Sonntag, 16. Juni 2019

491 »Das Geheimnis der kopflosen Gestalten«

Teil 491 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Der Tod ist kein Abschnitt des Daseins, sondern nur ein Zwischenereignis, ein Übergang aus einer Form des endlichen Wesens in eine andere.«, konstatierte Wilhelm von Humboldt (*1767,†1835). In unserer modernen Apparatemedizin wird versucht, den Tod als ein klar definiertes Ende des Lebens zu umschreiben. Der Todesmoment muss juristisch klar definiert werden, um festzulegen, von welchem Zeitpunkt an Organentnahmen und Übertragungen möglich sind. Jahrhunderte der Erforschung des Übersinnlichen freilich lassen erhebliche Zweifel daran aufkommen, ob es sich so eindeutig festlegen lässt, was Noch-Leben und Schon-Tod eigentlich sind. Das wird durch das Geheimnis der kopflosen Gestalten verdeutlicht.

Foto 1: Der Heilige Denis...
Schallend lacht der römische Henkersknecht. »Na, da wird es wohl doch nichts mehr werden mit deiner Stadtgründung!« Mit diesen Worten schlägt er dem Bischof von Paris, dem Heiligen Denis, den Kopf ab. Die Hinrichtung ist vollzogen. Die ersten Schaulustigen treten den Heimweg an. Doch da durchzuckt wieder (?) Leben den toten (?) Körper. Entsetzt fliehen die Menschen, allen voran der lästernde Henkersknecht. Wie eine Marionette, von einem unsichtbaren Spieler an unsichtbaren Fäden gezogen, erhebt sich der tote St. Denis, ergreift sein Haupt mit der Bischofsmütze. Er beginnt zu laufen.

St. Denis wurde zusammen mit dem Priester Rustikus und dem Diakon Eleutherius auf dem Momatre enthauptet. Ob das anno 272 oder erst 285 geschah, das konnte nicht ganz geklärt werden. König Dagobert ließ Reliquien in die Kirche der Benediktinerabtei Saint-Denis übertragen, die dadurch zum größten Heiligtum Galliens und später zu einer Art Nationalmausoleum wurde. Hier fanden fast alle Könige Frankreichs ihre letzte Ruhestätte. Die Kirchenfahne von St. Denis erlangte unter dem Namen »Oriflamme« als Siegesfahne der französischen Könige Berühmtheit. Dargestellt wird St. Denis als Bischof mit abgeschlagenen Kopf in der Hand. So zeigt ihn auch eine Statuette in der oberfränkischen Basilika Vierzehnheiligen bei Bad Staffelstein (Bauzeit:1743-1772), wo er als einer der vierzehn »Nothelfer« verehrt wird. So begegnet St. Denis uns im ehemaligen Kloster zu Corvey.

St. Denis, alias Heiliger Dionysius, wird zu den »Vierzehn Nothelfern« gezählt, die auch in meiner fränkischen Heimat verehrt werden. In der Basilika »Vierzehnheiligen« gruselte es mich als Kind beim Anblick einer Statue des Heiligen ohne Kopf, der sein abgeschlagenes Haupt trägt. Im ehemaligen Kloster Corvey fotografierte ich ihn, den Heiligen Denis. Er macht, trotz seiner misslichen Lage, eigentlich einen fidelen Eindruck.

Foto 2: ... trägt sein Haupt.
Prof. Hans Schindler Bellamy (*1901; †1982), Wien, im Gespräch mit dem Verfasser: »Das rätselhafte Geschehen um den Heiligen Denis von Frankreich stellt kein einzigartiges Mysterium dar. Doch von den Erzählungen von kopflose Gesellen ist die St. Denis-Geschichte die älteste bekannte. Wer sich mit dem Rätsel der kopflosen lebenden Toten oder der kopflosen toten Lebenden auseinandersetzen will, der muss mit St. Denis im dritten nachchristlichen Jahrhundert anfangen.« Nicht nur Heiligen wird nachgesagt, dass sie kopflos wandeln konnten.

Der Überlieferung nach wurde der legendäre Pirat Klaus Störtebeker am 20. Oktober anno 1401 auf dem »Grasbrook« bei Hamburg zum Richtblock geführt. Angeblich hat er kurz vor seinem Tod ein verlockendes Angebot gemacht. So man ihn den verschonen und ungehindert abziehen ließe, würde er sich das sehr viel kosten lassen. Er versprach für den Fall seiner Freilassung eine Goldkette, die rings um die Stadt reichen würde. Das Angebot wurde abgelehnt. Der Legende gelang dem berühmten Piraten eine wundersame Aktion. Der Henker versprach Störtebeker, allen seinen Kameraden das Leben zu schenken, an denen er nach seiner Enthauptung mit dem eigenen abgeschlagenen Kopf vorbeigehen würde. So wankte der kopflose Pirat an immerhin elf seiner Spießgesellen vorbei. Vermutlich hätte er seinen Weg noch weiter fortgesetzt, hätte man ihm nicht einen Holzscheit zwischen die Beine geworfen. Störtebeker strauchelte, wie die Legende sagt, und ging zu Boden. Seine vermeintlich geretteten Kameraden wurden trotzdem hingerichtet.

Foto 3: Klaus Störtebeker (?)
So sagt’s die Legende. An der aber ist nichts Wahres dran. Zu diesem Ergebnis kommt der Mittelalterexperte Gregor Rohmann. Nach Rohmanns profunden Recherchen war der historische Störtebeker gar kein Pirat. Der Danziger Kapitän Johann Stortebeker diente im frühen 15. Jahrhunderten verschiedenen Kriegsherrn. Um das Jahr 1400 wurden in Hamburg eine ganze Reihe von Piraten hingerichtet. Ein »Vitalienbruder Klaus Störtebeker« allerdings war nicht dabei. Der Kaufmann Stortebeker kaperte anno 1405 ein englisches Handelsschiff. Dagegen hatten die Hamburger nichts einzuwenden.

