Sonntag, 29. Juli 2018

445 »Das Mekka Südamerikas«


Teil 445 der Serie 
»Monstermauern, Mumien und Mysterien« 
von Walter-Jörg Langbein

Ich weiß, ich wiederhole mich: Angeblich wurden die Goldschätze Pachacamacs zum Großteil von den Inkas rechtzeitig vor den Spaniern in Sicherheit gebracht und im Wüstenboden von Pachacamac vergraben. Für die Inkas stand aber nicht der Goldwert ihrer sakralen Kunstwerke im Vordergrund, sondern deren tiefe religiöse Bedeutung. Die Spanier sahen nur Gold, Gold und Gold.

Fotos 1 und 2: Der Sonnentempel
Ob die plündernden Spanier auch goldene Statuen der Göttin Pachamama im Heiligtum von Pachacamac vorfanden? Wenn ja, dann haben sie sie eingeschmolzen und in Barrenform nach Europa geschickt. Heute gibt es keine einzige Darstellung der Göttin aus Inka- oder gar Vorinkazeiten mehr. Und die kleinen Püppchen, die Touristen als »Pachamama« angeboten werden, sind moderne Fantasien, für die bei dummen Fremden Geld kassiert wird. Mit Paschamama, der »Mutter der Welt« oder der »Mutter des Kosmos« haben diese Püppchen nichts zu tun. Von einem Theologieprofessor, Fachbereich Kirchengeschichte, Universität von Erlangen, erhielt ich erstaunliche Hinweise, auch über das Aussehen von Pachamama, als ich mich auf eine Südamerikareise vorbereitete.

»Hüten Sie sich vor dieser satanischen Pachamama!«, warnte er mich mit drohender Stimme. »Die Heiden in Peru haben sie als weiblichen Drachen dargestellt! Sie wurde verehrt und angebetet. Sie war im Glauben dieser Heiden eine Fruchtbarkeitsgöttin, verantwortlich für Wachsen und Gedeihen, für Leben und Sterben. Das männliche Gegenstück war Pachacamac!«

In Machu Picchu, zu Deutsch »alter Gipfel«, sei die Göttin in einem »Höhlentempel« verehrt worden. Diesen »Höhlentempel« gibt es tatsächlich in Machu Picchu. Ich habe ihn, den Warnungen des Professors und einem Verbotsschild am Eingang zum Trotz dennoch besucht. Die »Höhle« wurde zweifelsohne mit großem Aufwand in den gewachsenen Stein geschlagen. Beeindruckend sind die glattpolierten Wände. Deutlich zu  erkennen sind mehrere in die Wände gemeißelte Nischen. Welchem Zweck sie wohl gedient haben mögen? Dazu gibt es nur Spekulationen. Vielleicht standen da einst Statuetten der Göttin? Ein Archäologe vor Ort äußerte sich sehr vorsichtig. Die »Höhle« könne durchaus der Pachamama geweiht gewesen sein.

Bei ersten Untersuchungen von fünfzig Grabstätten analysierte man über einhundert Skelette. Man kam zum Schluss, dass über 80 Prozent weiblich waren. Das könnte darauf hinweisen, dass es in Machu Picchu tatsächlich ein Heiligtum für eine Muttergöttin gegeben hat.

Foto 3: Machu Picchu

»Jungfrauen der Sonne«, so heißt es, hätten in Machu Picchu gehaust. Solche »Jungfrauen« lebten auf der Osterinsel in verliesartigen Höhlen. In Pachacamac gab es ein Gebäude für die »Jungfrauen der Sonne«. Fakt ist, dass bei den Inkas neben dem Sonnengott Inti die Göttin Pachamama verehrt und angebetet wurde. Wer aber herrschte zum Anbeginn der Zeit? War es Inti? Oder war es Pachamama? Pachamama war eine uralte Erdgöttin, zu der die Inkas inbrünstig beteten.

Für den Besuch in den Ruinen von Pachacamac ist wenig Zeit vorgesehen, zu wenig für meinen Geschmack. Also verzichte ich auf das Abendessen in Lima und fahre am späten Nachmittag wie Jahre zuvor mit dem Taxi zur faszinierenden Stätte. Im Hotel hat man mich vor einem Alleingang eindringlich gewarnt. »In der gottverlassenen Region da draußen müssen sie damit rechnen, überfallen zu werden. Und nicht nur das! Schnell ist man da als vermeintlich reicher Tourist erschlagen, ausgeraubt und irgendwo im Wüstenboden verscharrt!« Angeblich sehen sich manche Räuber als Rächer der Inkas, die von den spanischen Räubern gepeinigt, beraubt und ermordet wurden!«
Foto 4: Im »Höhlentempel«
Bei meinem ersten Besuch Jahre zuvor hatte ich zwei Kameras dabei. Die versagten aus mysteriösen Gründen. Bei meinem zweiten Besuch, wieder im Alleingang, verzichtete  auf meine beiden Kameras. Erst als ich mit einer Gruppe in den Ruinen unterwegs war machte ich Fotos und Dias. Auf meinen Reisen war ich deshalb meist mit zwei Kameras (Minolta) unterwegs. Lange Jahre fotografierte ich nach alter Väter Sitte analog. Eine Kamera war mit Diafilm, die andere mit Negativfilm bestückt. Erst sehr spät stieg ich auf digitale Fotografie (Nikon) um.

