anne Ross, Autorin mehrerer Bücher über die Kelten, sieht das »Uffington-Pferd im Kontext eines vorchristlichen Kults. In ihrem Buch »Pagan Celtic Britain« (etwa: Heidnisch-keltisches England), 1967 erschienen, stellt sie die These auf, dass keinem militärischen Sieg eines Königs, sondern der Göttin Macha gehuldigt werde.
Macha entstammt der irischen Mythologie und war den Vertretern der jungen christlichen Kirche ein großes Ärgernis. Die Göttin Macha bildete mit Badb und Morrigan eine weibliche Trinität. Für die christlichen Missionare war das Blasphemie pur. Es durfte nur die christliche Trinität, bestehend aus Gottvater, Gottsohn und Heiligem Geist, geben.

Sollte also das »weiße Pferd von Uffington« auf ein sehr altes Original zurückgehen, das in vorchristlichen Zeiten geschaffen wurde? Bei meinen Recherchen in Bibliotheken stieß ich auf die Schriften des »Newsbury and District Fieldclub«. In »Transactions« (Band XI, No. 3, 1967) wurden die Ergebnisse gründlicher Untersuchungen des »Uffington Pferdes« publiziert. Demnach hatte das Original, also das ursprüngliche Riesenbild, ganz anderes Aussehen als das spätere, also jüngere »Pferd«. Wie das groß angelegte Kunstwerk einst wirklich aussah, lässt sich demnach nicht mehr rekonstruieren. Wahrscheinlich war es einst eine Art Fabelwesen mit mehreren Köpfen und mehr als vier Beinen.

Unweit des »Pferdes von Uffington« gibt es einen »sakralen Ort« mit christlicher Historie: auf einem Hügel, so heißt es, habe einst der »Heilige Georg« seine Heldentat vollbracht. Just hier sei es ihm gelungen, den legendären Drachen zu töten. Liegt es da nicht nahe, dass das »weiße Pferd« einst.... ein Drache war? Die Sachsen, so heißt es in der Überlieferung, hätten das »Pferd« als stilisierten Drachen gesehen! Wie könnte dieses Fabelwesen ausgesehen haben? Etwa so?

Religionsgeschichtlich betrachtet ist der Sieg des christlichen Heiligen über den Drachen weit mehr als ein frommes Märchen. Der besiegte Drache steht für die einstens mächtige Muttergottheit, die dem patriarchalischen Christentum weichen musste.

Heute stimmen die meisten Experten darin überein, dass das Urbild des »weißen Pferdes von Uffington« zwei oder drei Jahrtausende alt ist... also aus vorchristlichen Zeiten stammt. Es könnte also in etwa zur gleichen Zeit erschaffen worden sein, als die ältesten Zeichnungen in den Wüstenboden Perus gescharrt wurden: die riesenhaften Bilder von Menschen, menschenähnlichen Wesen, Tieren und geometrischen Figuren.

In den vergangenen 30 Jahren unternahm ich viele spannende Reisen: zu den großen Rätseln unseres Planeten. Manche dieser Exkursionen führten mich nicht in ferne Länder... sondern in die geheimnisvolle Welt der Bibel. Immer wieder erlebte ich in fernen Ländern, dass die Wirklichkeit anders aussieht als in den Lehrbüchern. Auch in der Bibel finden sich Geheimnisse, die fast niemand kennt!
So fängt die Geschichte der Welt in der Bibel nicht mit dem berühmten Schöpfungsbericht an. Bevor Jahwe sein Werk beginnen konnte, musste er erst ein vermeintliches »Meeresmonster« besiegen. Im Buch Hiob (Kapitel 26, Vers 12) wird dieser Sachverhalt kurz angesprochen: »Durch seine Kraft hat er (Gott) das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.« In der babylonischen Mythologie ist Rahab ein Meeresdrachen namens Tiamat. Tiamat aber war eine der ältesten Gottheiten überhaupt, nämlich die große Meeresgöttin. Als »Tehom« tritt die Meeresgöttin auch im »Alten Testament« auf, allerdings nur im hebräischen Original, nicht in den Übersetzungen der christlichen Interpreten. Die Übersetzer wussten mit der uralten Göttin nichts anzufangen. Sie ließen sie hinter Umschreibungen verschwinden.

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.« So, oder so ähnlich, werden für gewöhnlich die ersten Sätze des »Alten Testaments« übersetzt. Korrekter ist die berühmte »Elberfelder Bibel«: »Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Und die Erde war wüst und leer und Finsternis war über der Tiefe.« Auch die Schlachter-Übersetzung bietet Finsternis, die über der Tiefe lag... wie auch schon die legendere lateinische Übersetzung fast zwei Jahrtausende früher von »abyssus«, also von »Abgrund« spricht.

Im hebräischen Original finden wir »Tehom«. Und das alttestamentarische »tehom« weist auf die babylonische Meeresgöttin Tiamat, Mutter aller Götter und Göttinnen, hin!

