Montag, 10. August 2020

Marie Versini zum 80.!

Wenn je eine von Karl Mays Fantasiegestalten im Film lebendig wurde... dann Nscho-tschi, Winnetous Schwester. Marie Versini verkörperte im Film (»Winnetou I« und »Winnetou und sein Freund Old Firehand«) die schöne Indianerin in idealer Weise ... Sie war glaubhaft. Marie Versini war Nscho-tschi.

Geradezu schwärmerisch beschreibt Karl May die junge Frau (1): Sie »war schön, sogar sehr schön. Europäisch gekleidet, hätte sie gewiss in jedem Salon Bewunderung erregt... Ihr einziger Schmuck bestand aus ihrem langen, herrlichen Haare, welches in zwei starken, bläulich schwarzen Zöpfen ihr weit über die Hüften herabreichte.«

Karl Mays »Alter Ego« spart nicht mit Komplimenten (2): »›Nscho-tschi ist dein Name?‹ sagte ich. ›Ja.‹ - ›So danke dem, der ihn dir gegeben hat. Du konntest keinen passenderen bekommen, denn du bist wie ein schöner Frühlingstag, an welchem die ersten Blumen des Jahres zu duften beginnen.‹«


Karl Mays Romanwelt wird von starken Männern dominiert: im Orient ebenso wie im »Wilden Westen«. Mit Nscho-tschi schuf aber Karl May eine Gestalt, die so ganz und gar nicht in seine Zeit passte. Gewiss, Nscho-tschi pflegte den schwer verwundeten Old Shatterhand aufopfernd. Gewiss, Nscho-tschi verliebte sich in den Mann aus dem fernen Europa. Nscho-tschi war aber nicht ein hübsches Heimchen am Herd, sondern eine Gleichberechtigte in einer »Männerwelt«. Sie ritt mit den Kriegern, beherrschte den Umgang mit den Waffen wie die besten Krieger, war an den bedeutsamsten Entscheidungen beteiligt und diskutierte lebenswichtige Fragen.

Nscho-tschi erweist sich Old Shatterhand sogar überlegen: Karl Mays »Alter Ego«, der Europäer, vertritt mit einem Hauch von Arroganz das »überlegene Abendland«. Nscho-tschi aber macht ihm klar, dass die vermeintlichen »Wilden« Amerikas oftmals kultivierter als die »zivilisierten« Europäer und weißen Nordamerikaner sind.

Marie Versini spielte schon als kleines Mädchen Nscho-tschi... die sie als junge Frau im Film verkörperte. Gewiss, es gab Zeiten, da war Marie Versini nicht so glücklich, von ihren Fans nur als Nscho-tschi gesehen zu werden. Im Exklusiv-Interview für »Ein Buch lesen« sagte sie: »Das hat mich vor einigen Jahren schon ein bisschen geärgert. Schließlich habe ich ja noch viel mehr gespielt... auf der Bühne fast acht Jahre in der ›Comédie française‹ in Paris wo ich den klassischen Part der Naiven gespielt habe, von Molière bis zu Shakespeare. Und ich habe viele andere Filme gedreht wie zum Beispiel ›Zwei Städte‹ mit Dirk Bogarde, ›Paris Blues‹ mit Paul Newman und Luis Armstrong, ›Junge mach dein Testament‹ mit Eddie Constantine, ›Brennt Paris?‹ mit Jean Paul Belmondo, Alain Delon, Gert Fröbe, etc...«

Marie Versini weiter: »Später wurde mir bewusst: Es war eine große Chance mit einem Charakter identifiziert zu werden. In dieser Zeit, die so ein kurzes Gedächtnis hat, und so viele und vieles vergisst - da ist es schön, Nscho-tschi zu sein. Aber ich bin nicht nur Nscho-tschi...«

Es stimmt: Marie Versini triumphierte schon mit 17 (sie ist Jahrgang 1940) als jüngstes Mitglied der »Comédie Francaise« in Paris. Sie war die Cosette in Victor Hugos »Les Misérables«, die Agnés in Molieréres »L’Ecole des femmes« und Julia in Shakespeares »Romeo und Julia«, um nur einige ihrer großen Bühnenrollen zu nennen.

Sie stand – um einige ihrer prominenten Kollegen zu erwähnen – mit Louis Armstrong, Paul Belmondo, Dirk Bogarde, Eddi Constantine, Alain Delon, Gert Fröbe, Curd Jürgens und Christopher Lee vor der Kamera.

Vor mehr als 40 Jahren engagierte der französische Regisseur Pierre Viallet Marie Versini für die Rolle der Pianistin Clara Schumann. Marie Versini verliebte sich bei den Dreharbeiten in Pierre Viallet.. Die beiden heirateten. Kein Wunder, dass Clara Schumann neben Nscho-tschi ihre liebste Rolle ist!

In die Herzen von Millionen von Zuschauern hat sich Marie Versini als Nscho-tschi gespielt.

Karl-May-Leser wissen: Die blutjunge Nscho-tschi wurde vom Unhold Santer feige ermordet. Marie Versini aber lässt die edle Indianerin weiter leben... in ihren vorzüglichen Büchern »Rätsel um N.T.« und »N.T. geht zum Film«. Wer mehr über das Leben von Marie Versini erfahren möchte, lese ihr Buch »Ich war Winnetous Schwester«.

Zu Marie Versinis heutigem Geburtstag gratuliere ich, auch im Namen von »Ein Buch lesen«, 
von ganzem Herzen!

Liebe Marie, alles, alles Liebe und Gute Zum Geburtstag.... 
und überhaupt! 
Und herzlichen Dank für Deine Nscho-tschi. 
Ich bin sicher: Karl May hätte Dich lieb gewonnen!



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Sonntag, 9. August 2020

551. »Von der Pyramide in die Unterwelt«

Teil 551 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Monstermauern, Mumien und Mysterien« – ein Resümee von rund fünfzig spannenden Jahren (m)einer Reise zu den geheimnisvollsten Stätten unseres Planeten. 550 Folgen (m)einer Sonntagsserie. Nr. 1 erschien am 17. Januar 2010. Diese Zeilen schreibe ich am 21. Mai 2020, »Christi Himmelfahrt«.

Die Welt bereisen wollte ich schon als Kind, als ich Karl Mays wunderbare Werke förmlich verschlang. Ich wollte Abenteuer wie »Old Shatterhand« im fernen Amerika und wie »Kara Ben Nemsi« im Orient bestehen.

1968 wurde ich 1968 von der »Dänikenitis« (1) befallen. Kennzeichnend für die »Dänikenitis« sind Symptome, auf die ich auf keinen Fall verzichten möchte: Reisefieber steht da an erster Stelle. Nichts kann es wirklich stillen, und das ist gut so. Je mehr man reist, desto stärker wird es. Wer ihm nachgibt, dessen Sehnsucht wächst. Je mehr Mysterien man erforscht, desto mehr möchte man ergründen. Es ist, scheint mir, eine Art Sucht.

Ein weiteres Symptom: Wachsende Neugier auf das Unbekannte bei gleichzeitiger Ablehnung vorgekauten »Wissens«. Und: Der von Dänikenitis Befallene denkt lieber selbst und verlässt gern die ausgetretenen Pfade von »Vordenkern«. Ich selbst verdanke dem großartigen Erich von Däniken (*1935) rund fünfzig spannende Jahre. Von Ägypten bis Zentralamerika gibt es zahllose Monumente, die an der Richtigkeit der Geschichtsschreibung zumindest doch stark zweifeln lassen. Die monströsen Riesensärge von Sakkara zum Beispiel werde ich nie vergessen.

Foto 1: »Verloren« in der Wüste - die »Djoser Pyramide« (Sakkara).

Von der Djoser-Pyramide aus blickte ich hinaus in eine steinige Höllenglut von Wüste (2). Ein einheimischer Guide erklärte mir: »Überall gibt es noch unentdeckte komplexe unterirdische Anlagen ungeahnten Ausmaßes. Immer wieder werden neue Säle unter dem Wüstenboden ausfindig gemacht. Es ist schon vorgekommen, dass parkende Busse urplötzlich einbrachen und in einem unterirdischen Schlund zu versinken drohten. Zum Glück wurde dabei noch niemand verletzt! Es wurde mit großer Wahrscheinlichkeit erst ein kleiner Teil der unterirdischen Welt entdeckt!«

Prof. Hans Schindler-Bellamy (*1901; †1982) bestätigte: »Einst gab es im Wüstenboden ein Gewirr von zahllosen unterirdischen Gängen, Räumen und Sälen. Da wurde eine Unterwelt erschaffen, von deren Größe wir keine Vorstellung haben.« Auguste-Ferdinand-François Mariette (*1821;†1881) war eher zufällig in die Region von Sakkara gekommen. Ursprünglich wollte er Manuskripte aus der Frühzeit Ägyptens finden. Er gab aber frustriert auf und hoffte auf andere Sensationen. Würde er in den Gefilden von Sakkara Sphingen ausgraben können? Rücksichtslos setzte er Dynamit ein, um mit Gewalt einen Zugang zur Unterwelt von Sakkara zu finden. Tatsächlich hatte er Erfolg, hätte dabei aber leicht tödlich verunglücken können.

Foto 2: Von hier aus ging’s
zum Eingang in die »Unterwelt«.
Am 12. November 1851 tat sich der Boden unter Auguste Mariette im wahrsten Sinne des Wortes auf. Offenbar hatte er ein unterirdisches Gewölbe »entdeckt«. Die von ihm ausgelöste Detonation hatte ein Loch in eine steinerne Decke unter dem Wüstenboden gerissen. Auguste Mariette stürzte in die Tiefe. Wie durch ein Wunder blieb er unverletzt. Erst als sich der Staub gelegt und man Mariette eine Fackel gereicht hatte, erkannte er, wo er sich befand: in einer gewaltigen unterirdischen Gruft, im »Serapeum« von Sakkara. Aber war Mariette wirklich der »Entdecker« der fantastischen Unterwelt? Luc Bürgin (*1970), ein blitzgescheiter Schweizer Journalist, Publizist und Schriftsteller, hat ausgiebig recherchiert (3): »Ebenso umstritten bleibt, ob und wo der französische Abenteurer Paul Lucas (*1664; †1737) bereits über ein Jahrhundert vor Mariette dort unten herumkroch.«

Ich erinnere mich an meinen Besuch in Sakkara anno 1986. Die Hitze setzte mir arg zu, als ich die leider doch recht marode Pyramide von Sakkara umrundete. Ein schmächtiges Männlein mit gewaltigem Turban führte einen noch schmächtigeren kleinen Esel mit sich. Beide sahen aus, als wären sie einem Roman von Karl May entsprungen, sie waren aber real. Der Hüter des Esels war sichtlich enttäuscht, als ich mich weigerte, sein Grautier als Reittier zu nutzen. Ich wollte dem Tierchen nun wirklich nicht meine Last zumuten. Der Mann strahlte aber, als ich ihm das für einen Ritt geforderte kleine Trinkgeld zusteckte, ohne mich auf den armen Esel zu schwingen.

