Sonntag, 17. März 2019

478 »In der Menschenfresserhöhle«

Teil 478 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Mysterium Osterinsel. Collage
»An vielen Orten ist es möglich, im Lichte großer Monumente die Vergangenheit zu rekonstruieren.«, schrieb die große Pionierin der Osterinselforschung Katherine Maria Routledge (*1866; †1935) in ihrem Buch »The Mystery of  Easter Island« (1). Ihr Buch über das Mysterium der Osterinsel erschien 1919. Es wurde rasch zum Bestseller. Katherine Maria Routledge, britische Ethnologin und Historikerin, ließ als erste archäologische Ausgrabungen durchführen und mündlich überlieferte Sagen der Osterinsulaner aufzeichnen.

Was Katherine Routledge offenbar erkannte: Auf der Osterinsel gibt es mehr zu erahnen als zu sehen, mehr zu erspüren als man fotografieren kann. Oft weiß die nachdenkliche Fantasie mehr als die strenge Wissenschaft. Natürlich ist solide Wissenschaft unglaublich wichtig. Ihr verdanken wir so viele Erkenntnisse über die mysteriöse Osterinsel und ihre Geheimnisse. Es gibt aber auch auf dem Südseeeiland mehr als man messen und wiegen kann.

Heute kann die Osterinsel von Deutschland aus in weniger als 24 Stunden erreichen. Die rund 14.000 Flugkilometer absolviert man im Direktflug mit Lan Chile Airlines via Santiago de Chile (je nach Startflughafen) in 17 bis 18 Stunden. Vor einem Jahrhundert war eine Reise zur Osterinsel ein gefährliches Abenteuer. Katherine Maria Routledge (*1866; †1935) und ihr Ehemann William Scoresby Routledge (*1859; †1939) hatten es  viel schwerer als heutige Reisende. Für ihre Expedition zur einsamsten Insel der Welt arbeiteten sie bis ins Detail die Baupläne für ihr Schiff aus. Erfahrene Schiffbauer setzten alle Wünsche der Eheleute millimetergenau um. Es entstand ein 27 Meter langer Schoner. Die Routledges ließen ihn auf den Namen »Mana« (zu Deutsch: magische Kraft) taufen und stachen am 25. März 1913 in See und erreichten die Osterinsel nach einer strapaziösen echten Weltreise am 29. März 1914. Am 18. August 1915 traten die begeisterten Forscher die Rückreise an. Über Pitcairn und San Francisco ging es wieder zurück in die Heimat. Katherine Routledge hat nicht nur gegraben und analysiert, sie hat nicht nur geforscht, sie hat auch gefühlt. So schreibt sie (2):

Foto 2: Zeichnung Grete C Söcker
»Auf der Osterinsel ist die Vergangenheit gegenwärtig, es ist unmöglich, ihr zu entkommen. Die Bewohner von heute sind weniger wirklich als die Menschen die längst gegangen sind. Die Schatten er dahingegangenen Erbauer besitzen heute immer noch das Land.«

So manches Mal habe ich es vor Ort erlebt, dass »Besucher« der Osterinsel in Bild und Film beweisen wollen, dass sie tatsächlich die Statuen der Osterinsel besucht haben. Es war ihnen nicht so wichtig vor Ort zu sein. Wichtiger war es ihnen jenen, die zuhause geblieben waren, zu beweisen, dass sie tatsächlich vor Ort echte Osterinselriesen gesehen hatten.

Im Sauseschritt wird möglichst viel in möglichst kurzer Zeit absolviert. Der Steinbruch, der die Statuen »gebar«, bis zum Hals im Erdreich »versunkene« Statuen, Statuen auf Podesten, das Zeremonialdorf an der Steilen Klippe und Felsgravuren, und wenn die Zeit noch reicht, auch der Steinbruch der roten »Steinhüte« und vielleicht gar das örtliche Museum … All‘ das wird pflichtschuldigst abgehakt und schon ist das Osterinselprogramm erledigt. Am Hotelpool wird dann noch ein Packen Ansichtskarten abgearbeitet und schon freut man sich auf den Rückflug nach Santiago de Chile. Man hat ja alles gesehen. Hat man?

Wer heute den einstigen Steinbruch für die Kolossalfiguren besucht und einfach nur dort ist, der fühlt sich in eine weit zurückliegende Zeit versetzt. Es ist, als hätten die Steinmetze gerade eben ihre Arbeit unterbrochen, ihre Werkzeuge fallen gelassen. Nur: Wer hat sie weggeräumt? Da warten fast fertige Kolosse darauf, endlich vollendet zu werden. Sie liegen wie eigenartig geformte Schiffe im Steinbruch, wie mit einem schmalen steinernen Schiffsbug noch noch mit dem Fels verwachsen. Kundige Künstler haben sie fast vollständig aus dem Tuff des Vulkans geschlagen. Es sieht so aus, als habe man sie mit spielerischer Leichtigkeit aus dem Leib des Vulkans geschabt, nicht gemeißelt.

Foto 3: Autor Langbein im Steinbruch

Hat man erst die Silhouette einer Figur in den Tuff geritzt, sozusagen vorgezeichnet? Hat man dann zunächst oberhalb der auf diese Weise nach und nach entstehenden Figur den Stein herausgeschnitten, dann die Rückseite vom Fels getrennt und schließlich unter der Figur den Stein heraus gemeißelt? Nun scheint sie fast zu schweben. Sie ist nur noch mit einem schmalen »Schiffsbug« aus Stein mit dem Vulkangestein verbunden. Man muss die Figur »nur noch« am Rumpf abschlagen, schon ist sie fertig.

Bleiben wir noch einen Moment beim gewaltigen Steinbruch im »Ranu Raraku«-Krater. Katherine Routledge hat recht! Bei meinen Aufenthalten im Steinbruch fühlte ich mich von den längst verschwundenen Inselbewohnern geduldet. Hier scheint die Zeit seit Ewigkeiten stehen geblieben zu sein. War nicht eben noch das Schlagen und Hämmern der Steinmetze zu hören. Haben die Baumeister nicht eben auf ein Zeichen hin die Arbeit unterbrochen? Sitzen sie jetzt irgendwo und nehmen eine kräftige Mahlzeit zu sich? Essen sie schweigend oder beim Gesang uralter Lieder, die die Sagen von Make Make, Priester Hau Maka und König Hotu Matua erzählen?

Foto 4: Ein Riese und zwei »Zwerge«

Nicht nur die Riesenhaftigkeit der Steinkolosse lässt staunen, auch ihre Vielzahl verblüfft. In Zahlen: In unmittelbarer Nähe der »Statuenfabrik« warten seit Jahrhunderten 395 steinerne Kolosse, in allen Entwicklungsstadien. Da gibt es eben angefangene Figuren, andere sind fast fertig und wieder andere sind vollendet. Es sieht so aus, als habe hier ein kleines Heer an Handwerkern und Künstlern in Serie die rätselhaften Steindenkmäler fabriziert. Die fertigen Riesen haben alle den gleichen, leicht arrogant-blasierten Gesichtsausdruck. Sie scheinen sich köstlich darüber zu amüsieren, dass sie uns immer noch rätselhaft erscheinen.

Weite Flächen der Osterinsel sind förmlich übersät mit schwarzen Brocken. Viele sind nur faustgroß, andere ähneln vom Format Fußbällen und wieder andere sind wesentlich größer. Es handelt sich um Lavabrocken, die von Vulkanen wie Rano Kao (im Südwesten gelegen), Maunga Puakatiki (im Osten) und Maunga Terevaka (im Norden) ausgespuckt wurden. Die Osterinsel ist nicht ein kleines Stück Land mit Vulkanen. Sie ist in ihrer Gesamtheit vulkanisch. Sie verdankt ihre Existenz unterseeischen Vulkanausbrüchen in etwa dreitausend Metern Tiefe.

Foto 5: In der Menschenfresserhöhle
Als Kind habe ich begeistert Jule Vernes‘ »Die Reise zum Mittelpunkt der Erde« gelesen. Wie sehr ich doch Vernes Hauptfigur Otto Lidenbrock beneidete. Wie der Hamburger Professor wollte ich auch in die unterirdischen Abgründe der Erde steigen und gewaltige Tunnelsystem erforschen. Vernes Roman erschien erstmals anno 1864 unter dem Titel » Voyage au centre de la terre« in Frankreich, eine erste Übersetzung ins Deutsche folgte 1873.

Bei meiner ersten Osterinselreise erlebte ich ein wenig Höhlenkriecherei kennen, wenngleich es natürlich auf der Osterinsel keinen Einstieg in die Unterwelt gibt. Eine »Reise zum Mittelpunkt der Erde« ist schon gar nicht möglich. Und die bei Verne tief unter der Erdoberfläche hausenden Saurier habe ich natürlich gar nicht erwartet.

Einige der von mir besuchten Osterinsel-Höhlen machten ein schlangenartiges Kriechen erforderlich, andere wiederum waren recht geräumig, wie etwa die berüchtigte Menschenfresserhöhle. Die größeren unterirdischen Höhlen erinnerten mich noch am ehesten an Vernes‘ Roman. Da gab es seltsame Felsmalereien, zum Beispiel vom Fabelwesen aus dem Vogelmensch-Kult. Als ich allein vor Ort war, da legte ich mich auf den felsigen Boden der Menschenfresserhöhle und ließ das ganz besondere »Ambiente« auf mich wirken. An keiner anderen Stelle des mythenumrankten Eilands erschienen mir die vor vielen Jahrhunderten verstorbenen Erbauer der Osterinselkolosse so präsent wie hier.

Wie schrieb doch Katherine Routledge, ich zitiere erneut (2): »Auf der Osterinsel ist die Vergangenheit gegenwärtig, es ist unmöglich, ihr zu entkommen. Die Bewohner von heute sind weniger wirklich als die Menschen die längst gegangen sind. Die Schatten er dahingegangenen Erbauer besitzen heute immer noch das Land.« In der realen Welt von heute gibt es handfeste Streitigkeiten auf der Osterinsel: Die einen wollen sich ganz unabhängig vom »Mutterland« Chile machen.

