Sonntag, 23. Juli 2017

392 »Von Tunneln, verborgenen Schätzen und Legenden«

Teil  392 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Fotos 1- 3: Tunneleingänge
Schon auf der abendlichen Rückfahrt ins Hotel bedauerte ich, nicht zumindest in einen der diversen Schächte gekrabbelt und das Innere eine dieser Riesenpyramiden erkundet zu haben. Und je weiter ich mich von den Pyramiden an der Küste Perus entfernte, umso größer wurde mein Wunsch, zurückzukehren und bäuchlings in einen der Gänge zu kriechen. 

Rasch vergessen war, wie brüchig schon die Eingänge wirkten. Da waren Brocken von den Decken gefallen, uralte Lehmziegel lagen am Boden der schmalen und niedrigen Tunnels. Und blickte man hinein in den Tunnel, so sah man, dass es da so weiter ging. Ein allzu neugieriger Besucher musste damit rechnen, beim Erkunden des Gangs verletzt zu werden. Schon ein Blick in die Eingänge zeigte: Da bestand Einsturzgefahr. Gut, so denke ich heute, dass ich auf das Abenteuer verzichtet habe!

Mutiger war ohne Zweifel Ephraim George Squier. Squier, 1821 in Bethlehem (New York) geboren, 1888 in New York City verstorben,  war der Sohn eines methodistischen Predigers. Journalismus lag ihm im Blut. So startete er eine wenig Erfolg versprechende »Karriere« als Herausgeber diverser Zeitungen, wechselte dann in die Politik. Schließlich studierte Squier Ingenieurwissenschaften. Nicht zuletzt mit diesem Hintergrundwissen erkundete er mit Abenteuerlust und wissenschaftlicher Präzision die uralten indianischen Erdpyramiden in den Tälern des Ohio und des Mississippi. 1848 erregte er mit seinem Werk über »Ancient Monuments of the Mississippi Valley« Aufsehen.

Foto 4: E.G.Squier
Mitte des 19. Jahrhunderts dokumentierte er die Existenz von erstaunlichen Bauten im Mississippi-Tal, die heute weitestgehend verschwunden sind. Die Erbauer von Erdpyramiden leisteten dort vor vielen Jahrhunderten Unglaubliches. Leider wurden ihre Meisterwerke, für die gigantische Mengen von Steinen und Erdreich transportiert und verarbeitet wurden, bewusst zerstört. Die »Einwanderer« benötigten immer mehr Flächen für die Landwirtschaft, da mussten Erdpyramiden weichen. Viele wurden abgetragen, neues Ackerland entstand.

Voreilig ist, wer auf die amerikanischen Siedler herabblicken zu können meint. In unseren Breiten wurden »Keltenschanzen« - immerhin oft zwei Jahrtausende alt – wie die Mounds in Amerika zerstört, eingeebnet und »zerpflügt«! Und das offenbar noch in jüngster Vergangenheit.

Kaum noch als der stolze Komplex zu erkennen, der die 2000jährige »Herlingsburg« auf dem Keuperberg beim Schiedersee in meiner lippischen Heimat einst war, ist die heute weitestgehend von Bäumen überwachsene Wallanlage . Heute muss man schon genau hinschauen, um Reste der einst mächtigen Wallanlage zu erkennen. Von uralten Grabanlagen sieht man im Dickicht nichts mehr. Einst gab es im Inneren des Komplexes Brunnen. Sie wurden längst zugeschüttet. Es ist traurig, dass die Spuren teilweise recht großer Kultanlagen, die es vor unserer eigenen Haustüre gab, im Verlauf der letzten Jahrhunderte zerstört und abgetragen wurden.

Fotos 5-8: Kaum noch zu erkennen...

Richtig sesshaft konnte oder wollte Squier wohl nicht werden. Er agierte aktiv in Politik und Diplomatie. führten Squier Mitte des 19. Jahrhunderts nach Zentral- und Südamerika. Oder war seine Sehnsucht nach fremden Ländern und deren Denkmälern der eigentliche Grund für den umtriebigen Squier in die Politik zu gehen? Wie dem auch sei: Anno1863 kam er  als »Kommissar der Unionsstaaten« nach Peru, wo er mit wachsender Begeisterung die ihn faszinierenden mysteriösen Monumente aus uralten Zeiten studierte. 1877 brachte er ein Werk über Peru heraus (1). Schon 1883 erschien die deutsche Übersetzung (1) »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«.

Foto 9: Squire's Peru

115 Jahre später war ich, ohne es zu wissen, auf Squiers Spuren unterwegs. Schon Squier hatten die gigantischen Pyramiden aus Millionen von an der Sonne getrockneten Lehmziegeln fasziniert. Schon Squier hat sich von Einheimischen erzählen lassen, dass sich im Inneren der großen »Pyramide zu Moche« Räume befänden.

Noch heute, so behaupten Einheimische, wüssten Eingeweihte, wie man in das Innere der Pyramiden zu geheimen Räumen gelangt. Squier schrieb im 19. Jahrhundert (2): »Es sollen in dem Bauwerke Gänge und Kammern vorhanden sein, welche nur die Indianer kennen und unter Schuttmassen sorgfältig verborgen halten. Einer dieser Gänge, so geht die allgemeine Sage, steigt von den Bauwerken am Hügelabhange herab und erstreckt sich unter dem Boden bis in das innerste Heiligtum der Pyramide, in das Gewölbe mit dem Leichnam des mächtigen Fürsten von Chimú, und in welchem vielleicht der ›große Fisch‹ verborgen liegt.«

Foto 10: So sahen die Lambayeque-Pyramiden um 1850 aus

 Bei mehreren der Pyramiden in den Gefilden von Lambayeque sind mir, wie berichtet, sehr niedrige und schmale Stolleneingänge aufgefallen. Sie befanden sich alle jeweils am Fuße der Pyramiden, direkt am Boden. Einen solchen Stollen beschreibt auch Squier anno 1877 (3):

