Sonntag, 14. Oktober 2018

456 »Rätselhafte Kolosse und geheimnisvolle Kammern«

Teil 456 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1 (Montage): Statuen...
Die steinernen Kolosse der Osterinsel sind sehr viel rätselhafter als manchem Zeitgenossen lieb ist. Alle Jahre wieder tauchen Schlagzeilen in der Presse auf, werden vermeintlich sensationelle »Dokumentationen« im Fernsehen ausgestrahlt. Immer wieder wird verkündet, jetzt sei endgültig geklärt, wie die tonnenschweren Statuen transportiert wurden. Immer wieder heißt es, das sei mit ganz einfachen Mitteln möglich gewesen, die bis zu viele Tonnen schweren Kolosse zum Laufen zu bringen. Beispiel: Archäologe Carl Lipo von der »California State University«, Long Beach, will herausgefunden haben, wie man die Steinstatuen transportierte. Carl Lipo berief sich auf eine Legende, wonach die Moai selbst vom Steinbruch aus losmarschiert seien.

»Spiegel online« veröffentlichte einen ausgewogenen Artikel zum Experiment. Carl Lipo wird wie folgt zitiert (1): »Natürlich geschah das nicht aus eigenen Kraft, sondern mit Hilfe der Rapanui, der Einwohner der Insel. Sie sicherten die bis zu 74 Tonnen schweren Figuren mit Seilen, richteten sie auf und bewegten sie dann mit Schaukelbewegungen vorwärts.«

Fakt ist: Das Experiment gelang auf absolut flachem Areal mit einem für das Experiment hergestellten Modell. Das Gewicht der extra angefertigten Statue: 4,4 Tonnen. Der Weg vom Steinbruch im Rano Raraku Vulkan zu den Plattformen der Statuen ist aber nicht eben, sondern mal geht es steil abwärts, mal wieder einen Hang empor. Und wie sollen die Figuren auf ihre Plattformen »gelaufen« sein?

Foto 2: Blick in eine der geheimnisvollen Kammern.

Fakt ist: Es gelang tatsächlich, ein kleines »Modell« eines Moai ein Stück weit auf einer mit großem Aufwand eingeebneten »Straße« zu bewegen. Fakt ist aber auch, dass das »Modell« nicht einem echten Moai entsprach.

Carl Lipos Hauptargument ist nicht stichhaltig (2): »Rund tausend Statuen stehen und liegen auf der Osterinsel, einige davon allerdings zerbrochen am Wegrand. Es waren diese Trümmer, die Lipo auf die Idee brachten. An Straßen, die bergauf führten, liegen die Moai auf dem Rücken; auf abwärts führenden Straßen haben sie einen Bauchklatscher gemacht. Diese Verteilung ergäbe sich nicht, wenn die Statuen nach der bisher gängigen Theorie auf Baumstämmen vorwärts gerollt worden wären.«

Foto 3: In einer der Kammern.
Die meisten zerbrochenen Statuen liegen nicht »am Wegrand«, sondern vor oder hinter den steinernen Podesten, auf denen sie einst standen, von denen sie herabstürzten. Das heißt: Sie hatten unbeschädigt ihr Ziel erreicht, waren auf ihre Plattform gestellt worden, von der sie irgendwann, warum auch immer, fielen und zerbrachen. Nicht belegbar ist die Behauptung, dass die Statuen auf den Rücken fielen, wenn es aufwärts ging und dass sie nach vorn aufschlugen, wenn es abwärts ging.

Dass die Statuen »auf Baumstämmen vorwärts gerollt worden wären« ist keineswegs die »bisher gängige Theorie« und zudem auch falsch. Zu keinem Zeitpunkt gab es auf der Osterinsel ausreichend Holzvorräte, um die Statuen auf Holzrollen zu befördern. Die abstruse Theorie war auch zu keinem Zeitpunkt »die gängige Theorie«.

