Montag, 27. Februar 2012

Twin-Pryx von John Asht

Würdigung eines Romans von
Walter-Jörg Langbein


Twin Pryx
Unzählige Wissenschaftler haben in den vergangenen Jahrhunderten eine nicht mehr zu überblickende Fülle an Wissen zusammengetragen. War einst der Universalgelehrte das Ideal schlechthin, so ist heute an die Stelle des »Genius universalis« der Spezialist getreten. Spätestens im 19. Jahrhundert begann auf allen Gebieten der Wissenschaften die Spezialisierung. War einst die Physik ein wichtiger Zweig von mehreren am »Baum der Erkenntnis«, so ist heute die Physik ein höchst komplexes Gebiet der Naturforschung, auf dem sich unzählige Spezialisten tummeln. Auch und gerade die moderne Physik verdeutlicht den Weg, den die Wissenschaften im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte gegangen sind: vom möglichst umfassenden Gesamtbild zum immer kleiner werdenden Teilaspekt.

Einst war den Menschen die Natur rätselhaft. Naturphänomene wie Donner und Blitz wurden himmlischen Mächten zugeschrieben. Die Wissenschaften setzten auf Forschung und entschleierten das Geheimnisvolle. Sie entdeckten Naturgesetze, sie machten das Wirken von Göttern obsolet. Je mehr aber über die Struktur der Wirklichkeit bekannt wurde, desto geheimnisvoller erscheint die Realität. Die heutige Quantenphysik, zum Beispiel, sprengt schon längst die menschliche Vorstellungskraft. Was sind Quanten? Warum agiert das gleiche Objekt mal wie ein Teilchen, mal wie eine Welle?

Vor Jahrtausenden unterschied man zwischen dem allgemein zugänglichen Wissen (»Exoterik«) und den Erkenntnissen, die nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten zugänglich sind (»Esoterik«, inneres Wissen). Die moderne Wissenschaft entwickelt sich wieder zur Esoterik. So ist die moderne Quantenphysik heute (nach der ursprünglichen Definition des Begriffs) esoterisch. Bislang sind alle Versuche gescheitert, eine nachvollziehbare Theorie für alle in der Realität wirkenden Kräfte zu formulieren.

Unzählige Wissenschaftler haben umfangreiches Wissen erarbeitet, sich dabei immer stärker spezialisieren müssen. Sie scheiterten aber bislang beim Versuch, so etwas wie eine universelle, allgemeingültige Weltformel zu entdecken.... nach der immer noch gesucht wird. Gibt es so etwas wie eine Kraft, die alle Erscheinungsformen der Wirklichkeit erklärt? Gibt es so etwas wie ein Naturgesetz, das die Realität in ihrer unüberschaubaren Komplexität wirklich verständlich macht?

So lange es keine einheitliche Theorie aller Grundkräfte gibt, sind Philosophen gefordert... oder Schriftsteller.

Seit mehr als drei Jahrzehnten erkunde ich die Welt, bereise stets auf den Spuren der großen Geheimnisse unseres Planeten. In dreißig Büchern habe ich vor allem das Geheimnisvolle und Rätselhafte beschrieben. Ich habe mich – auch – mit der alten Tradition der Esoterik auseinander gesetzt. Gibt es Zusammenhänge, gibt es Verbindungen zwischen scheinbar voneinander unabhängigen Geschehnissen? Gibt es so etwas wie Schicksal? Gibt es wirklich die Freiheit des Individuums, eigene Entscheidungen zu treffen? Oder gibt es so etwas wie eine höhere Macht, die uns Menschen lenkt.... wie Marionetten? Unzählige Fragen warten auf Antworten. Gibt es die eine Antwort auf alle Fragen, die von den Quantenphysikern gesucht wird?

Ich lese in erster Linie Fachliteratur, nur ganz selten Romane. John Asht ist nun ein fulminanter Roman gelungen, der mich von der ersten bis zur letzten Zeile in seinen Bann gezogen hat. Warum? Sein Werk lässt sich nicht in eine der bei uns Deutschen so beliebten Schubladen einordnen. Es ist wie ein Werk von Jules Verne, das uns um die Welt zu fantastischen Schauplätzen führt. Es ist wie ein Werk von Hans Küng, das uns religiöse Hintergründe erklärt. Es ist wie ein Kompendium der Esoterik, das uns in die Welt der unsichtbaren Kräfte einführt. Es ist ein Buch, das in einer komplexen Handlung die Grenzen zwischen Realität und Phantasie verschwimmen lässt. Es ist ein Buch, das uns zum Nachdenken anhält: über die Wirklichkeit hinter der scheinbaren Wirklichkeit... und das auf unterhaltsame, spannende Art und Weise.

Um zu erkennen, wie hintergründig »Twin-Pryx« von John Asht ist, muss man aber die Bereitschaft mitbringen, sich wirklich auf diesen »fantastischen Abenteuerroman« einzulassen. Um »Twin-Pryx« wirklich auch nur ansatzweise verstehen zu können, muss man die mehr als 900 Seiten wirklich gründlich lesen, ja studieren... ja mehrfach auf sich wirken lassen.

Mich jedenfalls hat John Ashts Gesamtszenario gefesselt, mehr als jedes wissenschaftliche Werk, mehr als jede philosophische Abhandlung, mehr als jede religiöse Diskussion. Mich hat die Fülle begeistert, die »Twin-Pryx« bietet.. die Fülle an Denkanstößen, die Fülle an Gedanken zur Wirklichkeit, die Fülle an fundiertem Wissen aus unterschiedlichsten Quellen... von den verbotenen Büchern der Apokryphen bis zu den Legenden der Kelten, von der Apokalypse der Bibel bis zur Esoterik der »Alten Ägypter«.

John Ashts »Twin-Pryx« ist ein spannender Roman, der das Zeug dazu hat, unzählige Diskussionen anzuregen, etwa über den Sinn des Lebens. Damit der Roman diese erfreuliche Wirkung entfalten kann, damit man den tieferen Inhalt dieses Romans erkennen kann... muss man sich allerdings auf »Twin-Pryx« einlassen. Man muss das opulente Werk wirklich gründlich lesen.

Damit sind aber, so fürchte ich, in unserer Welt der schlichten Fernsehunterhaltung viele Zeitgenossen überfordert. Das aber darf man dem Roman nicht anlasten!

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Sonntag, 26. Februar 2012

110 »Geheimnisvolles Opunohu-Tal«

Teil 110 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Im Opunohu-Tal haben sich deutliche Spuren einer alten Kultur erhalten. Warum entgingen sie der Zerstörungswut der Missionare? Der aufmerksame Besucher erkennt an vielen Stellen im Unterholz spärliche Reste der ursprünglichen Bauten. Kleine, oft nur wenige Handbreit hohe Mäuerchen zeigen an, wo einst eine mächtige Anlage stand. Kleine Mäuerchen umgeben den einen oder den andern Baum. Bäume haben sich da und dort durch steinerne Plattformen gesprengt. Und da und dort ragen einzelne Steine empor.

Baum durchbricht sakrales Pflaster
Foto: W-J.Langbein
Und es gibt – anders als auf der Hauptinsel Tahiti – im manchmal märchenhaft-düsterem Kastanien-Wald erstaunlich gut erhaltene Ruinen aus »heidnischer Zeit«. Sie wurden teils von Archäologen rekonstruiert ... teils von Einheimischen gepflegt. Nach wie vor gilt das Opunohu-Tal als heilig. Allen Bemühungen der Missionare zum Trotz leben alte Kulte auch heute noch weiter!

»Hier wimmelt es von Moskitos!«, schimpfe ich vor mich hin. »Die Biester stürzen sich wohl auf jeden Besucher!« Ich hole eine Dose Antimückenspray aus meinem Rucksack, verabreiche mir eine stinkende Dusche. Ich habe verschiedene Mittel dabei – Sprays, Tinkturen, Salben. In der Fachliteratur wurde vor den Minivampiren gewarnt. Wirkung zeigen einige der Mittel: Sie verursachen bei mir Kopfschmerzen. Bei den Quälgeistern versagen sie kläglich. »Viele Besucher kommen hier nicht her ...« lacht mein Taxifahrer. »Die Moskitos schützen die Steine von Titiroa!«

Ich entdecke eine stark verschmutzt »Anschauungstafel«. Sie zeigt den Versuch einer Rekonstruktion der heiligen Anlage. Was ist Fantasie, was fundiertes Wissen? Niemand vermag das zu sagen! Marae Titiroa muss einst wirklich sehr imposant gewesen sein. Auf der Rekonstruktion erscheint Marae Titiroa als komplexe Anlage.

Versuch einer Rekonstruktion
Foto: W-J.Langbein
Die steinerne Mauer wurde vor rund einem halben Jahrhundert restauriert. Im Inneren gab es einst eine massive steinerne Plattform, die den Göttern und den Geistern der verstorbenen Ahnen vorbehalten waren. Das war das Allerheiligste. Auf Altären unterschiedlicher Größe wurde den Göttern geopfert: Hunde, Schweine und Fische auf größeren Altären, Früchte auf kleineren. Auch Menschen sollen rituell getötet worden sein ... zu Ehren der Götter.

Auf hölzernen Stangen, so versicherte mir ein Archäologe vor Ort, hielt man symbolische hölzerne »Vögel« in die Luft ... die Boten zwischen Göttern und Menschen, also Engel im biblischen Sinn. Trommeln von beachtlicher Größe standen in einer Ecke der Mauer. Ihre durchdringenden Klänge sollten die Götter erreichen. Ein verschmutztes Bild soll verdeutlichen, wie diese sakralen Musikinstrumente einst aussahen.

