Sonntag, 30. November 2014

254 »Ein Menschenfresser und Maria«

»Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche – Teil 3«

Teil 254 der Serie

»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein



Das Münster zu Hameln. Foto W-J.Langbein

Das Münster zu Hameln kann als Modell eines mythischen Universums gesehen werden. Die Krypta stellt die Unterwelt dar, der Innenraum des Gotteshauses steht für die Welt der Lebenden und die hohen steinernen Säulen tragen das Himmelsgewölbe. Fast identisch war die Vorstellungswelt der Mayas. Die Wurzeln des Ceiba-Baums sind ein Abbild der Unterwelt, die hohen schlanken Stämme versinnbildlichen die Welt von uns Lebenden und die Krone wird mit dem Himmel gleichgesetzt. Diese drei »Etagen« finden wir auch im Münster zu Hameln.

Die Krypta von Hameln. Foto W-J.Langbein

Die Krypta – Unterwelt – wird von so manchem Besucher des Gotteshauses aufgesucht. Die zweite »Etage« wird von zahllosen Besuchern aus aller Herren Länder langsam oder hastig durchschritten. Kaum einer freilich bringt die Krypta mit der Unterwelt oder gar mit der Hölle in Verbindung.

Dabei gibt es auch zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus im »christlichen Abendland« nach wie vor die Vorstellung von der »Hölle«. Man denkt an einen nach Schwefel stinkenden Ort, wo gewaltige Feuer lodern und arme Seelen für ihre Sünden büßen müssen. »Das Handbuch der Bibelkunde« vermeldet (1):

»Die Hölle unseres Begriffs hat im biblischen Sprachgebrauch keine genaue Entsprechung:« Und doch hat es einen realen Ort im Land der Bibel gegeben, der unserer Vorstellung vordergründig zumindest nahe kommt. Um 800 v.Chr. gab es diese »Hölle« im Südwesten Jerusalems.


Im Gehenna-Tal wurden dem assyrischen Gott Moloch (links) Opfer dargebracht. Dann und wann sollen sogar Menschen verbrannt worden sein, um ihn gnädig zu stimmen. Den Jahweanhängern war jene Stätte ein Ort des Grauens. Vermutlich störte sie die Tatsache, dass dort gelegentlich Menschen ihr Leben ließen, nicht sonderlich. Dass aber dort einem fremden König gehuldigt wurde, missfiel ihnen sehr. Deshalb ließ König Josias um 625 v.Chr. das Tal entweihen. Weil es den Anhängern eines fremden Glaubens heilig war, ließ er es in eine stinkende Abfalldeponie verwandeln. Berge von Knochen wurden aufgehäuft und verbrannt. Müll wurde angekarrt und ebenfalls angezündet. Schwefel wurde beigefügt, um die Feuersglut Tag und Nacht nie verlöschen zu lassen. Es entstand ein Ort, der unserer Vorstellung von Hölle recht nahe kommt.

Aus der fremden Kultstätte war ein stinkendes Abfallfeuer geworden. Der Prophet Jesaja nun dachte an die Zukunft. Dort würden jene Juden, die nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes lebten, ihre gerechte Strafe erhalten: im »Glutofen« (2) des Gehenna-Tals. Hier würden dann die vom rechten Glauben abgefallenen Juden auf ewige Zeiten brennen (3):

»Und sie werden hinausgehen und schauen die Leichname derer, die von mir abtrünnig waren. Denn ihr Wurm wird nicht sterben, und ihr Feuer wird nicht verlöschen, und sie werden allem Fleisch ein Gräuel sein.«

Die Hölle ist nach unserer Vorstellung der Wohnort der Teufel, die die Sünder peinigen und quälen. Unsere Hölle ist die Heimat bösartiger Dämonen. Die biblische Gehenna-Hölle ist ein Ort, an dem Gott strafen wird: Und zwar ausschließlich vom Glauben abgefallene »Gottlose«. Teufel sind da nicht vorgesehen.

Der Moloch von Hameln. Foto W-J.Langbein

Durch den griechischen Einfluss auf das »Neue Testament« kam es zu einer Helenisierung des Begriffs »Hölle«.  Offensichtlich entwickelte sich das Bild vom künftigen Ort des Gerichts zu einem »Warteraum« für Tote, in welchem Verstorbene auf die himmlische Justiz warten. Bei Lukas lesen wir (4): »Als er nun (der Reiche) bei den Toten war, hob er seine Augen in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.« So kommt zum heißen Ort der Qualen im »Neuen Testament« noch eine Art »Himmel« hinzu.

Jesaja weiß nur von einer stinkenden Hölle (5): »Denn vorlängst ist eine Gräuelstätte zugerichtet; auch für den König ist sie bereitet. Tief, weit hat er sie gemacht, ihr Holzstoß hat Feuer und Holz in Menge; wie ein Schwefelstrom setzt der Hauch des Herrn ihn in Brand.« Der »Schwefelstrom« blieb im Volksglauben bis in unsere Zeiten erhalten: Gilt doch nach wie vor bei vielen Gläubigen die Hölle als nach Schwefel stinkender Ort des Grauens. Und der Teufel selbst, Herr der Unterwelt mit vielen Namen, soll ja einen intensiven Schwefelgestank verbreiten!

Menschenfresser Moloch.
Im »Alten Testament« kommt ein Himmel, so wie wir ihn uns heute vorstellen, nicht vor. Das »Alte Testament« kennt lediglich die Himmel als das Firmament, das sich über den Menschen wölbt.

Der modernisierte Terminus »Gehenna« imitiert lautsprachlich das aramäische »Gehanna« und entspricht dem hebräischen »Ge Hinnom«. »Ge Hinnom«  lässt sich das mit »Sohn von Hinnom« übersetzen. Das »Gehenna-Tal« war demnach das »Tal des Sohns von Hinnom« oder – zutreffender –  »Schlucht des Sohns von Hinnom«. Vom stinkenden Höllenschlund zum Teufelsberg. Östlich von Jerusalem wurden auf einem Berg dem Moloch kleine Kinder geopfert (6):

»So sollst du dem Herrn, deinem Gott, nicht dienen; denn sie haben ihren Göttern alles getan, was dem Herrn ein Gräuel ist und was er hasst; denn sie haben ihren Göttern sogar ihre Söhne und Töchter mit Feuer verbrannt.« Es gibt keinen Zweifel, dass da auf grausame Weise dem Gott Moloch gehuldigt wurde: indem Kinder bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Hinter dem Namen Moloch verbirgt sich das hebräische Wort für König. Sollte also ein König der Hölle gemeint sein? Oder war er gar ursprünglich ein Bewohner des Himmels, der zum menschenfressenden Monster mutierte? In der Kunst wurde Moloch immer wieder gern als kinderverschlingendes Ungetüm gezeigt. Nur wenige Besucher des Münsters zu Hameln wissen, dass hoch oben auf einer der Säulen Moloch höchstselbst dargestellt sein könnte.

Moloch frisst ein Kind. Fotos W-J.Langbein

Die Säulenkapitelle erlauben den Blick in eine zum Teil albtraumhafte Welt des Grauens. Spärlich beleuchtet scheinen sich die in Stein gemeißelten Abbildungen zu verändern, zu bewegen. Aus  kunstvoll gearbeiteter Ornamentik formieren sich plötzlich Monsterwesen. Da sind zwei schlangenartige, hoch aufgerichtete Kreaturen. Beide blicken zueinander, das heißt…. auf ein Wesen in ihrer Mitte. Ich halte die rätselhafte Darstellung für ein Bildnis des Menschenfressers Moloch.