Foto 6: In der Höhle der Kanibalen
Die anderen hoffen auf anwachsende Ströme von Touristen, die aufs Eiland kommen. Ihnen soll Folklore à la Weltausstellung geboten werden, in einem eigens für Touristen gebauten »Eingeborenendorf«. Die anderen bangen um die uralte Kultur, die dem Kommerz nicht geopfert werden dürfe. Sie fordern eine strikte Begrenzung der Zahl der Fremden, die auf die Insel kommen dürfen. Anstatt Geld mit kitschiger Pseudo-Folklore zu machen möge man sich der eigenen Wurzeln besinnen, die Rapa-Nui-Sprache und die alten Gesänge pflegen.

In der Menschenfresserhöhle war mir überhaupt nicht unheimlich. Es krochen ja auch keine Monsterwesen umher wie jene, die in einschlägigen Horrorfilmen wie »Descent« (3) Angst und Schrecken verbreiten. Die angenehme Temperatur, die irgendwie anheimelnde Stille, die Geborgenheit, all das ließ mich ein wenig verstehen, dass die Menschen vor Jahrtausenden in der »Unterwelt« der »Mutter Erde« huldigten. Bis heute wurde das Phänomen der weltweit angelegten unterirdischen »Welten« nicht wirklich als ein Ländergrenzen überschreitendes, weltweit auftretendes Rätsel studiert. Es gibt sie, diese uralten unterirdischen Anlagen:  von den Erdställen in unseren Gefilden (4) bis zu den unterirdischen Städten in der Commagene (Türkei) und den unterirdischen Tunneln unter den Tempelanlagen von Chavin de Huantar im Norden Perus.


Foto 7: Unterschrift Katherine Routledge


Fußnoten
(1) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«,
1919, Nachdruck Kempton 1998, Zitat Seite 165, Zeilen 5
und 6 von oben. Übersetzung aus dem Englischen:
Walter-Jörg Langbein.
(2) ebenda, Zeilen 6-9, Übersetzung aus dem Englischen:
Walter-Jörg Langbein.
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/The_Descent_%E2%80%93_Abgrund_des_Grauens (Stand 25.01.2019)
(4) 1. Erdställe
Ahlborn, Dieter: »Geheimnisvolle Unterwelt/ Das Rätsel der Erdställe in  
Bayern«, Aying 2010
Kusch, Heinrich und Ingrid: »Tore zur Unterwelt/ Das Geheimnis der
unterirdischen Gänge aus uralter Zeit«, Graz 2009
Kusch, Heinrich und Ingrid: »Versiegelte Unterwelt/ Das Geheimnis der
Jahrtausende alten Gänge«, Graz 2014
2. Commagene
Demir, Ömer: »Kapadokien/ Wege der Geschichte«, Derinkuyu, 2. Auflage 1986
Demir, Ömer: »Cappadokien: Wiege der Geschichte«, erweiterte 3. Auflage, Ankara 1988
Lamec, Jeofrey: »Göreme«, Istanbul 2010
3. Chavin de Huantar
Burger, Richard L.: »Chavin and the origins of andean civilization«, London 1992
Fux, Peter (Hrsg.): »Chavín: Perus geheimnisvoller Anden-Tempel«,Zürich 2012
Miranda-Luizaga, Jorge: »Das Sonnentor/ Vom Überleben der archaischen Andenkultur«, München 1985

Foto 8: Expeditionsschiff »Mana« der Routledge-Expedition
Zu den Fotos
Foto 1: Mysterium Osterinsel. Ein Osterinselriese. Foto/Spigelung, Collage Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Zeichnung Grete C Söcker
Foto 3: Autor Langbein im Steinbruch. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Ein Riese und zwei »Zwerge«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: In der Menschenfresserhöhle. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: In der Höhle der Kannibalen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Unterschrift K. Routledge
Foto 8: Expeditionsschiff »Mana« der Routledge-Expedition zur Osterinsel. Foto Archiv Langbein




479 »Statuen, Sterne und Planeten«,
Teil 479 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 24. März 2019


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Sonntag, 10. März 2019

477 »Die Erde ist ertrunken – Ku emu a«

Teil 477 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Sieben Kundschafter fanden den Weg zur Osterinsel

Sieben Kundschafter, so ist überliefert, fanden einst den Weg zur rettenden Osterinsel. In einer anderen alten Sage der Osterinsel wird der kühne Versuch von sechs Männern beschrieben, den heiligen Moai »Tauto« zu retten und aus der im Meer versinkenden Heimat zur neuen Heimat zu schaffen (1). Die sechs mutigen Seeleute sahen sich am Ziel ihrer weiten Reise angekommen in einer höchst gefährlichen Situation. Würden sie selbst beim Versuch den vergessenen Moai Tauto zu bergen ums Leben kommen?

Das Meer verschlang nach und nach die alte Heimat, die sechs Männer (2) »beeilten … sich noch mehr um ihr Werk zu beenden und möglichst schnell nach Anakena (eine Bucht der Osterinsel) zurückzukehren, und die Ratschläge Hotu Matuas vergessend, ließen sie nicht die nötige Vorsicht walten. Als sie den Moai zum Boot hinuntertragen wollten, da entglitt er ihnen und zerbrach: der Kopf war vom Rumpfe getrennt.«

Foto 2: Die alte Heimat versank im Meer...

Der schon legendäre Erforscher der Osterinsel Thor Heyerdahl (*1914; †2002) war vorübergehend im Besitz der Originale von schriftlichen Aufzeichnungen, die von eingeweihten Osterinsulanern niedergelegt worden waren. Diese Manuskripte wurden strikt geheim gehalten. Selbst in der Bevölkerung der Osterinsel bekam sie so gut wie niemand zu lesen. Eine ganze Reihe von »Heften« soll auf den legendären »Dorfkapitän« Esteban Atan zurückgehen. Als Thor Heyerdahl 1955 und 1956 auf der Osterinsel intensiv Ausgrabungen durchführte, kam er vorübergehend in den Besitz der mysteriösen Notizen. Er durfte sie aber nicht behalten, sondern musste sie wieder zurückgeben. Im Jahr 1963 durfte der französische Osterinselforscher Francis Mazière ebenfalls geheime Aufzeichnungen über die Geschichte der Osterinsel studieren. Auch er erhielt die Dokumente nur leihweise. Heyerdahl fertigte Kopien an.

Die russischen Gelehrten Prof. Dr. Fjodor Petrowitsch Krendeljow und Dr. phil. Aleksandr Michailowitsch Kondratow zitierten erstmals 1980 explosives Material aus den geheimen Unterlagen, die Jahrzehnte zuvor Heyerdahl zur Verfügung gestanden hatten, in  ihrem Buch »Die Geheimnisse der Osterinsel«. Eine Übersetzung ins Deutsche erschien 1987 in Moskau und Leipzig. Die zweite Auflage mit dem brisanten Material erschien bereits 1990 (3). Was das Buch so spannend macht das sind uralte, kaum bekannte  Überlieferungen der Osterinsel, in denen ganz eindeutig von einem Atlantis der Südsee gesprochen wird. Da heißt es zum Beispiel (4):

Foto 3: Tautos Kopf brach vom Rumpf
»Der Jüngling Tea Waka sagte: ›Unsere Erde war früher ein großes Land, ein sehr großes Land.‹ Kuukuu fragte ihn: ›Aber warum wurde das Land klein?‹ Tea Waka antwortete: ›Uwoke senkte seinen Stab darauf. Er senkte seinen Stab auf die Gegend Ohio.‹«

Nach der mythischen Tradition der Südsee gab es einst ein großes Königreich in der Südsee. Uwoke, ein mächtiger Gott des Erdbebens berührte mit einem »Stab« das Land. Große Teile davon versanken. Übrig blieb, so wissen es die alten Überlieferungen, die Osterinsel. Weiter heißt es in Heyerdahls Kopien, zitiert bei Krendeljow und Kondratow: »Es erhoben sich Wellen, und das Land ward klein. Der Stab Uwokes zerbrach am Berg Puku-puhipuhi. Von nun an wurde es Te-Pito-o-te-Henua, der Nabel der Erde genannt.«

In einer anderen Überlieferung, ebenfalls in den Aufzeichnungen Thor Heyerdahls vor dem Vergessen bewahrt, heißt es: »Kuukuu sagte zu ihm: ›Früher war diese Erde groß.‹ Der Freund Tea Waka sagte: ›Diese Gegend nennt sich Ko-te-To-monga-o-Tea-Waka.‹ Ariki Hotu Matua fragte: ›Warum versank das Land?‹ ›Uwoke machte das; er versenkte das Land‹ antwortete Tea Waka. ›Von nun an wurde das Land Te-Pito-o-te-Henua genannt.« Te-Pito-o-te-Henua bedeutet »Nabel der Welt«.

Was erzählen uns diese mysteriösen Überlieferungen? Sie berichten davon, dass in der Südsee einst auf der einen Seite Landmassen unter Wasser gedrückt und dass auf der anderen Seite Landmassen über den Meeresspiegel angehoben wurden. Mit anderen Worten: Die Urheimat der Osterinsulaner verschwand in den Tiefen des Pazifiks, die neue Heimat, heute als Osterinsel bekannt, erschien über den Wogen des Meeres.