Einst schlugen Priester
mächtige Trommeln
zu Ehren der Götter
Foto: W-J.Langbein
In tragbaren »Bundesladen« wurden heilige Kultobjekte befördert: wahrscheinlich von überdachten Bauten außerhalb des Marae ins Zentrum der Kultanlage und zurück. Diese Kult-Hütten mögen auch zur Vorbereitung der Menschenopfer gedient haben. Nur zu besonderen Festlichkeiten wurden – womöglich in einer der Hütten außerhalb des Heiligtums – Männer (und ausschließlich nur Männer!) getötet und dann an Stangen gebunden zum Altar getragen. Nach anderen Berichten wurde die Männer auf die Plattform gelegt, wo ihnen mit einer gewaltigen Keule der Schädel zertrümmert wurde.

Mag sein, dass es als besondere Ehre galt, so einem Gott wie Oro »geschenkt« zu werden. Oro war der Hauptgott von Tahiti und Moorea ... der Gott des Krieges, aber auch des Meeres und der Fruchtbarkeit.

»Oro kam von der Südseeinsel Raiatea ...« erklärt der kundige Taxifahrer. »Dort wurde er als der größte Gott überhaupt verehrt ... als der große Schöpfer!« Die Vertreter des ranghöchsten Adels sahen sich gern als Nachkommen Oros. Auf Bora Bora, so wird überliefert, fand Oro eine wunderschöne Frau. Er beobachtete sie, als sie nackt badete ... und war sehr angetan! So kam er tagtäglich vom Himmel herab ... auf einem Regenbogen. Er landete auf dem mächtigen Pahia-Berg. Und jeden Abend stieg er wieder in den Himmel empor.

Tagtäglich besuchte er Vairaumati, so hieß die schöne Auserwählte. Und die verliebte sich in den kraftstrotzenden Mann. Das blieb nicht ohne Folgen. Sie, das schöne Erdenmädchen, gebar ihm, dem himmlischen Gott, einen Sohn. Der wurde ein mächtiger Krieger. Oro selbst kehrte in Gestalt einer Flamme in den Himmel zurück. Vairaumati wurde zur Göttin. Götter, die vom Himmel kamen und sich eine schöne Frau zur Gemahlin nahmen ... das ist ein weit verbreitetes Motiv in der Südsee.

Gott Oro
Foto: American
Das »Metropolitan Museum« besitzt einen Oro. Die längliche Statue besteht aus einem hölzernen Kern, der mit geflochtenen Kokosfasern umwickelt wurde. Einst verliehen dem Bildnis seltene Vogelfedern magischen Zauber. Es war somit nicht nur eine plastische Darstellung des Gottes, sondern ein heiliges Objekt der Verehrung!

Stundenlang erkundete ich die Maraes im Opunohu-Tal. Stets verfolgten mich dabei bissige Moskitoschwärme. War es immer der gleiche? Oder hatte jeder Schwarm sein Territorium? Obwohl ich vorsorglich lange Hosen und ein langes Hemd angezogen, mich zudem intensivst mit Moskito-Hau-Ab-Spray eingenebelt hatte ... ließen die Attacken der blutdürstigen Biester nicht nach. »Keine Angst!« beruhigte mich mein Taxifahrer, wenn ich mal wieder wild um mich schlug. »Wir haben hier keine Malaria!«

Mich erinnerte die Bauweise auf Moorea bei verschiedenen »Sakralbauten« ... an die mysteriösen Monstermauern von Nan Madol. In beiden Fällen wurden Basaltsäulen dazu verwendet, in Blockhüttenbauweise Mauern zu errichten. Offenbar gab es in beiden Fällen diese wie künstlich wirkenden Basaltsäulen, die aber in vulkanischen Regionen von der Natur geliefert werden. Man muss sie nur noch »ernten«, auf die gewünschte Länge bringen und zur Baustelle transportieren ... In Blockhütten-Bauweise wurden sie aufeinander geschlichtet und trotzen so viele Jahrhunderte dem Zahn der Zeit.

In Nan Madol wie im Opunohu-Tal ist die Bauweise gleich. Allerdings wurde auf Moorea bei weitem nicht der Gigantismus von Nan Madol erreicht!


Nan Madol (rechts) und
Moorea (links)
Fotos: W-J.Langbein
Stundenlang durchstreife ich das Opunohu-Tal. Ich kroch unter Gestrüpp, stieg über umgestürzte Bäume ... immer auf der Suche nach versteckten Spuren der »Heiden«. Überwuchert von Kastanienbäumen und Gestrüpp entdecke ich immer wieder steinerne Zeugnisse.

Sorgsam gepflasterte Areale dienten angeblich den Vornehmen von einst als Übungsplätze für das Bogenschießen. Offenbar durften nur Ranghohe diesem Sport frönen. Oder war es mehr als nur ein Sport? War es ein sakrales Ritual zu Ehren der Götter? Wir wissen es nicht mehr. Den Missionaren war das alte Brauchtum nur verachtenswertes heidnisches Gräuel. Es galt, die Erinnerung daran auszulöschen, dem aktiven fremden Glauben ein Ende zu setzen.
Und immer wieder mache ich senkrecht stehende Steine aus ... vor Jahrhunderten aufgestellt. Einige waren umgefallen ... oder umgestoßen worden. Andere standen noch aufrecht. »Es sind Denkmale, die zu Ehren der Götter errichtet wurden!«, erfahre ich vom Taxifahrer. Ein Geistlicher auf der Fähre erklärt mir bei der Rückfahrt nach Tahiti: »Es sind Grabsteine ... Je nach Größe verweisen sie auf einen hochrangigen Adeligen oder auf einen einfachen Menschen.«

Steine von Titiroa
Foto: W-J.Langbein
»Es ist ein Segen ...«, seufzte der Geistliche, »dass es noch so gut wie keine Grabräuberei gibt! Sonst wären die Steine längst umgestoßen, die Gräber geschändet worden! Ich kann mir eine bissige Antwort nicht verkneifen: »Es ist ein Segen, dass auf Moorea überhaupt noch Zeugnisse aus ›heidnischer Zeit‹ erhalten geblieben sind ...« Traurig nickt der Priester: »Ja ... Es ist eine Schande, dass Missionare beider christlichen Konfessionen so wenig Achtung vor den Zeugnissen der älteren Kultur hatten ...« Ich frage den Geistlichen: »Oder lebt der alte heidnische Glaube weiter? Beten die Menschen nach wie vor zu den alten Göttern, auch wenn sie sonntags in die Kirche gehen?« Der Gottesmann erhebt sich grimmigen Blicks und sucht sich einen anderen Platz.

Die Kirchen haben bei den staatlichen Behörden ein Verkaufsverbot alkoholischer Getränke bewirkt ... aus gesundheitlicher Fürsorge? Wohl kaum! Viele Jugendliche machten sonntags Picknicks mit Musik und Trinkgelagen. Seit dem Alkoholverbot gehen wieder einige von ihnen sonntags ... in die Kirchen.


Abschied von Moorea
Foto: W-J.Langbein
»Die Monsterbauten von Malta«,
Teil 111 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 04.03.2012


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Samstag, 25. Februar 2012

Karl May zum 170. Geburtstag

Eine Würdigung von Walter-Jörg Langbein

Unterschrift Karl Mays
Er wurde am 25. Februar 1842, spät abends gegen 22 Uhr geboren. Wohl weil seine Eltern befürchteten, der kleine Säugling würde womöglich schon bald sterben ... wurde das neugeborene Baby bei eisiger Kälte schon am nächsten Tag zur evangelisch-lutherischen Kirche St. Trinitatis in Ernstthal getragen und getauft. Wurden die Augen des kleinen Buben auf dem Weg zum Gotteshaus durch die »arktischen« Temperaturen so geschädigt, dass er bald darauf erblindete? Oder führten Mangelernährung und nicht ausreichende Hygiene zur Erblindung des kleinen Carl Friedrich May?

1842 und 1843 bestimmte Hungersnot das Leben der Menschen in Hohenstein-Ernstthal. Die Lebensbedingungen für die Weber waren schon in »guten Zeiten« ärmlich, 1842 und 1843 waren sie katastrophal. Infektionen und durch Vitaminmangel ausgelöste Krankheiten waren nicht die Ausnahme, sondern die Regel!

Carl Friedrich May jedenfalls erblindete. Einen guten Arzt konnte sich die armen Webersleute nicht leisten. Der blinde Bub wächst bei seiner Großmutter väterlicherseits, bei Johanne Christine May, auf. Sie liest ihm Märchen vor. Legt die greise Frau so den Grundstein für Karl Mays überschwängliche Fantasie?

Das Karl-May-Haus einst und heute
Foto links: Karl-May-Gesellschaft
Foto rechts: Tkarcher
1846 legt Karl Mays Mutter Christiane Wilhelmine May die Hebammenprüfung ab. »Vorzüglich gut« steht in ihrem Zeugnis. Und Carl Friedrich May erhält endlich – nach Jahren der Blindheit – an der »Chirurgisch-Medizinischen Akademie« zu Dresden das Augenlicht zurück. Er muss das Sehen wieder mühsam lernen. Und der kleine Carl Friedrich May kehrt in die Obhut der Eltern zurück. Mays Vater, der Weber Heinrich August May, schätzt drakonische Strafen. Er verdrischt seine Kinder mit dem »birkenen Hans«, den er vor der Züchtigung vorsorglich im »Ofentopfe« einzuweichen pflegt. So wird er elastischer, die Bestrafung fällt noch schmerzhafter aus. Nicht weniger gefürchtet war bei Carl und seinen Geschwistern ein »dreifach geflochtener Strick«, der griffbereit am Webstuhl hängt.