Jo Anne Van Tilburg, Direktorin des »Easter Island Statue Projects« an der »University of California«, Los Angeles, spricht dem vermeintlich bahnbrechenden Versuch jede wissenschaftliche Bedeutung ab (3): »Was sie da gemacht haben war ein Stunt, aber kein Experiment!« Die Form von Lipos Modell sei keine genaue Nachbildung eines Moai, also nicht für ein seriöses Experiment geeignet. »Sein Projekt hat die Statuen aus ihrem archäologischen Kontext gerissen. Und ich glaube, immer wenn so etwas geschieht, begibt man sich – wie vorsichtig auch immer – ins Reich der Phantasie und der Spekulation auf einer Ebene, die nicht mehr wissenschaftlich ist.«

Die Osterinsulaner, mit denen ich über solche »Erklärungen« diskutierte, lachten nur. »Wenn es so einfach und mit primitiven Mitteln ginge, einen Moai von A nach B zu bringen, wieso werden bis heute zum Beispiel moderne Krane benutzt? Die Moai kamen mit Hilfe von Magie vom Steinbruch an ihre Ziele!«

Foto 4: Standen hier einst die verschwundenen Statuen?

Die 16 Moai von Ahurikiriki standen irgendwo in einer Steilwand an der Südwestküste der Osterinsel. Zwischen 1886 und 1913 stürzten die Kolosse aber ab. Ein Erdbeben mag dafür verantwortlich gewesen sein, wie jenes von 1960, das tonnenschwere Steinquader wie Kinderspielzeug weiter ins Innere der Osterinsel schleuderte.

Foto 5: Unvollendete Statue im Steinbruch

Am 22. Mai 1960 brach ein verheerendes Erdbeben vor Chile aus. Es ließ die Pazifikküste bei Valdivia um bis zu vier Meter absacken. Das Horrorbeben (Stärke 9,5 auf der MM-Skala) verursachte einen Tsunami, der sich im ganzen Pazifik ausbreitete. Die Flutwelle, anfangs 11 Meter hoch,  erreichte am 23. Mai 1960 die Osterinsel. Ahu Tongariki wurde vollkommen zerstört. 16 Kolossalstatuen (Gewicht einer einzelnen Figur: bis zu 100 Tonnen!) wurden wie Bauklötzchen von der zertrümmerten Plattform ins Innere der Insel gespült. Massive Befestigungssteine der Plattform, auf der die Kolosse einst gestanden hatten, wurden einen halben Kilometer von der Küste weg ins Innere des Eilands geschwemmt.

Es sollten 34 Jahre vergehen, bis man sich endlich an die Rekonstruktion von Ahu Tongariki wagte. Das Podest stellte kein Problem dar. Es ließ sich schnell wieder aufbauen. Aber wie sollte man die liegenden Statuen wieder aufrichten und auf das Podest stellen?

Foto 6: Leuchtende Deckenplatten

Die japanische Firma Tadano ließ einen Schwerlastkran auf die mysteriöse Insel schaffen und spendierte weitere 600.000 US-Dollar für den Wiederaufbau. Mit Hilfe des Schwerlastkrans, mit moderner Technik und unter Einsatz erheblicher finanzieller Mittel, gelang der Wiederaufbau der Anlage von Tongariki.

Oberhalb der vielleicht steilsten Felswand der Osterinsel befindet sich das Zeremonialdorf Orongo. Die 52 Häuschen mit den niedrigen, tunnelartigen Eingängen, erinnern sehr an Bunker. Die Decken sind aus massiven Felsplatten. Geheimnisvolle Malereien mit Darstellungen von mythologischen Fabelwesen befanden sich an den Wänden dieser Kammern. Ich bin in so manchen dieser »Schutzräume« gekrochen, entdeckte in jeder kleine Nischen, in denen vielleicht einst sakrale Figuren standen.