Bis ins dritte Jahrhundert zurückdatiert wird der Bericht von einer kopflosen Frau, die einem Mann namens Gabriel Fisher in der englischen Grafschaft Lancashire begegnet sein soll. Alkoholisiert war der Mann auf dem Nachhauseweg. Eben hat er, in Gesellschaft seines Hundes Trotty, das Wirtshaus »White Bull« verlassen. Plötzlich bleibt der treue Vierbeiner wie angewurzelt stehen. Eine Frau kommt des Wegs. Trotty knurrt sie an. Der Mann geht wankend weiter. Nach einigen Schritten kann er die Frau deutlicher sehen. Sie trägt ein langes, fließendes Gewand.

Foto 4: Denkmal für Störtebeker
Gabriel Fisher wundert sich, was eine doch ordentlich wirkende Frauensperson zu dieser Stunde, es ist nach Mitternacht, auf der Straße zu suchen hat. Neugierig geworden spricht er sie an. Auf seine Fragen gibt sie knappe, ausweichende Antworten. Aber plötzlich fängt sie an, hässlich zu lachen. Fisher will es erst nicht wahrhaben, aber es gibt keinen Zweifel: Die Stimme der Frau kommt aus einem Korb am Arm der Frau. Galant bietet Fisher der seltsamen Person an, ihr »Gepäck« zu tragen. Als er seinen Vorschlag macht, ertönt wieder das Lachen, und zwar aus dem Korb«! Da ist ein Tuch zur Seite gerutscht. Darunter liegt der Kopf der Frau. Der entsetzte Mann wirft den Korb weit von sich und rennt in  Todesangst los. Die Frau ergreift ihr Haupt und schleudert es Fisher nach. Schmutz spritzt zur Seite, als der Kopf in einer Pfütze aufschlägt. Lehm klebt im langen braunen Haar. Und das abgeschlagene Haupt stößt wie der ein markerschütterndes, hässliches Lachen aus.

Fisher flieht. Er  rennt so schnell er kann. Die unheimliche Erscheinung folgt ihm. Erst als er über einen kleinen Bach springt, bleibt sie zurück. Das unheimliche Phänomen wird immer wieder beschrieben . So heißt es von Anne Boleyn (*etwa 1504, †etwa 1536), der zweiten Frau Heinrich VIII., der Mutter von Elisabeth I.: Nach ihrer Enthauptung erschien sie immer wieder als scheinbar schwerelos dahinschwebendes Wesen, mit dem Kopf unter dem Arm. Zahllose Zeugen wollen sie bis in unsere Tage in prachtvollen Gewändern nahe beim Londoner Tower gesehen haben. Wie Anne Boleyn wurde auch Lord Simon Lovat (*etwa 1667, †1747) hingerichtet. Er war maßgeblich an einer Verschwörung gegen die Monarchie beteiligt. Nach seiner Enthauptung soll der Adelige wieder aufgetaucht sein, und zwar kopflos. Das sagt man auch dem Clanchef Ewen Mac Laine aus Mull nach. Er fiel auf dem Schlachtfeld und tauchte als kopfloser Geist immer wieder auf seinem Anwesen auf.

Wer freilich annimmt, dass derlei Erscheinungen nur auf tragische Geschehnisse längst vergangener Jahrhunderte zurückgehen, irrt. So ereignete sich um 1905 bei Crossett, Arkansas, USA, ein tragischer Unfall. Ein Bahnarbeiter wurde, als er etwas am stehenden Zug überprüfen wollte, enthauptet. Seither wird er häufig unweit von der Unfallstelle als ruhelos wandelnder Geist ohne Kopf gesehen. Im Dezember 1931 spielte sich in Gurdon, Arkansas, eine Tragödie ab. Vorarbeiter Will McClain entließ den Bahnarbeiter Lewis McBride wegen »Nachlässigkeit im Dienst«. Der ermordete daraufhin seinen Vorgesetzten. Der Täter wurde im Februar 1932 wegen dieses Verbrechens hingerichtet. Wenige Tage später sah man seinen kopflosen Geist ganz in der Nähe des Tatorts. Manchmal ist er klar zu erkennen. Häufig wird aber nur ein unheimliches, fahles Licht ausgemacht.

Foto 5: Der Heilige Denis...
In North Carolina bei Mintz spukt angeblich bis in unsere Tage ein Bahningenieur. Er kam bei einem Zugunfall ums Leben. In den Sechzigern sah man sein »Geisterlicht« fast jede Nacht. Als dann 1980 die Schienen abgebaut, die Bahnstrecke stillgelegt wurde, hörte der Spuk auf. Prof. Hans Schindler Bellamy (*1901; †1982) wertet: »Es gibt eine Fülle von Hinweisen auf Geistererscheinungen, von Wesen ohne Kopf. Sie verdeutlichen, wie Spukphänomene überhaupt, eine uralte Vorstellung: Der Tod bedeutet kein endgültiges Aus. Vielmehr überlebt etwas vom Menschen seinen physischen Tod. Dieses Etwas kann anscheinend sichtbar werden. Eine Frage stellt sich: Kann man an derlei Überleben eines Teils des Menschen nur glauben? Oder ist es möglich, dieses Etwas zu beweisen, im Sinne von wissenschaftlicher Exaktheit?«

Ein Leser lud mich kürzlich nach Münsingen-Bonndorf ein. Zu nächtlicher Stunde könne ich da auf einsamer Landstraße einer unheimlichen Spukgestalt begegnen. Die Frau habe »vor Jahrhunderten  ihren Ehemann ermordet, um sich ihrem Geliebten zuzuwenden. Die Täterin wurde aber bald überführt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihr wurde der Kopf abgeschlagen. Zur Strafe muss sie seither als Geist mit dem Kopf unter dem Arm Nacht für Nacht umherwamdeln. Irgendwann wird sie erlöst werden.« Auch anno 2016 sei das unheimliche Phänomen regelmäßig zu beobachten. »Angst muss man keine haben! Die Geisterfrau mit dem Kopf unter’m Arm war immer freundlich und friedlich!« Ich muss zugeben, dass ich bislang die Einladung nicht angenommen habe.