Mit einladenden Gesten forderte er mich auf, ihm zu folgen. Nach einem anstrengenden »Marsch« von höchstens einem Kilometer erreichten wir einen Eingang in die Unterwelt, der leicht zu übersehen war. Da ging es über eine Treppe in die Tiefe. Gut zehn Meter unter dem Wüstenboden schließlich standen wir vor einer schmalen Eisentür, die mein Führer mit wichtiger Miene und einem eisernen Schlüssel von beachtlicher Größe öffnete. Gestenreich erklärte mir der Mann den weiteren Weg.

Während sich meine Augen an die wohltuende Dunkelheit gewöhnten, tastete ich mich voran. Und plötzlich stand ich in einer fantastischen Welt, die ohne Probleme als Kulisse für einen SF-Film genutzt werden könnte. Vor mir dehnte sich ein imposanter Gang aus und verlor sich irgendwo in der Dunkelheit. Ich maß die Breite nach: gut drei Meter. Die Höhe schätzte ich auf bis zu zehn Meter. Ich schritt den Gang ab. Wie lang mochte er sein? Mindestens 180, vielleicht 210 Meter. Der gesamte Komplex dieser mysteriösen Galerie kam mir unwirklich vor.

Foto 3: Blick in die »Galerie«.

Ich ging in der Mitte des Gangs. Irgendwo flackerten zwei oder drei Glühbirnen auf. Ich folgte dem Gang weiter und blieb immer wieder stehen. Rechts und links erkannte ich Räume unterschiedlicher Größe. In 24 dieser Räume stand je ein riesiger steinerner Monstersarg. Manche dieser Särge sahen aus, als wären sie aus Beton. Man hatte, so schien es, die Verschalung erst kürzlich entfernt. Die meisten Särge hatten einen massiven Deckel, bei einigen fehlte er. Einige Sarkophage waren nach wie vor verschlossen. Bei einigen war der massive Deckel verschoben worden. Von wem? Von potenziellen Grabräubern? Beim einem der Monstersärge hatte man, wer und wann auch immer, ein Loch in die steinerne Kiste geschlagen, um in das Innere des Sarkophags zu gelangen. Vermutlich hoffte man im Inneren Kostbarkeiten zu finden, hatte es aber nicht geschafft, den tonnenschweren Deckel auch nur ein Stück zu entfernen. Vier der Räume der Galerie waren leer. Ich nehme an, dass auch hier Monstersärge aufgestellt werden sollten. Warum das aber unterblieb? Beendete man das fantastische Projekt vorzeitig?

Foto 4: Der aufgebrochene Sarkophag.
Mehr als eineinhalb Jahrhunderte nach Mariette erkundete ich die Unterwelt von Sakkara. Nach der glutheißen Wüstenhitze war es im muffigen Gang unter dem Wüstensand geradezu angenehm. Meine Taschenlampe machte es mir möglich, die Größe der Anlage mehr zu erahnen als zu erkennen. Ich tastete mich in einige der Kammern rechts und links des Gangs.

Die Monstersärge sind wirklich atemberaubend. Einen habe ich vermessen: Er war 3,85 Meter lang, 2,25 Meter breit und 2,50 Meter hoch. Die Sarkophagwand hatte oben eine Dicke von immerhin 43 Zentimetern. Verschlossen wurde die beeindruckende Riesenkiste aus Stein einst mit einem Monsterdeckel aus Stein, 62 Zentimeter dick. Nach vorsichtigen Schätzungen wiegt der Sarg mit Deckel rund achtzig, vielleicht sogar einhundert Tonnen.

Jeder dieser Riesensärge wurde aus einem einzigen Klotz aus härtestem Granit gefertigt. Der Steinbruch befindet sich in Assuan, rund 1.000 Kilometer entfernt. Warum machte man sich vor Jahrtausenden die Mühe, die monströsen Steinsärge 1.000 Kilometer in die Einöde der Wüste zu transportieren? Warum wurde die unheimliche Unterwelt nicht direkt bei Assuan geschaffen? Wie bugsierte man diese Steinmonster zehn Meter in die Tiefe, um sie in Räumen entlang eines Ganges zu deponieren?

Foto 5: Sarkophag ohne »Deckel«.

Als ich am 16. April 1986 im Serapeum staunend vor den steinernen Riesensärgen stand, da ahnte ich nicht, dass das Mysterium Serapeum weit größere Ausmaße hat als bis heute offiziell zugegeben wird. Noch einmal Luc Bürgin (4):  »Noch verwirrender: Im Gegensatz zur Fachliteratur soll das Serapeum insgesamt weitaus mehr Sarkophage bergen als offiziell bekannt. Genauer beziffert sagenhafte 40 bis 70 Stück, wie mir bereits vor etlichen Jahren von einheimischen Experten hinter vorgehaltener Hand zugeflüstert wurde. ›Längst nicht alle Gänge der Anlage sind heute für Touristen zugänglich.‹«


Foto 6: Sarkophag mit »Deckel«.

Luc Bürgin fantasiert nicht. Er hat einige der verheimlichten Monstersärge von Sakkara vor Ort in Augenschein genommen. Für ein üppiges Bakschisch schloss ein Hüter der Schlüssel ein rostiges Eisentor auf.  Für wenige Minuten durfte der sympathische Schweizer in einen Teil des unterirdischen Labyrinths eintreten, das sonst offiziell gar nicht zu existieren scheint. Keine Frage: Offensichtlich ist erst ein Teil des Serapeums bekannt. Besser gesagt: Vermutlich wurde bislang nur ein Teil der unterirdischen Anlage offiziell bestätigt und gezeigt, während weitere Teile – warum auch immer – geheim gehalten werden. Und vermutlich sind wiederum weitere Teile bis heute nicht entdeckt worden.

Foto 7: Ein »Nebenraum« der »Galerie«.

Ich vermute, dass der lange Gang mit den Räumen für die Riesensarkophage nur Teil eines komplexen Systems ist. Ich nehme an, dass es noch weitere Galerien gibt, die womöglich untereinander verbunden waren. Angeblich hat man, wie ich vor Ort gehört habe, Hinweise auf schmale Korridore entdeckt, die von der Galerie wegführten. Ein solcher Gang soll eingestürzt, ein zweiter nur ein kurzes Stück passierbar sein. Wohin man wohl gelangt, wenn man diese Gänge wieder passierbar macht? Zu weiteren Galerien? Zu weiteren Räumen mit weiteren Riesensarkophagen? Oder zu anderen Geheimnissen der Unterwelt von Sakkara?


Foto 8: Einer der Monstersärge, fotografiert um 1910.

Wirklich Geheimnisvolles aber vermag nur der zu erkennen, der dazu bereit ist einzugestehen, dass es Mysteriöses gibt. Leider glauben manche, es sei unwissenschaftlich zuzugeben, dass noch nicht alles wissenschaftlich erforscht wurde. Thomas Carlyle (*1795; †1881), schottischer Essayist und Historiker, rügte dieses Verständnis von »Wissenschaft«. Carlyle, der mit Goethe korrespondierte, brachte seine Kritik auf den Punkt: »Das wäre eine armselige Wissenschaft, die die große, tiefe, geheiligte Unendlichkeit des Nichtwissens vor uns verbergen wollte, über welcher alle Wissenschaft wie bloßer oberflächlicher Nebel schwimmt.« Wirkliche Wissenschaft ist vom Geheimnisvollen fasziniert. Wirkliche Wissenschaftler sehen die Existenz des Rätselhaften als Ansporn an, vorbehaltlos zu forschen, ohne auch nur eine einzige Antwort im Voraus auszuschließen. In diesem Sinne schrieb Justus Freiherr von Liebig (*1803; †1873): »Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an, interessant zu werden, wo sie aufhört.« Wirkliche Wissenschaft macht nicht irgendwo halt, sie kennt keine Dogmen. Sie ist stets bemüht, das noch Geheimnisvolle zu ergründen.

Wer wirklich sucht, muss anzweifeln. Diese Steinmonster gigantischen Ausmaßes, man nennt sie in der Literatur gewöhnlich »Sarkophage«. Diese Bezeichnung habe ich übernommen. Aber waren diese Steinkisten wirklich Särge (5)? Oder waren sie etwas ganz anderes? Und wenn sie keine Steinsärge waren, was waren sie dann?


Fußnoten
(1) Der Ausdruck »Dänikenitis« wurde 1968 von der »New York Times« kreiert.
(2) Siehe hierzu Langbein, Walter-Jörg: »Monstermauern, Mumien und Mysterien Band 3«, 2. Auflage, Alsdorf, August 2019, Kapitel 33 und Kapitel 34, Seiten 233-244
(3) Bürgin, Luc: »Die verheimlichten Sarkophage von Sakkara«, Artikel, erschienen in »mysteries« Nr. 4, Juli August 2019, Seiten 12-19, Zitat Seite 15, rechte Spalte, 10.-12. Zeile von oben
(4) Ebenda, 14.-19. Zeile von oben
(5) Vielen Dank, Roland Rambau, für den anregenden Kommentar bei facebook!



Zu den Fotos
Foto 1: »Verloren« in der Wüste - die »Djoser Pyramide« (Sakkara). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Von hier aus ging’s zum Eingang in die »Unterwelt«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Blick in die »Galerie«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Der aufgebrochene Sarkophag. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sarkophag ohne »Deckel«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Sarkophag mit »Deckel«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Ein »Nebenraum« der »Galerie«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Einer der Monstersärge, fotografiert um 1910. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


552. »Paulus wurde entrückt und altindische Vimanas«,
Teil 552 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16. August 2020



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Sonntag, 2. August 2020

550. »Zweimal Himmel und retour«

Teil 550 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Henoch wurde nach dem »Alten Testament«, nach dem Koran und nach apokryphen Texten von Engeln in höchste himmlische Gefilde und wieder retour gebracht. »Sepher Raziel Ha Malach«, das vielleicht geheimnisvollste Buch der Weltgeschichte, wurde von Engel Raziel aus himmlischen Gefilden zur Erde getragen.

In den Details gab und gibt es da unterschiedliche Textvarianten. Niemand weiß, wie viele Versionen verlorengegangen sind. Nach einer Überlieferung aus der rabbinischen Welt wollten einige eifersüchtige Engel verhindern, dass Adam durch das mysteriöse Buch zu geheimstem Wissen kommen würde. Sie stahlen es und schleuderten es ins Meer. Engel Rehab musste auf Befehl Gottes in die Tiefen tauchen, das Buch im Saphierstein bergen und Adam zurückgeben.

