Sonntag, 19. Mai 2019

487 »Licht der Unendlichkeit«

Teil 486 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«




Foto 1: Salvador Dali
»Eines Tages wird man
offiziell zugeben müssen,
dass das, was wir Wirklichkeit
getauft haben, eine noch größere
Illusion ist als die Welt
des Traumes.«
Salvador Dali (*1904; †1989)

Im Frühjahr 1900 stieß der griechische Schwammtaucher Elias Stadiatis vor der kleinen Insel Antikythera auf ein versunkenes römisches Schiffswrack. Aus einer Tiefe von etwa vierzig Metern holten Elias Stadiatis und andere Schwammtaucher Marmorstatuen und Bronzefiguren, tönerne Amphoren und antike Münzen. Wenig Beachtung fand ein wertlos aussehender Klumpen. Das etwa schuhkartongroße »Ding« wurdemit einer Archivnummer versehen und vergessen. Zwei Jahre später sah sich der griechische Archäologe Valerios Stais den mysteriösen Fund gründlicher an. Er war irgendwie aufgeplatzt und zerbrochen, bestand aus Zahnrädern und Achsen.

Erst als die Brocken mit Röntgenstrahlen durchleuchtet wurde die Bedeutung des Objekts erkannt. Offenbar hatte der Schwammtaucher Elias Stadiatis so etwas wie einen antiken Computer entdeckt. Um 200 vor Christus haben unbekannte Feinmechaniker so etwas wie einen astronomischen Kalender hergestellt, mit dem man offensichtlich zum Beispiel Sonnen- und Mondfinsternisse vorhersehen konnte.

Foto 2: Der Antikythera-Computer
Bereits 1905 hatte der Altphilologe Albert Rehm nachgewiesen, dass das Objekt von Antikythera ein astronomisches Rechengerät gewesen sein muss. Derek de Solla Price (*1922; †1983) fand heraus, dass der über zwei Jahrtausende alte Computer mit einer Kurbel in Bewegung gesetzt wurde, was wiederum mehrere Zeiger zum Kreisen brachte. Grundlage für die Konstruktion des astronomischen Geräts waren, so fand Price heraus, waren die Jahrtausende alten astronomischen Studien der Babylonier. 1976 wurde de Solla Price für seine erste Rekonstruktion des Antikythera-Computers mit der »Leonardo-da-Vinci-Medaille« , fast vergleichbar mit einem »Nobelpreis«, geehrt (1).

Der Computer von Antikythera scheint aus dem Nichts aufgetaucht zu sein, geschaffen von einem vorchristlichen »Leonardo da Vinci«. Und er wurde vor über zwei Jahrtausenden vergessen. Warum? Warum gab es keine Folgemodelle? Warum wurde der Mechanismus von Antikythera nicht weiterentwickelt? Sir Arthur C. Clarke (*1917; † 2008) beklagt das. Denn hätten die alten Griechen, so Clarke (2) »die Fertigkeiten, die der Antikythera-Mechanismus verrät, nur konsequent weiterentwickelt, dann hätte die industrielle Revolution tausend Jahre früher beginnen können. Und anstatt auf dem Mond herumzuhampeln, hätten wir inzwischen die  näheren Sterne erreicht.«

Bis zu den Sternen sind wir noch nicht vorgedrungen. Irdische Astronauten haben es bisher nur bis zum Mond geschafft. Unsere heutigen Computer unterscheiden sich natürlich ganz gravierend von dem Antikythera-Mechanismus. Beide haben aber etwas gemeinsam: So müssen von einem Menschen bedient werden. Wirklich leicht verständlich erklärt uns wikipedia den Ausdruck »Hardware« (3): 

Foto 3: de Solla Price
»Computersysteme bestehen aus Hard- und Software. Hardware ist der Teil eines Computers, den man anfassen kann: Jede einzelne Komponente, vom einfachen Kondensator bis hin zur komplett bestückten Platine, das Gerät als Ganzes sowie sein Zubehör wie beispielsweise Maus, Tastatur, Bildschirm und Drucker, aber auch Datenträger wie Festplattenlaufwerke oder USB-Speichersticks. Software ist Information und kann nicht angefasst werden, da sie immateriell ist. Sie ist unterteilbar in Programme und Daten und bestimmt, was ein Computer tut und wie er es tut (in etwa vergleichbar mit einem Drehbuch). Die Hardware (das Gerät selbst) führt Software aus (arbeitet sie ab) und setzt sie so in die Tat um.«

Der entscheidende Unterschied zwischen der Antikythera-Maschine und einem modernen Computer unserer Tage ist, dass der Antikythera-Computer nur aus Hardware besteht, während sich jeder heutige Computer aus Hardware und Software zusammensetzt. Aber auch mit noch so fortgeschrittener, noch so utopischer Software kann kein Computer allein arbeiten. Er ist eine Maschine, ein Werkzeug, muss vom Menschen bedient werden.

Folgendes Bonmot stammt vom Schweizer Pirmin Krüsi (*1976): »Der Programmierer ist der Vormund des Anwenders.« Das gilt – noch. Ein mit künstlicher Intelligenz ausgestatteter Computer benötigt bald weder einen Programmierer, noch einen Anwender.

Völlig zutreffend formulierte Henry David Thoreau (*1817; †1862), US-amerikanischer Schriftsteller und Philosoph mit Kultstatus, bereits im 19. Jahrhundert: »Siehe da! Die Menschen sind die Werkzeuge ihrer Werkzeuge geworden.« Noch sind wir nicht so weit. Noch tut ein Computer nur, was der Mensch von ihm will. Das aber wird sich in absehbarer Zeit ändern. Computer, die mit künstlicher Intelligenz ausgestattet sind, benötigen keine Menschen mehr. Ist erst einmal ein wirklich intelligentes Programm installiert, programmieren sich Computer selbst, entwickeln sich weiter und können irgendwann nicht mehr gestoppt werden.

Auch der wirklich intelligente Computer, benötigt Hardware und Software. Der nächste revolutionäre Schritt wird die künstliche Intelligenz sein, die ganz ohne Hardware auskommt. Der deutsche Physiker Prof. Markolf H. Niemz (* 1964 in Hofheim am Taunus) hat ein wahrhaft kühnes Bild von der Realität entwickelt. Ich gehe aber noch einen Schritt weiter als Prof. Markolf H. Niemz.

Foto 4: Antikythera-Computer
Das Universum ist, vereinfacht ausgedrückt, so etwas wie ein unendlich großer Computer, der freilich nur aus Programm (Software) besteht und keine greifbare Hardware benötigt. Hardware gibt es in diesem Universum gar nicht, Raum und Zeit sind vom Supercomputer geschaffene Illusion. Und wir sind Teil dieser Illusion, auch wenn wir uns für reale physische Wesen halten. Wir glauben, dass wir existieren, weil der Monstercomputer das so will.

Prof. Niemz (4): »Wir irren gewaltig, wenn wir glauben, Raum und Zeit seien real, die Ewigkeit sei dagegen eine Illusion. In Wahrheit verhält es sich genau anders herum. Der Raum und die Zeit sind Illusionen, aber die Ewigkeit ist real.«

Die Illusion vom Kosmos, in der wir als Illusionen in der Illusion leben, kennt keine räumliche und keine zeitliche Distanz. Das vom Buddhismus geprägte Bild vom »Nirwana« kommt meinem Verständnis von der »Illusion Kosmos« am nächsten. Alles ist im »Nirwana«, alles kommt aus dem »Nirwana« und alles kehrt ins »Nirwana« zurück. In der Kabbala, der jüdischen Mystik, kommt alles aus dem Göttlichen und kehrt ins Göttliche zurück. Kabbalakenner Michael Laitman enthüllt in seinem Standardwerk »Kabbala für Anfänger« (5):

Es gab »nur das Einfache Höhere Licht, welches die ganze Wirklichkeit ausfüllte.« Und weiter (6): »Es gab keinen leeren Raum und keine unausgefüllte Atmosphäre, sondern es war alles mit diesem unendlichen Einfachen Licht erfüllt. Und es gab weder Anfang noch Ende. Und alles war Eins: Einfaches, vollkommen gleichmäßiges Licht. Und dieses hieß: Licht von Ejn Sof (Unendlichkeit).«


Mich fasziniert die Kosmologie von Prof. Markolf H. Niemz schreibt, auch wenn ich nicht alle seine Gedanken nachvollziehen kann. Der Wissenschaftler schreibt (7): »Licht ist ein komplexer, das gesamte Universum durchdringender Speicher, in dem jedes Objekt unauslösliche Spuren hinterlässt.« Der Physiker stellt eine Frage und bietet eine faszinierende Antwort (8): »Licht ist das große Unbekannte. … Ist Licht Information? Damit kommen wir dem Wesen des Lichts schon viel näher. Licht speichert alles, was jemals im Universum geschieht. Es ist eine Art ›Tagebuch der Schöpfung‹.«

Was ich mich frage: Hinterlassen wir im kosmischen Licht Spuren? Speichern wir im »kosmischen Licht« so etwas wie eine Chronik der Menschheit ab? Oder ist dieses »kosmische Licht« so etwas wie ein »Computerprogramm«, das Illusionen erschafft? »Der Mensch lebt von seinen Illusionen.« schrieb der Dichter und Schriftsteller Wilhelm Raabe (*1831; †1910). Oder ist der Mensch wie das Universum eine Illusion, geschaffen von einem fantastischen Computerprogramm?