Spinnweben erinnern an das Ambiente eines Horrorfilms mit Vincent Price. Pflanzenartig wuchern die zwei hässlichen Geschöpfe, deren Augen und Mäuler immer klarer zu erkennen sind, je genauer man hinschaut. Nach und nach gewöhnt sich das menschliche Auge an die ungünstigen Lichtverhältnisse. Nach und nach tritt »mein« Moloch hervor. Durch das lichtstarke 400-Millimeter-Objektiv meiner Kamera erkenne ich Details. Moloch starrt in Richtung Betrachter. Mit festem Griff hat er ein Kind gepackt, sein Kopf hängt nach unten, die Beine sind anscheinend schon im Maul des gefräßigen Kannibalen verschwunden. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis das arme Geschöpf vollständig im Rachen des Moloch verschwunden sein wird!

Erkennen Sie die mysteriöse Muttergottes? Foto W-J.Langbein

Wenn Ihnen der Moloch zu düster ist, suchen Sie am besten die Darstellung der Gottesmutter. Sie finden sie am südlichen Mittelschiffpfeiler, Nordostecke, entstanden vor etwa 800 Jahren! Es handelt sich um eine rätselhafte Maria mit Lichtscheibe. Hoch oben an einem der Säulenkapitelle – in Gesellschaft von Moloch, Sauriern und anderen mysteriösen Wesen – blickt die Muttergottes auf den Kreuzaltar…

Maria mit der »Lichtscheibe«. Foto W-J.Langbein

Die biblischen Bilder – auch jene von Hölle und Himmel – sind das Ergebnis einer Entwicklung über viele Jahrhunderte hinweg, die vielleicht niemals abgeschlossen ist. Die christlichen Glaubensvorstellungen – etwa von Hölle und Himmel – sind nicht als fertige Gedanken übernommen worden. Sie haben sich nach Beendigung der Arbeit an den biblischen Texten nach und nach entwickelt. Das zeigt, dass Glaube sich seit mehr als zwei Jahrtausenden verändert. Diese Erkenntnis gibt zu Hoffnung Anlass: Auch heute und morgen wird sich Glauben ändern. Nur dann kann er langfristig dem suchenden Menschen Hilfe bieten.

Menschenfressende Monster sollten in keiner Religion mehr zu finden sein. Es gibt sie auch nicht mehr, diese schrecklichen Wesen. Sie sind überflüssig geworden, weil fundamentalistische Fanatiker mit zunehmender Begeisterung die Rolle des mordenden Molochs übernehmen. Sie tun das mit religiöser Inbrunst, wollen den Weg ins Paradies antreten. Sie erreichen aber, dass schon im Hier und Jetzt die Welt zur Hölle wird. Als Teufel bewähren sich dann fanatische Menschen.

Ein Glaube, der einmal stehen bleibt, ist ein Auslaufmodell und verschwindet irgendwann in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit. Aber sind die Vertreter der heutigen großen Religionen überhaupt dazu bereit, Glaubenslehren der aktuellen Zeit anzupassen? In einer Zeit der moralischen wie religiösen Ungewissheit droht eine große Gefahr, nämlich dass Fundamentalisten immer mehr Zulauf gewinnen. Warum? Weil immer mehr Menschen Zweifel nicht ertragen können und begeistert jenen folgen, die möglichst lautstark ganz präzise postulieren, was angeblich Gott von uns Menschen fordert.

Fußnoten

Der Ceibabaum der Mayas. Foto W-J. Langbein
 
1) Mertens, Heinrich A.: »Handbuch der Bibelkunde«, 

Düsseldorf  1966, Seite 336
2) Der Prophet Jesaja Kapitel 31, Vers 9
3) Der Prophet Jesaja Kapitel 66, Vers 24
4) Das Evangelium nach Lukas Kapitel 16, Vers 23
5) Jesaja Kapitel 30, Vers 33
6) 5. Buch Mose Kapitel 12, Vers 31

»Ketzerisches von einem Theologen«,

Teil 255 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 07.12.2014
 



Fußnoten

1) Mertens, Heinrich A.: »Handbuch der Bibelkunde«, Düsseldorf  1966, Seite 336
2) Der Prophet Jesaja Kapitel 31, Vers 9
3) Der Prophet Jesaja Kapitel 66, Vers 24
4) Das Evangelium nach Lukas Kapitel 16, Vers 23
5) Jesaja Kapitel 30, Vers 33
6) 5. Buch Mose Kapitel 12, Vers 31


Teil 255 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 07.12.2014

 


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Sonntag, 23. November 2014

253 »Noch mehr Saurier«

»Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche – Teil 2«
Teil 253 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick vom hohen Turm des Münsters auf das Münster.

Ein Buch lesen kann heute fast jeder. Gewiss, der Anteil der Analphabeten ist für unser Bildungssystem nicht gerade ein Kompliment. So stellte die Universität Hamburg 2011 fest, dass zwei Millionen Erwachsene in Deutschland »totale Analphabeten« waren, also rund vier Prozent der Bevölkerung. 1992 monierte das  »Institute of Literacy«, dass jeder vierte US-Bürger so gut wie nicht lesen und schreiben konnte. Vor rund einem halben Jahrtausend waren die Lesekundigen in Deutschland eine kleine Minderheit. Luthers Bibelübersetzung erreichte auch trotz des noch jungen Buchdrucks nur eine kleine Zahl von Menschen.

Vor 500 oder gar 700 Jahren war ein Buch nicht Symbol für allgemein zugängliches Wissen, sondern – ganz im Gegenteil – für verborgene Kenntnisse, die nur Wenigen zugänglich waren. Bildliche Darstellungen wie etwa in der evangelisch-reformierten Kirche zu Sonneborn aus dem 16. Jahrhundert sollten den leseunkundigen Menschen Geschichten »erzählen«, die sie als geschriebene Worte nicht lesen konnten.

Wenn in Kirchen und Domen, Kapellen und Kathedralen Gemälde, Reliefs und Statuetten Geschichten vermitteln sollten, wieso wurden dann im Münster zu Hameln erstaunliche Bildnisse als Kapitelle in rund zehn Meter Höhe angebracht, die man als Besucher kaum erkennen kann? Und welche Botschaften sollen uns diese eigenartigen Kunstwerke vermitteln, die der heutige Besucher kaum zur Kenntnis nimmt?

Foto 2: Das Geheimnis des Buchs. Foto Walter-Jörg Langbein

Ein wiederkehrendes Motiv im steinernen »Bilderbuch« der Kapitelle im Münster zu Hameln ist eine Person, die ein Buch in den Händen hält. Der Mensch liest aber nicht im Buch, sondern hält es imaginären Betrachtern geöffnet hin. Der Mensch – ob Mann oder Frau ist nicht genau zu erkennen – bietet uns Wissen an. Welches Wissen? Man darf vermuten, dass dieses Wissen in den Figürchen der Kapitelle zu finden ist.

In zwei miteinander kämpfenden Langhalswesen, verewigt im steinernen »Buch« der Kapitelle im Münster zu Hameln erkenne ich zwei Saurier, genannt »Brachiosaurus altithorax«. Sehr große Ähnlichkeit besteht auch mit Diplodocus-Sauriern.  Es ist mehr als geheimnisvoll, wie der Künstler, der die Reliefs der Kapitelle Brachiosaurus- oder Diplodocus-Saurier so naturgetreu darstellen konnte. Selbst wenn dem Künstler womöglich Saurierknochen bekannt waren, so konnte zur Entstehungszeit der Kapitelle (also im frühen dreizehnten Jahrhundert!) niemand wissen wie so ein »Drachen« vor 60 oder 70 Millionen Jahren ausgesehen hat. Rekonstruktionen von Saurier-Skeletten  wurden damals nicht vorgenommen. Ausgeschlossen ist, dass im frühen dreizehnten Jahrhundert irgendwo auf der Welt noch lebende Saurier existierten, die dem Künstler als Vorlage hätten können.