Ich muss zugeben: Die zum Teil drastischen Warnungen haben mich doch beeindruckt und verunsichert. Also verzichte ich bei meinem Alleingang auf meine Kamera. In der Brusttasche meines Hemdes hatte ich einen Fünfzigdollar-Schein. Falls ich überfallen werden sollte, so nahm ich mir vor, würde ich sofort und ungefragt das Geld aushändigen.

Zu einem Kontakt mit einem »Räuber« kam es nicht. Ich sichtete überhaupt nur einen einzelnen Menschen. Der beachtete mich gar nicht. Mit einem Vorschlaghammer trieb er eine Eisenstange in den Boden. Er holte immer wieder weit aus und ließ seinen Hammer auf das Ende der Stange sausen. Ich glaube, dass man das metallische »Kling« bei jedem Schlag weit hören konnte. Nach einiger Zeit rüttelte der Mann an der Stange, zerrte sie wieder heraus, ging einige Schritte weiter, um erneut den Metallstab wieder ins Erdreich zu treiben.

Ich vermute, dass es sich bei dem Mann nicht um einen Archäologen, sondern um einen potentiellen Grabräuber handelte. Offenbar war er auf der Suche nach Hohlräumen im Wüstenboden. Archäologen wie Grabräuber vermuten, dass es im Bereich der Ruinen von Pachacamac noch unberührte Grabkammern gibt. Mit seiner sicher etwas brachialen, aber letztlich sehr effektiven Methode hoffte der Mann wohl Grabkammern ausfindig zu machen.

Im Hotel versicherte man mir, dass bei illegalen Grabungen wiederholt mumifizierte Hunde im Areal von Pachacamac gefunden wurden. Nach der Meinung von örtlichen Sachkundigen wurden die fast perfekt konservierten Tiere im 15. Jahrhundert als Opfer für lokale Gottheiten bestattet. Das soll bei der Beerdigung bedeutsamer Persönlichkeiten geschehen sein. Man wollte auf diese Weise die Gottheiten positiv stimmen, ihnen die Toten besonders ans Herz legen. Das würde den Verstorbenen helfen, im Jenseits angenehmer zu leben. Seltsam ist, dass man, so wurde mir berichtet, zwar die Hundemumien ausgegraben hat, aber weder die sterblichen Überreste der Menschen, noch Grabbeigaben gefunden haben will.

Foto 5: Hier wurden mumifizierte Hunde gefunden

»BBC NEWS« berichtete im September 2006 über Ausgrabungen. Man hatte Gräber von Menschen vom Chiribaya-Volk entdeckt. Im Bericht heißt es (1): »Archäologen in Peru haben die mumifizierten Überreste von mehr als 40 Hunden freigelegt, die mit Decken und Futter neben ihren Herrchen begraben wurden.« Laut BBC gehen die Archäologen davon aus, dass die Chiribaya von einem Weiterleben nach dem Tode ausgingen, und zwar von Mensch und Hund. Ob dieser Entdeckung waren die Archäologen höchst erstaunt. Grabbeigaben für tote Hunde für ihr Leben nach dem Tode seien bislang nur aus Ägypten bekannt. Eine Verbindung zwischen Peru und Ägypten kann es nach offizieller Archäologie in vorkolumbischer Zeit aber nicht gegeben haben.

Direkt beim Heiligtum von Pachacamac wurden am 9. November 2010 sechs äußerst gut erhaltene mumifizierte Hunde bei Ausgrabungen im Wüstenboden gefunden. Sie stammen aus dem 15. Jahrhundert. Am 12. November 2013 wurde eine weitere Meldung lanciert (2): »Archäologen finden mehr als 100 mumifizierte Hunde in Peru«. Alter: fast ein Jahrtausend. Es scheint in Peru einen weit verbreiteten Brauch gegeben zu haben: Bestattung von Hunden, manchmal mit, manchmal ohne menschliche Begleitung.

Foto 6: Das »steinerne Tor« von Pachacamac
Zurück ins Heiligtum von Pachacamac, zu meiner Recherche vor Ort. Außer meinem Dollarschein hatte ich ein vergilbtes Foto dabei. Es zeigte eine Zeichnung, die zwischen 1850 und 1880 entstanden sein soll. Zu sehen war ein steinernes Tor, das sich irgendwo auf dem Areal von Pachacamac befinden soll. Meinen Rundgang startete ich am »Sonnentempel«. Weiter ging es zum »Mondtempel«.  Der »Sonnentempel« wurde, das scheint erwiesen zu sein, von den Inkas erbaut, und zwar an »heiliger Stätte«. Schon 600 bis 800 n.Chr. gab es hier ein Zentrum der Wari. Lange bevor die Inkas kamen, wurde ein Gott »Ychsma« verehrt. Aus der Wari-Zeit soll das seltsame »steinerne Tor« stammen. Angeblich wurde der Stein spiegelglatt poliert, wurde der Rahmen des Tors mit unglaublicher Präzision in den Stein gefräst.

Wo sich das Tor befinden soll, konnte ich bei meinen Vorbereitungen nicht eruieren. Auch in Lima befragte Archäologen zucken nur mit den Schultern, als ich ihnen das Foto zeige. Im Zentrum von Pachacamac jedenfalls sei so ein Tor nicht zu finden. »Aber das Umfeld ist riesig! Gut möglich, dass es da irgendwo so ein Tor gibt!« Oder das Tor wurde Ende des 19. Jahrhunderts zerschlagen, als man Schotter für den Straßenbau benötigte. Vielleicht wurde auch der Stein mit dem Tor im Ganzen irgendwo in ein modernes Gebäude integriert, vielleicht in eine Kirche.