Ist der Kosmos eine Illusion? Sind wir eine Illusion, erzeugt von diesem »Computerprogramm«? Und wer hat es ersonnen und verwirklicht? Gott vielleicht, was auch immer wir uns unter »Gott« vorstellen mögen?


Fußnoten
Foto 5: Antikythera-Computer
(1) Der Preis wurde von der renommierten »Society for the History of Technology«, gegründet von Melvin Karnzberg, verliehen.
(2) Clarke, Arthur C.: »Mysterious World«, London 1980 (Neuauflage), im Sammelkapitel »Ancient Fires«Seite 67, linke Spalte ganz unten. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(3) Wikipedia-Artikel »Hardware«, https://de.wikipedia.org/wiki/Hardware (Stand 01.05.2019)
(4) Niemz, Prof. Markolf H.: »Ichwahn: Ein Physiker erklärt, warum Abgrenzung gegen unsere Natur ist. Der Schlüssel für ein neues Miteinander«, Ludwig-Verlag/ Random Hose, München 2017, Seite 89, Zeilen 8-12 von oben
(5) Laitman, Michael: »Kabbala für Anfänger«, Toronto/ Wien 2009, Seite 7, 2. Zeile von oben
(6) ebenda, Zeilen 3-7 von oben
(7) Niemz, Prof. Markolf H.: »Ichwahn: Ein Physiker erklärt, warum Abgrenzung gegen unsere Natur ist. Der Schlüssel für ein neues Miteinander«, Ludwig-Verlag/ Random Hose, München 2017, Seite 86, Zeilen 1 und 2 von unten und Seite 87, Zeile 1 von oben
(8) ebenda, Seite 85, Zeilen 1 und 2 und Zeilen 3-6 von oben

Zu den Fotos
Foto 1: Salvador Dali. Wikimedia commons/ United States Library of Congress's Prints and Photographs division
Fotos 2, 4 und 5: Zeichnerische Rekonstruktion des Antikythera-
Computers. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Derek de Solla Price mit einer ersten Rekonstruktion des
Computers von Antikythera. wikimedia commons/ private Aufnahme


488 »Das Licht der Erkenntnis«,
Teil 488 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 26. Mai 2019


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 12. Mai 2019

486 »Leben wir in einer Computersimulation?«

Teil 486 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Eine Computersimulation?

Unsere Welt ist nicht real. Wir Menschen sind wie die Welt, in der wir zu leben meinen, eine Computersimulation. Diese verrückt anmutende Theorie vertrat Daniel F. Galouye (*1920; †1976) anno 1964 in seinem packenden Science-Fiction-Roman »Simulacron 3«. Rainer Werner Fassbinder (*1945; †1982) machte im Jahr 1973 aus dem Roman einen zweiteiligen Fernsehfilm: »Welt am Draht«. 1999 wurde der Roman von Daniel F. Galouye ein zweites Mal verfilmt: »The 13th Floor« (Deutscher Titel: »Bist du was du denkst?«).

Die renommierte »WELT« schrieb am 23.09.2016 in ihrer Onlineausgabe (1): »Dass unsere Welt nicht real sein könnte, ist zwar schon damals kein neuer Gedanke gewesen. Dass es sich aber um eine Computersimulation handeln könnte, ist eine Idee, die natürlich erst mit dem Computerzeitalter aufkommen konnte.«

Foto 2: »Welt am Draht«
Die »WELT« erinnert an einen der Großen Science-Fiction-Autoren Philip K. Dick (*1928; †1982), der anno 1977 eine in den Augen wohl der meisten Zeitgenossen völlig absurde Behauptung aufstellte: Er will erkannt haben, dass unsere Welt »eine Simulation ist«. Etwas vorsichtiger drückt sich 42 Jahre später Elon Reeve Musk, Gründer von »Tesla« und »SpaceX« aus. Musk, geboren am 28. Juni 1971 ist davon überzeugt, dass »es eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass wir alle nur Sims sind«, sozusagen Simulationen in einem Computerspiel.

Verrückte Spinnerei? Keineswegs! Der schwedische Philosoph Nick Bostrom (*1973), er lehrt an der renommierten »Oxford University«, kam zum gleichen Resultat wie Musk. Im wissenschaftlichen Fachblatt »Philosophical Quaterly« (2) wagte er die kühne Prognose, dass wir bereits in wenigen Jahrzehnten so weit sein können, um eine Welt wie die unsere im Computer entstehen zu lassen. Mit wissenschaftlicher Präzision entwickelte der Gelehrte eine Zukunftsvision (3), die mancher nur als den reinen Horror empfinden mag: 

Nach dem Aussterben der Menschheit »leben« dann nur noch Computersimulationen von Menschheiten. Da werden womöglich riesige Pyramiden gebaut, da kämpfen Ritter gegen Saurier, da fressen außerirdische Monster mit wachsender Gier Menschen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, nur dass die simulierten Menschen in Computersimulationen glauben, sie seien real. Konkreter: Eine künftige irdische Zivilisation entwickelt im Computer fiktive Welten, lässt im Computer die Welt der alten Ägypter, der Mesopotamier oder uns und unsere Welt anno 2019 entstehen.

In so einer simulierten Welt kann beliebig experimentiert werden, kann ausprobiert werden, wie wir Menschen zum Beispiel auf das Auftauchen von »Fliegenden Untertassen« oder von Kreaturen wie Yeti oder Nessie reagieren. Je verrückter die Geschehnisse sind, für die wir keine Erklärung finden können, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir nur in einer Computer-Simulation leben und nicht in DER Realität.

Foto 3: »Bist Du, was Du denkst?«
Der schwedische Philosoph Nick Bostrom glaubt: Die Wahrscheinlichkeit, dass wir in einer Simulation leben, liegt bei 20 bis 50 Prozent. Voraussetzung ist allerdings, dass eine künftige Menschheit über aus heutiger Sicht unvorstellbare Riesencomputer mit unvorstellbaren Kapazitäten verfügt. Bedenken wir, wie schnell der Fortschritt in Sachen Computer ablief. Nur wenige Jahrzehnte liegen zwischen den ersten unförmigen Riesencomputern, die aus heutiger Sicht unglaublich beschränkt und langsam waren, und der Entwicklung von künstlicher Intelligenz. Bedenken wir noch, dass die Computertechnologie in geheimen militärischen Forschungszentren schon sehr viel weiter sein mag als man uns wissen lässt. Wie mögen dann Computer in fünfzig, einhundert oder gar eintausend Jahren aussehen?

Ich darf den heute kaum noch bekannten italienischen Dominikaner Tommaso Campanella, eigentlich Giovanni Domenico (*1568; †1639), zitieren (4): »Alles, was die Wissenschaftler … mit Hilfe einer unbekannten Kunst vollbringen, wird Magie genannt … Denn Technologie wird immer als Magie bezeichnet, bevor sie verstanden wird, und nach einer gewissen Zeit entwickelt sie sich zu einer normalen Wissenschaft.« Sir Arthur C. Clarke (*1917; † 2008) brachte es Jahrhunderte später auf den Punkt (5): »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.«

Fotos 4 und 5: Dominikaner Tommaso Campanella

Nicht erst seit heute wird fieberhaft an »künstlicher Intelligenz« gearbeitet. Der Computer von morgen oder übermorgen wird dann ohne einen Programmierer auskommen. Er wird sich selbst programmieren. Er wird sich schneller perfektionieren als das menschliche Programmierer können. Menschliche Programmierer stoßen schnell an die Grenzen ihrer Fähigkeiten. Künstliche Intelligenz freilich kommt ohne den störenden Menschen aus.