Foto 1: Entweder bekam Adam
das »Raziel-Buch« schon
im Paradies ausgehändigt...
(Koberger Druck 1493).
Widersprüchlich sind die Angaben in den alten Legenden zur Frage, wann denn Adam in den Besitz des Buches gelangt sein soll. War dies schon zu Zeiten, als Adam noch mit Eva im Paradies leben durfte? Oder erhielt Adam das »Sepher Raziel Ha Malach« erst nach der Vertreibung aus dem Paradies? Mir leuchtet Variante 2 besser ein. Warum sollte Gott Adam verbieten, vom Baum der Erkenntnis zu naschen, um ihm sozusagen gleichzeitig geheimstes Wissen in einem Wunderbuch anzuvertrauen?

Verschiedene Überlieferungen vermelden im Detail Widersprüchliches. War Adam nur 130 Jahre jung als ihm das in Saphir geschnitzte göttliche Wissen ausgehändigt wurde? Oder geschah dies erst ein halbes Jahrtausend später auf Adams flehentliches Jammern hin?

Das »Äthiopische Henochbuch« (1) dürfte spätestens in den letzten Jahrhunderten vor Christus entstanden sein. Ob es ein älteres »Urmanuskript« gegeben hat? Das mag sein, aber ein solches Manuskript wurde bis heute nicht gefunden. Vermutlich geht der umfangreiche Text auf mehrere Teilmanuskripte unterschiedlicher Verfasser zurück. Wir wissen nicht mit Sicherheit, in welcher Sprache die ältesten Texte einst verfasst wurden. War es hebräisch? War es aramäisch? Es geht um Engel, die Henoch zu Himmelsreisen einladen. Oder sollte man besser sagen, die ihn entführen? Wie oft war Henoch im Himmel? Es geht um astronomisches Wissen und um die »Weltgeschichte«. Gelegentlich mahnt Henoch, manchmal rügt er.

Das »Slavische Henochbuch« (2), gern als »2. Henoch« bezeichnet, gilt allgemein als etwas jünger. Meist wird eine nachchristliche Entstehungszeit angenommen. Auch vom »Slavischen Henochbuch« liegt nicht das Urmanuskript vor. Es wird viel spekuliert. Eine Fassung in kirchenslavischer Sprache liegt vor, bei der es sich – so wird vermutet – um eine Übersetzung aus dem Griechischen handeln könnte. Übereinstimmung herrscht freilich in dieser Frage keine. So hat man eine Rückübersetzung aus dem Slavischen ins Hebräische vorgenommen. Es kann sein, dass der Satzbau des »Slavischen Henochbuchs« ein Original in hebräischer Sprache nahelegt. Dann ist es womöglich zumindest in Teilen womöglich älter als gewöhnlich angenommen. Oder wurde der Text ursprünglich in griechischer Sprache verfasst? Hat der Schreiber nur hebräische »Hebraismen« eingebaut?

Wenn sich Theologen mit Henoch beschäftigen, dann verbannen sie seine Schilderungen von Himmelsreisen in den Bereich des Märchenhaften.

Foto 2: ... oder Adam erhielt
das mysteriöse Buch erst nach
der Vertreibung aus dem Paradies
(Koberger Druck 1493).
Das »Slavische Henochbuch« beginnt mit einer Entführung in den Himmel. Insgesamt absolvierte Henoch alias Idris aber zwei, vermutlich sogar mehrere Reisen von der Erde in den Himmel und wieder retour. Und Engel Raziel brachte »sein« Buch aus dem Himmel zur Erde. Über einzelne Begriffe in den rätselhaften Büchern wird diskutiert. Weisen sie auf einen Urtext in hebräischer Sprache hin? Oder legen sie die Vermutung nahe, dass der ursprüngliche Text in griechischer Sprache verfasst wurde. Theologisches Geplänkel gibt es viel, aber dass es womöglich reale Himmelsreisen gegeben haben könnte, das ist und bleibt für Theologen tabu.

»The Sword of Moses« ist ein weiterer apokrypher Text, der von hohen himmlischen Gefilden, von Engelwelten und geheimsten Wissen berichtet. Das Buch wird erstmals um das Jahr 1000 vom Leiter der jüdischen Akademien in Babylon, Haya Gaon, in einem Brief erwähnt. Moses Gaster (*1856; †1939), jüdischer Oberrabbiner und Gelehrter, beschäftigte sich intensiv mit dem Text und kam zur Schlussfolgerung, dass er womöglich schon vor zwei Jahrtausenden entstanden sein mag. Doch uraltes Wissen über den Kosmos passt nicht ins Weltbild von Theologen und Wissenschaftlern. Theologen wie Wissenschaftler vertreten in schöner Harmonie ein Bild von der Entwicklung des Menschen. Beide stellen den Menschen als Krone der Schöpfung oder Krone der Evolution dar. Sich besonders fortschrittlich wähnende Theologen wollen Evolution als einen von Gott ausgelösten Entwicklungsprozess verstanden wissen.

In beiden Weltbildern steht der heutige Mensch hoch oben und blickt auf seine Vorgänger herab. Eine zyklische Entwicklung (wie sie von Azteken und Mayas gesehen wurde) darf es nach beiden Weltanschauungen nicht geben. Mayas und Azteken kannten aufeinanderfolgende Zeitalter, nicht eine lineare Entwicklung von O bis jetzt. Ein Auf und Ab wird in unserer Kultur ausgeschlossen. Die Entwicklung ging langsam voran, vom Primitiven zum Aktuellen. Wir sind demnach allen Vorgängerkulturen haushoch überlegen. Ausgeschlossen wird, dass es schon in grauer Vorzeit Kulturen gegeben hat, die uns ebenbürtig oder gar überlegen waren.

Der Mensch steht zu Beginn des dritten Jahrtausends an der Schwelle zum Kosmos. Wird uns der Sprung ins All gelingen? Oder löschen wir uns vorher selbst aus? Ausgeschlossen wird, dass das womöglich schon vor Jahrtausenden so war, und das womöglich nicht nur einmal, sondern wiederholte Male.

Was erkennen wir? Was verstehen wir? Oder besser gefragt: Was können wir verstehen? Wir können nur »verstehen«, was man uns beigebracht hat. Wirklich verstehen aber heißt meiner Meinung nach, auch Neues, bislang Unbekanntes begreifen. Um das zu können, müssen wir stets dazu bereit sein, das Erlernte ständig zu hinterfragen und womöglich als falsch zu erkennen. Das wiederum ist die erste Voraussetzung für ein Vorankommen beim Begreifen der Wirklichkeit. Ich formuliere es etwas bescheidener: Wir werden nur den Versuch unternehmen können, etwas mehr von der Wirklichkeit zu erfassen, wenn wir dazu bereit sind, bislang als gesichert geltende »Erkenntnisse« rigoros über Bord zu werfen. Bisher standen alle vermeintlich wissenschaftlichen Doktrinen auf recht wackeligen Beinen.

Foto 3: Der »Azteken-Kalender«
dokumentiert den Glauben an eine zyklisch ablaufende Zeit.
Foto Ingeborg Diekmann

Lange Zeit habe ich gebraucht, bis mir klar wurde, dass ich in Schulen und an der Universität nicht gelernt habe, selbständig zu denken. Vielmehr wurde mir beigebracht, was als vernünftig und somit richtig zu gelten hatte und was nicht hinterfragt werden darf.

Voraussetzung für wirkliches Weiterkommen auf dem weiten, weiten Feld der Erkenntnis ist allerdings die Bereitschaft, alles, was bislang als vernünftig und richtig gegolten hat, zu hinterfragen. Es hat im Verlauf der Menschheitsgeschichte nur deshalb eine Weiterentwicklung gegeben, weil es immer wieder Pioniere gegeben hat, die das etablierte Denken abgelehnt und ganz neue Wege entdeckt haben. Sie haben in der Regel nur mit großer Anstrengung den engen Horizont ihrer Zeit überwunden und sind zu neuen Horizonten aufgebrochen.

Angeblich war es der weise Konfuzius (*551 v.Chr.; †479 v.Chr.), der folgenden Sinnspruch formuliert hat: »Wer zur Quelle will, muss gegen den Strom schwimmen.« Eine alte Volksweisheit besagt, dass nur tote Fische mit dem Strom schwimmen. Aber es ist vollkommen gleichgültig, ob man mit oder gegen den Strom schwimmt, wenn es einem genügt, im Fluss zu bleiben. Wenn wir aber das weite, weite Feld der Erkenntnis zu beiden Uferseiten erkunden wollen, dann werden wir wohl oder übel aus dem Fluss klettern müssen. Dann, und nur dann können wir das weite, weite Land, das vor uns liegt, erkunden. Nur dann werden wir die Welt kennenlernen können!

Bequemer ist es allerdings, weiter zu schwimmen wie bisher und zu behaupten, außerhalb unseres Ambientes gebe es nichts. Dann können wir weiter glauben, dass die Welt am Ufer endet.

Es gibt eine weite, große Welt altehrwürdiger Überlieferungen. Eine Vielzahl »heiliger Texte« finden wir in dieser weiten, weiten Welt. Verstehen wir diese Texte, diese Überlieferungen? In der Regel verlassen wir uns auf »Experten«, die uns erklären, wie die alten Texte und Überlieferungen zu verstehen sind. Diese »Experten« freilich sind in der Regel im Studium nicht deshalb schnell vorangekommen, weil sie selbst gedacht oder gar altehrwürdige »Erkenntnisse« hinterfragt haben. Vielmehr haben sie brav übernommen, was ihnen vorgedacht wurde. Und ihnen folgen wiederum die mit Erfolg nach, die wiederum ihre »Erkenntnisse« hinnehmen und mit Eifer bestätigen. Nur die wenigsten »Experten« wagen es, den Strom zu verlassen und an Land zu gehen. Dort aber warten die wirklich neuen Erkenntnisse. Es kann sein, dass man dann nicht nur neues Wissen hinzugewinnt, sondern bislang als gesichert geltendes »Wissen« als falsch erkennen muss. Voraussetzung ist aber, um im Bild zu bleiben, dass man den Mut aufbringt, den bewährten Fluss zu verlassen.
Sind wir dazu bereit?

Foto 4: Bei den Mayasfolgte Epoche auf Epoche,
auf einen Untergang ein neuer Anfang.

Bei den Mayas (3) folgte Epoche auf Epoche, auf einen Untergang ein neuer Anfang. Die sich so zivilisiert wähnende Menschheit von heute scheint zielstrebig auf ein Ende hinzuarbeiten, auf das es einen Neuanfang ohne Menschheit geben wird. Es ist möglich, dass der Mensch eine Zukunft auf einer endlosen Reise ins All erleben wird. Es ist aber auch möglich, vielleicht sogar wahrscheinlicher, dass sich die Menschheit selbst auslöschen und in der Geschichte des Iniversums weniger als eine kleine Fußnote sein wird. Planet Erde kommt ganz ausgezeichnet ohne uns Menschen zurecht. 