»Er war von Schatzgräbern angelegt worden, und die herausgeförderten Stoffe bildeten an der Mündung des Stollens einen förmlichen kleinen Hügel. Da wir Lichter bei uns hatten, so folgten wir dem Gange bis an sein Ende. Es roch übel darin, und er war schlüpfrig von den Exkrementen der Fledermäuse, die an uns vorbeischwirrten, als sie aufgescheucht wurden, und unsere Lichter ausstieszen, als wenn sie die erzürnten Wächter der Schätze der Chimú-Könige wären. Die Besichtigung zeigte uns nichts auszer den durchhin gehenden Schichten von Ziegeln, keine Spur von Kammern oder Gängen.« (4)

Ich will offen sein: Mich interessiert überhaupt nicht, wie man in der wissenschaftlichen Literatur diese oder jene Kultur nennt, die angeblich diese oder jene Pyramide hervorgebracht hat. Heute spricht man von »Sicán-Kultur«, früher hatte man sich auf »Lambayeque-Kultur« geeinigt. Klar ist lediglich, dass die Pyramidenbauer an der Küste Perus lange vor den Inka aktiv waren und erstaunliche Bauwerke schufen.

Ich will offen sein: Ich habe so meine Zweifel an den Datierungen der gewaltigen Pyramiden, denen man heute noch nur ein relativ geringes Alter zubilligt. So soll Betán Grande bei Chiclayo zwischen 900 n.Chr. und 1100 n.Chr. das religiöse Zentrum der »Lambayeque-Kultur« gewesen sein. »Lambayeque« leitet sich von einer mythologisch-legendären Gestalt ab, von »Ñaymlap«. Ñaymlap soll so etwas wie ein präinkaischer Heros gewesen sein, ein Held, ein Reichsgründer. Angeblich galt Ñaymlap einst als leibhaftiger und unsterblicher Gott. Als er dann aber doch das Zeitliche segnete, so wird überliefert, habe man ihn klammheimlich in seinem Palast beerdigt. Das tumbe Volk sollte auch weiterhin an die Unsterblichkeit Ñaymlap glauben. Bis heute ist das Grab Ñaymlaps nicht gefunden worden. Wird man es je entdecken? Vorsicht ist geboten! Mag sein, dass sich ein früher Herrscher mit dem Namen Ñaymlap schmückte. Mag sein, dass man eines Tages tatsächlich das Grab eines Ñaymlap in einer der Pyramiden findet. Oder präziser: Vielleicht stößt man eines Tages bei Ausgrabungen auf das Grab eines frühen Mächtigen, den die Archäologie dann zu Ñaymlap erklärt. Das Grab des Ñaymlap dürfte schwer zu identifizieren sein, da schriftliche Aufzeichnungen und Beschreibungen aus den mythischen Zeit dieses Herrschers fehlen.

Foto 11: Weiteres Werk von E.G. Squier
Ñaymlap wurde erstmals im 16. Jahrhundert von Cabello de Balboa, einem verlässlichen Chronisten, erwähnt. Nach seit Generationen mündlich überlieferten Berichten tauchte Ñaymlap auf einem riesigen Floß »aus dem Norden« auf. Ich habe mir Legenden über den Heros Ñaymlap erzählen lassen, so wie dies schon Ephraim George Squier im späten 19. Jahrhundert tat. Squier vermeldet, was die stolzen Nachfahren der Pyramidenbauer von Lambayeque behauptet haben (5): »Sie seien zu einer sehr entlegenen Zeit auf einem ungeheuren Flosze von Norden her gekommen unter einem Häuptlinge groszer Geistesgaben und hohen Mutes. Mit Namen Ñaymlap, der viele Genossen und Beischläferinnen mitführte.«

Squier hörte altehrwürdige Legenden von einem riesigen Floß, mit dem Naymlap und Gefolge in der »San-Jose-Bucht« gelandet sein sollen. Andere Legenden, so wie sie mir erzählt wurden, vermelden freilich, dass unter Leitung von Ñaymlap eine wahre Floß-Armada eine neue Zivilisation in die Gefilde von Lambayeque brachte. Aus dieser »Urkultur« sollen die Mochica und Chimú hervorgegangen sein. Es folgten die Sican-Kultur, dann die mörderischen Spanier.

Im Herbst 2011 erhielt ich einen aufgeregt-euphorischen Anruf aus Peru. Der Archäologe Carlos Wester habe gerade den »Palast« von Ñaymlap entdeckt. Ich müsse mich umgehend auf die Reise nach Peru machen, wenn ich bei der Auffindung von Ñaymlaps Grab anwesend sein wolle. Unbeschreiblich kostbare Grabbeigaben aus Gold seien zu erwarten, und das in einer gewaltigen Menge. Man dürfe, ja müsse von Herrlichkeiten in Gold ausgehen, in einem Umfang und einer Kunstfertigkeit, wie man das noch nie gesehen habe. Man sei davon überzeugt, dass jeden Augenblick die Gebeine des mythologischen Herrschers ans Tageslicht kämen, ganz zu schweigen von den sterblichen Überresten unzähliger Menschenopfer, etwa von der Frau des Regenten und von seinen – wie Squier es moralisierend formulierte –  »Beischläferinnen«. Höchste Eile sei geboten. Bis heute kam es nicht zu der anno 2011 angeblich unmittelbar bevorstehenden sensationellen Entdeckung.

