Sonntag, 31. August 2014

241 »Nikolaus und eine geheimnisvolle Burg«

Teil 241 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Wer kennt diese geheimnisvolle Burg? Foto W-J.Langbein

Der »Heilige Nikolaus« verbreitete zu Beginn des vierten nachchristlichen Jahrhunderts das Christentum in Lykien (heute Türkei). Seine Erzfeindin, so wird überliefert, war die Göttin Diana. Allem missionarischen Eifer zum Trotz beteten die Menschen damals aber weiter zur Göttin. Besonders viele Gläubige pilgerten zum »Heiligen Baum« der Diana. Nikolaus ließ den Baum fällen und zerhacken, wahrscheinlich um zu beweisen, dass Diana keine Macht hatte. Das Fällen des heiligen Baums blieb folgenlos. Bischof Nikolaus bekam nicht den Zorn der Himmlischen zu spüren und starb irgendwann im vierten Jahrhundert.

Der Überlieferung nach sann damals Diana auf Rache. Sie entwickelte eine heimtückische Waffe, »griechisches Feuer«. Als »fromme Frau« verkleidet sprach Diana Pilger an, die sich auf der Reise nach Myrna zum Grab des Nikolaus befanden. Sie gab den Christen ein »heiliges Öl« mit und bat, die Pilger mögen doch damit die Wände der Kirche bestreichen. Was sie nicht wussten: Bei der vermeintlich frommen Gabe handelte es sich um griechisches Feuer. Die »Salbung« durch die Pilger hätte die Kirche in Flammen aufgehen lassen. So wäre das große christliche Heiligtum zerstört worden, wenn nicht – so überliefert es die heilige Legende weiter – Bischof Nikolaus posthum und als Geisterscheinung die Pilger auf See gewarnt hätte. Der Gottesmann klärte die Pilger auf, schüttete das vermeintlich heilige Öl ins Meer… Stichflammen loderten zum Himmel auf. In »Geheimnisvolles Worms« von Ulrike Schäfer lesen wir (1):

Teuflische Göttin. Foto: W-J.Langbein
                                               
»Wie schwer es der heilige Nikolaus hatte, sich gegen die alten Götter durchzusetzen, zeigt ein verblüffendes Relief, das sich außen über dem Portal der Nikolauskapelle befindet. Da werden Gläubige auf dem Weg zum Grab des Nikolaus in Bari von einer Dämonin angehalten, die angeblich ein Weihegeschenk mitgeben will. In Wirklichkeit ist es aber Teufelswerk, wie Nikolaus selbst seinen Verehrern kundtut. Die Göttin Diana oder Dana wollte sich nämlich rächen, weil der fromme Mann ihr Heiligtum zerstört hatte.«

An der Südseite des Doms findet sich über dem Portal zur Nikolauskapelle eben diese Szene. Diana wird schwebend in der Luft dargestellt, wenig göttlich, sondern als Teufelin mit Brüsten. Diana – ihr Kult war in vorchristlichen Zeiten weit verbreitet – wurde als »Himmelskönigin« angebetet. Ihr christliches Pendant ist heute Maria, Jesu Mutter, die »Himmelskönigin« des christlichen Katholizismus. Diana war eine dreifache Göttin, Mondjungfrau, Mutter allen Lebens und Zerstörerin.

Es mutet kurios an, dass Diana am Nikolausportal als hässliche Teufelin gezeigt wird, während in der Nikolauskapelle selbst bis auf den heutigen Tag die »drei Bethen« verehrt und angebetet werden. Die drei Bethen sind nichts anderes als die dreifache Göttin Diana in christlichem Gewand! Wahrscheinlich geht unser Wort »beten« auf die Verehrung der drei heiligen Bethen zurück. Als deren Kult nicht wirklich ausgelöscht werden konnte, wurden die heidnischen Göttinnen einfach in christliche Heilige verwandelt…

So wie Nikolaus das Heiligtum der Diana zerstörte, so verwüstete Karl der Große mit fanatischem Eifer heidnische Kultplätze. So soll er bei den Externsteinen einen vorchristlichen Kultplatz verwüstet und das zentrale Heiligtum – die Irmin-Säule – zerstört haben. Vergeblich versuchte der christliche Herrscher, den heidnischen Ritus des Feuerräderlaufs zu verbieten. Er wird heute noch zelebriert, gerät aber immer mehr zu einem touristischen Spektakel, umgeben von Feuerwerk, Jahrmarktsgeschrei und Budenzauber.

Brücke zum einstigen Heidenheiligtum.