Literatur
Langbein, Walter-Jörg: »Die großen Rätsel der letzten 2.500 Jahre«, Berlin 1997
Sieveking, Paul: »Headless railmen shining on the line«, in »The Sunday Telegraph«, 6. April 1997

Zu den Fotos
Foto 1:Der Heilige Denis trägt sein abgeschlagenes Haupt. Wikimedia commons Thesupermat
Foto 2: ... trägt sein Haupt. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 3: Klaus Störtebeker (?). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Denkmal für Störtebeker. Seeräuber Klaus Störtebeker in Marienhafe, Ostfriesland. wikimedia commons Anaconda74
Foto 5: Weitere Statue vom Heiligen Denis, Avignin 15. Jahrhundert.

492. »Unsterbliche Energie und Spukerscheinungen«,
Teil 492 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23. Juni 2019



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Sonntag, 9. Juni 2019

490 »Vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod«

Teil 490 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


9. Juni 2019. Pfingstsonntag. Was für den Christen Weihnachten bedeutet, das ist auch heute noch im Zeitalter der »Schulstreiks« bekannt. Über Ostern hingegen wissen viele Zeitgenossen recht wenig. Da werden bemalte Eier und Hasen aus Schokolade verzehrt. Mit Jesu Auferstehung indes können immer weniger Zeitgenossen wirklich etwas anfangen. Und Pfingsten? Pfingsten bedeutet der »Fünfzigste«. »Pfingsten« (der »50.«) leitet sich vom griechischen Wort »pentekosté« ab. Über das mittelhochdeutsche »pfingesten« wurde aus dem griechischen Terminus die heutige Bezeichnung »Pfingsten«.

Pfingsten wird der 50. Tag der Osterzeit, 49 Tage nach der »Auferstehung«, gefeiert. Aber warum? Nach der »Apostelgeschichte« (Kapitel 2, Verse 1-41) versammelten sich Jesu Apostel in Jerusalem, um gemeinsam das jüdische Fest »Schawuot« zu feiern. »Schawuot« war ursprünglich wohl eine Art »Erntedankfest«. Aus dem jüdischen »Pessachfest«, das in Erinnerung an den Auszug der Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft zelebriert wurde, entwickelte sich das christliche »Ostern«. Und aus dem jüdischen »Schawuot« wurde das christliche »Pfingsten«.

Was aber geschah zu »Pfingsten«? Die Apostelgeschichte berichtet Wundersames! In einem »Brausen« kam, mitten in einem »Wind« eine Flut von Feuerflammen über die Apostel, die auf einmal in allen möglichen Sprachen ihren christlichen Glauben verkünden konnten. Rund 3.000 ließen sich, so die Apostelgeschichte, taufen. Zu Pfingsten soll der »Heilige Geist« über die Jünger gekommen sein. Zu Pfingsten soll mit der Taufe von 3.000 Menschen die Geschichte der christlichen Religion seinen Anfang genommen haben.

Im Zentrum der christlichen Lehre steht der Glaube an ein Leben nach dem Tod. Dass es nach dem Ableben weitergeht, davon sind laut SPIEGEL (Nr. 17/ 20.4.2019) noch 40 Prozent der Deutschen überzeugt. Das »Leben nach dem Tod« ist freilich keine christliche Erfindung. Folgen wir dieser Lehre durch Raum und Zeit. Mich fasziniert die Frage der Fragen wie Millionen von Menschen nicht erst seit meinen Studentenzeiten…


In der Stadt von Ur wuchs einst ein gewaltiger Turm in den Himmel, der als Vorbild für den biblischen »Wolkenkratzer« von Babel gedient haben könnte. Auf der Spitze der Zikkurat thronte ein Tempel, in welchem die »Heilige Hochzeit« zwischen einem »Gott« und einer »Königin« zelebriert wurde. Da sich kein leibhaftiger Gott vom Himmel herab bemühte, übernahm ein Mensch die Rolle. Vielleicht wurde auch ein Mensch zum Gott. Und eine Irdische vollzog mit ihm die »Heilige Hochzeit«. Noch älter soll die Version »Göttin – König« gewesen sein. Die Paarung hatte magische Bedeutung: Sie sollte das Weiterleben der Natur bewirken.

Foto 1:  Pieter Bruegel d. Ältere: Der Turm zu Babel. Foto gemeinfrei

Wie sich die Bilder doch gleichen: Auch die Maya-Pyramiden hatten hoch oben einen Tempel, so wie der Turm zu Babel, so wie die Zikkurats in Mesopotamien.

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts gruben Archäologen im Gebiet des heutigen Irak die uralten Gräber der Stadt Ur aus. Als sie die letzte Ruhestätte von Königin Shubad öffneten, entdeckten sie ein Massenopfer. Vor 4.500 Jahren war die Regentin von 68 Frauen ihres Hofstaats und zahlreichen Soldaten ihrer Leibwache in den Tod begleitet worden. Es fand sich keinerlei Spur von Gewalteinwirkung. Daraus schlossen die Wissenschaftler, dass die Menschen, deren Körper sorgsam in langen Reihen geordnet vorgefunden wurden, freiwillig in den Tod gegangen waren. Vermutlich hatten sie Narkotika oder ein tödliches Gift eingenommen. Die Toten sollten der Königin im Jenseits weiter dienen.

Archäologieprofessor Hans Schindler Bellamy: »Das Massenopfer ist ein Beleg dafür, dass die Menschen vor viereinhalb Jahrtausenden von einem Leben nach dem Tode überzeugt waren. Die Herrscherin musste im Jenseits von Soldaten bewacht, von treuen Dienern umsorgt werden. Ähnliche religiöse Überzeugungen prägten später auch das Leben der Inkas in Südamerika.« Bei den Inkas waren die Herrscher als Götter angesehen. Ihre sterblichen Hüllen wurden einbalsamiert und in rauschenden Festen verabschiedet. Dann, davon waren die Inkas überzeugt, würden die Edlen in eine andere Welt überwechseln. Dort sollten sie von ihren Lieblingsfrauen verwöhnt, von treuen Dienern umsorgt werden. Aus diesem Grunde wurden ihnen rituell getötete Menschen zur Begleitung mit in die Gräber gegeben.