Welche Ziele verfolgt der Menschmit der Erschaffung künstlicher Intelligenz? Er will zum Beispiel Waffensysteme schaffen, die fehlerfrei arbeiten und den »Feind« vernichten. Eine solche Waffe funktioniert nur dann »perfekt«, wenn sie nicht eingeschränkt wird. Künstliche Intelligenz kommt ohne Moral aus. Herbert Reinecker (*1914; † 2007)  legte bereits vor Jahrzehnten eine sehr nachdenklich stimmende Aussage über die Gefahren der künstlichen Intelligenz dem fiktiven »Prof. Rotheim«, dargestellt von Ernst Schröder (6), in den Mund (7):

»Er (Dr. Römer) arbeitete an Computern, an der Herstellung von künstlicher Intelligenz wie er das nannte, und es erschreckte ihn, dass er keine Grenzen für deren potentielle Möglichkeiten sah. … Er sagte: Wir entwickeln künstliche Intelligent, die keine Moral besitzt. Und Intelligenz ohne Moral wird uns töten.« Wird künstliche Intelligenz den Menschen beseitigen, weil sie sich ohne den Menschen immer weiter und weiter entwickeln kann, ohne je an Grenzen zu stoßen? Wird künstliche Intelligenz spielerisch experimentierend Illusionen von Welten erschaffen, die es gar nicht gibt? Wird sie ganz nach Belieben Simulationen von Welten kreieren, in denen Lebewesen hausen, die sich für real halten? Oder sind  simulierte Welten das Werk künftiger Generationen von Wissenschaftlern, die leidenschaftlich gern experimentieren und Universen erschaffen, in denen sie »Gott« sein können?

Foto 6:Nick Bostrom
Leben wir in einer solchen Welt, als Simulation, die ganz nach dem Gusto unserer Schöpfer gelöscht werden kann? Oder existiert die reale Menschheit schon lange nicht mehr? Der Schwede Nick Bostrom, kein Spinner, sondern Wissenschaftler an der renommierten »Oxford University«, schreibt in seiner Abhandlung (8) von »posthumanen Zivilisationen«. »Leben« wir also in einer Illusion, als Simulationen in simulierten Welten? Existiert unsere Welt ewig weiter, weil es niemanden mehr gibt, der sie abschalten könnte? Oder sind wir auf Gedeih und Verderb Computerexperten der Zukunft ausgeliefert, die das »Experiment Erde« jederzeit beenden können?

Man muss sehr blauäugig sein, um anzunehmen, dass keinerlei Gefahr besteht, weil es nur verantwortungsvolle Wissenschaftler gibt, die niemals eine ethikfreie künstliche Intelligenz zulassen würden. Gewiss, viele Wissenschaftler sind sich ihrer Verantwortung bewusst und handeln nur moralischen Prinzipien folgend. Es wird aber immer auch solche Wissenschaftler geben, die ohne Skrupel wahre Horrorszenarien realisieren, einfach weil das möglich ist, oder weil sie ihren Größenwahn ausleben und Gott spielen möchten.

Fußnoten
(1) https://www.welt.de/kmpkt/article158325548/Wahrscheinlich-leben-wir-in-einer-Simulation.html (Stand: 29.04.2019)
(2) »Are you living in a computer simulation«, »Philosophical Quaterly« 2003, Vol. 53, No. 211, Seiten 243-255
(3) https://www.simulation-argument.com/simulation.html (Stand 29.04.2019)
(4) Briersi, Antonio (Hrsg.): »Tommaso Campanella, Del sense dello cose e della magia«, 1925, S. 241/42. Zitiert nach Habiger-Tuczay, Christa: »Magie und Magier im Mittelalter«, München 1992, S. 192 (»Die Automaten«)

Foto 7: »Superintelligenz«
(5) Clarke,  Sir Arthur C.  in »Profiles of the Future«, zitiert von Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57. Originalzitat: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«,  »Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible«, revidierte Ausgabe 1973, Seite 36
(6) Ernst Schröder (* 27. Januar 1915 in Eickel, Westfalen; † 26. Juli 1994 in Berlin) war ein deutscher Schauspieler und Regisseur. Als Ernst Schröder erkrankte an Krebs. So wollte er nicht mehr weiterleben und so setzte er am 26. Juli 1994 seinem Leben ein Ende.
(7) »Dr. Römer und der Mann des Jahres«, »Derrick«, 10. Staffel Folge 108, Erstausstrahlung 30. Dezember 1983
 (8) https://www.simulation-argument.com/simulation.html (Stand 29.04.2019) Zitat: »Posthuman civilizations would have enough computing power to run hugely many ancestor-simulations even while using only a tiny fraction of their resources for that purpose.«


Zusätzliche Literaturempfehlung: »Superintelligenz« von Nick Bostrom



487 »Licht der Unendlichkeit«,
Teil 486 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 19. Mai 2019


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 5. Mai 2019

485 »Das Universum des Professors«

Teil 485 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ich greife noch einmal das Wort von Lama Ole Nydahl auf: (1): »Die grundlegende Natur unseres Geistes ist grenzenlos und unzerstörbar wie der Raum.« Nirgendwo auf der Welt wurde mir Unendlichkeit so klar, so sichtbar, ja spürbar wie auf dem winzigen Inselchen namens »Rapa Nui«. Nirgendwo auf der Welt scheint die unfassbare Unendlichkeit im Kleinsten wie im Größten so nahe beieinander zu liegen wie auf »Rapa Nui«.

Ich muss an die Schlusssequenz eines Films denken: »So nah. Das unendlich Kleine und die Unendlichkeit. Doch plötzlich wusste ich: in Wirklichkeit waren diese beiden Enden Teil desselben Prinzips. Das unglaublich Kleine und das unglaublich Riesige treffen sich schließlich, wie die Enden eines gigantischen Kreises.«

Foto 1: Der Roman ...
Der deutsche Titel des Films »Die seltsame Geschichte des Mr. C.« (Fotos 1, 3 und 4) lässt nicht erkennen, was der Originaltitel verrät.1956 erschien der Roman »The Incredible Shrinking Man« von Richard Burton Matheson (2), der vor wenigen Jahren in Kalifornien verstarb. Schon 1957 wurde der Science-Fiction-Roman von Jack Arnold (3) verfilmt. »The Incredible Shrinking Man« gilt als bester Film Arnolds. Zum Inhalt: Scott Carey gerät bei einem Bootsausflug in eine mysteriöse Wolke und fängt an zu schrumpfen. Er wird immer kleiner und kleiner, bis ihm eine Spinne wie ein furchteinflößendes Monster vorkommt. Warum dies geschieht? Warum schrumpft Mr. C.? Die mysteriöse Wolke dürfte als Folge eines wissenschaftlichen Experiments, vielleicht der US-Militärs, entstanden sein.

Wikipedia schreibt (4): »An der Oberfläche ist Jack Arnolds Film nur ein Science-Fiction-Film, der mit überdimensionierten Bauten die Illusion der unaufhaltsamen Verkleinerung und der daraus resultierenden Bedrohungen darstellt. Jedoch bietet der Film weit mehr.« Das stimmt. Der Film bietet zum Abschluss fantastisch anmutende Philosophie. Mr. C. hat sich in sein Schicksal gefügt. Ja er kann ihm sogar etwas Positives abgewinnen. Seine Erkenntnis: Das unglaublich Kleine und das unglaublich Riesige liegen dicht, ja direkt beieinander, nebeneinander, sind nicht durch Welten getrennt. Das unendlich Kleine ist nicht an einem Ende, das unendlich Große am entgegengesetzten Ende der Skala. Mr. C. begreift das Unfassbare, ja das Unbegreifbare:

»Ich sah auf.  Als könnte ich plötzlich den Himmel verstehen. Das Universum – unzählige Welten. Gottes silberner Mantel, der sich über den Nachthimmel breitet. Und in diesem Moment begriff ich plötzlich das Rätsel der Unendlichkeit. Ich hatte bisher in den begrenzten, menschlichen Konzeptionen gedacht. Ich hatte die Natur beurteilt. Dass die Existenz beginnt und endet, ist ein menschliches Konzept, nicht das der Natur.«

Foto 2: Ein kühnes Werk...