Anno 784, so heißt es, feierte Karl der Große Weihnachten in »Villa Liuhidi«, nahe der Skidrioburg. »Villa Liuhidi« wird heute mit Lügde in Verbindung gebracht. Wo einst Karl der Große in einem kleinen Holzkirchlein gebetet haben soll, da steht heute die eindrucksvolle Kilianskirche. Die Skidrioburg wird heute mit der Herlingsburg identifiziert. Und die dürfte schon in vorchristlichen Zeiten entstanden sein. Die Herlingsburg (2) »ist auf einem freistehenden Bergplateau gelegen und zählt zu den ältesten Wallburgen in der Region. Die Burg wurde in den folgenden Jahrhunderten von den dort siedelnden Menschen als Fluchtburg und später in den Sachsenkriegen Karls des Großen als Wehranlage zur Kontrolle der Verkehrswege genutzt.«

Von meinem Heimatdorf am »Köterberg«, der einst wohl »Götterberg« hieß, ist es nicht weit an den (künstlich angelegten) Schieder-Stausee. Von Glashütte aus geht’s zu Fuß bergan. Noch im späten 19. Jahrhundert soll die Herlingsburg auf einem kahlen Berg gethront haben. Landwirtschaftlich – im Sinne von Feldanbau – konnte der Berg nicht genutzt werden, aber angeblich sollen Rinder durch emsiges Trampeln jeden Baumwuchs verhindert haben.

Berg der Herlingsburg im 19. Jahrhundert. Archiv Langbein

Heute ist der Berg der Herlingsburg dicht bewaldet... und steil wie eh‘ und je! Das macht sich bei mir schon nach einer halben Stunde deutlich bemerkbar. Um 8 Uhr morgens bin ich am 7. Juni 2014 in Glashütte aufgebrochen. Um 8 Uhr 30 scheint meine Kameratasche eine alchemistische Transformation durchgemacht zu haben. Dem gefühlten Gewicht nach zu urteilen hat sie sich in einen massiven Bleiklumpen verwandelt.

Nicht wirklich leichter fühlt sich der Anstieg, als die schmale geteerte Straße zum Waldweg wird. Zum Glück hat meine Frau ausreichend Wasser dabei. Ich lege immer wieder eine kleine Pause ein und trinke. Meine Frau eilt, flink wie eine Gämse, voraus und erkundet den weiteren Weg. Ich denke an angreifende Krieger, die sich vor Jahrtausenden die Anhöhe hinauf kämpfen mussten. Sie mussten jeden Moment damit rechnen, von oben angegriffen zu werden. Und ihre Ausrüstung war ganz gewiss sehr viel schwerer als meine. Ich konnte ja auf jegliche Form der Bewaffnung verzichten, musste auch weder Schild noch Schwert tragen. Und der Waldweg von heute war sicherlich – trotz der Steile – sehr viel besser begehbar als der Anstieg durchs Unterholz.

Hinweistafeln »Zur Herlingsburg« gibt es einige wenige. Ein paar mehr würden die Suche nach dem Ziel wesentlich erleichtern. Munter plaudert meine Frau. Sie erzählt mir von der Legende der zwei Brüder. Ich zitiere die Version von Hagemeier (3):

»Auf der Burg lebten einest zwei Brüder, die, ihren Göttern treu ergeben, tapfer gegen den christlichen Frankenkönig Karl kämpften. Im Kampf gegen die Eindringlinge waren sie zwar vereint, im Herzen jedoch trennte sie ein unritterlicher Hass gegeneinander. Der Grund für diese Rivalität war ein schönes Sachsenmädchen, das sie beide sehr lieb hatten und begehrten. Die Liebe zu dem Mädchen hatte sie zu Todfeinden gemacht. Während eines Heerzuges gegen die Sachsen belagerte Karl der Große nun die Skidrioburg und konnte sie lange nicht einnehmen, weil sie so fest gebaut und tapfer von Sachsen verteidigt wurde. Als nun das Weihnachtsfest nahte, ließ der König die beiden Brüder einladen, mit ihm gemeinsam Weihnachten zu feiern. Sie kamen der Einladung nach und hörten zum ersten Mal die frohe Botschaft von der Geburt des Heilands und von der Liebe Gottes. Dadurch wurde ihr Herz so ergriffen, dass sie sich versöhnten und auch den Kampf gegen Karl und den christlichen Glauben aufgaben.«

Unterwegs zur »Burg«. Foto W-J.Langbein

Die Bezeichnung »Herlingsburg« ist irreführend. Wer die 334 Meter zum Berggipfel erklommen hat, der kann enttäuscht werden. Von einer »Burg« ist dort oben nichts zu erkennen. Eine »Burg«, so wie wir sie uns vielleicht vorstellen, hat es dort oben nie gegeben. Folgerichtig finden sich auch keine Mauerreste, geschweige denn steinerne Tore oder Türme mit Zinnen. Einst gab es oben auf dem heute wegen der Bewaldung kaum zu erkennenden »kuppelförmigen Hochfläche« (4) eine Wallanlage. Angreifende Feinde mussten den Berg hinauf stürmen, wobei sie immer wieder Gräben und Erdwälle überwinden mussten. Die Verteidiger der »Burg« waren im Vorteil, konnten – zum Beispiel – vorbereitete Felsbrocken gegen die Angreifer anrollen lassen. Oder sie ließen einen Steinregen auf die Feinde niederprasseln.