So wurde Carl Friedrich May vor 170 Jahren in eine Welt des Elends und der bitteren Armut geboren. Er ist die ersten Lebensjahre blind, lernt Hunger, Märchen und Schläge kennen. In Hohenstein-Ernstthal verhungern immer wieder Menschen.

Am 27. April 1848 wird Carl Friedrich May eingeschult. An der »Ernstthaler Knabenschule« muss ein Lehrer bis zu 100 Buben in einer Klasse »betreuen«. Mays Vater beschließt, den Schulunterricht durch ein eigenes »Erziehungsprogramm« zu ergänzen. Er schafft so viele Bücher wie nur möglich heran, die er wahllos zusammensucht ... wissenschaftliche Werke über Chemie, die der kleine Carl Friedrich nicht versteht, geographische Beschreibungen, mathematische und statistische Sammlungen, die längst schon überholt sind ... historische Traktate und erbauliches Schrifttum.

Carl Friedrich muss lesen, lesen, lesen. Und er muss sinnlose Fakten auswendig lernen. Sein Vater zwingt ihn, ganze Folianten Wort für Wort abzuschreiben ... um ihm das Lernen zu erleichtern. Carl soll es einmal besser haben als sein Vater. Er soll einen Beruf ergreifen können, der zumindest ein solides Auskommen ohne Not ermöglicht. Es gibt für Carl einen Ausgleich: Sein Patenonkel, der weit gereiste Schmied Christian Weißpflog (1819-1894), erzählt. Als Wanderbursche, so heißt es, sei er weit in der Welt herumgekommen. Ist es der Patenonkel, der in Carl Friedrich May die Sehnsucht nach Abenteuern in fernen Ländern weckt? Regte der Patenonkel die Fantasie des kleinen Carl Friedrich May an ... die Karl May Jahrzehnte später in seinen Romanen Wirklichkeit werden ließ ... etwa als Kara Ben Nemsi, der in der arabischen Welt Abenteuer erlebte, begleitet von seinem treuen Gefährten Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah?

Karl May als
Kara Ben Nemsi
1899 schildert May seinen Patenonkel als »kleines schwächliches Männlein mit weißen Locken«, der Carl Friedrich und andere Kinder mit seinen wohl oft fantastischen Erzählungen begeistert. 1899 notierte May (1): »Alles, was er berichtete, lebte und wirkte fort in uns.«

Carl Friedrich May konstatiert 1899: »Was kein strenger Lehrer, kein strafender Vater bei uns erreichte, das erreichte er so spielend leicht durch die Erzählungen von seiner Wanderschaft. Er hat seine letzte Wanderung schon längst vollendet; ich aber erzähle an seiner Stelle weiter.« In Mays Autobiographie »Mein Leben und Streben«, die 1910 erscheint, wird man freilich vergeblich nach einem Hinweis auf den Patenonkel finden. Warum? Warum verschweigt May in seiner Autobiographie den Mann, der seinen Werdegang so entscheidend prägte?

Carl Friedrich May, so scheint es, wird es einmal besser haben als seine Eltern. Er wird nicht zu einem Hungerlohn als Weber schuften müssen ... sondern als Lehrer ein – wenn auch kärgliches – Gehalt beziehen dürfen. Es grenzt schon an ein Wunder, dass Carl Friedrich May eine »höhere Schulausbildung« zuteil wird. Aber immer wieder sind es Lappalien, die May aus der Bahn werfen. 1859 ist May »Seminarist« in Waldenburg. May hat das Amt des »Lichtwochners« inne. Ihm obliegt es, den Weihnachtsbaum des Instituts mit frischen Kerzen zu versehen, sobald Wachslichter herabgebrannt sind. Carl Friedrich May »veruntreut« einige Wachskerzen, die er offenbar seinen Eltern schenken möchte. Der »kriminelle Akt« wird am 21. und 22. Dezember 1859 – nach einer Denunziation durch Mitschüler – von Seminardirektor Schütze höchstselbst untersucht. Konsequenz: Am 28. Januar 1860 wird der 17-jährige May vom Seminar ausgeschlossen.

Früheste bekannte
Aufnahme von Karl May,
1875 - Tamarin
Seminardirektor Schütze bedauert bald darauf seine übermäßig strenge Reaktion und unterstützt ein Gnadengesuch für May beim sächsischen Kultusministerium ... vergeblich, wie es scheint. Dann aber darf Carl Friedrich May seine Lehrerausbildung in Plauen fortsetzen. Er besteht die dreitägige Abschlussprüfung mit der Note »gut«. Wieder scheint es bergauf zu gehen. May erhält eine Anstellung als »Hilfslehrer« in Glauchau, doch er wurde von seinem Zimmervermieter Ernst Theodor Meinhold bei einer »unsittlichen Annäherung« ertappt. Grund: May gab damals der Ehefrau seines Zimmervermieters Klavierunterricht ... und küsste die Neunzehnjährige.

Fast möchte man an so etwas wie eine »Schicksalsmacht« glauben, die immer wieder verhindert, dass der aus ärmsten Verhältnissen stammende Sohn einer Familie von Webern eine bürgerliches Leben führen darf. Oder sind es Vorurteile von Vorgesetzten und Amtspersonen, die May immer wieder für Lappalien drakonisch bestrafen? Auch seine nächste – und letzte – Anstellung als Lehrer verliert May wegen eines Bagatelldelikts. Er unterrichtet Anfang November in Altchemnitz als Fabriklehrer bei Firma Solbrig. Man quartiert ihn bei Julius Hermann Scheunpflug ein, er muss »Logis, Stube und Schlafstube« mit dem Buchhalter teilen.

Wieder wird eine Lappalie May zum Verhängnis. Scheunpflug hatte May seine alte Taschenuhr leihweise für den Unterricht zur Verfügung gestellt. Am Heiligen Abend des Jahres 1861 reiste May nach Schulschluss per Bahn direkt zu den Eltern ... und nimmt die geliehene Uhr mit. May wird verhaftet, kommt vor Gericht und wird zur Höchststrafe von sechs Wochen verurteilt. May erhält auf Lebenszeit Berufsverbot als Lehrer. May beginnt eine »Laufbahn als Krimineller«. Er fühlt sich von der Gesellschaft zu Unrecht als »Verbrecher« abgestempelt ... und will sich nun als »Verbrecher« an der Gesellschaft rächen. Er bringt es allerdings – aus heutiger Sicht – nur zu einem eher harmlosen Trickbetrüger. Hier ergaunert er sich als »Kupferstecher Hermes« (Hermes: Schutzgott der Diebe und Händler) einen Biberpelz, dort entwendet er einige Billiardkugeln.

Schloss Osterstein in Zwickau,
Zeichnung, um 1863-1865
Mays Taten erinnern mich eher an Friedrich Wilhelm Voigt, den legendären »Hauptmann von Köpenick«, als an Verbrechen. So forscht er als »Polizeileutnant von Wolframsdorf aus Leipzig« nach vermeintlichem Falschgeld ... und »beschlagnahmt« kleinere Beträge. Wiederholt schlagen Mays Versuche fehl, sich als Krimineller zu bereichern. Die Haftstrafen indes fallen immer drastischer aus. So verurteilt ihn das »Bezirksgericht Leipzig« wegen »mehrfachen Betrugs« zu vier Jahren und einem Monat Arbeitshaus. May muss sie als »Häftling Nr. 171« in »Schloss Osterstein« verbüßen.

In »Schloss Ostersein« arbeitet Carl Friedrich May in der Gefangenenbibliothek ... und entdeckt seine schriftstellerischen Fähigkeiten. In der Haft verfasst May literarische Entwürfe. In der Gefangenschaft träumt er sich eine Zukunft als Schriftsteller. Doch der Weg ist für Carl Friedrich May noch weit: von der Zuchtanstalt »Schloss Osterstein« über »Zuchthaus Waldheim« bis in die »Villa Shatterhand« als wohlhabender Bestsellerautor Dr. Karl May.

Am 25. Februar 1842, spät abends gegen 22 Uhr, wird Carl Friedrich May geboren ... in bitterer Armut. Sein Weg in eine bürgerliche Existenz scheitert. Der entbehrungsreiche Versuch, als Lehrer ein Leben ohne Not zu führen, scheitert. Carl Friedrich May wird wiederholt straffällig und als kriminelles Subjekt zu fast zehn Jahren Haft verurteilt. Der »Schaden«, den er als »Verbrecher« verursachte, dürfte keine 500 Euro betragen haben.

Lange hat es den Anschein, dass Carl Friedrich May sein Leben endgültig verpfuscht hat. Und doch gelingt es ihm, seinem elenden Leben zu entkommen: mit der Kraft seiner unbändigen Fantasie. Karl May wird zum verehrten und bewunderten Bestsellerautor, der in »Villa Shatterhand« ein Leben in Wohlstand genießen kann.

Villa Shatterhand in Radebeul
Foto: Walter-Jörg Langbein
Vor 170 Jahren wurde Karl May geboren. Der Weg aus der Armut zum erfolgreichsten Schriftsteller deutscher Sprache war ein sehr weiter. Für den armen Weberssohn war der Weg zum Starautoren in der Villa Shatterhand auch nicht weiter als bis zum Mond ... (2)





Fußnoten
1: »May gegen Mamroth«, Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1974
2: Empfehlenswert ist Karl Mays Autobiographie


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Freitag, 24. Februar 2012

Wilde Ehe im Bellvue? - Die Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
Der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis, der noch nie durch einen besonderen Hang zur Fortschrittlichkeit von sich reden gemacht hat, hat diese Woche wieder mal den Vogel abgeschossen, als er dem designierten Bundespräsidenten Joachim Gauck empfahl, »seine persönlichen Verhältnisse so schnell als möglich zu ordnen«, womit er auf eine rasche Hochzeit zwischen Gauck und seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt anspielte.

