Sonntag, 29. März 2020

532. »Ich sehe in jener Höhe, die wir bestiegen, ein mächtig Licht«

Teil 532 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Abraham als Deckengemälde (Urschalling).

Jung-Abraham erhält mysteriösen Besuch (1). Jemand verkündet dem jungen Mann (2): Du wirst große Dinge sehen, die du noch nicht gesehen hast.« Was er da erlebt, kann er nicht begreifen. Jung-Abraham ist fassungslos (3): »Und es geschah, als ich die Stimme hörte, die solche Worte zu mir sprach, da schaute ich hierhin und dahin.« Wer oder was sprach da zu ihm? Jung-Abraham erkennt: Wer oder was ihn da auch anredete, ein Mensch war es jedenfalls nicht. Angst packt ihn (4): »Und siehe, da war kein menschlicher Odem, und mein Geist erfüllte sich mit Grauen.« Abrahams Entsetzen war zu viel. Er wurde ohnmächtig (5): »Meine Seele entfloh mir, und ich wurde einem Stein gleich und fiel nieder zu Boden, da ich keine Kraft mehr hatte, aufrecht auf dem Boden zu stehen.«

Paul Rießler teilt den Text etwas anders nach Versen ein, kommt aber in seiner Übersetzung zum gleichen Ergebnis. Abraham erfasst, dass da kein menschliches Wesen zu ihm spricht. Panik erfasst ihn (6): »Und so erschrak mein Geist, und meine Seele floh aus mir. Ich wurde wie ein Stein und fiel zu Boden, weil ich nicht mehr zum Stehen Kraft besaß.«

Jetzt wird klar, dass der Erste im Rang über dem Zweiten steht. Der Erste kommandiert, der Zweite gehorcht (7): »Und als ich noch mit dem Angesicht auf der Erde lag, da hörte ich die Stimme (des Heiligen) sagen: ›Gehe, Jaoel, … richte diesen Mann wieder auf und stärke ihn von seinem Zittern.‹« Dieser Befehlsempfänger wird als Engel beschrieben, der wie ein Mensch aussah, aber keiner war (8): »Und der Engel kam, den er mir in der Gestalt eines Mannes gesandt hatte, und er nahm mich bei der Rechten und stellte mich auf meine Füße.« Noch deutlicher wird dieser Sachverhalt in der Übersetzung von Rießler (9): »Da kommt zu mir der Engel, den Er mir gesandt, in eines Mannes Ähnlichkeit, faßt mich bei meiner Rechten, und stellt mich auf meine Füße.«

Ein kurzer Satz verdeutlicht, dass der »Engel« nicht von dieser Welt ist. So sagt der Himmlische zu Abraham (10): »Um deinetwillen lenkte ich zur Erde meinen Weg.« Noch klarer wird die himmlische Heimat des Engels in der Übersetzung von Belkis Philonenko –Sayar und Marc Philonenko (11): »Und um deinetwillen habe ich den Weg zur Erde eingeschlagen.« Ein »Engel«, »in eines Mannes Ähnlichkeit« oder »in Gestalt eines Mannes« hatte also seinen »Weg zur Erde gelenkt«. Er kam also von außerhalb der Erde.

Schließlich beschreibt Jung-Abraham das Aussehen des »Engels«. Mir scheint, dass der junge Mann etwas so Ungewöhnliches oder gar Phantastisches gesehen hat, dass er gar nicht begreifen konnte, was für ein Wesen ihm da wieder auf die Beine geholfen hatte. Für unser Verständnis kommt noch erschwerend hinzu, dass Abraham Bilder und Vergleiche benutzt, die wir nicht mehr wirklich nachvollziehen können (12): »Und so erhob ich mich; da sah ich den, der mich an meiner Rechten faßte und mich auf meine Füße stellte. Sein Leib glich einem Sayphir, sein Antlitz einem Chrysolith und seines Hauptes Haar dem Schnee und seines Hauptes Diadem dem Regenbogen.«

Foto 2: Abraham, etwa 1180

Der »Engel« muss Jung-Abraham sehr beeindruckt haben. Rekonstruieren lässt sich das äußere Erscheinungsbild nicht wirklich. Was ist zum Beispiel gemeint, wenn es im Text heißt »seines Hauptes Diadem« habe »dem Regenbogen« geglichen? In der Übersetzung von Belkis Philonenko –Sayar und Marc Philonenko wird daraus (13): »Und der Turban auf seinem Haupte hatte das Aussehen des Regenbogens.« Irgendetwas war auf oder über dem Gesicht des »Engels«, das bunt schillerte. Was mag das gewesen sein? Der »Engel« hält etwas in seiner rechten Hand. Was? Nach der Übersetzung von Rießler »war … ein golden Zepter in seiner Rechten«, bei Belkis Philonenko –Sayar und Marc Philonenko lesen wir (14): »In der rechten Hand hatte er einen (goldenen) Stab.« Belkis Philonenko –Sayar und Marc Philonenko schreiben in einer Fußnote zunächst von »königlichen Attributen« des »Engels«, erklären dann aber, dass der unverständliche Ausdruck nach anderen Manuskripten »wiederhergestellt« werden musste. Was also hielt der »Engel« in der Rechten? Was hatte er am Kopf, vielleicht auch über dem Gesicht? Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass manchmal schon im Original unzulängliche Vergleiche gewählt wurden, die eventuell durch Beschädigungen des Manuskripts unverständlich waren und »wiederhergestellt« werden mussten.

Der Originaltext der »Apokalypse des Abraham« weist weder Kapiteleinteilungen auf, noch erfolgt eine Verszählung. Paul Rießler fügt Kapitelüberschriften ein, die den Inhalt der folgenden Verse zusammenfassen sollen. Da lesen wir zum Beispiel unter der Überschrift (15) »15. Kapitel: Abrahams Luftreise« (16): »Und es geschah bei Sonnenuntergang, da gab es Rauch wie Rauch aus einem Ofen. … So trug er mich bis an der Feuerflammen Grenzen. Dann stiegen wir hinauf, so wie mit vielen Winden, zum Himmel, der da ob dem Firmament war.«

Nach der »Apokalypse des Abraham« kam es tatsächlich zu einer »Luftreise«. Der junge Mann wird hoch empor getragen. Dort oben erspäht er Seltsames, oder ist der Ausdruck Phantastisches besser gewählt? (17) »Ich sehe in der Luft auf jener Höhe, die wir bestiegen, ein mächtig Licht, nicht zu beschreiben, und in dem Licht ein mächtig Feuer.«

Wagen wir eine moderne Interpretation. Jung-Abraham wird von zwei himmlischen Besuchern (von Außerirdischen) kontaktiert. Abraham weiß gar nicht, wo er hinschauen soll. Er empfindet offensichtlich große Angst. »Nicht eines Menschen Atem war’s« deutet auf nichtirdisches Leben hin. »In eines Mannes Ähnlichkeit« macht deutlich, dass Jaoel (andere Schreibweise: Javel) menschenähnlich aussah, aber doch kein Mensch war.

Spekulieren wir weiter: Jaoel trug so etwas wie einen schützenden Raumanzug. Seines »Hauptes Diadem« glich dem Regenbogen. Jaoel trug etwas in der rechten Hand. Daraus wurde in der Übersetzung ein »Stab«, ein »Zepter«. Was mag es wirklich gewesen sein? Ein Messgerät vielleicht? Jung-Abraham ist alles vollkommen fremd und unheimlich. Besucher im Raumanzug mögen für ihn geradezu monströs gewirkt haben. Kein Wunder, dass Jung-Abraham bei einem solchen Anblick von Panik erfasst wird und ohnmächtig niedersinkt. Jaoel muss ihm wieder auf die Beine helfen.

Können wir uns in einen Menschen des »Alten Testaments« hineinversetzen? Uns sind Bilder und Filme von Astronauten im Raumanzug ebenso vertraut wie von startenden Raketen und von Raumstationen, die die Erde umkreisen. Bezeichnungen für Raumfahrttechnologie gehören für uns mehr oder minder zur Alltagssprache. Derlei Ausdrücke waren dem jungen Abraham vollkommen fremd. Er musste zu Begriffen aus seiner Alltagssprache greifen, um Dinge zu beschreiben, die er nicht begreifen konnte. Stellen wir uns den Helm eines Schutzanzugs eines Astronauten vor. Jung-Abraham erklärt: »eines Hauptes Diadem dem Regenbogen.« Ist es möglich, dass Jung-Abraham ein Wesen in einem Raumanzug beschreibt, wenn da zu lesen steht: »Sein Leib glich einem Sayphir, sein Antlitz einem Chrysolith und seines Hauptes Haar dem Schnee und seines Hauptes Diadem dem Regenbogen.«

Bleiben wir bei unserer Überlegung. Spekulieren wir weiter. Wenn Jung-Abraham so etwas wie eine Rakete vor dem Start gesehen hat, welche Beobachtung würde er schildern? Wie würde er formulieren, was er Unheimliches gesehen hat? In der »Abraham Apokalypse« lesen wir (18): »Da gab es Rauch, wie Rauch aus einem Ofen.« Was hat er beobachtet, wenn er schreibt (19): »Die Engel, … sie stiegen von des rauchenden Ofens Spitze auf.«? Was hat Jung Abraham erlebt? Er umschreibt seine »Luftreise« so (20): »So trug er mich bis an der Feuerflammen Grenzen. Dann stiegen wir hinauf, so, wie mit vielen Winden, zum Himmel. … Ich sehe in der Luft auf jener Höhe, die wir bestiegen, ein mächtig Licht, nicht zu beschreiben.« Sollte er tatsächlich zu einer die Erde umkreisenden Raumstation geschafft worden sein? Dort sieht Abraham, so heißt es weiter im Text »eine Schar, ja eine große Schar von mächtigen Gestalten, die … sich Worte rufen, wie ich sie nicht kannte.« Um im Bild unserer Überlegung zu bleiben: Die Himmlischen unterhielten sich natürlich in ihrer Sprache, die dem jungen Abraham fremd war und die er nicht verstehen konnte.