Waren die Angreifer erst einmal oben angelangt, galt es wiederum einen Graben zu überwinden. Darauf folgte ein Erdwall, gekrönt von einer Palisade aus Baumstämmen. Vom Graben ist heute nichts mehr zu sehen, die Palisade aus Baumstämmen ist natürlich schon seit vielen Jahrhunderten verschwunden, und der einst beeindruckende Erdwall? Der unvorbereitete Wanderer übersieht ihn leicht. Wer ihn aber ersucht, erkennt ihn noch, auch wenn er zwischen Bäumen kaum auszumachen ist. Am und auf dem Wall stehen Bäume. Wanderer trifft man hier oben nicht sehr häufig an. Dabei lohnt es sich, nach den Überbleibseln der »Herlingsburg« zu suchen… in einem Waldgebiet, das manchmal märchenhaft, manchmal unheimlich düster, manchmal lichtdurchflutet unsere Fantasie anregt.

Reste eines Wallstücks. Foto Langbein

Einst gab es im Inneren der Wallanlage einen Brunnen. Leider wurde er schon vor vielen Jahrzehnten bei unsachgemäßen Ausgrabungen – so versicherte mir ein Heimatforscher vor Ort – zerstört. Wie lange die »Herlingsburg« als Zuflucht für die heimische Bevölkerung genutzt wurde? Wir wissen es nicht. Wann genau die Wallanlage erbaut wurde, auch das wissen wir nicht wirklich.

Im Inneren der Anlage wurden mehrere Grabanlagen entdeckt, unter einer Humusschicht. Tote wurden  in steinernen Särgen beigesetzt. Klaus Zetzsche weiß zu berichten (5): »Als nun eins (ein Grab) analysiert wurde, kam die bisher schönste, geöffnete Grabanlage von vier Meter Länge zutage. Sie enthielt eine sogenannte Steinkiste. Die Grababdeckplatte bestand aus einer acht Zentimeter dicken Sandsteinplatte, die von einer Sandsteinschicht unter dem Grabe herrührte und abgespalten war.«

Wie viele solche Steinsarggräber mag es einst gegeben haben? Wie viele möge noch unentdeckt unter dem Waldboden schlummern? Eine Hinweistafel zeigt, wie so eine Begräbnisstätte aufgebaut war, allerdings verborgen im Erdreich. Wie mag die Religion der Menschen damals ausgesehen haben? Glaubten sie an die Auferstehung der Toten, wenn man sie nur möglichst sicher für die Ewigkeit verwahrte? Wurden besonders wichtige Tote möglichst dem Himmel nah beigesetzt? Glaubte man, sie würden wieder auferstehen, so wie die Natur immer wieder aus der Starre des Winters erwachte?

Der Berg der »Herlingsburg« hat schon vor Jahrtausenden Menschen angezogen. Berggipfel waren ja oft den Göttern vorbehalten. Auf Berggipfeln gab es Heiligtümer. Und auf Berggipfeln wurden Tote rituell beigesetzt, so auch im Inneren der »Herlingsburg«. Da wurden einst Totenrundhäuser über Grabstellen errichtet: Nach sorgsamen archäologischen Untersuchungen geschah dies etwa zwei Jahrtausende vor Christus. Jünger sind große Erdhügel. Scherbenfunde wiederum weisen auf 800 nach Christus hin. Man muss also davon ausgehen, dass der Berg der »Herlingsburg« vor mindestens vier Jahrtausenden als »heilig« angesehen wurde und Jahrtausende als »heiliger Berg« gegolten hat, von der Jungsteinzeit bis in die Zeit Karls des Großen.

Rekonstruktion eines Grabes auf einem Info-Schild.

