Montag, 31. Juli 2017

Bayern: Dorferneuerung Sulzkirchen – ein niederschmetterndes Fazit

Bericht von Ursula Prem

»Die größte Dorferneuerung Bayerns« vermeldete die Mittelbayerische Zeitung in einem Artikel vom 3. Mai 2013. Betroffen von dieser Katastrophe war das Dörfchen Sulzkirchen, rund 550 Einwohner stark, gelegen im Landkreis Neumarkt in der Oberpfalz. Als Anwohnerin einer der beiden davon heimgesuchten Straßen erlebe ich die Maßnahme seit nunmehr fünf Jahren hautnah mit. Fünf Jahre, die es sich lohnt zu rekapitulieren, denn die Vorgänge zeigen die Rolle des Bürgers als reine Verfügungsmasse profilierungssüchtiger Politiker geradezu beispielhaft.


Der erste Akt des Dramas begann zunächst harmlos: Auf einer Bürgerversammlung im Vorlauf verkündete der damalige Bürgermeister Willibald Gailler (CSU), nach dem vorangegangenen Bau einer Umgehungsstraße werde die durch den Ort führende alte Staatsstraße nun umgewidmet und ohne Kosten für die Anlieger in ordentlichem Zustand an die Gemeinde übergeben. Da Straße und angrenzende Bürgersteige weitgehend intakt waren und eine einfache neue Teerdecke die Spuren der Zeit spielend hätte beseitigen können, schien das Thema damit erledigt zu sein.

Die ganze tragische Wahrheit kam erst im Laufe des Jahres 2012 ans Licht: Die Hauptstraße und angrenzende Burggriesbacher Straße sollten unter hohen Kosten für die Anlieger völlig neu gestaltet werden. Dies rief natürlich die Betroffenen auf den Plan, was in einer Unterschriftenaktion gipfelte, bei der insgesamt 43 von 54 im Fall des Falles zahlungspflichtige Anlieger ihre Ablehnung dieser umfangreichen Dorferneuerungsmaßnahme bekundeten. Eine störende Aktion, denn die Dorferneuerung war wohl längst beschlossene Sache, weshalb die Unterschriftenliste am 29. November 2012, dem Tag der Entscheidung, einfach zu den Akten genommen wurde und dort auf Nimmerwiedersehen verschwand.


Herbst 2012 – das Drama nimmt seinen Lauf


Der bevorstehende Ernstfall warf mit dem Neubau der Wasserleitung unter der Straße seine Schatten voraus. Soweit nachvollziehbar, denn eine neu errichtete Straße sollte natürlich aufgrund der alten Wasserleitung nicht sofort wieder aufgerissen werden müssen. Also wurde Ende 2012 ein Streifen des Straßenbelags entfernt und der Teerbruch anschließend volle drei Monate direkt vor unserer Tür in der Bucht der Bushaltestelle gelagert. Ein Vorgang, den ich damals schon einmal in einem Blogbeitrag aufgegriffen hatte, welcher, übernommen von Neumarkt Online, schließlich für den umgehenden Abtransport des giftigen Zeugs gesorgt hatte. Hätte ich damals schon geahnt, was in den kommenden Jahren folgen würde, hätten mich derartige Feinheiten wohl gar nicht erst tangiert.

Im Frühjahr 2013 begann die eigentliche Dorferneuerung. Baumaßnahmen, deren Umfang ich mir nicht hätte vorstellen können. Als im Sommer der Abriss des alten Gehsteigs an unserer Grundstücksgrenze erfolgte, ließ der zuständige Bagger die riesigen Teerbruchstücke mehrmals hintereinander aus großer Höhe zwecks Zerkleinerung herunterfallen, was gefühlt ein mittleres Erdbeben auslöste. Die Folge war, dass sich schon eine Stunde später das Toilettenwasser in meine Badewanne zurückstaute. Wie sich dann herausstellte, waren die Abflussrohre des Hauses stellenweise eingebrochen. Ein Fakt, dessen Zusammenhang mit den Baumaßnahmen ein vom Geschädigten zu beauftragender Gutachter feststellen müsse, da andernfalls eine Kostenübernahme nicht erfolgen könne. So zumindest lautete die rotzige Auskunft, welche die Besitzerin des Hauses von der Gemeinde erhielt. Dass die Konsultation von Gutachtern in Bayern keine gute Idee ist, weiß jeder, der schon länger hier lebt, weshalb mehrmaliges eigenhändiges Aufgraben des Areals zwecks Reparatur der an insgesamt vier Stellen beschädigten Kanalrohre die praktikablere Variante war. »Es gibt keine Probleme mit den Anwohnern. Sie stehen voll dahinter«, meldete wenig später, am 16. August 2013, die »Neumarkter Nachrichten«. Gut zu wissen.

Die Baumaßnahmen gingen voran und machten vor Feinheiten wie der Telefonleitung nicht Halt: Am 13. September 2013 durchschlug ein mit Wucht eingerammter Markierungspfosten aus Metall das Erdkabel, was zu einem mehrtägigen Telefon- und Internetausfall führte. Ein Problem, das sich nochmals Ende 2014 wiederholte: Ein mehr als einwöchiger Komplettausfall von Telefon und Internet aufgrund von Bauschäden über den Jahreswechsel hinweg machte uns Silvester 14/15 zu einem bis heute unvergesslichen Ereignis.



Glatte Steine, schräge Gehwege


Jenseits der überfallartigen Durchführung der Dorferneuerung nebst Abwälzung eines Großteils der Kosten auf die Anlieger, dem damit zusammenhängenden unvorstellbaren Baulärm, Verkehrsbehinderungen, kaputten Abflusskanälen und Internetausfällen ist jedoch vor allem das Endergebnis dieser Baumaßnahme der mit Abstand schlimmste Part in diesem Drama:

  • An den jeweiligen Straßenkreuzungen erfolgte die Unterbrechung der Asphaltdecke durch eine Pflasterung mit Steinen. Diese verursachen bei Überfahrt eines Autos gewaltigen Lärm, auch nachts.
  • Auch die Gehwege und Grundstückseinfahrten wurden entsprechend gepflastert, wobei offenbar eine mindere, wahrscheinlich ungeflammte, Qualität zum Einsatz kam: Die Pflastersteine werden beim geringsten Regen oder Raureif zur heimtückischen Rutschfalle. Dies berichten nicht nur ältere Menschen, sondern auch Teenager.
  • Die gewollt-moderne Gestaltung verlangte aus unerfindlichen Gründen nach der Beseitigung der Bordsteinkanten. Für den Höhenausgleich zwischen dem Niveau des alten Gehsteigs und der Straße sorgt nun die komplette Abschrägung der neuen Gehsteige, sodass nur das Tragen zweier unterschiedlich hoher Schuhe ein normales Gehen ermöglichen würde. Dieses für einen Gehweg viel zu starke Gefälle führt zu mehreren Problemen: Gehbehinderte Menschen mit Rollator oder Rollstuhl sowie kleine Kinder, die eben erst das Fahrradfahren erlernen, werden unweigerlich auf die Straße gezogen. Dasselbe gilt für das Schieben von Kinderwagen. Eine weitere Gefahr stellt zudem das Auf-die-Straße-Rollen von Bällen dar, mit den bekannten potenziellen Folgen.
Das Richtscheit verdeutlicht das starke Gefälle
des Gehsteigs zur Straße hin

  • Das Anlegen überkandidelter Rasenstreifen an den Seitenrändern, die teilweise die Optik diskreter Urnengräberfelder (siehe Foto unten) aufweisen, ging zulasten der Straßenbreite sowie der Gehwege. Die Straße ist nun so schmal, dass breite Fahrzeuge wie Traktoren, Mähdrescher oder Lastwagen gerne mal auf den sowieso sehr schmalen Gehsteig ausweichen, um dem entgegenkommenden Verkehr Platz zu machen. Da die Bordsteinkante fehlt, stellt dies für Fußgänger eine gefühlte Bedrohung dar, die dazu führt, dass eine entspannte Nutzung der Gehwege kaum noch stattfinden kann. Ein Ausweichen auf den gegenüberliegenden Gehweg ist größtenteils nicht mehr möglich, da über weite Strecken nur noch ein Gehweg existiert, und ab der Bushaltestelle deshalb sogar die Straßenseite gewechselt werden muss.
Rasenstreifen wie »Urnengräberfelder«
mit vor sich hin kränkelnder
Baumbepflanzung;