Foto 3: »In der Höhe ein mächtig Licht..«.

Es stellt sich zwangsläufig eine wirklich wichtige Frage: Wie frei sind wir, wenn es darum geht, einen Text zu verstehen? Können wir einen Text, der unverstanden über lange Zeiträume hinweg überliefert wurde, begreifen? Konkreter: Nehmen wir an, ein Vertreter einer technisch rückständigen Zivilisation hatte eine Begegnung mit einer sehr hoch stehenden Zivilisation. Der Vertreter der rückständigen Zivilisation konnte nicht erfassen, was er da erlebte. Was da real geschah, das konnte in seinen Augen nur Zauberei sein. Sir Arthur C. Clarke (*1917;†2008) konstatierte völlig zutreffend (21): »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.«

Der Zeuge erlebte für ihn eigentlich Unmögliches. Er war also nicht dazu in der Lage, angemessen und korrekt zu beschreiben, was ihm da begegnete. So sehr er sich auch bemühte, seine Schilderung des Erlebten kann nur ein verfälschtes Abbild der Realität sein. Ist es dann möglich, Jahrhunderte oder gar Jahrtausende später zu rekonstruieren, was einst nur entstellt schriftlich fixiert wurde? Kann dann eine reale Begegnung mit dem Vertreter einer scheinbar magischen Zivilisation noch als wirkliche Begegnung erkannt werden?

Es schließen sich weitere Fragen an: In wieweit lassen wir fantastisch anmutende Antworten überhaupt zu? In wieweit klammern wir zu unrealistisch erscheinende Antworten aus? Wenn wir , basierend auf prinzipiellen Erwägungen, eine mögliche Antwort auf eine Frage kategorisch ausschließen, dann sehen wir erst gar nicht Hinweise auf eben diese mögliche Antwort. Wir sehen nicht alles, was wir sehen könnten, sondern zumindest bevorzugt das, was wir für möglich halten.

Christian Morgenstern (*1871; †1914) dichtete (22): »Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.«  Morgenstern schildert in humoristischen Reimen wie ein gewisser Palmström bei einem Autounfall ums Leben kommt. Palmström will sich damit nicht abfinden. So entdeckt er dann auch, dass an der Unfallstelle keine Auto hätte fahren dürfen. Also leugnet er seinen eigenen Tod und lebt weiter, »weil nicht sein kann, was nicht sein darf«.

Konkreter: Wenn ich es für absolut ausgeschlossen halte, dass Abraham eine Begegnung mit zwei Außerirdischen hatte, dann sehe ich auch keinen Hinweis, der für eine solche Begegnung spricht. Ich gestatte es mir dann gar nicht, so etwas zu sehen. Wenn man so eine Begegnung aber zumindest in die Überlegungen mit einbezieht, erscheint manche Aussage der  »Abraham Apokalypse« in ganz anderem Licht.

Fußnoten
(1) Philonenko-Sayar, Belkis und Philonenko, Marc: »Die Apokalypse Abrahams«, erschienen als »Band V Lieferung 5« der Buchreihe »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, Gütersloh 1982
Die Zitate wurden unverändert übernommen. Die Rechtschreibreform wurde nicht berücksichtigt.
(2) Ebenda, Seite 429, IX, 5 (Kapitel IX, Vers 5)
(3) Ebenda, Seite 430, X, 1 (Kapitel X, Vers 1)
(4) Ebenda, Seite 430, X, 2 (Kapitel X, Vers 2)
(5) Ebenda, Seite 430, X, 3 (Kapitel X, Vers 3)
(6) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 20, X, 2
(7) Philonenko –Sayar, Belkis und Philonenko, Marc: »Die Apokalypse Abrahams«, erschienen als »Band V Lieferung 5« der Buchreihe »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, Gütersloh 1982, Seite 430, X, 4
(8) Ebenda, Seite 431, X, 5
(9) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 21, X, 5
(10) Ebenda, Seite 21, X, 14
(11) Philonenko –Sayar, Belkis und Philonenko, Marc: »Die Apokalypse Abrahams«, erschienen als »Band V Lieferung 5« der Buchreihe »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, Gütersloh 1982, Seite 432, X, 14
(12) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 22, XI, 1+2
(13) Philonenko –Sayar, Belkis und Philonenko, Marc: »Die Apokalypse Abrahams«, erschienen als »Band V Lieferung 5« der Buchreihe »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, Gütersloh 1982, Seite 432, XI, 2
(14) Die Verseinteilung wurde unterschiedlich vorgenommen. Bei Rießler ist es Kapitel 11, Vers 2, bei Belkis Philonenko –Sayar und Marc Philonenko hingegen ist es Vers 3.
(15) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 25 (Mitte)
(16) Ebenda, Seite 25, XV 1, 4 und 5
(17) Ebenda, Seite 25, XV, 6
(18) Ebenda, XV, 1
(19) Ebenda, XV, 2
(20) Ebenda, XV, 4-6
(21) Sir Arthur C. Clarke in »Profiles of the Future«, zitiert von Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57. Originalzitat: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«, »Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible«, revidierte Ausgabe 1973, Seite 36
(22) Morgenstern, Christian: »Die unmögliche Tatsache«

Zu den Fotos
Foto 1: Abraham als Deckengemälde (Urschalling). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Abraham, etwa 1180 (Herrad of Landsberg). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: »In der Höhe ein mächtig Licht..«. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


533. »Erinnerungen an die Zukunft«,
Teil 533 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 05. April 2020



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Sonntag, 22. März 2020

531. »Nicht eines Menschen Atem«

Teil 531 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Erich von Dänikens erster
Weltbestseller (Cover)
»Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.« lässt William Shakespeare (*1564; †1616) Hamlet zu seinem Freund Horatio sagen (1). Tatsächlich scheint sich zwischen Himmel und Erde mehr abzuspielen, als die Schulwissenschaft wahrhaben will. Das beweist bis heute hinlänglich der Schweizer Erfolgsautor Erich von Däniken in seinen faszinierenden Sachbüchern.

1968 erschien Erich von Dänikens erster Weltbestseller »Erinnerungen an die Zukunft« im ECON-Verlag und löste weltweit eine regelrechte »Dänikenitis« aus. Der Zeitpunkt war günstig: Stand doch die bemannte Raumfahrt vor einem Höhepunkt. Erstmals würden Menschen auf einem fremden Himmelskörper, auf dem Mond, dem Erdtrabanten, landen. Und als die Mondlandefähre sanft auf unserem Erdtrabanten aufsetzte, hieß es: »Der Adler ist gelandet!«

Da fragten sich unzählige Millionen von Menschen: Wenn wir Menschen, die wir erst am Anfang der Weltraumfahrt stehen, ins All aufbrechen können, wieso sollen dann außerirdische Zivilisationen, die womöglich viel älter als die irdische sind, nicht schon in grauer Vorzeit Raumfahrt betrieben haben? Warum sollen sie, die Außerirdischen, nicht bereits in grauer Vorzeit zur Erde gekommen sein?

Foto 2: Die Grabplatte von
Palenque (Mexico)
Die Grabplatte von Palenque wurde 1968 durch Erich von Däniken weltberühmt. Zierte doch eine zeichnerische Darstellung des Reliefs vom steinernen Sarkophag Dänikens Erstling »Erinnerungen an die Zukunft«. Erich von Däniken trug eine raumfahrttechnische Interpretation der Steingravur vor (2):

»Da sitzt ein menschliches Wesen mit dem Oberkörper vorgeneigt, in Rennfahrerpose vor uns; sein Fahrzeug wird heute jedes Kind als Rakete identifizieren. Das Vehikel ist vorne spitz, geht über in merkwürdig gerillte Ausbuchtungen, die Ansauglöchern gleichen, wird dann breiter und endet im Rumpf in eine züngelnde Feuerflamme. Das Wesen selbst, vornüber geneigt, bedient mit den Händen eine Reihe unidentifizierter Kontrollgeräte und setzt die Ferse des linken Fußes auf eine Art Pedal.

Seine Kleidung ist zweckentsprechend: eine kurze, karierte Hose mit einem breiten Gurt, eine Jacke mit modernem japanischen Halsausschnitt und dicht abschließende Arm- und Beinbänder. Es würde, in Kenntnis korrespondierender Darstellungen, verwundern, wenn der komplizierte Hut fehlen würde. Er ist da, mit Ausbuchtungen und Röhren. Unser so deutlich dargestellter Raumfahrer ist nicht nur durch seine Pose in Aktion - dicht vor seinem Gesicht hängt ein Gerät, das er starrend und aufmerksam beobachtet. Der Vordersitz des Astronauten ist vom hinteren Raum des Fahrzeugs, in dem man gleichmäßig angeordnete Kästen, Kreise und Spiralen sieht, durch Verstrebungen abgetrennt.«

Erich von Däniken (*1935) machte das mysteriöse Relief auf der Grabplatte von Palenque weltberühmt. Weltweit wurde heftig über Dänikens Raumfahrer-These diskutiert. Ernst von Khuon (*1915; †1997) reagierte auf Dänikens Weltbestseller und auf das Echo, das das Buch weltweit auslöste. Er gab einen Sammelband mit Beiträgen von Wissenschaftlern über Erich von Dänikens Hypothesen heraus (3): »Waren die Götter Astronauten?«

Foto 3: Die Grabplatte von Palenque/ Ausschnitt.