Fußnoten
(1) »Henochbuch oder Erster Henoch« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seiten 355-451
(2) »Henochbuch (slawisch) oder Zweiter Henoch/ Das Buch der Geheimnisse Gottes/ Die Offenbarungen Gottes« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seiten 452-473
(3) Schele, Linda und Freidel, David: »Die Unbekannte Welt der Maya/ Das Geheimnis ihrer Kultur entschlüsselt«, Augsburg 1994, Übersetzung von »A Forest of Kings«
Westphal, Wilfried: »Die Maya – Volk im Schatten seiner Väter«, Bindlach 1991

Zu den Fotos
Foto 1: Entweder bekam Adam das »Raziel-Buch« schon im Paradies ausgehändigt... (Koberger Druck 1493).
Foto 2: ... oder Adam erhielt das mysteriöse Buch erst nach der Vertreibung aus dem Paradies (Koberger Druck 1493).
Foto 3: Der »Azteken-Kalender« dokumentiert den Glauben an eine zyklisch ablaufende Zeit. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Bei den Mayas folgte Epoche auf Epoche, auf einen Untergang ein neuer Anfang. Foto Walter-Jörg Langbein

551. »Von der Pyramide in die Unterwelt«,
Teil 551 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 09. August 2020
 



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Sonntag, 26. Juli 2020

549. »Und wir erhoben ihn zu einem hohen Ort.«

Teil 549 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Henoch wird entrückt
(Bibelillustration um 1730)
Das »Slavische Henochbuch« beginnt mit einer Entführung in den Himmel. Im zarten Alter von 365 Jahren hatte Henoch eine mysteriöse Begegnung. Zunächst glaubte er zu träumen (1): »Ich war in großer Kümmernis und weinte; dann schlief ich ein. Da erschienen mir zwei sehr große Männer, wie ich nie auf Erden gesehen. Ihr Antlitz leuchtete wie die Sonne, aus ihrem Munde sprühte Feuer; ihre Kleidung und ihr Gesang waren herrlich.

Was Henoch für einen Traum gehalten hat, muss aber Realität gewesen sein! Waren doch die riesenhaften Männer immer noch da, nachdem sich der verängstigte Henoch erhoben hatte. Ihre Mission (2): »Sei getrost, Henoch! Fürchte dich nicht! Der ewige Herr hat uns zu dir gesandt. Du sollst mit uns heute in den Himmel gehen. … Keiner aber soll dich suchen, bis der Herr dich ihnen wieder zuführt.«

In einer neueren Übersetzung lesen wir (3): »Der ewige Herr hat uns zu dir gesandt. Und siehe, (noch) heute wirst du mit uns hinauf in den Himmel gehen. … Und niemand soll dich suchen, bis der Herr dich zu ihnen zurückbringt.«

Heute verstehen wir »Der ewige Herr hat ihn/ sie in den Himmel geholt!« als »Er/ sie ist gestorben.« In Henochs Fall allerdings ging es um ein zeitlich begrenzte, leibhaftige Entführung Henochs in den Himmel.

Im »Alten Testament« wird die Entrückung Henochs mit 365 Jahren auch erwähnt, allerdings recht kurz und bündig (4): »Und Henoch wandelte mit Gott. Und nachdem er Metuschelach gezeugt hatte, lebte er 300 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, dass sein ganzes Alter ward 365 Jahre. Und Henoch wandelte mit Gott und ward nicht mehr gesehen, denn Gott hatte ihn entrückt.«

Nach Ansicht der Mehrheit muslimischer Interpreten des Korans ist Idris, der im Koran zwei Mal kurz erwähnt wird, mit Henoch identifiziert. Am Ende seines Lebens, so heißt es im Koran (5) wurde Idris (alias Henoch), Ismael und Dhu l-Kifl in die Barmherzigkeit Allahs aufgenommen. In einer islamischen Erzählung erfahren wir Konkreteres: Todesengel Asrael entführte Idris und zeigte ihm auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin die himmlischen Gefilde. So kann auch knapper Hinweis im Koran verstanden werden (7):

Foto 2: Erzengel Asrael
(Dom zu Florenz, frühes 13. Jahrhundert).

»Und gedenke in der Schrift des Idris! Er war ein Wahrhaftiger und ein Prophet. Und wir haben ihn an einen hohen Ort erhoben.« Fast wortgleich übersetzt Max Henning (8): »Und gedenke im Buch des Idris; siehe, er war aufrichtig, ein Prophet; und wir erhoben ihn zu einem hohen Ort.« Nicht verschweigen möchte ich, dass manche Übersetzungen nicht von »einem hohen Ort«, sondern von einem »hohen Rang« ausgehen. In einer englischen Übersetzung wiederum heißt es ganz eindeutig (9): »And We raised him to a high station.« Ins Deutsche übersetzt: »Und wir hoben ihn empor an einen hohen Ort.«

Foto 3: »Sahih Muslim« (um 1910).
»Encyclopedia of Islam« halt fest (10) hält fest, dass Idris in der Zeit zwischen Adam und Noah lebte. Im 8. Jahrhundert, so ist weiter zu lesen, ging man davon aus, dass Idris der arabische Name Henochs war und dass er »zu einer hohen Station empor gehoben« wurde. Nach einem Hadith (11), der auf Malik ibn Anas zurückgehen soll, ist Mohammed auf seiner legendären Himmelsreise Idris im vierten Himmel begegnet. Dem Propheten, so wird überliefert, wurde »ein weißes Tier namens Buraaq« zur Verfügung gestellt. Sein Schritt, so soll Mohammed berichtet haben, war so gewaltig, dass unvorstellbare Entfernungen zurückgelegt werden konnten. Mohammed bestieg dieses Wundertier. Zunächst ging es in Windeseile nach Jerusalem. Dort betete er und schon erschien Engel Gabriel, der ihn auf seiner Himmelsreise begleitete.

Der Pförtner des Himmelstores, also der Petrus des Islam, befragte kurz Engel Gabriel. Als Gabriel erfährt, dass da Gabriel und Mohammed um Einlass bitten, lässt er beide passieren. Auf dem Rücken des schnellen Reittieres kam man schnell voran, erklomm Himmel für Himmel. Im vierten Himmel begegnete Mohammed dem Idris, dem Henoch des Islam.

Zurück zum Henoch der jüdischen Apokryphen. Laut der Rießler-Übersetzung hatten die großwüchsigen Besucher (12) »Arme wie goldene Flügel«. Demnach hatten die fremden Besucher keine Flügel, aber »Arme wie goldene Flügel«. Nachdem Henoch seine Söhnen ermahnt und seine baldige Heimkehr nach kurzem Aufenthalt in himmlischen Gefilden angekündigt hatte, kam der Abschied und aufwärts ging’s gen Himmel (13): »Suchet mich nicht, bis mich der Herr zu euch zurückbringt! Nachdem ich so zu meinen Söhnen gesprochen, riefen mich die zwei Männer, setzten mich auf ihre Flügel, trugen mich in den ersten Himmel empor und setzten mich hier ab.« Jetzt werden den Männern, die Henoch abholten, plötzlich Flügel zugebilligt.

Der engagierte Theologe Karl August Wünsche (*1838; †1912) veröffentlichte eine Fülle von Texten aus dem rabbinischen Judentum. In fünf Bänden erschien sein Werk »Aus Israels Lehrhallen« (14). Sehr interessant: »Das Leben Henochs« (15). Da erhält Henoch ein wundersames Pferd, das aus dem Himmel kommt und Henoch als fliegendes Reittier dient. Ähnlich wie Mohammed macht sich dann Henoch auf dem Wundertier auf – in den Himmel. Nach dem äthiopischen Buch Henoch allerdings benötigt Henoch, anders als Mohammed, kein noch so schnelles Reittier (16): »Wolken luden mich im Gesichte ein, und ein Nebel forderte mich auf; der Lauf der Sterne und der Blitze trieb und drängte mich, und Winde gaben mir Flügel und hoben mich empor in jenem Gesicht. Sie trugen mich in den Himmel.« Oder war es doch anders? Wurde Henoch, so vermeldet es das äthiopische Buch Henoch an anderer Stelle (17), von einem »Wirbelwind entrückt«?

Foto 4: Inka-Schamanen beherrschten die Kunst der Seelenreise
(Inkamotiv auf einem Teppich).

Oder wurde Henoch vielmehr (18) »auf den Wagen des Geistes erhoben«? Wenige Verse weiter kommt wieder ein Wagen ins Spiel (19): »Danach ward mein Geist entrückt und stieg in den Himmel auf. Ich sah die Söhne der heiligen Engel auf Feuerflammen treten...« Da fragt man sich doch, ob den Henoch nun leibhaftig oder nur im Geiste seine Himmelsreise angetreten hat. Hat er sich seinen Flug in himmlische Sphären nur eingebildet? Oder blieb sein irdischer Leib auf der Erde, während sein Geist sich in höchste Höhen emporschwang? Schamanen wird ja weltweit nachgesagt, sie könnten Geistreisen absolvieren und im Geist fremde Orte aufsuchen, während ihr physischer Leib zurückbleibt. So gibt es Hinweise auf einen Inkaschamanen, der vor Jahrhunderten im Geist von Südamerika aus die Osterinsel besuchte. Konkreter: Nach der »Antarquilegende« erhielt der »Tupac Inca«, vermutlich Túpac Inca Yupanqui, der 10. Inka-Herrscher, Ende des 15. Jahrhunderts Hinweise von Seefahrern auf »Inseln« weit im Westen Südamerikas gelegen. Der Inka-Herrscher wollte diese »Inseln« ausfindig machen. Um das Risiko zu minimieren konsultierte er vorsichtig einen berühmten Schamanen seines Reiches, einen gewissen »Antarqui«.

Der beherrschte, so die Legende weiter, die Kunst der »Seelenreise«. Dank seiner »Künste« flog er die von den Seefahrern beschriebene Reise nach und fand tatsächlich die »Inseln«. Fakt oder Fiktion? Fakt ist, dass Inka-Schamanen das Geheimnis der Pflanzen, die halluzinogene Substanzen enthalten, kannten. Die nahmen sie zu sich und traten dann, high pflanzlichen Drogen und losgelöst vom physischen Leib, »Seelenreisen« an. »Tupac Inca«, so führt die Legende weiter aus, bekam von Antarqui bestätigt, dass es die Inseln tatsächlich gab und erfuhr offenbar auch ihre Position.

Foto 5: Das Buch Henoch
in der Übersetzung von
Andreas Gottlieb Hoffmann.
Daraufhin soll sich der Inkaherrscher mit einer gewaltigen Flotte von Balsaflößen mit insgesamt mehr als 20.000 Mann Besatzung auf die Reise gemacht haben. Fakt oder Fiktion? Das wird sich vermutlich nicht mehr feststellen lassen. Von derlei Schamanenreisen ist im Kulturkreis Henochs nichts bekannt. Gleich zwei Textstellen im äthiopischen Henoch lassen Henoch recht klar beschreiben, dass er leibhaftig in den Himmel gebracht wurde, und zwar von geheimnisvollen Wesen (20):

»Da erhob ich abermals die Augen gen Himmel und sah im Gesicht, wie aus dem Himmel Wesen, die weißen Menschen glichen, hervorkamen; einer davon kam aus jenem Ort hervor, und drei waren bei ihm.