»Mein« Tor habe ich nicht gefunden. Dafür habe ich einen Eindruck gewonnen, wie riesig allein schon das Heilige Zentrum war. Die Inkas respektierten die Religion der besiegten Wari. Sie ließen ihr Heiligtum unangetastet, errichteten aber zusätzliche Bauten: den »Sonnentempel« und das »Haus der Sonnenjungfrauen«. Pizarro ließ aus dem Heiligtum Pachacamacs zentnerwiese Gold schleppen, als Pachacamacs Anteil am Lösegeld für Atahualpa (geboren um 1500, ermordet am 26. Juli 1533 in Cajamarca). Über 7 Zentner sollen die filigranen Kunstwerke aus Gold gewogen haben, die die verbrecherischen Banden von Pizarro und Co. raubten. An sakralen Kunstwerken aus Silber wurden noch größere Mengen aus dem Heiligtum geraubt.

Foto 7: Der Mondtempel (Hof)

Ich begann meinen Erkundungsgang beim Mondtempel von Pachacamac, umrundete ihn in immer größer werdenden Kreisen. Vermutlich hatte ich auch ohne es zu ahnen die eine oder andere Grabkammer unter meinen Füßen. Im Frühsommer 2018 entdeckten Archäologen der »Université libre de Bruxelles« eine unversehrte Grabkammer mit intakter Mumie (3). Die Mumie, so frohlockten die Wissenschaftler enthusiasmiert, war außergewöhnlich gut erhalten. Der Tote wurde vor rund einem Jahrtausend in ein Tuch aus pflanzlichen Fasern, Textilien und Baumwolle gewickelt. Die unter vielen Lagen Stoff verborgene Leichnam soll nun genauestens untersucht werden. Dabei wollen die Wissenschaftler darauf verzichten, die Mumie auszuwickeln. Vielmehr soll das Mumienbündel so bleiben wie es ist und mit modernsten Methoden aus der Medizin, etwa mit Hilfe  der Computeraxialtomographie, durchleuchtet werden.

Foto 8: Diese Pyramide von Sipán könne auch in Pachacamac stehen

Ausgegraben hat man auch »Strukturen«, sprich Reste von Fundamenten von Gebäuden, die schon in der Vorinkazeit Pilger beherbergten, die die heiligen Stätten von Pachacamac besuchten. Ephraim George Squier beschreibt die altehrwürdige Ruinenstadt ausführlich in seinem Werk über Peru (4): 

»In alten Zeiten war Pachacamac das Mekka Südamerikas. Und die Verehrung des Schöpfers der Welt, die von hause aus rein war, bekleidete seinen Tempel mit solcher Heiligkeit, dass Pilger aus den entlegensten Stämmen her sich zu ihm hin begaben und unbelästigt durch Stämme wallfahren durften, mit denen sie gerade im Krieg sein mochten. Natürlich erhob sich allmählich um den alten und neuen Tempel eine große Stadt, welche Priester und Tempeldiener bewohnten, und welche ›tambos‹ oder Herbergen für die Pilger enthielt. Die Wüste  ist aber über die alte Stadt hereingebrochen und hat einen groszen Teil derselben samt Stücken ihrer Ringmauer unter Flugsand begraben.«

Ephraim George Squiers Werk erschien in englischer Sprache bereits 1877 (5) unter dem Titel »Peru - Incidents and Explorations in the Land of the Incas«, zu Deutsch etwa »Peru – Vorkommnisse und Untersuchungen im Land der Inkas«. Vor rund 150 Jahren war Ephraim George Squier vor Ort. In den folgenden Jahrzehnten kamen kaum Fremde nach Pachacamac, dabei lag es doch recht günstig quasi vor den Toren Limas. Doch man ist fest entschlossen, Pachacamac zu einer Touristenattraktion zu machen. Touristen sollen in möglichst großer Zahl den Sonnentempel der Inkas erkunden und auch sonst zwischen Mauerresten schlendern.

Foto 9: Auch diese Pyramide von Túcume passt zu Pachacamac.



Fußnoten
(1) Meldung »Mummified dogs uncovered in Peru«, »BBC News, Lima«,  23. September 2006, Quelle: http://news.bbc.co.uk/2/hi/americas/5374748.stm (Stand 18. Juni 2018)
(2) Meldung: »Archaeologists Find More Than 100 Mummified Dogs in Peru«, 12. November 2013, https://www.dogster.com/the-scoop/mummified-mummy-dogs-lima-peru (Stand 18. Juni 2018)
(3) Meldung:»Archaeologists discover a 1,000-year-old mummy in Peru«, 25. Mai 2018.Quelle: https://phys.org/news/2018-05-archaeologists-year-old-mummy-peru.html
(4) Squier, Ephraim George: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«, Leipzig 1883, Seite 84 Mitte
(5) Squier, Ephraim George: »Peru - Incidents and Explorations in the Land of the Incas«, New York 1877

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Der Sonnentempel bon Pachacamac. Beide Fotos: Ingeborg Diekmann.
Foto 3: Machu Picchu. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Im »Höhlentempel«. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: Hier wurden mumifizierte Hunde gefunden. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Das »steinerne Tor« von Pachacamac. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Der Mondtempel (Hof). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Diese Pyramide von Sipán könne auch in Pachacamac stehen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Auch diese Pyramide von Túcume passt zu Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein

446 »Bleierne Zeit über einer Wüste des Todes«,
Teil 446 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien« 
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am
5. August 2018


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Sonntag, 22. Juli 2018

444 „Wer war zuerst da: Gott oder Göttin?“

Teil 444 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Götter wurden zuerst auf hohen Bergen verehrt.