Zurück zur Sagenwelt der Osterinsel. Der heilige Moai wurde Opfer einer gewaltigen Naturkatastrophe, die offenbar weite Teile des Pazifiks heimsuchte. Der Osterinsulaner Jose Fati erzählte Fritz Felbermayer die Ereignisse in Sachen »Der Moai Tauto« (5). In der Sage heißt es konkret (6): »Als dies geschah, da bedeckte sich der Himmel mit schwarzen Wolken, Sturm kam auf, Blitze erhellten jäh den Raum, und strömender Regen rauschte hernieder von Maori (7) bis Te Pito O Te Henua (8).« Es gab also eine Naturkatastrophe vom versinkenden Maori bis zur Osterinsel, das heißt es waren weite Teile des Pazifiks betroffen! Als Maori Nui Nui, die Urheimat der Osterinsulaner, nach und nach von stürmischen Wogen überflutet wurde, da tobten Stürme gegen die kleine Osterinsel. Jose Fati erzählte Dr. Fritz Felbermayer die Sage »Der Moai Tauto«. Da heißt es (9): »Als Hotu Matua dies in seinem neuen Lande (Osterinsel) sah, da beschlich ihn  die Ahnung dessen, was geschehen war.«

Foto 4: Tautos Rumpf blieb zurück

Die Rettungsaktion für die vergessene Statue Tauto wird offensichtlich auch in anderen Sagen der Osterinsel überliefert (10). So wie heute so manche Steinstatue der Osterinsel direkt am Strand von den Unbilden der Naturgewalten bedroht ist, so konnte die verehrte Statue Tauto jeden Moment ein Opfer der brachialen Wellen werden (11): »Sie (die Retter) erreichten endlich die Küste von  Marea Renga, wo sie die vergessene Staue von Tauto vorfanden, die immer noch am Rande von Marae-toe-hau (12) stand, just wie von  Hotu Matua beschrieben. Als sie sie gerade von dort entfernten, da schlug der Gott der Erdbeben zu und stürzte große Landstriche ins Meer.«

Der Osterinsulaner Arturo Teao wusste aus der Sagenwelt der Osterinsel zu berichten (13), dass »Wellen über das Land (Urheimat der Osterinsulaner) hereinbrachen, der Wind tobte, Regen  strömte, Donner brüllte, Meteoriten auf das Land stürzten.« Kurz gesagt, es herrschten geradezu apokalyptische Verhältnisse.

Die Statue Tauto entglitt den mutigen Rettern, stürzte krachend zu Boden und zerbrach. Die Männer drohten in den Fluten umzukommen. Höchste Eile war geboten.  Sie flohen in Panik, schleppten nur den Kopf von Tauto in ihr Boot. Körper, Arme und Beine mussten sie zurücklassen.

Kurios ist, dass die Statue Tauto auch über Beine verfügte, im Gegensatz zu den Kolossen der Osterinsel! Fast 1.000 Statuen der Osterinsel sind bekannt. Sie werden aber immer wieder wie vor über einem Jahrhundert in den Medien als »Steinköpfe« bezeichnet (14). Tatsächlich ragen besonders in unmittelbarer Nähe des Steinburchs steinerne Häupter aus dem Erdreich. Aber seit über einem Jahrhundert weiß man, dass auch diese »Steinköpfe« über einen Rumpf und Arme verfügen, aber nicht über Beine. Geradezu lächerlich wird es dann, wenn gemeldet wird (15):

Foto 5: Nur eine Statue hat auch Beine
»Es ist eine der größten archäologischen Entdeckungen des Jahres 2012. Ein privates Team aus Forschern und Archäologen nimmt derzeit eine spektakuläre Ausgrabung, im Rahmen des Easter Island Statue Project, an den bekannten Köpfen der Osterinsel vor, welche zum UNESCO Weltkulturerbe gehören. Anlass dazu gaben einige Moais, wie man die Figuren nennt, im Inselinneren. Hier finden sich mehrere Moai-Statuen, die nicht nur aus einem Kopf bestehen, sondern einen kompletten Körper besitzen. Diese vollständigen Statuen findet man zum einen auf Steinplatten in alten Tempelanlagen und zum anderen in alten Werkstätten der Insel.«

Man muss sich die Worte auf der Zunge zergehen lassen: »Hier finden sich mehrere Moai-Statuen, die nicht nur aus einem Kopf bestehen, sondern einen kompletten Körper besitzen.« Was für ein Unsinn! Einen kompletten Körper hat nur eine einzige Statue. Nur aus einem Kopf besteht keine einzige Statue. An der Meldung ist nichts sensationell, nur alles falsch. Bis heute ist eine einzige Statue bekannt, die einen kompletten Körper, Beine inklusive, hat. Diese kuriose Figur scheint zu knien, auf den Unterschenkeln zu hocken.

Wie mag die Statue Tauto ausgesehen haben, von der nur der Kopf auf die Osterinsel geschafft wurde? Wo mag sich das steinerne Haupt heute befinden. Zu Beginn des dritten Jahrtausends sind Teile der Osterinsel vom Untergang bedroht. Statuen an der Küste könnten bei wachsendem Meeresspiegel unterspült werden und umstürzen. Ist dafür der Mensch verantwortlich?
Vor Jahrhunderten hatte König Hotu Matua eine Vision. Was aber sah er? Den Untergang des »Atlantis der Südsee«? Oder blickte er in eine fernere Zukunft, als er klagend ausrief (16) »Ku emu a!«, zu Deutsch »Die Erde ist untergegangen«!

Fußnoten
Foto 6: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«
(1)  Felbermayer, Dr. Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, Kapitel »Die ersten Bewohner der Osterinsel«, Seiten 13-15
(2) ebenda, Zeilen 9-15 von oben
(3) Krendeljow, Dr. Fjodor Petrowitsch und Kondratow, Aleksandr Michailowitsch: »Die Geheimnisse der Osterinsel«, 2. Auflage, Moskau und Leipzig 1990
(4) ebenda, Seite 109
(5)  Felbermayer, Dr. Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, Kapitel »Der Moai Tauto«, Seiten 19+20
(6) ebenda, rechte Spalte, Zeilen 3-7
(7) Maori: Urheimat der Osterinsulaner, die im Meer versank.
(8) Te Pito O Te Henua: Einer der Namen der Osterinsel (9)  Felbermayer, Dr. Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, Kapitel »Der Moai Tauto«, Seiten 19+20, Zitat Seite 19, Zeilen 1 und 2 von unten
(10) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Kapitel »Navel of the World«, S. 54-S.82
(11) ebenda, Seite 62, Zeilen 12 - 15 von oben: »They at last arrived on the shores of Marea Renga, where they found the forgotten statue auf Tauto still standing at the edge of Morae-toe-hau, just as Hotu Motua described. But as they were removing it, the god of earthquakes struck, upending great stretches of territory into the sea.« Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein

Foto 7
(12) Marae-toe-hau: Teil der versunkenen Urheimat der Osterinsulaner.
(13) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Seite 62, Zeilen 16 und 15 von unten: »According to Arturo Teao ›the waves broke, the wind blew, rain fell, thunder roared, meteorites fell on the island.‹« Übersetzung aus dem Englischen
(14) Beispiel: https://www.reise-inspirationen.de/die-osterinsel-wo-die-steinkoepfe-wohnen-reisemagazin-herbst-2017/ (Stand:18.01.2019)
(15) https://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/archaeologie/die-moai-statuen-auf-der-osterinsel-haben-einen-koerper-13371666
(16) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Seite 62, Zeile 9 von unten

Zu den Fotos
Foto 1: Sieben Kundschafter fanden den Weg zur Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die alte Heimat versank im Meer... Symbolbild. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Tautos Kopf brach vom Rumpf. Symbolbild. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Tautos Rumpf blieb zurück. Symbolbild. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Nur eine Statue hat auch Beine. Foto: Zeichnung Grete C. Söcker, bearbeitet von Walter-Jörg Langbein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«.
Foto 7: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«.

478 »In der Menschenfresserhöhle«,
Teil 478 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 17.03.2019






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Sonntag, 3. März 2019

476 »Insel des Schweigens«


Teil 476 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Himmel über der Osterinsel

»Insel der Schweigens« (1) nannte der französische Ethnologe Francis Mazière (*1924; †1994) seinen Bestseller über die Osterinsel. Das lesenswerte Werk erschien vor rund einem halben Jahrhundert zunächst in Frankreich, rasch auch in deutscher Übersetzung. Ich habe die deutsche Ausgabe sehnsuchtsvoll und mit wachsender Begeisterung gelesen, nachdem ich von der sich weltweit ausbreitenden »Dänikenitis« erfasst worden war. Erich von Dänikens erster Weltbestseller »Erinnerungen an die Zukunft« ließ mich davon träumen, das geheimnisvolle Eiland mit den mysteriösen Steinriesen einmal selbst zu besuchen. Francis Mazières »Insel der Schweigens verstärkte meinen Wunsch noch. Aber die Osterinsel war so weit, viel zu weit entfernt im Pazifik gelegen. Es sollte lange dauern, bis mein Traum endlich wahr wurde.

Als ich Jahrzehnte später bei meinem ersten Besuch erstmals zu mitternächtlicher Stunde am kleinen Hafen der Osterinsel saß und den märchenhaft-fantastischen Sternenhimmel bewunderte, da verstand ich, warum der vielleicht älteste Name des Eilands »Matakiterani«, zu Deutsch »Augen betrachten den Himmel«, lautete. Auf keiner anderen Reise erlebte ich den nächtlichen Sternenhimmel so plastisch wie auf der Osterinsel. Die Osterinsel kam mir vor wie ein winziges Flecken aus Fels inmitten eines schier undendlich weiten Meeres aus Salzwasser. Und der weite Himmel über mir war wie ein zweites Meer aus pechschwarzer Leere mit unendlich vielen einsamen Sternen darin. »Matakiterani« war in der Tat eine »Insel des Schweigens« im unendlichen Pazifik, dessen schäumende Wogen im Mondlicht wie Schnee aussahen.

Foto 2: Ahu Vai Uri ...

Dazu passen die fast eintausend steinernen Kolosse, die alle ihre schmalen Lippen zusammenzupressen scheinen, so als würden sie wortlos demonstrieren: »Von uns erfährst du nichts!« Dabei hat die Osterinsel viele Stimmen, die auch von der geheimnisvollen Vergangenheit des einsamsten Eilands der Welt berichten. Es sind die uralten Sagen und Mythen, denen bis heute viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Sie wurden bis in unsere Tage von Generation zu Generation von Wissenden weitergereicht. So gerieten sie nicht in Vergessenheit. Leider lauschen wir ihnen nicht in ausreichendem Maß.