  • Bei der Erstellung der Pläne wurde anfangs die Bushaltestelle vergessen. Ihre nachträgliche Einplanung an alter Stelle führte zu einem Kompromiss direkt vor unserem Haus, der so aussieht, dass der Schulbus auf der Straße oder in unserer Einfahrt hält, während ein sinnloser Rasenstreifen nebst Baumbepflanzung nun die Stelle belegt, an welcher sich früher die Busbucht befand. Ein schultägliches heilloses Chaos ist die Folge, das teilweise zu massiven Verkehrsbehinderungen führt und vor allem nicht ganz ungefährlich für kleinere Buskinder ist!
Wo das Unkraut wuchert, befand sich früher eine Busbucht.
Eine Bushaltestelle soll das übrigens  immer noch darstellen.
Hält der Bus mangels Bucht auf der Straße, staut sich der Verkehr;

  • Die neu gepflanzten Bäume an der Straße können zum Teil nicht anwachsen, weil sie im Untergrund auf Bauschutt stehen, weshalb sie bereits zu welken beginnen. 
  • Zur Pflege der früher nicht vorhandenen Rasenstreifen hatte Bürgermeister Gailler kraft seiner Wassersuppe die Anwohner bestimmt. In einem Bericht der Neumarkter Nachrichten vom 8. November 2013 zur Bürgerversammlung Sulzkirchen, bei der das Thema zur Sprache kam, hieß es wörtlich: »Die Pflege der neuen Grünflächen an der Hauptstraße übertrug Gailler den Anwohnern. „Wenn ein Anwohner nicht will“, kam der Einwand. Es solle keine entsprechende Satzung erlassen werden, erklärte der Bürgermeister daraufhin und appellierte an den Gemeinschaftssinn der Bürger.« – Nein, Herr Gailler! Ich bin mit der Besitzerin dieses Hauses einer Meinung, dass es keinesfalls dem Anlieger obliegen kann, eine Rasenfläche, die eigentlich Bushaltestellte sein sollte, nicht nur regelmäßig zu mähen, sondern sie zuvor zwecks Schonung des eigenen Rasenmähers von den Hinterlassenschaften der dort regelmäßig wartenden Schüler zu befreien. Und überhaupt: Die Übertragung der Pflege gemeindeeigener Grünflächen mal eben so auf Anwohner ist nichts als ein Eingriff in Eigentumsrechte. Wer die Musik bestellt, der hat sie zu bezahlen. Und wer Rasen will, der hat ihn auch zu mähen, statt scheinheilig den edlen Begriff des Gemeinschaftssinns für seine Zwecke zu missbrauchen. Im jetzigen Zustand jedenfalls stellt die Bushaltestelle eine sowohl optische als auch verkehrstechnische Wertminderung des Anwesens dar. Der Verzicht auf eine Klage zur Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands ist ausschließlich der jahrelangen Zermürbung durch Baulärm und Querelen geschuldet: Irgendwann muss Ruhe sein!

Die beiden Bushaltestellen heute.
Zum Vergleich: Das Vorher-Foto zeigt  an dieser Stelle zwei
Busbuchten und sichere Gehwege zum Ein- und Aussteigen,
>> bitte hier klicken;



Mit der Ruhe ist es aber noch nicht weit her. Der damals noch neue Bürgermeister Alexander Dorr schrieb im Dezember 2014 im Mitteilungsblatt der Gemeinde:

»[…] In Sulzkirchen wurde im vergangenen und diesem Jahr eine Dorferneuerung durchgeführt. Mit dem Bau der Ortsumgehung von Sulzkirchen hat sich die Möglichkeit ergeben, die Hautstraße und die Burggriesbacher Straße zurückzubauen und wieder einen dörflichen Charakter herzustellen. Neben den Straßenflächen konnten öffentliche Grünflächen geschaffen werden. Insgesamt konnte die Wohn- und Aufenthaltsqualität erheblich verbessert werden. Insgesamt eine gelungene Dorferneuerungsmaßnahme, deren Abschluss wir im nächsten Frühjahr festlich feiern werden. […]«

Damit ist festgehalten, dass die Maßnahme Ende 2014 beendet war. Eine definitive Rechnung für den zwangsweise zu entrichtenden Kostenanteil haben die Anlieger jedoch bis heute nicht bekommen. Bis heute weiß niemand die exakte Höhe dessen, was da auf ihn zukommen soll. Noch durchzuführende Vermessungsarbeiten wegen im Zuge der Baumaßnahmen herausgerissener Grenzsteine seien dafür ursächlich, hieß es von Seiten der Gemeinde. Vermessungsarbeiten, die inzwischen seit etwa einem Jahr abgeschlossen sind. Inzwischen läuft bereits eine weitere Erneuerungsmaßnahme: Der alte Regenbach bekommt ein aufwendiges neues Bett sowie ein hässliches Metallgeländer, das neuerdings das Dorf richtiggehend zerschneidet. Dass diese Kosten nicht auch noch den Anwohnern der Straße auferlegt werden, diese schriftliche Zusicherung wenigstens konnten wir der Gemeinde mit Schreiben vom 28.6.2017 entlocken.

Auch der Regenbach bleibt nicht verschont: Ein Geländer
aus Metallstangen zerschneidet neuerdings das Dorf;



Im Herzen der Vorzeige-Kommune


Wer sich nun fragt, was eigentlich der Zweck der ganzen Übung war, steht zuerst einmal ratlos da. Was genau hat eine Gemeinde nebst ihrem damaligen Bürgermeister Gailler davon, die Anlieger einer ganzen Straße trotz ihrer per Unterschriftenliste bekundeten mehrheitlichen Gegenwehr fünf Jahre lang mit einer misslungenen Baumaßnahme alias »größte Dorferneuerung Bayerns« zu überziehen, ihnen teilweise das Heimatgefühl zu nehmen und sie dann auch noch durch das Hinauszögern der Zwangsrechnung hängenzulassen? Warum musste der schöne dörfliche Charakter Sulzkirchens der brutalen Modernisierung geopfert werden? – Das, liebe Leser, kann auch ich Ihnen nicht beantworten. Ich schließe deshalb mit einem Zitat aus der »Neumarkter Nachrichten« vom 2. März 2013, wo es hieß:

»[...] Jüngster Bürgermeister des Landkreises war einst auch Willibald Gailler. Der Freystädter Bürgermeister ist seit 1987 im Amt und hält sich etwas bedeckt. Wenn er nominiert werde, sagt er, werde er antreten. Wobei offen bleibt, wofür er nominiert werden wird: Denn Gailler, der Freystadt zu einer Vorzeige-Kommune des Landkreises aufgebaut hat, ist auch als einer der möglichen Nachfolger von Landrat Albert Löhner im Gespräch.«

Die Aufstellung Gaillers zum CSU-Kandidaten erfolgte tatsächlich. Am 16. März 2014 wurde der Erbauer der Vorzeige-Kommune zum neuen Landrat des Landkreises Neumarkt in der Oberpfalz gewählt. Wir gratulieren ganz herzlich!

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Sonntag, 30. Juli 2017

393 »Wo Medizinmänner mit Teufeln sprachen«

Teil  393 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Pyramidenkomplex von Túcume im Überblick

Zweitausend Kilometer Küste hat Peru zu bieten. Weite lebensfeindliche Wüsten wirken wenig anziehend auf heutige Besucher. Und doch bietet eben diese kahlen Ebenen am »Stillen Ozean« ungeahnte Schätze, die sich viele Touristen auch heute noch, zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus, entgehen lassen. Im Norden Perus, einen »Katzensprung« von der Grenze zum heutigen Ecuador entfernt, liegt Túcume, ein unscheinbares Dorf. Die schlichten Hütten kleben förmlich am wohl größten Pyramidenkomplex der Welt.

Warum ist das Interesse an derlei Mysterien aus riesigen Pyramiden aus Millionen von Lehm-Ziegeln nach wie vor gering? Warum werden selbst die hervorragenden Museen vor Ort viel zu wenig beachtet? Das mag daran liegen, dass die riesigen Pyramiden-Komplexe im Raum Lambayeque auf den ersten und zweiten Blick so imposant nicht sind. Man übersieht sie aus der Distanz leicht, weil sie – so groß sie sind – im Wüstenboden zu verschwinden scheinen.