Däniken fand In Sachen Palenque Unterstützung ausgerechnet im Lager der Raumfahrttechniker. Dr. Wolfgang Briegleb und Professor Dr. Siegfried Ruff, beide damals tätig bei der »Deutschen Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt«, verfassten ein bemerkenswertes (4) »Plädoyer für eine unkonventionelle Erforschung unserer Vergangenheit«. Die »Grabplatte von Palenque«  hatte es den beiden Raumfahrtexperten besonders angetan (5):

»Einer der beeindruckendsten optischen Belege für Dänikens Thesen scheint uns die Grabplatte von Palenque zu sein. Man muss sich hier wirklich Gewalt antun, um nicht mit den Augen unserer Tage eine stilisierte Gemini- oder Wostok-Kapsel zu erkennen. … Die Körperhaltung der dargestellten menschlichen Gestalt ist eigentlich nur sinnvoll, wenn sie eine Beschleunigung in Richtung Brust-Rücken erhält. dass der hypothetische Raketenpilot zudem anscheinend hemdsärmelig fliegt, ist uns eine inzwischen vertraute Vorstellung.«

Interessant ist ein Statement zweier Maya-Experten von Rang. Prof. David Stuart (*1965) ist ein US-amerikanischer Altamerikanist, der an der »University of Texas«, Austin, lehrt. Gemeinsam mit seinem Vater George E. Stuart (*1935; †2014) verfasste der Wissenschaftler das Werk (6) »Palenque/ Eternal City of the Maya«. Über die Grabplatte von Palenque lesen wir da (7): »Untersucht man den Sarkophag als Ganzes, dann kann der Sarkophag als sorgfältig zusammengestelltes Modell des Kosmos angesehen werden, wobei der Himmel (der Deckel) über der Erde und ihren grünen Gefilden (der Sarg) liegt.«

Foto 4: Die Grabplatte von
Palenque/ Ausschnitt.
Erich von Däniken beschrieb schon 1968 den Mann im Relief auf dem Sarkophag als Astronauten. Die beiden Raumfahrttechniker Dr. Wolfgang Briegleb und Professor Dr. Siegfried Ruff sahen Dänikens Interpretation als sehr naheliegend an. Man könne sich seiner Sichtweise kaum entziehen. Und die Maya-Experten George und David Stuart? Sie sehen im Sarkophag-Deckel den Himmel. Der dänikensche »Astronaut« bewegt sich nach Ansicht der beiden Wissenschaftler im Himmel. Ihre Interpretation stützt Dänikens Sichtweise.

Recht hat Shakespeare: »Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.«

In die gleiche Kategorie fällt ohne Zweifel auch ein mysteriöses Erlebnis, das Adam nach der Vertreibung aus dem Paradies hatte. In einem apokryphen Text, den Paul Rießler in seinem Werk »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel« (8) wiedergibt, geht es um das »Leben Adams und Evas« (9). Drei Fassungen liegen vor: eine griechische, eine lateinische und eine slawische. Was zu einer gewissen Verwirrung führen kann: Das »Leben Adams und Evas« wurde bereits 1866 unter dem Titel »Apocalypsis Mosis« publiziert. Zugrunde lagen damals vier Handschriften. Die älteste, eine mailändische, soll spätestens im 11. Jahrhundert angefertigt worden sein. Sehr viel weiter zurück reicht ein Manuskript in lateinischer Sprache. Es soll etwa aus dem Jahr 730 stammen.
Adam, so erfahren wir, sprach zu seinem Sohn Seth (10):

»Vernimm mein Sohn! Ich will dir künden, was ich sah und hörte. Nachdem wir aus dem Paradies vertrieben waren, ich mitsamt deiner Mutter, da kam zu mir, als wir beim Beten waren, Erzengel Michael, von Gott gesandt. Da sah ich gleich dem Winde einen Wagen, und seine Räder waren feurig; da wurde ich zum Paradiese der Gerechtigkeit entrückt. Ich sah den Herrn da sitzen; sein Anblick war ein unerträglich brennend Feuer und viele tausend Engel rechts und links vom Wagen.«

Adam wurde nach diesem Text von einem Wagen mit feurigen Rädern offenbar in den Himmel »entrückt«, wo er »den Herrn« sitzen sah.

Bei Rießler findet sich auch der nicht weniger interessante apokryphe Text »Apokalypse des Moses« (11). Kann es sein, dass Eva aus ihrer Sicht just jenes Erlebnis bekundete, von dem Adam Sohn Seth erzählte? Freilich schildert der Text Adams Himmelsreise nicht als körperliches, sondern geistiges Geschehnis. Nicht Adams Leib wurde gen Himmel transportiert, sondern seine Seele. Eva aber wurde nach der Schilderung im apokryphen Text leibhaftig zu Adams Leichnam geflogen (12):

»Und Eva lag noch auf den Knieen im Gebet, da kam zu ihr der Menschheit Engel und hieß sie sich erheben: Eva! Steh auf von deiner Buße! Adam, dein Mann, hat seinen Leib verlassen. Sieh, wie sein Geist zu seinem Schöpfer fährt und dort vor ihm erscheint! Eva erhebt sich und deckt mit ihrer Hand das Angesicht. Der Engel sprach zu ihr: Erheb dich aus dem Irdischen! Und Eva blickt zum Himmel auf; da sieht sie einen Lichtwagen heranfahren, gezogen von vier glänzenden Adlern. Kein aus dem Mutterleib Geborener kann ihre Herrlichkeit beschreiben, noch in ihr Antlitz schauen; vorauf dem Wagen gingen Engel. Sie kamen zu dem Ort, wo Adam, euer Vater, lag. Da hielt der Wagen.«

Von der »Apokalypse des Moses« zur »Apokalypse des Abraham«, die Paul Rießler ebenfalls in sein Werk aufgenommen hat (13). Sie entstand bereits im 1. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung, vermutlich kurz nach dem Jahr 70 n. Chr. Das Original wurde in hebräischer Sprache verfasst. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass vermutlich das Hebräisch des Originaltextes zumindest in Teilen aramäischen Einflüssen ausgesetzt war. Erhalten ist der Text ist in einer slavischen Fassung, die früher als »altslavonisch« bezeichnet wurde.

Zunächst wird Abraham vorgestellt (14): Nachor I war der Vater von Nachor II und von Therach. Abraham war der Enkel von Nachhor I, ein Sohn von Therach und ein Neffe von Nachor II.Therach verrichtete Dienst im Tempel. Er fertigte aber auch Statuen und Statuetten von Göttern an. Der junge Abraham war bei seinem Vater ein emsiger Lehrling. Eines Tages fiel »Steingott Merumat« im Tempel um. Die Steinfigur war viel zu schwer, als dass Abraham sie wieder  hätte aufstellen können. Zusammen mit seinem Vater Therach versuchte Abraham, die Statue wieder aufzurichten (15):

»Als wir ihn beide fortbewegten, um ihn auf seinen Platz zu stellen, fiel ihm sein Kopf herab, solang ich ihn am Kopfe hielt.« Offenbar war die Statue des Gottes nun entweiht. Vater Therach (16)  »hieb er einen andern Merumat aus einem andern Stein zurecht, doch ohne Kopf; dann setzte er den abgebrochenen Kopf ihm wieder auf, das andere von Merumat zerschlug er.«

Therach fertigte Götter-Statuen an, Sohn Abraham verkaufte sie, zum Beispiel an syrische Kaufleute, deren Karawane nach Ägypten zog (17). Wieder kam es zu einem Malheur: Ein Kamel stößt einen Schrei aus, der mit fünf Götter-Statuen beladene Esel Abrahams scheut, drei Götter-Bildnisse gehen zu Bruch. Die Syrer erweisen sich als großzügig. Sie übernehmen die zwei unbeschädigten Statuen, bezahlen aber den vollen Kaufpreis für alle fünf.

Jung-Abraham wird als kritisch denkender Mensch geschildert. Er kann offensichtlich die heiligen Statuen nicht mehr als mächtige Götter ansehen. Es waren nicht die Götter-Statuen, die seinen Vater Therach schufen, vielmehr ist sein Vater der Schöpfer der vermeintlichen »Götter«! So fragt sich Abraham (18): »Ist nicht vielmehr er seiner Götter Gott? Denn durch sein Meißeln, Drechseln, durch seine Kunst entstehen sie. Ja, sollten sie nicht meinen Vater anbeten, da sie doch nur sein Machwerk sind? Was liegt doch für ein Wahn in meines Vaters Werken?«

In seiner Welt war der junge Abraham ein Ketzer, der nicht mehr daran glaubt, dass die Götterstatuen auch wirklich Götter waren. Sonst wären nicht drei von ihnen beim Sturz vom Esel zerbrochen. Sonst wären die Trümmer der Götter, die er im Gurfluss versenkt hatte, ja wieder an Land gekommen. Und sie hätten als echte Götter den Esel, der schuld an ihrer Zerstörung war, bestraft. Wenn die Götter sich nicht selbst helfen können, wie kann dann ein falscher Gott (19) »wohl einen Menschen retten oder eines Menschen Bittgebet erhören oder ihn belohnen«. Vater Therach kann nur mit Empörung reagieren, als ihm sein Sohn Abraham ketzerische Gedanken offenbart (20). Therachs »Götter« könnten niemanden segnen. Vielmehr sei doch er es, sein Vater Therach, der die Götter herstelle und segne und nicht umgekehrt!

In erstaunlicher Ausführlichkeit wird klargestellt, dass der junge Abraham die Glaubenswelt seines Vaters, des »Herrgottschnitzers« in der »Apokalypse des Abraham«, für unsinnigen Aberglauben hält. Die Kapitelüberschriften (21) »Abrahams Verspottung der Götzen« und »Der Götzen Nichtigkeit« verraten, dass Abraham nichts vom Glauben seines Vaters hält. Der junge Abraham zweifelt nicht, er lehnt die Religiosität seiner Umwelt vollkommen ab. Und diesem Abraham widerfährt ein faszinierendes Erlebnis, dessen Beschreibung besser in einen Science-Fiction Film als in einen apokryphen Text aus biblischen Zeiten passt!

