Sonntag, 30. Juni 2019

493. »Kann man Geister fotografieren?«

Teil 493 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Mariä Schutz« ist eine Friedhofskapelle, die auf eine lange, ehrwürdige Vergangenheit zurückblicken kann. Sie wird oft auch »Alte Pfarrkirche« genannt, war sie doch einst die »Laienkirche« von Fischbachau. Begonnen wurde ein erster Vorgängerbau bereits anno 1085 und  anno1087 geweiht. Die in ihrer Schlichtheit beeindruckenden früh-barocken Stuckaturen sind vergleichsweise jung. Sie wurden anno 1630 nach Art der Miesbacher Meister angebracht.Nach einem beeindruckenden Besuch der Kapelle des einstigen Klosters von Birkenstein führen mich kundige und Freunde aus Gerblinghausen zur Kapelle »Mariä Schutz« (1). 

Foto 1: »Mariä Schutz«

Geradezu idyllisch ist der alte Friedhof. Schmiedeeiserne Kreuze, Heiligenfiguren aus Stein und vom Zahn der Zeit arg in Mitleidenschaft gezogene Holztafeln mit uralten bayerischen Namen verleihen dem Gottesacker besonderen Charakter. Hier ruhen die Toten, die »Entschlafenen« wie manche gern umschreiben. Noch heute wagen sich manche Zeitgenossen zu nächtlicher Stunde nicht auf so einen Friedhof. Auch wenn sie es nicht zugeben, vielleicht sogar selbst gar nicht glauben wollen: Sie haben Angst vor »Geistern«. An Geister glaubt der vermeintlich aufgeklärte Mensch mit kühlem Sachverstand natürlich nicht. Nach dem Tod kommt nichts, meinen sie. Andere sind ganz anderer Ansicht. 

Foro 2: Sitting Bull
»Geister gibt es ohne Zweifel, denn sonst könnte man sie nicht fotografieren!« meinen die. Und das schon seit den Kindertagen des Fotografierens. Wirklich? Anno 1872 wurden in England das Medium Mrs. Guppy und der Fotograf Mr. Hudson hofiert. Die Lady rief mental Geister herbei, der Fotograf verewigte sie mit seinem primitiven Apparat. Ein anderes Medium, Mrs. A. E. Deane, war gleichfalls dazu in der Lage, die Geister von Toten herbeizuzitieren, die dann bei Seancen fotografiert wurden. Bei einer Sitzung erschien beispielsweise der Geist eines toten Mädchens. Er wurde gebeten, einen bestimmten Geist herbeizurufen: den des legendären Indianerhäuptling Sitting Bull. Der stolze Jenseitige tauchte wenige Minuten später auf. Ein Vergleich mit dem Titelbild von »My Magazine«, Oktober 1920, ergab eine mehr als erstaunliche Ähnlichkeit.

Foto 3: P. von Hindenburg
Auf Schloss Ostrau begegnete Paul von Hindenburg (*2.10.1847, †2.8.1934), der spätere Reichspräsident, auf der breiten Freitreppe des bei Koethen in Anhalt gelegenen Schlosses einem leibhaftigen Geist. Zunächst hielt von Hindenburg die Erscheinung für eine vornehme Dame aus Fleisch und Blut. Er stellte sich ihr vor. Sie reagierte nicht. Von Hindenburg hielt die Dame für schwerhörig. Als er später sein Erlebnis schilderte, dabei die Dame sehr präzise beschrieb, erfuhr er Erstaunliches: »Das war unser Schlossgeist!« In England ist besonders der »Tower« als Erscheinungsort von Geistern bekannt. Fast ebenso berüchtigt ist Clamis Castle. Der Überlieferung nach soll hier McBeth König Duncan ermordet haben. Auf Claimis Castle, so lautet eine uralte Überlieferung, erscheint immer dann, wenn einem Mitglied des Königshauses ein Unheil droht eine »grüne Frau«. Geisterfotograf William Hoppe soll es gelungen sein, die Dame auf die fotografische Platte zu bannen. Mittels Selbstauslöser lichtete er nicht nur die Spukgestalt, sondern auch noch sich selbst ab.

Ein Betrug scheint ausgeschlossen zu sein. Die Fotoplatte kann nicht manipuliert, sprich vorbelichtet worden sein. Sie wurde nämlich von einem Journalisten ausgewählt. Wenige Tage nach dem so dokumentierten Auftauchen der »grünen Frau« starb König Eduard VIII. Kurz nach der Ermordung von US-Präsident Abraham Lincoln am 15. April 1865 wandte sich die Witwe des legendären Staatsmannes Mary Todd Lincoln (*1818; †1882) an William Mumler, einen bekannten Geisterfotografen jener Zeit. Sie gab einen falschen Namen an. Und doch tauchte auf dem »Geisterfoto« ein Phantom auf, das mit Fantasie als Abraham Lincoln identifiziert werden kann.

Foto 4: Abraham Lincoln
Foto 5: Mary Todd Lincoln
Diese Beispiele sind willkürlich gewählt. Es würde den Rahmen des vorliegenden Buches sprengen, auch nur die wichtigsten Geisterfotos aufzulisten. Die Fülle an Material, wovon gewiss ein erheblicher Teil schlichtweg gefälscht ist, wirft eine Frage auf: Was sind Geister eigentlich? Oder profaner: Woraus bestehen sie? In den 1870er Jahren gelang es dem Medium Wilma Hardy durch reine Gedankenkraft, »Geisterhände« aus dem Nichts auftauchen zu lassen. Der Bostoner Geologe William Denton beobachtete das Phänomen kritisch. Es gelang ihm von den »Geisterhänden« sogar Gipsabdrücke anzufertigen. Ähnliche Materialisationen konnte auch das französische Medium Marthe Bértraud bewerkstelligen. Zu Beginn unseres Jahrhunderts tauchten bei Seancen mit ihr »schleierartige Materialisationen« auf, die die Gestalt von Köpfen, Armen oder ganzen Menschen annahmen.

Die Erscheinungen waren dabei so plastisch, dass es manchen Zeitgenossen schwer fiel, an Übersinnliches zu glauben. Lag da nicht vielleicht doch ein geschickter Trick vor? Schaffte es das Medium, etwas durchaus Materielles mit Hilfe von Taschenspielertricks als etwas »Jenseitiges« auszugeben? Der Münchner Arzt und Erforscher des Übersinnlichen, Freiherr von Schrenck-Notzing (*1862, †1929), war bestens vertraut mit solchen Tricks. Er kannte sie alle. Und er unternahm strenge, ja peinliche Kontrollen, um jede Möglichkeit eines Betrugs auszuschließen. So musste sich Medium Marthe Bértraud vor jeder Seance nackt ausziehen.

Foto 6: Mary Todd Lincoln
Ihr Körper wurde peinlich genau auf eventuell versteckte Hilfsmittel hin untersucht. Nichts Verdächtiges wurde gefunden. Freiherr von Schrenck-Notzing gab ihr sogar Brech- und Abführmittel ein, um  auch jede nur denkbare Trickserei zu vereiteln. Schließlich musste Marthe Bértraud ein enges, knapp sitzendes Trikot anlegen. Ihr Kopf wurde mit einer Haube umhüllt. Und trotzdem entstanden die geheimnisvollen Materialisationen. Es bildeten sich dunstartige Wolken aus dem Nichts. »Geister« formierten sich. Dr. Schrenck-Notzing fand heraus, dass auch männliche Medien Geister erscheinen lassen konnten, zum Beispiel die Gebrüder Willy und Rudi Schneider aus Braunau am Inn. Auch bei beiden Brüdern schlossen kriminalistische Überwachungsmethoden aus, dass betrogen wurde. Die beiden Männer waren dazu in der Lage, Geister herbeizurufen, die vor den Augen der Zeugen als nebulöse, halb durchsichtige Wesen entstanden.

Als im Dezember 1929 an Bord des Schiffes SS. Watertown zwei Mitglieder der Besatzung starben, wurden sie, altem Brauchtum folgend, auf See bestattet. Einen Tag später geschah Unbegreifliches. Von einer bestimmten Stelle an Bord aus betrachtet, sah man die Gesichter der Toten im Meer. Und das Tag für Tag, erstaunlich deutlich. Die seltsame Geistererscheinung trat auch auf den folgenden beiden Reisen der SS. Watertown auf. Die Gesichter der Toten im Wasser verfolgten das Schiff. Mehrere Fotos beweisen die Realität des Unbegreiflichen. Noch ein Beispiel: 1959 hielt der Geistliche R. S. Blance  eine ehemalige Kultstätte der Ureinwohner Australiens auf im Bilde fest. Als das Foto von einem professionellen Labor entwickelt worden war, war deutlich eine geheimnisvolle, halb durchsichtige Gestalt zu sehen.

Foto 7: So soll »Mary King’s Close« ausgesehen haben.

Geister tauchten auf frühen Fotos des 19. Jahrhunderts auf. In unseren Tagen lassen sie sich per Video aufnehmen. Architekt David Roulston aus Glasgow verbrachte beispielsweise im Juni 1995 eine Nacht im alten Gemäuer von »Mary King’s Close« in Edinburgh. Dem 47-Jährigen wurde bald unheimlich zumute. Er spürte unerklärliche Kältewellen. Da er eine Videokamera dabei hatte, filmte er wahllos. Als er dann Tage später die Aufnahmen zuhause ansah, wurde ihm erst wirklich unheimlich. Da tauchte ein unheimliches schemenhaftes Gesicht aus dem Nichts auf. Dieses unheimliche Etwas hat als »monströse Form« nach amtlichen Dokumenten bereits im 17. Jahrhundert dort sein Unwesen getrieben.

Wenn eine Straße idealer Aufenthaltsort für Geister ist, dann ist es »Mary King’s Close«. Hier grassierte anno 1645 eine fürchterliche Pestepidemie. Die Krankheit breitete sich rasend schnell aus in Edinburgh. Viele Menschen wurden dahingerafft. Wie viele Opfer zu beklagen waren, lässt sich nicht mehr feststellen. Die entsetzten Stadtväter Edinburghs sahen sich genötigt, etwas zu unternehmen. Da sie »Mary King’s Close« für den Ausgangspunkt der tödlichen Krankheit hielten, fassten sie einen Beschluss, der umgehend in die Tat umgesetzt werden musste. Die schmale Gasse wurde einfach an beiden Enden zugemauert. 