Fotos 3 und 4: Saurier im Vergleich...

Mehrere Tage hielt ich mich insgesamt im Münster zu Hameln auf und studierte ausgiebigst die  Säulenkapitelle, zunächst mit bloßem Auge, dann durch das 400-Millimeter-Teleobjektiv meiner Nikon D3300. Ich fühlte mich immer wieder in ein wahres Horrorkabinett versetzt, und das in einem der schönsten Gotteshäuser, die ich je besucht habe. Da tauchen plötzlich seltsame Ornamente auf, sorgsam in den Stein geritzt und skulpturiert. Bei näherem Betrachten »verwandeln« sie sich aber scheinbar (oder anscheinend?) in seltsames, geheimnisvolles Blattwerk. Gab es je solche Pflanzen? Konzentriert man sich aber auf einige dieser Pflanzen, so sind plötzlich deutlich Gesichtszüge fantastischer Monster auszumachen, mit Augen, Ohren, Stirn, weit aufgerissenen Mäulern.

Als Fabelwesen und reine Fantasiegebilde tut sie ab, wer nach dem Motto urteilt, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Sobald man aber auch das scheinbar Fantastische als möglich ansieht, entdeckt man tatsächlich ein Panoptikum des Schreckens in der Münster-Kirche zu Hameln, hoch oben an den Säulen-Kapitellen verewigt: Saurier und andere Monster! Und manchmal verwandeln sich zunächst scheinbar harmlose Bilder in furchteinflößende.

Ganz besonders raffiniert sind einige Darstellungen, die man nur von ganz bestimmten Punkten in der Kirche in ihrer Gesamtheit erkennen kann. Da sieht man in einem Fall zunächst ein niedliches »Kätzchen«. Der aufgerichtete Schwanz ist zu erkennen. Auch die kleinen Öhren meint man ganz klar ausmachen zu können. Tritt man aber einen Schritt zur Seite. Dann verwandelt sich das Bild vollkommen, wenn man es in seiner Ganzheit betrachtet.

Fotos 5 und 6: Links die »Katze«, rechts Tyrannosaurus Rex und Beutetier...

Da taucht plötzlich ein furchteinflößendes Monster auf. Es steht, aufgerichtet, auf seinen mächtigen Hinterbeinen. Der Leib passt zu den Hinterpranken, auf denen das Tier steht. Ganz und gar nicht scheinen die Ärmchen des Tieres im Einklang zum gesamten Körper zu stehen. Der Kopf des Tieres verschmilzt mit dem Kopf des »Kätzchens«. Wir erkennen jetzt allerdings nicht mehr, um was für ein Wesen oder Tier es sich bei dem »Kätzchen« handelt. Auf alle Fälle ist das kleinere Wesen das Opfer des großen, das dem kleinen offenbar in den Kopf beißt.

Versuchen wir unvoreingenommen zu sein. Stellen wir uns eine Filmszene vor. Ein großes Tier kämpft gegen ein kleineres, ja das große Tier ist dabei, das kleinere zu verschlingen. Das große Tier hat lange kräftige Hinterbeine, auf denen es aufgerichtet steht. Völlig unpassend zu diesen Hinterbeinen sind die kleinen, kurzen Ärmchen. Um was für ein Tier könnte es sich handeln? Wenn Sie sich je etwas näher mit Sauriern beschäftigt haben oder zumindest einen Teil aus der Filmreihe »Jurassic Park« kennen, werden Sie an einen besonders monströsen Saurier denken: an Tyrannosaurus Rex. Dessen Merkmale sind: Mächtige Hinterbeine mit kraftvollen Pranken, dazu im Verhältnis scheinbar unpassend kleine Ärmchen, halbaufrechter oder aufrechter Gang… Und genau diese Merkmale hat auch das Tier auf dem Säulenkapitell in der Münsterkirche zu Hameln aufzuweisen!

Foto 7: Tyrannosaurus Rex beißt zu... in der Kirche...

Betrachten Sie bitte noch einmal das Wesen aus dem »Panoptikum« der Hamelner Münster-Kirche.

Mit ein wenig Fantasie erkennen Sie zusätzlich zu den schmächtigen Vorderbeinen (Ärmchen) und den kräftigen Hinterbeinen den langen Schwanz des »Tyrannosaurus Rex« in Stein. Oder nicht? Wenn Sie voreingenommen sind, wenn Sie davon ausgehen, dass kein Mensch vor 700 Jahren wissen konnte, wie ein Tyrannosaurus ausgesehen hat, ist der Sachverhalt klar. Dann kann es auf der Darstellung auf einem Säulenkapitell in der Klosterkirche zu Hameln keine Darstellung eines Sauriers gegeben haben. Und dann sehen Sie natürlich kein solches Tier, das nach Schulwissenschaft vor 60 oder 70 Millionen Jahren ausgestorben ist. Wenn aber diese Grundannahme falsch ist? Wenn es eine Zeit gegeben haben sollte, in der es Menschen und Saurier als Zeitgenossen gegeben hat?

Foto 8: »Mysteries«
Der Schweizer Journalist und Buchautor Luc Bürgin gibt das Fachmagazin »mysteries« heraus. In der September/ Oktober-Ausgabe 2014 erschien ein Artikel (1), von Luc Bürgin selbst verfasst. Wie so oft publiziert Bürgin eine Vielzahl von Informationen, die der bisher gültigen Lehre der Schulwissenschaftler radikal widersprechen. In der Schulwissenschaft gibt es keinen Platz für Menschen und Dinosaurier als Zeitgenossen. Auf fünf durchweg mit Farbfotos illustrierten Seiten prasseln Informationen auf Leserinnen und Leser herab, die die immer noch als allgemeingültig angesehene Lehrmeinung als falsch erkennen lassen können.

Bürgin schreibt (2): »Verzweifelt attackieren kleinwüchsige Afrikaner monströse Riesenkreaturen, die verdächtig an Dinosaurier erinnern. Dies nicht in irgendwelchen Fantasyfilmen – sondern auf altrömischen Mosaiken! Ähnlich paradoxe historische Darstellungen finden sich in Thailand, Kambodscha, England und nun auch in Peru, wie soeben bekannt wurde. Existieren Menschen und Riesenechsen in grauer Vorzeit doch gemeinsam?«

Besonders faszinierend finde ich die Entdeckung einer »Dinosauriermalerei«, die der Kanadier Vance Nelson mit seinem Team kürzlich in Nordperu, am Rand des Amazonas-Regenwalds filmen konnte. Da sieht man die stilisierte, korrekte Wiedergabe eines Dinosauriers, der von neun winzigen Jägern oder Kriegern umstellt ist. Die im Verhältnis zum Saurier winzig wirkenden Menschen sind mit Speeren bewaffnet und wollen offensichtlich den Saurier erlegen. Der Forscher bestätigte »mysteries«, dass man nicht nur die unmögliche Darstellung gefilmt und fotografiert habe. Es wurden auch »Pigmente der Felszeichnungen« von einem wissenschaftlichen Institut datiert. Eindeutiges Ergebnis: Die Darstellung des Sauriers mit den neun bewaffneten Jägern ist drei Jahrtausende alt.