Ich bin nach intensivem Studium der wissenschaftlichen Literatur zur »Herlingsburg« zur Überzeugung gekommen, dass es dort oben schon ein altes Heiligtum gegeben hat, bevor die Wallanlage gebaut wurde. Welche Riten vor Jahrtausenden abgehalten wurden? Wir wissen es nicht. Gab es Pilger, die vor Jahrtausenden Sonnwendfeiern zelebrierten? Begrüßte man den Frühling? Im Christentum wurden ja heidnische Frühlingsfeste – etwa auf dem Brocken – im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt. Einst trafen sich die Menschen auf Bergeshöhen, um zu feiern: Wenn die Sonne wieder stieg und wenn sich der Winter verabschiedete, die Natur aus der Starre der Kälte erwachte. Klaus Zetzsche (6): »So kam es beispielsweise, dass das große Frühlingsfest auf dem Brocken zu einem Meeting des Teufels und der Hexen abgestempelt wurde, die am ersten Mai dort zusammenkamen. Da aber das Volk weiterhin mit größter Zähigkeit an dem Fest der Lebensfreude festhielt, legte man die beiden großen Kirchenfeste, nämlich Ostern und Pfingsten, in seine Nähe und zog somit das alte Brauchtum einfach auseinander, so daß der ganze heidnische Charakter dadurch abgeschwächt wurde.«

Aber auch zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus lebt einstiges, einstmals heidnisches Brauchtum fort… zum Beispiel, wenn am Ostersonntag abends die Feuerräder von Lügde zu Tal rollen…

Osterräderlauf, uraltes heidnisches Brauchtum hat überlebt!

ALLE FOTOS: Walter-Jörg Langbein


Fußnoten:

1) Schäfer, Ulrike: »Geheimnisvolles Worms«, Gudensberg-Gleichen, 2003, S. 8
2) Hagemeier, Hubertus: Sagenhaftes Lipperland/ Sagen und Legenden, Erfurt
     2012, S. 118
3) ebenda
4) Zetzsche, Klaus: »Das sagen uns die Externsteine«, Köln-Seeberg 1983/84/85, S. 123
5) ebenda, S. 132
6) ebenda, S. 137

»Ein totes Pferd und eine Göttin«
Teil 242 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 07.09.2014


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Dienstag, 26. August 2014

Mein letztes Wort zu Gustl Mollath

Ein Fazit von Ursula Prem

Persönlich mit Gustl Mollath in Kontakt gekommen war ich noch zur Zeit seiner Haft durch meinen Versuch der Aufklärung nächtlicher Schlafentzüge in den Forensiken, die Mollath in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk geschildert hatte. Eine entsprechende Anfrage an die zuständige Ministerin Christine Haderthauer über abgeordnetenwatch.de hatte lediglich eine wenig greifbare Antwort ergeben, die ich brieflich an Gustl Mollath weiterleitete. Hierauf erhielt ich von ihm den Hinweis, dass es in der Straubinger Forensik eine Modellbaufertigung gebe, die mit der Familie Haderthauer zu tun hätte. Etliche Internetrecherchen und Telefonate später entstand aus dieser Information der Blogartikel »Christine Haderthauer – Forensik Straubing: Interessenkonflikt?«, dessen Inhalt schnell bundesweit von der Presse aufgegriffen wurde. In der Folge intensivierte sich der telefonische Kontakt, sodass es für mich kein Thema war, Mollath in den ersten Tagen nach seiner überraschenden Freilassung eine Unterkunft anzubieten.




Schon im Herbst 2013 zeichnete sich dann ab, dass Gustl Mollath nur wenig Neigung zur Kommunikation mit seinem Rechtsanwalt Gerhard Strate zeigte. Immer wieder machten wochenlange Kontaktabbrüche von Seiten Mollaths Strate das Leben schwer. Für mich, die ich in dieser Zeit viel Organisatorisches für Mollath erledigte, war das eine peinliche Situation: Natürlich rief Strate auch bei mir an, wenn er wieder mal auf der Suche nach seinem Mandanten war und hinterließ nicht nur einmal Bitten um Kontaktaufnahme. Diese gab ich natürlich weiter, wenn Mollath sich telefonisch meldete oder auf der Durchreise hier vorbeikam. Darauf reagiert hat er meinem Kenntnisstand nach so gut wie nie. Je nach aktueller Lage der Dinge lautete sein Antwort darauf: a) Das geht jetzt gerade nicht, denn mein Handy ist fast leer oder b) ja, da muss ich mal schauen, dass ich das bald mache. – Dass der Kontakt auch diesmal wieder nicht zustande gekommen war, erfuhr ich dann oft ein paar Tage später, wenn ich diesbezüglich bei Strate per Mail nachfragte. Auch der gelegentliche Versuch, Mollath zum sofortigen Anruf über mein Telefon zu bewegen, erwies sich als sinnlos, denn dann kam Ausrede c) zum Tragen: Auf so ein Gespräch muss ich mich erst vorbereiten, so schnell geht das nicht.