Foto 2: Palenque, Tempel auf Pyramide
Das irdische Leben der Azteken war von ganz ähnlichen Jenseitsvorstellungen geprägt. Genauso wirklich wie das irdische Leben stellte man sich die Existenz nach dem Tode vor. In das paradiesische »Reich der Sonne am Himmel« gelangen die im Kampf getöteten Krieger, die in heiligen Ritualen Geopferten und die im Kindbett ums Leben gekommenen Frauen. In einer anderen nachirdischen Welt wartet Gott Tlaloc. Wer auf Erden etwa ertrank, der durfte danach irgendwo auf fernen Bergen über den Wolken weiterleben. Höchst unerfreulich sah freilich die Zukunft für alle übrigen Menschen aus. Sie kamen in das Unterweltreich Mictlan. Die Vorstellung von verschiedenen Totenreichen war auch bei den Germanen weit verbreitet. Walhall etwa, die »Halle der Gefallenen« war den mutigen Kriegern vorbehalten. Dieser Aufenthaltsort, auch »Gladsheim« genannt, war zugleich auch Versammlungsort der Götter, die unter dem mächtigen Dach aus Speerschäften und Schilden ihre wertvollen Throne hatten.

Jahrtausende lang war das religiöse Leben bei den »Alten Ägyptern« vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tode geprägt. Auf grausige Menschenopfer verzichtete man. Zu reichen Grabbeigaben gehörten naturgetreue, bemalte Figürchen. Sie sollten in der Welt des Jenseits den Herrschern und edlen Fürsten dienen. Das Jenseits der Ägypter war keine feingeistige Welt, sondern höchst handfest. Es galt als greifbarer Raum. Ganz oben im »Jenseits« hatte die Sonne ihren Sitz. Ganz unten hausten grässliche Krokodile und mörderische Nilpferde. Regiert wird die dunkle Seite der Jenseitswelt von Seth, dem Fürsten der Finsternis. Anno 1923 gingen Fotos um die Welt, die Howard Carter bei der Untersuchung der Mumie von Tutanchamun zeigten. Millionen interessierten sich für die Jenseitsvorstellungen der »Alten Ägypter«.

Bei den Menschen von Ur, aber auch bei den Inkas galt: Ein menschenwürdiges Leben im Jenseits dürfen nur die Vornehmsten der Vornehmen erwarten. Im Lauf der Geschichte Ägyptens vollzog sich ein Wandel. Schließlich wurde jedem Sterblichen eine ewige Seele zugebilligt, die nach dem Tod die letzte Reise vor den Thron von Osiris antreten musste. Dort warten zweiundvierzig Richter, die jede Seele aburteilen würden. Das Herz eines jeden Toten wird, daran glaubte man in Ägypten, auf die »Waage der Gerechtigkeit« gelegt. Dieses Bild vom Weiterleben der Seele findet sich auch in der persischen Religion des Zarathustra. Am vierten Tage nach dem Tode steht jeder Seele eine Bewährungsprobe bevor. Es gilt, eine Brücke in die andere Welt zu überschreiten. Rechtschaffene Menschen können sie problemlos überwinden. Ein liebreizendes junges Mädchen wartet auf der anderen Seite, als Personifizierung der guten Taten des Menschen in seinem zurückliegenden Erdendasein.

Foto 3: Auf einer mächtigen Pyramide ...

Menschen, die sich viel Böses zuschulden hatten kommen lassen, können in dieser Glaubenswelt die entscheidende Brücke nicht überqueren. Versuchen sie es trotzdem, so öffnet sie sich in der Mitte. Die böse Seele stürzt in einen Höllenschlund, ist für immer verloren. Ganz ähnlich lehrt der Koran, das heilige Buch des Islam. Wer hienieden auf Erden ein gottgefälliges Leben führt, der wird ein herrliches Paradies vorfinden, wenn er sein physisches Leben erst einmal beendet hat. Die Guten, von Allah Auserwählten, können ihre müden Glieder auf kostbaren Diwans ausruhen, sich an herrlichsten Speisen laben und werden von liebreizenden Jungfrauen, dunkeläugigen Houris, umsorgt. Vielleicht gelangten aber die »Jungfrauen« durch einen Übersetzungsfehler in den Koran. Es kann sein, dass sich der Verblichene mit Weintrauben begnügen muss. So mancher Gotteskrieger dürfte dann enttäuscht sein.  Und was wartet auf die »Bösen«? Auch die Sünder werden nach Überzeugung des Islam-Gläubigen nach dem Tode weiterleben. Aber wie! Sie sind sie dazu verdammt, in einer fürchterlichen Höllenwelt dahinzuvegetieren. Sie müssen kochendes Wasser trinken und ekelhafter Dreck dient ihnen als widerliche »Speise«.

Im Alten Griechenland gab es nicht die schlechthin gültige Doktrin vom Leben nach dem Tode. Weit verbreitet war der Glaube an eine Reise in die Unterwelt, in den Hades. Dort  vegetieren die Seelen der Verstorbenen eher schlecht als recht dahin. Dieses Reich des Gottes Hades darf aber nicht mit der jüdisch-christlichen Hölle gleichgesetzt werden. Nach der Glaubenswelt der Griechen gab es noch Tartaros, eine Hölle, und die elysischen Felder. Dort leben nur die besten, edelsten Menschen in ewig währendem Frühling. Die Anhänger der Orpheus-Sekte sahen das Jenseits als eine reale Welt an, in der die Toten leben. Ihrer Überzeugung nach bestand die theoretische Möglichkeit, aus jener jenseitigen Welt in irdische Gefilde zurückzukehren. Die christliche Vorstellung vom Leben nach dem Tode ist stark von altjüdischen Glaubenswelten bestimmt. Hölle und Paradies galten im Alten Israel keineswegs als symbolhafte Begriffe, sondern als höchst real existierende, geographische Orte auf unserer Erde.