Wenn das menschliche Konzept von einer endlichen, also begrenzten Existenz von uns erfunden und verinnerlicht wurde, können wir uns dann überhaupt die wirkliche Realität vorstellen? Prof. Markolf H. Niemz (* 1964 in Hofheim am Taunus) ist ein deutscher Physiker. 1995 erhielt er von der »Heidelberger Akademie der Wissenschaften« für seine Forschungen in Sachen Lasermedizin (5) den Karl-Freudenberg-Preis. Prof. Niemz entwickelte ein Weltbild, das alle bisherigen Weltbilder zu Makulatur erklärt. Der Physiker schreibt (6): »Das Jetzt ist. Es hat weder Anfang noch Ende, sondern währt immerzu. … Wir irren gewaltig, wenn wir glauben, Raum und Zeit seien real, die Ewigkeit sei dagegen eine Illusion. In Wahrheit verhält es sich genau anders herum. Der Raum und die Zeit sind Illusionen, aber die Ewigkeit ist real.«

Die »Illusion von Raum« lässt sich mathematisch einfach darstellen. Nehmen wir an, wir sitzen im Mittelpunkt eines Kreises. Von uns aus ist jeder Punkt auf dem Kreis genau 30 cm entfernt. Der Kreis hat also einen Durchmesser von 60 cm und einen Radius von 30 cm. Nun verwandeln wir den Kreis in eine Kugel. Wir befinden uns im Mittelpunkt der Kugel. Jeder Punkt auf der Oberfläche der Kugel ist von uns 30 cm entfernt. Die Kugel hat einen Durchmesser von 60 cm. Jeder Punkt auf einem Kreis hat vom Mittelpunkt des Kreises aus gemessen die Entfernung r (r=Radius). Jeder Punkt auf der Oberfläche einer Kugel hat zum Mittelpunkt der Kugel die Entfernung r.

Foto 3: Der Film
Nun werden wir geradezu vermessen kühn! Wir vergrößern unsere Kugel. Somit wächst natürlich auch der Radius unserer Kugel. Egal wie groß wir die Kugel werden lassen, immer hat jeder Punkt auf der Oberfläche der Kugel zum Mittelpunkt der Kugel die Entfernung r. Was aber geschieht, wenn die Kugel den Durchmesser unendlich hat? Dann ist jeder Punkt auf der Oberfläche der Kugel von ihrem Mittelpunkt unendlich weit entfernt. Dann ist jeder Punkt in der Kugel  immer unendlich weit von der »Oberfläche« der Kugel entfernt.Mit anderen Worten: Jeder beliebige Punkt in einem unendlich großen Universum ist der Mittelpunkt des Universums. Alles befindet sich also im Mittelpunkt des Universums. Wenn sich aber alles im Mittelpunkt des Universums befindet, dann ist das Universum nur ein Punkt. Ein Punkt ist nicht darstellbar. Wenn wir mit einem Bleistift einen Punkt auf einem Blatt Papier hinterlassen, dann ist das kein Punkt, sondern ein winziges räumliches Objekt, das hoch, breit und dick ist. Der mathematische Punkt aber hat keine Fläche, er ist eine Illusion. Leben wir also nicht in einem realen Raum, sondern in einer Illusion?

Ich wiederhole das Zitat von Prof. Markolf H. Niemz (6): »Wir irren gewaltig, wenn wir glauben, Raum und Zeit seien real, die Ewigkeit sei dagegen eine Illusion. In Wahrheit verhält es sich genau anders herum. Der Raum und die Zeit sind Illusionen, aber die Ewigkeit ist real.«

Foto 4: Der Film...
Prof. Markolf H. Niemz hat Einsteins Relativitätstheorie weiter geführt und ein mehr als fantastisch anmutendes Universum entwickelt, in welchem es keinen realen Raum und keine reale Zeit gibt, so wie wir uns das vorstellen. Unser Vorstellungsvermögen ist, auch wenn unser aufgeblasenes Ego diese schmerzliche Wahrheit gern leugnet, sehr begrenzt. Schon ein unendlich großes Universum übersteigt bei weitem unsere Vorstellungskraft. Unendlicher Raum und unendliche Zeit, das sind zwei Begriffe jenseits unseres Vorstellungsvermögens. »Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.«, dies postulierte kein Geringerer als Albert Einstein (*1879; †1955). Und weiter sagte er: »Wenn die Menschen nur über das sprächen, was sie begreifen, dann würde es sehr still auf der Welt sein.« Die meisten Menschen verteidigen ihr bescheidenes Wissen und bestreiten, dass es jenseits dieses engen Horizonts Erkenntnisse gibt, die fantastischer sind als die Fantasien, die wir gelegentlich kühnen Fantasten gestatten. Kluge Fantasten haben es auch heute noch schwer, sich bemerkbar zu machen. Zu laut plappern jene, die recht wenig begreifen und doch alles zu wissen meinen.

Prof. Markolf H. Niemz hat, basierend auf Einsteins Relativitätstheorie, ein fantastisches Bild nicht nur von unserer Welt, sondern vom Kosmos entwickelt. Die Physik von Prof. Niemz bestätigt die Weisheitslehren von Buddha bis Jesus. Worte aus der Bibel (im Alten wie im Neuen Testament), aus den Apokryphen (Beispiel:»Evangelium nach Philippus«) und aus dem Koran (Beispiel: Sure 24) lassen vermuten, dass die Grundkenntnisse einer fantastischen Physik Eingeweihten schon vor Jahrtausenden bekannt waren. Unbeantwortet bleiben muss die Frage, woher denn dieses Wissen stammt, sprich wer es den Eingeweihten vermittelt hat.

Foto 5: Das Erstlingswerk
Foto 6: Fantastische Realität?
Ich versuche das Bild vom Universum nach Prof. Markolf H. Niemz vereinfacht darzustellen: Es gibt keinen Raum, also keine Entfernung. Alles ist hier und nicht hier und dort. Es gibt keine Unterscheidung zwischen gestern, heute und morgen. Alles ist jetzt. Raum und Zeit sind Illusionen. ALLES ist eine Illusion, die in einer Art Computerwelt existiert. Allerdings ist kein Rechner erforderlich. Wir sind wie alles eingebettet in einer einzigartigen Realität aus Schwingung, »im Licht« formuliert es Prof. Markolf H. Niemz. Im Licht sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft allgegenwärtig. Und Licht kann, so Prof. Markolf H. Niemz, die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits wie unsere Seele überwinden.

Prof. Niemz (7): »Licht hat keine Ruhemasse und kann deshalb – wie auch unsere Seele – die Barriere zwischen dem Diesseits und Jenseits überwinden. Ja, vielleicht ist das Licht sogar die Sprache im Jenseits? Hat es somit tieferen Sinn, wenn wir Kerzen für Verstorbene anzünden.« Sollte etwa gar Kommunikation zwischen Diesseits und Jenseits möglich sein?

Literaturempfehlungen:
Neben seinem neuesten Buch »Ichwahn« empfehle ich frühere Werke des Wissenschaftlers, die seit 2005 erschienen sind (8).

Judas Aries hat eine Einführung in die fantastische Welt von Prof. Markolf H. Niemz (9) verfasst: »Gefährder Einstein« (Foto 7).

Fußnoten
Foto 7
(1) Bei dem Büchlein ohne Titel handelte es sich wahrscheinlich um einen Privatdruck. Weder Verlag noch Verlagsort oder Jahr des Erscheinens konnte ich entdecken.
(2) Richard Burton Matheson wurde am 20. Februar 1926 in Allendale, New Jersey geboren. Er starb am 23. Juni 2013 in Calabasas, Kalifornien.
(3) Jack Arnold, geboren als John Arnold Waks (* 14. Oktober 1916 in New Haven, Connecticut; † 17. März 1992 in Woodland Hills, Kalifornien), war ein US-amerikanischer Filmregisseur.
(4) wikipedia-Artikel »Die unglaubliche Geschichte des Mr. C.«, Stand 11. März 2019
(5) »Zu elementaren Wechselwirkungsarten zwischen Laserlicht und biologischem Gewebe«
(6) Niemz, Prof. Markolf H.: »Ichwahn: Ein Physiker erklärt, warum Abgrenzung gegen unsere Natur ist. Der Schlüssel für ein neues Miteinander«, Ludwig-Verlag/ Random Hose, München 2017, e-Book-Ausgabe, Position 982 und Position 985
(7) Prof. Markolf H. Niemz: »Lucy mit c: Mit Lichtgeschwindigkeit in Jenseits«, 4. Auflage 2008, komplett überarbeitet, eBook, Position 1383, Norderstedt 2008
(8) Niemz, Prof. Markolf H.: »Lucy mit c: Mit Lichtgeschwindigkeit ins Jenseits«, Norderstedt 2005
Niemz, Prof. Markolf H.: »Lucy im Licht: Dem Jenseits auf der Spur«, München 2007
Niemz, Prof. Markolf H.: »Lucys Vermächtnis: Der Schlüssel zur Ewigkeit«, München 2009
Niemz, Prof. Markolf H.: »Bin ich, wenn ich nicht mehr bin? Ein Physiker entschlüsselt die Ewigkeit«,  Freiburg 2011
Niemz, Prof. Markolf H.: »Ichwahn: Ein Physiker erklärt, warum Abgrenzung gegen unsere Natur ist. Der Schlüssel für ein neues Miteinander, München 2017
(9) Aries, Judas: »Gefährder Einstein/ Wie Sie Gott mit GOTT zu Fall bringen«,
Norderstedt 2019


486 »Leben wir in einer Computersimulation?«,
Teil 485 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 12. Mai 2019

Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 28. April 2019

484 »Unendlicher Raum und große Stille«

Teil 484 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Sie hatten einst alle Augen...