Auch mich stellte diese immer wieder auftretende Kommunikationsunwilligkeit vor teilweise gravierende Probleme. Presse- und sonstige Anfragen konnten nicht oder nur verzögert beantwortet werden, was teilweise mehrfachen umständlichen Mailwechsel mit den Anfragenden zur Folge hatte, ohne dass ich diese über den wahren Grund des Informationsstaus hätte aufklären können. Die Mailadresse eines Freundes, bei dem Mollath inzwischen untergekommen war, erwies sich als ebenfalls tot: So viel ich auch dorthin weiterleitete, Antworten bekam ich auf diesem Wege so gut wie nie. Vieles ist deshalb damals einfach versandet. Mit Sicherheit sitzen irgendwo da draußen noch viele verärgerte Menschen, die nie eine griffige Antwort auf teilweise großzügige Hilfsangebote erhalten haben.

War dieses Chaos in der Zeit nach der Entlassung noch verständlich, wurde der Zustand einige Wochen später langsam untragbar. Nachdem ich Mollath dies bei einem persönlichen Besuch auseinandergesetzt hatte, entschloss er sich zum Kauf eines eigenen Laptops, bei dessen Beschaffung ich ihm auch behilflich war. Erhalten hat er ihn am 24. Oktober. Seit diesem Tage bereits existiert auch die Mailadresse, die er Gerhard Strate zur Beantwortung seines Faxanschreibens am 31. Juli 2014 genannt hatte.

Natürlich versuchte ich gleich in den ersten Tagen, eingehende Anfragen an diese Adresse weiterzuleiten. Doch ich bekam keine Rückmeldungen auf diesem Wege. Fragte ich im Rahmen von Telefongesprächen nach, bekam ich von Mollath zur Antwort, er sei noch nicht dazu gekommen, sich mit dem neuen PC zu beschäftigen.

Zwischenzeitlich, am 2. November, sorgte Mollaths »Auftritt« in einem Bamberger Lokal intern für Stimmung, über den ich bereits in meinem Bericht zum 11. Prozesstag geschrieben hatte:

»Nun ist es natürlich für Außenstehende schwierig, das Innenverhältnis zwischen einem Anwalt und seinem Mandanten zu beurteilen. Unwillkürlich jedoch muss ich an eine öffentliche Brüskierung denken, die Mollath seinem Anwalt schon am 2. November 2013 angedeihen ließ, und deren Zeugin ich wurde. Diese begab sich anlässlich eines gemeinsamen Mittagessens in Bamberg in einem voll besetzten Gastraum, wo Gustl Mollath Gerhard Strate zunächst die Unterschrift unter eine dringend benötigte Vollmacht verweigerte. Er tat dies mit der Begründung, in diesem Wiederaufnahmeverfahren werde sowieso nichts aufgeklärt, der Prozess werde eine Farce werden, die jeder beliebige Pflichtverteidiger führen könne: Dazu benötige er Strates Dienste nicht! Einige am Nebentisch sitzende Gäste, die Mollath natürlich erkannt hatten, schienen diese niederschmetternde Unterhaltung höchst interessant zu finden. Dass Gerhard Strate sich damals dennoch bereitfand, nur eine halbe Stunde später an einem Treffen mit Mollaths Unterstützerkreis teilzunehmen, weswegen er extra von Hamburg nach Bamberg gefahren war, fand ich schon damals erstaunlich. Im Anschluss an das Treffen hatte sich die Lage wieder beruhigt, Stunden später wurde die Vollmacht dann doch noch ausgestellt.«

Am 16. November 2013 schließlich stand Mollath, wieder mal auf der Durchreise, bei mir vor der Tür und erklärte mir, dass ihm die Aktivierung seines mobilen Internet-Sticks nicht gelingen wolle. Schnell stellte sich heraus, dass eine fehlerhaft eingegebene Mailadresse der Grund für das Malheur war. Ich rief also beim Kundenservice an und bat darum, die misslungene Aktivierung zurückzusetzen, um neu beginnen zu können. Leider erwies sich die Servicekraft am Telefon als ausgesprochen unfreundlich und noch dazu technisch völlig ahnungslos. Mollath, der dieses unterirdische Gespräch über Lautsprecher mithörte, packte anschließend das Gerät ein und verkündete, er wolle es gar nicht mehr haben, denn er lasse sich nicht verarschen. Dass dies eine schicksalsentscheidende Stunde für den gesamten Fortgang des anstehenden Prozesses sein würde, war mir bereits in dieser Sekunde klar, denn ich stellte mir die Frage, wie lange Gerhard Strate noch bereit sein würde, ohne zuverlässige Kommunikationswege weiterzuarbeiten. Ich bat Mollath deshalb eindringlich, mir ein oder zwei Stunden Zeit zu geben, um das Problem in Ruhe lösen zu können. Doch Mollath blieb bei seiner Linie: Das Thema Laptop war für ihn erst einmal erledigt, seine Erreichbarkeit per Mail in weite Ferne gerückt, während Gerhard Strate bald darauf von Verschwörungstheoretikern mit dem Verdacht überzogen wurde, seinen Mandanten aktiv vom Internet fernhalten zu wollen.

