Freitag, 11. Juni 2010

Freitagskolumne - »Post an Wagner«: Charlotte Roche und W.A. Mozart

Eine Antwort auf Franz Josef Wagners Kolumne
»Liebe Charlotte Roche«, BILD, 18. 04. 2008

Lieber Franz Josef Wagner,

Streifzüge durch das Archiv Ihrer Kolumnen haben für mich immer etwas Erheiterndes. Der Brief, den Sie 2008 an Charlotte Roche schrieben, ist ein wahres Juwel. Er offenbart über den Seelenzustand eines Jungfrau-Maria-Anhängers sehr viel mehr, als eine vielhundertseitige psychoanalytische Einlassung dies könnte. Mit welchem Ballast sich Menschen seit Jahrhunderten abquälen, bringen Sie in wenigen Sätzen auf den Punkt:

Eine Frau, die furzt, kann ich nicht küssen. Ich liebe himmlisch riechende Frauen, heilige Frauen, die nach Efeu duften. Natürlich weiß ich, dass eine Frau einen Darm hat. Aber wenn sie auf Klo muss, lege ich Mozart auf, um ihre Geräusche nicht zu hören. (Zitat Ende)

Ja, der gute Mozart. Ich glaube, er wäre solchen Problemen eher verständnislos gegenübergestanden, ging er doch selbst in etlichen Briefen an seine Base Maria Anna Thekla Mozart teilweise derbe und heftig zur Sache. Die sogenannten Bäsle-Briefestellen eine der zahlreichen Facetten des Phänomens Mozart dar, die von vielen seiner Bewunderer schamhaft übergangen werden, worüber Mozart selbst wohl am lautesten gelacht hätte. Wie gefällt Ihnen dieses Zitat aus seinem Brief vom 23. Dezember 1778:

[...]also kommen sie gewis, sonst ist ein schys; ich werde alsdan in eigner hoherperson ihnen Complimentiren, ihnen den arsch Petschieren, ihre hände küssen, mit der hintern büchse schiessen, ihnen Embrassiren, sie hinten und vorn kristiren, ihnen, was ich ihnen etwa alles schuldig bin, haarklein bezahlen, und einen wackeren furz lassen erschallen, und vielleicht auch etwas lassen fallen -[...]?

Sie sehen: Zwischen Charlotte Roche und Wolfgang Amadeus Mozart, dessen Musik Sie dazu nutzen, Toilettengeräusche zu übertönen, gibt es eine Schnittmenge: Beide scheinen von der sorgsam gepflegten Spaltung des Weiblichen in nicht furzende, duftende Heilige und ausgasende, stinkende Huren erfrischend unbeeindruckt zu sein. Freie Geister eben, die einen Furz als das nehmen, was er ist: ein biologischer Vorgang. War es vielleicht auch die durch solche innere Freiheit erworbene Abwesenheit permanenten Bauchkneifens, die Mozarts Geist fähig werden ließ, solch herrliche Musik zu erschaffen? Wir werden es nicht mehr erfahren. Unmöglich aber ist es nicht.

Bauchkneifen aufgrund kultureller Hemmungen ist jedoch nur die harmlose Seite der Medaille. Das in zahlreichen Kolumnen durchblitzende, von Ihnen propagierte Frauenbild: Hier die unerreichbar-Heilige, dort das »furzende, stinkende, schwitzende Urgeschöpf« ist eine religiöse Erfindung, die den Urgrund sämtlicher sexuellen Störungen auch und gerade der Priesterkaste darstellt. In solchen Fällen genügt es eben nicht mehr, Naturgeräusche durch Mozart zu übertönen. Nein, der Sexualtrieb verlagert sich: vom unberührbaren Wesen Frau auf weniger unberührbare Ministranten.

Religiöse Übertreibungen haben in der Menschheitsgeschichte genug angerichtet. Es reicht jetzt. Aus diesem Grund wohl dürfte das Buch Feuchtgebietevon Charlotte Roche solch ein Erfolg geworden sein: Jahrtausendelange Verbiegung in die eine Richtung lässt das Pendel eben irgendwann in die andere Richtung schwingen: Nicht minder übertrieben, und gerade deshalb heilsam.

Herzlichst,

Ursula Prem

Kommentare:

  1. Vielen Dank,
    Wieder ein gelungenes Statement!

    Die Texte von Herrn Wagner stoßen mir auch regelmäßg auf, wenn er das nicht mag, sollte er vielleicht an seiner Schreibe und seiner Einstellung arbeiten, statt an einem Buch, das vermutlich im ähnlichen Stil wie seine unsäglichen Kolumnen daherkommen wird?

    Trotzdem: Ein schönes Wochenende! Wir grillen weiter mit Zwiebeln und Knoblauch ... jetzt erst recht!