Es war kurz nach Mitternacht. Ich ging auf einem »Sträßchen« entlang der felsigen, zum Teil schroff abfallenden Küste der Osterinsel in nördliche Richtung. Schließlich erreichte ich eine flache Stelle. Die Brandung zog sich zurück, das Meer schien zu schweigen. Ich setzte mich auf einen flachen Stein und schaute aufs Meer hinaus. Da bewegte sich etwas. Es ging durch seichtes Wasser. Es war ein Pferd.

Foto 2: Cooks »Bark Endeavour«

Der englische Seefahrer James Cook (*1728; †1779) erforschte und kartographierte den Pazifik gründlicher als alle seine Vorgänger. Das wertvollste Gut, das Cook auf seinen Schiffen wie etwa der »Bark Endeavour« oder der »Bark Resolution« (1), vorrätig hielt, war Trinkwasser. Cook ließ, als er die Südsee systematisch befuhr, auf jeder Insel Frischwasser an Bord nehmen. Maßlos enttäuscht war James Cook von der Osterinsel. Er erreichte das Eiland am 11. März 1773. Cook hielt in seinen Aufzeichnungen fest, dass das Trinkwasser auf der Osterinsel von miserabler Qualität sei. Es war seiner Meinung »schlecht, kaum wert, an Bord gebracht zu werden«. Am 17, März 1773 hielt Cook fest: »Keine Nation wird je für die Ehre kämpfen, die Osterinsel erforscht zu haben, sintemalen es kaum ein anderes Eiland in jenem Meer gibt, welches weniger Erfrischungen bietet und Annehmlichkeiten für die Schifffahrt, wie dieses.«

Es war kurz nach Mitternacht. »Mein Pferd« stapfte plantschend durch seichtes Wasser, hob immer wieder den Kopf und beäugte mich – so kam es mir vor – argwöhnisch. Und immer wieder senkte es den Kopf und trank. Salzwasser? Ob ich mich da nicht vielleicht doch täuschte? Vorsichtig näherte ich mich am Ufer dem ängstlichen Tier. Es stand in seichtem Wasser und schien tatsächlich Salzwasser zu trinken.

Osterinsel.de, die wahrscheinlich seriöseste Informationsquelle in Sachen Osterinsel fasst zusammen (2): »Außer Süßwasserseen in den Kratern des Rano Kau, Rano Raraku und Rano Aroi gibt es keine Gewässer auf der Insel. Die Osterinsel ist eine Vulkan-Insel mit porösem Tuffgestein. Das Regenwasser versickert schnell in den Boden, sammelt sich auf härtere Schichten und fließt unterirdisch zur Küste. Gerade an der Südküste sind in der Nähe der Ahu-Anlagen künstlich angelegte Tiefbrunnen zu finden, aus denen Süßwasser geschöpft wurde. Die ersten europäischen Entdecker waren deshalb auch der Meinung, die Rapa Nui würden Salzwasser trinken.«

Foto 3: Cooks »Bark Resolution«
Als das Pferd vor mir zurückwich, entfernte ich mich langsam auf dem Sträßchen weiter in Richtung Norden. Drei oder vier Pferde kamen mir entgegen, machten einen weiten Bogen um mich und gesellten sich dem trinkenden Artgenossen zu. Es gab keinen Zweifel. Die Pferde tranken, aber kein Salzwasser, sondern Brackwasser, eine Mischung aus Salzwasser und aus dem Boden quellenden Regenwasser.

Am 11. Oktober 2018 berichtete wissenschaft.de (4) über »Osterinsel: Erstaunliche Trinkwasserquelle«. Ich darf zitieren: »Wie die Forscher um Carl Lipo von der Binghamton-Universität erklären, bekommt die Insel nur vergleichsweise wenig Regen ab und dieser versickert sehr schnell in dem porösen Boden. Es gibt auf der Insel deshalb keine Fließgewässer und nur zwei sehr schwer zugängliche Kraterseen. Es wurden zwar Spuren kleiner Regenwasserspeicher der Rapanui gefunden. Sie konnten aber wohl kaum die Bevölkerung in trockenen Zeiten versorgen, erklären die Forscher. Ihnen zufolge müssen sich die Erbauer der Moai noch auf andere Weise mit Trinkwasser versorgt haben. Grundlage ihrer Studie bildete eine mysteriöse Bemerkung in den Aufzeichnungen der europäischen Entdecker: Angeblich tranken die Ureinwohner Meerwasser. Das ist natürlich eigentlich nicht möglich: Der hohe Salzgehalt macht es nicht nur zu einem abstoßenden, sondern auch lebensgefährlichen Getränk.«

Carl Lopos Team machte eine Entdeckung, so berichtet wissenschaft.de weiter: »Es gibt demnach Bereiche an der Küste, an denen man Brackwasser abschöpfen kann, dass den Analysen des Salzgehalts zufolge trinkbar ist. ›Die porösen vulkanischen Böden absorbieren schnell Regen, weshalb es keine Fließgewässer gibt‹, sagt Lipo. ›Doch glücklicherweise fließt das Wasser im Untergrund und verlässt den Boden dann an Stellen, an denen poröses Gestein auf den Ozean trifft. Bei niedrigen Gezeiten führt dies dazu, dass das Süßwasser direkt ins Meer fließt und genutzt werden kann‹, resümiert der Wissenschaftler.«

Er und seine Kollegen sind sogar der Meinung, dass die ungewöhnliche Trinkwasserbeschaffung etwas mit den monumentalen Statuen zu tun haben könnte. Es gilt als unklar, warum sie nur an bestimmten Orten auf der Insel errichtet wurden – mit einer hohen Konzentration in der Nähe der Küsten. ›Jetzt, da wir wissen, wo das Trinkwasser herkam, zeichnet sich eine Erklärungsmöglichkeit für die Positionierung der Monumente ab: Sie wurden dort gebaut, wo das Süßwasser vorhanden war‹, sagt Lipo. Dieser Spur wollen die Forscher nun weiter nachgehen.«

Foro 4: 15 Kolosse wenden dem Meer den Rücken zu

Die Presse frohlockte. Eine weitere Nuss in Sachen Geheimnisse unseres Planeten war geknackt. Am 16.11.2019 jubelte die schweizerische Tageszeitung »Blick« (5): »Rätsel um die Osterinsel Statuen gelöst«. Vorsichtiger formulierte »Der Standard« am 12. Januar 2019 (6): »Archäologie/ Weiteres Mysterium um Statuen der Osterinsel womöglich gelöst«. »Vienna.at« ließ am 16. Januar 2019 keinerlei Zweifel mehr zu (7): »Rätsel um mysteriöse Steinstatuen auf der Osterinsel ist gelöst«. Weiter lesen wir  da: »Endlich weiß man, warum die bekannten Statuen aus Stein auf der Osterinsel stehen.« weather.com weiß, dass wir’s nun ganz genau wissen (8): »Uraltes Rätsel gelöst: Deswegen stehen die Statuen auf der Osterinsel. Die Steinstatuen auf der Osterinsel, auch Moai genannt, stellen Wissenschaftler schon lange vor Rätsel. Eine Studie deckt nun auf, was sich hinter den Standorten der Steinfiguren verbirgt.«

Was »deckt die Studie« wirklich auf? Zunächst weist die Studie darauf hin, dass bei Ebbe plötzlich »Quellen« zu erkennen sind, aus denen Regenwasser in den Pazifik fließt. Bei Flut sind diese »Quellen« nicht zu erkennen. Dann wird eine These aufgestellt, und die lässt sich wie folgt zusammenfassen: Die Statuen wurden um die Osterinsel herum aufgestellt, um zu markieren an welchen Stellen im Uferbereich trinkbares Wasser austritt. Bei Ebbe kann das Brackwasser abgeschöpft und als Trinkwasser genutzt werden.

Offen gesagt: Mir leuchtet diese Erklärung nicht wirklich ein. Es mag durchaus zutreffen, dass da und dort, wo Statuen im Uferbereich auf Plattformen stehen, tatsächlich auch solche »Quellen« austreten. Aber um zu markieren, wo diese für das Leben auf der Osterinsel unverzichtbaren Regenwasserquellen sprudeln, da mussten nicht bis zu zehn Meter hohe Steinkolosse quer über die Insel transportiert und auf mächtigen Plattformen aufgestellt werden. Auch wären dann keine tonnenschweren »Hüte«, die auf den Häuptern der Statuen platziert wurden, erforderlich gewesen. An der Bucht von Tongariki stehen dicht bei dicht gleich fünfzehn der weltberühmten Osterinselstatuen. Und diese Kolosse sollen auf eine Süßwasserquelle aufmerksam machen? Es hätten einfachere Hinweise voll und ganz genügt, etwa kleine Steinpyramiden.