Fußnoten
1: Ephraim George Squier: »Peru - Incidents and Explorations in the Land of the Incas«, 1877. Mir liegt die Erstauflage der Übersetzung ins Deutsche vor: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«,  Leipzig 1883
Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen.
2: ebenda, Seite 160, Zeilen 11 bis 19 von unten
3: ebenda, Seite 160 ab der 7. Zeile von unten bis unten und Seite 161, Zeilen 1-4 von oben
4: Wer die Werke H.P. Lovecrafts kennt, wird erkennen, dass Squiers Schilderung einer Horrorstory von Lovecraft entnommen sein könnte!
5: Ephraim George Squier: »Peru - Incidents and Explorations in the Land of the Incas«, 1877. Mir liegt die Erstauflage der Übersetzung ins Deutsche vor: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«,  Leipzig 1883, Zitat Seite 204, Zeilen 4-7 von unten


Foto 12: Squier um 1870
Zu den Fotos
Fotos 1- 3: Tunneleingänge in die Pyramiden von Túcume und Co.
Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 4: E.G.Squier, etwa 1865. Historische Darstellung, gemeinfrei.
Fotos 5-8: Kaum noch zu erkennen, die Keltenschanze am Schiedersee.
Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Squire's Peru. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 10: So sahen die Lambayeque-Pyramiden um 1850 aus. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 11 Ein weiteres Werk von E.G. Squier. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 12: Squier um 1870. Zeitgenössische Darstellung, gemeinfrei. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

393 »Wo medizinmänner mit Teufeln sprachen«,
Teil  393 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 30.7.2017



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Sonntag, 16. Juli 2017

391 »Unterwegs in Túcume«

Teil  391 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1 und  2: Modelle von Sipan und Túcume

Die Inka eroberten »feindliches Land«, um ihr Reich zu vergrößern, heißt es in den Werken der Geschichtsforscher. Und die Gelehrten fabulierten nicht einfach, sie studierten Aufzeichnungen der Spanier, sie führten archäologische Ausgrabungen durch. So brutal die Militärs auch manchmal vorgingen, sie vernichteten keine ältere Kultur. Vielmehr respektierte sie die Leistungen der militärisch unterlegenen. Bauwerke aus älteren Zeiten zerstörten sie nicht.

Die Verteidiger von Túcume, im Lambayeque-Tal, Peru, fürchteten die marodierenden Spanier, die Tod und Verderben brachten. Waren diese goldgierigen Räuberbanden vielleicht eine Strafe der Götter? Schickten die Himmlischen die Mörder aus fernem Land jenseits des großen Meeres, weil ihnen in nicht genügendem Umfang Respekt gezollt wurde? Konnte man die eigenen Götter noch besänftigen? Würde so das Ende noch verhindert werden können? Also ließen die Herren von Túcume den Göttern Menschenopfer bringen. Wer als Opfer ausgewählt wurde? Nach welchen Kriterien man wen mit wuchtigen Beilhieben erschlug? Waren es vielleicht Freiwillige aus der Oberschicht, oder doch Mordopfer?

Foto 3: Der Fürst von Sipan lässt sich über den Fortschritt der Bauarbeiten informieren

Ein Doktorand der Archäologie erklärte mir vor Ort in Túcume im Gespräch, dass es wohl die Edelsten der Edlen waren, die sich für das Wohl der Gemeinschaft den Göttern opfern ließen. »Man wollte natürlich die Götter bestechen, indem man ihnen Vertreter aus ›Adelskreisen‹ schenkte. Die Himmlischen würden sich doch nicht mit niederem Volk zufriedengeben!« Drängten sich vielleicht Opferwillige geradezu vor, um mit ihrer vermeintlich heroischen Tat die Zerstörung der eigenen Kultur noch einmal abzuwenden?

Wie dem auch sei: Dutzendweise wurden anno 1533 Menschen erschlagen, doch die Götter ließen sich nicht besänftigen. Sie unternahmen nichts, um ihre Anhänger zu retten. Ungehindert folterten, massakrierten und plünderten die Spanier. Der Zweck – Gold, Gold, Gold – heiligte die Mittel. Die Herrscher von Túcume müssen verzweifelt gewesen sein, als sie erkannten, dass die feindlichen Eroberer auch durch Blutopfer für die Götter nicht aufzuhalten waren. Der riesige Pyramidenkomplex von Túcume sollte ihnen aber nicht in die Hände fallen. So steckten sie das Heiligtum in Brand, legten die Zeugnisse ihrer Kultur und Schutt und Asche.

Foto 4: Riesige Rampen führten einst zu den Bauten auf den Pyramiden

Es heißt, dass einst ein Heros namens Naymlap die Kultur von Túcume begründete. »Mein« Doktorand, der anonym bleiben wollte, spekulierte: »In Tempeln auf riesigen Pyramiden mögen Reliquien des legendären Naymlap verehrt worden sein. Es mag auch schriftliche Dokumente über die Gründerzeit gegeben haben. Wenn die Tempel von Túcume Artefakte enthielten, die uns Ñaymlap näher bringen könnten, so fielen sie den Feuern von 1533 zum Opfer!« Hätte es diese Brände nicht gegeben, so wären die Spuren des Ñaymlap mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von den Spaniern zerstört worden.

Die Spanier vermuteten in den Pyramiden von Túcume Gräber hoher »Fürsten« und »Könige«. Sie dürften reiche Grabbeigaben vermutet haben. Zerstörten die Spanier die einst stolzen Bauwerke? Allein im Tal von Túcume gab es einst mindestens 26 künstlich aus Adobe-Ziegeln geschaffene Pyramiden. Hoch oben auf den Plattformen der Pyramiden mögen einst die Herrscher von Túcume gelebt haben. Vielleicht waren da aber auch Astronomen stationiert, die den Lauf der Sterne und Planeten verfolgten. Tatsächlich sind allen Zerstörungen zum Trotz auf manchen der Pyramiden noch heute Reste von Gebäuden zu erkennen.

Foto 5: Schutzdächer für archäologische Ausgrabungen

Welche Verwüstungen gehen auf wen zurück? Schon im 11. Nachchristlichen Jahrhundert soll es klimatische Katastrophen im Tal von Túcume gegeben haben. Nach Ewigkeiten der Trockenheit sollen sintflutartige Regenfälle dafür verantwortlich gewesen sein, die zumindest einige der Pyramiden fast bis zur Unkenntlichkeit beschädigten. Wie sollen da heute, ein Jahrtausend später, seriöse Archäologen das ursprüngliche Aussehen der Pyramiden rekonstruieren können?