Diese drei, die zuletzt kamen, ergriffen mich an der Hand, nahmen mich von dem Erdengeschlecht hinweg und brachten mich an einen hohen Ort und zeigten mir einen hohen Turm hoch über der Erde, und all die Hügel waren niedriger.«

Der kurze Text wirft mehr Fragen auf als er beantwortet. Wer oder was waren die vier Wesen, die aus dem Himmel kamen? Menschen waren es offenbar nicht, den der Text besagt ja ausdrücklich, dass sie »weißen Menschen glichen«, nicht dass sie Menschen waren. Sollten Engel gemeint sein?

Was müssen wir unter »jenem Ort« verstehen, aus dem zunächst eines der Wesen erschien, gefolgt von drei gleichartigen? Klar nur ist die Aussage, dass drei dieser Wesen Henoch »an einen hohen Ort« brachten, so wie auch Mohammed an einen hohen Ort gebracht wurde. Von dort aus sah Henoch dann niedrige Hügel und »einen hohen Turm«. Was müssen wir uns unter diesem »hohen Turm« vorstellen? Stand er auf der Erde oder schwebte er über der Erde?

Nahmen wir an, der merkwürdige Turm stand auf der Erde und reichte bis in den Himmel, nach heutigem Sprachgebrauch ins All. Da sind der technischen Fantasie keine Grenzen gesetzt. Solche Türme werden womöglich von künftigen Weltraumpionieren errichtet. Warum das? Zu welchem Zweck?

Foto 6: Der »Turm zu Babel«
(Moses Scheuchzer Bibel Physica Sacra,
Kupferstich 1731).
Denken wir an den biblischen Turm zu Babel. Es heißt im berühmten Text (21), die Menschen wollten über diesen Turm in den Himmel gelangen. In den Himmel? Oder ins All? Schon anno 1895 dachte der russische Weltraumpionier Konstantin E. Ziolkowski (*1857, †1935) über einen gigantischen »Weltraumturm« nach, dessen »Spitze« in den Weltraum reichen würde. Im Inneren des Turms würde ein Aufzug ins All führen. 1957 war es wieder ein russischer Wissenschaftler, nämlich Juri Nikolajewitsch Arzutanow (*1929; †2019) (6), der einen Weltraumlift propagierte. Von einem Satelliten aus, der konstant am Himmel stehen würde, könne ein Seil herabgelassen werden, an dem ein Aufzug zwischen Himmel und Erde pendeln sollte. Arzutanow schwebte ein »Seil« von über 35.000 km Länge vor: zwischen Erde und einer stationär im All stehenden Weltraumstation. Beim hohen Turm, den Henoch vom Himmel aus sah... sollte es sich da um so einen Weltraumlift gehandelt haben. Das ist, zugegeben, ein sehr kühner Gedanke, aber muss er deshalb falsch sein?



Fußnoten
(1) »Henochbuch (slawisch) oder Zweiter Henoch/ Das Buch der Geheimnisse Gottes/ Die Offenbarungen Gottes« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 452, 1. Kapitel, Verse 3-5
(2) Ebenda, Verse 8 und 9
(3) Böttrich, Gottfried: »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, »Band V/ Lieferung 7/ Das lavische Henochbuch«, Gütersloh 1996, Seite 836, Verse 8 und 9
(4) 1. Buch Mose Kapitel 5
(5) Koran Sure 21, 86
(6) Busse, Heribert: »Islamische Erzählungen von Propheten und Gottesmännern: Qiṣaṣ al-anbiyāʼ oder ʻArāʼis al-maǧālis Otto«, Wiesbaden 2006, Seite 65
(7) Koran Sure 19, 56 (Übersetzung Rudi Paret)
(8) Koran Sure 19, 56 und 57 (Übersetzung Max Henning)
https://koran.rocks/neunzehnte-sure-maria (Stand 14.05.2020)
(9)»The Noble Qur’an« https://quran.com/19 (Stand 14.05.2020)
(10) Campo, Juan Eduardo: »Encyclopedia of Islam«, »Idris«, Infobase Publishing, New York 2009, Seite 344
(11) »Sahih Muslim«, Hadithnr. 234/Kapitel 2 und Sahih Muslim, Kapitel 2/Hadithnr. 238
(12) »Henochbuch (slawisch) oder Zweiter Henoch/ Das Buch der Geheimnisse Gottes/ Die Offenbarungen Gottes« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 452, 1. Kapitel, Verse 5
(13) Ebenda, S. 453, 2. Kapitel Vers 4 und 3. Kapitel, Vers 1
(14) Wünsche, Karl August: »Aus Israels Lehrhallen«, 5 Bände, Leipzig 1907-1910
(15) Ebenda, Band I, Seiten 1-6
(16) »Henochbuch oder Erster Henoch« (äthiopischer Henoch) in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 364, 14. Kapitel, Vers 8
(17) Ebenda, Seite 385, 52. Kapitel, Vers 1
(18) »Henochbuch oder Erster Henoch« Kapitel 70, Vers 2
(19) »Henochbuch oder Erster Henoch« Kapitel 71, Vers 1
(20) »Henochbuch oder Erster Henoch« Kapitel 87, Verse 2 und 3
(21) 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9

Zu den Fotos
Foto 1: Henoch wird entrückt (Bibelillustration um 1730). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Erzengel Asrael (Dom zu Florenz, frühes 13. Jahrhundert). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: »Sahih Muslim« (um 1910). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Inka-Schamanen beherrschten die Kunst der Seelenreise (Inkamotiv auf einem Teppich). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Das Buch Henoch in der Übersetzung von Andreas Gottlieb Hoffmann. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Der »Turm zu Babel« (Moses Scheuchzer Bibel Physica Sacra, Kupferstich 1731). Foto Walter-Jörg Langbein


550. »Zweimal Himmel und retour«,
Teil 550 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 02. August 2020



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Samstag, 25. Juli 2020

Gute Reise, Inge!

Nachruf »Ingeborg Diekmann«...

Ingeborg Diekmann
(*16.11.1928; †22.07.2020)
Foto: Ingeborg Diekmann
in der Atacamawüste
im Norden Chiles.

Sonntag, 19. Juli 2020: Wie jeden Sonntag seit Jahrzehnten rufe ich Ingeborg in Bremen an. Wir plaudern über dies und das. Wir kommen auf unsere Reisen zu den geheimnisvollsten Stätten unserer Erde zu sprechen. Inge hat die Welt bereist. Sie war auf allen meinen Reisen dabei, die ich für kleine Gruppen organisiert habe. Wann wir uns wohl wiedersehen, fragt Inge. Beim nächsten Seminar in Bremen, Anfang März 2021 vielleicht? Bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg, die wir schon manches Mal gemeinsam besucht haben? Hoffentlich gibt es 2021 wieder Karl-May life in Bad Segeberg. 2020 fallen die Festspiele Corona zum Opfer.

Ingeborg Diekmann in der Stadt der
»Wolkenmenschen« (Kuelap, Peru)
Inge hat meinen Sonntagsblog von Nummer 1 an gelesen. Sie fragt, wann ich ihr denn die nächste Folge schicken werde. Am Mittwoch, verspreche ich ihr. Inge freut sich sehr.

Mittwoch, 22.Juli 2020: Ich drucke Folge Nr. 549, wie immer doppelt, für Inge aus. Damit sie’s besser lesen kann in Schriftgröße 16. Der Briefträger nimmt meinen Brief für Inge mit. Folge 549 geht auf die Reise. Er wird wohl am Donnerstag oder Freitag ankommen. Dann wird mich Inge anrufen und wir werden über den Artikel sprechen.

Ingeborg Diekmann in einer der Höhlen der Osterinsel.
Eine weitere Folge entsteht: Nr. 565.. »Das Wüten des Golems«. Schließich ist der Text fertig. Ich speichere ihn mit den »eingebauten« Fotos ab. »Das Wüten des Golems« wird am Sonntag, den 15. November 2020 in meinem Sonntagsblog erscheinen.

Zur Kontrolle schaue ich mir an, wie der Beitrag aussehen wird. »Kann man so lassen!«… denke ich. Da klingelt das Telefon. Es ist Inges »Seniorenwohnpark«. Inge lebt dort. Man teilt mir mit: Inge ist gerade gestorben. Sie ist, versichert man mir, »friedlich eingeschlafen«… auf einem Stuhl in ihrer Wohnung sitzend, leicht nach vorn geneigt.

Ein Krankenlager, ein Leben auf der Pflegestation… das ist ihr erspart geblieben. Vor langsamem Siechtum hatte sie Angst. Das Schicksal hat es gut mit ihr gemeint. Leid zum Lebensende hat sie nicht heimgesucht. Still und leise ist sie gegangen. Ohne Schmerz.

Inge fotografiert
im Hinterhof von »Santo Domingo«
(Peru)
Ingeborg Diekmann, seit Jahrzehnten Mitglied der AAS, bereiste die Welt auf den Spuren der Astronautengötter: von Ägypten bis Vanuatu. Sie erkundete die Ruinen von Nan Madol (Mikronesien) und nahm am Jahresfest des John-Frum-Kults (Tanna) teil. Inge Diekmann ist am 22.7.2020 im 92. Lebensjahr sanft entschlafen.

Inge hat ihre letzte Reise, die größte und vielleicht doch kürzeste, angetreten, als ich Blog-Folge 565 abgeschlossen hatte. Nr. 565 wird am Sonntag, den 15. November 2020 erscheinen, einen Tag vor Inges 92. Geburtstag.

Ingeborg Diekmann wartet darauf, dass die
Tür zum Gepäckraum abgenommen wird, damit sie
aus luftiger Höhe ungehindert fotografieren kann...

Inge war zeitlebens aktiv und wissbegierig. Sie liebte es zu reisen und zu fotografieren. Die großen Rätsel unseres Planeten faszinierten sie, so wie mich. Das war die Basis unserer Freundschaft, die vor 40 Jahren ihren Anfang nahm. Wir waren immer wieder gemeinsam unterwegs, zuletzt in der Südsee. Wir erkundeten zum Beispiel die mysteriösen Ruinen von Nan Madol auf den künstlichen Inseln vor Temwen Island, einer Nebeninsel von Pohnpei im Archipel der Karolinen (politisch Föderierte Staaten von Mikronesien). Wir überflogen das Eiland in einer gecharterten Propellermaschine. Inge saß im »Gepäckraum« des kleinen Flugzeugs. Die Tür war abmontiert worden, so dass Inge aus luftiger Höhe ungehindert fotografieren konnte. Mutig war sie immer, die Inge.

Nan Madol aus der Luft.
Foto: Ingeborg Diekmann

Und nun hat Inge, um es poetisch auszudrücken, ihre »letzte Reise« angetreten. Oder ist es die erste »richtige Reise«, gar nicht zu vergleichen mit Reisen auf unserem kleinen Planeten? Ist sie unterwegs zu Orten, die man von keinem regulären Flugplatz aus erreichen kann? Wenn ja, dann wird sie alles spannend finden.