Was genau will uns Herr Geis eigentlich damit sagen? In Deutschland sind etwa 60 % aller Erwachsenen verheiratet oder verwitwet. Bedeutet dies, dass die anderen 40 % allesamt in »ungeordneten« Verhältnissen leben, die eigentlich nur »umständehalber geduldet«, nicht aber akzeptiert werden können? Ich denke mal, dass diese 40 % sich solch eine indirekte Abwertung ihrer Lebensentscheidungen gut merken und in ihre nächste Wahlentscheidung mit einbeziehen werden. Sollten Joachim Gauck und Daniela Schadt der Staatsräson nachgeben und tatsächlich schnell heiraten, nachdem sie zuvor zwölf Jahre lang ohne Trauschein miteinander ausgekommen sind, dann wäre das bedauerlich.

Joachim Gauck, dessen Lebensthema die Freiheit ist, sollte den verlogenen Einflüsterungen widerstehen. Und Daniela Schadt, die ihr Leben lang eine eigenständige Persönlichkeit gewesen ist, sollte sich nicht zur »Frau an seiner Seite« zusammenstutzen lassen. Dass Joachim Sauer, der Mann von Angela Merkel, sich ebenfalls nicht zur Knochenbeilage machen lässt, sondern unabhängig von seiner Frau seiner eigenen Tätigkeit nachgeht, könnte auch für Daniela Schadt ein gangbarer Weg sein. Selbst modern denkende Menschen werden sich dann vielleicht irgendwann von der Politik vertreten fühlen.

Dass Deutschland ganz gerne ein unspießiges Land wäre, zeigt sich daran, welche Sympathien Bettina Wulff und ihrem Tattoo anfänglich entgegen schlugen. Wie weit wir aber auf dem Weg zur toleranten Gesellschaft in Wirklichkeit gekommen sind, werden wir in den nächsten Wochen sehen.
 


Sonntag, 19. Februar 2012

109 »Marae Titiroa«

Teil 109 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Moorea
Foto: Ian Sewell
Der moderne Mensch hat auch in der Südsee keine Zeit. Und so entscheidet er sich gern für das schnellste Verkehrsmittel, um die 17 Kilometer »lange« Strecke von Papeete nach Moorea zu überbrücken: Maximal zehn Minuten dauert der Flug. Allerdings muss man die Zeit addieren, die man schon vor dem Start auf seinen Flieger warten muss. Das Gepäck muss aufgegeben ... und nach der Landung wieder in Empfang genommen werden. So dauert die modernste Verbindung insgesamt länger als die »langsamste«. Zwei Alternativen gibt es: das schnelle Motorboot (ca. 30 Minuten Fahrtdauer) und ... die gemütliche Fähre.

Das schnelle Motorboot wird von Umweltschützern ungern gesehen. Wiederholt wurden Verbote ausgesprochen, durften die luxuriösen Flitzer nicht in See stechen. Ich meine: Ihr knatternder Lärm passt nicht in das Südseeidyll von Tahiti und Moorea. Ich habe mich für die »träge« Fähre entschieden, die eine Stunde benötigt ... und dafür eine Mini-Seereise bietet ... mit geradezu romantischem Südseeflair! Lachende Kinder sausen umher. Müde Einheimische sitzen auf prall gefüllten Säcken. Sie haben in Tahiti eingekauft. Da sind die Preise günstiger als auf Moorea. Die Fahrt vergeht mir viel zu schnell, wie im Flug ... und schon taucht Moorea auf.

Rucksacktouristen im Paradies
Foto: W-J.Langbein
Blauer Himmel spiegelt sich in blauem Meer. Dazwischen strahlt das kleine Eiland förmlich in sattem Grün ... meistens jedenfalls! Denn manchmal ist der Himmel auch bedeckt. Und je näher man dem Eiland kommt, desto düsterer wirken die imposanten Vulkanberge. Am Himmel zieht ein Jet seine Bahn und hinterlässt einen Kondensstreifen.

Dunkel und schroff ragen sie in den Himmel, scheinen eine gigantische Monstermauer zu bilden. Was mag den Besucher hinter der riesigen Bergkette erwarten ... die einst todbringende Lavamassen in den Himmel spien? Alles ist real, auch wenn manches wie eine für viel Geld geschaffene Filmkulisse wirkt. Die Sonne brennt stechend vom babyblauen Himmel ... bis plötzlich Wolken über der Insel aufziehen und das üppige Grün irgendwie gespenstisch aussehen lassen.

Mir kommt es so vor, als wäre die Insel von Kino-Monster »King Kong« mein Ziel.  Das Gebirge wächst wie eine Mauer aus hartem Basalt zum Himmel. Was mag mich dahinter erwarten? Städte gibt es im Südseeparadies Moorea mit seinen herrlichen weißen Stränden, »glasklaren« Lagunen und üppigster Vegetation keine. Allerdings erkenne ich auf den wogenden Wellen einen seltsamen bräunlichen Schaum und einiges an Zivilisationsmüll. Konservendosen schaukeln hier. Dort schwimmt ein Toilettendeckel. Zum Baden habe ich aber sowieso keine Zeit ... Mein ausgeklügelter Reiseplan sieht leider nur einen mehrstündigen Aufenthalt vor ... Dann muss ich mit der Fähre zurück nach Tahiti. Und so nehme ich mir am Fähr-Hafen ein Taxi ... und los geht’s.

Gut erhaltene Marae auf Moorea
Foto: W-J.Langbein
Vom Hafen aus folgen wir der Küstenstraße. Mangobäume gedeihen prächtig. Ein blechernes Schild kündigt das Dorf »Honu Iti« an. »Das bedeutet ›kleine Schildkröte‹« erklärt der Taxifahrer. Von Ferne winken einige strahlend fröhliche Frauen, schwere Lasten schleppend ... und dennoch bester Laune. Die Freundlichkeit der Menschen macht Moorea erst zum Paradies. Ob für sie der oft schwere Alltag manchmal unerträglich wird? Wenn ... dann zeigen sie es nicht.

»Sie sind aus Deutschland?« fragt mich der Taxifahrer. Als ich nicke, lacht er: »Wir leben hier im Paradies! Nicht im German Schlaraffenland ... Wir müssen arbeiten!« Dann und wann überholen wir schwitzende Rucksacktouristen, die sich die Vulkanberge hinauf quälen. Manche von ihnen recken die Faust gen Himmel und schreien etwas von »Scheiß Touristen« hinter meinem gemächlich fahrenden Taxi her ... so als seien sie selbst keine Touristen.

Wir nähern uns dem Opunohu-Tal. »Gleich sehen Sie die mysteriösen Maraes!« erfahre ich. Maraes sind Kultstätten der vorchristlichen Zeit. In der Regel waren es komplexe Anlagen, rechteckig angelegt, von einer steinernen Mauer umgeben. Im Inneren der Mauer gab es altarähnliche Steinplattformen. Auf Tahiti gab es einst pyramidenförmige »Plattformen«. Sie wurden im Rahmen der Christianisierung verwüstet und zerstört. Aber auch auf Moorea wirkten religiöse Eiferer.

Rituelle Plattform von Moorea
Foto: W-J.Langbein
So gab es an der Nordküste Mooreas im Dörfchen Papetoai einen beeindruckenden Kultplatz. Die christlichen Geistlichen der »London Missionary Society« zerstörten ihn und errichteten (1822-1827) darauf eine achteckige Kirche ... Gleichzeitig wurde alles in christlichen Augen »Unsittliche« verboten – wie die traditionellen Tänze. Paradiesische Lockerheit wurde zur sündhaften Lasterhaftigkeit erklärt. Sonntägliche Gottesdienstbesuche wurden zur Pflicht ... der Besuch von Maraes wurde verboten. Und weil diese Kultanlagen auf Tahiti trotzdem anziehend für die Menschen waren ... wurden sie planmäßig zerstört. Auf Moorea blieben einige erhalten ...

In donnernden Predigten wurden den Menschen grässliche Konsequenzen ihres traditionellen Lebenswandels vor Augen gehalten. Ihr natürlicher Umgang mit Sexualität wurde zur verdammenswerten Sündhaftigkeit, die direkt in die Hölle führte ... Mein Eindruck: Die Menschen von Tahiti wurden mit drastischen Schilderungen zu erwartender Höllenqualen ... aus dem Paradies vertrieben. Paradiesische Unschuld galt von nun an als teuflisches Laster.

Marae von Titiroa
Foto: W-J.Langbein
Das Opunohu Tal war wohl einst so etwas wie ein religiöses Zentrum. Religiös-sakrale Anlagen und steinerne Plattformen, aber auch Wohnhäuser standen dicht an dicht. 500 Bauten sind archäologisch nachweisbar. Einst lebte hier eine Gemeinschaft ... bis ihr hochentwickeltes Gesellschaftssystem von den Missionaren zerstört wurde. Die kulturellen Wurzeln wurden von Eiferern gekappt ... die Tendenz zum »tröstenden Alkohol« wuchs. Mir scheint: die Missionierung war für die Menschen von Moorea alles andere als segensreich. Das einst heilige Tal wurde nach und nach geräumt. Die Natur überwucherte rasch die einstmals heiligen Plätze. Manche wurden zerstört und »landwirtschaftlich genutzt«.