Foto 5: Sie schauten ins Landesinnere
Was meiner Meinung nach gegen diese neue »Erklärung« spricht: Mit Ausnahme der sieben steinernen Kundschafter wenden alle an der Küste stehenden Statuen dem Meer den Rücken zu. Wenn sie aufzeigen sollten, wo Quellen sprudeln, würden man sie dann nicht mit dem Blick zur Quelle hin aufgebaut haben? Vor allem: Es gab Höhlen auf der Osterinsel. in denen trinkbares Wasser sprudelte. Meines Wissens gibt es in unmittelbarer Nähe dieser Höhlen keine Statuen. Im Landesinneren gab es auch Plattformen mit Statuen, in deren Nähe kein Wasser zutage trat.

Anfang der 1980er Jahre machte mich der Kulmbacher Rudolf Kutzer (9), von Beruf Architekt und Baustatiker, auf einen interessanten Gedanken aufmerksam. Der Dipl.-Ingenieur kam nach gründlichen Recherchen vor Ort zur Überzeugung, dass sich die Blicke aller rund um die Osterinsel aufgestellten Statuen an einem Punkt im Inneren des mysteriösen Eilands treffen. Zufall? (Ausgenommen sind natürlich die zahlreichen Statuen im Inneren des Eilands, etwa beim »Steinbruch« und jene Sieben, die die sieben Kundschafter repräsentieren! Um die geht es nicht.)

Rudolf Kutzer veröffentlichte im Sammelband »Aus den Tiefen des Alls, Handbuch zur Prä-Astronautik« (10) ein Kapitel über die Osterinsel (11), betitelt »Feststellungen und Gedanken zur Osterinsel«. Da heißt es erklärend zu einer Zeichnung (12): »Die einzelnen ›Strahlen‹, die sich über dem Inselmittelpunkt treffen und vielleicht einen ›heiligen Ort‹ auf dem Boden anzeigen, werden durch die Blickrichtung der rings um die Insel aufgestellten Moais ›erzeugt‹.« Sollten also die Statuen rund um die Osterinsel dem Pazifik den Rücken zuwenden, um alle einen Punkt im Inneren des nach wie vor rätselhaften Eilands anzupeilen? In »Ava Ranga Uka a Toroke Hau« gab es einst ein Wasserheiligtum, bestehend aus künstlichen Kanälen, Wasserbecken und einer Feuerstelle. Sollen uns die Blicke der steinernen Riesen zu diesem Heiligtum im Inneren der Osterinsel locken?  Dort hat von 2008 bis 2018 ein Team der »Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen des Deutschen Archäologischen Instituts« umfangreiche Ausgrabungen durchgeführt. Treffen sich die Blicke der Osterinselriesen dort? Oder gibt es irgendwo in der »Unterwelt« ein Heiligtum, das bis heute nicht entdeckt wurde? Eine präzise Rekonstruktion des Schnittpunkts, wo sich alle Blicke der Riesenstatuen treffen, ist leider nicht mehr möglich: Wir wissen ja nicht, wie genau die einzelnen Statuen auf ihren Podesten standen, bevor sie gestürzt wurden. Niemand weiß, ob sie exakt so wieder aufgerichtet wurden, wie sie einst positioniert waren.

Foto 6: Ja wo schau(t)en sie denn hin, die Statuen?

Katherine Routledge versuchte vor über einem Jahrhundert dem Geheimnis der Osterinsel näher zu kommen. Das mysteriöse Eiland ähnele sehr den »Scilly Inseln«. Die kaum bekannte Inselgruppe liegt vor der Südwestspitze Englands bietet fast subtropisches Klima. Sie schrieb über die »Scilly Inseln«, Cornwall, was auch auf die Osterinsel zutrifft (13):

»Überall weht der Wind des Himmels. Um uns herum und über uns dehnen sich grenzenloses Meer und Himmel aus, unendlicher Raum und eine große Stille. Wer dort lebt, der lauscht ohne zu wissen wem oder was.  Und der spürt unbewusst, dass er sich in einem ›Vorzimmer‹ befindet, zu etwas noch viel Weiterem, das sich jenseits seines Wissens befindet.

Die Osterinsel wie die »Scilly Islands« liegen einsam, ja verloren auf unserem Planeten in den unendlichen Weiten des Universums. Und wir? Wir verbringen eine Winzigkeit von Zeit in der unendlichen Geschichte des Universums.

Auf einer Zugfahrt von Hannover nach Bremen zeigte mir ein freundlicher Mitreisender ein schmales Bändchen, mit Sprüchen von Ole Nydahl und anderen buddhistischen Lehrern. Von Lama Ole Nydahl stammt ein bemerkenswertes Zitat, das mir immer in den Sinn kommt, wenn ich über die Geheimnisse der Osterinsel nachdenke. Es lautet (14): »Die grundlegende Natur unseres Geistes ist grenzenlos und unzerstörbar wie der Raum. So wie wir mit dem Geist arbeiten und zu dieser Erkenntnis kommen, dann erkennen seine natürlichen Qualitäten deutlich und wir werden furchtlos und bekommen mehr Überschuss, um anderen zu helfen.«


Foto 7: Auch er schaut Richtung Inland
Fußnoten
(1) Die »Resolution« war ein Kohleschiff und hieß ursprünglich »Bark Marquis of Granby«. Sie wurde zunächst in »Drake«, dann (aus Rücksicht auf die Spanier) in »Resolution« umgetauft.
(2) http://www.osterinsel.de/08-moai-inland.htm (Stand 19.02.2019)
(3) https://www.blick.ch/life/wissen/naturwissenschaften/geheime-wasserquellen-entdeckt-raetsel-um-die-osterinsel-statuen-geloest-id15113236.html (Stand 19.02.2019)
(4) https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/osterinsel-erstaunliche-trinkwasserquelle/ (Stand 19.02.2019)
(5) https://www.blick.ch/life/wissen/naturwissenschaften/geheime-wasserquellen-entdeckt-raetsel-um-die-osterinsel-statuen-geloest-id15113236.html (Stand 19.02.2019)
(6) https://www.derstandard.de/story/2000095977353/weiteres-mysterium-um-statuen-der-osterinsel-womoeglich-geloest (Stand 19.02.2019)
(7) https://www.vienna.at/raetsel-um-mysterioese-steinstatuen-auf-osterinseln-ist-geloest/6063035 (Stand 19.02.2019)
(8) https://weather.com/de-DE/wissen/mensch/video/uraltes-ratsel-gelost-deswegen-stehen-die-statuen-auf-der-osterinsel (Stand 19.02.2019)
(9) Rudolf Kutzer wurde 1924 geboren.
(10) Fiebag, Peter und Johannes: »Aus den Tiefen des Alls, Handbuch zur Prä-
     Astronautik«, Tübingen 1985
(11) ebenda, Seiten 221-241
Siehe auch https://www.fischinger-blog.de/2015/07/die-insel-die-zum-himmel-sieht-die-maoi-weisen-den-weg-eine-pyramide-ueber-der-osterinsel-und-eine-geheime-botschaft-im-inneren/ (Stand 19.2.2019)
(12) Fiebag, Peter und Johannes: »Aus den Tiefen des Alls, Handbuch zur Prä-
     Astronautik«, Tübingen 1985, Seite 239
(13) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck Kempton 1998, Zitat Seite 133, Zeilen 12 bis 17 von unten. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein.
(14) Ole Nydahl, auch als Lama Ole bekannt, wurde am 19. März 1941 nördlich von Kopenhagen geboren. Von 1960 bis 1969 studierte er Philosophie, Englisch und Deutsch in Kopenhagen und einige Semester auch in Tübingen und München. Das Philosophikum bestand er mit Bestnote. Bei dem Büchlein handelte es sich wahrscheinlich um einen Privatdruck. Weder Verlag noch Verlagsort oder Jahr des Erscheinens konnte ich entdecken.