Es kommt zu einer unheimlichen Begegnung. Zwei Fremde (oder »Fremdartige«?) besuchen Jung-Abraham. Einer redet ihn an. Ein Mensch ist es  nicht, der ihn anspricht. Das scheint Jung-Abraham sofort erkannt zu haben (22): »Als ich die Stimme hörte, die solche Worte sprach, sah ich bald hierhin und bald dorthin. Nicht eines Menschen Atem war’s.«

Fußnoten
(1) »Hamlet«, 1. Akt, 5. Szene. Originalzitat: »There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy.«
(2) Däniken, Erich von: »Erinnerungen an die Zukunft«, S. 149, 7. Zeile von unten – Seite 150, 15. Zeile von oben
(3) Khuon, Ernst von: »Waren die Götter Astronauten«, Düsseldorf und Wien 1970
(4) »Plädoyer für eine unkonventionelle Erforschung unserer Vergangenheit«, Ebenda S.82-92
(5) Ebenda, S. 84, 3. Zeile von unten – Seite 85, 13. Zeile von oben
(6) Stuart, David und Stuart, George: »Palenque/ Eternal City of the Maya«, London 2008. (Titel in etwa: »Palenque/ Ewige Stadt der Maya«. Eine Übersetzung ins Deutsche liegt meines Wissens nicht vor.)
(7) Ebenda, Seite 173, 13.+12. Zeile von unten. Originalzitat: »Studied as a whole, the sarcophagus can be seen as a carefully composed model of the cosmos, with the sky (the lid) placed above the earth and its verdant realm (the coffin).« Übersetzung Walter-Jörg Langbein
(8) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928
(9) Ebenda, »Das Leben Adams und Evas«, Seiten 668-681
(10) Ebenda, Seite 674, §25
(11) Ebenda, Seiten 138-155
(12) Ebenda, Seiten 150+151, §32 unten und §33 oben
(13) Ebenda, »Apokalypse des Abraham«, Seiten 13-39
(14) Ebenda, 1. Kapitel, 1
(15) Ebenda, 1. Kapitel,7+8
(16) Ebenda, 1. Kapitel, 12
(17) Ebenda, 2. Kapitel, 1-9
(18) Ebenda, 3. Kapitel (»Abrahams Bedenken«), 3+4
(19) Ebenda, 3. Kapitel, 8
(20) Ebenda, 4. Kapitel 3+5
(21) Ebenda, 5.+6. Kapitel
(22) Ebenda, Seite 20, 10. Kapitel,1+2

Zu den Fotos
Foto 1: Erich von Dänikens »Erinnerungen an die Zukunft«. Das Buchcover mit der Grabplatte von Palenque. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die mysteriöse Grabplatte von Palenque. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Die Grabplatte von Palenque/ Ausschnitt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Die Grabplatte von Palenque/ Ausschnitt. Foto Walter-Jörg Langbein

532. »Ich sehe in jener Höhe, die wir bestiegen, ein mächtig Licht«,
Teil 532 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 29. März 2020


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Sonntag, 15. März 2020

530. »Rebellion der Himmelssöhne«

Teil 530 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Ruinenstadt Nan Madol aus der Luft.

»Pohnpei«, auch als »Ponape« bekannt, gehört zur Inselgruppe der Karolinen. Touristen verirren sich nur selten in diese weit abgelegene Region der Südsee. Man muss sprichwörtlich um unseren Planeten reisen und sieht am Ziel »nur« Ruinen und keine Spur von Südseeromantik. Manche kommen, um im glasklaren Wasser zu tauchen. Erstaunt stellen sie dann fest, dass es eine echte archäologische Sensation gibt. Auf künstlichen Inseln wurden gigantische Bauten errichtet. Aus gewaltigen Steinsäulen wurden meterdicke Mauern aufgetürmt, die keinen erkennbaren Sinn ergeben.

Warum wurde in der fernen Südsee so gigantisch gebaut? Warum setzte man unvorstellbare Mengen an massivem Stein ein? Warum schichtete man kolossale Steinsäulen im »Blockhüttenstil« aufeinander? Warum machte man sich unendliche Mühen mit tonnenschwerem Stein, statt das viel einfacher zu bearbeitende, leichter zu transportierende und im Übermaß vorhandene Holz zu nutzen?

Von Pohnpeis Hauptstadt Kolonia (Einwohnerzahl: etwa 6.100/ Stand Frühjahr 2020) aus war ich mit einigen Freunden im Motorboot Richtung »Nan Madol«-Ruinen unterwegs. Plötzlich tauchte ein Delphin auf, der uns einige Minuten lang in gleichbleibendem Abstand verfolgte. Guide Lihp Spegal holte das Letzte aus dem Motor heraus und beschleunigte die Fahrt unseres Bootes. Das beeindruckte den Delphin offensichtlich überhaupt nicht. Mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit holte er auf und begleitete uns in geringem Abstand. Er schwamm neben unserem Boot, vollführte dabei immer wieder beachtliche Sprünge. Bald wurde es dem Tier wohl zu langweilig. Der Delphin überholte uns, wurde immer schneller, beschleunigte weiter und war nach kurzer Zeit aus unserem Gesichtsfeld verschwunden. Minuten später tauchte er wieder neben unserem Boot auf, schwamm wieder mit erstaunlicher Geschwindigkeit neben uns her und verschwand dann wieder.

Foto 2: Mythos Delphin im Westwerk von »Kloster Corvey«.

Lihp Segal erzählte uns auf der Fahrt zu den mysteriösen Ruinen einige abenteuerlich anmutende Geschichten, von Delphinen, die Schiffbrüchige gegen angreifende Haie verteidigt hätten. Einheimische Fischer seien bei Sturm gekentert und sofort von Haien attackiert worden. Delphine hätten nun die Haie angegriffen und vertrieben. Mancher schiffbrüchige Seemann sei vor dem Ertrinken durch Delphine bewahrt und ans ferne rettende Ufer gezogen worden. Unser Guide beteuerte, das alles sei wirklich geschehen.

Auf der weiteren Fahrt zu den mysteriösen Ruinen von Nan Madol berichtete ich von Göttin Demeter. Ich war froh, auch etwas zur spannenden Unterhaltung beitragen zu können. In der griechischen Mythologie, so führte ich aus, tauchen Delphine als Tiere dieser mächtigen Göttin auf.  Sehr interessiert hörte Lihp Segal zu, als ich  die Sage von Sonnengott Apollon wiedergab. Der wurde angeblich auf einer Insel mitten im Meer geboren und schließlich von einem Delphin ans Festland gebracht. Zum Sternbild »befördert« wurde der Delphin zur Belohnung für die tatkräftige Unterstützung von Gott Poseidon. Dank des Delphins hat die Meeresnymphe Amphitrite den verliebten Gott erhört.

In der Kunst des »Alten Griechenlands« gibt es viele Darstellungen der Nereiden, die auf dem Rücken von Delphinen reiten. Im Westwerk des einstigen Klosters zu Corvey wurde vor vielen Jahrhunderten ein Delphin in einer Wandmalerei verewigt, auf dem eine Person unbestimmbaren Geschlechts reitet. Warum verewigte man ein heidnisches Motiv in einem christlichen Gotteshaus? Weil die heidnische Legende von der christlichen Glaubensgemeinschaft übernommen wurde. Nur war es jetzt Christus, der Retter der Seelen, den man in den heidnischen Delphinen zu erkennen glaubte. Offensichtlich halten sich religiöse Symbol sehr viel hartnäckiger als die Anhänger verschiedener Religionen glauben möchten. In »neuen« Religionen leben »alte« Glaubensbilder weiter. Sie werden nur mehr oder minder unverändert integriert.

Foto 3: Percy John Wisemans
Werk im Original.
Bereits im Jahr 1936 erschien das Buch (1) »New Discoveries in Babylonia about Genesis« von Percy John Wiseman, einem biblischen Offizier und Amateurarchäologen. Eine Übersetzung ins Deutsche folgte 1957 (2): »Die Entstehung der Genesis: Das erste Buch der Bibel im Licht der archäologischen Forschung«. Das Buch stieß auf ein gewisses Interesse, so dass einige weitere Auflagen folgten (3). In der theologischen Welt hüllte man sich allerdings weitestgehend in Schweigen. Air Commodore Wiseman war fasziniert von der Flut von archäologischen Entdeckungen in Mesopotamien. Tausende und Abertausende von Tontafeln in Keilschrift sind damals ausgegraben worden. Bienenfleißige Übersetzer übertrugen die teilweise mysteriösen Texte in moderne Sprachen. Wiseman konzentrierte sich auf die Art und Weise, wie einige der gebackenen Tontafeln strukturiert waren. Viele wiesen eine Besonderheit auf. Nach einem Textabschnitt folgte wieder ein sogenanntes »Kolophon«. Da stand dann formelhaft beispielsweise wer eine Tafel zu welchem Zweck geschrieben hat. Oder es wurde angemerkt, dass der Textabschnitt auf Befehl eines bestimmten Königs kopiert worden ist. Häufig wurde einem Textabschnitt eine Überschrift vorangestellt, die am Ende des Textabschnitts wiederholt wurde.

Viele Keilschrifttafeln trugen einen in sich abgeschlossenen Text. Viele Keilschrifttafeln bildeten aber so etwas wie ein fortlaufendes »Buch«. Wenn so eine Keilschrifttafel Teil einer Serie war, dann wurden häufig am Anfang und am Ende in einem »Kolofon« Verknüpfungsinformationen hinzugefügt. So sollte gewährleistet sein, dass die Keilschrifttafeln in einer ganz bestimmten Reihenfolge gelesen wurden.

Foto 4: Percy John Wisemans
Buch in deutscher Übersetzung.
Percy John Wiseman machte nun eine erstaunliche Entdeckung. Das Phänomen der »Kolofone« war nicht nur typisch für mesopotamische Keilschrifttafeln. Es tauchte in identischer Weise im biblischen Buch »Genesis«, im »Ersten Buch Mose«, auf. Am Ende seiner detektivischen Fleißarbeit schlussfolgerte Wiseman, dass das biblische Buch Genesis »ursprünglich in ganz alter Schrift auf Tontäfelchen niedergeschrieben wurde«. Mit anderen Worten: Das »Erste Buch Mose« ist zumindest in Teilen uralt, die von Keilschrifttafeln übernommen und kopiert wurden.