Der Begriff der Hölle leitet sich von der biblischen »Gehenna« ab. Ursprünglich war das die Bezeichnung eines im Südwesten von Jerusalem gelegenen Tales .In jenem Ge-Henna-Tal, das ursprünglich Ge-Hinnom hieß, wurden vor Jahrtausenden Menschenopfer  dargebracht. Sie sollten den Gott Baal alias Moloch gewogen machen. Die bedauernswerten Geschöpfe wurden in speziell entwickelten Öfen bei lebendigem Leibe verbrannt. Wie viele Opfer auf diese schreckliche Weise dargebracht wurden, das kann heute nicht einmal mehr geschätzt werden. Bei Ausgrabungen im heutigen Tunis wurde ein Baal geweihter Kultplatz gefunden. 6.000 Urnen mit den verkohlten Überresten von Kindern wurden entdeckt.

Foto 4: ... thront der Tempel des Laubenkreuzes.

In die Hölle, Sheol genannt, kommen nach altjüdischer Überzeugung die Menschen, die kein gottgefälliges Leben geführt hatten. She’ol wurde als eine unterirdische Höhle angesehen, wo die »bösen Seelen« in vollkommener Dunkelheit ein jämmerliches Dasein fristen müssen. Die Welten des Diesseits und des Jenseits existieren in der altjüdischen Glaubenslehre, aus der sich das Christentum entwickelte, nebeneinander her. Es besteht die theoretische Möglichkeit, zwischen beiden Reichen zu reisen. Nach dem Buch Hiob verkehren Gott und Teufel fast kollegial miteinander. Schon im »Alten Griechenland« entstand, etwa von Pythagoras gelehrt, der Glaube von der Seelenwanderung. Nach dem physischen Tod löst sich die Seele vom Leib und ist gezwungen, in einem neuen Körper auf die Erde zurückzukehren. Im Hinduismus, etwa in Indien, gilt ebenfalls das Prinzip Wiedergeburt. Jede Seele durchläuft zahlreiche Wiederkehren auf Erden - mit dem Ziel freilich, dereinst mit dem Göttlichen eins zu werden. Aber auch der Hinduismus kennt so etwas wie Höllenwelten, eiskalte oder siedend heiße Gefilde, und himmlische Sphären der Glückseligkeit. Zwischen zwei Wiedergeburten diesen diese so ganz unterschiedlichen Welten den Seelen als Aufenthaltsorte.

Homers »Ilias« und die »Odyssee« zeichnen folgendes Bild von der Welt nach dem Tode. Die Seelen der Verstorbenen gehen in ein Schattenreich ein, in die »Gefilde der Lethe«. So erfreulich ist der Aufenthalt in jener anderen Welt nicht, zumindest nicht aus der Sicht des Menschen unserer Tage. Jeder einzelne Mensch verliert im »Haus der Lethe« seine Individualität, so er nicht in die Geheimnisse des Jenseits eingeweiht ist. Nach seinem Tode findet sich der Verstorbene am Tor zur Anderswelt. Peinigender Durst quält ihn. Da ist es mehr als verlockend, aus der munter plätschernden Quelle der Lethe zu trinken. Die meisten tun dies gierig und verlieren jegliche Erinnerung. Ihr Gedächtnis wird ausgetilgt. Der Eingeweihte freilich verschmäht diesen Trunk. Er weiß, dass es eine zweite, allerdings versteckte und schwer zu findende Quelle gibt. Sie hat ihren Ursprung im Teich der Mnemosyne. Sie ist die Nebengöttin der »Großen Mutter«. Trinkt man von ihrem Wasser, so werden nur die hässlichen, schmerzhaften Erinnerungen ausgetilgt.

Foto 5: Widmung Prof. Hans Schindler Bellamy

In jenes bessere Jenseits gelangt nicht jeder Verstorbene, sondern nur, wer sich dank eines Goldplättchens mit geheimen Inschriften als »Sohn der Erde und des Himmels, wie die Götter selbst« ausweisen kann. Glücklich ist, wer dieses Privileg genießt. Sterben bedeutet dann nicht Versinken im Vergessen und Eingehen in ein erinnerungsloses Nichts. Tod ist dann Erlösung von bedrückenden negativen Erfahrungen und der Übergang in ein neues Leben. Es ist sogar die Rückkehr auf die Erde, in die Welt der Lebenden, möglich. Dr. Friedrich W. Doucet (2) setzte sich intensiv mit den ältesten Jenseitsvorstellungen auseinander. Er entdeckte erstaunliche Parallelen zwischen der Jenseitsmodellen des Pythagoras und der Alten Inder. Was vordergründig primitiv-naiv anmuten mag, wird als bildliche Umschreibung eines höchst modernen Verständnisses erkennbar. Dr. Friedrich W. Doucet: »Die Welt ist eine Einheit, eine Ganzheit des Lebens, die Kosmos, Mensch und Erde umfasst. Das Seelische ist eine Art Energiefeld, das alles durchdringt und belebt, die tote Materie ebenso wie Pflanze, Tier und Mensch. Demnach bilden auch Körper und Seele des Menschen als Organismus eine Einheit, die als Teil mit dem Ganzen verbunden ist - durch unsichtbare oder übersinnliche Kanäle. Gestaltet, geformt und gesteuert wird dieses Ganze, die Welt, von einer kosmischen Allbewusstheit, die alles verbindet und an der alles Anteil hat. Die materielle Welt in diesem Ganzen, dem Universum, ist nur eine sichtbare Erscheinung kosmisch gestalteter Form und formgestalteter Energie.«