Erst auf meinen Fotos entdeckte ich etwas, was mir vor Ort in der Dunkelheit nicht aufgefallen war. Dank eines starken Blitzlichtgeräts gelang mir eine ganze Reihe von Aufnahmen. Erst auf den Papierabzügen, ich fotografierte damals noch analog, sah ich herrliche Farben. Da leuchteten die schweren Deckenplatten in geradezu schillernden bunten Farben. Was die Natur so schuf ist meiner Meinung nach mit abstrakten Gemälden zu vergleichen, nur  schöner.

Foto 7: Mysteriöse Farbenpracht
Die Atmosphäre in den Kammern mit Nebenräumen war seltsam und unbeschreiblich dicht. Wenn ich da in der Finsternis und völliger Stille auf dem Steinboden lag, kam es mir vor, als sei die Zeit vor Jahrhunderten stehengeblieben. Es hätte mich nicht sehr verwundert, wenn ich plötzlich in die Zeit vor einem Jahrtausend versetzt worden wäre. Wie hätte man mich behandelt, wenn man mich entdeckt hätte?

So manche Stunde sinnierte ich in einer dieser Kammern darüber nach, welchem Zweck diese höchst unpraktisch niedrigen Räumchen wohl einst dienten. Warteten hier die Honoratioren auf den Verlauf des Wettkampfes im »Vogelmann-Kult«? Wohl kaum. Wahrscheinlicher ist doch, dass die von Orongo aus die Teilnehmer am Wettbewerb beobachteten. Oder meditierten hier einst Priester? Beteten sie zu Make Make, er möge doch den richtigen Mann das erste Ei auf der Vogelinsel finden lassen, damit der Richtige König werden würde? 

Ungeklärt ist bis heute, warum die Menschen auf der Osterinsel sozusagen über Nacht  aufhörten, Statuen aus dem Vulkan zu meißeln, über Land zu befördern und auf Plattformen aufzustellen. Man hat offensichtlich irgendwann den Steinbruch verlassen. Zurück blieben eben begonnene, halbfertige, fast fertige und fertige Statuen. Andere hat man wenige Meter vom Steinbruch einfach liegen lassen. In unmittelbarer Nähe des Steinbruchs sind Statuen bis zum Hals im Erdreich versunken.

Foto 8: Autor Langbein im Steinbruch neben einer halbfertigen Statue

Fußnoten
(1) http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/neues-aus-der-archaeologie-laufende-osterinsel-statuen-a-863451.html (Stand 27.07.2018)
(2) ebenda
(3) ebenda

Foto 9: Spielerei mit einem Osterinselomotiv... Fotomontage Walter-Jörg Langbein

Zu den Fotos
Foto 1 (Montage): Statuen geben Rätsel auf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Blick in eine der geheimnisvollen Kammern. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: In einer der Kammern. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 4: Standen hier einst die verschwundenen Statuen? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Unvollendete Statue im Steinbruch. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Leuchtende Deckenplatten. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Mysteriöse Farbenpracht. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Autor Langbein im Steinbruch neben einer halbfertigen Statue. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Spielerei mit einem Osterinselomotiv... Fotomontage Walter-Jörg Langbein

457 »›Geisterstädte‹ auf der Osterinsel?«,
Teil 457 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 21.10.2018



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Sonntag, 7. Oktober 2018

455 »Ahurikiriki und das Geheimnis der verschwundenen Statuen«

Teil 455 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörgangbein

Foto 1: Die 15 Kolosse von Tongariki.

Die Kolossalstatuen der Osterinsel haben das einsame Eiland in den Weiten des Pazifiks weltberühmt gemacht. Die größte steinerne Plattform, Tongariki, befindet sich am östlichen Ende der Südküste der Osterinsel. Fünfzehn Statuen stehen heute wieder auf dem altehrwürdigen »ahu«, den Blick ins Innere des Eilands gerichtet. Eine größere Ansammlung von steinernen Riesen auf einer Plattform findet sich nirgendwo auf dem Eiland. Es soll aber einst eine noch größere Plattform mit sechzehn Statuen gegeben haben.