Wiseman (4): »Das Vorkommen babylonischer Wörter in den ersten elf Kapiteln der Genesis weist darauf hin, daß diese Kapitel in sehr früher Zeit im babylonischen Lebensraum entstanden sind.«
Theologen beschäftigen sich im Fachbereich »Altest Testament« in der Regel auch heute noch nur mit den Texten des »Alten Testaments«. Ihnen fällt dann natürlich nicht auf, was Percy John Wiseman bereits in den 1930er Jahren entdeckt hat. Und Keilschriftexperten setzen sich in der Regel nur mit Keilschriften aus Babylon auseinander und nicht mit den Texten des »Alten Testaments«. Ihnen kann also auch nicht auffallen, dass das Buch Genesis ganz nach babylonischer Art geschrieben wurde. Es ist mehr denn überfällig, dass es zu interdisziplinärer Arbeit kommt, etwa zwischen Experten »Altes Testament« und Experten »Babylonische Keilschrifttafeln«. Vielleicht müssen dann bis heute als gültig angesehene Lehrmeinungen über die Entstehung des »Alten Testaments« gründlich revidiert werden! Davor schreckt die überwältigende Mehrheit der Theologen zurück.

Wenn Theologie wissenschaftlich arbeiten will, dann dürfen Theologen nicht an dem manchmal recht engen Horizont ihres Denkens halt machen. Es müssen dann Zusammenhänge zwischen biblischem und außerbiblischem Schrifttum erforscht werden. Beispiel: die mysteriösen Riesen, die kurz und bündig im »Ersten Buch Mose« erwähnt werden. Zur Erinnerung: Nach »Genesis« (5) paarten sich die Gottessöhne mit den Menschentöchtern, woraus dann die Riesen entstanden, die »hochgerühmten«.

Die ausführlichste Beschreibung über die Entstehung der Riesen außerhalb der Bibel ist im Buch »Henoch« nachzulesen. Meine Quelle (6): »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments« von Emil Kautzsch.

Unter der Überschrift »Der Fall der Engel, ihre vorläufige und endgültige Bestrafung« lesen wir in »Das Buch Henoch«(7): »Nachdem die Menschenkinder sich gemehrt hatten, wurden ihnen in jenen Tagen schöne und liebliche Töchter geboren. Als aber die Engel, die Himmelssöhne, sie sahen, gelüstete es sie nach ihnen und sie sprachen untereinander: ›Wohlan, wir wollen uns Weiber unter den Menschentöchtern wählen und uns Kinder zeugen.‹« Auch in Rießlers Textsammlung (8) »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler« wird das »Henochbuch« (9) geboten. Rießlers Übersetzung leicht marginal von der bei Kautzsch ab (10): »Als sich die Menschenkinder vermehrten, wurden ihnen damals schöne und liebliche Töchter geboren. Als die Engel, die Himmelssöhne, sie erblickten, gelüstete es sie nach ihnen, und sie sprachen untereinander: ›Wir wollen uns Weiber aus den Menschenkindern wählen und uns Kinder erzeugen!‹«

Foto 5: Sturz der Engel,
Peter Paul Rubens, um 1521
In den himmlischen Gefilden ging es offensichtlich alles andere als harmonisch zu. Da gab es offenbar Intrigen und Verschwörungen. Offenbar war es den Himmelssöhnen nicht gestattet, sich mit den Menschentöchtern zu paaren. Genau das aber taten einige. Ihr Anführer hatten Angst, am Schluss als Alleinschuldiger für die Rebellion bestraft zu werden. Der Anführer der rebellischen Himmlischen (»Engel, Himmelssöhne«) hatte offensichtlich Bedenken. Er befürchtete wohl, dass er sich nicht so recht auf seine Gefolgsleute verlassen konnte (11):

»Semjasa aber, ihr Oberster, sprach zu ihnen: ›lch fürchte, ihr werdet wohl diese Tat nicht ausführen wollen, so dass ich alleine eine große Sünde zu büßen haben werde.‹ Da antworteten ihm alle und sprachen: ›Wir wollen alle einen Eid schwören und durch Verwünschungen uns untereinander verpflichten, diesen Plan nicht aufzugeben, sondern dieses beabsichtigte Werk auszuführen.‹ Da schworen alle zusammen und verpflichteten sich untereinander durch Verwünschungen. Es waren ihrer im ganzen 200, die in den Tagen Jareds auf den Gipfel des Berges Hermon herabstiegen. Sie nannten aber den Berg Hermon, weil sie auf ihm geschworen und durch Verwünschungen sich untereinander verpflichtet hatten.«

Eine Mannschaft von 200 »Himmlischen« widersetzte sich in überirdischen Gefilden, ja wem? Gott? Gab es einen Aufstand, eine Rebellion? Diese Vorstellung passt nicht so recht zum Verhältnis zwischen Himmlischen (Engeln/ Gottessöhnen) und Gott. Wie dem auch sei, die Rebellen vereinbarten in einer geheimen, trotzigen Absprache, das Verbot zu brechen und die Konsequenzen gemeinsam zu tragen. Überliefert sind nur die Namen des obersten Anführers und von im Rang niedriger stehenden Anführern der himmlischen Rebellion (12):

»Dies sind die Namen ihrer Anführer: Semjasa, ihr Oberster, Arakib, Arameel, Akibeel, Tamiel, Ramuel, Danel, Ezequel, Saraqujal, Asael, Armers, Batraal, Anani, Zaquebe, Samsaveel, Sartael, Turel, Jomael, Arasjal. Diese und alle übrigen nahmen sich Weiber, jeder von ihnen wählte sich eine aus, und sie begannen zu ihnen hineinzugehen und sich an ihnen zu verunreinigen. Sie lehrten sie Zaubermittel, Beschwörungsformeln und das Schneiden von Wurzeln und offenbarten ihnen die heilkräftigen Pflanzen. Sie wurden aber schwanger und gebaren 3.000 Ellen lange Riesen.«

Das Henoch-Zitat belegt, dass die »Himmelssöhne« für die Menschen zu Lehrmeistern wurden. Sie unterrichteten die Menschen. Sie brachten ihnen offenbar verbotenes Wissen bei. Denken wir an den Baum der »Erkenntnis« im Paradies, der für Adam und Eva unter Androhung der Todesstrafe  tabu war (13): »Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.«

Völlig unglaubwürdig hingegen ist die Behauptung, die Riesen seien »3.000 Ellen lang« geworden. Auch wenn die biblische Elle nicht genau umrechenbar ist, weil es verschiedene Ellen gegeben zu haben scheint, so entsprächen 3.000 Ellen etwa 1,5 km! Hier muss wohl ein späterer Textbearbeiter erschrocken zwei Nullen hinzugefügt haben.

Fußnoten
(1) Wiseman, P(ercy) J(ohn): »New Discoveries in Babylonia about Genesis«, Marshall, Morgan & Scott, London 1936
(2) Wiseman, Percy John: »Die Entstehung der Genesis«, Verlag Sonne und Schild, Wuppertal, 1957
(3) Wiseman, Percy John: »Die Entstehung der Genesis«, Brockhaus, Wuppertal  1968, 2. Aufl. 3. Auflage 1971, 4. Auflage 1987, 5. Auflage 1989
(4) Wiseman, Percy John: »Die Entstehung der Genesis«, Brockhaus, Wuppertal  1968, 3. Auflage 1971, Seite 146, 10.-7. Zeile von unten
(5) 1. Buch Mose, Kapitel 6, Verse 1-4
(6) Kautzsch, Emil: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, Band II: »Die Pseudepigraphen«, Tübingen 1900
(7) Ebenda, Seite 238, Kapitel 6, Verse 1+2
(8) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928
(9) Ebenda, Seiten 355-473
(10) Ebenda, Seite 358
(11) Kautzsch, Emil: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, Band II: »Die Pseudepigraphen«, Tübingen 1900. Seiten 238+239, Kapitel 6, Verse 3-6
(12) Ebenda, Seite 239, Kapitel 6, Vers 7 und Kapitel 7, Verse 1+2
(13) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Verse 16+17

Zu den Fotos
Foto 1: Die Ruinenstadt Nan Madol aus der Luft. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Mythos Delphin im Westwerk von »Kloster Corvey«. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
(Zeichnerisch rekonstruiert und gespiegelt!)
Foto 3: Percy John Wisemans Werk im Original. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Percy John Wisemans Buch in deutscher Übersetzung. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sturz der Engel, Peter Paul Rubens, um 1521. gemeinfrei

531. »Nicht eines Menschen Atem«,
Teil 531 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22. März 2020


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Sonntag, 8. März 2020

529. »Adam, Eva und das Gift Gottes«

Teil 529 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Studium
altehrwürdiger Texte
Es gibt eine schier unüberschaubare Sammlung altjüdischer Texte, von denen nur ein kleiner Teil in die Bibel aufgenommen wurde. Seit vielen Jahrhunderten studieren unzählige Gelehrte die altehrwürdigen Texte. Nach weithin anerkannter Lehrmeinung der Theologie legte man zwischen 190 v.Chr. und etwa 100 n.Chr. fest, welche Texte für das Leben schlechthin wichtig sind. So entstand das »Alte Testament« als eine Sammlung »heiliger Bücher«.

Zu Beginn des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts formierte sich langsam das »Neue Testament«. Offiziell einigte man sich aber erst anno 367 auf der Synode von Laodicea auf die Festlegung. Zu dieser regionalen Synode hatten sich etwa dreißig Geistliche aus Anatolien in der heutigen Türkei versammelt.

Jetzt erst stand fest, welche Texte in die Bibel des Christentums zu gehören hatten und welche nicht. Diese Texte bezeichnet man als biblischen Kanon. Der Ausdruck geht auf das hebräische »qanä« zurück, was so viel wie »Richtschnur, Regel und Norm« bedeutet. Die frühe Kirche verstand darunter zweierlei: Die Bibel war Richtschnur für das menschliche Leben. Und der Kanon regelte, welche Texte in die Bibel gehören und welche nicht. Damit erfolgte eine Wertung: Die einen Texte wurden als heilig angesehen, die anderen nicht.