Der Legende nach wurde die Gasse zum Gefängnis für viele Menschen, die nicht entkommen konnten. Waren sie schon von der Pest befallen? Wieder gab es Todesopfer zu beklagen. Erst im Frühjahr 2003 wurde die Gasse des Todes wieder geöffnet und zur makaberen Attraktion für ganz spezielle Führungen (2).

Foto 8: »Mariä Schutz«. Foto Heidi Stahl
Spukte es in der »Mary King’s Close«-Gasse? Oder gibt es eine weniger gespenstische Erklärung für seltsame Erscheinungen in dem keine zwei Meter breiten Gässchen? Einst endete es an einem See. Die Bevölkerung wuchs und wuchs, immer mehr Menschen hausten in den Elendsvierteln. So wurde der See in »Baugelände« verwandelt, das heißt man versuchte, das Gewässer zuzuschütten. So entstand ein stinkender Sumpf, dessen wabernde Dämpfe angeblich abends wie »Gespenster« aussahen. Und angeblich löste das Einatmen dieser ungesunden Schaden Halluzinationen aus.
Fragen über Fragen ergeben sich! Wenn es Geister gibt, sind das die Seelen von Verstorbenen? Halten sie sich in einem wie auch immer gearteten Zwischenreich auf? Und können sie ihre Welt verlassen und die unsere besuchen? Nach Prof. Markolf H. Niemz sind Raum und Zeit eine Illusionen und »Licht« kann die Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits überwinden. »Licht« aber sollte fototechnisch dokumentierbar sein.

Literatur
Foto 9: Sensationell!
Aries, Judas: »Gefährder Einstein/ Wie Sie Gott mit GOTT zu Fall bringen«, Norderstedt 2019 (Foto 9!)
Holbe, Rainer: »Phantastische Phänomene«, München 1993
Keller, Werner: »Was gestern noch als Wunder galt«, Zürich 1973
»One dog night« in »Fortean Times« Nr. 83
Niemz, Prof. Markolf H.: »Lucy mit c: Mit Lichtgeschwindigkeit ins Jenseits«, Norderstedt 2005
Niemz, Prof. Markolf H.: »Lucy im Licht: Dem Jenseits auf der Spur«, München 2007
Niemz, Prof. Markolf H.: »Lucys Vermächtnis: Der Schlüssel zur Ewigkeit«, München 2009
Niemz, Prof. Markolf H.: »Bin ich, wenn ich nicht mehr bin? Ein Physiker entschlüsselt die Ewigkeit«,  Freiburg 2011
Niemz, Prof. Markolf H.: »Ichwahn: Ein Physiker erklärt, warum Abgrenzung gegen unsere Natur ist. Der Schlüssel für ein neues Miteinander, München 2017

Fußnoten
1) Friedhofskirche »Mariä Schutz«, Martinsweg 3, D-3730 Fischbachau, Telefon  08028.90670
2) https://www.realmarykingsclose.com/plan-your-visit/opening-times-prices/ (Stand 23. Mai 2019)

Foto 10: Kirchhof »Mariä Schutz«.
Zu den Fotos
Foto 1: »Mariä Schutz«, Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2:  Häuptling Sitting Bull um 1883. Foto wikimedia commons/ Daniel Guggisberg historical photographs collection
Foto 3: Paul vom Hindenburg, um 1914. Foto gemeinfrei/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Abraham Lincoln/ Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Mary Todd Lincoln/ Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Mary Todd Lincoln/ Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: So soll »Mary King’s Close« ausgesehen haben. public domain
Foto 8: »Mariä Schutz«. Foto Heidi Stahl
Foto 9:
Foto 10: Kirchhof »Mariä Schutz«. Foto Heidi Stahl

494. »Berichte vom Leben nach dem Tod«
Teil 494 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 07. Juli 2019



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Sonntag, 23. Juni 2019

492. »Unsterbliche Energie und Spukerscheinungen«

Teil 492 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Pyles »Piratengeist«
Von Howard Pyle (*1853;† 1911) stammt das beeindruckende Gemälde eines »Piratengeists«. Der arme Mann, der »Untote«, nicht der Maler, muss wohl bis ans Ende aller Tage auf dem Grunde des Meeres spuken. Ob er zumindest gelegentlich auch an Land kommen darf? Unter dem Meeresspiegel kann er ja nur Fische erschrecken. Das ist doch keine zufriedenstellende Tätigkeit für einen Geist! 

Zwei Jahre lang geschah immer wieder das Unfassbare: Die hübsche Blondine Pam Hambert wurde von einer unsichtbaren Hand geschubst. Türen öffneten sich von selbst in ihrem Haus. Das Bügeleisen wurde ihr aus der Hand gerissen. Die Tür zum  Zimmer ihrer Tochter wurde nachts immer wieder wie von Geisterhand aufgerissen und krachend zugeschlagen. Den letzten Anstoß, sich endlich nach Hilfe umzusehen, gab ihr Enkel. Das Kind rannte schreiend aus der Toilette: »Da drin ist ein unsichtbarer alter Mann. Er ist durch das Fenster geklettert.« Zunächst versuchte Pam Hambert das Kind zu beruhigen, aber das gelang ihr nur bedingt. Schließlich  bat sie zwei Parapsychologen in ihr Haus nach Staines, Middlesex. Alex Owler: »Das ist ein typisches Haus für Gespenster. Solche Vorfälle ereignen sich oft in diesen kleinen Doppelhaushälften.«

Mrs. Hambert erzählte den Experten, dass sie sich in Lisas Zimmer stets unwohl fühle. »Ich bleibe höchstens kurz zum Staubwischen, dann bin ich schon wieder draußen. Nicht einmal der Hund mag da hineingehen.« Die beiden Parapsychologen fanden heraus: Im Haus nebenan hatte einmal ein alter Mann gewohnt. Als er krank wurde, machte er sich hauptsächlich um seinen Garten Sorgen. Würden ihn seine Erben verwildern lassen? Würden sie sein grünes Paradies pflegen und hegen? Sollte er seine Erben im Testament dazu verpflichten, wenn sie seine Ersparnisse »kassieren« wollten? Jener Mann hatte auch den Garten, der jetzt Pam Hambert gehörte, gepflegt. Beide Gärten waren einst die schönsten im ganzen Bezirk. Dann aber starb der alte Mann. Was so gepflegt und gehegt worden war, verwilderte. Carmen Rogers: »Der in seinen Augen unverzeihliche Umgang mit den ›kleinen Paradiesen‹, die ihm einst alles bedeuteten, schmerzt den Geist des toten Mannes. Deshalb spukt er!« Carmen Rogers war davon überzeugt, dass es möglich sein müsse, den alten Mann zu besänftigen, seinen Geist zu beschwichtigen. Und Zeugen, die jegliche Vorstellung von einer übersinnlichen Welt als Humbug ablehnen, hätten gewiss die folgenden Szenen als belustigend empfunden. Carmen Rogers redete in verschiedenen Räumen des Hauses von Pam Hambert auf den unsichtbaren Geist ein: »Schau, ich verstehe, dass du böse bist über den Garten. Aber alles, was du machst ist, diese armen Leute in Angst und Schrecken zu versetzen.«

So lächerlich die Prozedur auch einem aufgeklärten Zeitgenossen erscheinen mag, sie zeigte umgehend die erhoffte Wirkung. Die Spukerscheinungen hörten fast ganz auf und wurden schließlich gar nicht mehr registriert, als der Garten des Hauses wieder in Ordnung gebracht worden war. Jeder zehnte Engländer ist, so ergab eine Umfrage, von der Existenz von Geistern und Gespenstern überzeugt und behauptet, selbst schon einmal Kontakt mit »übernatürlichen Wesen« gehabt zu haben. In England ist die Realität von Gespenstern sogar von einem Urteil des Obersten Richters Ihrer Majestät der Königin bestätigt worden. Dem richterlichen Spruch vorausgegangen war eine Auseinandersetzung zwischen einem Hauswart und seinen Mietern. Vier Brände, die das Haus teilweise zerstört hatten, schrieben die Bewohner einem weiblichen Geist zu, der angeblich schon seit mehr als neunzig Jahren spuke. Der Hauswart wollte nichts davon wissen und klagte auf Schadenersatz. Doch der Richter wies auf seine irdischen Grenzen hin. Es sei nicht auszuschließen, dass die Brände von Geistern gelegt wurden, solange nicht das Gegenteil bewiesen sei.

Foto 2: Sigmund Freud
Weniger gefährlich waren die Begegnungen mit der »Spukfrau aus dem Salzburger Land«. In der Weihnachtszeit des Jahres 1981 wollten zunächst Jugendliche ein Gespenst gesehen haben: an der Pinzgauer Bundesstraße. Sie meldeten ihre Sichtung sofort der Polizei und wurden verlacht. Als sie auf der Wahrheit ihrer Schilderungen beharrten, drohten ihnen sogar die Ordnungshüter. Sie sollten mit »so einem Blödsinn« nicht den Betrieb der Polizeistation behindern. Glaubwürdiger war schon der Report eines Bäckermeisters. »Wegen des dichten Schneetreibens konnte ich auf der Bundesstraße nur sehr langsam, im Schritttempo, fahren. Man sah wirklich kaum etwas. Plötzlich stand am Straßenrand eine Gestalt, eine schwarzgekleidete Frau mit hellblonden Haaren. Ich hielt an. Da war sie weg, spurlos verschwunden.«

Ein anderer Autofahrer hatte da mehr Glück. Das seltsame Wesen stieg zu ihm ins Auto. Erst verhielt sich die »Spukfrau aus dem Salzburger Land« sehr schweigsam. Dann sagte sie plötzlich: »Wenn du nicht angehalten hättest, um mich mitzunehmen, dann hättest du einen schlimmen Unfall gehabt!« Kaum hatte sie das gesagt, löste sich das im Auto sitzende Wesen in Luft auf. Mehr als 120 Menschen meldeten sich nach und nach mit ähnlich schaurigen Berichten. Einige von ihnen wollen die »Spukfrau« sogar identifiziert haben: als die 22jährige Elisabeth Schilchegger aus Salzburg. Just auf der Straße, auf der sie Autofahrern erscheint, starb sie ein Jahr zuvor bei einem Unfall. Damals trug sie ihre Arbeitskleidung, ein schwarzes Kostüm. Sie war Kellnerin.