Gezielt wurde das uralte Erbe der Insel zerstört. Die alten Überlieferungen, einst ehrfurchtsvoll von Generation zu Generation weiter gereicht, wurden verboten. Die Menschen im Paradies der Südsee verloren ihre Wurzeln, ihre Identität.

Die Bücher von Walter-Jörg Langbein

»Geheimnisvolles Opunohu-Tal«,
Teil 110 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 26.02.2012


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Samstag, 18. Februar 2012

Karl May: Old Shatterhand, Winnetou und Nscho-tschi

Eine Würdigung von
Walter-Jörg Langbein


Old Shatterhand und
Nscho-tschi
Foto: Elmar Elbs
»Jeder kleine deutsche Junge wächst mit Winnetou, dem stolzen Häuptling der Apachen, auf oder mit Chingachgook, genauso wie mit Nscho-tschi und Ribanna, Helden wie Klehkih-petra, Old Shatterhand ...« schreibt John Asht in seinem opulenten Roman »Twin-Pryx« (1).

In der Tat: Karl May hat schon vor rund 150 Jahren Fantasiegestalten geschaffen, die für mehrere Generationen von Leserinnen und Lesern höchst real waren. Es scheint so, dass auch Karl May selbst manchmal nicht zwischen Realität und Fantasie unterscheiden konnte. Der berühmte Bestsellerautor aus Sachsen wuchs unter ärmlichsten Verhältnissen in einer Familie von Webern auf, in beengtesten Verhältnissen und ohne Aussicht auf ein Leben ohne Not. Karl May geriet auf die schiefe Bahn, beging einige in der Regel harmlosere Delikte ... und wurde drakonisch bestraft. Jahrelang saß er in Haftanstalten ... und sehnte sich nach Freiheit und Gerechtigkeit.

Noch in Haft entwickelte Karl May Konzepte für künftige Werke. Kaum in Freiheit schuf er sein alter ego, Old Shatterhand, der mit Winnetou durch die Weiten des Wilden Westens reitet ... Karl May kreierte eine Welt ohne Grenzen. Er trat in seinen Fantasien als Kämpfer für Rechtlose und Unterdrückte auf ... eine Art Superman des Wilden Westens. Karl May wurde in seinen Werken vom von der Justiz Verfolgten zur personifizierten Gerechtigkeit.

Karl May als
Kara Ben Nemsi
Karl May schuf so mit Old Shatterhand einen Helden, der die Enge der kleinbürgerlichen Realität verlässt und in den USA frei (wie nur ein Westmann sein kann) heroisch für Gerechtigkeit sorgt, zusammen mit seinem Blutsbruder Winnetou. Old Shatterhand war für unzählige Jugendliche mehrerer, ja inzwischen vieler Generationen die Idealgestalt, die sie selbst gern gewesen wären. Eingeengt durch bürgerliche Zwänge schulischer und elterlicher Bevormundung, durch Ohnmacht gegenüber den oft als ungerecht empfundenen Erwachsenen, ritt so mancher Jugendlicher als Old Shatterhand neben Winnetou von Abenteuer zu Abenteuer ... in seinen Träumen, in einer Welt, die so viel schöner war als die oft graue Wirklichkeit.

Es fällt auf, dass Old Shatterhand von alten Westmännern gern unterschätzt und als Greenhorn belächelt, ja verlacht wird. Aber dann erweist sich der Verkannte immer wieder als allen überlegener Held, der vermeintliche Autoritätspersonen »alt aussehen« lässt.

Karl May erträumte sich ein alter ego ... so wie seine zahllosen jugendlichen und junggebliebenen Leser. Karl May kreierte aber auch für Leserinnen eine bewundernswerte Gestalt, mit der sie sich identifizieren konnten: Nscho-tschi, Winnetous wunderschöne Schwester. Während in der deutschen Realität der Frau die Rolle als gehorsames Heimchen am Herd zugeordnet wird, ist Karl Mays Fantasiegestalt Nscho-tschi im »Wilden Westen« eine erstaunlich emanzipierte, selbstbewusste Indianerin. Nscho-tschi (»Schöner Tag«) bewegt sich im Kreise ihres Stammes selbstbewusst und stolz. Sie trifft selbst Entscheidungen und lässt nicht über sich bestimmen. Sie schwingt sich aufs Pferd und reitet wie eine Amazone. Wenn je einer von Karl May geschaffenen Gestalt im Film Gerechtigkeit widerfahren ist ... dann Nscho-tschi, dargestellt von der schönen Marie Versini! Wenn je Karl May in einer Verfilmung seiner Werke eine von ihm erfundene Gestalt wiedererkennen würde ... dann ist das Marie Versini als Nscho-tschi, die schöne Schwester Winnetous!

Marie Versini als die
schöne Nscho-tschi
Foto: Elmar Elbs
Im Film hat man Karl Mays Bild von Winnetous Schwester in glaubhafte Bilder umgesetzt. Lesen wir nach, wie Karl May die junge Frau beschreibt(2): Sie »war schön, sogar sehr schön. Europäisch gekleidet, hätte sie gewiss in jedem Salon Bewunderung erregt ... Ihr einziger Schmuck bestand aus ihrem langen, herrlichen Haare, welches in zwei starken, bläulich schwarzen Zöpfen ihr weit über die Hüften herabreichte.«

Karl Mays Old Shatterhand scheint sich nach und nach in die schöne Indianerin zu verlieben. Er spart nicht mit poetischen Komplimenten. Das deutet ein Dialog zwischen dem Mann mit der Schmetterfaust und der schönen Schwester Winnetous zart an (3): »›Nscho-tschi ist dein Name?‹ sagte ich. ›Ja.‹ - ›So danke dem, der ihn dir gegeben hat. Du konntest keinen passenderen bekommen, denn du bist wie ein schöner Frühlingstag, an welchem die ersten Blumen des Jahres zu duften beginnen.‹«

Karl May wird gern vorgeworfen, dass seine Romanwelt vor allem von starken Männern bestimmt wird: sowohl im Orient wie auch im »Wilden Westen«. Das trifft auch weitestgehend zu. Man bedenke aber, dass Karl May ein Kind des ausgehenden 20. Jahrhunderts war, das nicht gerade vom Gedanken der Gleichberechtigung geprägt war. Vor diesem Hintergrund mutet Karl Mays Nscho-tschi geradezu revolutionär ein. Seine anmutige Heldin passt so ganz und gar nicht in Karl Mays Zeit.

Gewiss, Nscho-tschi pflegt – ganz fürsorgliche Frau – den schwer verwundeten Old Shatterhand selbstlos und aufopfernd. Gewiss, Nscho-tschi verliebt sich – ganz Frau –in den Helden aus dem fernen Europa. Aber sie unterwirft sich eben nicht dem Mann. Sie lässt sich nicht von den Männern ihres Stammes herumkommandieren. Sie ist und bleibt stets selbstbewusst, sie versteht den Umgang mit Waffen wie die Besten der wackeren Krieger. Sie diskutiert mit den Männern wichtige Fragen, sie wird an Entscheidungen beteiligt ... als Gleichberechtigte.

 Historische Aufnahme:
Karl May als
Old Shatterhand
Karl May geht sehr geschickt vor. Er gibt sich als Old Shatterhand als Macho vom alten Schlag, geradezu überheblich und arrogant. Und muss dann im Gespräch mit Nscho-tschi klein beigeben! Und so entsteht ein für Karl Mays Zeit wirklich revolutionäres Bild vom Indianer und vom Weißen. Der vermeintlich »Wilde«, die verachtete »Rothaut« erweist sich als zivilisiert, der vermeintlich überlegene Mensch der ach so zivilisierten Welt als der eigentliche Rohling und Barbar!

Karl Mays Sympathien gelten der indianischen Kultur, die seiner Überzeugung nach freilich dem Untergang geweiht ist ... so wie Nscho-tschi vom Unhold Santer hinterrücks ermordet wird. Selbstkritisch geht Karl May mit der eigenen Kultur ins Gericht.

Immer wieder wetterten selbsternannte Volkserzieher gegen Karl May als vermeintlichen Schundliteraten. Tatsächlich aber bekämpfte Karl May Rassismus und überheblichen Dünkel gegenüber vermeintlich »primitiven« Völkern weitaus wirkungsvoller als jedes wissenschaftliche Traktat, als jedes Werk der so verehrten hehren Literatur. Karl May berührte ... und berührt die Herzen seiner Leserinnen und Leser ... und das seit Generationen!

Keine Frage: Karl May machte – speziell in seinen Fortsetzungsromanen – Zugeständnisse an den Publikumsgeschmack. Immer wieder erweist sich – und wer wollte dem großen Sachsen das zum Vorwurf machen – Karl May als Kind seiner Zeit. Wer aber sucht, der findet immer wieder bemerkenswerte Perlen.. Zitate, die heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus, leider immer noch brandaktuell sind.

