Sonntag, 4. Juli 2010

25 »Von John bis Jesus«

Teil 25 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Zum Jahresfest der John-Frum-Bewegung marschieren bei den Feierlichkeiten auf dem Festplatz immer wieder Männergruppen auf, bei denen es sich um Kopien von Parademärsche zelebrierende Soldaten zu handeln scheint. Die Männer sind allerdings eher leger gekleidet (barfuß, bloßer Oberkörper). Und anstatt von Gewehren schultern sie Holzstöcke.

Und in der Tat: die John-Frum-Anhänger imitieren US-Soldaten. Warum? Um 1940 wurden in der Südsee, wohl auch auf Tanna, amerikanische Soldaten stationiert. Die Fremden zeigten sich den Einheimischen gegenüber freundlich. Sie beschenkten sie reichlich. Die Einheimischen nahmen die Gaben – vom Kaugummi bis zur Konservendose – gern entgegen. Und sie staunten nicht wenig über die scheinbare Allmacht dieser Besucher. Kamen sie nicht mit metallenen Vögeln vom Himmel? Offenbar verfügten sie über Zauberkräfte! Ohne Magie kann kein Mensch fliegen. Und ohne Zauber konnte niemand aus den Leibern dieser künstlichen Vögel unerschöpfliche Mengen an kostbarem Frachtgut zu Tage fördern.

Die Verständigung zwischen den Einheimischen und den amerikanischen Soldaten erfolgte in erster Linie über Zeichensprache. Man redete mit Händen und Füßen. Und die amerikanischen Soldaten stellten sich immer wieder vor... »I’m John from America!« mag so mancher GI verkündet haben, denn der Vorname John ist sehr häufig. »I’m John frum Idaho...« mag der eine GI verkündet haben, »I’m John From Michigan...« ein anderer. Und so hörten die Einheimischen immer wieder »John from...« Also verpassten sie den Besuchern aus einer fremden Welt den Namen »John from«, woraus schließlich »John Frum« wurde.

»John Frum« marschierte mit geschultertem Gewehr. John Frum trug Uniform. Auf dieser Uniform standen Zeichen, Buchstaben: »USA«. Die Einheimischen imitieren seither die amerikanischen Soldaten, indem sie »uniformiert« mit Holzstöcken über der Schulter auf und ab marschieren. Und sie schreiben sich »USA« auf Brust oder Rücken: große wie kleine John-Frum-Anhänger tragen stolz auf nackter Haut die goldenen Lettern »USA«.

Die Bewohner von Tanna und anderen Südseeinseln kombinierten: Einst wurden sie von einem mächtigen göttlichen Wesen besucht. Dieses Wesen konnte zaubern. So wie die amerikanischen Soldaten. Also identifizierten sie die amerikanischen GIs mit göttlichen Wesen. Eines Tages verabschiedeten sich die Besucher, von denen sie so viele Geschenke erhalten hatten. Sie versprachen, wieder zu kommen. Doch die spendablen Fremden blieben aus. Jetzt fingen die Einheimischen an, John Frum zu imitieren. Er sollte erkennen, dass man ihm huldigte. Man marschierte wie er. Man versuchte, sich so zu kleiden wie er. Man tätowierte oder malte sich »USA« auf den Rücken. Man erhob ein mythisches Vogelwesen zum Kultobjekt. Man hisste Fahnen wie »John Frum«, salutierte, marschierte vor den Fahnen auf und ab.

John Frum aber blieb aus. Schließlich erinnerten sich jene, die John Frum noch leibhaftig erlebt hatten: John Frums metallenes Flugvehikel landete auf straßenartigen Bahnen. Konnte John Frum nicht wieder auf die Insel zurückkehren, weil es keine Landebahnen mehr gab? Also legten die Einheimischen Landebahnen an. Sie imitierten nicht nur die Soldaten, sondern auch die Techniker der Amerikaner. So bastelten sie aus Holz Walkie talkies, sprachen in die Kästchen hinein, in der Hoffnung, John Frum würde sie erhöhen.

Der frühere Neuguinea-Missionar Dr. Friedrich Steinbauer erkannte nach langen Jahren der intensiven Forschung, dass der John-Frum-Kult von Tanna kein lokales Kuriosum einer einzelnen Insel darstellt. Es handelt sich vielmehr um eine in der Südsee weit verbreitete Heilserwartung. Dr. Steinbauer machte immerhin 185 ganz ähnliche Kulte ausfindig, in deren Zentrum stets ein Heilsbringer mit magischen Kräften steht. Und diesen spendablen Heilsbringer möchte man zur Rückkehr auf die Insel bewegen.

Weil es bei all diesen Kulten um die erhofften Gaben geht, die sich die Anhänger der verschiedenen Gruppen erhoffen, bezeichnet man sie alle als »Cargo-Kulte«. Cargo steht dabei für das Frachtgut, das John Frum einst gebracht haben soll... und das er morgen oder übermorgen wiederum seinen Anhängern schenken soll.