So erfahren wir, dass die Ureinwohner der Osterinsel aus einem Reich im Westen kamen, das einst in den Fluten des alles andere als friedlichen Pazifik versank. Dr. Fritz Felbermayer (*2.2.1907; †9.4.1979) hat so manche Sage, die ihm von Einheimischen anvertraut wurde, wortwörtlich aufgeschrieben. Horacio Teao (2) erzählte ihm, dass einst der Urheimat der Osterinsulaner Maori Nuinui eine Apokalypse bevorstand.  Wie ein Atlantis der Südsee würde sie ihm Pazifik versinken. Viel Zeit blieb den Menschen nicht (3): »So verschwanden in der Zeit von zwei Vollmonden drei Niederlassungen in den Fluten. Eine schreckliche Katastrophe stand bevor.«

Foto 3: ... droht der Untergang.

Priester Hau Maka wurde vom fliegenden Gott Make Make durch die Lüfte zur Osterinsel entführt. So kam es zum Exodus: Die gesamte Bevölkerung übersiedelte von Maori Nuinui zur Osterinsel. Zurück blieb in der Eile der überstürzten Flucht das wohl heiligste Objekt von Maori Nui Nui. Erst auf der Osterinsel angekommen (4) »erinnerte sich der König, daß er vergessen hatte, den Moai »Tauto« von Maori, seinem Geburtsland, mitzubringen.«  Der mächtige König befahl sechs seiner treuesten Diener, sofort in einem Boot nach Maori Nuinui zurückzukehren und die vergessene Steinstatue zu holen (5): »Kehrt zurück  in unsere alte Heimat und holt den Stein – Moai Tauto. Er ist in der Bucht am Meeresufer vor meinem alten Palast zurückgeblieben. Beim Einschiffen gebt wohl acht, dass ihr ihn nicht zerbrecht.«

Gehorsam machten sich die sechs Männer auf die gefährliche Reise, dank günstiger Windverhältnisse kamen sie schneller voran als erhofft. Entsetzt stellten sie fest (6), »daß die Wellen der Flut schon einen großen Teil des Landes überschwemmten.«

Foto 4: Angeschlagene Häupter ...

Die Katastrophe von damals scheint sich in unseren Tagen zu wiederholen. Mahnend erhebt Camilo Rapu, der Präsident der indigenen Gemeinschaft Ma’u Henua, seine Stimme (7): »Alle archäologischen Stätten, die nahe am Küstenrand liegen, sind in Gefahr. Wenn schlechtes Wetter herrscht, reicht das Meerwasser direkt an die Ahus (die Plattformen, auf denen die Statuen stehen) heran. Das führt zu Auswaschung und Einsturz.« Direkt bedroht ist heute der »Ahu Tahai«-Komplex unweit von Hanga Roa an der Südwestküste. Drei Plattformen mit Statuen gehören zu diesem interessanten kleinen Zeremonialzentrum: Ahu Ko Te Riku, Ahu Tahai und Ahu Vai Uri.

Ahu Vai Uri habe ich manchen Abend besucht. Von Hanga Roa, der einzigen Siedlung auf der Osterinsel, erreicht man ihn zu Fuß bequem in wenigen Minuten. Nach heutigem Kenntnisstand der Archäologie entstanden die fünf Stein-Moais im 12. Jahrhundert. Sie trotzten also mindestens acht Jahrhunderten den Naturgewalten. Irgendwann stürzten sie von ihrem massiven Steinsockel. Umstritten ist, ob ein Erdbeben, ein Tsunami oder womöglich menschliche Zerstörungswut dafür verantwortlich sind.

Foto 5: Sind sie noch zu retten?

Mir imponieren diese fünf Statuen ganz besonders. So angeschlagen wie sie sind stehen sie wieder auf ihrem Ahu, stumm und trotzig dem Meer den Rücken zuwendend. Zwei der steinernen Zeitzeugen aus der mysteriösen Vergangenheit der Osterinsel konnten die beim Sturz abgebrochenen Häupter mit einer Art Zement wieder auf die Schultern gesetzt werden. Von der kleinsten Figur ist nur der schmale Rumpf übrig geblieben, zweien fehlt ein Stück des Kopfes. Bei zwei der Moais sind die leeren Augenhöhlen noch sehr gut zu erkennen. Einst hatten wohl alle Moais Augen, kunstvoll gestaltet aus weißem Korallenkalk und roter Gesteinsschlacke (für die Iris!). Im kleinen Museum in Hanga Roa wird das einzig erhaltene Moai-Auge gezeigt.


Foto 6: »Ahu Ko Te Riku«
Wie die steinernen Riesen einst aussahen? Sie trugen einen tonnenschweren, rötlichen steinernen »Hut« und blickten mit ihren Kalk-Gesteinsschlacke-Augen ins Landesinnere. Auf der Plattform »Ahu Ko Te Riku« steht so ein komplett rekonstruierter Koloss. Auch er war gestürzt. Mit Hilfe eines Krans wuchtete man ihn wieder auf seine rekonstruierte Plattform, setzte man ihm wieder seinen steinernen »Zylinder« aufs Haupt und verpasste ihm neue Augen, die eigens für ihn angefertigt wurden. Auch er wendet dem Meer den Rücken zu. Auch er starrt vom Ufer aus ins Landesinnere. Warum? Vielleicht weil die Osterinsulaner vom Meer her kamen, dem Meer den Rücken zuwandten und sich darauf konzentrierten, das einsame Eiland zu erkunden und zu besiedeln?

Der wieder komplett rekonstruierte Koloss auf der Plattform »Ahu Ko Te Riku« soll einer der ältesten seiner Art sein. Nach aktuellem Kenntnisstand der schulwissenschaftlichen Lehre soll er im 7. Jahrhundert aus dem Vulkangestein im Steinbruch am »Rano Raraku«-Krater gemeißelt worden sein.

Der UN-Kulturorganisation UNESCO ist die Gefährdung der Osterinsel durch den globalen Klimawandel bekannt. Als erstes, so stellte Adam Markham fest, würden wohl die besonders nah an der Küste stehenden Statuen Opfer der steigenden Meeresfluten werden. Dass der Meeresspiegel ansteigt, das scheint allgemein akzeptiert zu werden. Umstritten ist aber, ob dieser Prozess schnell oder langsam erfolgt. In ihrem Artikel »Neues Unglück bedroht die geheimnisvollen Kolossalstatuen« lässt  die »Welt« zwei Wissenschaftler mit konträren Ansichten zu Wort kommen (8).

Nach Adam Markham waren in den vergangenen zwei Jahren »keine dramatischen Veränderungen auf der Osterinsel« zu beobachten. Markham: »Der Anstieg des Meeresspiegels ist ein relativ langsamer Prozess.« Die Wissenschaftler David Pollard und Roberto DeConto hingegen betonen in einer Studie aus dem Jahr 2016, »dass der Meeresspiegel als Folge der Eisschmelze an den Polargebieten bis Ende dieses Jahrhunderts um bis zu 1,50 Meter steigen könnte. Allerdings gilt diese Prognose unter Wissenschaftlern als umstritten, einige halten sie für zu hoch gegriffen.«

Was bei diesen aktuellen Diskussionen allerdings außer Acht gelassen wird ist, dass es nach alten Osterinselüberlieferungen bereits vor vielen Jahrhunderten einen deutlich gravierenderen Anstieg des Meeresspiegels in der Südsee gegeben haben muss, der die Urheimat der Osterinsel in den Fluten des Pazifiks versinken ließ.


Foto 7: Autor Walter-Jörg Langbein im Steinbruch der Riesen.



Fußnoten
(1) Mazière, Francis: »Insel des Schweigens/ Das Schicksal der Osterinsel«, 
Frankfurt 1966
(2) ebenda, »Die ersten Bewohner der Osterinsel«, Seiten 13-15
(3) ebenda, Seite 13, rechte Spalte Zeilen 7-9 von oben
(4) ebenda, Seite 19, linke Spalte, Zeilen 7-9 von oben, Rechtschreibung unverändert übernommen
(5) ebenda, linke Spalte, Zeilen 12-16
(6) ebenda, Seite 19, rechte Spalte, Zeilen 7-9 von oben
(7) https://www.welt.de/geschichte/article178056718/Osterinsel-Neues-Unglueck-bedroht-die-geheimnisvollen-Kolossalstatuen.html (Stand 15.01.2019)
(8) ebenda

Foto 8: Der Koloss auf dem »Ahu Ko Te Riku« bei Nacht.

Zu den Fotos
Foto 1: Himmel über der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ahu Vai Uri ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: ... droht der Untergang. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Angeschlagene Häupter ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sind sie noch zu retten? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Ahu Ko Te Riku« mit sehendem Riesen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Autor Walter-Jörg Langbein im Steinbruch der Riesen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 8: Der Koloss auf dem »Ahu Ko Te Riku« bei Nacht. Foto Walter-Jörg Langbein


477»Die Erde ist ertrunken – Ku emu a«,
Teil 477 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10. März 2019




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Sonntag, 24. Februar 2019

475 »Vom Wasserheiligtum zur Mordhöhle«


Teil 475 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Auch »Der Standard« setzte sich ausführlich mit dem mysteriösen Wasserheiligtum auseinander. In der Rubrik »Wissen und Gesellschaft« vermeldete er am 26.11.2018 (1): »Anzeichen für eine Verknüpfung des Pragmatischen mit dem Spirituellen fanden deutsche Forscher auf der Osterinsel: Auf der von Ressourcenmangel gezeichneten Insel im Ostpazifik wurde offenbar der Wasserverschwendung durch Tabus vorgebeugt, berichtet das Deutsche Archäologische Institut.«

Weiter lesen wir: »In Ava Ranga Uka a Toroke Hau – einer an einem kleinen Wasserfall gelegenen Fundstätte aus dem 13. bis 17. Jahrhundert – machten die Forscher einige überraschende Funde. An den Wasserfall schließen sich die Überreste künstlicher Kanäle, mehrerer Wasserbecken und einer Prozessionsstraße an.«


Foto 1: Das ist kein Fake, sondern eine Fotomontage. Als solche habe ich das Bild, es wurde horizontal und vertikal gespiegelt, von Anfang an in »Zu den Fotos« bezeichnet. Siehe ganz unten. Foto 4 zeigt das Original. Foto 1 verstehe ich als symbolische Darstellung des Geheimnisvollen und Mysteriösen. Im »Kasten«  links oben: das Original.