Foto 9: Kämpfende Monster, ein Buch bietet Geheimnisvolles....

Kehren wir noch einmal in die Münster-Kirche zu Hameln zurück. Direkt neben der beschriebenen und im Bild vorgestellten Darstellung des »Tyrannosaurus« im Kampf mit seinem Beutetier (Pfeil) befindet sich ein menschliches Wesen, das uns Betrachtern ein geöffnetes Buch entgegenstreckt (zwei Pfeile). Man kann diese Kombination wie folgt interpretieren: Der Du diese Bildnisse betrachtest, ich offenbare Dir ein Geheimnis. Das Geheimnis von furchteinflößenden Monstern, die gegeneinander kämpften.

Das Geheimnis von Sauriern, die vor rund 700 Jahren von unbekannten Künstlern in den Stein gemeißelt wurden, der noch heute im Münster zu Hameln besichtigt werden kann?

Zu den Fotos: Alles Fotos - falls nicht anders angegeben - Walter-Jörg Langbein

Fotos 1, 2, 3, 5, 6, 7 und 9 - Walter-Jörg Langbein

Fotos 3 und 4: 
Foto 3 - Walter-Jörg Langbein
Foto 4 -  wiki-commons - Dmitry Bogdanov

Fußnoten

1) »mysteries«, Erscheinungsort Basel, Ausgabe September/ Oktober 2014, S. 56-60: »Lebten Dinos und Menschen zusammen?«, Verfasser lb., Luc Bürgin
2) ebenda, S. 56
3) ebenda, S.60

»Ein Menschenfresser und Maria...
Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche – Teil 3«
Teil 254 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 30.11.2014


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Sonntag, 16. November 2014

252 »Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche«

Teil 252 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Das Münster zu Hameln birgt manches Geheimnis.
Foto W-J.Langbein

Einst gab es ein Kloster in der »Rattenfängerstadt« Hameln. Die Klosterkirche fand Eingang in das Wappen der Stadt. Einst war die Klosterkirche eine romanische Basilika. Anno 1209 brach ein Feuer aus, das Gotteshaus wandelte sich zur gotischen Hallenkirche. 1450 wurde die Westvorhalle zum Turm aufgestockt. Anno 1564 wurde das Innere der Kirche umgestaltet, alles Bunte wurde weiß übertüncht, die alten Wandmalereien verschwanden.

Ende des 18. Jahrhunderts drohte der Einsturz. Der Besuch der Kirche wurde für Gemeinde und Geistlichkeit zu gefährlich. Die einstige Klosterkirche, das Münster zu Hameln, verfiel langsam. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts nutzten Napoleons Truppen den bedrohlichen Bau als Stall und Materiallager.

Die Münsterkirche drohte einzustürzen. Foto W-J.Langbein

1870 bis 1875 wurden massive Renovierungsarbeiten durchgeführt, Mitte der 1950er Jahre kam es zu massiven Sanierungsarbeiten. Die Münsterkirche war gerettet. In der Krypta gruben Archäologen und entdeckten Skelette. Die Gebeine der Stiftsherrn wurden umgebettet und fanden auf dem städtischen Friedhof ihre – vorerst? – letzte Ruhestätte. Ein Hamelner »Medium« teilte mir Ende August 2014 zu nächtlicher Stunde mit, es geben einen »Fluch« der Stiftsherrn. 

Die vornehmen Toten seien mehr als nur erbost über die Störung ihres Totenschlafs. »Sie wurden unter der Klosterkirche in der Krypta bestattet. Dort wollten sie am ›Jüngsten Tag‹ wieder auferstehen und am ersten Gottesdienst nach der Apokalypse im mächtigen Hamelner Gotteshaus teilnehmen.«, teilte mir das »Medium« mit. »Einige der Totengeister versuchen seither…«, so das Medium weiter, »in die Krypta zurückzukehren.« Mit der Umwandlung der Krypta in einen weiteren Raum für Gottesdienste seien die Geister der Stiftsherrn gar nicht einverstanden.«

Mir ist indes kein Hinweis auf Spukerscheinungen in der Krypta bekannt. Ganz im Gegenteil! Die Krypta ist ein besinnlicher Ort und lädt zum Verweilen ein. Pilger wie »normale« Gottesdienstbesucher schätzen die Stille in der Hektik der Stadt. So mancher Gläubige verweilt hier unter der Münsterkirche in stillem Gebet.

Mysteriöse Gestalt am Münster. Fotos W-J.Langbein

Bei meinem Besuch Anfang August 2014 umrundete ich die Münsterkirche, wie immer mit zwei Fotoapparaten  ausgerüstet. Ein kleines Stück Straße an der Kirche ist kürzlich geteert worden, die Pflastersteine sind verschwunden. Die Aufregung ob dieses Eingriffs in das historische Bild war zunächst recht groß, legte sich aber rasch. Beim modernen »Kriegerdenkmal« an der Kirche entdeckte ich eine steinerne Figur an der Außenwand des Gotteshauses. Die Statuette hat schon sehr arg unter dem nagenden Zahn der Zeit gelitten. Sie wirkt uralt, so verwachsen sind die Konturen der steinernen Figur. Trotz intensivster Recherche konnte ich nicht in Erfahrung bringen, wen dieses sakrale Kunstwerk darstellen soll. Auch die Geistlichkeit konnte meine Fragen nicht beantworten.

Die mysteriöse Gestalt mit seltsam unnatürlich großem Kopf ist Teil eines steinernen Pfeilers, der sehr viel älter das das Mauerwerk dahinter zu sein scheint. Sollte es sich um eine Mariengestalt handeln, deren Kopf eine mächtige Krone zierte, die im Lauf der Jahrhunderte von den Witterungseinflüssen weitestgehend wieder zum Verschwinden gebracht wurde? Oder handelt es sich um eine weibliche Heilige aus dem Kloster? Überdauerte nur sie die Zeit, während die Klostergebäude längst verschwunden sind (von der Klosterkirche selbst abgesehen)? Besonders in den frühen Zeiten der Reformation ging’s manchmal recht heftig zu. Heiligenbilder wurden aus den katholischen Gotteshäusern verbannt, manchmal zerstört, herrliche Wandmalereien wurden bewusst beschädigt, zerstört oder nur mit einer dicken Schicht Tünche überzogen. Die Figur wirkt fremdartig, fast unheimlich. Im Kirchenführer wird sie nicht erwähnt. Von Besuchern, die meist sowieso gleich den Eingang auf der anderen Seite benützen, wird sie faktisch nie beachtet.

Die Mondmadonna. Foto W-J.Langbein

Sie könnte – ich spekuliere – einst auch eine Isis gewesen sein, eine ägyptische Göttin der Geburt, des Todes und der Wiedergeburt. An eine Isis erinnert auch in verblüffender Weise das »Madonnenrelief« an der Ostwand des nordöstlichen Seitenschiffs. Was wir als Maria mit Jesusknaben sehen, hätte ein Ägypter vor Jahrtausenden als Göttin Isis mit dem Horusknaben identifiziert. 

Die Göttin Isis wurde spätestens von den Griechen mit dem Mond gleichgesetzt. Auch Maria wird häufig mit dem Mond in Verbindung gebracht. Auf zahllosen Darstellungen steht sie auf der Mondsichel. Die Mond-Madonna von Hameln, im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts entstanden, hat einen Vollmond unter den Füßen. In der Johannes-Apokalypse taucht eine ähnliche Gestalt auf (1):

»Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.« Sollte die ägyptische Isis, Göttin von Tod und Leben, Vorbild für das apokalyptische Weib (Theologensprache) gewesen sein? Spiegelt sich in der Mond-Madonna von Hameln die ägyptische Isis wieder?