Kindle-Ausgabe
Old Surehand
So schreibt May in »Old Surehand 3« (4): »Geht mir mit einer Civilisation, die sich nur von Länderraub ernährt und nur im Blute watet! Wir wollen da gar nicht nur von der roten Rasse reden, o nein. Schaut in alle Erdteile, mögen sie heißen wie sie wollen! Wird da nicht überall und allerwärts grad von den Civilisiertesten der Civilisierten ein fortgesetzter Raub, ein gewaltthätiger Länderdiebstahl ausgeführt, durch welche Reiche gestürzt, Nationen vernichtet und Millionen und Abermillionen von Menschen um ihre angestammten Rechte betrogen werden? … Wenn Ihr ein guter Mensch seid, und der wollt Ihr doch gewiß wohl sein, so dürft Ihr Euer Urteil nicht nach der Ansicht der Eroberer richten, sondern nach den Meinungen und Gefühlen der Besiegten, der Unterdrückten und Unterjochten.«

Fußnoten
1: Asht, John: »Twin Pryx - Zwillingsbrut«, Erlangen, 1. Auflage 2011, S. 80
2: Karl May: »Winnetou I/ Reiseerzählung«, »Historisch-Kritische Ausgabe für die Karl-May-Gedächtnisstiftung«, herausgegeben von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger, Abteilung IV, Band 12, Zürich 1990, S. 268
3: ebenda, S. 270
4 May, Karl: »Old Surehand 3«, eBook, Position 1742 von 8030

Interview mit Marie Versini

»Karl May zum 170. Geburtstag« erscheint am 25.02.2012

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Freitag, 17. Februar 2012

Strafsteuer für Kinderlose – Die Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
Wieder einmal, wie so oft, war es die Zeitschrift EMMA, die schon vor Jahren die Fragen beantwortet hat, die sich uns heute stellen: Der Artikel »Kinderlose zahlen wie Eltern!« liest sich wie eine Erwiderung auf die aktuell durch die Junge Gruppe der CDU/CSU erhobene Forderung einer Strafsteuer für Kinderlose, erschienen jedoch ist er bereits im Jahre 2005. Das Fazit: Durch weitaus höhere Steuern und Sozialabgaben sind Kinderlose finanziell gesehen etwa gleich hoch belastet wie Eltern, die weniger Beiträge zahlen und das Geld stattdessen für ihre Kinder ausgeben. 

Einnahmequelle: Bevölkerungsgruppen aufhetzen
Wer den genannten Artikel sorgfältig liest und sich die dort genannten Rechenbeispiele vor Augen führt, der muss zu dem Schluss kommen, dass hier wieder einmal Bevölkerungsgruppen politisch gegeneinander ausgespielt werden sollen, um im Endeffekt ein paar Euro mehr in die nimmersatte Staatskasse zu spülen. Beispiele gibt es genug: Raucher gegen Nichtraucher, Angestellte gegen Selbständige, Privatversicherte gegen gesetzlich Versicherte, Autofahrer gegen Radfahrer oder Alte gegen Junge. Die Politik bedient sich hier der niedrigsten Neidreflexe, um breite Mehrheiten zu finden und weitere Begründungen für die große Abzocke zu konstruieren.

»Zieh Dich aus, Schatz! Der Staat braucht Rentenzahler!«
Die Entscheidung, ob jemand Kinder haben möchte oder nicht, ist eine höchst persönliche Angelegenheit. Rechnen wir noch hinzu, dass es eine wachsende Zahl von Menschen gibt, bei denen biologische Hindernisse dem Wunschkind im Wege stehen, dann ist der Gedanke an eine Strafzahlung für Kinderlosigkeit ein Schritt in den Ameisenstaat und passt in keiner Weise zu einer freien Gesellschaft.

Klar ist: Der demographische Faktor ist ein denkbar ungeeigneter Grund zur Zeugung von Nachwuchs. Oder gibt es jemanden hier, der den Satz »Zieh Dich aus, Schatz! Der Staat braucht Rentenzahler!« für erotisierend hält? Wie kommt es, dass immer weniger Menschen andere Gründe einfallen, sich für Nachwuchs zu entscheiden? Oder so starke Gegengründe, dass sie es lieber lassen? Wie kommt es, dass heute so ziemlich jeder aus dem Stand heraus mindestens fünf erwachsene Menschen nennen kann, die sich bewusst gegen Kinder entschieden haben, obwohl sie eigentlich ganz gerne welche gehabt hätten? Wie konnten wir zulassen, dass die allgemeinen Ausbildungszeiten heute derartig lang sind, dass manche Frauen schon aufgrund der Biologie nicht mehr vollumfänglich fortpflanzungsfähig sind, wenn sie sich endlich etabliert haben und an Nachwuchs denken könnten?

Warum haben wir uns ein irrsinniges Schulsystem aufzwingen lassen, das Familienleben zum reinen Stress macht, wie ein ewig drohendes Unheil ganzen Generationen die Kindheit zerstört und Keile zwischen Eltern und Kinder treibt, während jedes Jahr mehr Menschen die Schule verlassen, die nicht einmal halbwegs richtig Lesen und Schreiben gelernt haben? Könnte das mit der allgemeinen Fortpflanzungsmüdigkeit in einem Zusammenhang stehen? Und wenn ja, in welchem? Könnte es sein, dass junge Menschen, die sich erst mit 30 und später wirklich etablieren können, derartig ausbildungsmüde sind, dass sie keinerlei Bock haben, die ganze Mühle zusammen mit ihren Kindern noch einmal zu durchlaufen?

Raus aus den Schlafzimmern!
Klopfen wir dem Staat auf die Finger und bringen wir ihm ein für allemal bei, dass er sich aus unseren Schlafzimmern herauszuhalten hat. Zeigen wir ihm, dass DDR-Methoden keine Chance mehr haben und dass wir nicht gewillt sind, Kinder aufgrund eines Steuerbescheids zu zeugen. Denn das haben die Kinder nicht verdient.

Sonntag, 12. Februar 2012

108 »Die Steine von Moorea«

Teil 108 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Pyramiden als künstliche
Vulkane - Foto: W-J.Langbein
Nach wie vor rätselhaft ist die Entstehung von Pyramiden-Kulten. Ob es eine Beziehung zwischen Vulkanismus und Pyramidenbau gibt? Die Sonnen- und die Mondpyramide der mexikanischen »Straße der Toten« könnten ursprünglich Tempel eines längst vergessenen Kults gewesen sein ... zur Beschwichtigung der Götter, die die glutheiße Lava aus dem Erdinneren in die Atmosphäre spuckten. Menschenopfer auf diesen Pyramiden mögen dann Geschenke für die Götter gewesen sein: »Seht, Ihr mächtigen Götter! Hier bieten wir Euch Blut und Leben vieler Menschen ... Nun müsst Ihr die Höllenglut nicht ausbrechen lassen, um Euch Opfer zu holen!«

Tahiti gehört zu den »Inseln über dem Wind« im südlichen Pazifik ... ein Doppeleiland, bestehend aus »Tahiti Nui« und »Tahiti Iti« (»Großes Tahiti« und »Kleines Tahiti«). Wer freilich an Tahitis Ufern natürliche weiße Sandstrände sucht, wird sie kaum finden. Große Hotels haben, um unseren Postkartenansichten von der Südsee gerecht zu werden ... künstliche private Sandstrände angelegt. Von Natur aus sind die Meeresufer von Tahiti schwarz. Der Sand ist basaltisch ... und weist auf Vulkanismus hin. Und das ist kein Wunder, entstand Tahiti doch aus zwei gewaltigen Vulkanen. Und diese Vulkane weisen auf brodelnde Gefahr in der »Unterwelt« hin: auf eine besonders heiße Zone. Solche »Hot Spots« gibt es auch unter Hawaii, dem Yellowstone-Park ... und unter der Eifel.

Die Mahaiatea-Pyramide von Tahiti 
Foto: Archiv W-J.Langbein
Bevor mit dem Bau der großen Pyramide von Mahaiatea auf Tahiti begonnen wurde, so lautet die Überlieferung, legten 1200 Krieger ihre Waffen nieder ... um sich dann freiwillig lebendig begraben zu lassen. Als Geister wollten sie die heilige Stätte bewachen!

Wir müssen vorsichtig sein, wenn es um die Bewertung der angeblich so bösen »Wilden« geht. Es sind stets die Sieger, die die Geschichtsbücher schreiben. Die Verlierer werden selten objektiv geschildert. Und die Geschichtsschreibung war meist »christlich« orientiert.

Gern wurden »Heiden« von »christlicher« Seite als menschenfressende Bestien beschrieben, die massenweise ihren Göttern Menschen opferten. Auf diese Weise konnte dann die »Mildtätigkeit« der Missionare besonders unterstrichen werden. Setzten sie doch ihr Leben aufs Spiel, um die »Wilden« zu bekehren. Unbestreitbar ist es allerdings, dass es auf Tahiti Menschenopfer gab. So liegt ein Zeugenbericht von James Morrison – Bootsmann auf der legendären Bounty – vor.

James Cook wurde auf seiner zweiten Südseereise (1772-1775) Zeuge von Menschenopfern. Ein zeitgenössischer Stich zeigt grausige Details eines Menschenopfers, dem Cook als »Ehrengast« beiwohnte ... nicht als Opfer!

Ein Menschenopfer vor
Ehrengast Cook
Foto: Archiv W-J.Langbein
Pomare II., bald darauf zum Christentum bekehrt, mochte bei seiner Krönung am 13.2.1797 auf »heidnisches Brauchtum« wie Menschenopfer nicht verzichten. Pomare II. wirkte aber auch als Baumeister und ließ mehrstufige Pyramiden errichten. Sein größtes Bauwerk hatte eine Seitenlänge von mehr als 200 Metern. Wie alle Pyramiden von Tahiti wurde es zerstört. Karl-Wilhelm Berger schreibt in seinem »Reisehandbuch Südsee« (1): »Britische protestantische Missionare der Londoner Missionsgesellschaft landeten 1797 in Tahiti und siedelten in Matavai an. Von diesem Zeitpunkt an griffen die Europäer in die traditionellen sozialpolitischen Ordnungen Tahitis und der Nachbarinseln ein.«

Berger weiter (2): »Hierdurch wurden tiefgreifende Entwicklungen ausgelöst, die sich auch im 19. Jahrhundert in anderen polynesischen Archipelen wiederholten. Die Inseltraditionen wurden missachtet, und das alleinseligmachende Christentum und europäische Moralvorstellungen wurden hemmungslos verbreitet.«

Pomare II. war ein beim Volk beliebter Herrscher ... bis die christlichen Missionare kamen. Offenbar verargte man dem König seine Nähe zu den Fremden. So wurde er, zusammen mit den Missionaren, anno 1808 auf die Nachbarinsel Moorea vertrieben ... wo in den manchmal unheimlich düster wirkenden Bergen noch »Heidentum pur« praktiziert wurde.