Der Ausdruck »Wasserfall« ist etwas irreführend, dürfte er doch kaum höher als zwei oder drei Meter gewesen sein. Dessen ungeachtet: Das trinkbare Wasser, das das Heiligtum »Ava Ranga Uka a Toroke Hau« speiste, war für die Menschen der Osterinsel eine Kostbarkeit von unschätzbarem Wert. Trinkwasser war auf dem kleinen Eiland in der unendlichen Salzwasserwüste.

Zu meiner Schande muss ich gestehen: Bei meinem ersten Besuch auf der Osterinsel führte mich mein Pensionswirt auf den dritten und jüngsten erloschenen Vulkan des Eilands. Etwas mehr als 500 Meter ragt Maunga Terevaka in den Himmel. Er ist somit fast genauso hoch wie der lippische Köterberg vor meiner Haustür. Doch während an sonnigen Sommertagen manchmal tausend und mehr Motorräder auf den Köterberg hinauf und wieder retour sausen, bot Maunga Terevaka nur einsame Stille.

»Es gab mehrere zusätzliche kleinere Krater!«, erklärte mir mein Pensionswirt, ein fülliger Einwanderer aus Polynesien. »Besonders wichtig ist der Kratersee Rano Aroi, denn hier sammelt sich das Regenwasser!« Das Wasserreservoir bot den Insulanern schon vor tausend und mehr Jahren trinkbares Wasser. Unweit des Sees: eine heilige Kulthöhle. Mein »Guide« bedeutungsschwer: »Hier gab es einst eine heilige Stätte, die dem Wasser geweiht war. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Zum gesamten Komplex gehörte die Höhle ebenso wie ein großes Heiligtum.«


Foto 2: Wenn sie nur reden könnten ...

Begeistert fabulierte er von einem »Röhrensystem«, das auf verschlungenen Wegen Wasser vom Kratersee zu einem »Wassertempel« führte. In einer Vertiefung sammelte sich angeblich einst angeblich Regenwasser, das in das Wasserheiligtum geleitet worden sei. Nur spezielle Eingeweihte durften sich, so mein Informant, der sakralen Installation nähern. Je zweifelnder ich seiner Meinung nach schaute, desto größer und fantastischer wurde die Beschreibung des angeblichen »Wasserheiligtums«. So erfuhr ich von millimetergenau geschnittenen Steinquadern und Steinplatten, von einem rätselhaften hydraulischen System mit Pumpen. All das sei in grauer Vorzeit geschaffen worden. All das sei bewusst verborgen, sprich abgedeckt und zugeschüttet worden. Deshalb war natürlich vom angeblichen sakralen Wunderwerk nichts zu sehen. Eine genaue Ortsangabe konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Zu sehen war nichts Ungewöhnliches. Selbst Lavabrocken, die man auf der Osterinsel in unterschiedlichen Größen zu Millionen findet, waren grün überwuchert. Der Ausflug zum Maunga Terevaka Vulkan war in meinen Augen Zeitverschwendung. Als ich gar keine besonders große Lust zeigte, die für meinen Geschmack langweilige Landschaft im Bilde festzuhalten, ging es in den Schilderungen meines leicht ärgerlich werdenden Führers immer schauriger weiter. Menschenopfer, so schleuderte mir mein Führer entgegen, wurden in der Höhle dem Supergott Make Make dargebracht, wenn eine Trockenperiode das Trinkwasser mehr als knapp werden ließ. 

Foto 3: Riesenrätsel in Stein. Collage. Gespiegelt wie Foto 1!


»Dann drohten die Menschen zu verdursten, die Felder zu vertrocknen, was eine Hungersnot auslösen würde!« Hinweise auf meine tägliche Nutzung der Dusche erzeugten in mir ein schlechtes Gewissen. So machte ich meinem Wirt die Freude und fotografierte zum Schein den grün bewachsenen, sanft ansteigenden Hang des Kraters. Zu meiner Verteidigung darf ich anführen, dass ich damals noch analog fotografierte. Die Negativ- und Dia-Filme gingen langsam zur Neige und neue konnte ich damals in keinem der Geschäfte von Hanga Roa, der einzigen Ansiedlung, kaufen. Und es gab noch so viel zu fotografieren, vor allem natürlich die mysteriösen Steingiganten, die so süffisant ob meiner mangelhaften Kenntnisse zu lächeln schienen.

Die genaue Stelle des Wasserheiligtums wurde mir nicht gezeigt. Ich erfuhr nur, dass sie sich jetzt irgendwo in der »Unterwelt« des »Maunga Terevaka«-Kraters befindet. Angeblich hat man die heilige Stätte schon vor Jahrhunderten zum Schutz vor Schändung mit massiven steinernen Deckplatten gesichert und dann auch noch zusätzlich mit Erdreich überschüttet. So war das einstige Heiligtum für Unkundige unauffindbar. Auch wo sich der angeblich überwachsene Höhleneingang in der Nähe des Wasserheiligtums befand, konnte ich meinem Informanten nicht entlocken. Wortkarg war er, was die Lokalisation von Heiligtum und Höhle angeht, weitschweifig äußerte er sich begeistert über die angeblich fantastischen Steinmetzarbeiten. So seien die Wände der zum Wasserheiligtum gehörenden Kanäle mit den gleichen glatt polierten Steinen eingefasst, die auch im Eingangsbereich der Opferhöhle eingesetzt wurden. Derlei präzise bearbeitete Steine würden besonders sakrale Orte kennzeichnen.

Foto 4: Blasiertheit in Stein?
Das Wasserheiligtum, so erfuhr ich immer wieder, war nur auserwählten Eingeweihten zugänglich. Das Wasser war angeblich Teil eines vergessenen Rituals und durfte nicht zum Durstlöschen missbraucht werden. Deshalb wurde es, als das Heiligtum noch Teil eines lebendes Kults war, bewusst geschützt und später ganz zum Verschwinden gebracht.

Heute weiß ich, dass die manchmal fantastisch anmutenden Schilderungen meines begeisterten Führers zumindest in  zwei Punkten der Realität entsprachen. Es gab dieses Wasserheiligtum, wie wir heute wissen. Und tatsächlich wurden seine (2),  »Wasserbecken und Kanäle mit monumentalen Terrassen« überbaut. Der Arbeitsaufwand war enorm, wie die Archäologen der »Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen des Deutschen Archäologischen Instituts« feststellen konnten (3): »Eine weitere Überraschung bildeten große Mengen von Stein- und Schottermaterial, die die ehemaligen Osterinsel-Bewohner einst bewegt haben, um ältere Anlagen wie Wasserbecken und Kanäle mit monumentalen Terrassen zu überbauen. Die Terrassen scheinen die früheren Installationen förmlich zu versiegeln und von einer weiteren Nutzung auszuschließen. Für die Forscher liegt daher die Vermutung nahe, dass damit der Zugang zum Wasser des Baches gesellschaftlich und religiös sanktioniert und durch Tabus reglementiert wurde.«

Und es gibt unweit des Wasserheiligtums eine uralte Höhle, deren Eingang mir freilich nicht gezeigt wurde. Ich fand ihn auch nicht, als ich mich am folgenden Tag allein auf die Suche machte. Als ich kürzlich von der Entdeckung des Wasserheiligtums erfuhr, durchforstete ich meine Fachliteratur in Sachen Osterinsel und wurde im opulenten Standardwerk »Ethnology of Easter Island« von Alfred Metraux fündig. Schon als Gymnasiast hatte ich ein Exemplar beim Bernice P. Bishop Museum«, Hawaii, bestellt und per Luftpost kommen lassen (4).

Foto 5: Kopfzerbrechen über...

Der aus der Schweiz stammende Ethnologe Alfred Metraux (*1902; †1963) berichtet Interessantes über den König der Osterinsel und erwähnt nebenbei die Ermordung eines Königssohnes. Demnach war der ariki-mau, »king of Easter Island« ein Nachkomme der Götter Tangaroa und Rongo. Lassen wir Alfred Metraux zu Wort kommen (5): »Der ariki-mau oder König der Osterinsel war ein göttlicher Chief, der über mana (übernatürliche Macht) verfügte und deshalb von tapus umgeben.«

Dann zitiert Metraux eine Legende, die den Besitz von übernatürlicher Macht als Unglück für die Bevölkerung beschreibt (6): »Der König Nga-ara schlief mit drei Frauen, die alle schwanger wurden und drei Söhne gebaren. Die ersten beiden Söhne hatten kein mana, aber der dritte Sohn, Rokoroko-he-tau, besaß es mysteriöser Weise. Das Volk brachte Blumenkränze und Fahnen (standards) für Rokoroko-he-tau, den sie als König ansahen. Haie und Seelöwen kamen zur Insel, jagten und fraßen die Menschen. … Nga-ara befürchtete, dass Haie und Seelöwen alle Menschen töten würden, deshalb stahl er Rokoroko-he-tau während der Nacht und versteckte ihn nahe beim Rano-aroi-(Krater) und tötete ihn später. Die Haie (und) Seelöwen verschwanden, um niemals wiederzukehren.«

Foto 6: ... die Geheimnisse der Osterinsel

Metraux erwähnt, dass der Mord in der Nähe des Rano-aroi-Kraters geschah, geht aber nicht auf den konkreten Ort des Geschehens ein. John Macmillan Brown (*1845; † 1935) hingegen berichtet in seinem Werk über das Geheimnis des Pazifik (7), 1924 erschienen, dass König Ngaara seinen zehnjährigen Sohn und Nachfolger einschläferte und dann in eine Höhle im Zentrum der Insel trug. Dort beließ er seinen Sohn für einige Zeit. Weiter heißt es: »Die Leute fragten ihn, was denn mit dem Jungen geschehen sei. Er antwortete nichts, ging dann aber in die Höhle und durchschnitt dem Schlafenden die Kehle. Die Ausführungen von Alfred Métraux und John Macmillan Brown legen nahe, dass der Königssohn tatsächlich in einer Höhle unweit des Wasserheiligtums ermordet wurde.