Heute beeindruckt uns die farbliche Schlichtheit der Mond-Madonna. Einst aber, das beweisen eindeutig winzige Farbreste, war das Relief sehr bunt, ja grell. Die Madonna, ihre Krone, die Engel mit ihren Musikinstrumenten und der Mond unter den Füßen der himmlischen Gestalt strahlten vor allem in Gold. Ein kleiner Teil des Madonnenreliefs wurde farblich rekonstruiert. Im Original ähnelte es also ägyptischer Sakralkunst in einstiger Farbenpracht noch mehr als heute.

Einst war die Mondmadonna sehr bunt. Foto W-J.Langbein

Was wohl die meisten Besucher der Münsterkirche heute übersehen, das sind kunstvoll gearbeitete Miniaturen aus Stein. Entstanden sind die mysteriösen Kunstwerke vermutlich in der Amtszeit des Propstes Friedrich Graf von Everstein (verstorben 1261). Sie werden für gewöhnlich in die Zeit um 1220 oder 1230 n.Chr. datiert. Die bemerkenswerten teils reliefartigen, teils plastisch vorragenden Darstellungen befinden sich in gut zehn Metern Höhe, meist im Halbdunkel. Da und dort sind zwar kleine Scheinwerfer angebracht, die freilich bei allen meinen Besuchen ausgeschaltet waren. 

Der Mond unter den Füßen der Madonna. Foto W-J.Langbein

Ich habe Besucher des Münsters zu Hameln erlebt, denen wenige Minuten Besuchszeit genügten. Sie hasteten durch die Hochzeitstür ins Innere des Gotteshauses, zückten die Digicams und knipsten. Schon strebten sie wieder dem Ausgang zu. Andere wiederum nahmen sich mehr Zeit, nahmen sogar die Mond-Madonna ins Visier und hasteten in die Krypta. Ihnen allen entging die mysteriöse Welt hoch oben über ihren Köpfen. Mit wechselndem Licht verändern sich die Einzelbilder im Panoptikum aus Stein, Licht und Schatten. Es empfiehlt sich, ausreichend Zeit – Stunden, nicht Minuten – aufzubringen, um in diese fremdartige Welt einzutauchen, die man so gar nicht in einem christlichen Gotteshaus erwarten würde.

Da tauchen menschliche Gesichter auf, aber auch Fratzen. Da erscheinen pflanzliche, wuchernde Gebilde, die sich  bei aufmerksamer Beobachtung in Gesichter zu verwandeln schein.. von Fabelwesen, Monstern, Tieren oder Menschen. Die Darstellungen zu erfassen wird dadurch erschwert, dass sie sehr häufig über Eck hoch oben an den Pfeilern angebracht sind. Man muss sich – nicht zu Zeiten von Gottesdiensten natürlich – in der Halle des Münsters hin und her bewegen, bis man einen Punkt  erreicht hat, von dem man aus eine der erschrecken Bildnisse im Ganzen sehen kann.

Zwei Langhalswesen im Münster. Foto W-J.Langbein

Da gibt es zum Beispiel zwei Vierfüßler, ausgestattet mit mächtigen Pranken. Die beiden Kolosse sind einander zugewandt, sie kämpfen offenbar miteinander. Ihre unnatürlich langen Hälse sind ineinander verschlungen. Die Tiere befinden sich offenbar in einem Kampf auf Leben und Tod. Spontan muss ich beim Anblick dieser drachenartigen Wesen an Saurier der Art Brachiosaurus denken. Vierundzwanzig Meter lang und 80 Tonnen schwer wurden diese Urtiere. Oder an zwei Exemplare des pflanzenfressenden Diplodocus, 27 Meter lang und elf Tonnen schwer. Brachiosaurus und Diplodocus hatten ausgeprägte, lange Hälse und ebenso lange Schwänze. Sollte es sich bei den Langhalswesen vom Hamelner Münster also um Saurier handeln? Diplodocus wie Brachiosaurus lebten aber in der späten Kreidezeit, also vor rund 70 Millionen Jahren. Wie sollten dann die Künstler, die die Langhalswesen im Münster zu Hameln in den Stein meißelten, gewusst haben, wie solche Urwesen ausgesehen haben? Über das Aussehen von Sauriern war im frühen dreizehnten Jahrhundert in Deutschland nichts bekannt.

Langhalswesen auf der »Narmer-Platte«. Foto Archiv Langbein

Es wird noch mysteriöser! In Ägypten entstand um 3000 v.Chr. die sogenannte »Narmer-Platte«. Sie zeigt zwei Langhalswesen mit verschlungenen Hälsen. Die beiden Kreaturen müssen sehr groß gewesen sein. Zwei Männer halten sie gefangen. Zwei Saurier, in der Hand von Menschen… das wäre ein Paradoxon erster Güte. Die »Narmer-Platte« besteht aus glatt poliertem Schiefer. Sie misst etwa 64 Zentimeter. Sie befindet sich im »Ägyptischen Museum« zu Kairo.

Aus der gleichen Zeit – 3000 v.Chr. – stammt ein Rollsiegel aus Uruk in Form eines kleinen Zylinders. Rollte man diesen Zylinder über feuchten Ton, entstand das Bild einer Reihe von »Schlangendrachen«  oder »Schlangehalsdrachen«. Diese monströsen Wesen gleichen denen aus Ägypten wie jenen aus dem Münster zu Hameln!

Schlangendrachen.
Foto: Wikimedia Commons/  Marie Lan Nguyen 

Es ist verrückt! Sollten die Steinmetze von Hameln entsprechende Darstellungen von Langhalssauriern in Ägypten oder im einstigen Sumer (heute Südirak) gesehen haben? Stammten die Steinmetze gar aus jenen so fernen Regionen? Und wie konnten Künstler vor rund fünf Jahrtausenden gewusst haben, wie Saurier ausgesehen haben, die vor Zigmillionen Jahren ausgestorben sind?

Fußnoten


1) Apokalypse des Johannes, auch Offenbarung des Johannes genannt, Kapitel 12, Vers 1
2) Siehe auch… Langbein, Walter-Jörg: »Bevor die Sintflut kam«, München 1996

»Noch mehr Saurier«
Teil 253 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 23.11.2014
 



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Sonntag, 9. November 2014

251 »Tresore für die Ewigkeit«

Teil 251 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die drei großen Pyramiden- Tresore des Wissens? (X)

Am 25. Oktober 2014 hielt ich im Rahmen des »One-Day-Meetings« der »A.A.S.«-Gesellschaft in Bremen einen Vortrag: »Pyramiden, Monster, Fabelwesen – Von Cheops bis zum Dom in Paderborn«. Hier im Blog lesen Sie eine ausführlichere Fassung meines Vortrags, heute abschließend  Teil 4!