König Pomare II - Foto:
Archiv W-J.Langbein
1812, so ist überliefert, wandte sich Pomare II endgültig dem Christentum zu – und wurde getauft. Vom neuen Glauben beseelt, von den Missionaren angestachelt ... unternahm der Herrscher selbst einen Missionierungsversuch von Tahiti. 1815 kehrte er, zusammen mit den Missionaren und einem auf Moorea rekrutierten Herr nach Tahiti zurück und besiegte die »Heiden«.
Man darf sich Pomare II. aber nicht als zum Christentum verführten Heiden vorstellen! Der Regent erkannte den neuen Glauben als idealen Mittel zum Zweck. Er bezwang die rivalisierenden Stammeshäuptlinge militärisch, unterwarf sie auf dem Schlachtfeld... und sie mussten den christlichen Glauben annehmen. Der Sieger bestimmte den Glauben der Verlierer ...

Vergeblich suchte ich auf Tahiti nach Spuren der vielleicht interessantesten Gestalt der Geschichte des Eilands! Als Pomare III. - er war als Einjähriger König geworden – unerwartet und plötzlich mit sieben Jahren starb ... folgte ihm seine 14-jährige Schwester Aimata als Pomare IV. nach. Ihre Krönung erfolgte gegen den erbitterten Widerstand der Missionare. Tahiti war viele Jahrhunderte so etwas wie ein Paradies auf Erden. Diesem Zustand setzten die Europäer ein Ende. Berger schreibt in seinem empfehlenswerten Werk »Südsee« (3):

»Pomare IV. war eine Königin, die eine schwere Regierungszeit zu überstehen hatte, wollte sie nicht zwischen den Machtgelüsten der Missionare des Protestantismus und des Katholizismus und den dahinterstehenden Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich zerrieben werden. Trotzdem überstand sie eine 50-jährige Regentschaft!« Die Königin starb 1877.

Trotz (oder wegen?) intensivster christlicher Missionierungsversuche wehrten sich viele Bewohner von Tahiti gegen die Verchristianisierung. Die »Mamaia-Sekte« wollte die alte Kultur erhalten. 1836 wurden katholische Missionare als unerwünschte Störenfriede ausgewiesen. Frankreich sah dies als bösartige Schmähung an und schickte Militär auf einer Fregatte. Pomare IV. suchte vergeblich Schutz bei den protestantischen Engländern. Die katholischen Franzosen hatten die besseren »Argumente«. Sie drohten damit, Tahiti von ihrer Fregatte aus zu beschießen. Und so wurde Tahiti schließlich französisches Protektorat!

Berge von Moorea
Foto: W-J.Langbein
Mit der Europäisierung, mit der Christianisierung ging die Zerstörung der ursprünglichen Kultur Haitis Hand in Hand. 1891 rächte sich Frankreich posthum an der widerspenstigen Königin Pomare IV. Ihre Gebeine wurden aus ihrer Gruft entfernt. Bestattet wurde in der turmartigen Gruft der mutigen Herrscherin ihr Nachfolger, ihr Sohn Pomare V. Der hatte sein Königreich für eine monatliche Pension verkauft ... und starb schon mit 52 Jahren als Alkoholiker. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin wurde an die Spitze seines Grabmals statt eines Kreuzes eine große Schnapsflasche gestellt ...

»Wenn Sie Reste unserer alten Kultur sehen wollen ... die werden Sie auf Tahiti vergeblich suchen!« bekam ich immer wieder zu hören. »Aber auf Moorea gibt es sie noch! Suchen Sie die Steine von Moorea ... « Wie aber würde ich nach Moorea gelangen?

Von Tahiti bis zum Nachbarinselchen Moorea sind es – die Angaben variieren etwas – rund 17 Kilometer. Man kann Moorea im Flugzeug in zehn Minuten erreichen. Im Schnellboot dauert es 35 Minuten ... und per Fähre eine Stunde.

Fußnoten
1 Berger, Karl-Wilhelm: »Südsee«, Dormagen, 3. Auflage 2000, S. 215
2 ebenda

»Marae Titiroa«,
Teil 109 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 19.02.2012

Freitag, 10. Februar 2012

Das Testament

Kurzkrimi von Walter-Jörg Langbein

Der Brief vom Notar kommt für Hermann Leppius nicht unerwartet. „Opa August ist tot.“ sagte er, sein Mienenspiel beherrschend. „Er hat ein Testament gemacht; wir beide sind Alleinerben!“ Hermann Leppius, ein zur Schäbigkeit neigender Inhaber einer kleinen Lottoannahmestelle, fügt noch abfällig hinzu: „Unsereiner rackert sich ab und der Opa sammelt Vermögen !“

Sein Bruder Rudolf ist „Verkaufsleiter“ höchst zweifelhafter Kaffeefahrten, bei denen er mit Geschick Rentnerinnen für teures Geld billigen Ramsch verkauft. Er glaubt, widersprechen zu müssen: „Opa August war eben sein Leben lang sparsam und ...“ Sein „geizig“ geht im Räuspern des Notars unter. „Wenn Sie bitte eintreten möchten, meine Herren!“ Gespannt nehmen die beiden Erben gegenüber vom dickleibigen Notar Platz.

„Also, vorweg gesagt, ich kann Ihnen das Testament Ihres verstorbenen Herrn Großvaters noch nicht eröffnen. Da ist nämlich erst noch, so hat es ihr werter Großvater notariell festgelegt, eine wichtige Bedingung zu erfüllen!“ Mit monotoner Stimme liest er vor: „Bevor mein im Zustand vollständiger geistiger Klarheit verfasster, von meinem Notar als den gesetzlichen Vorschriften entsprechender bestätigter testamentarischer letzter Wille verlesen werden darf, muss eine Bedingung erfüllt werden: Meine beiden Alleinerben müssen erst klar Schiff machen und mein gesamtes Mobiliar, meinen gesamten Besitz verkaufen.“

Der Notar nimmt die Brille ab. „Ihr Erbe können Sie erst nach Erfüllung dieser Bedingung antreten. Und ich darf Ihnen sagen, dass es um einiges Bargeld geht.“

„Dann wollen wir das schnell über die Bühne bringen!“ Hermann Leppius springt auf. Er ist nervös und leicht reizbar. „Augenblick noch!“ hält ihn der Notar zurück. „Ich benötige von Ihnen eine genaue Liste des Inventars der Wohnung Ihres verstorbenen Herrn Großvaters. Bringen Sie eine präzise Aufstellung all dessen, was Sie für wie viel Geld verkauft haben. Legen Sie mir diese vom Käufer oder von den Käufern unterschriebene Liste hier vor, dann kommt es zur Testamentseröffnung. Dann geht es ...“ Hermann Leppius vollendet den Satz „ans Bare.“ Der Notar lächelt gequält.

Draußen vor der Tür des Notariats halten die beiden Enkel eine kurze Besprechung ab. „Wohin mit dem ganzen Krempel aus Opas Wohnung? Wer gibt dafür schon Geld?“

Rudolf hat einen Einfall. „Du erinnerst dich doch an Rentner Krause, der diesen Prozess gegen mich verloren hat, weil ich seinen dusseligen Lottoschein verlegt hatte und der alte Knacker um einen Gewinn von damals 33.000 Mark gekommen war? Na, das Gericht hat ja damals den Krause abgewiesen. Der Vertrag mit der Lottogesellschaft gilt erst dann, wenn der Lottoschein bei der Zentrale vorliegt. Ich hab' da eine glänzende Idee!“

Keine halbe Stunde später halten Hermann und Rudolf Leppius vor der kleinen Wohnung von Karl Krause. Die bescheidene Besitz von Opa August passt leicht in den Pferdetransporter von Rudolf. Viel ist es ja nicht: ein Schrank mit den Anzügen, muffigen Hemden, Unterwäsche, mit Bergen von schier unendlich langen Strümpfen aus Naturwolle. Da ist noch das Nachttischchen, ein Stuhl, eine bescheidene Ansammlung von Tellern, Tassen, Besteck, das vom sparsamen Opa seinerzeit vom Sperrmüll geholte Bett, der fleckige Regenmantel à la Columbo, eine alte schäbige Bibel, ein Karton mit Briefen und sonstigem Beschriebenen, ein kleines Radio, Rasierapparat, Zahnbürste und Waschzeug.

Rund fünf Dutzend Bände Karl May, offenbar noch aus Vorkriegszeiten, zerlesen und äußerlich nicht mehr ansprechend müffeln in einer großen Kiste mit der Aufschrift „China Tee“ vor sich hin. Mit spitzen Fingern zieht Rudolf Leppius einige der Karl-May-Bände heraus ... „Winnetou I“... „Winnetou II“, „Winnetou III“... „Old Surehand“... „Durchs wilde Kurdistan“... „Von Bagdad nach Stambul“... „Der Schatz im Silbersee“. Achtlos lässt er die Bücher wieder in die Kiste fallen. „Der alte Knauser schwärmte noch als Greis von Old Shatterhand und Winnetou ...“ lacht er hämisch. „Und in diese Nscho Tschi war er seit seiner Pubertät verliebt ... Mit Marie Versini hat er ja angeblich korrespondiert ...“



Dieser bescheidene Besitz soll nun dem Rentner Karl Krause verkauft werden. Rudolfs Idee wird in die Tat umgesetzt. Die beiden Leppius-Brüder geben sich bewusst jovial. Rudolf Leppius redet auf den alten Mann ein.