Im Judentum war das anders: Manche Texte wurden zwar nicht im Gottesdienst benutzt, gehörten aber dennoch dem Kanon an. Im Christentum wurden manche Texte auch im Gottesdienst eingesetzt, die nicht zum Kanon gehören. Als »apokryph« bezeichnet(e) man Texte, die  man aus der griechischen Übersetzung des Alten Testaments übernahm. Man schätzte sie als den Glauben unterstützende Erbauungsliteratur. Man hielt sie aber nicht für würdig genug, in den Kanon aufgenommen zu werden. Prof. Dr. Georg Fohrer (*1915; †2002), Fachbereich Altes Testament an der »Friedrich Alexander Universität Erlangen«, schlug deshalb eine Umbenennung vor (1): »Treffender könnte man sie deuterokanonische Bücher nennen, die eine Art Anhang zum Kanon bilden.« »Deuterokanon« bedeutet so viel wie »2. Kanon«.

Eine zweite Gruppe von Texten, die »Pseudepigraphen«, wurde ebenfalls nicht in den Kanon aufgenommen: Mit Recht weist Fohrer darauf hin, dass diese Bezeichnung unglücklich gewählt ist. »Pseudepigraph« bedeutet »unter anderem Verfassernamen«. Tatsächlich sind aber nicht wenige »pseudepigraphe« Texte in Wirklichkeit anonym. Das heißt: Sie laufen nicht unter einem falschen Verfassernamen, sondern es wird überhaupt kein Autor genannt.

Was den Sachverhalt kompliziert macht und die Unterscheidung zwischen »kanonisch« und »nicht kanonisch« als willkürlich erkennen lässt, das ist die fehlende Logik. Die vier Evangelien, nach Markus, Matthäus, Lukas und Johannes benannt, waren ursprünglich anonym. Erst nachträglich wurden sie mit den Namen der Evangelisten in Verbindung gebracht, die aber in Wirklichkeit gar nicht die Verfasser sind. Die sogenannte »Johannesapokalypse« wurde nur in den Kanon der Bibel aufgenommen, weil man Jesusjünger Johannes für den Verfasser hielt. Die vier Evangelien der Bibel sind also genauso  pseudepigraph wie etwa das »Evangelium des Pseduo-Matthäus«. Letzteres aber wurde aus welchen Gründen auch immer nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen.

Auch die »Fünf Bücher Mose« sind nach heutigem Kenntnisstand der theologischen Wissenschaft nicht von Moses selbst verfasst worden und sind demnach »pseudepigraph«. Mit anderen Worten: Was als »apokryph« bezeichnet wird, könnte aus rein formalen Gesichtspunkten genauso in der Bibel stehen wie jene Texte, die wir heute in der Bibel finden.

In altjüdischen, heiligen Texten, die leider nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden, stößt man immer wieder auf Hinweise auf seltsam und phantastisch anmutende Begegnungen zwischen Menschen und himmlischen Wesen. Paul Rießler veröffentlichte in seinem Werk (2) »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel« eine ganze Reihe von Texten, die nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden.

Der vielleicht interessanteste Text dieser wichtigen Sammlung ist nach meiner Meinung (3) »Leben Adams und Evas«. Der erhalten gebliebene, vom Christentum beeinflusste Text »Leben Adams und Evas« ist seinem Ursprung nach aber gar nicht christlich. Das Original war in hebräischer Sprache verfasst. Der von jüdischen Verfassern geschaffene Text wurde zunächst aus dem Hebräischen ins Griechische übersetzt und schließlich aus dem Griechischen ins Lateinische übertragen. Die heute bekannten Fassungen entstanden zum Teil schon im 3., zum Teil erst im 5. Jahrhundert n. Chr., die Originalversion in hebräischer Sprache dürfte fast zwei Jahrtausende alt sein. Bis heute wurde die Urfassung nicht entdeckt.

Foto 2: Sturz aus dem Himmel.
(Albrecht Dürer)
Nach dem Hinauswurf aus dem Paradies begann für Adam und Eva ein hartes Leben (4):» Nachdem sie aus dem Paradies vertrieben waren, erbauten sie sich eine Hütte, und sie verbrachten sieben Tage trauernd, in großer Trübsal klagend.« Das paradiesische Schlaraffenland war nur noch quälende Erinnerung. Zwei Engel, bewaffnet mit fürchterlichen Schwertern, versperrten den Rückweg (5): » Gott der HERR lagerte vor den Garten Eden die Cherubim mit dem bloßen, hauenden Schwert, zu bewahren den Weg zu dem Baum des Lebens.« Gab es denn wirklich kein Zurück mehr? Eva macht einen selbstlosen Vorschlag (6): »Und Eva sprach zu Adam: ›Mein Herr, willst du, so töte mich!

Vielleicht führt dich dann Gott, der Herr, ins Paradies zurück, ist Gott, der Herr, doch meinethalben über dich in Zorn geraten. Willst du denn nicht mich töten, daß ich sterbe? Vielleicht führt dich dann Gott, der Herr, ins Paradies; du wurdest doch von dort nur meinetwegen ausgetrieben.‹«

Adam lehnt aber ab. Er fürchtet, mit der Ermordung Evas erneut den Zorn Gottes auszulösen: »Und Adam sprach: ›Red nicht so, Eva, auf daß nicht Gott, der Herr, uns abermals verfluche! Wie könnt ich meine Hand gegen mein eigen Fleisch erheben?‹« Trotz drastischer Bußübungen bleibt der Rückweg ins Paradies für Adam und Eva versperrt.

Im Paradies hatte die Schlange nach biblischem Glauben (7) Eva nicht nur dazu verleitet, selbst von der verbotenen Frucht zu essen. Die Schlange brachte Eva auch noch dazu, Adam zum Biss in das verbotene Obst zu verleiten. Im »Leben Adams und Evas« taucht der »Satan« nicht wieder als Schlange, sondern (8) »in der Engel Lichtgestalt« auf. Und Eva (9) »gebar einen Sohn, der lichtvoll war … und er erhielt den Namen Kain«. »Engel Lichtgestalt« verweist natürlich auf den verteufelten »Luzifer«, den »Lichtbringer«. Und dass Kain »lichtvoll war«, das bringt unterschwellig zum Ausdruck, dass nicht Adam der Vater Kains war, sondern jener »Lichtbringer«, sprich Satan, der Teufel. Paul Rießler kommentiert erklärend (10): »›Lichtvoll‹ = Kain, vielleicht so genannt wegen der Anschauung, wonach Kain ein Sohn Luzifers, des ›Lichtbringers‹ war.« Und tatsächlich: Im Zohar (11) wird erklärt, dass nicht Adam, sondern Samael der Vater von Kain war. Der Zohar stellt fest: »Seine Gesichtszüge unterschieden sich von denen anderer Menschen.« Samael (deutsch: das Gift Gottes) wird im rabbinischen Judentum häufig mit Satan gleichgesetzt.

Je intensiver man sich mit dem jüdischen Schrifttum im Umfeld des »Alten Testaments« auseinandersetzt, desto deutlicher tritt hervor, dass die Bibel zum Teil recht vereinfachte Geschichten erzählt. Ich habe versucht, die himmlischen Verhältnisse besser zu verstehen und deshalb intensiv im Zohar gelesen. Ich muss aber zugeben, dass ich umso weniger verstand, je mehr Texte mir bekannt waren. Ein Beispiel sind die ominösen Elohim, die Götter, die uns immer wieder im »Alten Testament« begegnen. Im Zohar lesen wir (12), dass bestimmte (?) Engel »Elohim (Götter) genannt werden. Sie werden in der Kategorie der Götter aufgenommen, obwohl sie nicht Himmel und Erde geschaffen haben.«

Zu den Götter-Engeln oder Engel-Göttern gezählt wurden auch Uzza und Azael, und die hatten höchst menschliche Wünsche (13): »Als Uzza und Azazel von ihrer heiligen Stätte fielen, sahen sie die Töchter der Menschen, sündigten und zeugten Söhne. Dies waren Nephilim, gefallene Wesen, wie geschrieben steht: Die Nephilim, gefallene Wesen, waren auf Erden.« An anderer Stelle erfahren wir aus dem Zohar, was Rabbi Yose lehrt (14): »Dies sind Uzaza und Azael, wie bereits erwähnt, die der Heilige aus überirdischer Seligkeit herabgestoßen hat.«

Azazel (andere Schreibweise: Asasel) war einer der gefallenen Engel. Er wurde häufig mit »Satan« alias »Luzifer« in Verbindung gebracht. Das arabische Pendant zu »Asasel«, der wie Luzifer aus dem Himmel stürzte oder gestürzt wurde, war in der vorislamischen Zeit Al-Uzza, die Schutzgöttin von Mekka. Seefahrer baten sie bei Sturm um Hilfe, galt die Göttin doch als Beschützerin der Schiffe bei ihren Reisen über die Meere. Als Delphin folgte sie den Schutzbefohlenen. Der Delphin wurde vom Christentum übernommen: aus dem Retter von Schiffbrüchigen wurde Christus, der Retter der Seelen. Heilige Symbole scheinen uralt zu sein.

Der schwarze Stein in der Kaaba zu Mekka gehörte ihr. Priesterinnen huldigten der Göttin bis der Islam kam. Al-Uzza erschien wie Venus am Morgen. Sie war Teil einer weiblichen Triade, gemeinsam mit Manat, dem Abendstern, und Al-Lat, dem Mond.