Ein christlicher Missionar erklärte mir eines Abends auf Tanna den angeblichen wesentlichen Unterschied zwischen John-Frum-Glauben und Christentum. Der John-Frum-Kult sei profan und primitiv, ziele er doch – ganz anders als der christliche Glaube – nur auf materiellen Gewinn. Dabei hat der fromme Mann wohl vergessen, dass auch der christliche Glaube stark materialistisch geprägt ist. So lesen wir in den Evangelien nach Markus (Kapitel 10, Verse 29 und 30) und nach Lukas (Kapitel 18, Verse 28-30), dass den Anhängern des Messias Jesus irdischer Reichtum versprochen wird. Wer sich dazu entschließt, Jesus zu folgen, wer als Jünger des Jesus irdischen Besitz aufgibt, der wird bald – noch zu Lebzeiten – »hundertfach empfangen Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter und Äcker«.

Mitte der Vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts erklärte sich ein gewisser Neloiag zum »wiedergeborenen John Frum«. Er verkündete: die Wundervögel mit unermesslichen Reichtümern werden uns wieder besuchen, wenn wir sie einladen. Nach den Anweisungen von Neloiag wurden breite und lange Straßen für die künstlichen Vögel geschaffen. Mit Feuereifer wurde gearbeitet. Die Landebahnen wurden immer wieder verlängert und breiter gemacht... ohne Erfolg. Als immer mehr Gefolgsleute Neloiag den Gehorsam versagten, drohte er mit drakonischen Strafen. Die Abtrünnigen würden ein schlimmes Ende finden. Aus den metallenen Vögeln würden Bomben abgeworfen, um sie zu vernichten. Die Strafe blieb aus, die Arbeiten wurden eingestellt.

Andere Gruppen kam zu der Überzeugung, sie seien zu reich. John Frum, so glaubten sie, komme nur zu Armen. Also versuchten sie, so mittellos wie nur möglich zu leben. Es kam sogar vor, dass die eigenen Hütten niedergebrannt wurden... in der Hoffnung, dass dann John Frum wieder erscheint und die wahren Anhänger reich beschenkt. Auch derlei drastische Maßnahmen veranlassten John Frum nicht, zu seinen Anhängern zurückzukehren.

Der John-Frum-Kult aber lebte weiter... bis in unsere Tage. Und immer wieder werden die Buchstaben »USA« auf die Rücken von John-Frum-Anhängern gemalt. Offenbar ist das Zeichen »USA« zu einem Symbol für John Frum geworden, für das magische Wesen, das dank Zauberkraft Reichtum schenken kann.

Sehr zum Verdruss christlicher Missionare ließ sich der John-Frum-Glaube nicht verbieten noch verdrängen. Zu stark ist er im Bewusstsein der Bevölkerung verankert. Also änderten die Missionare ihre Methodik. Sie bekämpften nicht mehr den John-Frum-Glauben. Sie verkünden seit Jahren, John Frum sei nicht ein beliebiger Messias, der den Menschen Glückseligkeit bringen wird. John Frum sei kein anderer als Jesus, der von den Christen erwartete Messias. Und die christlichen Verkünder beteiligen sich an den Jahresfeiern der John-Frum-Bewegung.

Und so marschieren John-Frum-Anhänger der alten Schule als Pseudo-Soldaten in Uniform zum Jahresfest auf... gefolgt von Anhängern eines christlichen »John Frum«. Letztere stellen John Frum passionsspielartig als Gekreuzigten dar, der zu den Menschen von Tanna kommt. Ich beobachtete vor Ort folgendes kleines Theaterstück auf dem »großen Festplatz«: Menschen arbeiten auf ihrer Insel (Tanna) auf dem Felde. Sie schuften, fristeten ein kärgliches Dasein. Ein Schiff taucht auf. Die Insulaner werden überfallen. Sie sollen als Sklaven verschleppt werden. Doch Hilfe naht. Jesus erscheint. Er trägt sein Kreuz.. er ist der Gekreuzigte. Die Menschen sehen ihn. Sie streben auf ihn zu. Schließlich fallen sie vor Jesus auf die Knie. Sie beten ihn an. Sie wenden sich Jesus als dem Messias zu.

So verschmelzen nach und nach John Frum und Jesus zu einer Person. Als ich den Jahresfeiern der John-Frum-Religion beiwohnte, war mir nicht klar, wer da auftrat: John Frum als Jesus oder Jesus als John Frum?
Am Ende wird dann wohl aus dem John Frum namens Jesus... der Jesus der christlichen Kirche werden. Ob dann die fröhlichen Tänze zu Ehren von John Frum noch aufgeführt werden? Wohl kaum!


Quellen:
Grey, George: Polynesian Mythology, London 1965
Lindstrom, Lamont: Cargo Cult, Hawaii 1993
Steinbauer, Friedrich: Melanesische Cargo-Kulte/ Neureligiöse Heilsbewegungen in der
Südsee, München 1971

»John Frum und ketzerische Gedanken über die Göttin«,
Teil 26 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 11.7.2010

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