Reste von Rampen, die einst zu den Spitzen der Pyramiden hinauf führten, sind heute noch da und dort zu erkennen. Waren es nur Aufgänge? Oder dienten sie wie Rampen an speziellen indischen Tempelpyramiden astronomischen Zwecken? Mein Informant, so versicherte er mir, hielt sich strikt zurück mit der Veröffentlichung von Grabungsberichten, so die Zweifel an der aktuell gültigen Lehrmeinung aufkommen lassen könnten.

Foto 6: Einer der Tunneleingänge

An archäologischen Stätten trifft man oft Wissenschaftler aus unterschiedlichen Bereichen, vor allem natürlich Archäologen. Im vertraulichen Gespräch erfährt man oft, was gar nicht zur gängigen wissenschaftlichen Lehre passt. »Mein« Archäologe zum Beispiel favorisierte die Vorstellung von sehr frühen matriarchalen Gesellschaftssystemen. Vorsichtig formulierte er: »Ich halte es zum Beispiel für wahrscheinlich, dass in Sipán wie in Túcume Frauen eine ganz dominante Rolle spielten, im religiösen Bereich als ›Oberpriesterinnen‹, im weltlichen Bereich als ›Fürstinnen‹. Womöglich gab es harte Auseinandersetzungen zwischen Anhängerinnen der Oberpriesterin und dem Gefolge des Oberpriesters.« Konkrete Beweise für eine solche Spekulation konnte mir »mein« Archäologe freilich nicht benennen. »Vielleicht zerstörte die eine Fraktion die Pyramiden der anderen.« Entbrannte ein Kampf der Geschlechter?

Foto 7: Das Werk von Grabräubern
»Was heißt hier ›Beweise‹!«, mokierte sich der noch junge Mann.« Vieles was der Laie für wissenschaftlich bewiesen halte, sei reine Spekulation. Rein spekulativ sei zum Beispiel die interessante These vom Menschenopfer als Ursache für den Niedergang der Kultur der Pyramidenbauer von Sipán und Túcume: Weil den Göttern die Edelsten und Besten geopfert wurden, verschwand die Elite, verlor man das Führungspersonal. Schwächten die Menschenopfer das Volk schon so, dass die Spanier im 16. Jahrhundert ohne größere Probleme gegen eine zahlenmäßige Übermacht gewinnen konnten? Oder führte El Niño schon vor Jahrhunderten zu Naturkatastrophen, denen die Menschen in der Wüstenregion hilflos ausgeliefert waren? (1)

Auf meinen Reisen durch die Gefilde von Túcume und Sipán fühlte ich mich in eine fremde Welt versetzt. Die Reste der einst gigantischen Pyramiden machten einen traurigen Eindruck. Millionen von Adobe-Steinen waren einst, wann auch immer, an der Sonne gebrannt und zu komplexen Systemen von Plattformen und Pyramiden aufgetürmt worden. Unbezweifelbar sind gewaltige Wasserschäden. Sind sie alt oder jung? Ich muss nochmal »meinen« anonymen Archäologen zu Wort kommen lassen: »Auch Archäologen sind an zum Teil erheblichen Schäden an den Pyramiden verantwortlich. Sie müssen die äußere Schicht der Pyramiden entfernen, um zu erforschen, was sich darunter verbirgt. Dann sind die Pyramiden schutzlos den Wetterunbilden ausgeliefert. Auch sind die an der Sonne gebrannten Lehmziegel nicht sehr durabel. So kann es sein, dass einige der Pyramiden so aussehen, als seien sie seit Jahrtausenden Wind und Wetter ausgeliefert. In Wirklichkeit geschahen die massiven Beschädigungen erst in den letzten 100 oder 120 Jahren.«

Seit mindestens 100 Jahren sind auch Grabräuber zugange, die Tunnel in die Pyramiden treiben, in der Hoffnung, so auf Grabkammern mit Mumien mit kostbarem Schmuck zu stoßen. Bei meinen Besuchen sah ich mehrere solche bergwerksartig in Pyramiden hineingetriebene Stollen gesehen. Deren Ausmaße, ich habe nachgemessen, hielten mich davon ab, in den Leib der Pyramiden vorzudringen. Ein Beispiel soll genügen: Höhe 95 Zentimeter, Breite 89 Zentimeter. Man wollte wohl so schnell wie möglich so weit wie möglich in der Pyramide vorankommen. Wie lang der Stollen war, das weiß ich natürlich nicht. Ob er von Grabräubern angelegt worden ist,  ich weiß es auch nicht. Ob der Gang zu einer Entdeckung führte, zu einer Grabkammer? Oder endet er irgendwo im Inneren der massigen Pyramide blind? Die Vorstellung, mich auf allen Vieren durch diesen engen Tunnel zu quetschen, die war mir alles andere als angenehm. Was mich dann letztlich davon abhielt, den Schacht zu erkunden, war der Gedanke an den Rückweg. Die Vorstellung, auf allen Vieren rückwärts wieder durch die Enge des Tunnels ans Tageslicht zurückzukehren, fand ich gruselig. Kurz, ich verzichtete auf ein mögliches Abenteuer. Mir fehlte der Mut, den H.P. Lovecrafts Held aufbrachte, um in die furchteinflößende »Stadt ohne Namen« (2) zu gelangen.

Fußnoten
Foto 8: Ein Stolleneingang
Foto 9: Ob die Grabräuber fündig wurden?
1) Literaturempfehlung! Sehr ausführlich hat sich der amerikanische Geograph Jared Diamond mit dem Untergang von Kulturen und Zivilisationen auseinandergesetzt. Sehr empfehlenswert ist sein Buch »Kollaps«. Diamond, Jared: »Kollaps/ Warum Gesellschaften überleben oder untergehen«, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt am Main, Oktober 2011
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seiten 7- 24. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.