William  J. Thomson,  Zahlmeister auf dem Schiff »USS Mohican«, publizierte (1) eine recht lange, penibel genau geführte Liste von Monumenten, so wie er sie in der kurzen Zeit vom 18. bis 31. Dezember 1886 inspiziert und vermessen hat. Das wohl bemerkenswerteste Denkmal, das er beschreibt, konnte er allerdings nur aus der Distanz beschreiben. Dieses Monument ist irgendwann spurlos verschwunden und gibt bis heute Rätsel auf. Immer wieder wurde nach »Plattform Nr. 112« gesucht. Bis heute vergeblich.

Foto 2: Einige der 15 Kolosse von Tongariki.

Thomson schreibt (2): »Plattform No. 112. – Genannt Ahurikiriki. Gelegen am äußersten südwestlichen Ende der Insel, und außergewöhnlich wegen ihrer Position an einer lotrecht abfallendend Klippe (Höhe fast 1.000 Fuß) und mittig zwischen Meer und oberem Rand.«

Diese Beschreibung weist sehr deutlich auf die in der Tat fast 1.000 Fuß hohe  Felswand an der Südwestspitze der Osterinsel hin. Vom Zeremonial-Zentrum der Osterinsel kletterten mutige Männer 300 Meter in die Tiefe, um zur »Vogelinsel« zu schwimmen (»Vogelmann-Kult«). Und an dieser Felswand sollen einst, so Thomson, wohl auf einem kleinen Felsvorsprung sechzehn kleine Statuen gestanden haben. Als Thomson sie 1886 zu Gesicht bekam, standen sie aber schon nicht mehr. Sollte Thomsons Schilderung den Tatsachen entsprechen, dann hätten auf dem Felsvorsprung in der Steilklippe mehr Statuen gestanden als auf jeder anderen Plattform.

Foto 3: 15 Statuen. Foto Ingeborg Diekmann

Thomson (3): »Sechzehn kleine Götzenbilder liegen auf dieser Plattform und viele davon scheinen sich in einem ausgezeichneten Zustand zu befinden. Wir konnten keine Möglichkeit ausfindig machen, wie wir diesen kleinen Vorsprung hätten erreichen können, auf welchem diese Plattform steht. Kein Weg führt vom  oberen Rand der Klippe hinab, es gibt auch keinen Zugang von rechts oder links, und von unten geht es lotrecht nach oben.«

Thomson weist auf die Brecher des Meeres, die gegen den Fuß der Klippe schlagen und stellt Überlegungen an, wie wohl die sechzehn kleinen »Götzenbilder« an Ort und Stelle gebracht werden konnten. Er hält es für »kaum wahrscheinlich«, dass die Figuren einst von oben an Seilen hinab gelassen wurden. Seine Schlussfolgerung: Es müsse einmal einen »Zugang« (4) gegeben haben, der von den tosenden Wellen abgetragen wurde. Ganz ähnlich sieht es im »Dorf der Toten« aus: Unklar ist, wie die »Sarkophage« von Karajia an ihren Bestimmungsort gelangten.  Sie stehen auf einem kleinen Felsvorsprung an  einer senkrechten Felswand, etwa auf halber Höhe, etwa dreihundert Meter unterhalb des Dorfes Karajia. Die mysteriösen »Sarkophage« von Karajia befinden sich allerdings noch heute an Ort und Stelle.

Zurück zur verschwundenen Plattform Nr. 112, genannt »Ahurikiriki«. Leider sind Thomsons Reisenotizen, die eventuell zusätzliche Informationen zu »Ahurikiriki« enthalten haben mögen, unauffindbar. Sie sollen sich bis 1904 im Besitz des »Smithsonian Institution«, Washington D.C., befunden haben, wurden aber offenbar an Thomson zurück geschickt. Vergeblich hat man die in der »Smithsonian Institution« aufbewahrten Thomson-Fotos durchforstet. Es fand sich keine einzige Aufnahme der mysteriösen Plattform. Wie dem auch sei: 1886 will Thomson die 16 Götzenbilder in der Felswand gesehen haben. Oder hat der gute Thomson einfach nur fantasiert? 