Walter-Jörg Langbein in den Ruinen
von Nan Madol.
Foto Ingeborg Diekmann.
Gute Reise, Inge! Und, wer weiß, vielleicht bis irgendwann irgendwo…. 

Ingeborg Diekmann bei der Jahresfeier des John-Frum-Kults.
(Die weißhaarige Dame im Hintergrund ist Inge.)



Inge in Copan (Honduras)

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Sonntag, 19. Juli 2020

548. »Alles menschliche und göttliche Wissen«

Teil 548 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Erzengel Raziel, 17. Jahrhundert.
(vermutl. Spanien).
Engel beschäftigen mich schon seit einigen Jahrzehnten. Wunderschönen Darstellungen bin ich in deutschen Kirchen und Kapellen begegnet, aber auch in der Südsee. Erste Ergebnisse meiner Recherchen erschienen bereits 1981 in der Monatsschrift »Esotera« (1) in einer zweiteiligen Serie. Ich muss zugeben, dass die spannende Thematik immer verwirrender wurde, ja intensiver ich mich mit den mysteriösen Himmelswesen beschäftigt habe. Je mehr Material ich zusammentrug, desto geheimnisvoller wurde die Welt der Engel.

Vordergründig ist der Sachverhalt klar. Für gläubige Christen sind Engel ganz besondere Wesen. Zur Weihnachtszeit treten sie massiv auf. Sie blasen Posaune oder singen »Oh du fröhliche…« Und seit Jahrhunderten werden sie in der abendländischen Kunst meist als attraktive menschliche Wesen gezeigt. Nicht selten sind es ansehnliche junge Frauen. Und immer haben Engel mächtige Flügel am Rücken. Je wichtiger, je bedeutsamer ein Engel ist, desto imposanter sind seine Flügel. Die Engel der Bibel, speziell des »Alten Testaments«, haben aber mit den Engeln der Kunst und unzähliger kitschiger Darstellungen der letzten Jahrhunderte nichts zu tun.

Biblische Engel sind auch keine Frauen, sondern immer Männer, und ohne Flügel. Sie haben eine prosaische Funktion: Botschaften von Gott werden übermittelt. Diese Funktion wird deutlich, wenn wir im Hebräischen nachlesen. »Mal’ach« steht da in der »Biblia Hebraica«, »Engel« heißt es viele Male in den Übersetzungen. Wortgetreu wäre schlicht und einfach »Bote« oder »Übermittler von Botschaften«. Sie überbrachten Nachrichten vom himmlischen Gott an irdische Menschen.

Es gibt es eine kaum zu überschauende Fülle von Namen. Offensichtlich gibt es sehr viel mehr Namen als Engel, weil ein und derselbe Engel oft unter verschiedenen Namen in Erscheinung tritt. Im »Slavischen Henochbuch« zum Beispiel, so »Jewish Encyclopedia« (2) taucht unter den Namen »Raguel« und »Rasuel« erstmals der Engel »Raziel« auf. Und tatsächlich, der slav slavischerische Henoch, auch »Das Buch der Geheimnisse Gottes« genannt (3) erwähnt Engel Rasuel (4).

Prof. Ernst Bammel (*1923; †1996) leitete an der »Friedrich Alexander Universität« zu Erlangen in den späten 1970er Jahren spannende Seminare zu den mysteriösen »Schriftrollen vom Toten Meer«, die in den Jahren von 1947 bis 1956 in elf Felshöhlen nahe der Ruinenstätte Khirbet Qumran im Westjordanland entdeckt hat.

An Professor Bammel konnte ich mich wenden, wenn ich Fragen zu außerbiblischen Texten hatte. Professor Bammel erklärte mir, dass der Name »Raziel« mit »Geheimnis von Gott« übersetzt werden könne. Das sei nur logisch, denn Gott, so Prof. Bammel, hat diesem Engel »Geheimnisse« anvertraut. Nicht ganz klar scheint zu sein, ob »Raziel« ein echter individueller Eigenname oder ein Titel im Sinne von »Gottes Geheimnisträger« ist.

Höchst mysteriös ist eine offenbar recht umfangreiche »Sammlung geheimer Schriften«. Zu dem zum Teil nur schlecht erhaltenen Texten gehört das »Buch Raziel«. Einen Teil der Texte, so ist es überliefert, hat Erzengel Raziel dem biblischen Adam übermittelt, kurz nachdem der wegen des berühmten »Apfelskandals« aus dem Paradies vertrieben worden war. Ein anderer Teil wurde dem biblischen Noah übermittelt. Raziel, so haben es die Lehrer der »Geheimlehre Kabbala« übermittelt (5), »ist der Erzengel der Mysterien und Hüter der Geheimnisse. Er ist der Verfasser des Buches »Sepher Raziel Ha Malach« (Malach bedeutet so viel wie Engel.) Als Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden, war ihnen bald die Tragweite dessen bewusst. Als Adam deshalb zu beten begann, so die Legende, erhörte ihn Gott und sandte den Erzengel Raziel zu ihm.

Von Adam kam dann das Buch in die Hände Noahs. … Nach der Sintflut überreichte Noah es dem Patriarchen Abraham, welcher das Buch nach Ägypten brachte. Das Buch wurde von Vater zu Sohn weitergegeben und schließlich hielt eines Tages auch König Salomo das Buch in den Händen, der König des Friedens und der Weisheit.« Gebaut wurde die »Arche Noah« nach einem »himmlischen Bauplan« im vielleicht mysteriösesten Buch der Welt.

Ein Detail ist besonders interessant, wie »Jewish Encyclopedia« unter dem Stichwort »Raziel, Book of« vermeldet (6): »Das Buch wurde in Saphirstein eingraviert und von Generation zu Generation weitergegeben, bis es zusammen mit vielen anderen geheimen Schriften in den Besitz Salomos gelangte.«

Während meines Studiums der Theologie an der »Friedrich-Alexander- Universität« zu Erlangen-Nürnberg nutzte ich ausgiebig die üppig ausgestattete Bibliothek. Während sich viele meiner Studienkollegen zum Beispiels Luthers Traktate, Tischreden und Predigten zu Gemüte führten, interessierten mich ganz andere Veröffentlichungen. Besonders fasziniert hat mich »The Golden Bough: A Study in Magic and Religion« von Sir James George Frazer (*1854; †1941). Der schottischer Ethnologe und Klassischer Philologe gilt als Mitbegründer der Religionsethnologie. Kein anderes mir bekanntes Werk eines Wissenschaftlers hat so gründlich Mythologie und Religion miteinander verglichen. Im englischen Original erschien »The Golden Bough« zwischen 1906 und 1915 in dritter Auflage in zwölf stattlichen Bänden. Eine sehr stark gekürzte Version in einem Band erschien 1928 in Leipzig in deutscher Übersetzung: »Der goldene Zweig. Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker«. Spannend und sehr aufschlussreich sind Sir Fraziers religionswissenschaftliche Vergleiche (7).

Foto 2: Die »Arche Noah«,
Gemälde von Edward Hicks (*1780; †1849)

Über den mysteriösen Raziel weiß Sir Frazier Interessantes zu berichten (8). Demnach lernte Noah aus Raziels Buch »Sepher Raziel Ha Malach«, wie die berühmt-legendäre »Arche« gebaut werden musste. Dieses Buch, so Sir Frazier, enthielt »alles menschliche und göttliche Wissen«. Das Opus war kein gewöhnliches »Papier-Buch«, auch kein Papyrus oder Codex. Vielmehr war es aus Saphiren gefertigt und erinnert der Beschreibung nach mehr an einen Computer als an ein herkömmliches Buch. So diente es dem Noah »als Zeitmesser«, der Tag und Nacht funktionierte. An Bord der Arche bewahrte Noah Raziels »Sepher Raziel Ha Malach« sorgsam in einer »goldenen Kassette« auf.

Über die Jahre habe ich versucht, so viele Einzelheiten über Raziels Buch »Sepher Raziel Ha Malach« in Erfahrung zu bringen. Unbezweifelbar ist der im wahrsten Sinne des Wortes himmlische Ursprung dieses seltsamen Buches. Es kam aus dem Himmel. Robert von Ranke-Graves (*1895; †1985) veröffentlichte ein umfangreiches Werk. Eingefleischten Anhängern eines rein patriarchalischen Gottes sehr zu empfehlen ist (9) »Die weiße Göttin« aus seiner Feder.

Wie die »Jewish Encyclopedia« und Sir James George Frazer, so legt auch von Ranke-Graves dar, dass das Buch »Sepher Raziel Ha Malach« eine Sammlung von kosmischen Geheimnissen bietet, die in einen Saphir eingeritzt worden sind (10). Kann man denn ein Buch in einen Saphir einritzen? Selbst ein riesiger Saphir bietet doch viel zu wenig Platz, um mehr als nur einen einzigen kurzen Satz zu verewigen. Und doch könnte ein Saphir tatsächlich ein ganzes Buch aufnehmen, freilich wäre dazu modernste Technologie erforderlich, die doch wohl zu biblischen Zeiten nicht zur Verfügung stand. 

Siddharth Dhomkar, Physiker vom »City College in New York«, beklagt, dass heutige Speichertechnologie, die vor wenigen Jahrzehnten allenfalls als futuristische Zukunftsvision denkbar war, längst an ihre Grenzen stößt, veraltet ist und dringend abgelöst werden muss.

»Die übliche Festplatte hat ihr Limit erreicht und kann maximal einige Terabytes speichern. Zudem halten sie nur einige Jahre, dann verhalten sie sich seltsam oder fallen gleich ganz aus.« Unsere heutigen Speichermedien haben, so Siddharth Dhomkar, keine Zukunft (11). Was heute an Daten verewigt wird, verdient diese Bezeichnung gar nicht. DVDs und andere optische Speicher, konstatiert der Wissenschaftler, funktionieren in der Praxis höchstens einige Jahrzehnte. Sogenannte »Flash-Speicher« sind womöglich schon nach wenigen Jahren bereits unzuverlässig und somit kein wirklich taugliches Speichermedium.

Siddharth Dhomkar hat nun einen praktikablen Weg gefunden, Daten in Diamanten zu speichern. Christian Buck: »Bei der Lebensdauer der Bits wäre das Material allen Konkurrenten haushoch überlegen: Lagert man den Diamanten in Dunkelheit, sollen die Daten ewig halten. Auch die Speicherkapazität wäre kaum zu schlagen. Die Daten kann Dhomkar im gesamten Diamanten speichern – nicht bloß auf einer Ebene wie bei DVDs. Dadurch erreicht er eine bis zu 1000-fach höhere Speicherdichte als Blu-ray-Disks. Und das könnte erst der Anfang sein.«

1953 sang Marilyn Monroe »Diamonds Are a Girl’s Best Friend« im Film »Blondinen bevorzugt«. 2053 sind vielleicht Diamanten der beste Freund von gespeicherten Daten, die dann »unsterblich« sein können. Noch ist die neue Methode nicht ausgereift, doch es zeichnen sich schon fantastisch anmutende Möglichkeiten ab: Diamanten als Speicher könnten Daten für die Ewigkeit erhalten. Sollte Gott sein himmlisches Wissen auf modernste Weise für die Ewigkeit abgespeichert haben? Nach dem »Slavischen Henochbuch« war jedenfalls der »ewige Gott« der Urheber des mysteriösen »Sepher Raziel Ha Malach«-Buches. Und der bezeichnet sich im »Slavischen Henochbuch« (12) als »ewig«.