Hans Holzer (*1920; †2009), ehemals Direktor der New Yorker Gesellschaft für Parapsychologie, war von der Existenz von Geistern überzeugt. Er hat auch eine durchaus vernünftig klingende Erklärung parat. Jeder Mensch hat eine Art von »Magnetfeld«, eine Aura um sich. Es kann, so ein Mensch jäh aus diesem Leben gerissen wird, bestehen bleiben und sensitiven Menschen sichtbar werden. Ein derartiges »Kraftfeld« vermutet Holzer auch in der »Erscheinung von der Burg Wolfsegg im Landkreis Regensburg. Über Jahre hinweg erschien auf  Burg Wolfsegg der Geist der attraktiven, jung verstorbenen Gräfin, jammernd und weinend. Von einem Tag auf den anderen Tag blieb die Erscheinung aus.

Handfester ging es im »Fall Rosenheim« zu. Und da, so schien es, reichte die Theorie von der »Magnetfeldaura«, wie Hans Holzer zugeben muss, nicht mehr aus. Sobald die neunzehnjährige Annemarie ihren Arbeitsplatz in der Anwaltskanzlei Adam betrat, geschah Kurioses. Fast ein ganzes Jahr lang versetzten die Ereignisse zahlreiche Menschen in Angst und Schrecken. Glühbirnen drehten sich von selbst, wie von Geisterhand bewegt, aus den Fassungen und zerschellten am Boden. Neonröhren zerplatzten ohne ersichtlichen Grund. Kuriose Spannungsunterschiede ließen elektrische Geräte verrücktspielen. Das gesamte elektrische Netzt des Hauses musste ersetzt werden. Aktenordner flogen durch die Luft. »Geister« warfen schwere Blumenvasen durch die Gegend.

Foto 3: C.G.Jung
Einige der Phänomene wurden von einem Fernsehteam gefilmt. Da drehte sich vor laufender Kamera ein Bild an der Wand um 360 Grad. Ging die »Kraft« von dem jungen Mädchen aus? Es hatte allen Anschein, als ob diese Vermutung zuträfe. Annemarie wechselte den Arbeitsplatz. Sie fing bei einer neuen Kanzlei mit der Arbeit an. Der Spuk ging in der neuen Kanzlei weiter. Ein ähnlicher Fall schien sich in Bremen zu wiederholen. Lehrling Heinrich löste kuriose Erscheinungen aus. In seiner Gegenwart ertönten Geisterstimmen. An seinem Arbeitsplatz, der junge Mann lernte Lebensmittelkaufmann, sausten Fruchtkisten durch die Lüfte und zerbarsten an Wänden und Decken. Einmachgläser klatschten zu Boden, Teekannen platzten, ohne dass es einen ersichtlichen Grund dafür gab. Parapsychologe Professor Hans Bender berichtete ausführlich auf dem zwölften Kongress der Parapsychologischen Gesellschaft in New York über die Ereignisse und klassifizierte den Spuk als echt. Da gestand der junge Mann, alles manipuliert zu haben. war auf die Tricks hereingefallen. Eine nicht minder unrühmliche Figur machte der Professor auch im Fall »Chopper«. Er hielt die Stimme von Arzthelferin Claudia Judenmann, sie krächzte durch einen Spalt weit geöffnete Fenster Schimpfworte, für ein »Phänomen«. »Chopper« war, wie sich herausstellte,  ganz offensichtlich ein Schwindel.

Foto 4: Kirlianfotografie eines Blattes.
Gelegentlich gehen derlei Meldungen über getrickste »Spukerscheinungen« durch die Weltpresse. Sie lösen Gelächter und Beruhigung aus. Unberechtigter Weise wird dann nämlich unterstellt, dass es sich bei allen ähnlichen Phänomenen grundsätzlich und immer um Schwindel handelt. Das ist aber nicht der Fall. (Es gibt ja auch Falschgeld, woraus aber nicht die Schlussfolgerung gezogen werden kann, dass jeder Geldschein gefälscht ist.) Im Jahr 1909 diskutierten zwei berühmte Männer sehr heftig miteinander: der »Vater der Psychoanalyse«, Sigmund Freud (*1856; †1939) und Carl Gustav Jung (*1875; †1961). In ihrem schnell an Heftigkeit zunehmendem Streitgespräch ging es um übersinnliche Phänomene. Freud lehnte derlei übersinnliche Erscheinungen rundweg als unmöglich ab. Er sollte sein Urteil revidieren. C. G. Jung berichtete später: »Während Freud seine Meinung vertrat, ertönte ein solcher Krach im Bücherschrank, der unmittelbar neben uns stand, dass wir beide fürchterlich erschraken.« Er lieferte auch eine Erklärung: »Freud sprach und ich hatte dabei plötzlich eine seltsame Empfindung. Mir war, als ob mein Zwerchfell aus Eisen bestünde und glühend wurde. Dann setzte der Lärm schlagartig ein. Die Hitze war weg.« So laut der Krach auch war: Schaden entstand keiner. Weder wurden die berühmten Männer verletzt, noch wurde das Mobiliar beschädigt.

Gibt es eine »natürliche« Erklärung? Staute sich im Laufe des Gesprächs bei Jung jene Energie an, die sogar den physischen Tod des Menschen überleben und als Geistererscheinung auftreten kann? Entlud sie sich, warum auch immer, schlagartig? Energieansammlungen setzt Hans Holzer voraus: Geister als »Energierest« von plötzlich verstorbenen oder gewaltsam entleibten Menschen. Energie ist nach dem Energieerhaltungsgesetz unvergänglich. Sie wird allenfalls umgewandelt, verschwindet aber nicht ins Nichts. Nach Holzer sind Geistererscheinungen nichts anderes als Energieformen, die von sensitiv veranlagten Menschen wahrgenommen werden.

Foto 5: Kirlianfotografie eines Blattes.
Für das Forscherehepaar Semjon Davidovitsch Kirlian und Walentina Kirlian gab es keinen Zweifel an der Existenz dieser Energie, die den physischen Tod von Pflanze, Tier und Mensch überdauert. Sie entwickelten ab 1937 ein Spezialsystem, mit dessen Hilfe sie eben diese Energie nicht nur sichtbar machen, sondern auch fotografieren konnten. Sie wird in Hochfrequenzströmen sichtbar, und das bei Pflanzen, Tieren und Menschen. Sie kann fotografiert und gefilmt werden. Das so für jedermann erkennbare farbensprühende Feld bleibt bestehen, auch wenn der physische Körper nicht mehr komplett ist. Beispiel: Die Kirlianfotografie einer Hand, von der ein Finger amputiert wurde, zeigt noch einige Zeit die farbenfrohe Aura der gesamten Hand. Schneidet man das Stück eines Blattes ab, so bleibt zunächst das Bild des Blattes in der Kirlianfotografie vollständig.

Die Kirlians bekundeten in zahlreichen Interviews ihre zentrale Erkenntnis: Pflanzen, Tiere und Menschen haben so etwas wie einen Geistkörper, der im Alltag unsichtbar bleibt. Davon waren, lange bevor die Kirlians diese Energiefelder für jedermann sichtbar machen konnten, die Weisen der alten Völker schon vor Jahrhunderten, ja vor Jahrtausenden überzeugt.  Keinen Zweifel an der Existenz solcher Felder hatten schon die alten Chinesen, die Ägypter und die Inder. Der Mensch ist allem Anschein weit mehr als nur sein physischer, feststofflicher Körper. Er ist von einer Energie umgeben, die ihn einhüllt wie ein zweiter Körper. Seit den 1940er Jahren kann dieser feinstoffliche Leib fotografiert werden. Er ist es, der den Tod überdauert.

Dr. Injuschin legte einen umfangreichen Aufsatz über die Arbeit der Kirlians vor: »Die biologische Essenz des Kirlian- Effekts«. Sein zentrales Resümee: »Alle Lebewesen, Pflanzen, Tiere und Menschen, haben nicht nur einen physischen Körper, der aus Atomen und Molekülen besteht, sondern auch einen Gegenstück-Energiekörper, den wir biologischen Plasmakörper nennen wollen.« Damit war im Ostblock, zumindest in Kreisen der Wissenschaft, ein radikaler Wandel im Denken vollzogen worden. Zuvor hatte das Primat der kommunistischen Lehre über die Wissenschaft gegolten. Diese Ideologie war nichts anderes als eine vordergründig materialistische Religion, der im Osten gehuldigt wurde. Freilich gab man sie als »Wissenschaft« aus. Es durfte nur Materie geben. Auch der Mensch besteht nach dieser Ideologie nur aus Materie. Sein Leib zerfällt nach dem Tode in materielle Bestandteile. Nichts überdauert die physische Existenz.

Jetzt wurde anerkannt, dass es doch so etwas wie feinstoffliche Energie gab. Und diese Energie überdauerte den Tod. So neu war diese Erkenntnis nicht. Schon Carl Ludwig Freiherr von Reichenbach (*1788, †1869), einer der bedeutendsten Chemiker des 19. Jahrhunderts, Entdecker des Paraffins, ging davon aus, dass es neben der sichtbaren Welt des Alltagslebens eine zweite, feinstoffliche, aber genauso reale Welt gibt Diese für die meisten Menschen unsichtbare Realität könne, so Reichenbach, von Sensitiven gesehen werden. Der menschliche Leib erstrahle für sie in farbenfrohem Glanz, der den Körper eines jeden Menschen wie eine Hülle umgibt. Er nannte dieses unsichtbare Etwas Od und verstand es als Ausdruck der Lebenskraft.