Foto 4: Eine beeindruckende Kolonne von Riesen.

Offenbar nicht! Denn Katherine Routledge bestätigt Thomson (5). Demnach konnte Thomson anno 1886 eine »Reihe von Götzenbildern (6) sehen, aber nicht erreichen. Als Katherine Routledge 1913/1914 vor Ort war, waren die Figuren allerdings abgestürzt und lagen »1.000 Fuß tiefer« am Meeresufer. Katherine Routledge scheint einen zweiten Band zum Thema Osterinsel geplant zu haben. Offenbar wollte sie auch näher auf die Plattform Nr. 112, genannt »Ahurikiriki« eingehen, Das legen ihre handschriftlichen Notizen nahe, die erhalten geblieben sind. Zu einem zweiten Buch aber kam es leider nicht.

Eine Lehrerin, die in einer der Schulen von Hanga Roa unterrichtete, erklärte mir: »Ahurikiriki hat zweifelsohne existiert! Es gibt einige Lieder, die diese Statuen am Abgrund besingen!« Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, begann sie sogleich, mir eines der Lieder vorzusingen, in der so vokalreichen, wohlklingenden Sprache der Osterinsel. Immer wieder tauchte »I Ahu Rikiriki«. Die Lehrerin übersetzte mir einige Passagen: »Ich bin bei der Plattform (ahu) von Rikiriki und sie bringen die moai zu Fall.«

Foto 5: Tongariki soll einst ein religiöses Zentrum gewesen sein.

Voller Begeisterung erzählte mir die Lehrerin vom alten Urglauben der Osterinsel, verschwieg aber mehr als sie zu enthüllen bereit war. So erfuhr ich von »religiösen Praktiken«, die zum »Iviatua«-Kult gehörten. Im Zentrum der Religion stand der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele. Die Seelen der Dahingeschiedenen konnten noch zwei Jahre nach dem physischen Tod der Menschen auftauchen und den Nachkömmlingen der Toten helfen, so die in Not geraten sollten.  Zwei Jahre nach dem Tod machten sich die Seelen auf die Reise in ein sagenumwobenes Totenreich irgendwo im Westen.

Die Totenbräuche der Osterinsulaner muten makaber an. Man wartete offenbar bis alles Fleisch eines Toten verwest war. Dann trennte man den Schädel vom übrigen Skelett und setzte ihn bei. Die Knochen wurden gesäubert und kamen in eine »Steinkammer«. Dort begegneten die Geister der kürzlich Verstorbenen den Seelen der Vorfahren, die offenbar aus dem Totenreich angereist kamen.

Als Gottheit wurde Make Make verehrt, als allmächtiger Schöpfergott angebetet. Stammesfürsten verfügten über eine geheimnisvolle »Kraft« oder »Energie«, »Mana« genannt. Mit dieser Kraft konnten Feinde bekämpft, konnte der Wohlstand der Stammesmitglieder gesteigert werden. Mit dieser »übernatürlichen Kraft« konnten Eingeweihte die moai genannten Steinriesen veranlassen, vom Steinbruch aus an ihre Bestimmungsorte zu gehen oder zu fliegen.

Foto 6: Sie wenden dem Meer den Rücken zu.