Wo der Zohar Namen nennt, bleibt das »Alte Testament« anonym, erzählt aber die gleiche Geschichte (15): »Als aber die Menschen sich zu mehren begannen auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter der Menschen waren, und nahmen sich zu Frauen, welche sie wollten. Da sprach der HERR: Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen walten, denn er ist Fleisch. Ich will ihm als Lebenszeit geben hundertzwanzig Jahre. Es waren Riesen zu den Zeiten und auch danach noch auf Erden. Denn als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten.«

Foto 3: Vom Himmel hinab! Peter Paul Rubens
Von der Bibel zu den mysteriösen »Qum Ran Texten«, die über Jahrzehnte hinweg der Öffentlichkeit vorenthalten wurden! Im »Buch Henoch der Riesen« (16) wird auf »himmlische Wesen« hingewiesen, die mit »irdischen Töchtern« höchst intim verkehrten und Nachwuchs erzeugten, nämlich die »Nephilim«, die Riesen.

Ein weiterer »Qum Ran Text« (17) spricht konkret vom »Wagen der Herrlichkeit«, erwähnt einen »Streitwagen der Herrlichkeit mit Scharen von Radengeln«. In einem weiteren Text (18) wird Henochs »himmlisches Wissen über die himmlischen Sphären und ihre Wege« gelobt. Kein Wunder: Wie wir aus dem 1. Buch Moses (19) wissen, wandelte Henoch mit den Göttern der Vorzeit. Er starb auch keines natürlichen Todes auf Erden. Er wurde vielmehr ins All »entrückt«.

Ins All reiste, wieder in einem »Qum Ran Text« beschrieben, auch Michael. Da gibt es einen kurzen, höchst interessanten Text. Robert H. Eisenman (* 1937),  US-amerikanischer Archäologe, ist Professor für die Religion und Archäologie des Nahen Ostens und Direktor des »Instituts für die Erforschung der frühen jüdisch-christlichen und islamischen Geschichte« an der California State University, Long Beach. Eisenman gilt als Qumran-Fachmann. Wer sich gründlich mit den Texten von Qumran auseinandersetzen möchte, sei auf sein Werk »Jesus und die Urchristen« (20) verwiesen. Prof. Eisenman geht auf ein kurzes Textfragment ein (4 Q 529). Er schreibt (21):

»Dieser Text, den man auch ›Die Vision des Michael‹ überschreiben könnte, gehört eindeutig zur Literatur der Himmelfahrts- und Visionserzählungen.«. Schließlich zitiert Prof. Eisenman die Übersetzung des Fragments (22): »Die Worte aus dem Buch, die Michal zu den Engeln Gottes sprach, nachdem er zu den Höchsten Himmeln aufgefahren war. Er sagte:›Ich fand Scharen von Feuer dort.‹«

Sehr interessant ist ein weiteres Textfragment (4Q385-389), dem Prof. Eisenman ein eigenes Kapitel widmet (23): »Deutero-Hesekiel«. Offensichtlich ist der Text nur bruchstückhaft erhalten. Da taucht im wahrsten Sinne des Wortes Hesekiel auf (24): »Die Vision, die Hesekiel sah… ein Strahl eines Wagens…« Und weiter lesen wir (25):  »Rad mit Rad verbunden, während sie gingen, und von den beiden Seiten der Räder kamen Ströme von Feuer, und in dern Mitte der Kohlen waren lebende Wesen, wie Kohlen im Feuer, Lampen sozusagen in der Mitte der Räder und der lebenden Gestalten. Über ihren Köpfen war ein Firmament, welches wie das schreckliche Eis aussah. Und über dem Firmament kam ein Laut..«
  
Fußnoten
(1) Fohrer, Georg: »Das Alte Testament«, Gütersloh 1969, S. 10
(2) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928
Eine minimal, wirklich nur marginal abweichende Übersetzung bietet Kautzsch, Emil: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, Band II: »Die Pseudepigraphen«, Tübingen 1900, Seiten 510-528
(3) Ebenda, Seiten 668-681
(4) Ebenda, Seite 668, §1
(5) 1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 23+24
(6) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 668, §3
(7) 1. Buch Mose, Kapitel 3, Verse 1-7
(8) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 669, §9
(9) Ebenda, Seite 673, §21 Zeile 11 und §22 Zeile 1
(10) Ebenda, Seite 1311, 6.-4. Zeile von unten
(11) »The Zohar: Pritzger Edition«, Band I, Stanford, Kalifornien, 2004, Seitze 234, 4.+5.- Zeile von oben
(12) Ebenda, Seite 63, 3.-6. Zeile von oben (»They are included in the category of gods, though they did not make heaven and earth.«)
(13) Ebenda, Seite 233, Zeilen 13+14 von oben und Seite 234, Zeilen 1+2 von oben: »When Uzza an Azazel fell from their holy site above, they saw the daughters of human beings, sinned and engendered sons. These were nefilim, fallen beings, as is written: The nefilim, fallen beings, were on earth.« (Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein)
(14) Ebenda, Seite 330, rechte Spalte oben, Zeieln 1-4: »These are Uzaza and Azael, as has been stated, cast down by the blessed Holy One from supernal samnctity.« (Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein)
(15) 1. Buch Mose, Kapitel 6, Verse 1-4
(16) Textbezeichnung 4 Q 532
(17) Textbezeichnung 4 Q 286/287
(18) Textbezeichnung 4 Q 227
(19) 1. Buch Mose, Kapitel 5, Vers 24
(20) Eisenman, Robert und Wise Michael: »Jesus und die Urchristen/ Die Qumran-Rollen entschlüsselt.«, 2. Auflage, München 1993
(21) Ebenda, S. 43, 20.-18. Zeile von unten
(22) Ebenda, Seite 45, Mitte
(23) Ebenda, Seiten 65-70
(24) Ebenda, Seite 68, 14. Zeile von unten
(25) Ebenda, 6.-1. Zeile von unten


Zu den Fotos
Foto 1: Studium altehrwürdiger Texte (Ein Haggadah-Manuskript), ca. 1425. wiki commons
Foto 2: Sturz aus dem Himmel. Albrecht Dürer, etwa 1500. wiki commons
Foto 3: Vom Himmel hinab! Peter Paul Rubens um 1630. wiki commons

530. »Nicht eines Menschen Atem«,
Teil 530 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 15. März 2020




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Sonntag, 1. März 2020

528. »Zehntausende von blitzenden Wagen hat Gott.«

Teil 528 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Kain...
von der Erde hinweggenommen....
Die Mordsgeschichte (1) im Telegrammstil: Adam und Eva haben zunächst zwei Söhne, Kain und Abel. Beide opfern ihre Gaben für Gott. Gott nimmt Abels Opfer an, das von Kain verschmäht er. Wütend ermordet Kain seinen Bruder. Die Strafe Gottes für Kain folgt. Gott spricht (2): »Und nun verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bauen wirst, soll er dir hinfort sein Vermögen nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.« Kain beklagt sich bitter (3): »Siehe, du treibst mich heute aus dem Lande, und ich muß mich vor deinem Angesicht verbergen und muß unstet und flüchtig sein auf Erden.« Von besonderem Interesse ist der Anfang von Vers 14. Vergleichen wir verschiedene Übersetzungen!

»Luther-Bibel« 1912: »Siehe, du treibst mich heute aus dem Lande.«
»Luther-Bibel« 2017: »Siehe, du treibst mich heute vom Acker.«
»Hoffnung für alle«: »Ach, Gott, du verstößt mich von dem Land.«
»Schlachter 2000«: »Siehe, du vertreibst mich heute vom Erdboden.«
»Zürcher Bibel«: »Sieh, du hast mich heute vom Ackerboden vertrieben.«
»Gute Nachricht Bibel«: »Du vertreibst mich vom fruchtbaren Land.«
»Elberfelder Bibel«: »Siehe, du hast mich heute von der Fläche des Ackerbodens vertrieben.«

Was genau geschieht nun mit Kain? Wird er aus dem Land geworfen? Oder wird er vom fruchtbaren Ackerland vertrieben? Im hebräischen Original steht אדמה , lies »'ădâmâh«. Das Wort kann »Land«, »Erdboden« und »Erde« bedeuten. In welcher Bedeutung wird »'ădâmâh« im konkreten Vers verwendet? Wenn es irgendwo eine klärende Antwort auf diese Frage gibt, dann ja wohl im Zohar. In diesem Werk, das eher eine Bibliothek als ein Buch ist, gibt es eine spannende Antwort (4): »Und siehe: Du hast mich vom Angesicht der Erde verbannt.« Vom »Angesicht der Erde«? Nach dem Zohar wurde Kain vom Angesicht der Erde hinweg genommen und nach »Arqa«, auf eine der sieben Planeten-Welten, gebracht!

Ich muss hier an die wahrhaft kosmische Reise erinnern, die Kain nach den »Legenden der Juden« absolviert hat: Nach den »Legenden der Juden« ermordete Kain seinen Bruder Abel auf dem Planeten »adamah«. Zur Strafe wurde er auf den Planeten »erez« verbannt. Erst als Kain Reue zeigte, brachte ihn Gott auf eine andere Welt. So kam er vom kosmischen »Alkatraz« auf Planet »arqa« (andere Schreibweise: »arka«).

Nach dem Zohar ist »Arqa« ein fremder Planet. Erzählt wird (5), dass Rabbi Chiya und Rabbi Yossi auf einer ihrer Reisen eine wundersame Begegnung mit einem Bewohner von »Arqa« hatten. Viele Jahre suchte ich im umfangreichen »Zohar« nach der geheimnisvollen Begegnung. Erich von Däniken gibt in seinem zweitem Weltbestseller »Zurück zu den Sternen/ Argumente für das Unmögliche« eine Konversation zwischen Menschen und einem Außerirdischen wieder (6): »Rabbi Yossé (Yossi) trat vor den Fremden und fragte ihn, von wo er denn sei. Der Fremde antwortete: ›Ich bin ein Bewohner Arqas.‹ « Der Rabbi reagierte überrascht und fragte nach (7): »›Es gibt also Lebewesen auf Arqa?‹ Der Fremde antwortete: ›Ja. Als ich Euch kommen sah, bin ich aus der Höhle gestiegen, um den Namen der Welt zu erfahren, auf der ich angekommen bin.‹«

Lange Zeit suchte ich nach dem Originaltext im »Zohar«, leider vergeblich. Schließlich begann ich eine intensive Recherche im Internet. Wieder sah es so aus, als würde meine Suche im sprichwörtlichen Sand verlaufen. Doch dann kam ein Kontakt mit Rabbi Mendel Adelman zustande. Rabbi Adelman wurde in Amherst, Massachusetts, geboren und wuchs dort auf.  Er studierte an den jüdische Hochschulen in New Haven, Connecticut, und Brooklyn, New York. Rabbi Adelman lebt in Atlanta, Georgia. Er publiziert zum Thema »jüdisches Recht« und hält viel beachtete Vorträge.