„Und um Ihnen. lieber, werter Herr Krause, den Schaden mit der Lottosache, die mir wirklich schrecklich leid tut, wieder gut zu machen, möchte ich Ihnen eine Freude bereiten. Sie bekommen die gesamte Hinterlassenschaft aus der Wohnung von unserem Opa- nicht geschenkt, aber so gut wie ...“ Enkel Rudolf kommt ins Stottern. Die Erbschaft erwähnt er lieber nicht.

Hermann hilft ihm aus der Verlegenheit. „Wir wollen ja nicht schlecht über unseren toten Opa reden, aber er hat nun einmal darauf geachtet, dass er sein Geld zusammenhielt. Und daher sind wir testamentarisch dazu verpflichtet, alles zu verkaufen. Eine Formsache. Sie bekommen alles ... für ... na, sagen wir einen Euro. Ein symbolischer Preis!“

Rudolf nickt. „Rein symbolisch. Sie kannten ja unseren Opa August gut, waren Sie nicht mit ihm am gleichen Frontabschnitt im Krieg? Und da meinen wir, verkaufen wir lieber Ihnen alles symbolisch für einen Euro als dass wir uns an einen Antiquitätenhändler wenden, der uns natürlich mehr bieten würde ...“

Karl Krause ist gerührt. Er stimmt dankbar zu. Hastig tragen die beiden Erben das karge Mobiliar in Krauses Wohnung. Wenig später legen die beiden zufriedenen Männer dem Notar den unterschriebenen Kaufvertrag vor. Mit einer fahrigen Geste lädt er die beiden Erben ein, sich zu setzen. „Da ist ja alles genauestens aufgelistet, wie ich sehe, die einzige Bedingung für die Testamentseröffnung ist erfüllt.“ Knisternd löst der Notar das Siegel, entfaltet das Blatt.

„Bei der Vorbedingung handelt es sich um einen Test. Vorweg: Wie auch immer der Test ausgefallen sein mag, erhalten Rudolf und Hermann jeweils ein Sparbuch über Euro 500.- Wie ich meine werten Enkel kenne, haben Sie meinen gesamten Besitz veräußert. Zu meiner Habe gehörten auch meine geliebten Karl-May-Bücher. Sollten meine werten Herren Enkel wider Erwarten die Karl-May-Bücher nicht verkauft haben, aus sentimentalen Gründen, weil sie wissen, wie ich an diesen Büchern mit ganzem Herzen hing, ist ihnen und vor allem Rudolf verziehen. Wie oft hat er sich über meine Vorliebe für den großen Volksdichter deutscher Zunge Karl May lustig gemacht! Hämisch haben sie gelacht, wenn ich stolz den Namen von Kara Ben Nemsis Gefährten vollständig aufsagen konnte ... Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah.“

Der Notar hält kurz inne, dann liest er weiter vor:

„Rudolf ist es auch gewesen, der mich nachts immer mit Anrufen weckte. Er hat seine Stimme verstellt, aber ich habe ihn erkannt. Er wusste, dass mein schwaches Herz darunter leiden würde. Er hoffte wohl auf meinen frühzeitigen Tod! Die Daten und die Zeiten dieser Anrufe sind genau auf einem Blatt in meinem Karl-May-Buch 'Der Schatz im Silbersee' notiert.“

Der Notar nimmt das Testament wieder auf und liest weiter: „Sollten die beiden Enkel wider Erwarten die Bände nicht veräußert haben, sollen sie mein in langen Jahren mühsam erspartes Vermögen in Höhe von 125.000 Euro erben und auch weiterhin Freude an den Karl-May-Büchern haben. Ich schätze aber meine Enkel anders ein. Dann fallen besagte 125.000 Euro an den Käufer meiner Karl-May-Bücher. Es soll der in den Genuss des Geldes kommen, der die Lektüre von Karl May mehr zu schätzen weiß als meine ehrenwerten Enkel, denen ich für das Leerräumen meiner Wohnung danke. Meine Aufzeichnungen über den Telefonterror meines Enkels Rudolf befinden sich als Lesezeichen im Band ‘Der Schatz im Silbersee’. Bitte an die Polizei weiterleiten.“

Der Notar sieht von dem Blatt auf und blickt die beiden verdutzt dreinschauenden Erben durchdringend an. Hermann Leppius weicht dem Blick aus und starrt auf seine Schuhspitzen. Der Notar nickt: „Die Karl-May-Bücher befinden sich jetzt im Besitz des Herrn Krause ... wie ich dieser Quittung entnehme. Karl Krause wird also das Vermögen des Verstorbenen erben! Und was den Telefonterror, was Ihr schäbiges Trachten nach dem Leben des Verstorbenen angeht ... darum werden sich Polizei und Staatsanwaltschaft kümmern!“


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Der Fall John Asht - Die Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
Zuerst einmal möchte ich einen herzlichen Dank aussprechen. Vielen Dank an alle, die sich blindlings auf John Asht gestürzt haben, als diesem die Gäule durchgingen. Dank aus zwei Gründen, ich fange mal mit dem selbstsüchtigeren an: Ohne diese Kampagne wäre ich vielleicht nie auf das Buch Twin-Pryx aufmerksam geworden. Warum ich das schade fände, können Sie in meiner ausführlichen Rezension zum Buch nachlesen. Ja, so ein gepflegtes Buch-Ashting hat wirklich etwas für sich.

Der zweite Teil meines Dankes würdigt die Tatsache, dass durch Vorgänge wie diesen deutlich sichtbar wird, wie stark der Vernichtungswille zwischen Menschen in Wirklichkeit ausgeprägt ist. Wer wird jemals wieder auf Sozialkompetenzgeschwafel hereinfallen, wenn ihm so deutlich vor Augen geführt wird, wie der Hase wirklich läuft? Dazu bedurfte es noch nicht mal einer komplizierten Versuchsanordnung, wie damals im Milgram-Experiment: Ein temperamentvoll veranlagter Autor und sein Buch genügen schon, um mühelos mindestens 400 + x Menschen dazu zu motivieren, ihn aus dem Stand heraus vernichten zu wollen.


Das Milgram-Experiment

Nun könnte man einwenden, dass der Psychologe Stanley Milgram damals mit fingierten Stromstößen arbeitete und 1-Sterne-Rezensionen auf Amazon sowie deren mutwilliges Massenhochklicken schließlich nicht damit vergleichbar wären. Bedingt ist das auch richtig. Und dennoch gibt es Parallelen, die inneren Antriebe betreffend: Viele von Milgrams Versuchspersonen waren nicht nur bereit, einem völlig fremden Menschen aus obskuren Gründen Stromstöße zu verpassen. Nein, 65 % von ihnen waren sogar dazu fähig, die Spannung so weit zu erhöhen, dass diese im Ernstfall zum Tod des anderen geführt hätte. Dank des Milgram-Experimentes wissen wir also, dass sich innerhalb der menschlichen Gesellschaft eine geraume Zahl an Individuen bewegt (offenbar sogar eine Mehrheit), die jederzeit bereit wäre, Sie, mich oder sonst jemanden mit einem Knopfdruck ins Jenseits zu befördern, wenn die Bedingungen dazu günstig sind.


Ein unzulässiger Vergleich?

Nehmen wir nun an, dass ein Autor vom Schreiben seiner Bücher lebt. Nehmen wir weiters an, dass der Versuch der vollkommenen, willkürlichen Vernichtung eines Buches mit dem dringenden Wunsch verbunden ist, dass kein Schwanz es mehr kaufen und der Autor das Schreiben lassen möge: Dann resultiert aus beiden Annahmen in allerletzter Konsequenz die billigende Inkaufnahme des Hungertodes eines anderen.

Eine kühne These, meinen Sie? Eine vollkommen unwissenschaftliche und daher unzulässige Kette obskurer Vergleiche? Ein an den Haaren herbeigezogener Scheißdreck?

Hmmm, also ich sage dazu nur: Milgram konnte durch sein Experiment nachweisen, dass die potenziell vorhandene Vernichtungsbereitschaft anscheinend ein soziologisches Grundgesetz ist, denn die Zusammensetzung der Versuchspersonen erfolgte über ein neutrales Inserat, mit welchem nach Teilnehmern an einer Studie über Gedächtnis und Lernen gesucht wurde. Nichts also, was krankhaft sadistische Menschen besonders angelockt und damit die Ergebnisse verfälscht hätte.

Aus diesen Betrachtungen resultieren in meinen Augen folgende Fragen, die jeder am besten für sich selbst beantworten möge: Wo sind diese 65 % innerhalb unserer heutigen Gesellschaft? Was tun sie den lieben, langen Tag, wenn grad kein Milgram daherkommt, mit dessen Hilfe sie ihren Neigungen unter Laborbedingungen nachgehen können? Gehöre ich selbst vielleicht auch zu den 65 %? In wieweit hilft die weitgehende Anonymität des Internets beim Ausleben entsprechender Tendenzen?

Bedrückende Überlegungen, finde ich ...


Hier finden Sie meine ausführliche Rezension zum Buch »Twin-Pryx«

Ich bedanke mich beim Webmaster des Blogs "Abwaschbar", Herrn Michael Butscher, mit einem von Herzen kommendem Backlink für die vielen Besucher, die er uns heute hat zukommen lassen. :-)


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