Zu den Fotos
Foto 1: Sie hatten einst alle Augen... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Cooks »Bark Endeavour«. Wiki commons/ gemeinfrei
Foto 3: Cooks »Bark Resolution«. Wiki commons/ gemeinfrei
Foto 4: 15 Kolosse wenden dem Meer den Rücken zu. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sie schauten ins Landesinnere. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6 : Ja wo schau(t)en sie denn hin, die Statuen? Archiv Langbein/ Kutzer 
Foto 7: Auch er schaut Richtung Inland. Foto Walter-Jörg Langbein
Im Schatten des Riesen: Ingeborg Dielmann (rechts) und Elfriede Wellbrock (rechts)

485 »Das Universum des Professors«,
Teil 485 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 5. Mai 2019



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 21. April 2019

483 »Inseln im All«

Teil 483 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Sieben Botschafter starren Richtung Westen. (Fotocollage)

Sieben Botschafter starren gen Westen. Die steinernen Denkmäler einer apokalyptischen Vergangenheit sollen an die Urheimat der Osterinsulaner erinnern. Sie blicken aufs schier endlose Meer hinaus, wo irgendwo in der Ferne das Atlantis der Südsee versunken ist. Und das lag nach alten Sagen und Mythen eben weit im Westen der Osterinsel. Der Sage nah kamen die ersten Bewohner der Osterinsel aus dem Westen. Fakt oder Fiktion?

Tatsächlich gab es vor rund 1.200 Jahren eine Bevölkerungsexpansion aus dem polynesischen Raum, also aus dem Westen. So wurde die Pitcairn-Insel, 2.000 Kilometer westlich der Osterinsel, um 800 n.Chr. von Polynesien aus besiedelt. Über die ersten Bewohner des Inselchens ist so gut wie nichts bekannt. Aus jener Zeit stammen, zumindest nach schulwissenschaftlicher Lehre, Steinwerkzeuge aus schwarzem Basalt. Dann und wann finden Bauern auch heute noch beim Pflügen sauber gearbeitete Instrumente.

Foto 2: Osterinsel-Moai
Anno 1826 besuchte der britische Forschungsreisende Frederick William Beechey die  Pitcairn-Insel. Er rekonstruierte die Geschichte der Meuterei auf der Bounty und die folgende Flucht der Meuterer, die schließlich auf der Pitcairn-Insel endete. Am 18. Januar 1790 landeten dort Fletcher Christian, der Anführer der Meuterer, mit acht Kumpanen, sechs polynesischen Männern und zwölf polynesischen Frauen. Fletcher Christian erkundete das felsige Eiland und beschloss die Gründung einer Siedlung. Die Bounty wurde in Brand gesteckt, um vorbeifahrende Schiffe nicht auf die Meuterer aufmerksam, vielleicht auch um eine Rückkehr nach England unmöglich zu machen.

In der Heimat wartete der Galgen auf die Meuterer. Mord und Totschlag bestimmten ihr Leben. Die Männer ermordeten sich gegenseitig. Weihnachten 1800 schließlich lebte nur noch John Adams. Frederick William Beechey befragte anno 1826 diesen letzten Überlebenden der Meuterer. Adams war sichtlich bewegt, Seeleuten aus der Heimat zu begegnen. Bereitwillig beantwortete er alle Fragen. An manche Details konnte oder wollte er sich nicht mehr erinnern.

So wissen wir, dass Fletcher Christian wohl schon bei seiner ersten Begehung der Pitcairn-Insel auf die Spuren einer vergessenen Kultur stieß. Frederick William Beechey notierte detailreich, was er von John Adams erfuhr. Die Geschichte der Meuterei auf der Bounty trug ohne Zweifel ganz erheblich zum Erfolg von Beecheys Buch »Erzählung über die Reise in den Pazifik und die Beering-Straße« (1) bei, das 1832 in Philadelphia erschien.

Von Beechey erfahren wir, dass die Meuterer großen Wert auf Missionierung der »Heiden« legten. Einer der Offiziere versuchte verzweifelt, den Eingeborenen Psalm 100 beizubringen, musste aber feststellen, dass er bei seinen unfreiwilligen Schülern auf vollkommenes Desinteresse stieß. Offenbar hatten die »Heiden« keine Lust, den Text des kurzen Psalms zu verinnerlichen, geschweige denn die Melodie einzustudieren, nach der sie den frommen Bibeltext singen sollten. »Sie zeigten weder die geringste Befähigung, noch den bescheidensten Wunsch, den Psalm zu lernen.« (2)

Foto 3: Der Pitcairn-Fund
Lesen wir weiter, was Frederick William Beechey zu berichten hat (3): »Den folgenden Tag verbrachten wir damit, unsere Erkundung der Insel zu vervollständigen, wobei die Eingeboren darauf bedacht waren, uns jeden Winkel zu zeigen. Wir zogen mit den gleichen Führern los, folgten einer Straße, die uns zum ›Seil‹ brachte, zu einer steilen Klippe, die so hieß, weil man nur mit Hilfe eines Seils hinabsteigen konnte.

Die Klippe befindet sich am östlichen Ende der Insel und überblickt eine schmale, sandige Bucht, gesäumt von Felsen, die es für ein Boot gefährlich machen, dort einen Landungsversuch zu unternehmen. Am Fuße der ›Seil‹-Klippe fanden wir einige Steinäxte und einen Knochen. … Links von der ›Seil‹-Klippe gibt es eine Bergspitze von beachtlicher Höhe, die ›Bounty Bay‹ überblickt. Dort auf der Anhöhe fanden die Meuterer bei ihrer Ankunft vier Götzenbilder vor, sechs Fuß hoch, platziert auf einer Plattform, nach der Beschreibung von Adams den Moais nicht unähnlich, allerdings deutlich kleiner.

Foto 4: Pitcairn-Fund
Eines dieser Götzenbilder, das noch erhalten war, war das grobe Abbild einer menschlichen Gestalt von den Hüften aufwärts, aus einem einzigen roten Lavabrocken gemeißelt. Man teilte uns mit, dass unweit von diesem Götzen gelegentlich menschliche Knochen und Steinbeile ausgegraben wurden. Wir aber konnten nur zwei Knochen finden, die womöglich Rückschlüsse auf die Größe der Aborigines zuließen. Es waren ein os femoris (Oberschenkelknochen) und ein Stück eines Cranium (Schädel) von ungewöhnlicher Dicke und Größe.«

Die Meuterer von der Bounty stießen also auf die Überbleibsel einer älteren Kultur. Sollten die ersten Menschen auf Pitcairn besonders groß gewesen sein? Statuetten, die den Riesenstatuen der Osterinsel ähnelten, standen – wie die großen Moai der Osterinsel auch – auf steinernen Plattformen. Die Statuen von »Pitcairn-Island« hatte man aus Vulkangestein gemeißelt, so wie die größeren »Kollegen« der Osterinsel. Und  die Kolosse von der Osterinsel waren wie die kleineren »Brüder« der »Pitcairn-Insel« keine Ganzkörperskulpturen, sondern nur Büsten, von der Taille bis zum Kopf.

Sieben Botschafter starren gen Westen. Die steinernen Denkmäler einer apokalyptischen Vergangenheit sollen an die Urheimat der Osterinsulaner erinnern, die weit im Westen lag. Kamen die ersten Bewohne von »Rapa Nui« via »Pitcairn-Island« zur Osterinsel? Schufen sie auf »Pitcairn-Insel« kleinere Moais? Der Sage gab Hotu Matua, der der König der Osterinsel, den Befehl, die auf der im Chaos versinkenden Heimat vergessene heilige Statue zu retten. Der Versuch misslang. Die verehrte Statue fiel zu Boden, bevor sie ins Boot gewuchtet werden konnte und zerbrach. Der Kopflose Rumpf blieb zurück, nur das Haupt der steinernen Figur wurde gerettet. Ist es Zufall, dass auf Pitcairn eine moaiähnliche Figur ohne Kopf gefunden wurde?

Ausführliche Informationen erhielt ich von »Tangata Whenua«, einer neuseeländischen Internetseite, die sich intensiv mit den Vorfahren der Maori Neuseelands auseinandersetzt. In einem bemerkenswertenen Artikel, betitelt »Pitcairn Islands discoveries« (»Pitcairn Inseln Entdeckungen«) wird auch der angebliche Fund einer Osterinsel-Statue auf der »Henderson-Insel« als »Fake« enttarnt (4). Und doch hat die frei erfundene Geschichte einen realen Hintergrund. Ob der freilich den Erfindern der Story vom »World News Daily Report« bekannt war, das sei dahingestellt.