Foto 7: Gefallener Riese


Fußnoten
(1) https://derstandard.at/2000091932733/Osterinsel-Wasserverschwendung-durch-Tabus-verhindert (Stand 12.01.2019)
(2) ebenda
(3) ebenda
(4) Métraux, Alfred: »Ethnology of Easter Island«, Reprint der Originalausgabe von 1940, »Bernice P. Bishop Museum Bulletin 160«, Honolulu, Hawaii 1971
(5) ebenda, Seite 130, Zeilen 12 und 13 von oben, Zwischenüberschrift als Zeile mitgezählt, Übersetzung aus dem Englischen durch den Verfasser
(6) ebenda, Seite 130, Zeilen 17-25 von oben, Zwischenüberschrift als Zeile mitgezählt, Übersetzung aus dem Englischen durch den Verfasser
(7) Brown, John Macmillan: »The Riddle of the Paific«, Honolulu, Hawaii,
     Nachdruck 1996
(8) ebenda, Seite 108, Zeilen 18-21 von oben

Zu den Fotos
Foto 8: Insel des Schweigens (Buchcover)
Foto 1: Vieles ist rätselhafter als es auf den ersten Blick scheint. Foto, Fotocollage Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Wenn sie nur reden könnten... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Riesenrätsel in Stein. Foto, Fotocollage Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Blasiertheit in Stein? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Kopfzerbrechen über...  Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: ... die Geheimnisse der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Gefallener Riese. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Insel des Schweigens, Buchcover, Foto Verlag

476»Insel des Schweigens«,
Teil 476 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 3. März 2019


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Sonntag, 17. Februar 2019

474 »Heilige Orte, an denen Götter und Geister wohnen«

Neuerscheinung 2019: > Monstermauern, Mumien und Mysterien – Band III


Teil 474 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Sie wirken snobistisch - und schweigen.

Weltberühmt sind die teils kolossalen Statuen der Osterinsel. 2007 bis 2018 wurde bei archäologischen Ausgrabungen ein einstiges Heiligtum freigelegt, dessen monumentale Terrassen staunen lassen. Eine bisher unbekannte Seite im Buch der mysteriösen Osterinsel wurde aufgeschlagen.

Wenn Fremde die Osterinsel heimsuchten, dann brachten die vermeintlich »Zivilisierten« Tod und Verderben.  Karl May schrieb (1): »Wißt Ihr nun, was wir Europäer unter ›zivilisieren‹ verstehen? Es kann mir nicht beikommen, ein einzelnes Land, eine einzelne Nation anzuklagen. Aber ich klage die ganze sich ›zivilisiert‹ nennende Menschheit an, daß sie trotz aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch heutigen Tages nicht wissen will, daß dieses ›Zivilisieren‹ nichts anderes als ein ›Terrorisieren‹ ist!«

In konkreten Zahlen: 1862 lebten von einstmals 40.000 Menschen nur noch 3.000 auf der Osterinsel. Peruanische Sklavenjäger entführten 1.500 Männer und Frauen, die in den Guano-Minen Perus unter katastrophalen Bedingungen schuften mussten. Die Meisten dieser Geknechteten starben elendiglich. Internationale Proteste führten dazu, dass zwölf von 1.500 Osterinsulanern in ihre Heimat zurückkehren durften. Sie brachten die Pocken auf das einsamste Eiland der Welt. Eine Pockenepidemie brach aus, der fast die gesamte Bevölkerung zum Opfer fiel. 1872 lebten nur noch 111 Menschen auf der Osterinsel.

Foto 2: Gespiegelt...
Mit dem Verlöschen eines Großteils der Bevölkerung verschwand auch das Wissen der Eingeweihten. So ist das von den Osterinsulanern heute wieder verstärkt gepflegte Brauchtum nicht unbedingt »echt osterinsulanisch«, sondern wurde aus dem polynesischen Raum importiert. Das ist auch legitim. Offenbar gab es polynesische »Auswanderer«, die via Osterinsel nach Südamerika gelangten. So wurden »die ältesten polynesischen Genspuren Südamerikas mitten im brasilianischen Urwald« (2) gefunden. Deshalb darf man annehmen, dass die Mythologie der Osterinsulaner zumindest in Teilen aus Polynesien stammt. So gelangte wohl auch die Vorstellung von »Tabus« von Polynesien auf die Osterinsel. So ist der Terminus »Tabu« ursprünglich polynesisch. Auf der Osterinsel galten vor Jahrhunderten gewisse Gebiete als »tabu«. »Tabu« waren auch die Plattformen, auf denen die berühmten steinernen Kolosse der Osterinsel standen.

Dieses »Tabu« wurde, wie ich selbst bei meinen ersten Besuchen der Osterinsel wiederholt erlebte, häufig von Touristen missachtet. Noch vor wenigen Jahrzehnten konnte man sich völlig frei auf dem einsamen Eiland bewegen. Nach und nach wurden aber immer mehr Wächter eingesetzt, die darauf achten sollten, dass die alten »Tabus« auch von Touristen geachtet wurden. Heute geht es, und das ist gut so, sehr viel strenger zu. So muss ein gewisser Abstand zu den Statuen gehalten werden. Leider kam es noch vor wenigen Jahrzehnten immer wieder vor, dass Statuen von Souvenirjägern beschädigt wurden.

Unbestreitbar ist die Rückbesinnung der heutigen Osterinsulaner auf die eigenen Wurzeln, die offenbar lange vernachlässigt wurden. Es ist zu hoffen, dass die alte Sprache der Osterinsulaner, »Rapanui« oder »Pascuense«, nicht nur nicht in Vergessenheit gerät, sondern als Teil uralten Erbes wieder stärker gepflegt wird. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass sich nach und nach die Jugend auf der Osterinsel verstärkt für die eigenen Wurzeln interessiert, wieder die alte Sprache lernt und auch die Gesänge der Vorfahren pflegt. Übrigens: Die »Rapanui«-Sprache ist ein polynesischer Dialekt. Auch Sagen und Mythen der Osterinsel werden wieder, so scheint es mir, mehr geschätzt.

Foto 3: Er schweigt...
Für den Osterinselexperten Dr. Fritz Felbermayer (*2.2.1907; †9.4.1979) gab es keinen Zweifel: Die Osterinselmythen sind ebenso wahr wie Homers Hinweise auf Troja. Dr. Felbermayer, gebürtiger Österreicher, der sein Leben der Erforschung der Osterinselmythologie verschrieben hatte, war fasziniert von den ältesten Überlieferungen. Da ist von einem riesigen Königreich im Westen der Osterinsel die Rede, das in den Fluten versank. Da hören wir von einem König namens Hotu Matua, der verzweifelt nach einer neuen Heimat für sein Volk suchte. Erst Gott Make Make brachte die Rettung.

Gott Make Make, so wird überliefert, stieg vom Himmel herab, ergriff den Priester Hau Maka und transportierte ihn wie den biblischen Hesekiel durch die Lüfte. Auf einem fernen, unbewohnten Eiland setzte er ihn wieder ab. Make Make erklärte dem Priester, wie man von seiner alten Heimat zur neuen Insel gelangen konnte. Er warnte vor gefährlichen Felsenriffen und wies auf Vulkane hin. Er zeigte ihm eine Kuriosität: »weiches Gestein«. Nach der Überlieferung betrat der Geistliche neugierig eben dieses »weiche Gestein«. Seine Füße hinterließen Spuren darin. Vermutlich handelte es sich um noch nicht ganz erstarrte Lava.

Foto 4: Steinerner Wächter mit Hut

Make Make, der fliegende Gott, unterrichtete den Priester noch im Gebrauch von Schilfrohr, etwa für den Hausbau, zeigte ihm eine Bucht, die als natürlicher Hafen geradezu ideal war, und flog ihn wieder durch die Lüfte in seine alte Heimat zurück. Hau Maka verstand nicht, was ihm widerfahren war. Konnte es denn etwas anderes als ein Traum gewesen sein? Wohl kaum! Fliegende Götter, die Menschen durch die Lüfte transportieren durfte es damals wohl ebenso wenig geben wie in unseren Tagen UFOs. Weil schon immer nicht sein konnte, was nicht sein durfte, musste der Gottesmann also geträumt haben.

Aufgeregt berichtete der Gottesmann seinem König. Der Regent griff nach dem sprichwörtlichen Strohhalm. Er wählte sofort die sieben besten Kundschafter aus. Sie wurden genau instruiert, wo nach dem Traum die fremde Insel zu finden war. Und just dort entdeckten die sieben wackeren Seemänner tatsächlich eine menschenleere Insel. Sie war die perfekte neue Heimat. Kaum war dem König die frohe Botschaft übermittelt worden, befahl der den Massenexodus seines gesamten Volkes. Die gesamte Bevölkerung von Maori Nui Nui zog um und erreichte problemlos ein relativ kleines Eiland, ihre neue Heimat - die Osterinsel. König Hotu Matua sandte Kundschafter aus, die erst einmal die Insel in Augenschein nehmen sollten. Dabei stießen die Männer immer wieder auf Spuren, die der Priester bei seinem »Traumbesuch« hinterlassen hatte. Ganz offensichtlich war der Mann wirklich, sprich körperlich und nicht nur im Geiste, vom fliegenden Gott Make Make befördert worden. Offensichtlich hatte er das exotische Inselchen wirklich betreten.

Foto 5: Wenn er nur reden könnte... Oder hören wir nur nicht zu?

 Dr. Fritz Felbermayer über die Glaubwürdigkeit alter Osterinselsagen: »König  Hotu Matua ist bestimmt keine ›Sagengestalt‹, sondern ein Mann, der wirklich gelebt hat und sein Volk auf die Osterinsel brachte. Reale Historie ist auch die Geschichte von Make Make, von den sieben Seefahrern, vom Exodus von ›Maori Nui Nui‹ auf die Osterinsel.« Dr. Felbermayer weiter: »Ich halte diese Überlieferung für wahr! Wir können sicher sein, dass die Fahrt stattfand!«Vergeblich versuchten christliche Missionare, den »heidnischen Glauben« auszulöschen. Vieles geriet in Vergessenheit, vieles bleib erhalten, so auch so manche Überlieferung über Tabus.