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  2. Danke für den Komm! :-) Ja, die Texte von Franz Josef Wagner können schon ziemlich polarisieren. Mein Beitrag zu der Post an Charlotte Roche wäre möglicherweise noch länger geworden. Leider fehlte mir ein wenig die Zeit, denn ich musste mir hinterher unbedingt eine schmackhafte Suppe aus roten Bohnen kochen und ein Kilo Krautsalat raspeln. Ich hab da manchmal so Gelüste ... hhhmmmm ....
    Mozart-Schallplatten hab ich jede Menge da, aber die hören wir lieber bei anderen Gelegenheiten. :-)

    Ebenfalls ein schönes Wochenende und: Fröhliches Grillen!

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  3. Liebe Freunde,

    also, ich sehe das Ganze eher aus pragmatischer Sicht.
    Betrachten wir den Vorgang des »Verkneifens« aus sportlicher Sicht, so können wir, vorausgesetzt wir beugen die Knie leicht, eine sehr effektive Übung zur Kräftigung von Bauch, Po und Beckenboden erkennen. Aber: eine solche Übung darf natürlich nicht unter Schmerzen durchgeführt werden, weil das zu einer Verspannung wenn nicht sogar zu einem Verkrampfen führen kann! Blähungen führen zu einem Leistungsabbau!
    Darum: erst ordentlich Pupsen und dann ran an die Hanteln.
    In diesem Sinne wünsche ich: Frohes Schaffen

    Eure Sylvia

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  4. Liebe Ursula,

    weil wir gerade beim Thema sind …
    Erst einmal Gratulation zu Deinem gelungenen Beitrag. Was das Bauchkrumeln betrifft, muss ich sagen, dass es ganz schön lästig werden kann. Eingehaltene Winde führen zu starken Schmerzen, also raus mit ihnen, damit der Druck nachlässt. Wie sagt man doch so schön: Wenns Ascherl brummt, ist’s Herzel gesund.

    In diesem Sinne noch einen schönen Tag und
    Herzliche Grüße
    Rita

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  5. Hi Ursula, ich möchte an dieser Stelle eine Rezension von mir on bringen. Sie bezieht sich auf ein sehr gutes Buch des mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichneten Schriftstellers Esterhazy. Das Buch trägt den Titel: Eine Frau

    Der Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels lässt einen Ich-Erzähler in 97 Kurzkapiteln die Liebe zu einer Frau besingen. Diese Frau ist manchmal schön wie Aphrodite, mitunter irritiert ihr Mundgeruch. Intelligent gleichwohl eigenwillig ist sie und dazu noch realitätsbezogen, allerdings leicht neurotisch, wenn es um ihre Figur geht. Bei politischen Themen reagiert sie nicht selten impulsiv.

    Konsens, so erfährt man, hat sie nicht immer im Auge. Physisch verzehrt dieser Mann sich immer wieder nach ihr.

    Esterhazys lyrische Prosa beginnt stets mit den Sätzen: > Es gibt ein Frau.< > Sie liebt mich.< oder > Sie hasst mich.< und liefert in der Folge die Gründe für die Gefühlsunregelmäßigkeiten.

    An irgendeiner Stelle lässt der Ich-Erzähler einfließen, dass er diese Frau (eigentlich) nicht kennt, obschon es ihm fast so scheint, als ob es seine Frau wäre.

    Der vermeintliche Troubadour liebt das Fremde und Bekannte an dieser Eva, das Abstoßende und Anziehende und ist, wie bereits angedeutet geradezu elektrisiert von ihrer Erotik.

    Vom Minnesänger unterscheidet sich dieser Interpret dadurch, dass er es tunlichst unterlässt sein Liebesobjekt zu idealisieren. Seine uneingeschränkte Liebe gilt einer Frau mit ihren Schwächen und Stärken und keiner Göttin.
    Eine wunderbare, leidenschaftliche Liebeserklärung.
    --------------------

    Liebe Grüße Helga König

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  6. Ihre Anstrengungen in allen Ehren, ich gehe aber stark davon aus, dass jegliche Reaktion auf Wagners Post völlig sinnlos ist, da Wagner in keinster Weise seine Meinung vertritt, sondern nur angestellt wurde, um Briefe zu schreiben, über die sich die Leser aufregen sollen.
    Eine Diskussion mit jemandem um ein Thema zu führen, das nur geschrieben wurde um Gemüter zu erhitzen und zu nichts anderem, ist vertane Zeit.
    Oder glauben Sie, dass Wagner Ihre Post liest?

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  7. @Anonym: Ob Franz Josef Wagner seine Post liest, das weiß ich nicht. Was ich aber weiß, das ist, dass eine steigende Zahl von anderen Besuchern sie liest. Unter anderem Sie, wofür ich mich herzlich bedanken möchte. :-)

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