Fußnoten
(1) Langbein, Walter-Jörg: »Engel im Orbit«, »Esotera« Juni und Juli 1981.
(2) »Jewish Encyclopedia«, Stichwort »Raziel, Angel«.  http://www.jewishencyclopedia.com/articles/12605-raziel (Stand 12.05.2020)
(3) »Henochbuch (slawisch) oder Zweiter Henoch/ Das Buch der Geheimnisse Gottes/ Die Offenbarungen Gottes« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seiten 452-473
(4) Ebenda, Kapitel 33, Vers 6
(5) »Erzengel Raziel in der Kabbala«, »Edition Ewige Weisheit«, »Über die Esoterische Philosophie in den West-Östlichen Traditionen«. https://www.ewigeweisheit.de/geheimwissen/kabbalah/erzengel/raziel (Stand 12.05.2020)
(6) »Jewish Encyclopedia«, Stichwort »Raziel, Book of«. http://jewishencyclopedia.com/articles/12606-raziel-book-of (Stand 12.05.2020)
(7) Frazer, George: »Folk-lore in the Old Testament; studies in comparative religion, legend and law«, London 1919
(8) Ebenda, Seite 143
(9) Ranke-Graves, Robert von: »Die weiße Göttin/ Sprache des Mythos«, Berlin 1981
(10) Ranke-Graves, Robert von und Patai, Raphael: »Hebräische Mythologie/ Über die Schöpfungsgeschichte und andere Mythen aus dem Alten Testament«, Reinbek 1986, Seite 65, »12.«.
(11) Buck, Christian: »Daten für die Ewigkeit«, erschienen in »Technology Review«, Print-Ausgabe 04/2017
(12) Das »Slavische Henochbuch« Kapitel 33, Vers 4


Zu den Fotos
Foto 1: Erzengel Raziel, 17. Jahrhundert. (vermutl. Spanien). Foto wikimedia commons, public domain
Foto 2: Die »Arche Noah«, Gemälde von Edward Hicks (*1780; 1849). wikimedia commons, gemeinfrei.

549. »Und wir erhoben ihn zu einem hohen Ort.«
Teil 549 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 26. Juli 2020


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Sonntag, 12. Juli 2020

547. »Von anderen Welten – in und über der Welt«

Teil 547 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1+ 2: Der mysteriöse Staffelberg
(Historische Aufnahmen).
Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein

Der vermeintlich wissenschaftlich denkende, jedem Aberglauben abholde Zeitgenosse hat ein simples Weltbild. Für ihn existiert hinter seinem »geistigen« Horizont nichts mehr. Unsere Altvorderen indes waren von Welten jenseits willkürlich gesteckter Grenzen überzeugt. Die Welten hinter der Welt freilich sind faszinierend und spannend, für den ängstlichen Menschen manchmal furchteinflößend. Und der vermeintlich aufgeklärte, oft aber nur engstirnige Mensch leugnet ihre Existenz.

Geboren und aufgewachsen bin ich im oberfränkischen Michelau am Main. Schon als Kind faszinierte mich der mysteriöse Staffelberg, den ich so manches Mal mit meinem Vater erwanderte und erkundete. Der Staffelberg im »Gottesgarten« am Obermain ist mit seinen 539 m über Normalnull weithin sichtbar.

Schon in der Jungsteinzeit (um 5000 v. Chr.) war er besiedelt, die Kelten errichteten vor rund 2.000 Jahren ihr wehrhaftes Oppidum Menosgada auf dem Hochplateau des Staffelbergs. Vermutlich gab es auch ein uraltes Heiligtum, auf dessen Fundamenten die »Adelgundiskapelle« errichtet wurde.

Der Sage nach ist in einer verborgenen Höhle tief im Inneren des Staffelbergs oder darunter ein gewaltiger Schatz von unermesslichem Wert versteckt. Nur alle hundert Jahre öffnet sich der Berg zu mitternächtlicher Stunde. Für genau eine Stunde gibt er dann den Weg zur Schatzhöhle frei. Genauer gesagt: Alle einhundert Jahre, so überliefert es die Sage, (1) »öffnet sich das Felsentor, um für eine Stunde allen Sonntagskindern Eintritt zu gewähren.«

Ein junger Schäfer, der tatsächlich an einem Sonntag geboren war, wusste von diesem Geheimnis des Staffelbergs. Dem jungen Mann war vor allem bekannt, dass es bald wieder soweit sein würde, dass sich der Staffelberg für eine Stunde auftun würde. Darauf wartete er, gespannt und geduldig zugleich, ganz in der Nähe des mysteriösen Berges. Dann geschah das Unfassbare wirklich (2):

»Die Johannisnacht war gekommen, es näherte sich die mitternächtliche Stunde. Da vernahm der Schäfer ein gewaltiges Dröhnen und Donnern und er fürchtete sich sehr. Doch er nahm allen Mut zusammen und lief auf den Staffelberg zu. Er sah den Berg weit aufgetan und es glänzte, glitzerte und schimmerte ihm entgegen.« Der Schäfer konnte sein Glück kaum fassen. Eilig ging er durch ein offenes Felsentor im Berg (3) »und spürte mit seinen Händen, daß seine Augen ihn nicht betrogen hatten. Gold, edles Gestein, Perlen und Silber lagen da in solchen Mengen, wie sie der Junge sein Lebtag noch nicht gesehen hatte.«

Jetzt vernahm das Sonntagskind eine laute, dröhnende Stimme. Er dürfe von den Schätzen so viel an sich nehmen, wie er nur wolle. Doch nur eine Stunde würde der Berg offen stehen, dann sollte sich das Felsentor wieder schließen. Wie von Sinnen und mit wachsender Gier, die seine Sinne trübte, stopfte sich der Schäfer die Taschen voll und vergaß darüber die Zeit (4): »Gerade als er sich noch einen funkelnden Edelstein einstecken wollte, hörte er eine Uhr schlagen. Wie gepeitscht lief der Schäfer dem Ausgang zu. Aber, oh weh, mit einem donnernden Getöse schloß sich der Berg. Kein Spalt war mehr zu sehen. Nach hundert Jahren, als sich der Staffelberg wieder in der Johannisnacht auftat, verließ ein uralter Mann mit leeren Taschen den Berg. Er brauchte keine Schätze mehr.«

Die Sage vom Schäfer im Staffelberg weist auf ein uraltes Weltbild hin. Verborgen und unsichtbar gibt es noch andere Welten jenseits der Grenzen unserer sichtbaren Welt. Der Zugang zu so einer geheimen Welt soll der mysteriöse Staffelberg sein. Bleiben wir im herrlichen Frankenland. Eine weitere Sage, auf die ich nun etwas ausführlicher eingehen möchte, berichtet von einem anderen »Felsentor« in eine andere Welt.

Foto 3: Blick ins Kleinziegenfelder Tal bei
Wallersberg (vor 1940). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

»Vor langer Zeit wohnte eine fleißige Magd mit ihrem Söhnchen bei einem Bauern in Wallersberg, dem Ort über der Weihersmühle. Es war gerade Sommer und die Ernte sollte eingebracht werden. Der Bauer, die Bäuerin, der Knecht und die Magd schickten sich an einem heißen Augusttag an, mit ihren Sensen und Sicheln aufs Feld zu gehen, um das Getreide zu schneiden. Um den Weg zum Acker abzukürzen, wählten sie einen schmalen Feldrain, der zwischen zwei Getreidefeldern lag. Der Bauer und die Knechte schritten schnell voran, während die Bäuerin und die Magd, der ihr fünfjähriges Knäblein gefolgt war, zwischen den hohen Getreidehalmen langsam vorankamen. Zumal der Kleine hin und wieder stehenblieb, um Kornblumen zu pflücken. Obwohl ihn die Mutter zur Eile aufforderte, blieb er immer zurück. Er konnte nicht genug von den prächtigen blauen Blumen bekommen. Schließlich hatte er einen Strauß, den er mit einer Hand nicht mehr umspannen konnte.«

So beginnt (5) die Sage »Der verschwundene Knabe von Wallersberg«. H. Barnickel hat sie 1936 in einem Manuskript festgehalten, das leider nie publiziert wurde. Elisabeth und Konrad Radunz haben den mysteriösen Text 60 Jahre später, 1996, veröffentlicht.

Wallersberg und Weihersmühle kenne ich gut. In meiner Jugend bin ich manches Mal im »Gasthof Forelle«, Weihersmühle, eingekehrt. Wallersberg liegt in einer Höhe von 453 m auf einer Hochebene am östlichen Rand des malerischen Kleinziegenfelder Tals. Heute leben hier wohl weniger als vierzig Menschen. Wandernd erkundete ich 1975 Wallersberg und Umgebung. Enttäuscht, ja ein wenig entsetzt, musste ich erfahren, dass bei der Sanierung der kleinen Kapelle von Wallersberg (»St. Katharina«, angeblich 1325 erbaut) ein Urnengrab zerstört wurde, das vor mehr als zwei Jahrtausenden angelegt worden war. Ein greiser Bauer, dem ein langes, arbeitsreiches Leben anzusehen war, versicherte mir, dass im Grab mehrere »tönerne Gefäße« gefunden worden seien, die achtlos weggeworfen wurden. »Das war doch alter Plunder! Wertloses Zeug, überhaupt nicht irgendwie schön!

Traurig erzählte mir der Greis, dass vor langer Zeit die Heilquelle bei der Kapelle, die einst viele Wallfahrer anlockte, versiegt sei. Schuld sei ein schwedischer Soldat. Der habe die kostbare Quelle vergiftet, weil er sich über die frommen Pilger geärgert habe. Kein einziger Pilger kam zu Schaden, so der alte Herr, weil die munter sprudelnde Quelle abrupt verstummte, kaum dass der böse Soldat Gift ins heilsame Wasser gegeben habe. Auch die Sage vom »verschwundenen Knaben« kannte der greise Herr.