Schon am 26. November 2013 wäre es dann fast zur Katastrophe gekommen: Gerhard Strate kündigte an, das Mandat niederlegen zu wollen. Wieder einmal hatte er Mollath mehr als zwei Wochen lang nicht erreichen können, die Situation hatte sich zugespitzt. Meine Antwort an ihn, versandt am 27. November 2013 um 8:58 Uhr, begann folgendermaßen:

»Lieber Herr Strate,

was für eine entsetzliche Hiobsbotschaft am frühen Morgen!

Nach wie vor bin ich der festen Überzeugung, dass das größte Problem in den mangelhaften Kommunikationswegen liegt: Würde Mollath verstehen (und überhaupt auch nur wissen), was Sie alles für ihn getan haben, dann würde er das auch schätzen können. Genau dies war ja der Grund, weshalb ich so lange darum gekämpft habe, dass er sich den Computer nicht nur besorgt (hat er schon vor Wochen gemeinsam mit mir getan), sondern ihn auch in Betrieb nimmt (hat er bis heute nicht getan, obwohl ich ihm jede nötige technische Hilfe angeboten habe). Er bräuchte den Blick ins Netz und die Erreichbarkeit per E-Mail dringendst, um die Vorgänge rund um seinen eigenen Fall in vollem Umfang zu verstehen. Er wäre davon auch nur wenige Mausklicks entfernt. Für mich ist das zum Verzweifeln!

Dass der Mensch dazu neigt, Wissenslücken mit Mutmaßungen aufzufüllen, ist bekannt. Ich selbst habe den Eindruck gewonnen, dass Mollath längst den Überblick über alle juristischen Vorgänge in seiner Sache verloren hat. Seine Papiere hat er sonstwo verstreut, Zugriff auf Ihre Dokumentation im Netz hat er ebenfalls nicht, was ich für eine Katastrophe halte: Er taucht ab, macht sich unerreichbar und steckt den Kopf in den Sand. […]«

Gerhard Strate hat das Mandat dann zum Glück für seinen Mandanten doch nicht niedergelegt. Es ist mir jedoch nie zur Kenntnis gelangt, dass Mollaths Mailadresse jemals aktiv genutzt worden wäre. Dass Mollath sie in seinem Fax vom 31. Juli 2014 an Gerhard Strate in einer derart fragilen Situation als einzige Kontaktmöglichkeit benannte, lässt aus meiner Sicht nur einen Schluss zu: Er wollte gar keine Antwort von ihm haben, hatte er zusammen mit einem prekären Unterstützer doch längst eine parallele Verteidigungsstrategie entwickelt, von der sein mandatierter Anwalt nichts wissen sollte. Hierüber hatte ich bereits nach dem 12. Prozesstag berichtet:

»Einige Nachfragen erreichten mich aufgrund meiner gestrigen Ausführungen zur Rolle des Martin Heidingsfelder im Zusammenhang mit der gestrigen Mandatsniederlegung durch die jetzigen Pflichtverteidiger Gerhard Strate und Johannes Rauwald. Gestern hatte regensburg-digital.de gemeldet: 
„Ich habe diese Auseinandersetzung mit Strate befeuert“, räumte etwa ein Vertrauter Mollaths am Mittwoch gegenüber unserer Redaktion ein. „Das hätte eine richtig große Nummer werden können, aber der Strate zieht einfach nicht mit.“ 
Eine Äußerung, deren Hintergrund etliche Prozessbeobachter zu interessieren scheint. Nun denn:
Am 18. Juni 2014 vormittags berichtete mir Heidingsfelder in einem Telefonat, er habe in einer »Freihandvergabe« volle fünf (!) Anwälte damit beauftragt, eigenständig Anträge auszuarbeiten, die Mollath in Regensburg vortragen solle. Hierbei gehe es unter anderem [O-Ton Heidingsfelder]»um das Thema Grundrechtsverstöße, von dem Strate keine Ahnung hat, da der ja Strafverteidiger ist.« Die Anträge seien ein »Faustpfand«, von dem Gerhard Strate nichts wissen solle, da das Gericht sonst vorgewarnt werden könnte. Der Plan ist es demnach gewesen, an dem von Mollath mandatierten Anwalt vorbei ein anwaltliches »Schattenkabinett« zu etablieren, um so nach Art der Piraten die Prozessführung zu entern. Sachen gibt´s …«

Als ich ihn im Rahmen unseres letzten persönlichen Kontakts (es muss am 21. oder 22. Juli gewesen sein) auf die Aktivitäten seines Freundes ansprach und versuchte, Klartext zu sprechen, hatte Mollath es plötzlich sehr eilig, in sein Auto zu steigen und mit dem Hinweis, er habe noch einen Termin, davonzufahren. Schon am 23. Juli, dem nächsten Prozesstag, trat der Konflikt mit seiner Verteidigung dann gerichtsöffentlich zutage: Mollath hatte sich entschieden. Seitdem haben wir kein Wort mehr miteinander gewechselt.