Die Inkas machten Gott »Ychsma« zum Gott Pachacamac. Pachacamac war ein Zerstörer und Erneuerer der Welt. Zwei Katastrophen ließ er über die Welt hereinbrechen, einmal mit Wasser und einmal mit Feuer. Auch der Gott des »Alten Testaments« ließ einmal Wasser über die Welt hereinbrechen (Sintflut) und einmal strafte er mit Feuer, das vom Himmel fiel. Pachacamac war freilich nicht allein, ihm zur Seite stand Pachamama, eine mächtige Erdgöttin. Auch Jahwe, der höchste Gott des Judentums war nicht allein. Was für Pachacamac die Pachamama war, das war für Jahwe Aschera.

2: Pachacamac
Mehr als nur knapp bemessen sind die konkreten Angaben über das Allerheiligste des Jerusalemer Jahwetempels. Falsch ist die Vermutung, dass Salomos Tempel ausschließlich der Verehrung Jahwes diente. Der salomonische Tempel bestand 370 Jahre. Immerhin 236 Jahre davon, also fast zwei Drittel der Zeit, beherbergte er auch eine Ascherah-Statue. Wie war das möglich? Hatte doch Jahwe angeblich selbst nicht nur das Anbeten fremder Götter im Allgemeinen verboten, sondern ganz konkret gefordert:(1) „Du sollst dir keinen Holzpfahl als Ascherahbild errichten bei dem Altar Jahwes!“

Konkretem göttlichem Gebot zum Trotz stand ihre Statue im Allerheiligsten, im Salomonischen Tempel neben Jahwes Altar: Salomos Sohn, König Rehoboam, brachte die göttliche Statue in den Tempel. Sie wurde etwa 35 Jahre lang im Zentrum der Religiosität verehrt. König Asra ließ sie entfernen, König Joash wieder installieren. Nach 100 Jahren sorgte König Hezekiah dafür, dass Ascherah wieder aus dem Heiligtum verschwand. König Manasseh aber brachte sie wieder an ihren angestammten Platz. König Joshiah setzte eine religiöse Reform durch. Ascherah wurde aus dem Tempel verbannt, kehrte aber nach dem Tod des Königs wieder zurück.

Mal war Jahwes Aschera drin, mal war sie draußen, mal wurde sie verehrt, dann wieder war sie verachtet und durfte nicht angebetet werden.

Die Inkas machten Gott »Ychsma« zum Gott Pachacamac. Aber woher kam der Gott? Man kann spekulieren. Pachacamac war ein huaca. Huacas wurden im riesigen Gebiet von Pachacamac unweit vom heutigen Lima gern auf von Menschen geschaffenen künstlichen Bergen verehrt. Das lässt die Schlussfolgerung zu, dass huacas ursprünglich in den Hochanden verehrt und angebetet wurden. Der Glaube wanderte mit den Menschen aus dem Gebirge ins Flachland. Dort wurden künstliche Berge, sprich Pyramiden, errichtet, auf denen huacas angebetet wurden. Ein solcher künstlicher Berg lag beim heutigen Dorf Pachacamac.

Wer war zuerst da? Gott oder Göttin?

3: Pachacamac
War erst Ascherah die alleinige Gottheit der erst später Jahwe beigesellt wurde? Oder war es umgekehrt? Herrschte erst Jahwe und holte er sich Aschera an seine Seite? Pachamama war eine Erdgöttin? Nahm sie sich Pachacamac, ähnlich wie im Ritual der »Heiligen Hochzeit«? »Mein« Guide erklärte mir: »Pachamama war Mutter Erde. Ihr Zeichen war der Mond, sie war die Göttin der Fruchtbarkeit!“ Sie kam aus den Bergen, versicherte mir mein Guide, oder waren die Hochanden die Heimat des männlichen Pachacamac? Eine andere Lösung wurde mir in Lima von einem katholischen Geistlichen vorgeschlagen. Demnach glaubten die »sündigen Heiden« an eine Art Zwittergottheit, die männlich und weiblich zugleich war. In den Ruinen fand man ein »heiliges« Idol, doppelgesichtig, kunstvoll in einen langen Holzpfahl geschnitzt. War es weiblich und männlich zugleich?

4: Pachacamac
Franzisco Pizarro Gonzáles (um 1477; †1541), angeblich ein einfacher Schweinehirt, zerstörte das stolze Reich der Inka. Seine Raubzüge hatten einfache Ziele: Morden, Plündern und Rauben. Im Heiligtum von Pachacamac soll es enorme Goldschätze gegeben haben. Ein Teil davon fiel Pizarros Spießgesellen in die Hände. Die Kunstschätze wurden eingestampft und zu Barren gegossen.

Angeblich fiel den Plünderern ein geschnitzter Pachacamac-Pfahl (erinnert an die biblische Ascherah, die häufig als Pfahl bezeichnet wurde). Das den Inkas heilige Kultobjekt wurde vernichtet. Ein weiteres wurde bei Ausgrabungen gefunden und ist in einem kleinen Museum in Pachacamac zu sehen. Er erinnert am ehesten an einen Totempfahl mit seinem Schnitzwerk.

Der Überlieferung nach gelang es den Inkas, einen Großteil der Goldschätze Pachacamacs im Wüstenboden um Pachacamac zu vergraben. Unglaublich kunstvoll gestaltete Kostbarkeiten warten angeblich auch heute noch darauf, wieder entdeckt zu werden.