Foto 6: Prof. Dr. mult. Hermann Oberth und W.-J.Langbein

Professor Dr. Dr. Ing. Hermann Oberth (*1894, †1989), der als »Vater der Weltraumfahrt« in die Wissenschaftsgeschichte einging, beschäftigte sich viele Jahre auch mit parapsychologischen Phänomenen. Im Gespräch mit dem Verfasser erklärte der nachdenkliche Philosoph: »Es wird sicher der unsichtbaren Welt des Feinstofflichen und Übersinnlichen nicht vollkommen gerecht, wenn wir sagen, dass der Mensch einen feinstofflichen Energiekörper besitzt. Wir können aber als Wissenschaftler nur das Messbare registrieren. Und die Kirlians haben nun einmal etwas wie einen unsichtbaren Energiekörper sichtbar gemacht. Jahrhunderte lang sprach man von Spuk und Geistern. Als Wissenschaftler sieht man die Dinge nüchterner. Diese Phänomene sind Erscheinungsformen einer Energie, die auch heute noch nicht in vollem Umfange ergründet ist! Diese Energie ist ›unsterblich‹.«

Literatur
Bender, Hans: »Parapsychologie«, Bremen 1970
Gierer, Alfred: »Die Physik, das Leben und die Seele«, München 1985
Langbein, Walter-Jörg: »Auch Gespenster brauchen Liebe«, in »Das Neue Zeitalter«, Nr. 39/82
Watson, Lyall: »Geheimes Wissen«, Frankfurt 1976
Watson, Lyall: »Beyond Supernature«, London 1986
Wilson, Robert Anton: »The Science of the Impossible«, New York 1969

Zu den Fotos
Foto 1: Pyles »Piratengeist«, Foto wiki commons public domain 
Foto 2: Sigmund Freud um 1921, Foto gemeinfrei.jpg
Foto 3: C.G. Jung, gemeinfrei
Foto 4: Kirlianfotografie eines Blattes. Foto wikimedia commons/ Thomas Wedekind
Foto 5: Kirlianfotografie eines Blattes. Foto wikimedia commons/ Thomas Wedekind
Foto 6: Prof. Dr. mult. Hermann Oberth und W.-J.Langbein. Foto privat

493. »Geister kann man fotografieren«,
Teil 493 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 30. Juni 2019



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Sonntag, 16. Juni 2019

491 »Das Geheimnis der kopflosen Gestalten«

Teil 491 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Der Tod ist kein Abschnitt des Daseins, sondern nur ein Zwischenereignis, ein Übergang aus einer Form des endlichen Wesens in eine andere.«, konstatierte Wilhelm von Humboldt (*1767,†1835). In unserer modernen Apparatemedizin wird versucht, den Tod als ein klar definiertes Ende des Lebens zu umschreiben. Der Todesmoment muss juristisch klar definiert werden, um festzulegen, von welchem Zeitpunkt an Organentnahmen und Übertragungen möglich sind. Jahrhunderte der Erforschung des Übersinnlichen freilich lassen erhebliche Zweifel daran aufkommen, ob es sich so eindeutig festlegen lässt, was Noch-Leben und Schon-Tod eigentlich sind. Das wird durch das Geheimnis der kopflosen Gestalten verdeutlicht.

Foto 1: Der Heilige Denis...
Schallend lacht der römische Henkersknecht. »Na, da wird es wohl doch nichts mehr werden mit deiner Stadtgründung!« Mit diesen Worten schlägt er dem Bischof von Paris, dem Heiligen Denis, den Kopf ab. Die Hinrichtung ist vollzogen. Die ersten Schaulustigen treten den Heimweg an. Doch da durchzuckt wieder (?) Leben den toten (?) Körper. Entsetzt fliehen die Menschen, allen voran der lästernde Henkersknecht. Wie eine Marionette, von einem unsichtbaren Spieler an unsichtbaren Fäden gezogen, erhebt sich der tote St. Denis, ergreift sein Haupt mit der Bischofsmütze. Er beginnt zu laufen.

St. Denis wurde zusammen mit dem Priester Rustikus und dem Diakon Eleutherius auf dem Momatre enthauptet. Ob das anno 272 oder erst 285 geschah, das konnte nicht ganz geklärt werden. König Dagobert ließ Reliquien in die Kirche der Benediktinerabtei Saint-Denis übertragen, die dadurch zum größten Heiligtum Galliens und später zu einer Art Nationalmausoleum wurde. Hier fanden fast alle Könige Frankreichs ihre letzte Ruhestätte. Die Kirchenfahne von St. Denis erlangte unter dem Namen »Oriflamme« als Siegesfahne der französischen Könige Berühmtheit. Dargestellt wird St. Denis als Bischof mit abgeschlagenen Kopf in der Hand. So zeigt ihn auch eine Statuette in der oberfränkischen Basilika Vierzehnheiligen bei Bad Staffelstein (Bauzeit:1743-1772), wo er als einer der vierzehn »Nothelfer« verehrt wird. So begegnet St. Denis uns im ehemaligen Kloster zu Corvey.

St. Denis, alias Heiliger Dionysius, wird zu den »Vierzehn Nothelfern« gezählt, die auch in meiner fränkischen Heimat verehrt werden. In der Basilika »Vierzehnheiligen« gruselte es mich als Kind beim Anblick einer Statue des Heiligen ohne Kopf, der sein abgeschlagenes Haupt trägt. Im ehemaligen Kloster Corvey fotografierte ich ihn, den Heiligen Denis. Er macht, trotz seiner misslichen Lage, eigentlich einen fidelen Eindruck.

Foto 2: ... trägt sein Haupt.
Prof. Hans Schindler Bellamy (*1901; †1982), Wien, im Gespräch mit dem Verfasser: »Das rätselhafte Geschehen um den Heiligen Denis von Frankreich stellt kein einzigartiges Mysterium dar. Doch von den Erzählungen von kopflose Gesellen ist die St. Denis-Geschichte die älteste bekannte. Wer sich mit dem Rätsel der kopflosen lebenden Toten oder der kopflosen toten Lebenden auseinandersetzen will, der muss mit St. Denis im dritten nachchristlichen Jahrhundert anfangen.« Nicht nur Heiligen wird nachgesagt, dass sie kopflos wandeln konnten.

Der Überlieferung nach wurde der legendäre Pirat Klaus Störtebeker am 20. Oktober anno 1401 auf dem »Grasbrook« bei Hamburg zum Richtblock geführt. Angeblich hat er kurz vor seinem Tod ein verlockendes Angebot gemacht. So man ihn den verschonen und ungehindert abziehen ließe, würde er sich das sehr viel kosten lassen. Er versprach für den Fall seiner Freilassung eine Goldkette, die rings um die Stadt reichen würde. Das Angebot wurde abgelehnt. Der Legende gelang dem berühmten Piraten eine wundersame Aktion. Der Henker versprach Störtebeker, allen seinen Kameraden das Leben zu schenken, an denen er nach seiner Enthauptung mit dem eigenen abgeschlagenen Kopf vorbeigehen würde. So wankte der kopflose Pirat an immerhin elf seiner Spießgesellen vorbei. Vermutlich hätte er seinen Weg noch weiter fortgesetzt, hätte man ihm nicht einen Holzscheit zwischen die Beine geworfen. Störtebeker strauchelte, wie die Legende sagt, und ging zu Boden. Seine vermeintlich geretteten Kameraden wurden trotzdem hingerichtet.

Foto 3: Klaus Störtebeker (?)
So sagt’s die Legende. An der aber ist nichts Wahres dran. Zu diesem Ergebnis kommt der Mittelalterexperte Gregor Rohmann. Nach Rohmanns profunden Recherchen war der historische Störtebeker gar kein Pirat. Der Danziger Kapitän Johann Stortebeker diente im frühen 15. Jahrhunderten verschiedenen Kriegsherrn. Um das Jahr 1400 wurden in Hamburg eine ganze Reihe von Piraten hingerichtet. Ein »Vitalienbruder Klaus Störtebeker« allerdings war nicht dabei. Der Kaufmann Stortebeker kaperte anno 1405 ein englisches Handelsschiff. Dagegen hatten die Hamburger nichts einzuwenden.

Bis ins dritte Jahrhundert zurückdatiert wird der Bericht von einer kopflosen Frau, die einem Mann namens Gabriel Fisher in der englischen Grafschaft Lancashire begegnet sein soll. Alkoholisiert war der Mann auf dem Nachhauseweg. Eben hat er, in Gesellschaft seines Hundes Trotty, das Wirtshaus »White Bull« verlassen. Plötzlich bleibt der treue Vierbeiner wie angewurzelt stehen. Eine Frau kommt des Wegs. Trotty knurrt sie an. Der Mann geht wankend weiter. Nach einigen Schritten kann er die Frau deutlicher sehen. Sie trägt ein langes, fließendes Gewand.

Foto 4: Denkmal für Störtebeker
Gabriel Fisher wundert sich, was eine doch ordentlich wirkende Frauensperson zu dieser Stunde, es ist nach Mitternacht, auf der Straße zu suchen hat. Neugierig geworden spricht er sie an. Auf seine Fragen gibt sie knappe, ausweichende Antworten. Aber plötzlich fängt sie an, hässlich zu lachen. Fisher will es erst nicht wahrhaben, aber es gibt keinen Zweifel: Die Stimme der Frau kommt aus einem Korb am Arm der Frau. Galant bietet Fisher der seltsamen Person an, ihr »Gepäck« zu tragen. Als er seinen Vorschlag macht, ertönt wieder das Lachen, und zwar aus dem Korb«! Da ist ein Tuch zur Seite gerutscht. Darunter liegt der Kopf der Frau. Der entsetzte Mann wirft den Korb weit von sich und rennt in  Todesangst los. Die Frau ergreift ihr Haupt und schleudert es Fisher nach. Schmutz spritzt zur Seite, als der Kopf in einer Pfütze aufschlägt. Lehm klebt im langen braunen Haar. Und das abgeschlagene Haupt stößt wie der ein markerschütterndes, hässliches Lachen aus.