Zu den Fotos
Fotos 1 und  2: Modelle von Sipan und Túcume. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Der Fürst von Sipan lässt sich über den Fortschritt der Bauarbeiten informieren. 
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Riesige Rampen führten einst zu den Bauten auf den Pyramiden.
Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 5: Schutzdächer für archäologische Ausgrabungen.
Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 6: Einer der Tunneleingänge. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Das Werk von Grabräubern. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Ein Stolleneingang. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Ob die Grabräuber fündig wurden? Foto Walter-Jörg Langbein

392 »Von Tunneln, verborgenen Schätzen und Legenden«,
Teil  392 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        

  von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 23.7.2017


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Sonntag, 9. Juli 2017

390 »Im Tal der 300 Pyramiden«

Teil  390 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Die Pyramiden von Palenque und Chichen Itza

Weltweit gibt es Pyramiden, von Ägypten bis Mexico. Atemraubende Steinberge, Treppen in den Himmel, faszinieren mich besonders im Urwald Mexikos. Im Sonnenlicht erstrahlen sie auf geheimnisvolle Weise vor dem Hintergrund des grünen Dickichts, das sie Jahrhunderte lang verborgen hielt. Beim Anblick der herrlichen scharf umrissenen Konturen, die sich so klar und deutlich vom blauen Himmel abheben, vergisst man aber eines: Die Meisterwerke der Baukunst wurden von Archäologen „neuerer“ Zeit ausgegraben und rekonstruiert. Oftmals boten sie, vom Überwuchs befreit, einen traurigen Anblick: So manche Stufenpyramide war nur noch als „Hügel“ zu erkennen.

Scharfkantige Treppenstufen mussten erst wieder mehr als nur einer „kosmetischen Operation“ unterzogen werden. Große Teile der Außenhülle waren abgerutscht und lagen zu Füßen der einst so stolzen Pyramiden. Sorgsam wieder aufgebaut, machen die Pyramiden von Tulum, Palenque und Chichen Itza heute einen frischen Eindruck, so als ob sie eben erst errichtet worden seien und nicht vor Jahrhunderten. Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass bei der »Rekonstruktion« mancher Pyramide eine gehörige Portion Fantasie zum Einsatz kam.

Foto 3: Howard Phillips Lovecraft.

Von Chiclayo aus erkundete ich die Gefilde von Lambayeque im nordwestlichen Peru. Anno 2007 lebten auf einer Fläche von rund 15.000 km² über eine Million Menschen. Einst blühten hier zu Vor-Inka-Zeiten erstaunliche Kulturen. Die Chimú-Kultur dominierte in der Zeit von etwa 1250 n.Chr. bis 1470 n.Chr. um die heutige Stadt Trujillio. Ebenso „vorinkaisch“ ist die Sipán-Kultur im La-Leche-Tal an der Nordküste von Peru, deren Bauten  im Zeitraum von ca. 700 bis 1375 errichtet wurden. Noch älter ist die Moche-Kultur. Nach heutigem Kenntnisstand hatte sie ihre Anfänge bereits im 1. Nachchristlichen Jahrhundert und ging im 8. Jahrhundert unter.  Gingen diese Kulturen ineinander über oder entstanden sie unabhängig voneinander? Oder beeinflussten sie sich nur?


Foto 4: Palenque, Tempel des Totenschädels, Tempel XII.

Von Chiclayo aus erwanderte ich die Bauten dieser drei Kulturen, über die weit weniger bekannt ist als man annehmen möchte. Die Pyramiden, die sie uns hinterlassen haben, erinnern mich an fantastische Schilderungen aus der Feder von H.P. Lovecraft (1) . Bei einem nächtlichen Besuch überkam mich ein komisches Gruseln, vielleicht weil mir die eine oder die andere Schauergeschichte erzählt worden war, von Menschenopfern und grausamen Ritualen. Mächtigen Fürsten seien lebende Diener mit ins Grab gegeben worden, um die Herrschaften im Jenseits standesgemäß zu bedienen. Oder man habe die engsten Vertrauten dahingeschiedener Despoten rituell getötet und die Entleibten dem toten Fürsten zur untertänigsten Betreuung im Jenseits mitgegeben.

Umstritten ist, ob die engsten Vertrauten wie Bedienstete freiwillig aus dem Leben schieden, weil sie im Glanz der Fürsten im Jenseits weiterleben wollten, oder ob sie ungefragt ermordet wurden. Vielleicht glaubten sie, so in ein besseres Leben zu sterben, in ein Jenseits, das viel angenehmer sein würde als für viele Zeitgenossen das Diesseits?

Foto 5: Die Mondpyramide, Straße der Toten.

Ein katholischer Geistlicher vertraute mir flüsternd an, Gruselstories von Geistern, die den Lebenden von heute das flackernde Lebenslicht ausblasen wollen, gingen auf das Konto von Archäologen. »Man will den Grabräubern Angst machen, ihnen einreden, dass sie höllischen Spuk auslösen, wenn sie die Gräber aus alten Zeiten plündern.« Wirklich beeindruckt scheinen die Grabräuber vor Ort nicht zu sein. Schließlich haben ihre Großväter und Väter bereits die Gefilde von Túcume und Sipán systematisch in Angriff genommen, um bis heute unentdeckte Gräber mythologischer Fürsten ausfindig zu machen. Seit Generationen hofft man auf besonders wertvolle Funde, auf edelste Grabbeigaben, die alle bisherigen Funde in den Schatten stellen.


Foto 6: Eine der Pyramiden von Túcume

Aus Sicht der Toten dürfte es kaum einen Unterschied machen, ob ihre »Ruhe« von Grabräubern oder Archäologen gestört wird. Gewiss, Grabräuber gehen mit den sterblichen Überresten aus alten Zeiten sehr viel brutaler um als Archäologen. Mumien werden wenig zartfühlend ausgewickelt und achtlos liegengelassen. Von alleinigem Interesse sind Goldschmuck und Tonwaren, von reichen Privatsammlern begehrt. Man befürchtet aber auch zu Recht, dass Goldschmuck aus Gräbern immer wieder eingeschmolzen wird, ganz nach Sitte der ach so kultivierten spanischen Eroberer. Archäologen gehen behutsamer mit den Toten um. Ihre wertvollen Grabbeigaben wandern in Museumsvitrinen, so wie auch gut erhaltene Mumien gern in Museen in klimatisierten »Schneewittchensärgen« zur Schau gestellt werden. Von Pietät kann man auch nicht sprechen, wenn Mumien ihren Gräbern entrissen, desinfiziert und konserviert werden, um dann in Museumsdepots zu verschwinden.