Was als gesichert gilt: Über einem »heiligen Raum« wurde einst eine Pyramide errichtet, auf deren höchster Stufe das mehrere Meter hohe hölzerne Idol von Pachacamac stand. Vor Ort erklärte mir ein Mitarbeiter des kleinen Museums, dass sich oben auf der Pyramide wohl ein Tempel befand. Im Zentrum dieses Tempels, so dieser Museumsmitarbeiter, stand das Pachacamac-Idol. Solche »Heiligtümer« gab es auf den pyramidenartigen Aufschüttungen der »Moundbuilder«, der »Hügelbauer«, auf den Tempeln Zentralamerikas (Beispiel: »Tempel der Inschriften«, Palenque, Mexico) und auf den berühmten Zikkurats (2) in Mesopotamien. Der babylonische Ausdruck Zikkurat lässt sich mit »Himmelshügel, hoch aufgetürmt und Götterberg« übersetzen. So ein Zikkurat war wohl das Vorbild für den »Turm zu Babel«. Betrachtet man die Rekonstruktionen des legendären Zikkurat von Ur, dann würden die gut ins Areal von Pachacamac passen. Auch in Indien gab es einst ganz ähnliche Gebäude mit langen Rampen und Aufbauten, die angeblich der Beobachtung von Sonne, Mond und Sternen dienten.


Fotos 5 und 6: Pachacamac (oben) und Zikkurat von Ur (unten).

Meiner Meinung nach wurden die Riesenscharrbilder von Nazca geschaffen, um den Himmlischen »da oben« ein Zeichen zu geben. Und weltweit wurden Türme und Pyramiden gebaut, um den »Himmlischen« näher zu kommen. Die »Tempel« auf Türmen und Pyramiden waren Begegnungsstätten für »Himmlische« und »Irdische« (3). Göttinnen und Götter wurden hoch oben in den Bergen verehrt. Wo es keine gab, da schuf man künstliche Berge. Auf diese künstlichen Berge setzte man Tempel, zu denen Rampen und Treppen führten. Im Inneren wurden Kammern angelegt, sei es um ehrwürdige Tote dem Rang entsprechend beizusetzen, sei es um »heiligen Büchern« Schutz zu gewähren. In Palenque gibt es nicht nur den durch Erich von Däniken weltberühmt gewordenen »Tempel der Inschriften«, Palenque bietet eine komplexe Ansammlung von »künstlichen Bergen«. Ein typisches Beispiel ist der wirklich sehr schöne »Tempel des Laubkreuzes«. Die steinerne Pyramide thront auf einem künstlich aufgeschütteten Berg, sozusagen als ein künstlicher Berg auf einem künstlichen Berg.

Foto 7: Tempel des Kreuzes (rechts vorn)

Mitten im Urwald schlummerten Jahrhunderte lang die Ruinen von Palenque. Wie die mysteriöse Ruinenstadt bei den Mayas ursprünglich hieß, das ist bis heute nicht mit Sicherheit bekannt. Gegründet wurde Palenque im 7. oder 8. Jahrhundert n. Chr.  Unklar ist auch, wann und warum Palenque von den Mayas scheinbar plötzlich aufgegeben wurde. Irgendwann zwischen 900 n. Chr. und 1400 n. Chr. wurde die Tempelstadt verlassen.

Die Mayas, Erbauer von Palenque, hatten ein zyklisches Weltbild. Eine Epoche folgte auf die andere. Am Anfang jeder Epoche steht eine (nicht die!) Schöpfung, an ihrem Ende eine (nicht die!) Zerstörung. Auf jede Zerstörung folgt aber immer wieder ein Neuanfang. Anders als Juden, Christen und Moslems glaubten die Mayas nicht an einen absoluten Endpunkt in der Apokalypse. Für sie kam es nach dem Untergang immer wieder zu einer neuen Auferstehung.

Foto 8: Gottheit Shiva tanzt.

Pachacamac, ein huaca,  wurde auf einem von seinen menschlichen Anhängern errichteten künstlichen Berg verehrt und angebetet. Wie Shiva im Hinduismus war Pachacamac ein Zerstörer und ein Erneuerer. Shiva steht für die Kraft der Zerstörung UND die Kraft des Wiederaufbaus. Man spricht von der »Doppelnatur Shivas«. Shiva ist keineswegs nur der Gott der Zerstörung. Er ist keineswegs nur der vernichtende Gott des Bösen. Er ist auch der Gott, der die neue Welt vorbereitet, den Neuanfang nach dem Ende. Das hölzerne Idol von Pachacamac könnte man auch als eine Darstellung Shivas ansehen, was die Dualität, die Zweigesichtigkeit angeht.

Pachacamac wird mit Leben und Tod in Verbindung gebracht, mit Erde und Unterwelt, mit dem Mond. Meiner Meinung nach ist der jüngere Pachacamac die männliche Form der kulturhistorisch sehr viel älteren Göttin des Lebens und der Fruchtbarkeit, deren Symbol der Mond ist. Womit wir wieder bei Maria angelangt wären, die so oft auf einer Mondsichel stehen dargestellt wird.