Die uns vermeintlich vertrauten Schriften des Alten Testaments bieten immer noch – wie ich darzulegen versucht habe – Hinweise auf die rätselhafte Vergangenheit der Menschheit. Wo können wir noch Informationen über die »verbotene« Vergangenheit erhalten? In Mali (24) warteten hunderttausende Manuskripte darauf, übersetzt und wissenschaftlich ausgewertet zu werden. Das war 2010. Dann marschierten islamistische Rebellen in Timbuktu ein. »GEOthema« (25): »Knapp zwei Jahre später wurde Timbuktu von islamistischen Rebellen besetzt. Zehn Monate lang wüteten die Dschihadisten, praktizierten ihre Scharia mit dem Abschlagen von Diebeshänden und mit Auspeitschungen von Ehebrechern. Und sie zerstörten Heiligengräber, die seit 1988 zum Weltkulturerbe gehörten.«

Zunächst hatte es den Anschein, als ob die Dschihadisten die gigantische Bibliothek als Teil des islamischen Kulturerbes verschonen würden. Kurz vor ihrer Flucht aus Timbuktu verwüsteten sie aber die Werkstatt des Ahmed-Baba-Instituts, in der kostbarste Handschriften in Schutzbehältern lagerten. Abdoulaye Cissé, einziger leitender Angestellter des Instituts, der nicht vor den islamistischen Rebellen geflohen war (26): »Wir fanden dort viel Asche.«

Stadtplan von Timbuktu, um 1855
Unklar war, wie viele der Schriften vernichtet worden sind, wie viele verschont blieben und wie viele der alten Bücher doch dem Zahn der Zeit – etwa in Gestalt von Insekten – zum Opfer fielen. Die kostbaren Dokumente stammen aus einer Zeit, als Timbuktu ein Zentrum des Wissens war.

»Jetzt,« so konstatiert GEOthema skeptisch und hoffnungsvoll zugleich (27), »muss sich herausstellen, wie viele von ihnen den Krieg überstanden haben.«

»Seit Jahrhunderten schon sind die Manuskripte bedroht – durch Hitze, Staub, Insekten, Räuber.«, vermeldete die »Süddeutsche Zeitung« in einem umfangreichen Artikel, betitelt »Der Schatz von Timbuktu« (28). Der Bericht stimmt hoffnungsvoll: »Als die Islamisten die Stadt (Timbuktu) überfielen, zündeten sie die berühmten Bibliotheken an. Einige Mutige aber versteckten die meisten Schriften.«

Abdel Kader Haidara schätzte die fanatischen Islamisten richtig ein. Rechtzeitig kaufte er – mit ausländischer Hilfe – zweieinhalbtausend Metallkisten. In den Kisten wurden die uralten, kostbaren Schriften der legendären Bibliotheken auf zum Teil abenteuerlichen Wegen in Sicherheit gebracht. Haidara verteilte die metallenen Behältnisse »unter drei Dutzend Familien in Timbuktu, und gemeinsam schafften sie erst die Manuskripte nachts aus den Bibliotheken bin die Verstecke zu Hause, dann füllten sie die Kisten mit den Manuskripten und begannen sie, nach Süden zu schmuggeln, Richtung Bamako, der Hauptstadt von Mali, durch die Checkpoints der Dschihadisten, in Geländewagen, auf Eselsrücken, in Booten auf dem Niger. Nie mehr als zwei Kisten gleichzeitig, inmitten der restlichen Ladung versteckt, auf immer anderen Routen, um keinen Verdacht zu erregen.« (29)

Als die Bibliotheken von Timbuktu brannten, hatte Abdel Kader Haidara mit seinen mutigen Helfern bereits einen Großteil der kostbaren Manuskripte – die »Süddeutsche« berichten von 285 000 an der Zahl – in die Hauptstadt Bamako geschafft. In Sicherheit sind sie aber leider noch immer nicht. Sehr viele der uralten Dokumente sind vom Zerfall bedroht, müssten unbedingt aufwändig restauriert und konserviert werden. Im Geheimen findet ein Wettlauf statt: gegen die Dschihadisten und gegen die Zeit. Nach und nach sollen die Texte digitalisiert werden. »Die Retter und Restauratoren stehen vor einem Dilemma. Einerseits brauchen sie eine unendliche Geduld bei der ihrer Arbeit, damit die Papiere nicht weiter zerfallen, andererseits müssen sie sich auch beeilen, denn jede zeitliche Verzögerung nagt weiter an der Substanz der jahrhundertealten Schriften.« (30) Und die Rettungsarbeiten müssen im Geheimen an geheimen Orten erfolgen… aus Angst vor der Zerstörungswut der Dschihadisten!

Cheops vor »seiner« Pyramide. Fotos W-J.Langbein

Wenn heutige Historiker über das Weltwunder »Große Pyramide« sprechen, dann lassen sie keinen Zweifel aufkommen, dass es der Pharao Cheops war, der dafür verantwortlich zeichnete. Wenn es um eine Chronik der Geschichte Ägyptens geht, greifen diese Gelehrten gern auf die Aufzeichnungen früher Historiker zurück. Ihnen wird gern Glauben geschenkt, so lange ihre Überlieferungen dem Bild entsprechen, das sich Historiker unserer Tage von Ägyptens Vergangenheit machen. Aussagen, die nicht ins Konzept passen, werden schlichtweg »übersehen«.

Ein besonders eklatantes Beispiel sind die Ausführungen von Al-Makrizi, eines renommierten arabischen Geschichtsschreibers und Historikers des 14. Jahrhunderts. In seinem Werk »Hitat« (31) lässt der nämlich vernehmen:

»Die Leute sind sich über die Zeit ihrer Erbauung (der großen Pyramide), über den Namen des Erbauers und über die Ursache ihrer Erbauung nicht einig und haben die verschiedensten Meinungen geäußert, die verkehrt sind.« Dabei, so Al-Makrizi, gehe doch aus dem Werk »Nachrichten von Ägypten und seinen Wundern« eindeutig hervor, dass die Große Pyramide von einem gewissen Saurid in Auftrag gegeben worden sei. 300 Jahre vor der Sintflut sei das geschehen! Doch lassen wir den Historiker selbst zu Wort kommen: »Die Ursache der Erbauung der Pyramiden war, dass dreihundert Jahre vor der Sintflut Saurid folgenden Traum hatte: Die Erde kehrte sich mit ihren Bewohnern um, die Menschen flüchteten in blinder Hast, und die Sterne fielen herab.«

Grab oder Tresor? Foto Walter-Jörg Langbein

Saurid nahm diesen Traum ernst. Er ließ die Große Pyramide erbauen und eine Inschrift an der Spitze anbringen: »Ich, Saurid, der König, habe diese Pyramiden erbaut, und ich habe ihre Erbauung in sechs Jahren vollendet.« Und zwar als Tresore des Wissens. Die Inschrift enthüllte weiter: »Diese Pyramiden haben unter der Erde Tore, an die sich ein gewölbter Gang anschließt. Jeder Gang ist hundertfünfzig Ellen lang. Das Tor der östlichen Pyramide liegt auf der Nordseite, das der westlichen auf der Westseite, und das Tor des gewölbten Gangs der mit der Mauerbekleidung versehenen Pyramide liegt auf der Südseite.«

Im 33. Kapitel von Al-Makrizis »Hitat« lesen wir: »Da ließ er die Pyramiden bauen und in ihnen Schätze, gelehrte Schriften, und alles, worum er sich sorgte, dass es verloren gehen und verschwinden könnte, bergen, um die Dinge zu schützen und wohl zu bewahren.«