Die Osterinsulaner glaubten offenbar an zwei Reiche: an ein Reich des Lichts und an ein Reich der Finsternis. Ein örtlicher Geistlicher brachte im Gespräch seine »erheblichen Zweifel« zum Ausdruck. Was die Osterinsulaner einst wirklich glaubten, was wirklich echter Osterinselglaube sei, das könne man leider nicht mehr mit Sicherheit sagen. Und in der Tat: Die Bevölkerung der Osterinsel wurde ja fast völlig ausgelöscht. Starb mit den Menschen der wahre Osterinselglaube? Wurden religiöse Bilder und Überzeugungen aus Polynesien geholt? Nach polynesischer Theologie wurden menschliche Verstorbene zu niederen Göttern, weil sie magische Kräfte von höherrangigen Göttern erhielten. Eingeweiht in die geheimen Glaubenswelten waren hochrangige Priester, »ivi atua« genannt. Diese mächtigen Geistlichen hausten angeblich in kleinen Häusern unter gewaltigen Steinbrocken im Inneren des »Rano Kau«-Vulkans. Dort soll es ein zweites heiliges Zeremonial-Zentrum gegeben haben, das bis heute weitestgehend unerforscht blieb.


Oder die Priester arbeiteten in steinernen Türmen, von denen es auf der Osterinsel eine ganze Reihe gegeben haben soll. Kein einziges dieser Gebäude blieb bis in unsere Tage erhalten. Sie leben aber in Erzählungen aus den »alten Zeiten« fort. Wie sie ausgesehen haben? Das wissen auch die letzten echten Nachkommen der Ureinwohner nicht.

Foto 7: Einer der Kolosse von Tongariki.
Was die Priester in diesen Steintürmen genau getrieben haben? Das soll schon immer nur wenigen Eingeweihten bekannt gewesen sein. Angeblich studierten sie Zeichen aus der »natürlichen Welt«, um prophezeien zu können: über das Wetter, den Fischfang und die anstehende Ernte. Betrieben diese Priester Hokuspokus? Oder studierten sie den Ablauf der Jahreszeiten, stets auf der Suche nach Regelmäßigkeiten im Ablauf der Dinge, um Aussagen über die Zukunft treffen zu können? Von Priestern bemannte Türme könnten sehr wohl auf astronomische Studien hinweisen, die von der Bevölkerung als magische Rituale verstanden wurden. Es mag auch sein, dass die Priesterschaft bewusst den Eindruck zu erwecken suchte, dass sie magische Zauberkräfte besaßen.

Es waren auserwählte Priester, die die Schrift der Osterinsel beherrschten. Sie gravierten ihre Geheimnisse in Holztäfelchen, die bis heute nicht übersetzt werden konnten. Genauer gesagt: Es gibt verschiedene Versuche, einige der Texte zu übersetzen. Die Ergebnisse dieser Bemühungen werden aber nicht von »der« Osterinselforschung anerkannt.

Fußnoten
(1) »Te Pito Te Henua, Or Easter Island by William  J. Thomson/ Paymaster, U.S. Navy. From the report of the National Museum, 1888-89, Pages 447-552«. Washington: Government Printing Office 1891.
(2) Global Grey 2014, eBook-Ausgabe, Seite 113, Pos. 1405 (Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein)
(3) ebenda
(4) »And the natural conclusion is, that a roadway once existed, which has been undermined by the waves and has fallen into the sea.«
(5) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck
Kempton 1998, S. 174, ab Zeile 8 von unten
(6) Im englischen Original: »images«.

Foto 8: Die Riesen von Tongariki... steinerne Hüter alten Wissens. Foto Ingeborg Diekmann


Zu den Fotos
Foto 1: Die 15 Kolosse von Tongariki. Foto Walter-Jörg Langbein 
Torsten Nierenberg hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Foto 
Nr.1 spiegelverkehrt wiedergegeben wurde. Ich habe das korrigiert 
und bedanke mich sehr herzlich bei Torsten für den hilfreichen Hinweis!
Foto 2: Einige der 15 Kolosse von Tongariki. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: 15 Statuen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Eine beeindruckende Kolonne von Riesen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: Tongariki soll einst ein religiöses Zentrum gewesen sein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Sie wenden dem Meer den Rücken zu. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Einer der Kolosse von Tongariki. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die Riesen von Tongariki... steinerne Hüter alten Wissens. Foto Ingeborg Diekmann

456 »Rätselhafte Kolosse und geheimnisvolle Kammern«,
Teil 456 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 14.10.2018


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