Fisher flieht. Er  rennt so schnell er kann. Die unheimliche Erscheinung folgt ihm. Erst als er über einen kleinen Bach springt, bleibt sie zurück. Das unheimliche Phänomen wird immer wieder beschrieben . So heißt es von Anne Boleyn (*etwa 1504, †etwa 1536), der zweiten Frau Heinrich VIII., der Mutter von Elisabeth I.: Nach ihrer Enthauptung erschien sie immer wieder als scheinbar schwerelos dahinschwebendes Wesen, mit dem Kopf unter dem Arm. Zahllose Zeugen wollen sie bis in unsere Tage in prachtvollen Gewändern nahe beim Londoner Tower gesehen haben. Wie Anne Boleyn wurde auch Lord Simon Lovat (*etwa 1667, †1747) hingerichtet. Er war maßgeblich an einer Verschwörung gegen die Monarchie beteiligt. Nach seiner Enthauptung soll der Adelige wieder aufgetaucht sein, und zwar kopflos. Das sagt man auch dem Clanchef Ewen Mac Laine aus Mull nach. Er fiel auf dem Schlachtfeld und tauchte als kopfloser Geist immer wieder auf seinem Anwesen auf.

Wer freilich annimmt, dass derlei Erscheinungen nur auf tragische Geschehnisse längst vergangener Jahrhunderte zurückgehen, irrt. So ereignete sich um 1905 bei Crossett, Arkansas, USA, ein tragischer Unfall. Ein Bahnarbeiter wurde, als er etwas am stehenden Zug überprüfen wollte, enthauptet. Seither wird er häufig unweit von der Unfallstelle als ruhelos wandelnder Geist ohne Kopf gesehen. Im Dezember 1931 spielte sich in Gurdon, Arkansas, eine Tragödie ab. Vorarbeiter Will McClain entließ den Bahnarbeiter Lewis McBride wegen »Nachlässigkeit im Dienst«. Der ermordete daraufhin seinen Vorgesetzten. Der Täter wurde im Februar 1932 wegen dieses Verbrechens hingerichtet. Wenige Tage später sah man seinen kopflosen Geist ganz in der Nähe des Tatorts. Manchmal ist er klar zu erkennen. Häufig wird aber nur ein unheimliches, fahles Licht ausgemacht.

Foto 5: Der Heilige Denis...
In North Carolina bei Mintz spukt angeblich bis in unsere Tage ein Bahningenieur. Er kam bei einem Zugunfall ums Leben. In den Sechzigern sah man sein »Geisterlicht« fast jede Nacht. Als dann 1980 die Schienen abgebaut, die Bahnstrecke stillgelegt wurde, hörte der Spuk auf. Prof. Hans Schindler Bellamy (*1901; †1982) wertet: »Es gibt eine Fülle von Hinweisen auf Geistererscheinungen, von Wesen ohne Kopf. Sie verdeutlichen, wie Spukphänomene überhaupt, eine uralte Vorstellung: Der Tod bedeutet kein endgültiges Aus. Vielmehr überlebt etwas vom Menschen seinen physischen Tod. Dieses Etwas kann anscheinend sichtbar werden. Eine Frage stellt sich: Kann man an derlei Überleben eines Teils des Menschen nur glauben? Oder ist es möglich, dieses Etwas zu beweisen, im Sinne von wissenschaftlicher Exaktheit?«

Ein Leser lud mich kürzlich nach Münsingen-Bonndorf ein. Zu nächtlicher Stunde könne ich da auf einsamer Landstraße einer unheimlichen Spukgestalt begegnen. Die Frau habe »vor Jahrhunderten  ihren Ehemann ermordet, um sich ihrem Geliebten zuzuwenden. Die Täterin wurde aber bald überführt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihr wurde der Kopf abgeschlagen. Zur Strafe muss sie seither als Geist mit dem Kopf unter dem Arm Nacht für Nacht umherwamdeln. Irgendwann wird sie erlöst werden.« Auch anno 2016 sei das unheimliche Phänomen regelmäßig zu beobachten. »Angst muss man keine haben! Die Geisterfrau mit dem Kopf unter’m Arm war immer freundlich und friedlich!« Ich muss zugeben, dass ich bislang die Einladung nicht angenommen habe.

Literatur
Langbein, Walter-Jörg: »Die großen Rätsel der letzten 2.500 Jahre«, Berlin 1997
Sieveking, Paul: »Headless railmen shining on the line«, in »The Sunday Telegraph«, 6. April 1997

Zu den Fotos
Foto 1:Der Heilige Denis trägt sein abgeschlagenes Haupt. Wikimedia commons Thesupermat
Foto 2: ... trägt sein Haupt. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 3: Klaus Störtebeker (?). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Denkmal für Störtebeker. Seeräuber Klaus Störtebeker in Marienhafe, Ostfriesland. wikimedia commons Anaconda74
Foto 5: Weitere Statue vom Heiligen Denis, Avignin 15. Jahrhundert.

492. »Unsterbliche Energie und Spukerscheinungen«,
Teil 492 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23. Juni 2019



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Sonntag, 9. Juni 2019

490 »Vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod«

Teil 490 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


9. Juni 2019. Pfingstsonntag. Was für den Christen Weihnachten bedeutet, das ist auch heute noch im Zeitalter der »Schulstreiks« bekannt. Über Ostern hingegen wissen viele Zeitgenossen recht wenig. Da werden bemalte Eier und Hasen aus Schokolade verzehrt. Mit Jesu Auferstehung indes können immer weniger Zeitgenossen wirklich etwas anfangen. Und Pfingsten? Pfingsten bedeutet der »Fünfzigste«. »Pfingsten« (der »50.«) leitet sich vom griechischen Wort »pentekosté« ab. Über das mittelhochdeutsche »pfingesten« wurde aus dem griechischen Terminus die heutige Bezeichnung »Pfingsten«.

Pfingsten wird der 50. Tag der Osterzeit, 49 Tage nach der »Auferstehung«, gefeiert. Aber warum? Nach der »Apostelgeschichte« (Kapitel 2, Verse 1-41) versammelten sich Jesu Apostel in Jerusalem, um gemeinsam das jüdische Fest »Schawuot« zu feiern. »Schawuot« war ursprünglich wohl eine Art »Erntedankfest«. Aus dem jüdischen »Pessachfest«, das in Erinnerung an den Auszug der Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft zelebriert wurde, entwickelte sich das christliche »Ostern«. Und aus dem jüdischen »Schawuot« wurde das christliche »Pfingsten«.

Was aber geschah zu »Pfingsten«? Die Apostelgeschichte berichtet Wundersames! In einem »Brausen« kam, mitten in einem »Wind« eine Flut von Feuerflammen über die Apostel, die auf einmal in allen möglichen Sprachen ihren christlichen Glauben verkünden konnten. Rund 3.000 ließen sich, so die Apostelgeschichte, taufen. Zu Pfingsten soll der »Heilige Geist« über die Jünger gekommen sein. Zu Pfingsten soll mit der Taufe von 3.000 Menschen die Geschichte der christlichen Religion seinen Anfang genommen haben.

Im Zentrum der christlichen Lehre steht der Glaube an ein Leben nach dem Tod. Dass es nach dem Ableben weitergeht, davon sind laut SPIEGEL (Nr. 17/ 20.4.2019) noch 40 Prozent der Deutschen überzeugt. Das »Leben nach dem Tod« ist freilich keine christliche Erfindung. Folgen wir dieser Lehre durch Raum und Zeit. Mich fasziniert die Frage der Fragen wie Millionen von Menschen nicht erst seit meinen Studentenzeiten…


In der Stadt von Ur wuchs einst ein gewaltiger Turm in den Himmel, der als Vorbild für den biblischen »Wolkenkratzer« von Babel gedient haben könnte. Auf der Spitze der Zikkurat thronte ein Tempel, in welchem die »Heilige Hochzeit« zwischen einem »Gott« und einer »Königin« zelebriert wurde. Da sich kein leibhaftiger Gott vom Himmel herab bemühte, übernahm ein Mensch die Rolle. Vielleicht wurde auch ein Mensch zum Gott. Und eine Irdische vollzog mit ihm die »Heilige Hochzeit«. Noch älter soll die Version »Göttin – König« gewesen sein. Die Paarung hatte magische Bedeutung: Sie sollte das Weiterleben der Natur bewirken.

Foto 1:  Pieter Bruegel d. Ältere: Der Turm zu Babel. Foto gemeinfrei

Wie sich die Bilder doch gleichen: Auch die Maya-Pyramiden hatten hoch oben einen Tempel, so wie der Turm zu Babel, so wie die Zikkurats in Mesopotamien.

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts gruben Archäologen im Gebiet des heutigen Irak die uralten Gräber der Stadt Ur aus. Als sie die letzte Ruhestätte von Königin Shubad öffneten, entdeckten sie ein Massenopfer. Vor 4.500 Jahren war die Regentin von 68 Frauen ihres Hofstaats und zahlreichen Soldaten ihrer Leibwache in den Tod begleitet worden. Es fand sich keinerlei Spur von Gewalteinwirkung. Daraus schlossen die Wissenschaftler, dass die Menschen, deren Körper sorgsam in langen Reihen geordnet vorgefunden wurden, freiwillig in den Tod gegangen waren. Vermutlich hatten sie Narkotika oder ein tödliches Gift eingenommen. Die Toten sollten der Königin im Jenseits weiter dienen.

Archäologieprofessor Hans Schindler Bellamy: »Das Massenopfer ist ein Beleg dafür, dass die Menschen vor viereinhalb Jahrtausenden von einem Leben nach dem Tode überzeugt waren. Die Herrscherin musste im Jenseits von Soldaten bewacht, von treuen Dienern umsorgt werden. Ähnliche religiöse Überzeugungen prägten später auch das Leben der Inkas in Südamerika.« Bei den Inkas waren die Herrscher als Götter angesehen. Ihre sterblichen Hüllen wurden einbalsamiert und in rauschenden Festen verabschiedet. Dann, davon waren die Inkas überzeugt, würden die Edlen in eine andere Welt überwechseln. Dort sollten sie von ihren Lieblingsfrauen verwöhnt, von treuen Dienern umsorgt werden. Aus diesem Grunde wurden ihnen rituell getötete Menschen zur Begleitung mit in die Gräber gegeben.