Foto 2: Pyramiden, Mauern, Plattformen von Túcume

Thor Heyerdahl schreibt in seinem sehr informativen Werk »Die Pyramiden von Tucumé«, das leider nur noch antiquarisch erhältlich ist (2): »Als die spanischen Eroberer im frühen 16. Jahrhundert auf der Inkastraße an den Pyramiden von Tucumé vorüberritten, waren sie von dem Anblick dieser gewaltigen Monumente aus einer vergessenen Vergangenheit überwältigt. Tausende von modernen Touristen dagegen sind auf der neuen Fernstraße vorübergerauscht, ohne zu ahnen, was ihnen verborgen blieb: die Pyramiden von Tucumé, die durch Erosion eine wirkungsvolle Tarnung erhalten haben. Eine noch bessere Tarnung bieten ihre Dimensionen: Bleichen Sandsteingebirgen gleich ragen sie im tropischen Sonnenschein hoch auf, die blauen Anden als Schatten im Hintergrund.«

Thor Heyerdahl spricht davon, dass die Monsterbauten (3) »gegen Ende des 20. Jahrhunderts ins Rampenlicht gerieten«, Weltwunder sozusagen, die sich bis dahin »über die Ebenen auftürmten, als wären sie dort vom Schöpfer selbst hinterlassen worden. Gleichzeitig jedoch schienen sie ebenso unwirklich wie Gespenster zu sein.«

Foto 3: Schutzdächer für Archäologen (Túcume)

Die Pyramiden sehen auf den ersten und zweiten Blick gar nicht wie von Menschenhand errichtete Bauwerke riesigen Ausmaßes aus, sondern wie wenig attraktive Hügel. Die geradezu manchmal höllischen Temperaturen laden auch nicht unbedingt dazu ein, die Denkmäler verschwundener Kulturen zu besuchen. Noch heute nennt man die Pyramide von Túcume (4) im Dörfchen Túcume »El Purgatorio«, zu Deutsch »Das Fegefeuer«. Warum?

Ein Geistlicher vor Ort hatte eine Erklärung parat, die ich in dieser Form nirgendwo in der Literatur gefunden habe: »Die heidnischen Erbauer opferten auf den Pyramiden ihren Göttern Menschen, als es eine Hungersnot gab. Man glaubte, die Götter seien zornig und man müsse sie mit Blut besänftigen. Als aber die Götter stumm blieben und nicht helfend eingriffen, steckten die Heiden die Tempel auf den Pyramiden in Brand und verließen die Stätte des Grauens!« Tatsächlich hat der katholische Klerus die Pyramiden von Túcume seit Jahrhunderten zum abscheulichen Erbe der heidnischen Vorfahren erklärt, zum (5) »Ort, an dem die Medizinmänner der Vergangenheit und der Gegenwart mit den Teufeln kommunizierten«.

Foto 4: Pyramide an Pyramide 
oder Rampe und große Pyramide?

Die riesigen Pyramiden von Lambayeque – Treffunkt von Menschen und »Teufeln«? Meine Meinung: Die Pyramiden im Raum Lambayeque sind künstlich geschaffene Berge. Ich vermute sogar, dass weltweit alle Pyramiden mythologische Berge darstellen. Die ältesten künstlichen Berge sind die Zikkurats, die vor Jahrtausenden in Babylon entstanden. Ein Zikkurat, Ziggurat oder Ziqqurat war, ja was denn? Der Name verrät es uns: Ein »Schiggorat« war »hoch aufragend, hoch aufgetürmt, ein Himmelshügel, ein Götterberg«. Erinnern wir uns! Der allmächtige Gott des Alten Testaments landete auf dem Berg Sinai. Er fuhr aus himmlischen Gefilden herab, mit Schnauben, Feuer und Rauch. Und das war alles andere als ungefährlich für die Menschen. So musste ein Schutzzaun um den vorgesehenen Landeplatz errichtet werden, um die Menschen von der Gefahrenzone fernzuhalten (6): »Mose aber sprach zu Jahwe: Das Volk kann nicht auf den Berg Sinai steigen, denn du hast uns verwarnt und gesagt: Zieh eine Grenze um den Berg und heilige ihn.« Noch einmal zitiere ich aus dem Altem Testament (7): »Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil Jahwe auf den Berg herabfuhr im Feuer; und der Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen und der ganze Berg bebte sehr.«

Kamen die himmlischen Götter weltweit aus himmlischen Gefilden herab, um auf Bergen zu landen? Auf den Pyramiden von Túcume sollen Teufel mit Medizinmännern kommuniziert haben. Waren damit die Götter der Pyramidenbauer gemeint, die sich auf den künstlichen Pyramidenbergen mit Menschen trafen? Wollten die Menschen von Lambayeque ihren Göttern unbedingt näher kommen? Waren es die »Oberpriester«, die auf die Spitzen der Pyramiden klettern durften, so wie es Moses erlaubt war, den Berg Sinai zu ersteigen, um sich hoch oben zwischen Himmel und Erde mit »Gott« zu treffen? Wurden im Zuge der Christianisierung aus den Himmelsgöttern der Pyramidenbauer im christlichen Sprachgebrauch Teufel? Das ist eine Spekulation, gewiss, aber eine – wie ich meine – berechtigte!

Foto 5: Imposanter Teilbereich des Pyramidenkomplexes (Túcume).

Vor Ort erlebte ich, wie an einer der Lambayeque-Pyramiden archäologische Ausgrabungen vorgenommen wurden. Die Wissenschaftler hatten über ihrer Ausgrabung ein schützendes Dach errichtet. Zum einen diente es als Sonnenschutz für die Archäologen. Zum anderen sollten auf die Pyramide dort, wo man die äußere schützende Schicht entfernt hatte, möglichst wenig schädliche Witterungseinflüsse einwirken. Vor allem wollte man vermeiden, dass Regenschauer Schäden anrichten können. Ich fragte einen Studenten, der mit großer Geduld Sand siebte, in der Hoffnung, kleine Artefakte aus alten Zeiten zu finden:


»Wurde schon eine Datierung der Pyramidensubstanz vorgenommen?« Der Student erklärte mir, das sei sehr schwierig. »Die äußere Schicht der Pyramide muss nicht zwangsläufig aus der Zeit des Pyramidenbaus stammen. Es ist durchaus möglich, dass im Lauf der Jahrhunderte die Pyramide immer wieder eine neue Schutzschicht erhielt. Wir wissen ja auch von den Inka, dass sie alte Pyramiden immer wieder überbauten, ihnen neue Außenhüllen aus Stein verpassten. Warum sollte das nicht auch bei den Pyramiden von Lambayeque der Fall sein?«

Foto 6: Abgeflachte Pyramide von Túcume

Wir wissen also nicht, wann im Bereich von Lambayeque mit dem Bau der ersten Pyramiden begonnen wurde. Womöglich wurden die ältesten Strukturen durch Anbauten auch immer wieder erweitert, so dass schließlich komplexe Strukturen entstanden. Mag sein, dass erst da und dort Pyramiden aufgeschichtet wurden, die man dann mit Monstermauern aus Ziegeln miteinander verband. Mag sein, dass die augenscheinliche Erosion so großen Schaden angerichtet hat, dass wir nie erfahren werden, wie die Pyramidenkomplexe einst ausgesehen haben. Vielleicht ist ja mal das Glück auf Seiten der Archäologen und sie entdecken Baupläne, so es die denn je gegeben haben sollte.


Manchmal drängt sich mir ein Verdacht auf: dass wir gar nicht alles wissen sollen, was wir wissen könnten. Was Wissenschaftler herausgefunden haben, das passt nicht immer zum aktuellen Wissensstand. So erfuhr ich vor Ort, dass im  Umfeld der Pyramiden von Túcume und Sipán »einige kostbare Masken« gefunden wurden, die ein Merkmal aufweisen, das nun gar nicht zu Südamerika passt: Sie hatten eingelegte blaue Augen!

Foto 7: Auch das sind künstliche Strukturen

Bis heute konnte ich in der wissenschaftlichen Literatur keinen einzigen Hinweis auf diese Masken mit blauen Augen finden. Ich konnte auch keine Maske in den Museen vor Ort (1) entdecken. Nur Thor Heyerdahl erwähnt eine (8) »auffallend blauäugige Mumienmaske von Sipán«, die er seinem Bekunden nach selbst in Händen hielt.