Foto 5: Links Osterinsel-Figur, rechts Pitcairn-Fund. Zeichnungen Grete C. Söcker

Auch »Tangata Whenua« berichtet über die Entdeckungen auf »Pitcairn-Island«, die die Meuterer von der Bounty machten (4): »Auf einer Bergspitze nahe am Rand jener Klippe, die der ›Bounty Bucht‹ zugewandt ist, da bot sich ihnen (den Meuterern) ein fesselnder Anblick. Felsbrocken waren sorgsam zusammen gefügt worden und bildeten eine rechteckige Plattform. Und auf jeder Ecke stand ein steinernes Bildnis, mit dem Rücken zum Meer, und betrachtete missbilligend die Eindringlinge auf ihrem heiligen Areal. Der Tempel und die Götter aber waren stumm, die Menschen, die sie geschaffen hatten, waren auf mysteriöse Weise verschwunden. Die Meuterer oder ihre Nachkommen bauten den Tempel oberhalb der ›Bounty Bucht‹ und einige andere, die in anderen Teilen der Insel errichtet worden waren. Die hilflosen steinernen Götter wurden hinüber zur nahe gelegenen Klippe gerollt und nahmen ihre Geheimnisse mit bis auf den Grund der ›Bounty Bucht‹. Als der ›Bounty Bucht‹-Tempel zerstört wurde, da wurde ein menschliches Skelett gefunden, das in der Struktur beigesetzt worden war, dessen Schädel auf einer großen Perl-Muschel ruhte.«

Rund ein Jahrhundert nach dem Erscheinen von William Beecheys Buch erreichte eine französisch-belgische Expedition die »Pitcairn-Insel«. Henry Lavachery (*1885; †1972) nahm an der Forschungsreise teil und publizierte umfangreiches Material. Die französisch-belgische Gruppe von Wissenschaftlern machte eine unerwartete Entdeckung: Beim Bau eines war eine der Statuen vom alten Tempel als Säule eingesetzt worden. Genauer gesagt: Man hatte offenbar den steinernen Rumpf einer dieser »Götzenbilder« am Fuß der Klippe geborgen, die dort aufgeschlagen und zerschellt waren.

Foto 6: Ende der Welt

Wie die Figur einst im unbeschädigten Zustand aussah, das kann natürlich nicht mehr rekonstruiert werden. Der Kopf fehlt, Beine waren wohl nie vorhanden. Auch die Vorderfront des Rumpfes ist beschädigt, wohl aber noch die Hände zu erkennen, die auf dem Bauch des Torso liegen, so wie wir das von den Moai der Osterinsel kennen. Die Osterinsel-Statuen haben in der Regel an den Seiten anliegende Arme, die Hände liegen auf dem flachen Bauch. Dabei berühren sich die Finger fast im Nabelbereich.

Augenzwinkernd erklärte mir »mein» Pensionswirt Paul vor Ort, die Moai würden immer auf ihren Nabel deuten, weil doch die Osterinsel der Nabel der Welt sei. Freilich ist umstritten, wie denn »Te pito o te henua« - einer der Namen der Osterinsel – korrekt zu übersetzen ist! Bedeutet der wohlklingende Name wirklich »Nabel der Welt«? Oder ist damit der der große Vulkan Rano Raraku gemeint, den man wirklich als einen riesigen »Nabel der Erde« sehen kann. Das »te pito« kann, muss aber nicht »Nabel« bedeuten. Eine andere mögliche Übersetzung lautet »Ende des Landes«.

Foto 7: Der »Nabel der Welt«?

Nach der mythischen Tradition der Südsee gab es einst ein großes Königreich in der Südsee. Uwoke, ein mächtiger Gott des Erdbebens berührte mit einem »Stab« das Land. Große Teile davon versanken. Übrig blieb, so wissen es alte Überlieferungen, die Osterinsel (6): »Es erhoben sich Wellen, und das Land ward klein. Der Stab Uwokes zerbrach am Berg Puku-puhipuhi. Von nun an wurde es Te-Pito-o-te-Henua, der ›Nabel der Erde‹ genannt.«

Demnach war die Osterinsel früher größer, versank zum Teil im Pazifik. Schroffe Steilhänge wurden so zum »Ende des Landes«. Oder zum »Ende der Welt«? Die Osterinsel liegt wie ein Außenposten der Erde in einem scheinbar endlosen Ozean, und das in einem viel größeren Meer aus Nichts und Sternen: im All. So wie die Osterinsel eine Insel im Pazifik ist, so ist unser Planet eine Insel im All. Und wie die Osterinsel nicht die einzige Insel im Meer ist, so ist auch die Erde nicht einzigartig im All. Inseln im All gibt es viele.

Im frühen 19. Jahrhundert unternahmen die Bewohner von Pitcairn zaghafte Versuche, zu anderen Eilanden zu segeln, gaben aber rasch auf. Der Menschheit steht die erste Reise ins All erst noch bevor. Niemand bleibt für alle Zeit auf seiner Insel!

Fußnoten
Foto 8: Der Pitcairn-Fund.
(1) Beechey, F.(rederick) W.(illiam): »Narrative of a voyage to the pacific and beering’s strait, to cooperate with the polar expeditions«, Philadelphia 1832
(Eine Übersetzung ins Deutsche ist mir nicht bekannt.)
(2) ebenda, Seite 90, Zeiten 1-5 von oben
(3) ebenda, Seite 90, Zeilen 17-29 von oben
(4) http://tangatawhenua16.wixsite.com/the-first-ones-blog/single-post/2016/09/16/Pitcairn-Islands-discoveries (Stand 13.2.2019)
(5) »La mission Franco-Belge dans l'Ile de Paques« (1934/ 1935), »Contribution à l'étude de l'archéologie de l'île de Pitcairn« (1936), »Sculpteurs modernes de L'lle de Pagues« (1937) und  »Les pétroglyphes de l'île de Pâques« (1939)
(6) Krendeljow, Fjodor Petrowitsch  und Kondratow, Aleksandr Michailowitsch: »Die Geheimnisse der Osterinsel«, Moskau
und Leipzig 1987, S. 109

Zu den Fotos
Foto 1: Sieben Botschafter starren Richtung Westen. (Foto/ Fotocollage Walter-Jörg Langbein)
Foto 2: Osterinsel-Moai. Unten im Bild: Der angebliche Henderson-Moai.
Foto oben: Walter-Jörg Langbein
Foto unten: http://tangatawhenua16.wixsite.com/the-first-ones-blog/single-post/2016/09/16/Pitcairn-Islands-discoveries 
Foto 3: Der Pitcairn-Fund. Foto:
http://tangatawhenua16.wixsite.com/the-first-ones-blog/single-post/2016/09/16/Pitcairn-Islands-discoveries
Foto 4: Pitcairn-Fund. Zeichnung Grete C. Söcker
Foto 5: Links Osterinsel-Figur, rechts Pitcairn-Fund. 
Zeichnungen Grete C. Söcker
Foto 6: Ende der Wel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Der »Nabel der Welt«? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der Pitcairn-Fund. Zeichnung Grete C. Söcker. Farblich verändert von Walter-Jörg Langbein.

484 »Unendlicher Raum und große Stille«,
Teil 484 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28. April 2019




Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Hier weiterlesen

Related Posts with Thumbnails

Labels

Walter-Jörg Langbein (563) Ursula Prem (275) Freitagskolumne (155) Sylvia B. (104) Osterinsel (78) Tuna von Blumenstein (37) Gerhard Strate (33) Peru (33) g.c.roth (32) Karl May (26) Nan Madol (24) Für Sie gelesen (23) Maria Magdalena (22) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Jesus (18) Rezension (18) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Bibel (14) Vimanas (14) Atlantis der Südsee (13) Der Tote im Zwillbrocker Venn (12) Nasca (12) Weseke (12) meniere desaster (12) Blauregenmord (11) Krimi (11) Palenque (11) Pyramiden (11) Forentroll (10) Hans Schindler-Bellamy (10) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Ägypten (9) Lügde (8) Malta (8) Thriller (8) Briefe an Lieschen (7) Der hässliche Zwilling (7) John Frum (7) Kinderbuch (7) Märchen (7) Tempel der Inschriften (7) Marlies Bugmann (6) Monstermauern (6) Mord (6) Satire (6) Sphinx (6) Winnetou (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Lyrik (5) Mexico City (5) Vorsicht Liebensgefahr (5) ABC Walpurgisnacht (4) Atacama Wüste (4) Bildungssystem (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Europa (4) Goethe (4) Grundschule (4) Kinderkrimi (4) Machu Picchu (4) Menschenrechte (4) Sacsayhuaman (4) Schule (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Alphabet (3) Hathor (3) Hexen (3) Javier Cabrera Darquea (3) Leonardo da Vinci (3) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mysterien (3) Ruth Westheimer (3) Sakrileg (3) einmaleins lernen (3) Österreich (3) Bestatten mein Name ist Tod (2) Bevor die Sintflut kam (2) Bildungspolitik (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Shakespeare (2) Vincent van Gogh (2) Vorlesebuch (2) Walpurgisnacht-Reihe (2) forensische Psychiatrie (2) Interview Markus Lanz (1)