Je komplexer die Glaubenswelt vom Jenseits in bildhaften Darstellungen gezeichnet wird, desto deutlicher wird die Vorstellung von der Wiedergeburt eingebaut: Alles Leben ist Energie. Jeder Mensch ist wie jede Pflanze und jedes Tier Teil dieser Energie. Stirbt ein Mensch, dann geht er im Idealfall wieder in diesen Ursprung zurück. Oder er muss erneut ins reale Leben der individuellen, physischen Art zurückkehren. Diese Erkenntnis soll auch dem Königssohn Siddharta, dem Gründer des Buddhismus, offenbart worden sein - in einem Traum. Das macht eine Aussage Siddhartas mehr als deutlich: »Ich sah, als ich eines Tages meditierend im Schatten eines Feigenbaumes saß mit himmlischer, klarer, übermenschlicher Einsicht, wie die lebenden Wesen vergehen und wieder entstehen. Ich wurde mir der Erlösung bewusst und erkannte, dass der Kreislauf der Geburten sich für mich erschöpft hatte. Das Ziel des heiligen Wandels, sprach ich zu mir, ist erreicht, getan ist, was zu tun war; nicht werde ich in neuer Geburt zu dieser Welt zurückkehren.« (3)

Foto 6: Signatur Prof. Bellamy

Atman ist nach der indischen Weltsicht die persönliche Seele eines jeden menschlichen  Wesen. Atman strebt zum Brahman, zur Weltseeele. Leben ist ein ständiger Kreislauf: Das Individuum stirbt, wird wiedergeboren. Die ewige Seele des Einzelnen bleibt am Leben, auch wenn der Mensch stirbt. Die Seele sucht sich dann einen neuen Körper, eine neue Reinkarnation. Das jüdisch-christlich-muslimische Denken der religiösen Art ist reichlich materialistisch. Das religiöse »Denken« des Islam ist reichlich sexistisch. Oder wie soll man die Erwartung des männlichen Moslem bezeichnen, nach dem Tode von Jungfrauen beglückt zu werden? Für den Inder ist Wiedergeburt in die reale irdische Welt Strafe und Chance. Sie ist Strafe, weil er für böses Tun im früheren Leben bezahlen, sprich leiden muss. Sie ist Chance, weil so alte Sünden abgearbeitet werden können und der Übergang ins göttliche Nichts möglich wird.

Prof. Hans Schindler Bellamy, Wien: »Man muss also konstatieren, dass es in allen großen Religionen den festen Glauben an ein Leben nach dem Tode gibt. Die Vorstellungswelten alter Weltkulturen haben ein entscheidendes gemeinsames Merkmal. Die Toten leben in einer anderen Welt weiter. Sie haben letztlich stets die Möglichkeit, aus ihrer jenseitigen Welt in unsere diesseitige Welt vorzudringen. Diese Überzeugung reicht bis in unsere Tage hinein. Der Brauch, Gräber mit schweren Steinen abzudecken ist ein deutlicher Hinweis auf diese Überzeugung. Es sollte auf diese Weise verhindert werden, dass Jenseitige, im Jenseits lebende Tote in die Welt der Lebenden zurückkehren. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden wissenschaftliche Versuche unternommen, Kontakt mit diesen Jenseitigen aufzunehmen. Man hielt auch in Kreisen der Wissenschaft ein Wiederauftauchen von Totengeistern in unserer Welt des Diesseits für möglich.«

Fußnoten
1) Langbein, Walter-Jörg: »Persönliche Aufzeichnungen während des Studiums der evangelischen Theologie«, Erlangen, Sommersemester 1977
2) Doucet, Friedrich W.: »Forschungsprojekt Seele«, München 1971
3) Doucet, Friedrich W.: »Die Toten leben unter uns«, Wien 1979

Zu den Fotos
Foto 1:  Pieter Bruegel d. Ältere: Der Turm zu Babel. Foto gemeinfrei
Foto 2: Palenque, Tempel auf Pyramide. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 3: Hoch oben auf einer mächtigen Pyramide ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: ... thront der Tempel des Laubenkreuzes. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Widmung Prof. Hans Schindler Bellamy. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Signatur Prof. Bellamy. Foto Walter-Jörg Langbein

491 » Das Geheimnis der kopflosen Gestalten«,
Teil 491 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16. Juni 2019


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Sonntag, 2. Juni 2019

489 »Wer ist der kosmische Puppenspieler? Computersimulation 4«


Teil 489 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Edgar Allan Poe (*1809;†1849):
»Dies noch: Unrecht habt ihr kaum,
Die ihr meint, ich lebte Traum;
Schaun und Scheinen ist nur Schaum,
Nichts als Traum in einem Traum?«

»You are not wrong, who deem
That my days have been a dream.
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?«

Der Mensch sieht nicht die Wirklichkeit, sondern lediglich ihren Schatten. So lässt sich das berühmte »Höhlengleichnis« des griechischen Philosophen Plato  (*428/ 427: †348/347 v.Chr.) in einem Satz erklären. Der Mensch lebt, so steht es am Anfang von Platons siebten Buches »Politeia«. Er hockt in einer düsteren, ja beklemmenden Höhle. Sein ganzes Leben muss er hier wie ein Gefangener verbringen. Weil er fixiert ist, kann er nur auf eine Wand starren.Weit hinter seinem Rücken lodert ein Feuer. Vor dem Feuer spielt sich das reale Leben ab, das der Höhlenmensch in Platons nur als Schattenbild auf der Wand wahrnimmt.

Foto 1: Das »Höhlengleichnis« (In der Höhle)

Was würde geschehen, so fragt im Gleichnis Sokrates seinen Gesprächspartner namens Glaukon, wenn so ein Höhlenmensch freikäme. Er könnte sich nun dem Ausgang seines Gefängnisses zuwenden. Das Licht des Feuers würde ihn auf schmerzliche Weise blenden. Da der Mensch das bequem-angenehme Bekannte der unangenehmen, schmerzlichen Erkenntnis vorzieht, wird sich der Mensch wieder mit den Schattenbildern an der Wand begnügen und wieder seine gewohnte Position einnehmen.

Freiheit aber wird der Mensch, um im »Höhlengleichnis« zu bleiben, nur finden, wenn er die Höhle verlässt. Die Erkenntnis, dass die Welt außerhalb der Höhle die Wirklichkeit ist und nicht das Schattenbild an der Wand, wird zunächst sehr ungewohnt, ja schmerzlich sein. Dennoch wird er wissbegierig die wirklich Realität erkunden wollen. Die Schattenwand im Gleichnis steht für die Welt der Höhlenmenschen, wie sie Gefangenen mit ihren Sinnen erfassen. Die Trugbilder an der Wand sehen sie als die Realität schlechthin an. Damit geben sie sich zufrieden und versuchen erst gar nicht, die wahre Realität zu ergründen.