Hatten die Erbauer der Pyramiden also blaue Augen und woher kamen sie? Woher kam der erste Herrscher, Ñaymlap per Floß? Gab es Kontakt mit Europa, als die ersten Pyramiden an der Küste Perus gebaut wurden? Gab es lange vor Kolumbus europäische »Entdecker«? Gab es lange vor Kolumbus weltweite Seefahrt? Wurden die Ozeane schon sehr viel früher überquert als man heute noch glauben zu müssen meint? Am 8.5.2013 berichtete die Tageszeitung »Welt« (9):

»Wie kamen blonde Weiße vor Kolumbus nach Peru? Als die Konquistadoren in die Anden kamen, staunten sie über die hellhäutigen Chachapoyas. Nach genetischen Untersuchungen ist sich Hans Giffhorn sicher: Es handelt sich um Nachfahren von Kelten. Wer sich die Hinterlassenschaften der Kelten anschauen möchte, fährt naheliegender Weise zu den einschlägigen Orten in Deutschland, nach Frankreich und in andere Länder Westeuropas, um Überreste von Siedlungen, Grabstätten und Verteidigungsanlagen zu finden. Hat er sie alle durch, kann er allerdings auch nach Südamerika fahren, um am Ostrand der Anden Bauwerke und andere kulturelle Errungenschaften jenes frühen europäischen Volkes und seiner Nachfahren zu bewundern – alles aus einer Zeit viele Jahrhunderte vor der ersten Überfahrt von Christoph Kolumbus. Kelten waren nämlich lange vor Kolumbus in der Neuen Welt. Gemeinsam mit Karthagern.«

Foto 8: Pyramide und Wüstenei verschmelzen scheinbar

Es gibt durchaus Hinweise auf für bislang in der Wissenschaft bestrittene sehr frühe Besucher aus Europa in Peru. Sollten gar die Erbauer der nordperuanischen Riesenfestung Kuelap in den Hochanden ursprünglich aus Europa gekommen sein (10)? Noch sind derlei Spekulationen für die anerkannte Schulwissenschaft ein böses Sakrileg. Noch, so scheint mir, wagen Wissenschaftler aus Angst um ihr Renommee nicht, in dieser Richtung auch nur zu forschen. Wird sich daran etwas ändern? Kann sich daran überhaupt kurzfristig etwas ändern? Warum sträuben wir uns so sehr gegen die Vorstellung, dass die Menschheitsgeschichte nicht linear verlief? Weil wir Menschen des 21. Jahrhunderts uns unseren Vorfahren unbedingt haushoch überlegen fühlen möchten? Können wir nicht akzeptieren, dass die Menschheit vor Jahrtausenden sehr viel fortgeschrittener war als unsere Väter und Großväter? Die Bauten von Lambayeque und Kuelap stehen in keiner direkten Verbindung. Es wurden ganz unterschiedliche Baumaterialien verwendet. Und doch haben sie vielleicht etwas gemeinsam. Sie alle könnten nämlich Zeugnis ablegen für eine Hochkultur, die lange vor Kolumbus Transatlantikreisen beherrschte. Derlei Reisen darf es aber nach aktueller Wissenschaft nicht gegeben haben, also kann es auch nicht zu derartigen Reisen über die Meere gegeben haben?


Foto 9: Die Stadt der Wolkenmenschen (Chachapoyas)

Fußnoten
1) Diese Museen sind ein »Muss«:
»Museo Tumbas Reales de Sipán«, das »Museum der Königsgräber von Sipán«, Lambayeque
»Museo Arqueologico Nacional Brüning«, Lambayeque
»Museo de Sitio de Tucume«
»Museo de sitio Huaca Rajada«, Sipan
2) Heyerdahl, Thor: »Die Pyramiden von Tucumé«, München 1995, S. 8, Zeilen 1-7 von unten und Seite 10, Zeilen 1 und 2 von oben
3) ebenda, S.10, Zeilen 3-7 von oben
4) Heutige Schreibweise ist Túcume, nicht mehr Tucumé.
5) Heyerdahl, Thor: »Die Pyramiden von Tucumé«, München 1995, Seite 10, Zeilen 11-13 von oben
6) 2. Buch Mose Kapitel 19, Vers 23
7) 2. Buch Mose Kapitel 19, Vers 18
8) Heyerdahl, Thor: »Die Pyramiden von Tucumé«, München 1995, S. 17, 2. Zeile von unten
9) Meine Quelle ist die Online-Version des zitierten Artikels!
10) Meine Quelle ist die Online-Version des Artikels »Die Kelten kamen bis nach Peru«  der »Wienerzeitung« vom 20.9.2013


Foto 10: Eingang zum Komplex Kuelap


Zu den Fotos
Foto 1: Pyramidenkomplex von Túcume im Überblick. Foto wikimedia commons/ Euyasik
Foto 2: Pyramiden, Mauern, Plattformen von Túcume. Foto wikimedia commons Lomita
Foto 3: Schutzdächer für Archäologen (Túcume). Foto wikimedia commons Lourdes Cardenal
Foto 4: Pyramide an Pyramide oder Rampe und große Pyramide? Foto wikimedia commons Euyasik
Foto 5: Imposanter Teilbereich des Pyramidenkomplexes (Túcume). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Abgeflachte Pyramide von Túcume. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Auch das sind künstliche Strukturen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Pyramide und Wüstenei verschmelzen scheinbar. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Die Stadt der Wolkenmenschen (Chachapoyas). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Eingang zum Komplex Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Walter-Jörg Langbein unterwegs im Reich der Wolkenmenschen. Foto Ingeborg Diekmann


Foto 11: Walter-Jörg Langbein 
unterwegs im Reich der Wolkenmenschen. 
Foto Ingeborg Diekmann


394 »Auf der Suche nach der ältesten Pyramide«,
Teil  394 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 06.8.2017

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Sonntag, 23. Juli 2017

392 »Von Tunneln, verborgenen Schätzen und Legenden«

Teil  392 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Fotos 1- 3: Tunneleingänge
Schon auf der abendlichen Rückfahrt ins Hotel bedauerte ich, nicht zumindest in einen der diversen Schächte gekrabbelt und das Innere eine dieser Riesenpyramiden erkundet zu haben. Und je weiter ich mich von den Pyramiden an der Küste Perus entfernte, umso größer wurde mein Wunsch, zurückzukehren und bäuchlings in einen der Gänge zu kriechen. 

Rasch vergessen war, wie brüchig schon die Eingänge wirkten. Da waren Brocken von den Decken gefallen, uralte Lehmziegel lagen am Boden der schmalen und niedrigen Tunnels. Und blickte man hinein in den Tunnel, so sah man, dass es da so weiter ging. Ein allzu neugieriger Besucher musste damit rechnen, beim Erkunden des Gangs verletzt zu werden. Schon ein Blick in die Eingänge zeigte: Da bestand Einsturzgefahr. Gut, so denke ich heute, dass ich auf das Abenteuer verzichtet habe!

Mutiger war ohne Zweifel Ephraim George Squier. Squier, 1821 in Bethlehem (New York) geboren, 1888 in New York City verstorben,  war der Sohn eines methodistischen Predigers. Journalismus lag ihm im Blut. So startete er eine wenig Erfolg versprechende »Karriere« als Herausgeber diverser Zeitungen, wechselte dann in die Politik. Schließlich studierte Squier Ingenieurwissenschaften. Nicht zuletzt mit diesem Hintergrundwissen erkundete er mit Abenteuerlust und wissenschaftlicher Präzision die uralten indianischen Erdpyramiden in den Tälern des Ohio und des Mississippi. 1848 erregte er mit seinem Werk über »Ancient Monuments of the Mississippi Valley« Aufsehen.

Foto 4: E.G.Squier
Mitte des 19. Jahrhunderts dokumentierte er die Existenz von erstaunlichen Bauten im Mississippi-Tal, die heute weitestgehend verschwunden sind. Die Erbauer von Erdpyramiden leisteten dort vor vielen Jahrhunderten Unglaubliches. Leider wurden ihre Meisterwerke, für die gigantische Mengen von Steinen und Erdreich transportiert und verarbeitet wurden, bewusst zerstört. Die »Einwanderer« benötigten immer mehr Flächen für die Landwirtschaft, da mussten Erdpyramiden weichen. Viele wurden abgetragen, neues Ackerland entstand.