Foto 9: »Mondgöttin« Maria
Am Anfang war die Urgöttin, davon ist Lexikonautorin Barbara G. Walker überzeugt (4). Aus dieser »Übergöttin« entwickelten sich zahlreiche »Untergöttinnen«. Die Expertin: »Im Laufe der Jahrhunderte zerlegten die Schriftgelehrten die Gestalt der Großen Göttin in unzählige ›Göttinnen‹ und gaben diesen all die unterschiedlichen Namen und Titel, unter denen die Göttin in verschiedenen Zeiten bei den verschiedenen Völkern angerufen wurde.«
 
Die Heilige Frauen waren mächtig aus sich heraus. Sie waren auf keinen Partner angewiesen. Wenn sie einen Gefährten hatten, dann waren sie ihm in jeder Hinsicht überlegen. Das führte zu Konstruktionen, die heute,gelinde gesagt, kurios anmuten. Barbara G. Walker in ihrem Lexikon »Das Geheime Wissen der Frauen« (5): »Sie ist nicht nur dessen Mutter, die Urheberin seiner Existenz, sondern auch die Gottheit, die die ganze Schöpfung mit dem kraftvollen Blut des Lebens durchdringt. Die Götter konnten nur mächtig werden, weil sie an der Weisheit und Kraft der Göttin teilhatten.«

Ich fasse zusammen: Am Anfang, zu mythischen Zeiten gab es die allmächtige Göttin,  die Heilige Frau, die kraftvolle Weiblichkeit als dominante Vorherrschaft über das Universum verkörperte. In einer Welt, die vom Prinzip der weiblichen Göttlichkeit durchdrungen war, dürfte das alltägliche Leben ähnlich ausgesehen haben. Es war die Frau, die den Menschen das Leben schenkte. So wie in Ägypten die alljährlichen, regelmäßigen Nilüberschwemmungen dem Land Fruchtbarkeit schenkten, so kam alles Leben immer wieder aus der Frau. Auf Nilflut mit Fruchtbarkeit folgte wieder Trockenheit, die Wüste breitete sich aus. Auf jedes Leben folgte der Tod. Doch wie neuerliche Nilüberschwemmungen neuerliche Fruchtbarkeit brachten, so sah man auch das Leben als sich immer und immer wieder neu abspielenden Zyklus an: Auf die Geburt folgte das Leben, der Tod beendete einen Lebenszyklus, dem sich wiederum neues Leben anschloss.

Foto 10: Schätze unter'm Wüstenboden?

(1) Das 5. Buch Mose Kapitel 16, Vers 21
(2) Es gibt eine ganze Reihe unterschiedlicher Schreibweisen: Zikkurrat, Ziggurat, Ziqqurrat und Schiggorat
(3) Ephraim George Squier: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«, Leipzig 1883
(4) Walker, Barabara: » Das Geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 323

(5) Ebenda, S. 323

Zu den Fotos
Foto 1: Die Götter wurden zuerst auf hohen Bergen verehrt. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 2-4: Das Pachacamac-Idol aus Holz. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6. Foto 6 oben Pachacamac, Foto 6 unten Zikkurat von Ur, wikimedia commons GDK
Foto 7: Tempel des Kreuzes (rechts vorn). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Gottheit Shiva tanzt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Maria als »Mondgöttin« in der Marienkirche zu Lügde. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Schätze uter'm Wüstenboden? Foto Walter-Jörg Langbein

445 »Das Mekka Südamerikas«,
Teil 445 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 29.07.2018



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Sonntag, 15. Juli 2018

443 „Die goldene Füchsin und die Pyramide“

Teil 443 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Ruine mit Rampe
Von Lima nach Pachacamac ist es nur ein Katzensprung. Für meinen ersten Besuch beim einstigen Orakel nutzte ich ein Taxi. Ich empfand die Straße streckenweise als katastrophal. Mein Taxifahrer allerdings war anderer Ansicht. »Seitdem die gröbsten Schäden beseitigt worden sind, ist es ein Genuss hier zu fahren!« Und wenn gewaltige Löcher ein Weiterkommen unmöglich machten, wich der Lenker des arg ramponierten Pontiacs eben aus und fuhr ein Stück neben der Straße. »Gleich sind wir da!«, strahlte mein Chauffeur. Wir parkten im Nirgendwo und gingen ein Stück zu Fuß. »Zwei Kilometer sind es zum Meer!« wurde ich informiert. Kein Lüftchen wehte vom Südpazifik. Die Luft war schwer wie Blei. Es roch muffig. Schatten gab es nirgendwo. Wir näherten uns dem traurigen Rest eines einst wohl stolzen Bauwerks. Es war womöglich eine Pyramide. Zur ersten Plattform führte eine Rampe. Diesen Aufgang haben Archäologen ebenso wie ein Stück Mauer restauriert.

Taxifahrer Pedro winkt verächtlich ab. »Niemand weiß, ob das Ding früher wirklich so ausgesehen hat! Vielleicht haben die Archäologen einfach ein Fantasiegebilde in die Wüste gesetzt.« Wir stapften weiter durch Sand und Geröll. Mein Fotoapparat gab seltsamste Geräusche von sich. Beim Weiterdrehen des digitalen Films knirschte es verdächtig. Schließlich gab die Kamera ihren Geist auf. Wütend öffnete ich die Kamera, um einen neuen Film einzulegen. Der »alte« Film war ruiniert, nachdem ich einen neuen eingelegt hatte, tat sich gar nichts mehr. Zum Glück konnte ich bei einem zweiten Besuch mit neuer Kamera einige Fotos machen.

Über die Geheimnisse von Pachacamac war mein stolzer Chauffeur bestens informiert. Irgendwo, so raunte er mir zu, ganz in der Nähe, habe einst eine Pyramide gestanden. Und »hoch oben« auf der Pyramide wurde ein goldenes Idol verehrt, eine »goldene Füchsin«. Später wurde die Statue der »goldenen Füchsin« in einer »Tempelhöhle« verwahrt.

Foto 2: Die Rampe.