Das »weiße Pferd von Uffington«... war es einst das Symbol einer großen Göttin, die dem christlichen Glauben weichen musste? Im Verborgenen scheint sie aber weiter zu existieren. Bei meinem missglückten »Besuch« in Uffington anno 1969 suchte ich vergeblich nach dem Fabeltier... und kletterte in der Dunkelheit eines sintflutartigen Regens darüber hinweg.

»Lass dich nicht vom Drachen erwischen!« hat mir damals ein freundlicher Autofahrer nachgerufen. Heute, mehr als vier Jahrzehnte später, verstehe ich, was er gemeint haben mag. Ich bin damals dem Drachen von Uffington entkommen.... Ja ich habe ihn gar nicht bemerkt.

Abbildungen 2 und 3: veröffentlicht auf Wikipedia unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation

»Am Tor zur Südsee«,
Teil 22 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 13.6.2010



Samstag, 5. Juni 2010

Samstagsrezension Helga König: Die Welt des Honigs- Simone Hoffmann

In jüngster Zeit habe ich einige Gartenbücher besprochen und möchte heute damit korrespondierend  Simone Hoffmanns „Die Welt des Honigs“ rezensieren. Das hochinformative Buch ist reich illustriert. Immer wieder  kann man Sentenzen bekannter Persönlichkeiten über die Bienen und ihren Honig lesen. Damit wird dokumentiert, dass Bienen und Honig seit alters her faszinierende Studienobjekte waren. Ich möchte  meiner Rezension deshalb einen Gedanken Siddhartha Gautamas vorwegschicken, den ich im  vorliegenden Buch entdeckt habe: “ Der seinen Wohlstand vermehren möchte, der sollte sich an den Bienen ein Beispiel nehmen. Sie sammeln den Honig, ohne die Blumen zu zerstören. Sie sind sogar nützlich für die Blumen. Sammele deinen Reichtum, ohne seine Quellen zu zerstören, dann wird er beständig zunehmen.“

Zunächst wird man über die Geschichte des Honigs, dem ältesten Süßungsmittel der Welt unterrichtet. Bienen gibt es bereits seit über 50 Millionen Jahren. Als die Menschen sesshaft wurden, integrierten sie die Bienenvölker in ihre Siedlungen (vgl.: S. 14). Überall, wo sich die Bienen niederließen, war die Vegetation fruchtbar. So wurde Honig zum Symbol der Fruchtbarkeit. Bei den Germanen war der Honig so wertvoll, dass man einen Teil seiner Steuern als Honigzins begleichen konnte. Auf Festen durfte der Honigwein „Met“ nicht fehlen.  Das Wort Honig leitet sich aus dem „Indogermanischen“ ab, es bedeutet der „ Goldfarbene“.

Geht man in  der Geschichte weiter zurück, erfährt man, dass im  alten Ägypten der Honig als Speise und Geschenk der Götter, zeitgleich aber auch als Herrschaftssymbol der Pharaonen, Zahlungsmittel und Medizin gegolten hat. Aufgrund von Wandzeichnungen  und Schriften weiß man, dass die Ägypter bereits 3200 v. Chr. über hochentwickelte Methoden der Bienenhaltung verfügten, (vgl.: 17).  Bei den Ägyptern entsprach im Jahre 3000 v. Chr. der Wert eines Topfes Honig dem Preis eines Esels.

Die Griechen glaubten, dass die Bienen die Boten der Götter seien. Hippokrates verordnete Honig gegen Fieber, Verletzungen und Geschwüre. Platon sagte man nach, dass er in seiner Kindheit von Bienen genährt worden sei. Die Bienen galten als Symbol des göttlichen Funkens, der großen Persönlichkeiten von den Göttern verliehen worden war und Aristoteles führte in seinen politischen Lehren die Staatenbildung der Bienen vergleichend an.

An einer Stelle der historischen Abhandlung habe ich gelesen, weshalb Bienen Sinnbild des Glaubens waren und wieso sie zeitgleich auch ein Symbol der Macht  darstellten. Dass Karl der Große ein Bienenfreund war, wusste ich bislang nicht und ebenso unbekannt war mir bislang, dass der Krönungsmantel Bonapartes Bienenmotive enthielt.

Simone Hoffmann berichtet im 2. Kapitel über die  Leistung der Bienen. Um 1 kg Honig zu erzeugen, fliegt ein Bienenvolk  10 bis 15 Millionen Blüten an und bestäubt sie dabei. Daran sollten Sie denken, wenn Sie Honig verspeisen und Ihre Blumen im Garten lachen sehen oder  ihren Kindern die ersten Kirschen liebevoll an die Ohren hängen. Für 1 kg Honig werden 10 000 Bienenarbeitstage benötigt. Dabei legen die Sammlerinnen eine Strecke von 250 000 Kilometer zurück, (vgl.: S. 34).