Voreilig ist, wer auf die amerikanischen Siedler herabblicken zu können meint. In unseren Breiten wurden »Keltenschanzen« - immerhin oft zwei Jahrtausende alt – wie die Mounds in Amerika zerstört, eingeebnet und »zerpflügt«! Und das offenbar noch in jüngster Vergangenheit.

Kaum noch als der stolze Komplex zu erkennen, der die 2000jährige »Herlingsburg« auf dem Keuperberg beim Schiedersee in meiner lippischen Heimat einst war, ist die heute weitestgehend von Bäumen überwachsene Wallanlage . Heute muss man schon genau hinschauen, um Reste der einst mächtigen Wallanlage zu erkennen. Von uralten Grabanlagen sieht man im Dickicht nichts mehr. Einst gab es im Inneren des Komplexes Brunnen. Sie wurden längst zugeschüttet. Es ist traurig, dass die Spuren teilweise recht großer Kultanlagen, die es vor unserer eigenen Haustüre gab, im Verlauf der letzten Jahrhunderte zerstört und abgetragen wurden.

Fotos 5-8: Kaum noch zu erkennen...

Richtig sesshaft konnte oder wollte Squier wohl nicht werden. Er agierte aktiv in Politik und Diplomatie. führten Squier Mitte des 19. Jahrhunderts nach Zentral- und Südamerika. Oder war seine Sehnsucht nach fremden Ländern und deren Denkmälern der eigentliche Grund für den umtriebigen Squier in die Politik zu gehen? Wie dem auch sei: Anno1863 kam er  als »Kommissar der Unionsstaaten« nach Peru, wo er mit wachsender Begeisterung die ihn faszinierenden mysteriösen Monumente aus uralten Zeiten studierte. 1877 brachte er ein Werk über Peru heraus (1). Schon 1883 erschien die deutsche Übersetzung (1) »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«.

Foto 9: Squire's Peru

115 Jahre später war ich, ohne es zu wissen, auf Squiers Spuren unterwegs. Schon Squier hatten die gigantischen Pyramiden aus Millionen von an der Sonne getrockneten Lehmziegeln fasziniert. Schon Squier hat sich von Einheimischen erzählen lassen, dass sich im Inneren der großen »Pyramide zu Moche« Räume befänden.

Noch heute, so behaupten Einheimische, wüssten Eingeweihte, wie man in das Innere der Pyramiden zu geheimen Räumen gelangt. Squier schrieb im 19. Jahrhundert (2): »Es sollen in dem Bauwerke Gänge und Kammern vorhanden sein, welche nur die Indianer kennen und unter Schuttmassen sorgfältig verborgen halten. Einer dieser Gänge, so geht die allgemeine Sage, steigt von den Bauwerken am Hügelabhange herab und erstreckt sich unter dem Boden bis in das innerste Heiligtum der Pyramide, in das Gewölbe mit dem Leichnam des mächtigen Fürsten von Chimú, und in welchem vielleicht der ›große Fisch‹ verborgen liegt.«

Foto 10: So sahen die Lambayeque-Pyramiden um 1850 aus

 Bei mehreren der Pyramiden in den Gefilden von Lambayeque sind mir, wie berichtet, sehr niedrige und schmale Stolleneingänge aufgefallen. Sie befanden sich alle jeweils am Fuße der Pyramiden, direkt am Boden. Einen solchen Stollen beschreibt auch Squier anno 1877 (3):

»Er war von Schatzgräbern angelegt worden, und die herausgeförderten Stoffe bildeten an der Mündung des Stollens einen förmlichen kleinen Hügel. Da wir Lichter bei uns hatten, so folgten wir dem Gange bis an sein Ende. Es roch übel darin, und er war schlüpfrig von den Exkrementen der Fledermäuse, die an uns vorbeischwirrten, als sie aufgescheucht wurden, und unsere Lichter ausstieszen, als wenn sie die erzürnten Wächter der Schätze der Chimú-Könige wären. Die Besichtigung zeigte uns nichts auszer den durchhin gehenden Schichten von Ziegeln, keine Spur von Kammern oder Gängen.« (4)

Ich will offen sein: Mich interessiert überhaupt nicht, wie man in der wissenschaftlichen Literatur diese oder jene Kultur nennt, die angeblich diese oder jene Pyramide hervorgebracht hat. Heute spricht man von »Sicán-Kultur«, früher hatte man sich auf »Lambayeque-Kultur« geeinigt. Klar ist lediglich, dass die Pyramidenbauer an der Küste Perus lange vor den Inka aktiv waren und erstaunliche Bauwerke schufen.

Ich will offen sein: Ich habe so meine Zweifel an den Datierungen der gewaltigen Pyramiden, denen man heute noch nur ein relativ geringes Alter zubilligt. So soll Betán Grande bei Chiclayo zwischen 900 n.Chr. und 1100 n.Chr. das religiöse Zentrum der »Lambayeque-Kultur« gewesen sein. »Lambayeque« leitet sich von einer mythologisch-legendären Gestalt ab, von »Ñaymlap«. Ñaymlap soll so etwas wie ein präinkaischer Heros gewesen sein, ein Held, ein Reichsgründer. Angeblich galt Ñaymlap einst als leibhaftiger und unsterblicher Gott. Als er dann aber doch das Zeitliche segnete, so wird überliefert, habe man ihn klammheimlich in seinem Palast beerdigt. Das tumbe Volk sollte auch weiterhin an die Unsterblichkeit Ñaymlap glauben. Bis heute ist das Grab Ñaymlaps nicht gefunden worden. Wird man es je entdecken? Vorsicht ist geboten! Mag sein, dass sich ein früher Herrscher mit dem Namen Ñaymlap schmückte. Mag sein, dass man eines Tages tatsächlich das Grab eines Ñaymlap in einer der Pyramiden findet. Oder präziser: Vielleicht stößt man eines Tages bei Ausgrabungen auf das Grab eines frühen Mächtigen, den die Archäologie dann zu Ñaymlap erklärt. Das Grab des Ñaymlap dürfte schwer zu identifizieren sein, da schriftliche Aufzeichnungen und Beschreibungen aus den mythischen Zeit dieses Herrschers fehlen.

Foto 11: Weiteres Werk von E.G. Squier
Ñaymlap wurde erstmals im 16. Jahrhundert von Cabello de Balboa, einem verlässlichen Chronisten, erwähnt. Nach seit Generationen mündlich überlieferten Berichten tauchte Ñaymlap auf einem riesigen Floß »aus dem Norden« auf. Ich habe mir Legenden über den Heros Ñaymlap erzählen lassen, so wie dies schon Ephraim George Squier im späten 19. Jahrhundert tat. Squier vermeldet, was die stolzen Nachfahren der Pyramidenbauer von Lambayeque behauptet haben (5): »Sie seien zu einer sehr entlegenen Zeit auf einem ungeheuren Flosze von Norden her gekommen unter einem Häuptlinge groszer Geistesgaben und hohen Mutes. Mit Namen Ñaymlap, der viele Genossen und Beischläferinnen mitführte.«

Squier hörte altehrwürdige Legenden von einem riesigen Floß, mit dem Naymlap und Gefolge in der »San-Jose-Bucht« gelandet sein sollen. Andere Legenden, so wie sie mir erzählt wurden, vermelden freilich, dass unter Leitung von Ñaymlap eine wahre Floß-Armada eine neue Zivilisation in die Gefilde von Lambayeque brachte. Aus dieser »Urkultur« sollen die Mochica und Chimú hervorgegangen sein. Es folgten die Sican-Kultur, dann die mörderischen Spanier.

Im Herbst 2011 erhielt ich einen aufgeregt-euphorischen Anruf aus Peru. Der Archäologe Carlos Wester habe gerade den »Palast« von Ñaymlap entdeckt. Ich müsse mich umgehend auf die Reise nach Peru machen, wenn ich bei der Auffindung von Ñaymlaps Grab anwesend sein wolle. Unbeschreiblich kostbare Grabbeigaben aus Gold seien zu erwarten, und das in einer gewaltigen Menge. Man dürfe, ja müsse von Herrlichkeiten in Gold ausgehen, in einem Umfang und einer Kunstfertigkeit, wie man das noch nie gesehen habe. Man sei davon überzeugt, dass jeden Augenblick die Gebeine des mythologischen Herrschers ans Tageslicht kämen, ganz zu schweigen von den sterblichen Überresten unzähliger Menschenopfer, etwa von der Frau des Regenten und von seinen – wie Squier es moralisierend formulierte –  »Beischläferinnen«. Höchste Eile sei geboten. Bis heute kam es nicht zu der anno 2011 angeblich unmittelbar bevorstehenden sensationellen Entdeckung.