Foto 7: Im Tal der 300 Pyramiden

Wirken zum Beispiel die Pyramiden von Chichen Itza, Palenque oder der »Straße der Toten« am Rande von Mexico City heute, als wären sie eben erst gebaut worden, so erscheinen jene von Túcume und Sipán geradezu vorsintflutlich alt. Salopp gesagt: So manche Pyramide in Mexico oder Peru könnte als Kulisse für einen Science-Fiction-Film gebaut worden sein. Per »Zeitmaschine« reisen die Helden in die Vergangenheit, um zu erleben, welche Rituale auf den steinernen Monumenten vollzogen wurden. Die Pyramiden von Túcume und Sipán beflügeln die Fantasie. Sie kommen mir vor, als wären sie nicht Jahrtausende, sondern Jahrhunderttausende Jahre alt! Es bedürfte eines H.P. Lovecraft, um diese rätselhaften Monumente längst vergangener Zeiten angemessen zu beschreiben.

Lovecraft fabulierte fantasiereich über eine ominöse Stadt »tief in der arabischen Wüste« (2): »Die zeitzerfressenen Steine dieser altersbleichen Überlebenden der Sintflut, dieser Ur-Urahnin der ältesten der Pyramiden, verhießen Furcht – und eine unsichtbare Aura stieß mich ab und gebot mir, vor diesen unheildrohenden Geheimnissen zu fliehen, die kein Mensch je erschauen sollte.« Was Lovecraft über »seine Stadt ohne Namen« fabulierte, trifft exakt auf die Pyramidenstädte von Túcume und Sipán zu (3): »Ich erkannte, dass die Stadt in der Tat einst gewaltige Dimensionen aufgewiesen hatte, und fragte mich, woher diese Größe gerührt haben mochte. Ich malte mir die ganze Pracht einer Epoche aus, … als die Menschheit noch jung war.«

Foto 8: Pyramiden wie von einer anderen Welt

Anno 1880 entdeckte der deutsche Ingenieur Hans Heinrich Brüning unweit der Zucker-Plantage Patápo im Lambayeque-Tal, Peru, kostbare Grabbeigaben aus Gold einer unbekannten Kultur. Er staunte nicht schlecht, als er erkannte, dass es sich bei seltsamen Pyramiden in staubtrockener Wüste um gewaltige Pyramiden aus Adobe-Ziegeln handelte. Heute wissen wir, dass in jenen Gefilden Menschen den Göttern geopfert wurden. Anno 1533 wurden im Lambayeque-Tal 119 Menschen mit wuchtigen Axthieben ins Jenseits befördert. Warum? Gab es eine Hungerzeit, spricht schlechte Ernten? Spielte das Wetter verrückt? Wollte man sich die Götter wieder gewogen machen, die man als Urheber des Unglücks ansah? Antworten auf diese Fragen sind rein spekulativ.


Bleiben wir bei den Fakten! Verstreut im Lambayeque-Tal gab es wohl einst an die 300 Pyramiden. Die größte Pyramide von Túcume, »huanca larga«, misst in der Länge 700 Meter, in der Breite fast 300 Meter und hat eine Höhe von 40 Meter (4). Warum wurde diese größte Pyramide der Welt gebaut? Warum entstanden so viele, teils kaum kleinere Pyramiden? Wie viele Menschen waren damit beschäftigt, Millionen und Abermillionen von Ziegeln aus Lehm zu formen und an der Luft in der Sonnenglut hart werden zu lassen? Wollte man künstliche Berge erschaffen, auf denen Tempel errichtet wurden? Je höher der Berg, je höher die Pyramide, umso näher war man ja den himmlischen Göttern!

Foto 9: Pyramiden, wie künstliche Berge.

Dieses Streben nach einem Weg zu den Göttern findet sich schon im »Alten Testament«. Der »Turm zu Babel« (5) war nichts anderes als ein babylonischer Himmelshügel, »Zikkurat« genannt. Die »Zikkurat«, zu Deutsch »hoch aufragend/aufgetürmt, Himmelshügel, Götterberg«, hat eine lange Vorgeschichte. Bereits in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends sind auch in Elam, im Südwest-Iran, einwandfrei nachgewiesen. Auch in Mesopotamien baute man sie. Übrigens: Wie die Pyramiden von Túcume und Sipán wurde auch der biblische Turm zu Babel aus gebrannten Lehmziegeln gebaut (6): »Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel.«  Ziel: Aufstieg in den Himmel (7): »Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.« Das missfiel den Göttern. Nachdem sie den Turmbau inspiziert hatten, stand ihr Entschluss fest (8): »Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.«

Wiederholt war ich in Túcume, wiederholt stand ich vor den Pyramiden, die eindeutig künstlich sind, von Menschenhand geschaffene Monsterberge in der Wüste.

Fußnoten
1) * 20. August 1890 in Providence, Rhode Island; † 15. März 1937 in Providence, Rhode Island
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen 5-8 von oben. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.
3) ebenda, Zeilen 6 und 10-12 von unten
4) Die Maßangaben variieren je nach Quelle.
5) 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9
6) ebenda, Vers 3
7) ebenda, Vers 4
8) ebenda, Vers 7

Foto 10 Modell von Túcume, ein kleiner Teilbereich

Zu den Fotos

Fotos 1 und 2: Die Pyramiden von Palenque und Chichen Itza. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Howard Phillips Lovecraft. Historische Aufnahme, wikimedia commons
Foto 4: Palenque, Tempel des Totenschädels, Tempel XII. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die Mondpyramide, Straße der Toten. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Eine der Pyramiden von Túcume. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Im Tal der 300 Pyramiden. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Pyramiden wie von einer anderen Welt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Pyramiden, wie künstliche Berge. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Modell von Túcume, ein kleiner Teilbereich. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Ich bin Mitglied der deutschen Lovecraft Gesellschaft. Mein Mitgliedsausweis.
     Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 11: Ich bin Mitglied der deutschen Lovecraft Gesellschaft. Mein Mitgliedsausweis.
 