Natürlich hat Mollath von Strate eine Antwort auf sein Fax bekommen, genau an die genannte Mailadresse, wie die jüngste »Erklärung der (früheren) Verteidigung« zeigt, und zwar noch am selben Tag, am 31. Juli 2014 um 21:11 Uhr. Bereits Strates erster Satz ist interessant:

»Lieber Herr Mollath,
schön, dass ich von Ihnen erfahre, dass Sie eine Email-Adresse haben.«

Ob die Nachricht Mollath trotz allem erreicht hat? – Keine Ahnung. Am 8. August 2014 jedenfalls, dem darauffolgenden Verhandlungstag, bestritt er vor Gericht, eine Antwort erhalten zu haben und beklagte lauthals »mangelnde rechtsanwaltliche Unterstützung« [Quelle]. Hätte er die Mail mit ihren ausführlichen und nachvollziehbaren Begründungen gelesen, hätte er ja möglicherweise auf die sinnlosen Beweisanträge verzichtet.  

Auch Mollaths Bekundung, er sei komplett überrascht von Strates Mandatsniederlegung, denn er »vertraue« in seine Verteidiger, ist wohl eher dem Bereich der Legendenbildung zuzuordnen: Dass Strate in seiner Kanzlei »noch nie eine Razzia« gehabt hätte, was doch der Beweis wäre, dass dieser Anwalt im Sinne des Staates unterwegs sei, um seinen Fall nebst Filmstoff »totzumachen«, diese und einige ähnliche Aussagen hatte ich bereits im letzten Herbst von ihm gehört und auch in meinem verzweifelten Schreiben an ihn vom 25. November 2013 stichpunktartig schriftlich festgehalten.


Nun stand ich zwischen Baum und Borke: Einerseits ließ mich das entsetzliche Unrecht nicht ruhen, das Mollath über siebeneinhalb Jahre lang widerfahren war. Andererseits waren für mich bereits im Herbst die Anzeichen nicht mehr zu übersehen, dass er in Begriff war, nun seinerseits Unrecht zu begehen, noch dazu gegen den eigenen Anwalt, dessen großartigen Einsatz für ihn und seine Sache ganz Deutschland gebannt auf der Website strate.net verfolgte. Ganz Deutschland. Mit Ausnahme von Mollath. Denn der hatte noch immer keinen Internetzugang und scheint sich auch sonst nicht großartig um die Arbeit seines Anwalts gekümmert zu haben. Ob er dem Anwalt, von dem er mit großer Selbstverständlichkeit mindestens das Stürzen einer ganzen Bank im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung erwartete, wenigstens die laut seiner Aussage vor dem Untersuchungsausschuss angeblich bei Beate Klarsfeld und Jean Ziegler deponierten Koffer mit Beweisunterlagen für diese anspruchsvolle Aufgabe zur Verfügung gestellt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich denke eher: Nein, denn auch die kleiner dimensionierten und für die angeklagte Sache umso wichtigeren Informationen haben ihren Weg offenbar nicht zuverlässig nach Hamburg gefunden:


Am Ende der ersten Prozesswoche, genauer gesagt am 13. Juli 2014, berichtete mir Mollath detailliert von der Geschichte, seine Ex-Frau habe sich ihre attestierten Verletzungen beim Sprung aus einem fahrenden Auto zugezogen und brachte sie meiner Kenntnis nach erstmalig in engen zeitlichen Zusammenhang mit der angeklagten Körperverletzung. Er nannte auch den Namen der Straße des angeblichen Geschehens und konkretisierte, dass nach dem Autosprung eine ärztliche Behandlung nebst MRT in einer Klinik erfolgt sei. Auf meine Frage, ob Strate das alles wisse, verneinte Mollath. Dies wunderte mich allerdings nicht sonderlich, da sein Kommunikationsverhalten im Laufe des gesamten Jahres meinem Eindruck nach weitgehend unverändert geblieben war. Auch die Tatsache, dass er sich wenige Tage später vor Gericht genau dieser Sache wegen über den angeblich mangelhaften Aufklärungswillen der Ermittlungsbehörden beschwerte, regte mich nicht mehr sonderlich auf.