Fußnoten
1: Ephraim George Squier: »Peru - Incidents and Explorations in the Land of the Incas«, 1877. Mir liegt die Erstauflage der Übersetzung ins Deutsche vor: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«,  Leipzig 1883
Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen.
2: ebenda, Seite 160, Zeilen 11 bis 19 von unten
3: ebenda, Seite 160 ab der 7. Zeile von unten bis unten und Seite 161, Zeilen 1-4 von oben
4: Wer die Werke H.P. Lovecrafts kennt, wird erkennen, dass Squiers Schilderung einer Horrorstory von Lovecraft entnommen sein könnte!
5: Ephraim George Squier: »Peru - Incidents and Explorations in the Land of the Incas«, 1877. Mir liegt die Erstauflage der Übersetzung ins Deutsche vor: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«,  Leipzig 1883, Zitat Seite 204, Zeilen 4-7 von unten


Foto 12: Squier um 1870
Zu den Fotos
Fotos 1- 3: Tunneleingänge in die Pyramiden von Túcume und Co.
Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 4: E.G.Squier, etwa 1865. Historische Darstellung, gemeinfrei.
Fotos 5-8: Kaum noch zu erkennen, die Keltenschanze am Schiedersee.
Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Squire's Peru. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 10: So sahen die Lambayeque-Pyramiden um 1850 aus. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 11 Ein weiteres Werk von E.G. Squier. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 12: Squier um 1870. Zeitgenössische Darstellung, gemeinfrei. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

393 »Wo medizinmänner mit Teufeln sprachen«,
Teil  393 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 30.7.2017



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Sonntag, 16. Juli 2017

391 »Unterwegs in Túcume«

Teil  391 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1 und  2: Modelle von Sipan und Túcume

Die Inka eroberten »feindliches Land«, um ihr Reich zu vergrößern, heißt es in den Werken der Geschichtsforscher. Und die Gelehrten fabulierten nicht einfach, sie studierten Aufzeichnungen der Spanier, sie führten archäologische Ausgrabungen durch. So brutal die Militärs auch manchmal vorgingen, sie vernichteten keine ältere Kultur. Vielmehr respektierte sie die Leistungen der militärisch unterlegenen. Bauwerke aus älteren Zeiten zerstörten sie nicht.

Die Verteidiger von Túcume, im Lambayeque-Tal, Peru, fürchteten die marodierenden Spanier, die Tod und Verderben brachten. Waren diese goldgierigen Räuberbanden vielleicht eine Strafe der Götter? Schickten die Himmlischen die Mörder aus fernem Land jenseits des großen Meeres, weil ihnen in nicht genügendem Umfang Respekt gezollt wurde? Konnte man die eigenen Götter noch besänftigen? Würde so das Ende noch verhindert werden können? Also ließen die Herren von Túcume den Göttern Menschenopfer bringen. Wer als Opfer ausgewählt wurde? Nach welchen Kriterien man wen mit wuchtigen Beilhieben erschlug? Waren es vielleicht Freiwillige aus der Oberschicht, oder doch Mordopfer?

Foto 3: Der Fürst von Sipan lässt sich über den Fortschritt der Bauarbeiten informieren

Ein Doktorand der Archäologie erklärte mir vor Ort in Túcume im Gespräch, dass es wohl die Edelsten der Edlen waren, die sich für das Wohl der Gemeinschaft den Göttern opfern ließen. »Man wollte natürlich die Götter bestechen, indem man ihnen Vertreter aus ›Adelskreisen‹ schenkte. Die Himmlischen würden sich doch nicht mit niederem Volk zufriedengeben!« Drängten sich vielleicht Opferwillige geradezu vor, um mit ihrer vermeintlich heroischen Tat die Zerstörung der eigenen Kultur noch einmal abzuwenden?

Wie dem auch sei: Dutzendweise wurden anno 1533 Menschen erschlagen, doch die Götter ließen sich nicht besänftigen. Sie unternahmen nichts, um ihre Anhänger zu retten. Ungehindert folterten, massakrierten und plünderten die Spanier. Der Zweck – Gold, Gold, Gold – heiligte die Mittel. Die Herrscher von Túcume müssen verzweifelt gewesen sein, als sie erkannten, dass die feindlichen Eroberer auch durch Blutopfer für die Götter nicht aufzuhalten waren. Der riesige Pyramidenkomplex von Túcume sollte ihnen aber nicht in die Hände fallen. So steckten sie das Heiligtum in Brand, legten die Zeugnisse ihrer Kultur und Schutt und Asche.

Foto 4: Riesige Rampen führten einst zu den Bauten auf den Pyramiden

Es heißt, dass einst ein Heros namens Naymlap die Kultur von Túcume begründete. »Mein« Doktorand, der anonym bleiben wollte, spekulierte: »In Tempeln auf riesigen Pyramiden mögen Reliquien des legendären Naymlap verehrt worden sein. Es mag auch schriftliche Dokumente über die Gründerzeit gegeben haben. Wenn die Tempel von Túcume Artefakte enthielten, die uns Ñaymlap näher bringen könnten, so fielen sie den Feuern von 1533 zum Opfer!« Hätte es diese Brände nicht gegeben, so wären die Spuren des Ñaymlap mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von den Spaniern zerstört worden.

Die Spanier vermuteten in den Pyramiden von Túcume Gräber hoher »Fürsten« und »Könige«. Sie dürften reiche Grabbeigaben vermutet haben. Zerstörten die Spanier die einst stolzen Bauwerke? Allein im Tal von Túcume gab es einst mindestens 26 künstlich aus Adobe-Ziegeln geschaffene Pyramiden. Hoch oben auf den Plattformen der Pyramiden mögen einst die Herrscher von Túcume gelebt haben. Vielleicht waren da aber auch Astronomen stationiert, die den Lauf der Sterne und Planeten verfolgten. Tatsächlich sind allen Zerstörungen zum Trotz auf manchen der Pyramiden noch heute Reste von Gebäuden zu erkennen.

Foto 5: Schutzdächer für archäologische Ausgrabungen

Welche Verwüstungen gehen auf wen zurück? Schon im 11. Nachchristlichen Jahrhundert soll es klimatische Katastrophen im Tal von Túcume gegeben haben. Nach Ewigkeiten der Trockenheit sollen sintflutartige Regenfälle dafür verantwortlich gewesen sein, die zumindest einige der Pyramiden fast bis zur Unkenntlichkeit beschädigten. Wie sollen da heute, ein Jahrtausend später, seriöse Archäologen das ursprüngliche Aussehen der Pyramiden rekonstruieren können?

Reste von Rampen, die einst zu den Spitzen der Pyramiden hinauf führten, sind heute noch da und dort zu erkennen. Waren es nur Aufgänge? Oder dienten sie wie Rampen an speziellen indischen Tempelpyramiden astronomischen Zwecken? Mein Informant, so versicherte er mir, hielt sich strikt zurück mit der Veröffentlichung von Grabungsberichten, so die Zweifel an der aktuell gültigen Lehrmeinung aufkommen lassen könnten.

Foto 6: Einer der Tunneleingänge

An archäologischen Stätten trifft man oft Wissenschaftler aus unterschiedlichen Bereichen, vor allem natürlich Archäologen. Im vertraulichen Gespräch erfährt man oft, was gar nicht zur gängigen wissenschaftlichen Lehre passt. »Mein« Archäologe zum Beispiel favorisierte die Vorstellung von sehr frühen matriarchalen Gesellschaftssystemen. Vorsichtig formulierte er: »Ich halte es zum Beispiel für wahrscheinlich, dass in Sipán wie in Túcume Frauen eine ganz dominante Rolle spielten, im religiösen Bereich als ›Oberpriesterinnen‹, im weltlichen Bereich als ›Fürstinnen‹. Womöglich gab es harte Auseinandersetzungen zwischen Anhängerinnen der Oberpriesterin und dem Gefolge des Oberpriesters.« Konkrete Beweise für eine solche Spekulation konnte mir »mein« Archäologe freilich nicht benennen. »Vielleicht zerstörte die eine Fraktion die Pyramiden der anderen.« Entbrannte ein Kampf der Geschlechter?