So geht es in der Sage weiter: Bauer und Bäuerin, Knecht und Magd machten sich an die Arbeit. Das Söhnchen der Magd aber erschien nicht. Die Bäuerin und die Magd bekamen Angst und eilten zurück. Sie nahmen den Weg, den sie gekommen waren, doch vom Knaben – keine Spur. Zurück zur Legende in der Fassung von H. Barnickel (6):

»Der Knabe Der Knabe aber war nicht zu sehen. Schließlich suchten alle Wallersberger den Fünfjährigen; der Bub jedoch war und blieb verschwunden. Jahre gingen ins Land. Im Dorf hat man oft von dem verschwundenen Knaben gesprochen. Nach genau zehn Jahren aber, als die Magd denselben Feldrain entlang ging wie damals, als sie ihr Kind verloren hatte, trat ihr an der Stelle, an der die meisten Kornblumen wuchsen, ein Jüngling entgegen. Es war ihr verschollener Bub. Auf die Frage der erschrockenen und doch überglücklichen Mutter, wie das alles zugegangen sei, erzählte ihr der Junge von einem seltsamen Erlebnis: ›Als ich mit meinem Kornblumenstrauß zu dir laufen wollte, stand ich ganz plötzlich vor einem großen Felsentor. Unter diesem war ein Mann, der mir freundlich zuwinkte.‹«

Die Kornblumen hatten das geheimnisvolle Felsentor geöffnet. Es zeigte sich, dass es der Eingang in eine andere Welt war, ins Jenseits. Immer wenn das Totenglöckchen erklang musste der Knabe das seltsame Tor öffnen, damit die Toten in die andere Welt eingehen konnten. Ihm war aber ausdrücklich verboten, den Toten nachzusehen. Als eines Tages der Pfarrer die Reise in die andere Welt antrat, da siegte die Neugier des Knaben. In der Sage kommt der Knabe zu Wort (7): »Da wollte ich doch schauen, wohin er gehen wollte und ich schaute ihm nach. Da sah ich eine große Stube, in der saßen alle die Bekannten, die ihm vorausgegangen waren und viele Leute, die ich nicht kannte.«

Der Sage nach gibt es im Staffelberg eine verborgene Welt voller Schätze. Der Sage nach gibt es in der Unterwelt von Wallersberg eine andere verborgene Welt, in der dumpf die Toten dahindämmern. Diese Vorstellung entspricht uraltem biblischen Glauben, der auch emsigen Bibellesern selten bekannt sein dürfte.

Foto 4: Die »St.-Jakobus-Kirche« von Urschalling.
Foto Walter-Jörg Langbein

Wer im »Alten Testament« die christliche Glaubenslehre vom Leben nach dem Tode sucht, wird nicht fündig. Wer gründlich liest, der entdeckt im »Alten Testament« eine Welt, vergleichbar mit jener unter Wallersberg. Im »Alten Testament« (8) wollte ein gewisser Korach aus dem Stamme Levi zusammen mit 250 Anhängern eine Revolution gegen Moses und Aaron anzetteln, ohne Erfolg freilich. Zur Strafe wurde er von Jahwe selbst in die Sheol-Welt verbannt. Die Erde zerriss (9) »und tat ihren Mund auf und verschlang sie mit ihren Sippen, mit allen Menschen, die zu Korach gehörten, und alle mit ihrer Habe. Und sie fuhren lebendig zu den Toten hinunter mit allem, was sie hatten und die Erde deckte sie zu. ... Und ganz Israel, das um sie war, floh vor ihrem Geschrei; denn sie dachten: dass uns die Erde nicht verschlinge.«

Die Sage »Der verschwundene Knabe von Wallersberg« sollte man nicht vorschnell belächeln. Sie bietet das gleiche Bild vom Jenseits wie das »Alte Testament«. Der »Wissenschaftliche Rat der Dudenredaktion« bringt es auf den Punkt (10): Gerade in den ältesten Büchern des »Alten Testaments« gibt es irgendwo in der Erde das Totenreich, Dort versammeln sich alle Toten, die frommen Gottgefälligen wie die bösen Sünder.

Die ältesten Jenseitsvorstellungen der Bibel sehen kein Leben nach dem Tode im christlichen Sinne vor. Alle Toten steigen am Ende des Lebens hinab ins Totenreich (11). Dort fristen alle Toten gemeinsam ganz im altorientalischen Geist eine wenig ansprechende schattenhafte Existenz in der Unterwelt, die als ein Land des Staubes bezeichnet wird (12). Wenig optimistisch klingt, was im Buch »Prediger« im »Alten Testament« zu lesen steht (13): »Im Totenreich, in das du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.« Im biblischen Buch »Hiob« geht es im »Jenseits« nicht minder deprimierend zu. Wer stirbt, der kommt (14) »ins Land der Finsternis und des Dunkels, ins Land, wo es stockfinster ist und dunkel ohne alle Ordnung, und wenn's hell wird, so ist es immer noch Finsternis.«

Was den Menschen im düsteren Totenreich erwartet, dass beschreibt der Psalmist in recht düsteren Farben (15): »Ich bin gerechnet zu denen, die in die Grube hinab fahren. Ich bin wie ein Mann, der keine Kraft hat, unter die Toten hingestreckt, wie Erschlagene, die im Grab liegen, derer du nicht mehr gedenkst. Denn sie sind von deiner Handabgeschnitten. Du hast mich in die tiefste Grube gelegt, in Finsternisse, in Tiefen.« Geradezu unappetitliche Aussichten drohen dem Dahingeschiedenen in der mehr als tristen Welt fern der Lebenden (16): »Gewürm wird dein Bett sein und Würmer deine Decke.«

Unweit des idyllischen Chiemsees wartet die kleine »St.-Jakobus-Kirche« auf Besucher. Im 12. Und 14. Jahrhundert entstanden herrliche Fresken, die allerdings zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert mehrfach übertüncht wurden. Erst anno 1923 wurden sie eher zufällig wieder entdeckt. 1940 begann man mit einer aufwändigen Freilegung. Im Abstand von Jahren wandten sich immer wieder Restaurateure den Kunstwerken zu, die so lange verdeckt waren, und legten noch so manches Bildnis frei.

Fotos 5 + 6: Jesus befreit die Toten aus dem düsteren Reich.
Wandmalerei in der »St.-Jakobus-Kirche« von Urschalling.
Fotos Walter-Jörg Langbein.


Interessant ist, wie die Vorstellung vom bedrückenden »Jenseits« im Christentum weiter lebt. Nur kommt jetzt Jesus, der Erlöser, und befreit die Menschen. Das Totenreich wird als monströses Fabelwesen dargestellt, das an eine Mischung aus Walfisch und Wolf erinnert. Jesus hat dem Monster das Maul aufgerissen und eine Maulsperre eingefügt, so dass die Hinabgestiegenen der geradezu höllischen Unterwelt entkommen können. Die stehen schnell Schlange, um der misslichen Situation zu entkommen. Das Maul freilich kann so schnell nicht zuschnappen.

Es sind Tote, die in der Sage vom verschwundenen Knaben von Wallersberg in einen Raum einziehen, so wie es Tote sind, die in der unterirdischen Scheol-Welt des »Alten Testaments« hausen. Es sind aber Lebende, die nach dem »Alten Testament« von der Erde entführt und »mit Haut und Haaren« in eine wiederum andere Welt, nämlich in himmlische Gefilde entrückt werden. Sie werden lebendig hinweg genommen. Dem biblischen Elia (17) bleibt der triste Aufenthalt in Scheol erspart. Mit einem feurigen Wagen wird er, so weiß es das »Alte Testament« zu berichten, wird er in den Himmel entrückt.

Elia wurde in den Himmel verschleppt. Er war lebendig. Noch zu Jesu Zeiten war offensichtlich die Überzeugung verbreitet, dass Elia jederzeit wieder aus den hohen Sphären des realen Himmels zur Erde zurückkehren kann. Jesus wurde von manchen Juden als der wiedergekommene Elia gesehen (18). Himmel wurde nicht als Aufenthaltsort der Toten verstanden.

Was heute so gut wie unbekannt ist: Die ersten Dampflokomotiven wurden im Volksmund in Anspielung an die Himmelfahrt des Elias »feuriger Elias« genannt. Streng theologisch gedacht darf man die Reise des Elias nicht als »Himmelfahrt« bezeichnen, wurde er doch in den Himmel entrückt. Man unterscheidet zwischen »assumptio«, »Aufnahme« in den Himmel, von »ascensio«, »Aufstieg«. In der Theologie gilt Jesus als der Einzige, der in den Himmel aufgestiegen ist (»Ascensio Domini«, »Aufstieg des Herrn«), Elia wurde aufgenommen.

Foto 7: Himmelfahrt Jesu (Ikone).
Foto Walter-Jörg Langbein.


Im rabbinischen Judentum verstand man den Himmel als den Aufenthaltsort Gottes und der Engel, der für die Menschen im Normalfall unerreichbar ist. Man trennte streng zwischen »Himmel« und »Paradies«. »Himmel« war in diesem Bild der hohe Raum über unseren Köpfen, also das All mit den Sternen. Das »Paradies« hingegen war ein idyllischer Ort, der für die Gottesfürchtigen reserviert war.

Fußnoten
(1) Radunz, Elisabeth und Konrad: »Sagen und Legenden des Lichtenfelser Landes«, Lichtenfels 1996, Seite 62, 5.+6. Zeile von oben (Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht der Rechtschreibreform angepasst.)
(2) Ebenda, 13.-17. Zeile von oben
(3) Ebenda, 17.+18. Zeile von oben
(4) Ebenda, 24.-30. Zeile von oben
(5) Ebenda, Seite 117, 1.-13. Zeile von oben
(6) Ebenda,  24.-34. Zeile von oben
(7) Ebenda, Seite118, 2.-5. Zeile von oben
Siehe auch Radunz, Elisabeth und Konrad: »Der Landkreis Lichtenfels in Geschichte und Geschichten«, 2. Auflage, Lichtenfels 1982
(8) 4. Buch Mose Kapitel 16
(9) 4. Buch Mose Kapitel 16 Verse 32 bis 34
(10) »Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion« (Herausgeber): »Duden, Das große Fremdwörterbuch. Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter.« 4. Auflage, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2007, Seite 1216.
(11) 1. Buch Mose Kapitel 25,Vers 8 und 1. Buch Mose Kapitel 35, Vers 29
(12) Psalm 28, Vers 30
(13) Prediger Kapitel 9, Vers 10
(14) Hiob Kapitel 10, Verse 21 und 22
(15) Psalm 88, Verse 5-7
(16) Jesaja Kapitel 14, Vers 11
(17) 2. Könige Kapitel 2, Verse 1-18
(18) Markus Kapitel 8, Vers 28, Matthäus Kapitel 11, Vers 14 und Kapitel 17, Verse 11 und 12

Zu den Fotos
Foto 1+ Foto 2: Der mysteriöse Staffelberg (Historische Aufnahmen). Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Blick ins Kleinziegenfelder Tal bei Wallersberg (vor 1940). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Die »St.-Jakobus-Kirche« von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 + 6: Jesus befreit die Toten aus dem düsteren Reich. Wandmalerei in der »St.-Jakobus-Kirche« von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 7: Himmelfahrt Jesu (Ikone). Foto Walter-Jörg Langbein.



548. »Alles menschliche und göttliche Wissen«,
Teil 548 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 19. Juli 2020


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