Samstag, 26. Juni 2010

Samstagsrezension Helga König: " Die Judenbuche"- Annette von Droste-Hülshoff

Eine Dichterin aus dem Münsterland.

Tuna von Blumenstein bat mich erneut, bei meiner Samstagsrezension  ein Augenmerk auf ihr geliebtes Münsterland zu legen und schlug mir vor, einen Text der Dichterin Annette von  Droste Hülshoff zu rezensieren, die vor über 200 Jahren in der malerischen Burg  Hülshoff  unweit von Münster zur Welt kam.

Ich habe die „Judenbuche“ vorhin nach vielen Jahren abermals gelesen und bin in meiner Interpretation noch etwas  ratlos. Der Untertitel der Novelle lautet „ Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen“. Mein spontaner Eindruck: es handelt sich um eine Milieustudie, die die Lebensverhältnisse in dem benannten Gebiet im 18. Jahrhundert beschreibt, schwierige Charaktere aufeinandertreffen lässt, Armut und Ursachen von Verwahrlosung anspricht, auch religiöse Vorurteile zum Thema macht und in ihrer Gesamtheit subtil psychologisch angelegt ist. Die Novelle soll auf einer wahren Begebenheit beruhen.

Protagonist der Novelle ist Friedrich Mergel. Zunächst liest man von seiner Herkunft. Sein Vater ist ein Säufer, der sowohl seine erste Frau als auch seine zweite ( Friedrichs Mutter) misshandelt, seinen Frauen das Leben zu Hölle macht, schließlich irgendwann betrunken im Wald einschläft  und erfriert. Zu diesem Zeitpunkt  ist Friedrich 9 Jahre alt. Er und seine  Mutter werden fortan von der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt. Seine Mutter, vormals eine adrette Frau, verwahrlost. Die Beschreibung ihres Verhaltensmusters lässt den Schluss zu, dass sie schwer depressiv ist.

Friedrich  wird von seinem Onkel, dem Bruder seiner Mutter adoptiert.  Die Dorfbewohner verändert nun ihr Verhalten gegenüber Friedrich.  Auf dem Anwesen seines Onkels lernt er den Kuhhirten Johannes Niemand kennen, welcher im optisch ähnelt, wie ein Zwillingsbruder. Nur eine kleine Halsnarbe unterscheidet die beiden, die miteinander Freundschaft schließen.

Zum schönen Jüngling geworden, entwickelt Friedrich einen ausgeprägt narzisstischen  Habitus und  schneidet gerne bei Gleichaltrigen auf. Seine Geltungssucht  wird immer extremer. Ein solches Verhaltensmuster beruht stets auf Minderwertigkeitskomplexen, die er offenbar aufgrund seiner Herkunft hat.

Friedrich lebt im Wechsel von aufschneiderischem Auftritt bei gleichaltrigen Dorfbewohnern, die ihn bewundern und Zurückgezogenheit beim Hüten von Kühen, einer Beschäftigung, der er scheinbar gerne nachgeht. Hier kann er ganz er selbst sein, muss sich nicht dem Stress der zwanghaften Selbstdarstellung aussetzen.

In den Wäldern unweit der Wiesen, wo er die Kühe hütet, ist Holz- und Jagdfrevel an der Tagesordnung. Oberförster Brandis wird von Holzdieben erschlagen. Der sensible Friedrich empfindet an dem Mord eine gewisse Mitschuld, weil er den Förster in die Richtung der Holzdiebe schickte als dieser danach fragt.

Seine  diffusen Schuldgefühle, die sich mit den Minderwertigkeitsgefühlen paaren, führen dazu, dass er sich noch weiter aufbläst, eine silberne Uhr bei Aaron, einem Juden gekauft, aber noch nicht bezahlt hat, und sich auf einem Hochzeitsfest mit seinem Schmuck gebärdet.  Aaron, der auch auf der Feier ist, ärgert sich zu Recht und stellt ihn bloß. Kurz darauf wird Aaron erschlagen unter einer Buche im Wald aufgefunden. Vieles spricht dafür, dass Friedrich der Täter ist. Wenn Menschen mit schweren Minderwertigkeitsgefühlen das Gesicht verlieren, sind sie nicht selten zu allem fähig...

Friedrich flieht noch in der Nacht mit seinem Freund Johann, was ihn zusätzlich verdächtig macht. Nachgewiesen werden kann ihm die Tat allerdings nicht. Hinzu kommt, dass später der Verdacht durch das Geständnis eines Dritten entkräftet wird, wobei nicht gewiss ist, ob der Geständige tatsächlich besagten Aaron meinte.

Die Judengemeinde macht aus der Buche ein Mahnmal und ritzt auf Hebräisch die Worte ein: Wenn du dich diesem Ort  nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast“.

28 Jahre später kehrt Friedrich in das Dorf zurück, gibt sich allerdings als Johannes aus. Er erfährt, wie es seiner Mutter und seinem Onkel ergangen ist. Beide sind mittlerweile tot, beide sind im Elend verstorben. Es ist anzunehmen, dass dies weitere Schuldgefühle bei ihm ausgelöst hat.

Es dauert nicht lange und man findet Friedrich (man erkennt ihn an der Halsnarbe) erhängt an der Buche. Natürlich ist Friedrich nicht Opfer von Rache geworden, sondern er hat sich selbst erhängt.  Sein Motiv sich zu töten, ist meines Erachtens  eine Mischung aus Schuldgefühlen und herostratischem Ruhm.

Sicher kennen viele Leser das Buch aus ihrer Schulzeit. Ich denke aber es ist lohnenswert, es abermals zu lesen, allein der psychologischen Facetten wegen.




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