Foto 7: Das Werk von Grabräubern
»Was heißt hier ›Beweise‹!«, mokierte sich der noch junge Mann.« Vieles was der Laie für wissenschaftlich bewiesen halte, sei reine Spekulation. Rein spekulativ sei zum Beispiel die interessante These vom Menschenopfer als Ursache für den Niedergang der Kultur der Pyramidenbauer von Sipán und Túcume: Weil den Göttern die Edelsten und Besten geopfert wurden, verschwand die Elite, verlor man das Führungspersonal. Schwächten die Menschenopfer das Volk schon so, dass die Spanier im 16. Jahrhundert ohne größere Probleme gegen eine zahlenmäßige Übermacht gewinnen konnten? Oder führte El Niño schon vor Jahrhunderten zu Naturkatastrophen, denen die Menschen in der Wüstenregion hilflos ausgeliefert waren? (1)

Auf meinen Reisen durch die Gefilde von Túcume und Sipán fühlte ich mich in eine fremde Welt versetzt. Die Reste der einst gigantischen Pyramiden machten einen traurigen Eindruck. Millionen von Adobe-Steinen waren einst, wann auch immer, an der Sonne gebrannt und zu komplexen Systemen von Plattformen und Pyramiden aufgetürmt worden. Unbezweifelbar sind gewaltige Wasserschäden. Sind sie alt oder jung? Ich muss nochmal »meinen« anonymen Archäologen zu Wort kommen lassen: »Auch Archäologen sind an zum Teil erheblichen Schäden an den Pyramiden verantwortlich. Sie müssen die äußere Schicht der Pyramiden entfernen, um zu erforschen, was sich darunter verbirgt. Dann sind die Pyramiden schutzlos den Wetterunbilden ausgeliefert. Auch sind die an der Sonne gebrannten Lehmziegel nicht sehr durabel. So kann es sein, dass einige der Pyramiden so aussehen, als seien sie seit Jahrtausenden Wind und Wetter ausgeliefert. In Wirklichkeit geschahen die massiven Beschädigungen erst in den letzten 100 oder 120 Jahren.«

Seit mindestens 100 Jahren sind auch Grabräuber zugange, die Tunnel in die Pyramiden treiben, in der Hoffnung, so auf Grabkammern mit Mumien mit kostbarem Schmuck zu stoßen. Bei meinen Besuchen sah ich mehrere solche bergwerksartig in Pyramiden hineingetriebene Stollen gesehen. Deren Ausmaße, ich habe nachgemessen, hielten mich davon ab, in den Leib der Pyramiden vorzudringen. Ein Beispiel soll genügen: Höhe 95 Zentimeter, Breite 89 Zentimeter. Man wollte wohl so schnell wie möglich so weit wie möglich in der Pyramide vorankommen. Wie lang der Stollen war, das weiß ich natürlich nicht. Ob er von Grabräubern angelegt worden ist,  ich weiß es auch nicht. Ob der Gang zu einer Entdeckung führte, zu einer Grabkammer? Oder endet er irgendwo im Inneren der massigen Pyramide blind? Die Vorstellung, mich auf allen Vieren durch diesen engen Tunnel zu quetschen, die war mir alles andere als angenehm. Was mich dann letztlich davon abhielt, den Schacht zu erkunden, war der Gedanke an den Rückweg. Die Vorstellung, auf allen Vieren rückwärts wieder durch die Enge des Tunnels ans Tageslicht zurückzukehren, fand ich gruselig. Kurz, ich verzichtete auf ein mögliches Abenteuer. Mir fehlte der Mut, den H.P. Lovecrafts Held aufbrachte, um in die furchteinflößende »Stadt ohne Namen« (2) zu gelangen.

Fußnoten
Foto 8: Ein Stolleneingang
Foto 9: Ob die Grabräuber fündig wurden?
1) Literaturempfehlung! Sehr ausführlich hat sich der amerikanische Geograph Jared Diamond mit dem Untergang von Kulturen und Zivilisationen auseinandergesetzt. Sehr empfehlenswert ist sein Buch »Kollaps«. Diamond, Jared: »Kollaps/ Warum Gesellschaften überleben oder untergehen«, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt am Main, Oktober 2011
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seiten 7- 24. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.

Zu den Fotos
Fotos 1 und  2: Modelle von Sipan und Túcume. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Der Fürst von Sipan lässt sich über den Fortschritt der Bauarbeiten informieren. 
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Riesige Rampen führten einst zu den Bauten auf den Pyramiden.
Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 5: Schutzdächer für archäologische Ausgrabungen.
Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 6: Einer der Tunneleingänge. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Das Werk von Grabräubern. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Ein Stolleneingang. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Ob die Grabräuber fündig wurden? Foto Walter-Jörg Langbein

392 »Von Tunneln, verborgenen Schätzen und Legenden«,
Teil  392 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        

  von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 23.7.2017


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Sonntag, 9. Juli 2017

390 »Im Tal der 300 Pyramiden«

Teil  390 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Die Pyramiden von Palenque und Chichen Itza

Weltweit gibt es Pyramiden, von Ägypten bis Mexico. Atemraubende Steinberge, Treppen in den Himmel, faszinieren mich besonders im Urwald Mexikos. Im Sonnenlicht erstrahlen sie auf geheimnisvolle Weise vor dem Hintergrund des grünen Dickichts, das sie Jahrhunderte lang verborgen hielt. Beim Anblick der herrlichen scharf umrissenen Konturen, die sich so klar und deutlich vom blauen Himmel abheben, vergisst man aber eines: Die Meisterwerke der Baukunst wurden von Archäologen „neuerer“ Zeit ausgegraben und rekonstruiert. Oftmals boten sie, vom Überwuchs befreit, einen traurigen Anblick: So manche Stufenpyramide war nur noch als „Hügel“ zu erkennen.

Scharfkantige Treppenstufen mussten erst wieder mehr als nur einer „kosmetischen Operation“ unterzogen werden. Große Teile der Außenhülle waren abgerutscht und lagen zu Füßen der einst so stolzen Pyramiden. Sorgsam wieder aufgebaut, machen die Pyramiden von Tulum, Palenque und Chichen Itza heute einen frischen Eindruck, so als ob sie eben erst errichtet worden seien und nicht vor Jahrhunderten. Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass bei der »Rekonstruktion« mancher Pyramide eine gehörige Portion Fantasie zum Einsatz kam.

Foto 3: Howard Phillips Lovecraft.

Von Chiclayo aus erkundete ich die Gefilde von Lambayeque im nordwestlichen Peru. Anno 2007 lebten auf einer Fläche von rund 15.000 km² über eine Million Menschen. Einst blühten hier zu Vor-Inka-Zeiten erstaunliche Kulturen. Die Chimú-Kultur dominierte in der Zeit von etwa 1250 n.Chr. bis 1470 n.Chr. um die heutige Stadt Trujillio. Ebenso „vorinkaisch“ ist die Sipán-Kultur im La-Leche-Tal an der Nordküste von Peru, deren Bauten  im Zeitraum von ca. 700 bis 1375 errichtet wurden. Noch älter ist die Moche-Kultur. Nach heutigem Kenntnisstand hatte sie ihre Anfänge bereits im 1. Nachchristlichen Jahrhundert und ging im 8. Jahrhundert unter.  Gingen diese Kulturen ineinander über oder entstanden sie unabhängig voneinander? Oder beeinflussten sie sich nur?


Foto 4: Palenque, Tempel des Totenschädels, Tempel XII.

Von Chiclayo aus erwanderte ich die Bauten dieser drei Kulturen, über die weit weniger bekannt ist als man annehmen möchte. Die Pyramiden, die sie uns hinterlassen haben, erinnern mich an fantastische Schilderungen aus der Feder von H.P. Lovecraft (1) . Bei einem nächtlichen Besuch überkam mich ein komisches Gruseln, vielleicht weil mir die eine oder die andere Schauergeschichte erzählt worden war, von Menschenopfern und grausamen Ritualen. Mächtigen Fürsten seien lebende Diener mit ins Grab gegeben worden, um die Herrschaften im Jenseits standesgemäß zu bedienen. Oder man habe die engsten Vertrauten dahingeschiedener Despoten rituell getötet und die Entleibten dem toten Fürsten zur untertänigsten Betreuung im Jenseits mitgegeben.