Ergeht es uns anders als den Höhlenmenschen im Gleichnis vor fast zweieinhalb Jahrtausenden? Die Höhlenmenschen sind fixiert, können nur die Schattenbilder wahrnehmen, die sie für die Gesamtheit der Wirklichkeit halten. Wenn wir in einer Computersimulation leben, dann sind wir auch »gefesselt« und nehmen nur wahr, was die Computerprogrammierer uns zu sehen, zu riechen, zu schmecken und zu hören gestatten. Sind wir wie »Pu der Bär« aus dem weltberühmten Kinderbuch von Alan Alexander Milne (*1882 in London; †1956 in Hartfield)? Aber Vorsicht: Pu scheint zwar etwas begriffsstutzig zu sein, er versteht die Wirklichkeit aber viel besser als vermeintlich hochintelligente Menschen. Frage: Wenn wir gar nicht wirklich, sondern nur eine computererzeugte Illusion sind, sind wir dann dazu in der Lage, das zu erfassen?

Foto 2: Die Welt vor der Höhle... in Platos »Höhelengleichnis«
 

Mark Twain (*1835; †1910), weltberühmter Verfasser von »Tom Sawyer« und »Huckelberry Finn« konnte sich einen Supercomputer, der den Kosmos als eine Illusion fabrizieren lässt, natürlich nicht vorstellen. 1897 bis 1908 arbeitete er an einem fantastisch anmutenden Roman. Es entstanden unzählige Versionen von ganz unterschiedlicher Länge. Die längste Fassung trug den Titel »No. 44, the Mysterious Stranger« (Etwa: »Nummer 44, der geheimnisvolle Fremde« und umfasste 65.000 Worte. Die kürzeste  Version (»Schoolhose Hill«, etwa »Der Schulhaus Hügel«) war sehr viel kürzer (15.300 Worte). Erst 2012 erschien eine Übersetzung von Oliver Fehn ins Deutsche: »Der geheimnisvolle Fremde«.

Ein Teenager namens »Satan« enthüllt eine wahrlich bemerkenswerte Sichtweise von der Realität, die stark an das vom schwedischen Philosophen Nick Bostrom entwickelte kosmische Bild. Gewiss, Markt Twain beschreibt nicht die scheinbare Wirklichkeit als Produkt einer Computersimulation, aber sehr wohl als Illusion, als Schein (1):

»›Auch das Leben selbst ist nur ein Traum.‹ Meine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Lieber Gott! Derselbe Gedanke war mir bei meinen Grübeleien schon tausendmal gekommen.›Nichts existiert wirklich, alles ist nur ein Traum. Gott – der Mensch – die Welt – die Sonne, der Mond, die Wildnis der Sterne – ein Traum, alles nur ein Traum. Nichts davon gibt es wirklich. Alles, was existiert, ist leerer Raum – und du!‹« Weiter heißt es (2) bei Mark Twain: »Es gibt keinen Gott, kein Universum, kein Menschengeschlecht, kein irdisches Leben, keinen Himmel, keine Hölle. Es ist alles nur ein Traum.«

Foto 3: Unbedingt lesenswert!
Ist alles nur ein Traum, oder doch eine computergenerierte Scheinwirklichkeit? Die Vorstellung, dass der Kosmos eine Illusion aus einem Superrechner ist, mutet fantastisch und wunderlich an. Aber wie konstatierte Gilbert Keith Chesterton (*1874; † 14. Juni 1936)? »Das Wunderbarste an den Wundern ist, dass sie manchmal wirklich geschehen.« Salvador Dali (*1904; †1989) glaubte an eine künftige, dann sicher erschütternde Erkenntnis (3): »Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes.« Ein Wort von Eugène Ionesco (*1909; †1994) kommt mir in den Sinn (4): »Denn sich etwas vorstellen, heißt eine Welt bauen, eine Welt erschaffen.«  Ich muss noch einmal fragen: Ist alles, was wir für Wirklichkeit halten die umgesetzte Imagination künftiger Computerprogrammierer?

Mein Freund und Autorenkollege Peter Hoeft hat zum Thema »Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Leben wir in einer Simulation?« ein außergewöhnliches Buch verfasst (5). Er schreibt (6): »Viele ganz normale Menschen sehen Geister, UFOs und Aliens oder erleben paranormale Dinge. Doch wie real sind diese Erlebnisse? Handelt es sich vielleicht nur um Hologramme und Simulationen? Ist diese Welt möglicherweise nur eine Nachbildung der Wirklichkeit? Leben wir vielleicht in einer Simulation, einem gtigantischen ›Holodeck‹, wie Captain Picard, Data und Co. es immer wieder aufsuchen? Immer mehr Physiker, Kosmologen und Philosophen halten es durchaus für möglich!«

Konrad Ernst Otto Zuse (*1910; †1995 in Hünfeld) war ein deutscher Bauingenieur, Erfinder und Unternehmer. Was vielen Zeitgenossen bis heute leider nicht bekannt ist: Bereits 1941 entwickelte und baute Zuse den »Z3«, den ersten funktionsfähigen,vollautomatischen, funktionstüchtigen, programmgesteuerten und frei programmierbaren Computer der Welt. Und dieser Experte von Rang, so Peter Hoeft (7) »habe sich gefragt, ob vielleicht das Universum wie ein großer Computer funktioniere oder ob vielleicht eine Art kosmische Rechenmaschine kontinuierlich das Universum und alles, was darinnen ist erschafft.«