391 »Unterwegs in Túcume«,
Teil  391 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 16.7.2017


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Sonntag, 2. Juli 2017

389 »Von Pyramiden und von der Angst vor den Toten«

Teil  389 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Eine der mysteriösen Pyramiden

Die Pyramiden wirken wie im Lauf der Äonen zerflossene Bauwerke. Es kommt mir so vor, als hätte die Ewigkeit einst gigantische stolze Monumente fast zur Unkenntlichkeit verformt. Ich fühle mich an die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel erinnert, als die Menschen nach einem alten Mythos zu Gott emporsteigen wollten. Das soll den Himmlischen wütend gemacht haben, so dass er aus seinen überirdischen Sphären herabstieg und das eitle Menschenwerk zerstörte.

Die Sonne brennt höllisch vom Firmament, die Konturen der einstigen Pyramiden – und Pyramiden waren es – verschwimmen im gleißenden Sonnenlicht. Erde und Pyramiden gegen in schmutzigem Grau-Braun fließend ineinander über. Wo hört Planet Terra auf, wo beginnt künstliches Bauwerk? Ist wieder versunken, was einst weit in den Himmel ragen sollte?

Foto 2: Eine der Monstermauern
Lehnten sich Pyramiden im Lauf der Zeit an einen von der Natur geschaffenen Hügel? Sank in sich zusammen, was einst in den Himmel ragte, um mit Hügeln und kleinen Bergen zu verwachsen? Gaukeln mir meine Augen Mauern und Treppen vor, wo Wind und Wetter willkürliche Plastiken aus Erde und Dreck formten? Oder ist das ganze komplexe Gebilde aus Rampen und zerflossenem Mauerwerk alles von Menschenhand geschaffen worden? Zu welchem Zweck? Zum Lob Gottes wäre die christliche Antwort, die gern gegeben wird, wenn sich das Warum und das Wozu nicht klären lassen.

Stiegen einst Priesterastronomen auf Rampen empor, um auf Plattformen astronomische Beobachtungen zu machen? Verfolgten die hohen Geistlichen den Lauf von Sonne, Mond und Sternen, um das Geheimnis der Zeit zu ergründen? Wollten sie Zyklen erkennen, um aus den Zeitläufen der Vergangenheit die der Zukunft zumindest zu erahnen?

Die Pyramiden Ägyptens – speziell die nach Cheops benannte – lassen uns staunen. Wir rätseln, wie wohl derlei meisterliche Bauwerke mit solcher Präzision errichtet werden konnten. Staunen lassen uns die millimetergenau zugeschnittenen Steinblöcke, wie sie oft in so manchem »Totentempel« Ägyptens bearbeitet wurden: ohne Mörtelmasse, und das so präzise, dass keine Zwischenräume zu erkennen sind. Zwischen so manche Fuge passt nicht einmal eine Rasierklinge.

Foto 3: Eine uralte Monstermauer
Im Sommer 1798 rief Napoleon angesichts der Gizeh-Pyramiden aus: »Denkt daran, dass von diesen Monumenten 40 Jahrhunderte auf euch herabblicken.« Ein altes ägyptisches Sprichwort besagt: »Alles fürchtet sich vor der Zeit, aber die Zeit fürchtet sich vor den Pyramiden.« Die Pyramiden Ägyptens machen bescheiden und demütig, geheimnisvolle Pyramidenwelten Perus lösen – besonders bei Nacht – ein nicht wirklich in Worte zu fassendes Unbehagen, ja mehr als das aus. Wenn die scheinbar äonenalten Bauten aus Millionen und Abermillionen von Steinen im fahlen Mondlicht schlummern, sich irgendwo in der Endlosigkeit einer Staub-Dreck-Sand-Hölle verlieren, entsteht eine gruselige Stimmung.

Wobei ich sagen muss, dass gruselig nicht das passende Wort ist. Bei meinem ersten nächtlichen Besuch der Pyramiden von Túcume versuchte ich vergeblich die gespenstische Stimmung in Worte zu fassen. War es Angst vor unbekanntem Unheimlichem? Oder vor einem wenig verständnisvollen Grabräuber, der sich bei seiner Arbeit gestört fühlen mochte. Während ich für mein Tagebuch vergeblich nach einem im Kern zutreffenden Vokabular suchte, kam mir der von mir seit Jugendjahren verehrte Schriftsteller Howard Philips Lovecraft in den Sinn. Lovecraft (* 20. August 1890; † 15. März 1937) war so lesen wir bei »Wikipedia« ein »amerikanischer Schriftsteller. Er gilt als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horrorliteratur.«

Foto 4: Gruselig
H.P. Lovecraft schrieb in einer Abhandlung über das »Übernatürliche in der Literatur«: »Die älteste und stärkste Emotion des Menschen ist Furcht, und die älteste und stärkste Form der Furcht ist die Angst vor dem Unbekannten. Diese Tatsachen wird kaum ein Psychologe bestreiten.«  Mit aller Wahrscheinlichkeit war ich bei meinem nächtlichen Besuch in Túcume zu mitternächtlicher Stunde sehr viel sicherer als heute zur Mittagsstunde an einem S-Bahnhof in Berlin. Und doch wuchs, je länger ich die mysteriöse Atmosphäre auf mich einwirken ließ, so etwas wie eine tiefe Beklommenheit in mir, die mit logischem Denken nichts zu tun hatte. Was löste meine undefinierbare Angst aus? War es das ahnungsvolle Wissen, von Menschenopfern, die vor vielen Jahrhunderten dargeboten wurden? War es das wissenschaftlich fundierte Wissen von schauerlichem Brauchtum, von Menschen, die in großer Zahl bei lebendigem Leibe mit ihrem toten Herrscher im fulminant mit edelsten Schätzen ausgestatteten Grab beerdigt wurden?