Umstritten ist, ob die engsten Vertrauten wie Bedienstete freiwillig aus dem Leben schieden, weil sie im Glanz der Fürsten im Jenseits weiterleben wollten, oder ob sie ungefragt ermordet wurden. Vielleicht glaubten sie, so in ein besseres Leben zu sterben, in ein Jenseits, das viel angenehmer sein würde als für viele Zeitgenossen das Diesseits?

Foto 5: Die Mondpyramide, Straße der Toten.

Ein katholischer Geistlicher vertraute mir flüsternd an, Gruselstories von Geistern, die den Lebenden von heute das flackernde Lebenslicht ausblasen wollen, gingen auf das Konto von Archäologen. »Man will den Grabräubern Angst machen, ihnen einreden, dass sie höllischen Spuk auslösen, wenn sie die Gräber aus alten Zeiten plündern.« Wirklich beeindruckt scheinen die Grabräuber vor Ort nicht zu sein. Schließlich haben ihre Großväter und Väter bereits die Gefilde von Túcume und Sipán systematisch in Angriff genommen, um bis heute unentdeckte Gräber mythologischer Fürsten ausfindig zu machen. Seit Generationen hofft man auf besonders wertvolle Funde, auf edelste Grabbeigaben, die alle bisherigen Funde in den Schatten stellen.


Foto 6: Eine der Pyramiden von Túcume

Aus Sicht der Toten dürfte es kaum einen Unterschied machen, ob ihre »Ruhe« von Grabräubern oder Archäologen gestört wird. Gewiss, Grabräuber gehen mit den sterblichen Überresten aus alten Zeiten sehr viel brutaler um als Archäologen. Mumien werden wenig zartfühlend ausgewickelt und achtlos liegengelassen. Von alleinigem Interesse sind Goldschmuck und Tonwaren, von reichen Privatsammlern begehrt. Man befürchtet aber auch zu Recht, dass Goldschmuck aus Gräbern immer wieder eingeschmolzen wird, ganz nach Sitte der ach so kultivierten spanischen Eroberer. Archäologen gehen behutsamer mit den Toten um. Ihre wertvollen Grabbeigaben wandern in Museumsvitrinen, so wie auch gut erhaltene Mumien gern in Museen in klimatisierten »Schneewittchensärgen« zur Schau gestellt werden. Von Pietät kann man auch nicht sprechen, wenn Mumien ihren Gräbern entrissen, desinfiziert und konserviert werden, um dann in Museumsdepots zu verschwinden.

Foto 7: Im Tal der 300 Pyramiden

Wirken zum Beispiel die Pyramiden von Chichen Itza, Palenque oder der »Straße der Toten« am Rande von Mexico City heute, als wären sie eben erst gebaut worden, so erscheinen jene von Túcume und Sipán geradezu vorsintflutlich alt. Salopp gesagt: So manche Pyramide in Mexico oder Peru könnte als Kulisse für einen Science-Fiction-Film gebaut worden sein. Per »Zeitmaschine« reisen die Helden in die Vergangenheit, um zu erleben, welche Rituale auf den steinernen Monumenten vollzogen wurden. Die Pyramiden von Túcume und Sipán beflügeln die Fantasie. Sie kommen mir vor, als wären sie nicht Jahrtausende, sondern Jahrhunderttausende Jahre alt! Es bedürfte eines H.P. Lovecraft, um diese rätselhaften Monumente längst vergangener Zeiten angemessen zu beschreiben.

Lovecraft fabulierte fantasiereich über eine ominöse Stadt »tief in der arabischen Wüste« (2): »Die zeitzerfressenen Steine dieser altersbleichen Überlebenden der Sintflut, dieser Ur-Urahnin der ältesten der Pyramiden, verhießen Furcht – und eine unsichtbare Aura stieß mich ab und gebot mir, vor diesen unheildrohenden Geheimnissen zu fliehen, die kein Mensch je erschauen sollte.« Was Lovecraft über »seine Stadt ohne Namen« fabulierte, trifft exakt auf die Pyramidenstädte von Túcume und Sipán zu (3): »Ich erkannte, dass die Stadt in der Tat einst gewaltige Dimensionen aufgewiesen hatte, und fragte mich, woher diese Größe gerührt haben mochte. Ich malte mir die ganze Pracht einer Epoche aus, … als die Menschheit noch jung war.«

Foto 8: Pyramiden wie von einer anderen Welt

Anno 1880 entdeckte der deutsche Ingenieur Hans Heinrich Brüning unweit der Zucker-Plantage Patápo im Lambayeque-Tal, Peru, kostbare Grabbeigaben aus Gold einer unbekannten Kultur. Er staunte nicht schlecht, als er erkannte, dass es sich bei seltsamen Pyramiden in staubtrockener Wüste um gewaltige Pyramiden aus Adobe-Ziegeln handelte. Heute wissen wir, dass in jenen Gefilden Menschen den Göttern geopfert wurden. Anno 1533 wurden im Lambayeque-Tal 119 Menschen mit wuchtigen Axthieben ins Jenseits befördert. Warum? Gab es eine Hungerzeit, spricht schlechte Ernten? Spielte das Wetter verrückt? Wollte man sich die Götter wieder gewogen machen, die man als Urheber des Unglücks ansah? Antworten auf diese Fragen sind rein spekulativ.


Bleiben wir bei den Fakten! Verstreut im Lambayeque-Tal gab es wohl einst an die 300 Pyramiden. Die größte Pyramide von Túcume, »huanca larga«, misst in der Länge 700 Meter, in der Breite fast 300 Meter und hat eine Höhe von 40 Meter (4). Warum wurde diese größte Pyramide der Welt gebaut? Warum entstanden so viele, teils kaum kleinere Pyramiden? Wie viele Menschen waren damit beschäftigt, Millionen und Abermillionen von Ziegeln aus Lehm zu formen und an der Luft in der Sonnenglut hart werden zu lassen? Wollte man künstliche Berge erschaffen, auf denen Tempel errichtet wurden? Je höher der Berg, je höher die Pyramide, umso näher war man ja den himmlischen Göttern!

Foto 9: Pyramiden, wie künstliche Berge.

Dieses Streben nach einem Weg zu den Göttern findet sich schon im »Alten Testament«. Der »Turm zu Babel« (5) war nichts anderes als ein babylonischer Himmelshügel, »Zikkurat« genannt. Die »Zikkurat«, zu Deutsch »hoch aufragend/aufgetürmt, Himmelshügel, Götterberg«, hat eine lange Vorgeschichte. Bereits in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends sind auch in Elam, im Südwest-Iran, einwandfrei nachgewiesen. Auch in Mesopotamien baute man sie. Übrigens: Wie die Pyramiden von Túcume und Sipán wurde auch der biblische Turm zu Babel aus gebrannten Lehmziegeln gebaut (6): »Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel.«  Ziel: Aufstieg in den Himmel (7): »Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.« Das missfiel den Göttern. Nachdem sie den Turmbau inspiziert hatten, stand ihr Entschluss fest (8): »Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.«

Wiederholt war ich in Túcume, wiederholt stand ich vor den Pyramiden, die eindeutig künstlich sind, von Menschenhand geschaffene Monsterberge in der Wüste.

Fußnoten
1) * 20. August 1890 in Providence, Rhode Island; † 15. März 1937 in Providence, Rhode Island
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen 5-8 von oben. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.
3) ebenda, Zeilen 6 und 10-12 von unten
4) Die Maßangaben variieren je nach Quelle.
5) 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9
6) ebenda, Vers 3
7) ebenda, Vers 4
8) ebenda, Vers 7

Foto 10 Modell von Túcume, ein kleiner Teilbereich

Zu den Fotos

Fotos 1 und 2: Die Pyramiden von Palenque und Chichen Itza. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Howard Phillips Lovecraft. Historische Aufnahme, wikimedia commons
Foto 4: Palenque, Tempel des Totenschädels, Tempel XII. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die Mondpyramide, Straße der Toten. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Eine der Pyramiden von Túcume. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Im Tal der 300 Pyramiden. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Pyramiden wie von einer anderen Welt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Pyramiden, wie künstliche Berge. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Modell von Túcume, ein kleiner Teilbereich. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Ich bin Mitglied der deutschen Lovecraft Gesellschaft. Mein Mitgliedsausweis.
     Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 11: Ich bin Mitglied der deutschen Lovecraft Gesellschaft. Mein Mitgliedsausweis.
 

391 »Unterwegs in Túcume«,
Teil  391 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 16.7.2017


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