Interessant sind die Informationen, die man zum Bienenvolk erhält. Der schwedische Naturforscher  Carl von Linné gab der heimischen Honigbiene 1758 den Namen „Apis mellifera“(die Honigtragende). Alsbald erkannte er aber , dass Bienen in Wahrheit keinen Honig tragen, sondern den gesammelten Blütennektar in ihrer Honigblase zu Honig umwandeln. Die Mutter aller Bewohner des Bienenstaates ist die Königin. Sie erreicht ein Alter von bis zu 5 Jahren und legt bis zu 2000 Eier pro Saison. 90 % der Bienen sind Arbeiterinnen. In jeder Altersstufe verrichtet die Arbeiterin bestimmte Aufgaben, über die die  Autorin  den Leser nicht im Ungewissen lässt.

Sehr  spannend fand ich  Infos im Hinblick der Bienensprache. Der Tanz der Bienen  ist eine bemerkenswerte Kommunikationsform. Ich erinnerte mich beim Lesen im Biologieunterricht davon gehört zu haben.

Ausführlich erfährt man in der Folge wie Honig entsteht und lernt den feinen Unterschied der Honigsorten kennen. „Blütenhonige“  und „Honigtauhonige“ werden zur Sprache gebracht. Man  erfährt, was sich hinter dem Gütesiegel „Echter Deutscher Honig“ verbirgt und liest von regionalem Honig. Regionalen Honig sollte man  klugerweise zu sich nehmen. Honig beinhaltet keimhemmende Stoffe und Blütenpollen, die das Immunsystem aktivieren. Hoffmann schreibt, dass in einem Löffel  naturbelassenen Honig sich 20 000 bis 100 000 Pollen befinden.  Sofern der Honig aus der Region kommt, in der man lebt, enthält er genau die Polleninformation , die man benötigt - sprich, die Pollen die man täglich einatmet. Im Gespräch  mit meiner lieben, Münsterländer Freundin Tuna von Blumenstein  bat sie mich den Imker aus der Region, in der sie lebt, zu nennen:  http://www.imker-gsv.de/.  Ich selbst  habe bislang Biohonig aus aller Welt gegessen  und bin mir nicht sicher, ob Honig aus dem Rhein-Main-Gebiet meiner Gesundheit zweckdienlich ist.

Die Autorin stellt viele Honigsorten aus aller Welt vor. Bemerkenswert finde ich hier den Bashkirhonig, den die Bienen aus dem Nektar von über 37 wild wachsenden Heilkräutern produzieren und der eine extrem hohe antioxitative Wirkung  haben soll. Auch der kräuterig herbe Manuhonig aus Neuseeland  weist eine hohe antibiotische Wirkung  aus. Kaffeetrinker werden vom Aroma des Kaffeeblütenhonigs begeistert sein. Auf frischen Brötchen ist dieser streichzarte, cremige Honig   die ideale Begleitung zum Frühstückskaffee.

Man lernt  die Imkerei von Marianne Kehres: http://www.sommerbluete.de/ die Ökologischen Imkerei Christiane Brauns http://www.honigschaetze.de/  und auch den Familienbetrieb Breitsamer http://www.breitsamer.de/  näher kennen, bevor man mit den Geheimnissen des Geschmacks vertraut gemacht wird. Wie schmeckt Löwenzahn- wie der Lindenblüten- und wie der Sonnenblumenhonig? Um nur einige Sorten zu nennen.  Die Autorin verrät es dem Leser, referiert alsdann übers Honigverkosten und stellt Breitsamer „Regionale Spezialitäten" vor.  Vielleicht sollte man nach Südbaden ziehen. Dort sammeln die Bienen den Nektar für einen dickflüssigen Honig mit vollmundig, kräftigem Aroma, das an Hagebutten und Pfirsiche erinnert.

Man erfährt nicht zuletzt auch wie man Honig aufbewahrt und womit man ihn kombinieren kann. Er passt nicht nur zu Milch und Brot, sondern durchaus ebenfalls zu Meeresfrüchten  und Fleisch.

Gefallen hat mir die Erklärung der Redewendungen rund um den Honig, aber auch die abgelichteten Briefmarken, die Bienen zeigen.

Nicht unerwähnt bleiben die  Heilungsmöglichkeiten durch Bienenprodukte, wie etwa Blütenpollen, Geleé Royale- die Speise der Königin-, mittels welcher sogar Impotenz behandelt werden kann und  der Keimkiller Propolis.

Im letzten Kapitel   werden einige bemerkenswerte Honigrezepte von Spitzenköchen vorgestellt. Sehr  gefällt mir das Dessert „ Geeister Lindenhonig-Apfel mit rosa Pfeffer“ und die „Gegrillten Garnelen mit Rettich in Sommerblütenhonig- Marinade.
Ich erlaube mir zum Abschluss meiner Rezension die Zutaten für den „Honig-Fitness-Cocktail“, eine Kreation von Holger Stromberg,  zu nennen. Wie man das Getränk zubereitet erfahren Sie auf Seite 147 des vorliegenden Buches:

2 Tl Orangenblütenhonig                                         
4 cl Aloe-Vera-Saft
1 cl Limettensaft
7 cl Maracujanektar
5 Blatt frische Minze
Eiswürfel
Orangenspirale und Minzblätter.
Man kann diesen Cocktail übrigens mit etwas Prosecco  verfeinern.
Ein Buch, das ich gerne empfehle.


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