Foto 2: Palenque, Tempel auf Pyramide
Das irdische Leben der Azteken war von ganz ähnlichen Jenseitsvorstellungen geprägt. Genauso wirklich wie das irdische Leben stellte man sich die Existenz nach dem Tode vor. In das paradiesische »Reich der Sonne am Himmel« gelangen die im Kampf getöteten Krieger, die in heiligen Ritualen Geopferten und die im Kindbett ums Leben gekommenen Frauen. In einer anderen nachirdischen Welt wartet Gott Tlaloc. Wer auf Erden etwa ertrank, der durfte danach irgendwo auf fernen Bergen über den Wolken weiterleben. Höchst unerfreulich sah freilich die Zukunft für alle übrigen Menschen aus. Sie kamen in das Unterweltreich Mictlan. Die Vorstellung von verschiedenen Totenreichen war auch bei den Germanen weit verbreitet. Walhall etwa, die »Halle der Gefallenen« war den mutigen Kriegern vorbehalten. Dieser Aufenthaltsort, auch »Gladsheim« genannt, war zugleich auch Versammlungsort der Götter, die unter dem mächtigen Dach aus Speerschäften und Schilden ihre wertvollen Throne hatten.

Jahrtausende lang war das religiöse Leben bei den »Alten Ägyptern« vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tode geprägt. Auf grausige Menschenopfer verzichtete man. Zu reichen Grabbeigaben gehörten naturgetreue, bemalte Figürchen. Sie sollten in der Welt des Jenseits den Herrschern und edlen Fürsten dienen. Das Jenseits der Ägypter war keine feingeistige Welt, sondern höchst handfest. Es galt als greifbarer Raum. Ganz oben im »Jenseits« hatte die Sonne ihren Sitz. Ganz unten hausten grässliche Krokodile und mörderische Nilpferde. Regiert wird die dunkle Seite der Jenseitswelt von Seth, dem Fürsten der Finsternis. Anno 1923 gingen Fotos um die Welt, die Howard Carter bei der Untersuchung der Mumie von Tutanchamun zeigten. Millionen interessierten sich für die Jenseitsvorstellungen der »Alten Ägypter«.

Bei den Menschen von Ur, aber auch bei den Inkas galt: Ein menschenwürdiges Leben im Jenseits dürfen nur die Vornehmsten der Vornehmen erwarten. Im Lauf der Geschichte Ägyptens vollzog sich ein Wandel. Schließlich wurde jedem Sterblichen eine ewige Seele zugebilligt, die nach dem Tod die letzte Reise vor den Thron von Osiris antreten musste. Dort warten zweiundvierzig Richter, die jede Seele aburteilen würden. Das Herz eines jeden Toten wird, daran glaubte man in Ägypten, auf die »Waage der Gerechtigkeit« gelegt. Dieses Bild vom Weiterleben der Seele findet sich auch in der persischen Religion des Zarathustra. Am vierten Tage nach dem Tode steht jeder Seele eine Bewährungsprobe bevor. Es gilt, eine Brücke in die andere Welt zu überschreiten. Rechtschaffene Menschen können sie problemlos überwinden. Ein liebreizendes junges Mädchen wartet auf der anderen Seite, als Personifizierung der guten Taten des Menschen in seinem zurückliegenden Erdendasein.

Foto 3: Auf einer mächtigen Pyramide ...

Menschen, die sich viel Böses zuschulden hatten kommen lassen, können in dieser Glaubenswelt die entscheidende Brücke nicht überqueren. Versuchen sie es trotzdem, so öffnet sie sich in der Mitte. Die böse Seele stürzt in einen Höllenschlund, ist für immer verloren. Ganz ähnlich lehrt der Koran, das heilige Buch des Islam. Wer hienieden auf Erden ein gottgefälliges Leben führt, der wird ein herrliches Paradies vorfinden, wenn er sein physisches Leben erst einmal beendet hat. Die Guten, von Allah Auserwählten, können ihre müden Glieder auf kostbaren Diwans ausruhen, sich an herrlichsten Speisen laben und werden von liebreizenden Jungfrauen, dunkeläugigen Houris, umsorgt. Vielleicht gelangten aber die »Jungfrauen« durch einen Übersetzungsfehler in den Koran. Es kann sein, dass sich der Verblichene mit Weintrauben begnügen muss. So mancher Gotteskrieger dürfte dann enttäuscht sein.  Und was wartet auf die »Bösen«? Auch die Sünder werden nach Überzeugung des Islam-Gläubigen nach dem Tode weiterleben. Aber wie! Sie sind sie dazu verdammt, in einer fürchterlichen Höllenwelt dahinzuvegetieren. Sie müssen kochendes Wasser trinken und ekelhafter Dreck dient ihnen als widerliche »Speise«.

Im Alten Griechenland gab es nicht die schlechthin gültige Doktrin vom Leben nach dem Tode. Weit verbreitet war der Glaube an eine Reise in die Unterwelt, in den Hades. Dort  vegetieren die Seelen der Verstorbenen eher schlecht als recht dahin. Dieses Reich des Gottes Hades darf aber nicht mit der jüdisch-christlichen Hölle gleichgesetzt werden. Nach der Glaubenswelt der Griechen gab es noch Tartaros, eine Hölle, und die elysischen Felder. Dort leben nur die besten, edelsten Menschen in ewig währendem Frühling. Die Anhänger der Orpheus-Sekte sahen das Jenseits als eine reale Welt an, in der die Toten leben. Ihrer Überzeugung nach bestand die theoretische Möglichkeit, aus jener jenseitigen Welt in irdische Gefilde zurückzukehren. Die christliche Vorstellung vom Leben nach dem Tode ist stark von altjüdischen Glaubenswelten bestimmt. Hölle und Paradies galten im Alten Israel keineswegs als symbolhafte Begriffe, sondern als höchst real existierende, geographische Orte auf unserer Erde.

Der Begriff der Hölle leitet sich von der biblischen »Gehenna« ab. Ursprünglich war das die Bezeichnung eines im Südwesten von Jerusalem gelegenen Tales .In jenem Ge-Henna-Tal, das ursprünglich Ge-Hinnom hieß, wurden vor Jahrtausenden Menschenopfer  dargebracht. Sie sollten den Gott Baal alias Moloch gewogen machen. Die bedauernswerten Geschöpfe wurden in speziell entwickelten Öfen bei lebendigem Leibe verbrannt. Wie viele Opfer auf diese schreckliche Weise dargebracht wurden, das kann heute nicht einmal mehr geschätzt werden. Bei Ausgrabungen im heutigen Tunis wurde ein Baal geweihter Kultplatz gefunden. 6.000 Urnen mit den verkohlten Überresten von Kindern wurden entdeckt.

Foto 4: ... thront der Tempel des Laubenkreuzes.

In die Hölle, Sheol genannt, kommen nach altjüdischer Überzeugung die Menschen, die kein gottgefälliges Leben geführt hatten. She’ol wurde als eine unterirdische Höhle angesehen, wo die »bösen Seelen« in vollkommener Dunkelheit ein jämmerliches Dasein fristen müssen. Die Welten des Diesseits und des Jenseits existieren in der altjüdischen Glaubenslehre, aus der sich das Christentum entwickelte, nebeneinander her. Es besteht die theoretische Möglichkeit, zwischen beiden Reichen zu reisen. Nach dem Buch Hiob verkehren Gott und Teufel fast kollegial miteinander. Schon im »Alten Griechenland« entstand, etwa von Pythagoras gelehrt, der Glaube von der Seelenwanderung. Nach dem physischen Tod löst sich die Seele vom Leib und ist gezwungen, in einem neuen Körper auf die Erde zurückzukehren. Im Hinduismus, etwa in Indien, gilt ebenfalls das Prinzip Wiedergeburt. Jede Seele durchläuft zahlreiche Wiederkehren auf Erden - mit dem Ziel freilich, dereinst mit dem Göttlichen eins zu werden. Aber auch der Hinduismus kennt so etwas wie Höllenwelten, eiskalte oder siedend heiße Gefilde, und himmlische Sphären der Glückseligkeit. Zwischen zwei Wiedergeburten diesen diese so ganz unterschiedlichen Welten den Seelen als Aufenthaltsorte.

Homers »Ilias« und die »Odyssee« zeichnen folgendes Bild von der Welt nach dem Tode. Die Seelen der Verstorbenen gehen in ein Schattenreich ein, in die »Gefilde der Lethe«. So erfreulich ist der Aufenthalt in jener anderen Welt nicht, zumindest nicht aus der Sicht des Menschen unserer Tage. Jeder einzelne Mensch verliert im »Haus der Lethe« seine Individualität, so er nicht in die Geheimnisse des Jenseits eingeweiht ist. Nach seinem Tode findet sich der Verstorbene am Tor zur Anderswelt. Peinigender Durst quält ihn. Da ist es mehr als verlockend, aus der munter plätschernden Quelle der Lethe zu trinken. Die meisten tun dies gierig und verlieren jegliche Erinnerung. Ihr Gedächtnis wird ausgetilgt. Der Eingeweihte freilich verschmäht diesen Trunk. Er weiß, dass es eine zweite, allerdings versteckte und schwer zu findende Quelle gibt. Sie hat ihren Ursprung im Teich der Mnemosyne. Sie ist die Nebengöttin der »Großen Mutter«. Trinkt man von ihrem Wasser, so werden nur die hässlichen, schmerzhaften Erinnerungen ausgetilgt.