Liest man, was da davor bewahrt werden sollte, eventuell bei der Sintflut verloren zu gehen, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nochmals sei das »Hitat« zitiert: »Daraufhin ließ er (der Erbauer der Großen Pyramide) in der westlichen Pyramide dreißig Schatzkammern aus farbigem Granit anlegen: Die wurden angefüllt mit reichen Schätzen, mit Geräten und Bildsäulen aus kostbaren Edelsteinen, mit Geräten aus vortrefflichem Eisen, wie Waffen, die nicht rosten, mit Glas, das sich zusammenfalten lässt, ohne zu brechen, mit seltsamen Talismanen, mit den verschiedenen Arten der einfachen und der zusammengesetzten Heilmittel und mit tödlichen Giften. In der östlichen Pyramide ließ er die verschiedenen Himmelsgewölbe und die Planeten darstellen sowie an Bildern anfertigen, was seine Vorfahren hatten schaffen lassen. Dazu kamen Weihrauch, den man den Sternen opferte, und Bücher über diese. Auch findet man dort die Fixsterne und das, was sich in ihren Perioden von Zeit zu Zeit begibt. In die farbige Pyramide endlich ließ er die Leichname der Wahrsager in Särgen aus schwarzem Granit bringen, neben jedem Wahrsager lag ein Buch, in dem seine wunderbaren Künste, sein Lebenslauf und seine Werke beschrieben waren.«

Hütet sie Wissen.. älter als die Sintflut? Foto W-J.Langbein

Die meisten Ägyptologen  lächeln nur mitleidig, wenn sie die Behauptung hören, die Cheops-Pyramide stamme gar nicht von Cheops und sei älter als die Sintflut. Aber ist denn längst bewiesen, dass Cheops mit dem Bau der Großen Pyramide absolut nichts zu tun haben kann? Prof. Dr. Willy Wölfli –  er verstarb am 1. März  2014 im 84. Lebensjahr – wurde von Kollegen als »unabhängiger Denker, der oft unkonventionelle Wege beschritt, um seine vielfältigen Ideen zu verwirklichen« (32). Mit mehreren Kollegen von anderen wissenschaftlichen Instituten hat Prof. Wölfli insgesamt sechzehn Materialproben aus der sogenannten »Cheops-Pyramide« datiert. Alle Proben stammen nicht aus der Zeit des Cheops, sondern sind fast ein Jahrtausend älter.

Professor Dr. Robert Schoch, Universität von Boston, rückte der Sphinx mit sogenannten seismischen Bojen zuleibe. Mit Hilfe von Schallwellen wurde der steinerne Leib des Fabelwesens auch dort unter die Lupe genommen, wo er sich unseren Blicken entzieht, nämlich unter dem Sand. Dabei wurden deutliche, nicht zu übersehende Verwitterungen entdeckt, die – so Schoch – eindeutig auf Wasserschäden zurückzuführen sind. Sie können nicht zu Zeiten Cheops, sie müssen mindestens 7 000 vor Christus entstanden sein, wenn nicht noch früher!

Ich darf in Erinnerung rufen: Gemäß des Historikers Taqi al-Din Abu al-Abbas Ahmad ibn 'Ali ibn 'Abd al-Qadir ibn Muhammad al-Makrizi  (1364-1442) gibt es in der Großen Pyramide Geheimkammern mit Schätzen von unvorstellbarem Wert. Lange vor der Sintflut habe Saurid das mysteriöse Wissen seiner Zeit abspeichern und für die Ewigkeit erhalten wollen. Ist Al-Makrizi der einzige Historiker, der eine vorsintflutliche Entstehung der sogenannten »Cheopspyramide« postuliert? Keineswegs! Bislang unbeachtet blieb nicht nur in Kreisen der »A.A.S.« der Historiker Abu Ja Far Al-Idrisi. Sein Werk (33) liegt bislang in keiner Übersetzung in eine europäische Sprache vor. Sehr hilfreich ist die Ausgabe von Ulrich Haarmann (34), die auch den arabischen Text, aber auch eine höchst interessante Einleitung in deutscher Sprache enthält.

Joachim Wtewael, um 1595: »Die Sintflut« (X)

Abu Ja´far al-Idrisi (1173-1251)  war einer der ersten Forscher, die die Geheimnisse der Pyramiden vom Gizeh-Plateau zu ergründen versuchten. Nach intensivem Quellenstudium kam er zum Ergebnis, dass die heute nach Cheops benannte Pyramide sehr viel älter als gemeinhin angenommen sei. Sie soll »vor der Sintflut« gebaut worden sein. Demnach baute König Saurid vor der großen Flut Pyramiden als Tresore für uraltes fantastisches Wissen. Al-Idrisi fasst im vierten Kapitel seines Opus » Kitab Anwar uluw al-ajram fi l-kashf an asrar al-ahram« die Ergebnisse seiner umfangreichen Recherchen in Sachen Pyramiden zusammen. Vier der von ihm konsultierten Quellen, so Ulrich Haarmann, Herausgeber des Opus des al-Idrisi (35), »sprechen sich für eine nachsintflutliche Entstehungszeit aus« (35). Ulrich Haarmann weiter (36):

»Dann wechselt Idrisi zu der sehr viel längeren Liste derer über, die von einer Errichtung der Pyramiden vor der Flut überzeugt sind.«  Vier Quellen, die die Pyramidenentstehung nach der Sintflut ansetzen, stehen vierzehn Quellen gegenüber, die von einem Bau der Pyramiden vor der Sintflut ausgehen. Al-Idrisi fabuliert nicht einfach. Wissenschaftlich exakt benennt er seine Quellen sehr genau. Einige dieser Werke sind – wie etwa die »Geschichte Ägyptens und seiner Wunder, Gräber und Pharaonen« - leider verlorengegangen.
Al-Idrisi listet aber nicht nur auf, er zieht schließlich ein Resümee (38): »Die These, die Pyramiden seien erst nach der Sintflut erbaut worden, sei zu verwerfen.«  Wann aber sind sie errichtet worden? Al-Idrisi findet konkrete Angaben in seinen Quellen! Demnach wurden die Tempel und Pyramiden (39) »beim Eintreten des Sternes Altair in das Sternkreiszeichen Krebs gebaut«. Das ergäbe, so Ulrich Haarmann, für den Termin des Pyramidenbaus (40) »einen Zeitpunkt vor 20 000 Jahren«. Unklar ist, wie diese Datierung genau zu verstehen ist: 20 000 Jahre vor al-Idrisi oder vor unserer Zeit?

4. Fazit: Von Timbuktu bis zu den Schatzkammern der Pyramiden
Nach wie vor ist die kostbare Bibliothek von Timbuktu bedroht. Kann sie auf Dauer vor der Zerstörung durch Dschihadisten bewahrt werden? Und was wird aus den Dokumenten des Wissens, die womöglich in den Tresoren des Wissens der Pyramiden entdeckt werden? Wird sich wirkliche Wissenschaft oder religiöser Fundamentalismus durchsetzen?

Leider gibt es »Das Pyramidenbuch des Abu Ga’far Al-Idrisi« noch nicht in Übersetzung in eine europäische Sprache. So sind wir auf Sekundärliteratur angewiesen, vor allem auf  Ulrich Haarmanns ausführliche Einleitung zur arabischen Ausgabe (41). Warum wurden nach al-Idrisis Recherche die großen Pyramiden gebaut? Sie waren als Tresore des Wissens gedacht, die die Sintflut überdauern sollten. Ulrich Haarmann fasst zusammen (42): »Die Pyramiden werden daraufhin unter einem glückbringenden Gestirn mit ungeheurem Aufwand an Material, größter Sorgfalt und technischen Finessen .. errichtet. Das ganze Land Ägypten feierte mit, als sie fertig gestellt waren. Daraufhin wurden in der Chefrenpyramide Schätze und kostbare   Geräte – zum Beispiel rostfreie Waffen und unzerbrechliches Glas – und vieles mehr deponiert; in der Cheopspyramide wurde den Sternen gehuldigt und unter anderem alles Wissenswerte über die Geschichte Ägyptens bis zum Ende der Tage in Hieroglyphen festgehalten; die Mykerinospyramide schließlich wurde zur Gruft der streng hierarchisch in sieben Ränge gegliederten Priesterschaft.«