Wenn ein Toter auf einem »ahu«, einer der Plattformen, aufgebahrt wurde, dann wurde diese Stätte zu einem besonders heiligen Ort. Ein »Tabu« schützte dann den Ort. Die steinernen Plattformen galten als Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits. Ähnlich sah es im Heiligen Land der Bibel aus. Der Berg Sinai symbolisierte die Verbindung zwischen Himmel/ Gott und Erde. Auch hier gab es ein Tabu, das gewöhnliche Volk musste ferngehalten werden, wenn Gott auf den Berg herniederkam. Tabu soll auch das Areal des Steinbruchs am Rano Raraku-Vulkankegel gewesen sein.


Und ein Tabu lag einst über einem geheimnisvollen Ort im Zentrum der Osterinsel, an dem von 2008 bis 2018 ein Team der »Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen des Deutschen Archäologischen Instituts« umfangreiche Ausgrabungen durchgeführte. Noch sind viele Fragen unbeantwortet. Noch wird mehr spekuliert als bewusst. Fest steht: Eine bislang unbekannte Seite der geheimnisvollen Osterinselkultur wurde entdeckt.

Foto 6: Spiegelungen und Farbspiele ...

In »Ava Ranga Uka a Toroke Hau« gab es einst ein Wasserheiligtum, bestehend aus künstlichen Kanälen, Wasserbecken und einer Feuerstelle. »Archäologie online« schreibt am 23.11.2018 (3): »Zunächst ebenfalls überraschend sind die gewaltigen Mengen von Stein- und Schottermaterial, die die ehemaligen Osterinsel-Bewohner bewegt haben, um ältere Anlagen wie Wasserbecken und Kanäle mit monumentalen Terrassen zu überbauen. Die Terrassen scheinen die früheren Installationen förmlich zu versiegeln und von einer weiteren Nutzung auszuschließen. Zusammen mit den anderen Befunden liegt die Vermutung nahe, dass damit der Zugang zum Wasser des Baches gesellschaftlich und religiös sanktioniert und durch Tabus reglementiert wurde. Gestützt wird die These durch mehrere Gruben, in denen man rotes Pigment herstellte. Rot gilt in Polynesien als heilig und repräsentiert spirituelle Kraft, physische Stärke und Fruchtbarkeit. Auch Seen, Brunnen, Becken und Quellen – wie etwa der Wasserfall von Ava Ranga Uka a Toroke Hau – sind im polynesischen Kulturkreis heilige Orte, an denen Götter und Geister wohnen.«

Erstaunlich ist, wie viele Details »Archäologie online« zu enthüllen vermag: »Die in Ava Ranga Uka a Toroke Hau freigelegten Anlagen waren folglich Teil eines Wasser- und Fruchtbarkeitsheiligtum. Hier fanden rituelle Handlungen statt, die einerseits einen Regenzauber bewirken, andererseits aber auch menschliche Fruchtbarkeit steigern sollten. Die weiteren Forschungen sollen neue Erkenntnisse zur Gestaltung des Fundplatzes durch monumentale Terrassen, aber auch Einblicke in die frühe Nutzung des Heiligtums liefern.«

Zu den Fotos 
»Tabu« lässt sich nicht im Bild festhalten. Zur Illustration habe ich einige Fotos (Nr.1, Nr, 2, Nr.6 und Nr. 7), die ich selbst vor Ort aufgenommen habe, bearbeitet. Alle Fotos (Nr.1-Nr.7): Walter-Jörg Langbein

Fußnoten
(1) May, Karl: »Und Friede auf Erden!«, Freiburg 1904,
Band 30 der im Karl-May-Verlag Bamberg erschienen Ausgabe,
267. Tausend, S. 252, Zeilen 9-16 von oben. Rechtschreibung wurde unverändert übernommen
(2) https://www.spektrum.de/news/fruehe-seefahrt-bewohner-der-osterinsel-segelten-nach-suedamerika-und-zurueck/1314552 (Stand 9.1.2019)
(3) https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/tabus-als-teil-fruehen-wassermanagements-in-polynesien-4139/ (Stand 9.1.2019)

Foto 7: ... Gespiegelt und farblich bearbeitet


475 »Vom Wasserheiligtum zur Mordhöhle«,
Teil 475 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 24. Februar 2019




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Sonntag, 10. Februar 2019

473 »Tabubrüche heute und einst«

Teil 473 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Nan Dowas, Nan Madol, anno 1899

In unserer säkularisierten Welt des Abendlands hat das Wort Tabu Einzug in die Alltagssprache gefunden. Wer zu viele Kilos auf die Waage bringt, sagt man, der muss abnehmen. Fette Speisen sind dann »tabu« für ihn. Die ursprüngliche, also die religiöse Bedeutung von »Tabus«, gerät weitestgehend in Vergessenheit.

Herbert Achternbuschs Schwarzweißfilm »Das Gespenst« erzählte anno 1982 eine merkwürdige Geschichte: Da wird eine lebensgroße geschnitzte Christusfigur eines bayerischen Klosters lebendig und steigt vom Kreuz. Als Oberkellner zieht der im Christentum als Messias verehrte Gottessohn dann mit der Oberin durch die Lande. Gelegentlich verwandelt er sich in eine Schlange. Am Schluss verwandeln sich Ober Jesus in eine Schlange und die Oberin in einen Greifvogel. Sie packt sich die Schlange und fliegt mit ihrer »Beute« in den Himmel hinein.

Eine Szene, in der Christus als »Scheiße« angeredet wird, musste aus dem »Filmopus« geschnitten werden. Trotzdem wäre »Das Gespenst« fast  verbannt worden. Am 20. April 1983 entschieden die zuständigen Vertreter der Filmwirtschaft im Hauptausschuss aber mit 2 zu 1: Der Film wird  für Zuschauer ab 18 freigegeben. Als »Das Gespenst« schließlich, ab 18 zugelassen, anlief, interessierte sich kaum jemand für den Streifen. Das änderte sich erst, als der Film wegen seiner Tabubrüche heftig angegriffen wurde. Heute, das wage ich zu behaupten, würde »Das Gespenst« kaum noch Proteste auslösen und kaum jemand würde wegen so eines Films noch ins Kino gehen. Auf einen Index verbotener Filme käme der Film schon gar nicht. Was vorgestern als Tabubruch Empörung ausgelöst hat, wird heute oft nur noch gelangweilt zur Kenntnis genommen.

Foto 2: Moses empfängt die 10 Gebote, Schnorr-Bibel, 1860.

Mir drängt sich der Eindruck auf, dass sich der vermeintlich moderne und tolerante Mensch unserer westlichen Welt, also des christlichen Abendlands, gern über religiöse Tabus des eigenen Kulturkreises hinwegsetzt, aber eben nur, so es um christliche Tabus geht. Ein vergleichbarer Umgang in einem Film wie »Das Gespenst« mit der Glaubenswelt des Islam freilich ist heute derart inakzeptabel, dass es niemand wagen wird, einen entsprechenden Film etwa über Mohamed zu drehen. So gesehen sind neue Tabus an die Stelle von alten getreten. Es gilt, so scheint mir, als Zeichen von Toleranz, Tabus fremder Religionen (vor allem des Islam!) zu achten und nicht auch nur anzutasten. Wer sich über Tabus aus dem christlichen Bereich lustig macht, der sieht sich gern als aufgeklärt und modern. Die eigenen Wurzeln werden gerade von jenen geleugnet, die fremdes Glaubensgut vehement verteidigen.


Das Wort Tabu geht auf das französische »tabou« und das englische »taboo« zurück. Das französische »tabou« und das englische »taboo« haben beide eine gemeinsame Wurzel, nämlich das aus polynesische »tapu«, zu Deutsch »geweiht, unberührbar«. Heilig wurden nach dem »Alten Testament« Orte, an denen sich Gott höchstpersönlich zeigte. Solche Orte durften von Normalsterblichen in der Regel nicht betreten werden. Zuwiderhandelnde wurden mit dem Tode bestraft. Ein solches »Tabu« galt auch für Tiere, zumindest im Fall der Landung Gottes auf einem Berg im »Heiligen Land«.

Foto 3: Fromme Bibelillustration, 1919, Moses und der Dornbusch.

Eine der irritierendsten Beschreibungen, die das Alte Testament zu bieten hat, findet sich im 2. Buch Mose. Zur Erinnerung: Moses führt sein Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit, ins »gelobte Land«. Nach einem Marsch von über zwei Monaten lagern, so beschreibt es das Alte Testament, die Israeliten in »Refidim«. Von »Refidim«, der Ort lässt sich heute nicht mehr lokalisieren, geht es weiter (1): »Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.« 

So wie wir heute nicht mit Bestimmtheit sagen können, wo genau dieses »Refidim« lag, bleibt unklar, von welchem Berg genau die Rede ist. Er bleibt namenlos. Nüchtern stellt wikipedia fest (2): »Die genaue Lage des biblischen Sinai ist nicht sicher bekannt. Ab dem 4. Jahrhundert wurde er mit dem Dschebel Musa (Mosesberg), der zweithöchsten Erhebung der Sinaihalbinsel (der Katharinenberg ist um ca. 350 m höher), gleichgesetzt. Am Fuß des Berges Sinai leben seither Mönche, die im 6. Jahrhundert das Katharinenkloster erbauten. Felsinschriften aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. zeigen, dass sich dort auch ein Wallfahrtsheiligtum der Nabatäer befand.« 

Foto 4: Usas Tod, Gemälde des Todes von Usa von Giulio Quaglio (*1668;†1751) im Dom St. Nikolaus (von 1704)

Unklar ist, auf welchem Berg Gott herniederkam. Unklar ist übrigens auch, wo die Bundeslade, ein echtes Tabu-Objekt, verblieben ist. Zurück zum biblischen Gott auf dem Berg. Oben auf dem Berg wartet Gott selbst auf Moses. Moses macht sich auf den Weg zu Gott auf dem Berg. Noch darf Moses Gott nicht gegenübertreten. Gott stellt ihm vom Berg herab Forderungen (3). Das Volk Israel soll sich verpflichten, der Stimme Gottes zu gehorchen. »Und alles Volk antwortete einmütig und sprach: Alles, was Jahwe geredet hat, wollen wir tun.« (4)