Rabbi Adelman erwies sich als sehr umgänglich, freundlich und hilfsbereit. So übersetzte er die entscheidenden Passagen aus dem Zohar (8) für mich. Rabbi Chiya und Rabbi Yossi vernahmen eine Stimme, die ihnen dringend davon abriet, einen bestimmten Weg einzuschlagen. Sie folgten den Anweisungen der Stimme und bestiegen schließlich einen Berg. Dort begegnete ihnen ein fremdartiges Wesen. Sie hielten inne und fragten dieses Wesen, woher es denn komme. 

Die Antwort lautete: Von Arqa. Erstaunt hakten Rabbi Chiya und Rabbi Yossi nach: »Leben dort Leute?« Das Wesen bejahte. Allerdings sähen die Bewohner von Arqa anders als die beiden Rabbis aus. Für die beiden Rabbis war die Begegnung mit dem Wesen von der Planeten-Welt Arqa etwas Wundersames, das sie aber durchaus akzeptieren konnten.

Ob sie, wie so manche Rabbis unserer Zeit, davon überzeugt waren, dass es im All unzählige Planeten-Welten gibt, auf denen die unterschiedlichsten Lebewesen beheimatet sind? Nach dem »Tikuney Zohar«, der fast vollständig in aramäischer Sprache verfasst wurde, gibt es »Sterne ohne Zahl und jeder Stern wird als separate Welt bezeichnet. Dies sind die Welten ohne Zahl«. Von 18.000 Welten ist die Rede, offenbar von belebten, bewohnten Planeten-Welten.

»Avodah Zarah« (zu Deutsch etwa »Götzendienst«) ist ein religiöses  Traktat aus dem Talmud, »Sefer Nezikin«) und behandelt religiöse Vorschriften für Juden, die unter Nichtjuden leben. Geregelt wird der Umgang mit nichtjüdischen »Götzendienern«.  Zu den »Nichtjuden«, so scheint es, werden auch die Bewohner fremder Planeten-Welten, sprich Außerirdische, gezählt. Für den Umgang mit Außerirdischen galten die gleichen Verhaltensregeln wie gegenüber nichtjüdischen Mitmenschen auf Planet Erde.

Gott bereist nach altem jüdischem Glauben weite Räume. Er fliegt zu sehr vielen Welten. So steht es im mysteriösen »Avodah Zarah«-Text (9). »Er reitet auf seinem leichten Engel und fliegt in achtzehntausend Welten.« Was mag mit Gottes »leichtem Engel« gemeint sein, auf dem er »reitet«?

Nach einem von mir konsultierten Rabbi beziffert »Avodah Zarah« die Zahl der »Wagen Gottes« auf insgesamt 20.000, von denen 2.000 »nicht präsent« seien. Soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass 2.000 dieser Wagen unterwegs zu fremden Planetenwelten waren? Wie dem auch sei: Es wird offensichtlich davon ausgegangen, dass Gott sehr viele fliegende Wagen zur Verfügung standen. Dazu passt ein Vers aus dem »Alten Testament«. Der 68. Psalm (nach griechischer Zählung der 67.) wird David zugeschrieben. Er gilt zumindest in seinem Grundbestand als einer der ältesten erhaltenen Psalmen. Zu finden ist er im zweiten Buch des Psalters. Im Lobpreis Gottes wird im Psalm (10) auf die Vielzahl seiner himmlischen Vehikel hingewiesen. Offensichtlich sind sich die diversen Übersetzer nicht einig, über wie viele fliegende Wagen Gott wohl verfügte. Allem Anschein nach weiß man nicht, wie denn die richtige Übersetzung lauten muss. Keinen Zweifel kann es aber daran geben, dass es tausende und abertausende Wagen waren. Ich habe eine ganze Reihe von Bibelübersetzungen konsultiert, die ich zur Diskussion stelle.

»Luther-Bibel 2017«: »Der Wagen Gottes sind vieltausendmal tausend.«
»Elberfelder«: »Der Wagen Gottes sind zehntausendmal Tausende.«
»Schlachter 2000«: » Gottes Wagen sind zehntausendmal zehntausend, tausende und Abertausende.«
»Zürcher Bibel«: »Die Wagen Gottes, vielmal tausend und abertausend.«
»Gute Nachricht Bibel«: » Zehntausende von blitzenden Wagen hat Gott, in ihrer Mitte der Herr selber, der Heilige in seiner Herrlichkeit.«
»Einheitsübersetzung 2016«: » Die Wagen Gottes sind zahllos, tausendmal tausend.«
»Neue Evangelistische Übersetzung«: »Zehntausende von blitzenden Wagen hat Gott.«
»English Standard Version« (11): »The chariots of God are twice ten thousand, thousands upon thousands.« (»Die Wagen Gottes sind zweimal zehntausend, tausende und abertausende.«)
»New International Version«: »The chariots of God are tens of thousands and thousands of thousands.« (»Die Wagen Gottes sind zehntausende und tausende von Tausenden.«)
»New International Readers Version«: »God has come with tens of thousands of his chariots. He has come with thousands and thousands of them.« (»Gott ist mit zehntausenden seiner Wagen gekommen. Er ist mit tausenden und abertausenden von ihnen gekommen.«)
»King James Version«: »The chariots of God are twenty thousand, even thousands of angels.« (»Die Wagen Gottes sind zwanzigtausend, sogar Tausende von Engeln.«)

Nur die »King James Version« bringt im Zusammenhang mit den Wagen Gottes »tausende Engel« ins Spiel. Reisen sie mit in Gottes Wagen? Kritiker werden einwenden, dass mit den »Wagen Gottes« keineswegs Flugvehikel, sondern höchst irdische, über Stock und Stein rumpelnde Wagen gemeint seien. Ich muss aber in Erinnerung rufen, dass laut »Avodah Zarah« Gott in achtzehntausend Welten fliegt. Mit erdgebundenen Wagen kann er das nicht bewerkstelligen.

Foto 2: Buchcover »Zurück zu den
Sternen« von
Erich von Däniken
Rabbi Hasdai ben Abraham Crescas (*um 1340 in Barcelona, Katalonien; † 1410/11 in Saragossa, Aragonien) gilt als einer der großen jüdischen Gelehrten. Er hat wohl eine ganze Reihe von Werken verfasst, von denen fast alle als verloren gelten müssen. Sein Hauptwerk »Or HaShem« über das »Licht des Herrn« bietet ein weites Spektrum theologischer Gedanken, aber auch Überlegungen zum Thema »außerirdisches Leben«. Rabbi Hasdai ben Abraham Crescas verweist auf die 18.000 Planeten-Welten, in die Gott nach dem  »Avodah Zarah« fliegt. Der Rabbi hielt es für ausgeschlossen, dass sich Gott mit unbewohnten Planeten-Welten abgibt. Zohar-Experte, Kabbalist und Physiker Aryeh Kaplan konstatierte seine dezidierten Ansichten über altjüdisches Schrifttum und die Frage nach der Existenz außerirdischen Lebens klar verständlich: »Die Grundvoraussetzung der Existenz außerirdischen Lebens wird vom Zohar nachdrücklich unterstützt.« Rabbi Kaplan wagte auch einen Blick in die Zukunft.

Für ihn ist es legitim, Aussagen des Zohar über das nahende messianische Zeitalter mit interstellarer Raumfahrt in Verbindung zu bringen. Sollen doch nach dem Zohar dereinst rechtschaffene Menschen von Planet Erde fremde Planetenwelten regieren (12). Das freilich würde interstellare Raumfahrt voraussetzen. Der Zohar, so argumentierte Rabbi Aryeh Kaplan, prognostiziert das Aufkommen der interplanetaren und der  interstellaren Raumfahrt und er liefert zumindest einen der Gründe, warum die Raumfahrt als Teil des Auftakts kommender Zeitalter unvermeidlich sein würde. Mit anderen Worten: Der Zohar weiß von den »Erinnerungen an die Zukunft«.

Fußnoten
(1) 1. Buch Mose, Kapitel 4, 1-16
(2) Ebenda, Verse 11 und 12
(3) Ebenda, Vers 14, in der Luther-Bibel von 1912 (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht nach der Rechtschreibreform korrigiert.)
(4) »The Zohar: Pritzger Edition«, Band I, eBook-Ausgabe, Position 2610
(5) Zohar 1:157a
(6) Däniken, Erich von: »Zurück zu den Sternen/ Argumente für das Unmögliche«, Düsseldorf und Wien 1969, S. 239, 10.-7. Zeile von unten
(7) Ebenda, 5.-1. Zeile von unten
(8) E-Mail-Korrespondenz mit Rabbi Mendel Adelman vom 5., 6., 7. Und 11. Januar 2020.
(9) »Avoda Zara« 3b
(10) Psalm 68, Vers 18
(11) Die Übersetzung der Verse aus englischen Bibelausgaben ins Deutsche habe ich vorgenommen.
(12) »Sli'mos Rabbah« 52:3

Zu den Fotos
Foto 1: Kain... von der Erde hinweggenommen....Urschalling, Bayern. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Buchcover »Zurück zu den Sternen« von Erich von Däniken.

529. »Adam, Eva und das Gift Gottes«,
Teil 529 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 08. März 2020


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