Al-Idrisis Werk muss endlich in europäische Sprachen übersetzt werden. So manches Rätsel wartet darauf, sorgsam studiert zu werden. So berichtet Idris, dass einst ein Mann in einer Oase Binsen sammelte. Den Mann, so überliefert Al-Idrisi, verschlug es in die Nähe der Cheopspyramide. Ulrich Haarmann fasst zusammen (43): »Eigentümliche Geräusche und lodernde Feuer erschrecken ihn zutiefst, dennoch schläft er ein und findet sich beim Aufwachen plötzlich in der Gegend wieder, weitab von den Pyramiden, in der er seine Binsen gesammelt hatte.«

Wir müssen uns fragen, ob und in wieweit die von al-Idrisi gesammelten Überlieferungen auf Fakten beruhen. Entstanden die großen Pyramiden wirklich vor der Sintflut? Und wenn ja, welche Schätze des Wissens warten auf Entdeckung? Antworten auf diese Fragen werden nur gefunden werden, wenn wirklich und unvoreingenommen vor Ort gesucht wird, zum Beispiel nach Gängen, die König Surid angeblich in und unterhalb der Pyramiden angelegt haben soll. Nicht verschwiegen werden darf in diesem Zusammenhang ein gravierendes Problem: Sollten die in den Pyramiden verborgenen Wissenstresore von den falschen Zeitgenossen entdeckt werden, dann verschwinden die verborgenen Schätze entweder in Geheimarchiven oder sie werden vernichtet. Religiöse Fanatiker sind weniger als Erhalter uralter Schriften bekannt, die womöglich nicht im Einklang mit den Doktrinen der eigenen Religion stehen könnten.

In meinem Buch »Lexikon der biblischen Irrtümer« machte ich auf einen vermeintlichen Übersetzungsfehler aufmerksam (44):

Moses von Michelangelo. Gemeinfrei. (X)
»Grimmig blickt Mose auf den Betrachter herab. So stellt man sich eigentlich den großen Mann des »Alten Testaments« nicht vor. Er wirkt nicht weise, sondern böse, ja teuflisch! Woran mag das liegen? Irgendetwas stimmt mit der Statue nicht. Irgendetwas hat der große Michelangelo (1475–1564) falsch gemacht. Aber was? Millionen von Romtouristen standen schon staunend vor der weltberühmten Statue und stellten sich diese Frage.

Michelangelo wurde Opfer eines simplen, aber folgenschweren Übersetzungsfehlers...und verpasste seinem Mose Hörner, wie wir sie sonst nur von mittelalterlichen Teufelsdarstellungen kennen! Warum?

Im Buch Exodus heißt es (45), dass das Gesicht Mose nach seiner Begegnung mit Gott....strahlte. Das hebräische Verbum heißt KRN und hat die Grundbedeutung strahlen. KRN hat aber noch eine Nebenbedeutung, nämlich Hörner tragen. Mag sein, dass dabei an Lichtstrahlen gedacht wurde, die wie Hörner ausgesehen haben mögen. Kirchenlehrer Hieronymus (347– 419 oder 420) engte den Sinn bei seiner Übersetzung des hebräischen Textes ins Lateinische ein: ›Et facies sua cornutuserat.‹ Und dies bedeutet eindeutig nur noch: »Und sein Angesicht war behornt.«  So kam Michelangelos Mose zu seinen Hörnern. Durch einen Übersetzungsfehler.«

Der deutsch-österreichische Alttestamentler und Religionswissenschaftler Anton Jirku (1885-1972) hat ein bemerkenswertes theologisches Werk hinterlassen. Mit bestechender Logik setzte er sich mit Moses und seinen vermeintlichen »Strahlen« auseinander (46). Sprachwissenschaftlich exakt weist er nach, dass Moses nicht strahlte, sondern eine Maske mit zwei Hörnern trug.

Wie haben wir das zu interpretieren? Dürfen wir die »Verkleidung« des Moses als eine Art von Cargo-Kult verstehen, als Imitation unverstandener Technologie? Oder wie sonst ist es zu verstehen (47), »daß die ›Hülle‹ des Mose an ihrem oberen Ende Hörner trug«? Sollte Moses also mehr als nur eine Gesichtsmaske getragen haben, also eine den ganzen Körper umschließende »Hülle« mit »Hörnern«.


Moses von José de Ribera um 1640 (X)


Fußnoten

24) »GEOthema 07«, S. 102-S.115: »Der Schatz von Timbuktu«, S.102-115
25) ebenda, S. 114, linke Spalte, Zeilen 27-34 von unten
26) ebenda, S. 114, mittlere Spalte, 1. Zeile von unten
27) ebenda, S. 107, links oben
28) Zick, Tobias: »Der Schatz von Timbuktu/ Als die Islamisten die Stadt überfielen..«, »Süddeutsche Zeitung«, 12. September 2014, S. 3
29) ebenda
30) ebenda
31) Al-Makrizi-Zitate siehe »Das Pyramidenkapitel in Al Makrizi’s ›Hitat‹, übersetzt von Erich Graefe, Leipzig 1911 oder Eggers, Stefan (Hrsg.): »Das Pyramidenkapitel in Al-Makrizi’s ›Hitat‹«, Hamburg 2003
32) Nachruf der E.T.H. Zürich auf Prof. Wölfli vom 6. März 2014
33) Sezgin, Fuat (Hrsg): »Abu Ja Far Al-Idrisi/ Light on the Voluminous Bodies to Reveal the Secrets of the Pyramids - Kitab Anwar uluw al-ajram fi l-kashf an asrar al-ahram«, Text in Arabisch,  Publications of the Institute for the History of Arabic-Islamic Science, Series C, Facsimile edition, 1988
34) Haarmann, Ulrich (Hrsg): »Das Pyramidenbuch des Abu Ga’far Al-Idrisi«,
Beiruter Texte und Studien, Band 38, Beirut 1991
35) ebenda, S. 80, Zeilen 1 und 2 von oben
36) ebenda, S. 80, Zeilen 6 und 7 von unten

Gehörnter Moses von Benediktbeuern. Foto W-J.Langbein
37) ebenda, S. 80 unten bis S. 86 unten
38) ebenda, S. 85, Zeilen 8-10 von oben
39) ebenda, S. 85, Zeilen 1 und 2 von unten
40) ebenda, S. 86, Zeilen 7-9 von oben
41) Haarmann, Ulrich (Hrsg): »Das Pyramidenbuch des Abu Ga’far Al-Idrisi«, Beiruter Texte und Studien, Band 38, Beirut 1991, »Einleitung«, S. 1- S. 94
42) ebenda, S. 88, Zeilen 6-18 von oben
43) ebenda, S. 90, Z. 17-21 von oben
44) Langbein, Walter-Jörg: »Lexikon der biblischen Irrtümer«, München 2003,siehe Kapitel »Mose – schrieb nicht die fünf 
Bücher Mose«, Zitat S.103 unten und S. 104 oben
45) 2. Buch Mose Kapitel 34, Vers 30
46) Jirku, Anton: »Von Jerusalem nach Ugarit«, Graz 1966(»Strahlen Mose« S. 133- S. 136, Seitenzählung unten)

 Mit X gekennzeichnete Fotos sind gemeinfrei und befinden sich im Archiv des Verfassers.

»Ein Panoptikum des Schreckens - in der Kirche«,
Teil 252 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 16.11.2014



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