Die Reichtümer sollten den Toten auch im Jenseits zur Verfügung stehen, genauso wie die Menschen, die die toten Herrscher im Jenseits zu umsorgen und zu bedienen hatten. Nicht nur an einer Stätte Perus beschlich mich diese seltsame Beklommenheit, die den nüchtern-logisch denkenden Menschen unserer Tage allenfalls herablassend lächeln lässt. Aber Hand aufs Herz: Hat uns die Aufklärung wirklich die diffuse Angst genommen, die von Friedhöfen ausgeht? Wagt sich wirklich jeder Zeitgenosse zu nächtlicher Stunde auf einen Friedhof?

Foto 5: Der Vergangenheit entrissen
Wir haben den Tod so gut es geht verdrängt, aus unserem Bewusstsein, aus unserem Lebensraum. Gestorben wird heute viel in Altenheimen und Krankenhäusern, in Sterbezimmern und seltener zuhause.

Und Tote werden so schnell wie möglich aus der Welt der Lebenden entfernt, von tüchtigen Bestattungsunternehmern professionell – fast hätte ich formuliert – entsorgt. Sie werden bis zur Feuer-, See- oder Erdbestattung verwahrt. Selbst die in meiner Jugend noch häufig im Straßenbild zu sehenden Leichenwagen werden heute weitestgehend so neutral gehalten, dass schon gar nicht mehr auf den ersten oder zweiten Blick zu erkennen ist, wer da eine letzte irdische Reise angetreten hat. Aus Angst vor dem unausweichlichen Ende, das uns allen blüht, wollen wir in einer Zeit wachsenden Jugendwahns möglichst gar nicht mehr an das Ende allen Lebens erinnert werden, schon gar nicht des eigenen.

Ich habe mir viele Jahre überlegt, ob ich meine so ganz persönlichen Eindrücke, die ich an Stätten des Todes gewonnen habe, lieber verschweige. Zeitweise trug ich mich mit dem Gedanken, in einem letzten Buch über diese »letzten Dinge« zu schreiben. So lang will ich nicht warten. Ich will stattdessen versuchen, so gut ich kann zu berichten – über meine Eindrücke im Umfeld der mysteriösesten Pyramiden unseres Planeten.

Foto 6: Da gruselt's gewaltig...

H.P. Lovecraft schildert schaurig schön (s)eine »Stadt ohne Namen«. Seine einleitenden Worte kamen mir immer wieder in den Sinn, als ich in Peru unterwegs war, um Pyramiden aufzusuchen, die lange, viel zu lange keine Pyramiden sein durften. Lovecraft schreibt – und ich zitiere die wunderbare Version des FESTA-Verlags (1):


Foto 7: Grabräuber plünderten die Mumien

»Als ich mich der Stadt ohne Namen näherte, wusste ich, dass sie verflucht ist. Ich reiste im Mondschein durch ein ausgedörrtes und grässliches Tal, und in der Ferne sah ich die Stadt schaurig aus den Dünen ragen, so, wie Leichenteile aus einem hastig geschaufelten Grab ragen mögen.«

Lovecrafts fiktive »Stadt ohne Namen« ist irgendwo in der »Arabischen Wüste« angesiedelt, »verfallen und stumm, ihre niedrigen Mauern beinah versunken im Sand nie gezählter Zeitalter.« (2) »Verfallen und stumm« sind auch einst kolossale Pyramiden in Peru. Und auch in Peru gibt es Mauern, die im Boden zu versinken scheinen, die auf geheimnisvolle Weise zerfließen und formlos werden. Monstermauern von einst sind kaum mehr von natürlichen Formationen zu unterscheiden. Und überall gibt es Hinweise auf Mumien, die von Grabräubern ans Tageslicht gezerrt und gefleddert wurden. Da liegen bleiche Knochen im Sand, da weht der Wind Stofffetzen umher, die einst zu Mumienhüllen gehört haben.

Foto 8: Eines von Lovecrafts Meisterwerken
Einige Einheimische erzählten mir von Phänomenen, die man als Spukerscheinungen bezeichnen könnte. Ein katholischer Priester meinte: »Viele würden um nichts in der Welt die Region der verfluchten Pyramiden betreten, aus Angst vor den Toten! Die Grabräuber, so wird gemunkelt, haben die lebend Begrabenen wieder in unsere Welt gebracht. Wer sie nachts besucht, muss ihren Zorn fürchten!«

Fußnoten

1) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen 1-5 von oben. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.
Sehr empfehlenswert sind auch die eBook-Ausgaben von H.P. Lovecrafts
»Chronik des Cthulhu-Mythos 1« und »Chronik des Cthulhu-Mythos 2«, jeweils mit einem Vorwort und Erläuterungen des führenden Lovecraft-Experten Deutschlands Marco Frenschkowski. Band 1 enthält Lovecrafts »Stadt ohne Nehmen«, Originaltitel »The Nameless City«.
Beide Bücher sind auch als Print-Ausgaben im Festa-Verlag erschienen.
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen, Zeilen 15 und 16 von unten



Fotos 9 und 10: Fantastische Welten, erschaffen von H.P.Lovecraft


Zu den Fotos 

Foto 1: Eine der mysteriösen Pyramiden. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Eine der Monstermauern - zur Unkenntlichkeit verwaschen.... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Eine uralte Mosntermauer...Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Gruselig. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Vergangenheit entrissen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Da gruselt's gewaltig... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Grabräuber plünderten die Mumien. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Eines von Lovecrafts Meisterwerken. Foto Verlag/ Archiv Langbein
Fotos 9 und 10: Fantastische Welten, erschaffen von H.P.Lovecraft. Foto Verlag/ Archiv Langbein
Foto 11: Ich bin Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft, Foto Walter-Jörg Langbein

 
Foto 11: Ich bin Mitglied der Deutschen Lovecraft Gesellschaft


390 »Im Tal der 300 Pyramiden«,
Teil  390 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 9.7.2017



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