Jetzt wird es spannend (5): »Und Jahwe sprach zu Mose: ›Siehe, ich will zu dir kommen in einer dichten Wolke, auf dass dies Volk es höre, wenn ich mit dir rede, und dir für immer glaube.‹« Gott fährt schließlich auf furchteinflößende Weise aus dem Himmel hinab auf den Berg in der Wüste (6): »Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil Jahwe auf den Berg herabfuhr im Feuer; und sein Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen, und der ganze Berg bebte sehr.«  Nur Moses darf hinauf auf den Berg steigen, um Gott zu begegnen (6): »Als nun Jahwe herniedergekommen war auf den Berg Sinai, oben auf seinen Gipfel, berief er Mose hinauf auf den Gipfel des Berges, und Mose stieg hinauf.«

Das Volk freilich muss zurückbleiben. Korrekt übersetzt die »Elberfelder Bibel« (8): »Zieh eine Grenze rings um den Berg, und warne die Leute davor, sie zu überschreiten! Sie dürfen ihn nicht besteigen und sich auch nicht am Fuß des Berges aufhalten. Wer dem Berg zu nahe kommt, muss sterben.« Sterben müssen Mensch und Tier, die das »Tabu« missachten und das verbotene Gebiet betreten (9): »Keine Hand soll ihn anrühren, sondern er soll gesteinigt oder mit Geschoß erschossen werden; es sei ein Tier oder ein Mensch, so soll er nicht leben.«

Uneins sind sich die Übersetzer in einem Punkt. Die einen sind davon überzeugt, dass um das Volk ein Zaun gezogen werden musste, um ein Betreten der Tabu-Region zu verhindern. So lesen wir in der Luther-Bibel von 2017 (10): »Und zieh eine Grenze um das Volk und sprich zu ihnen: Hütet euch, auf den Berg zu steigen oder seinen Fuß anzurühren; denn wer den Berg anrührt, der soll des Todes sterben.«  Auch nach der »Elberfelder Bibel« soll eine »Grenze« um das Volk gezogen werden. Diese Übersetzung bietet auch die »Zürcher Bibel«. Nach anderen Übersetzungen wird nicht um das Volk, sondern um den Berg ein Zaun errichtet. Die »Hoffnung für Alle«-Übersetzung sieht das so, aber auch die »Gute Nachricht«-Version. Wie dem auch sei: Alle Übersetzungen sind sich einig im zentralen Punkt, nämlich dass ein Zaun das Tabu-Gebiet schützen soll. Die Volksmassen dürfen es nicht betreten!

Einerseits soll das Tabu-Areal geschützt werden. Andererseits sollen die Menschen davor bewahrt werden, einen Tabubruch zu begehen, was gnadenlos mit dem Tode bestraft würde. In der »Neues Leben«-Bibel lesen wir:»Zieh eine Grenzlinie und warne die Israeliten: »Wagt es nicht, auf den Berg zu steigen oder ihn auch nur zu berühren. Wer den Berg berührt, muss mit dem Tod bestraft werden!« 

Foto 5: Der Gott des Alten Testaments
Der Gott des Alten Testaments steigt vom Himmel herab, kommt auf einem Berg hernieder und heiligt so das Areal. Dadurch wird das Areal der Gotteslandung zur Tabuzone. Wo Gott ist, da ist Tabu. Ein weiteres biblisches Beispiel: Wo sich Gott dem Moses im brennenden Dornbusch zeigt (11), da wird der staubige Wüstenboden zu etwas Besonderem. Gott selbst befielt (12): »Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!«

Was wohl vielen Bibellesern nicht auffällt: Zunächst ist es nur »der Engel des Herrn«, der sich im Dornbusch zeigt (13): »Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch.« Als sich Moses neugierig dem seltsamen Phänomen nähert, wird aus dem Engel plötzlich der Herr, also Gott selbst (14): »Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.«

Tabu-Land darf von Normalsterblichen nicht betreten werden. Die Bundeslade war auch Tabu. Kein Normalsterblicher durfte sie berühren, wie es Usa schmerzlich erfahren musste. Als die Zugtiere, die den Wagen mit der Bundeslade zogen, ausrutschten, griff Usa beherzt zu. Er wollte in bester Absicht verhindern, dass die Bundeslade zu Boden stürzte. Er musste dennoch den Tabubruch mit dem Leben bezahlen (15): »Da entbrannte des Herrn Zorn über Usa, und Gott schlug ihn dort, weil er seine Hand nach der Lade ausgestreckt hatte, sodass er dort starb bei der Lade Gottes.« Guilo Quaglio (*1668; †1751) malte anno 1704 den toten Usa, am Boden liegend. Von Josph Keller (†1823) stammt ein Gemälde von Usas Tod. Es zeigt den toten Usa, vom göttlichen Zorn niedergestreckt, verewigt an der Decke der Pfarrkirche von Menzingen im Schweizer Kanton Zug.

Foto 6: Nebeneingang von »Nan Dowas« zur Jahrtausendwende

Tabus mag es einst weltweit gegeben haben. Nach und nach geraten sie in Vergessenheit. Beispiel: Die Ruinen von Nan Madol in der Südsee! Die Anreise aus Europa ist schon eine Strapaze, und das trotz modernster Transportmittel. Meine Flugroute: Hannover - Frankfurt - Newark/ New York - Honolulu/ Hawaii - Johnston Island - Majuro - Kwajalein - Kosrae - Pohnpei. Für den »einfachen Weg« müssen – und das bei günstigen Flugverbindungen! – drei oder vier Tage einkalkuliert werden. Bei der Reiseplanung muss darauf geachtet werden, für die jeweiligen Zwischenstationen ausreichend Zeit einzuplanen. Verpasst man bei einem Zwischenaufenthalt den Anschlussflug, kann das mehr als ärgerliche Folgen haben. Dann sitzt man tagelang irgendwo fest. Aber die rund 22.000 Flugkilometer lohnen sich für jeden, der sich für die großen Geheimnisse unseres Planeten interessiert!

»Pohnpei« mit den zyklopischen Monsterbauten von »Nan Madol« ist wirklich eine Weltreise wert! »Pohnpei« – auch »Ponape« geschrieben – gehört zur Inselgruppe der Karolinen. Touristen verirren sich nur selten in diese weit abgelegene Region der Südsee. Manche kommen, um im glasklaren Wasser zu tauchen. Erstaunt stellen sie dann fest, dass es eine echte archäologische Sensation gibt! Warum setzte man unvorstellbare Mengen an massivem Stein ein und nicht Holz, das so üppig wächst? Warum schichtete man kolossale Steinsäulen im Blockhüttenstil aufeinander und nicht das im Übermaß vorhandene Holz? Welchem Zweck dienten einst die Monstermauern von Nan Madol? So manchen Tag habe ich das Geheimnis von »Pohnpei« vor Ort zu erforschen versucht.

Über die uralte Religion der Erbauer der geheimnisvollen Anlagen von Nan Madol ist heute nichts mehr bekannt. So scheint es. Aber wenn Einheimische noch Kenntnisse über alte Riten haben, so schweigen sie wie die steinernen Ruinen von Nan Madol. Besonders interessant ist der Komplex von Nan Dowas (andere Schreibweise: Nan Tauas). Der massive Komplex bietet in seinem Zentrum, von zwei Monstermauern umschlossen, eine bunkerartige Gruft. Angeblich verrotteten hier die Leichname der vornehmsten Toten. Die Gebeine wurden angeblich auf geheimen Friedhöfen bestattet.

Foto 7: Nan Dowas alias Nan Tauas als Markenmotiv (Mikronesien)

Das unheimlich wirkende Mauerwerk war offenbar einst mit einem starken Tabu belegt. Für »Normalsterbliche« galt damals: Betreten verboten! Das war damals. Und heute? Noch heute wagt sich kaum ein Einheimischer des Nachts in das bunkerartige Bauwerk mit meterdicken Monstermauern. Warum? Warum wurden manche Orte mit Tabus belegt? Warum galten sie als heilig? Was unterschied diese Stätten von anderen? Was zeichnete sie aus?
  
Fußnoten
(1) 2. Buch Mose Kapitel 19, Vers 2
(2) wikipedia-Artikel »Sinai (Berg)«, Stand 27.12.2018
(3) ebenda, Verse 3-5
(4) ebenda, Vers 8
(5) ebenda, Vers 9
(6) ebenda, Vers 18
(7) ebenda, Vers 20
(8) ebenda, Vers 12
(9) ebenda, Vers 13
(10) ebenda, Vers 12 in der Luther-Bibel von 2017
(11) 2. Buch Mose Kapitel 3, Verse 2-5
(12) ebenda, Vers 5
(13) ebenda, Vers 2
(14) ebenda, Vers 4
(15) 2. Buch Samuel Kapitel 6, Vers 7

Foto 8: Noch einmal Usas Tod. Deckenfresko, gemalt von Joseph Keller

Zu den Fotos
Foto 1: Nan Dowas, Nan Madol, anno 1899
Foto 2: Moses empfängt die 10 Gebote, Schnorr-Bibel, 1860.
Foto 3: Fromme Bibelillustration, 1919, Moses und der Dornbusch.
Foto 4: Usas Tod, Gemälde des Todes von Usa von Giulio Quaglio (*1668;†1751) im Dom St. Nikolaus (von 1704)
Foto 5: Der Gott des Alten Testaments. Schnorr-Bibel, 1860.
Foto 6: Nebeneingang von »Nan Dowas« zur Jahrtausendwende
Foto 7: Nan Dowas alias Nan Tauas als Markenmotiv (Mikronesien). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Noch einmal Usas Tod. Deckenfresko von Usas Tod in der Pfarrkirche Menzingen, Zug, um 1800 gemalt von Joseph Keller.

474 »Heilige Orte, an denen Götter und Geister wohnen«,
Teil 474 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 17. Februar 2019



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