Foto 5: Widmung Prof. Hans Schindler Bellamy

In jenes bessere Jenseits gelangt nicht jeder Verstorbene, sondern nur, wer sich dank eines Goldplättchens mit geheimen Inschriften als »Sohn der Erde und des Himmels, wie die Götter selbst« ausweisen kann. Glücklich ist, wer dieses Privileg genießt. Sterben bedeutet dann nicht Versinken im Vergessen und Eingehen in ein erinnerungsloses Nichts. Tod ist dann Erlösung von bedrückenden negativen Erfahrungen und der Übergang in ein neues Leben. Es ist sogar die Rückkehr auf die Erde, in die Welt der Lebenden, möglich. Dr. Friedrich W. Doucet (2) setzte sich intensiv mit den ältesten Jenseitsvorstellungen auseinander. Er entdeckte erstaunliche Parallelen zwischen der Jenseitsmodellen des Pythagoras und der Alten Inder. Was vordergründig primitiv-naiv anmuten mag, wird als bildliche Umschreibung eines höchst modernen Verständnisses erkennbar. Dr. Friedrich W. Doucet: »Die Welt ist eine Einheit, eine Ganzheit des Lebens, die Kosmos, Mensch und Erde umfasst. Das Seelische ist eine Art Energiefeld, das alles durchdringt und belebt, die tote Materie ebenso wie Pflanze, Tier und Mensch. Demnach bilden auch Körper und Seele des Menschen als Organismus eine Einheit, die als Teil mit dem Ganzen verbunden ist - durch unsichtbare oder übersinnliche Kanäle. Gestaltet, geformt und gesteuert wird dieses Ganze, die Welt, von einer kosmischen Allbewusstheit, die alles verbindet und an der alles Anteil hat. Die materielle Welt in diesem Ganzen, dem Universum, ist nur eine sichtbare Erscheinung kosmisch gestalteter Form und formgestalteter Energie.«


Je komplexer die Glaubenswelt vom Jenseits in bildhaften Darstellungen gezeichnet wird, desto deutlicher wird die Vorstellung von der Wiedergeburt eingebaut: Alles Leben ist Energie. Jeder Mensch ist wie jede Pflanze und jedes Tier Teil dieser Energie. Stirbt ein Mensch, dann geht er im Idealfall wieder in diesen Ursprung zurück. Oder er muss erneut ins reale Leben der individuellen, physischen Art zurückkehren. Diese Erkenntnis soll auch dem Königssohn Siddharta, dem Gründer des Buddhismus, offenbart worden sein - in einem Traum. Das macht eine Aussage Siddhartas mehr als deutlich: »Ich sah, als ich eines Tages meditierend im Schatten eines Feigenbaumes saß mit himmlischer, klarer, übermenschlicher Einsicht, wie die lebenden Wesen vergehen und wieder entstehen. Ich wurde mir der Erlösung bewusst und erkannte, dass der Kreislauf der Geburten sich für mich erschöpft hatte. Das Ziel des heiligen Wandels, sprach ich zu mir, ist erreicht, getan ist, was zu tun war; nicht werde ich in neuer Geburt zu dieser Welt zurückkehren.« (3)

Foto 6: Signatur Prof. Bellamy

Atman ist nach der indischen Weltsicht die persönliche Seele eines jeden menschlichen  Wesen. Atman strebt zum Brahman, zur Weltseeele. Leben ist ein ständiger Kreislauf: Das Individuum stirbt, wird wiedergeboren. Die ewige Seele des Einzelnen bleibt am Leben, auch wenn der Mensch stirbt. Die Seele sucht sich dann einen neuen Körper, eine neue Reinkarnation. Das jüdisch-christlich-muslimische Denken der religiösen Art ist reichlich materialistisch. Das religiöse »Denken« des Islam ist reichlich sexistisch. Oder wie soll man die Erwartung des männlichen Moslem bezeichnen, nach dem Tode von Jungfrauen beglückt zu werden? Für den Inder ist Wiedergeburt in die reale irdische Welt Strafe und Chance. Sie ist Strafe, weil er für böses Tun im früheren Leben bezahlen, sprich leiden muss. Sie ist Chance, weil so alte Sünden abgearbeitet werden können und der Übergang ins göttliche Nichts möglich wird.

Prof. Hans Schindler Bellamy, Wien: »Man muss also konstatieren, dass es in allen großen Religionen den festen Glauben an ein Leben nach dem Tode gibt. Die Vorstellungswelten alter Weltkulturen haben ein entscheidendes gemeinsames Merkmal. Die Toten leben in einer anderen Welt weiter. Sie haben letztlich stets die Möglichkeit, aus ihrer jenseitigen Welt in unsere diesseitige Welt vorzudringen. Diese Überzeugung reicht bis in unsere Tage hinein. Der Brauch, Gräber mit schweren Steinen abzudecken ist ein deutlicher Hinweis auf diese Überzeugung. Es sollte auf diese Weise verhindert werden, dass Jenseitige, im Jenseits lebende Tote in die Welt der Lebenden zurückkehren. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden wissenschaftliche Versuche unternommen, Kontakt mit diesen Jenseitigen aufzunehmen. Man hielt auch in Kreisen der Wissenschaft ein Wiederauftauchen von Totengeistern in unserer Welt des Diesseits für möglich.«

Fußnoten
1) Langbein, Walter-Jörg: »Persönliche Aufzeichnungen während des Studiums der evangelischen Theologie«, Erlangen, Sommersemester 1977
2) Doucet, Friedrich W.: »Forschungsprojekt Seele«, München 1971
3) Doucet, Friedrich W.: »Die Toten leben unter uns«, Wien 1979

Zu den Fotos
Foto 1:  Pieter Bruegel d. Ältere: Der Turm zu Babel. Foto gemeinfrei
Foto 2: Palenque, Tempel auf Pyramide. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 3: Hoch oben auf einer mächtigen Pyramide ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: ... thront der Tempel des Laubenkreuzes. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Widmung Prof. Hans Schindler Bellamy. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Signatur Prof. Bellamy. Foto Walter-Jörg Langbein

491 » Das Geheimnis der kopflosen Gestalten«,
Teil 491 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16. Juni 2019


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Sonntag, 2. Juni 2019

489 »Wer ist der kosmische Puppenspieler? Computersimulation 4«


Teil 489 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Edgar Allan Poe (*1809;†1849):
»Dies noch: Unrecht habt ihr kaum,
Die ihr meint, ich lebte Traum;
Schaun und Scheinen ist nur Schaum,
Nichts als Traum in einem Traum?«

»You are not wrong, who deem
That my days have been a dream.
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?«

Der Mensch sieht nicht die Wirklichkeit, sondern lediglich ihren Schatten. So lässt sich das berühmte »Höhlengleichnis« des griechischen Philosophen Plato  (*428/ 427: †348/347 v.Chr.) in einem Satz erklären. Der Mensch lebt, so steht es am Anfang von Platons siebten Buches »Politeia«. Er hockt in einer düsteren, ja beklemmenden Höhle. Sein ganzes Leben muss er hier wie ein Gefangener verbringen. Weil er fixiert ist, kann er nur auf eine Wand starren.Weit hinter seinem Rücken lodert ein Feuer. Vor dem Feuer spielt sich das reale Leben ab, das der Höhlenmensch in Platons nur als Schattenbild auf der Wand wahrnimmt.

Foto 1: Das »Höhlengleichnis« (In der Höhle)

Was würde geschehen, so fragt im Gleichnis Sokrates seinen Gesprächspartner namens Glaukon, wenn so ein Höhlenmensch freikäme. Er könnte sich nun dem Ausgang seines Gefängnisses zuwenden. Das Licht des Feuers würde ihn auf schmerzliche Weise blenden. Da der Mensch das bequem-angenehme Bekannte der unangenehmen, schmerzlichen Erkenntnis vorzieht, wird sich der Mensch wieder mit den Schattenbildern an der Wand begnügen und wieder seine gewohnte Position einnehmen.

Freiheit aber wird der Mensch, um im »Höhlengleichnis« zu bleiben, nur finden, wenn er die Höhle verlässt. Die Erkenntnis, dass die Welt außerhalb der Höhle die Wirklichkeit ist und nicht das Schattenbild an der Wand, wird zunächst sehr ungewohnt, ja schmerzlich sein. Dennoch wird er wissbegierig die wirklich Realität erkunden wollen. Die Schattenwand im Gleichnis steht für die Welt der Höhlenmenschen, wie sie Gefangenen mit ihren Sinnen erfassen. Die Trugbilder an der Wand sehen sie als die Realität schlechthin an. Damit geben sie sich zufrieden und versuchen erst gar nicht, die wahre Realität zu ergründen.

Ergeht es uns anders als den Höhlenmenschen im Gleichnis vor fast zweieinhalb Jahrtausenden? Die Höhlenmenschen sind fixiert, können nur die Schattenbilder wahrnehmen, die sie für die Gesamtheit der Wirklichkeit halten. Wenn wir in einer Computersimulation leben, dann sind wir auch »gefesselt« und nehmen nur wahr, was die Computerprogrammierer uns zu sehen, zu riechen, zu schmecken und zu hören gestatten. Sind wir wie »Pu der Bär« aus dem weltberühmten Kinderbuch von Alan Alexander Milne (*1882 in London; †1956 in Hartfield)? Aber Vorsicht: Pu scheint zwar etwas begriffsstutzig zu sein, er versteht die Wirklichkeit aber viel besser als vermeintlich hochintelligente Menschen. Frage: Wenn wir gar nicht wirklich, sondern nur eine computererzeugte Illusion sind, sind wir dann dazu in der Lage, das zu erfassen?

Foto 2: Die Welt vor der Höhle... in Platos »Höhelengleichnis«
 

Mark Twain (*1835; †1910), weltberühmter Verfasser von »Tom Sawyer« und »Huckelberry Finn« konnte sich einen Supercomputer, der den Kosmos als eine Illusion fabrizieren lässt, natürlich nicht vorstellen. 1897 bis 1908 arbeitete er an einem fantastisch anmutenden Roman. Es entstanden unzählige Versionen von ganz unterschiedlicher Länge. Die längste Fassung trug den Titel »No. 44, the Mysterious Stranger« (Etwa: »Nummer 44, der geheimnisvolle Fremde« und umfasste 65.000 Worte. Die kürzeste  Version (»Schoolhose Hill«, etwa »Der Schulhaus Hügel«) war sehr viel kürzer (15.300 Worte). Erst 2012 erschien eine Übersetzung von Oliver Fehn ins Deutsche: »Der geheimnisvolle Fremde«.