Wenig Geduld hat mein kundiger Führer mit mir. Er reagiert zunehmend verärgert. Immer wieder weiderholt er, immer eindringlicher werden seine Worte. »Die Füchsin war ein Huaca, der die Gestalt des klugen Tieres angenommen hat. Und dieser Huaca war Pachacamac!« Also ist Gott Pachacamac, ein Huaca, in Gestalt einer goldenen Füchsin erschienen? »Pachacamac ist ein Huaca!« Ich wagte einzuwenden: »Aber ein huaca ist doch eine Pyramide!«

Mir scheint, dass die plündernden Eroberer nie so recht verstanden haben, was mit huaca gemeint war. Die Wissenden haben die Barbaren aus Europa wohl kaum in ihre großen Geheimnisse eingeweiht. Und wenn einige Europäer doch etwas erfahren haben, so haben sie es wohl nicht wirklich verstanden. Fast babylonische Sprachverwirrung herrscht in Sachen huaca. Nach Conquistador Pedro de Cieza de León (*um 1520; †1554) war ein huaca eine Begräbnisstätte. Vermutlich bezeichneten die entsetzten Opfer gegenüber ihren »Entdeckern« tatsächlich Gräber als huaca, als etwas Heiliges. So wurden auch Pyramiden als huaca bezeichnet.

Für die heutigen Quechua und Aymara sind »heilige Kultobjekte« huaca, aber offenbar gilt auch der Zustand nach dem Tod als huaca. Nach dem altehrwürdigen »Merriam Webster« Lexikon bedeutete im »Alten Peru« huaca dreierlei: ein Gott oder Geist, eine präkolumbische Ruine wie eine Pyramide oder ein Begräbnishügel und schließlich etwas, dem ein Gott oder Geist innewohnt. Eine christliche Kirche, eine jüdische Synagoge oder eine Mosche wäre dann huaca.

Während mein Guide, immer grimmiger werdend, mir vorauseilte, versuchte ich möglichst Schritt zu halten.

Foto 3: Das alte und das neue Pachacamac

Wie Fata Morganas tauchten Ruinen auf. Die Luft flimmerte, es war kaum abzuschätzen, wo sich Mauern und Mauerreste befanden. Teilweise gingen das alte und das neuzeitliche Pachacamac ineinander über. Es ist unmöglich zu sagen, aus welcher Zeit die einzelnen Ruinen stammen. Wurden sie zu Zeiten der Inka erbaut oder schon früher? Entstanden einige von ihnen erst nach Eintreffen der Europäer im 16. Jahrhundert oder noch später?

Mich faszinierte der Terminus huaca. Je intensiver ich recherchierte, desto klarer wurde mir, wie umfassend dieser alte Ausdruck ist, der auf die Quechua-Sprache der alten Andenvölker zurückgehen soll. Noch heute spricht fast jeder vierte Peruaner eine Form von Quechua. Die Quechua-Völker glaubten an zwei geistige Kräfte, eine aufbauende und eine zerstörende. Und wirklich allem wohnt eine geistige Kraft inne: dem Wasserfall ebenso wie dem massigen Felsbrocken. Alles, wirklich alles ist nach diesem Glauben »beseelt«. Man versicherte mir in Lima, allem wohne huaca inne.

Ich zitiere den Wikipedia-Artikel zum Thema (Stand 8.6.2018): »Wak'a (Quechua; in kolonialen Dokumenten meist huaca geschrieben) ist in der Kultur der Anden die Bezeichnung für lokale Gottheiten wie auch für den Ort, wo eine solche Gottheit angebetet wird. Sie ähneln den Kamuy der Ainu oder den Kami Japans. Die Wak'a waren und sind teilweise bis heute wichtige Götter, haben jedoch – anders als panandine Gottheiten wie Pachacamac oder Wiraqucha – nur lokal begrenzte Bedeutung, da praktisch jede Dorfgemeinde ihre eigenen Wak'as hat. Obwohl die Anbetung der Wak'a nach der Conquista im Zuge der Christianisierung bekämpft wurde, werden sie bei den Quechua und Aymara in Teilen des südlichen Peru und in Bolivien bis heute verehrt. Im Huarochiri-Manuskript wird der Begriff Wak'a für Berggottheiten (z. B. Paryaqaqa und Wallallu Qarwinchu) verwendet, die heute in Südperu Apu oder Wamani heißen und in der Hierarchie über den Wak'a stehen.« 

Foto 4: Mauerreste im Sand.
Die Krieger der Inka haben Peru erobert, die Religion der Besiegten aber weitestgehend respektiert. Oder die Besiegten hielten am »alten Glauben« so intensiv fest, dass die Inka nachgaben. Allerdings gaben sie offenbar alten Göttern neue Namen. So wurde aus Ychsma Pachacamac. Pachacamac war ein Huaca. Pachamac ist die spanische Schreibweise von Pacha Kamaq, wurde als Schöpfergott verehrt. Pacha Kamaq kreierte die erste Frau und den ersten Mann. Dem Paar ging es aber bei weitem nicht so gut wie Adam und Eva. Während Adam und Eva bis zum »Sündenfall« im Paradies leben durften, litten die Geschöpfe von Pacha Kamaq Hunger. Der erste Mann starb. Daraufhin verfluchte die erste Frau Pacha Kamaq und bekam als »Entschädigung« Fruchtbarkeit.