Ganz ähnlich fragt auch mein Freund und Kollege, der Wiener Sachbuchautor und Forschungsreisender in Sachen »unerklärliche Phänomene« Reinhard Habeck (*1962) in seinem Werk »Wesen, die es nicht geben dürfte« (8): »Sind wir alle bewege Hologramme, Projektionen aus einem höherdimensionalen Raum?« Meiner Meinung nach müssen die Erschaffer einer gigantischen Computersimulation gar nicht aus einer höheren Dimension stammen. Es könnte sich schlicht und einfach um Computer-Experten der Zukunft handeln, die unzählige Varianten des Universums als künstliche Scheinexistenz programmieren. Bedenkt man, mit welch exorbitanter Geschwindigkeit sich die Computertechnologie entwickelt, dann dürften solche Illusionen schon in relativ naher Zukunft möglich sein. Schon der amerikanische Quantenphysiker David Jopseph Bohm (*1917; †1992), Reinhard Habeck weist darauf hin, hielt es für denkbar (9), »dass die objektive Realität gar nicht existiere, dass das sichtbare Universum letztlich ein Fantasiekonstrukt sei, ein unermesslich komplexes und detailliertes Hologramm.«

Gern wird im Zusammenhang mit einer Welt als Computer-Simulation der Begriff »Hologramm« verwendet. Schon heute können wir Hologramme von Menschen aufbauen, die von realen Menschen optisch nicht zu unterscheiden sind. In einer Computer-Technologie, die aus heutiger Sicht die reinste Magie wäre, wird heute noch Unvorstellbares möglich sein. Wenn wir uns das Universum als riesiges Gehirn vorstellen, dann können in diesem Gehirn Bilder hervorgerufen, die eine physisch nicht existente Welt perfekt simulieren und real erscheinen lassen. Diese Bilder würden von simulierten Wesen als vollkommen real empfunden, so real wie uns ein Gesprächspartner erscheint.

Craig Hogan, »Professor of Astronomy and Physics« an der »University of Chicago« and Direktor des »Fermilab Center« (Schwerpunkte Teilchen- und Astrophysik) spekuliert nicht nur. Er glaubt sogar einen klaren Beweis für die These vom Universum als Simulation entdeckt zu haben (10): »Räumliche Hintergrundgeräusche am Rande des Universums, die mittels Gravitationsdetektoren messbar sind. Die Eigenart dieses ›Rauschens‹, so Hogan, weise auf ein ›holografisches Universum‹ hin. Das könnte bedeuten, dass Informationen aus höheren Dimensionen in niedrigere Dimensionen kodiert worden sind. Anders ausgedrückt: Sollte sich die These bewahrheiten, wären wir Menschen dreidimensionale (mit dem Faktor Zeit vierdimensionale) holografische Schatten – erzeugt durch das Geschehen in einer höher dimensionierten Welt.«

Foto 4: Habecks Faktenthriller
Kehren wir noch einmal zum berühmten »Höhlengleichnis« Platons zurück. Die Höhlenmenschen starren fasziniert auf ihre Wand, auf der ihnen Schattenspiele vorgeführt werden (11). Diverse Gegenstände, Nachbildungen von menschlichen Wesen und Tieren Stein und aus Holz werden so vor der Lichtquelle Feuer getragen, dass sie Bilder an die Wand in der Höhle werfen. Da fragt man sich doch: Was zeigt man uns? Was für »Schattenspiele« werden für uns organisiert, die wir – wie die Höhlenmenschen – für DIE Realität halten. Welche Illusionen gaukelt man uns vor? Ja sind wir selbst nur Illusion, eine Computersimulation?

Und was geschieht, wenn wir wirklich erkennen, dass wir nur eine Illusion in einer Illusion sind? Können wir aus der simulierten Welt in die wirkliche, in die reale Welt gelangen?Und wer ist für die große Illusion verantwortlich? Wer ist der »kosmische Puppenspieler«, der einen Kosmos aus Illusionen erschafft? Wer kreiert die Illusion eines Universums, mit all seinen »Wundern«? Gott? Und warum gaukelt er wem eine Illusion als Wirklichkeit vor? Für wen?

Fußnoten
(1) Twain, Mark: »Der geheimnisvolle Fremde/ Die Abenteuer des jungen Satan«, aus dem Amerikanischen übersetzt  und vervollständigt von Oliver Fehn, Kindle Version, Pandämonium Verlag, 1. Auflage November 2012, Position 2856
(2) ebenda, Position 2897
(3) Dali, Salvador: »So wird man Dali«, Verlag Molden 1974, Seite 158
(4) »Die Zeichen unserer Zeit«, Hohenheim Verlag 2004, Seite 143
(5) Hoeft, Peter: »Geister, UFOs, Aliens/ Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Leben wir in einer Simulation?« Groß Gerau 2018
(6) ebenda, Rückumschlag
(7) ebenda, Seite 8, Zeilen 8-11 von unten
(8) Habeck, Reinhard: »Wesen, die es nicht geben dürfte/ Unheimliche Begegnungen mit Geschöpfen der Anderswelt«, Wien 2012, Seite 111, 10. und 11. Zeile von unten
(9) ebenda, Zeilen 6-8 von unten
(10) Seite 111, 1. Und 2. Zeile von unten und Seite 112, 1-9. Zeile von oben
(11) Platon: »Politeia« 514b–515a.

Literaturempfehlungen
Folgende Werke empfehle ich wärmstens zur Lektüre! Beide Bücher sind
Spannend und informativ. Beide sind wichtig und regen zum Nachdenken an!
Habeck, Reinhard: »Wesen, die es nicht geben dürfte/ Unheimliche Begegnungen mit Geschöpfen der Anderswelt«, Wien 2012


Hoeft, Peter: »Geister, UFOs, Aliens/ Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Leben wir in einer Simulation?« Groß Gerau 2018


Zu den Fotos
Foto 1: Das »Höhlengleichnis« (In der Höhle). wikimedia commons/ 4edges
Foto 2: Die Welt vor der Höhle... in Platos »Höhelengleichnis« vwikimedia commons/ 4edges
Foto 3: Unbedingt lesenswert! Buchcover Peter Hoeft. Foto Archiv Langbein/ Verlag
Foto 4: Buchcover Reinhard Habeck. Foto Archiv Langbein/ Verlag

490 »Vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod«,
Teil 490 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 9. Juni 2019



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