Ein Teenager namens »Satan« enthüllt eine wahrlich bemerkenswerte Sichtweise von der Realität, die stark an das vom schwedischen Philosophen Nick Bostrom entwickelte kosmische Bild. Gewiss, Markt Twain beschreibt nicht die scheinbare Wirklichkeit als Produkt einer Computersimulation, aber sehr wohl als Illusion, als Schein (1):

»›Auch das Leben selbst ist nur ein Traum.‹ Meine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Lieber Gott! Derselbe Gedanke war mir bei meinen Grübeleien schon tausendmal gekommen.›Nichts existiert wirklich, alles ist nur ein Traum. Gott – der Mensch – die Welt – die Sonne, der Mond, die Wildnis der Sterne – ein Traum, alles nur ein Traum. Nichts davon gibt es wirklich. Alles, was existiert, ist leerer Raum – und du!‹« Weiter heißt es (2) bei Mark Twain: »Es gibt keinen Gott, kein Universum, kein Menschengeschlecht, kein irdisches Leben, keinen Himmel, keine Hölle. Es ist alles nur ein Traum.«

Foto 3: Unbedingt lesenswert!
Ist alles nur ein Traum, oder doch eine computergenerierte Scheinwirklichkeit? Die Vorstellung, dass der Kosmos eine Illusion aus einem Superrechner ist, mutet fantastisch und wunderlich an. Aber wie konstatierte Gilbert Keith Chesterton (*1874; † 14. Juni 1936)? »Das Wunderbarste an den Wundern ist, dass sie manchmal wirklich geschehen.« Salvador Dali (*1904; †1989) glaubte an eine künftige, dann sicher erschütternde Erkenntnis (3): »Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes.« Ein Wort von Eugène Ionesco (*1909; †1994) kommt mir in den Sinn (4): »Denn sich etwas vorstellen, heißt eine Welt bauen, eine Welt erschaffen.«  Ich muss noch einmal fragen: Ist alles, was wir für Wirklichkeit halten die umgesetzte Imagination künftiger Computerprogrammierer?

Mein Freund und Autorenkollege Peter Hoeft hat zum Thema »Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Leben wir in einer Simulation?« ein außergewöhnliches Buch verfasst (5). Er schreibt (6): »Viele ganz normale Menschen sehen Geister, UFOs und Aliens oder erleben paranormale Dinge. Doch wie real sind diese Erlebnisse? Handelt es sich vielleicht nur um Hologramme und Simulationen? Ist diese Welt möglicherweise nur eine Nachbildung der Wirklichkeit? Leben wir vielleicht in einer Simulation, einem gtigantischen ›Holodeck‹, wie Captain Picard, Data und Co. es immer wieder aufsuchen? Immer mehr Physiker, Kosmologen und Philosophen halten es durchaus für möglich!«

Konrad Ernst Otto Zuse (*1910; †1995 in Hünfeld) war ein deutscher Bauingenieur, Erfinder und Unternehmer. Was vielen Zeitgenossen bis heute leider nicht bekannt ist: Bereits 1941 entwickelte und baute Zuse den »Z3«, den ersten funktionsfähigen,vollautomatischen, funktionstüchtigen, programmgesteuerten und frei programmierbaren Computer der Welt. Und dieser Experte von Rang, so Peter Hoeft (7) »habe sich gefragt, ob vielleicht das Universum wie ein großer Computer funktioniere oder ob vielleicht eine Art kosmische Rechenmaschine kontinuierlich das Universum und alles, was darinnen ist erschafft.«

Ganz ähnlich fragt auch mein Freund und Kollege, der Wiener Sachbuchautor und Forschungsreisender in Sachen »unerklärliche Phänomene« Reinhard Habeck (*1962) in seinem Werk »Wesen, die es nicht geben dürfte« (8): »Sind wir alle bewege Hologramme, Projektionen aus einem höherdimensionalen Raum?« Meiner Meinung nach müssen die Erschaffer einer gigantischen Computersimulation gar nicht aus einer höheren Dimension stammen. Es könnte sich schlicht und einfach um Computer-Experten der Zukunft handeln, die unzählige Varianten des Universums als künstliche Scheinexistenz programmieren. Bedenkt man, mit welch exorbitanter Geschwindigkeit sich die Computertechnologie entwickelt, dann dürften solche Illusionen schon in relativ naher Zukunft möglich sein. Schon der amerikanische Quantenphysiker David Jopseph Bohm (*1917; †1992), Reinhard Habeck weist darauf hin, hielt es für denkbar (9), »dass die objektive Realität gar nicht existiere, dass das sichtbare Universum letztlich ein Fantasiekonstrukt sei, ein unermesslich komplexes und detailliertes Hologramm.«

Gern wird im Zusammenhang mit einer Welt als Computer-Simulation der Begriff »Hologramm« verwendet. Schon heute können wir Hologramme von Menschen aufbauen, die von realen Menschen optisch nicht zu unterscheiden sind. In einer Computer-Technologie, die aus heutiger Sicht die reinste Magie wäre, wird heute noch Unvorstellbares möglich sein. Wenn wir uns das Universum als riesiges Gehirn vorstellen, dann können in diesem Gehirn Bilder hervorgerufen, die eine physisch nicht existente Welt perfekt simulieren und real erscheinen lassen. Diese Bilder würden von simulierten Wesen als vollkommen real empfunden, so real wie uns ein Gesprächspartner erscheint.

Craig Hogan, »Professor of Astronomy and Physics« an der »University of Chicago« and Direktor des »Fermilab Center« (Schwerpunkte Teilchen- und Astrophysik) spekuliert nicht nur. Er glaubt sogar einen klaren Beweis für die These vom Universum als Simulation entdeckt zu haben (10): »Räumliche Hintergrundgeräusche am Rande des Universums, die mittels Gravitationsdetektoren messbar sind. Die Eigenart dieses ›Rauschens‹, so Hogan, weise auf ein ›holografisches Universum‹ hin. Das könnte bedeuten, dass Informationen aus höheren Dimensionen in niedrigere Dimensionen kodiert worden sind. Anders ausgedrückt: Sollte sich die These bewahrheiten, wären wir Menschen dreidimensionale (mit dem Faktor Zeit vierdimensionale) holografische Schatten – erzeugt durch das Geschehen in einer höher dimensionierten Welt.«

Foto 4: Habecks Faktenthriller
Kehren wir noch einmal zum berühmten »Höhlengleichnis« Platons zurück. Die Höhlenmenschen starren fasziniert auf ihre Wand, auf der ihnen Schattenspiele vorgeführt werden (11). Diverse Gegenstände, Nachbildungen von menschlichen Wesen und Tieren Stein und aus Holz werden so vor der Lichtquelle Feuer getragen, dass sie Bilder an die Wand in der Höhle werfen. Da fragt man sich doch: Was zeigt man uns? Was für »Schattenspiele« werden für uns organisiert, die wir – wie die Höhlenmenschen – für DIE Realität halten. Welche Illusionen gaukelt man uns vor? Ja sind wir selbst nur Illusion, eine Computersimulation?

Und was geschieht, wenn wir wirklich erkennen, dass wir nur eine Illusion in einer Illusion sind? Können wir aus der simulierten Welt in die wirkliche, in die reale Welt gelangen?Und wer ist für die große Illusion verantwortlich? Wer ist der »kosmische Puppenspieler«, der einen Kosmos aus Illusionen erschafft? Wer kreiert die Illusion eines Universums, mit all seinen »Wundern«? Gott? Und warum gaukelt er wem eine Illusion als Wirklichkeit vor? Für wen?

Fußnoten
(1) Twain, Mark: »Der geheimnisvolle Fremde/ Die Abenteuer des jungen Satan«, aus dem Amerikanischen übersetzt  und vervollständigt von Oliver Fehn, Kindle Version, Pandämonium Verlag, 1. Auflage November 2012, Position 2856
(2) ebenda, Position 2897
(3) Dali, Salvador: »So wird man Dali«, Verlag Molden 1974, Seite 158
(4) »Die Zeichen unserer Zeit«, Hohenheim Verlag 2004, Seite 143
(5) Hoeft, Peter: »Geister, UFOs, Aliens/ Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Leben wir in einer Simulation?« Groß Gerau 2018
(6) ebenda, Rückumschlag
(7) ebenda, Seite 8, Zeilen 8-11 von unten
(8) Habeck, Reinhard: »Wesen, die es nicht geben dürfte/ Unheimliche Begegnungen mit Geschöpfen der Anderswelt«, Wien 2012, Seite 111, 10. und 11. Zeile von unten
(9) ebenda, Zeilen 6-8 von unten
(10) Seite 111, 1. Und 2. Zeile von unten und Seite 112, 1-9. Zeile von oben
(11) Platon: »Politeia« 514b–515a.

Literaturempfehlungen
Folgende Werke empfehle ich wärmstens zur Lektüre! Beide Bücher sind
Spannend und informativ. Beide sind wichtig und regen zum Nachdenken an!
Habeck, Reinhard: »Wesen, die es nicht geben dürfte/ Unheimliche Begegnungen mit Geschöpfen der Anderswelt«, Wien 2012


Hoeft, Peter: »Geister, UFOs, Aliens/ Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Leben wir in einer Simulation?« Groß Gerau 2018


Zu den Fotos
Foto 1: Das »Höhlengleichnis« (In der Höhle). wikimedia commons/ 4edges
Foto 2: Die Welt vor der Höhle... in Platos »Höhelengleichnis« vwikimedia commons/ 4edges
Foto 3: Unbedingt lesenswert! Buchcover Peter Hoeft. Foto Archiv Langbein/ Verlag
Foto 4: Buchcover Reinhard Habeck. Foto Archiv Langbein/ Verlag

490 »Vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod«,
Teil 490 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 9. Juni 2019



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