Sehr interessant ist eine Überlieferung, die mir mein Guide erzählte. Nach einer gewaltigen »Sintflut« (zu Deutsch »große Flut«, nicht etwa »Sündflut«) landeten auf dem Berg Pariacaca »fünf große Eier«. »Wesen« kletterten aus diesen fliegenden Vehikeln. Der Pariacaca liegt in den peruanischen Anden, in der Huarochiri-Gebirgskette, die auch Cordillera Pariacaca genannt wird. Stolze 5750 Meter hoch ist der Berg, auf dem angeblich die mysteriösen »Eier« niedergingen.

Auf einem Flug von Tokyo nach Guam kam ich mit einer älteren Japanerin ins Gespräch. Bald unterhielten wir uns über die Welt der Mythen und Legenden. Meine Gesprächspartnerin, eine Lehrerin aus Tokyo, freute sich sehr über mein Interesse. So berichtete sie mir ausführlich über den legendären »Kitsune«, den mythologischen Fuchs. »Kitsune«-Stauen werden bis heute vor jedem Tempel der Göttin Kami platziert. Davon gibt es tausende. Kami ist nämlich die Göttin der Füchse und der Fruchtbarkeit.

Foto 5: Von der Gottesmutter ...
Ganz ähnliche goldene Statuetten der Füchsin wurden in Pachacamac verehrt und angebetet. Zur Göttin der Fruchtbarkeit Pachamama gehörte die goldene Füchsin. Und Pachamama war die Göttin der Erde. In seinem Essay »Der Fuchs als Tier der Gottheiten Altperus« (2) zitiert Klaus Mailahn Pachamama wie folgt (3): »Ich bin die Heilige Erde. Ich bin die, die nährt, die stillt. Ihr werdet mich in drei Personen anrufen und anhauchen: pacha tierra, pacha nustra, pacha virgen. An jenem Tag werde ich sprechen. Berührt nicht die heilige Erde.«

Ganz richtig schlussfolgert Klaus Mailahn (4): »Aus diesem Zitat geht eindeutig hervor, dass die Göttin Pachamama sowohl als Erdmutter als auch mit einer dreigestaltigen Göttin identifiziert wurde. Demgemäß ist in ihr, gewiss unter einem ursprünglicheren Namen, die Große Göttin selbst zu sehen, aus er sich im Lauf der Zeit unter verschiedenen Namen zahlreiche Formen abspalteten.«

Die weibliche Dreifaltigkeit der Göttin Altperus erinnert doch sehr an die göttliche Maria, Mutter der Erde (pacha tierra), unser aller Mutter (pacha nustra) und jungfräuliche Mutter (pacha virgen). Offensichtlich gibt es Glaubensbilder, dem gläubigen Katholiken wohl vertraut sind, die aber sehr viel älter als das heutige Christentum sind.

Die Göttin von Pachacamac trat in Gestalt einer Füchsin auf, so wie die japanische Fruchtbarkeitsgöttin Inari auch in Gestalt einer Füchsin in Erscheinung trat. Die japanischen Kitsunes werden mit wachsendem Alter immer mächtiger. Im Endstadium sind sie unsterblich und unbesiegbar. Die Füchsin von Pachacamac ist mit dem Mond verbunden, so es wie Maria als Gottesmutter auch ist. Und Maria wurde im Verlauf der vergangenen zwei Jahrtausende auch immer mächtiger: von der Maria, über die sich die Autoren des Neuen Testaments weitestgehend ausschweigen hin zur Himmelskönigin, die in den Himmel aufgenommen wurde. Längst weilt Maria, wie in der Antike die Göttinnen und Götter im Himmel. Längst wird sie nicht mehr nur als Gottesgebärerin gepriesen, sondern als »Miterlöserin« neben Jesus.

Foto 6: ... zur Miterlöserin und Himmelskönigin
Es geht mir ganz und gar nicht um die Verbreitung konfessionellen Glaubensgutes, ganz im Gegenteil. Vielmehr will ich auf den steten Wandel innerhalb der Glaubenswelten hinweisen. So löste in Pachacamac der patriarchalische Sonnengott der Inkas die matriarchalische Mondgöttin der Völker, die aus den Hochanden ans Meer gewandert waren. Im jüdisch-christlichen Kulturbereich erleben wir im Katholizismus mit der Erhöhung der Gottesmutter zur Miterlöserin eine Rückkehr zur matriarchalischen Religion. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Eine Gegenströmung gibt es auch: Es ist der patriarchalische Islam ist auf dem Vormarsch. 

Fußnoten
(1) Dedenbach-Salazar Sáenz, Sabine: »Die Stimmen von Huarochirí. Indianische Quechua-Überlieferungen aus der Kolonialzeit zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Eine Analyse ihres Diskurses«, »Bonner Amerikanistische Studien«, Band 39, Aachen, 2007.
Trimborn, Hermann: »Dämonen und Zauber im Inkareich. Quellen und Forschungen zur Geschichte der Völkerkunde«, Leipzig 1939.
(2) Mailahn, Klaus: »Der Fuchs als Tier der Gottheiten Altperus«, eBook, GRIN Verlag, 1. Auflage 8. September 2009
(3) Ebenda, Pos. 417
(4) Ebenda, Pos. 420
(5) Ott, Ludwig: »Grundriss der Katholischen Dogmatik«, 10. Auflage, Freiburg 1981 (1. Auflage1952), S. 256.


Zu den Fotos
Foto 1: Ruine mit Rampe. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die Rampe. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Das alte und das neue Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Mauerreste im Sand. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Von der Gottesmutter ... Ikone. Archiv Langbein
Foto 6: ... zur Miterlöserin und Himmelskönigin. Ikone. Archiv Langbein


444 »Wer war zuerst da: Gott oder Göttin?«,
Teil 444 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22.07.2018

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