Das nun ergangene Urteil ist aus Mollaths Sicht nicht ganz lupenrein, doch es stellt eindeutig fest, dass seine siebeneinhalbjährige Unterbringung in der Psychiatrie zu Unrecht erfolgt ist und ihm eine Entschädigung dafür zusteht. Es befreit ihn zudem von dem offensichtlich konstruierten Vorwurf, ein gemeingefährlicher Reifenstecher zu sein. Diesen prozessualen Erfolg verdankt er dem unermüdlichen Einsatz von Gerhard Strate, dem er zum Dank für seine Hilfe auch noch bei laufendem Prozess einen Zweifrontenkrieg zwischen dem Gericht und dem eigenen Mandanten aufgezwungen hat, und den er nun, wie sich aus dem letzten Absatz der jüngsten Strate-Erklärung ergibt, offenbar auch noch um eine Beteiligung am Verkauf eventueller Filmrechte bringt. 1.400 mit grobem Undank entlohnte Arbeitsstunden, gefüllt mit juristischen Tätigkeiten auf höchstem Niveau, dazu 50.000 Euro Kosten, laut Strates FOCUS-Interview nur zum Teil gedeckt durch eine Zahlung des Autovermieters SIXT, so lautet die Bilanz eines Anwalts, dessen unerbittlicher Kampf um Transparenz es vollbracht hat, justizielles Recht und fühlbare Gerechtigkeit einander in nie gekannter Weise anzunähern. Zu dieser Ausbeutung kommt die üble Nachrede vonseiten des ehemaligen Mandanten, dem das alles noch nicht genug war, sekundiert von einer prekären Unterstützerszene. Noch Fragen, weshalb so viele Juristen lieber Dienst nach Vorschrift schieben und ihre Freizeit auf dem Golfplatz verbringen?


Dass viele der im merkwürdigen Denkgebäude der Psychiatrie Befangenen die neue Situation nun nutzen, um Mollath erneut mit ihren Diagnosen überziehen zu wollen, war zu erwarten. Dies ist ein großer Fehler, denn gegen derart maßlose Verhaltensweisen, wie sie sich in diesem Fall enthüllen, hilft nur der klare, unverstellte Spiegel in Gestalt von Mitmenschen, die frei vom Therapeutensprech imstande sind, eine Lüge eine Lüge zu nennen und eine Sauerei auch als solche zu bezeichnen.

Gustl Mollath, so mein Eindruck, wird Gerhard Strate nie verzeihen können, dass er ohne ihn niemals aus der Hölle entkommen wäre. Was ich Mollath sagen würde, wenn er wieder hier vor der Tür stünde, wäre dem Vokabular dieses Blogs absolut nicht angemessen, weshalb ich es lieber für mich behalte. Ich denke jedoch, dass er feige klug genug ist, sich und mir diese Situation zu ersparen.

>> Weiterlesen – Gerhard Strate: Erklärung der (früheren) Verteidigung


Buchneuerscheinung am 1. Dezember 2014:

Gerhard Strate
»Der Fall Mollath – Vom Versagen der Justiz und Psychiatrie«

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Update:


Ein dringender Aufruf:


Die noch immer schwelende Frage nach den gesellschaftlichen Hintergründen des Justizskandals um Gustl Mollath sollte jetzt endlich ins Zentrum gerückt werden. Zur weiteren konkreten Aufklärung bedürfte es jedoch der Beweisunterlagen, die Gustl Mollath (laut seiner Aussage vom 11. Juni 2013 vor dem Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtages) beim Ehepaar Serge und Beate Klarsfeld in Frankreich sowie beim Autor Jean Ziegler in der Schweiz deponiert hatte. Er fügte zwar hinzu, es sei ungewiss, ob das Material dort noch vorhanden wäre: Doch warum sollten derart renommierte und als aufrecht bekannte Persönlichkeiten diesbezüglich schludrig sein?

Wer noch (oder einmal wieder) Kontakt zu Gustl Mollath haben sollte, möge ihn deshalb dringend bitten, nun für die Rückholung des Materials zu sorgen und es, wo möglich, im Internet der Allgemeinheit zur intensiven Auswertung zur Verfügung zu stellen. Vielen Dank!

Ursula Prem, 13. Juli 2015

Sonntag, 24. August 2014

240 »Der Drache, die Schöpfung und die Göttin«


»Der Drache, die Schöpfung und die Göttin«
Teil 240 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         

von Walter-Jörg Langbein


Wer einen Drachen sucht,
wird auch in Urschalling fündig ...

Das berühmte Nibelungenlied ist ein gewaltiges Heldenepos. Die vielleicht wichtigste Gestalt ist der hünenhafte Siegfried. Siegfried – er lebt als Sohn des Königspaares Siegmund und Sieglinde –  erfährt von einem geheimnisvollen Drachen. Das Untier haust in einer Höhle und bewacht einen gewaltigen Schatz, den »Hort der Nibelungen«. Was das Untier für Siegfried besonders anziehend macht: Angeblich macht das Blut des Drachens unverwundbar. Siegfried macht sich also auf die Reise, es gelingt ihm, das Monster zu töten und so badet er in seinem Lebenssaft. Tatsächlich wird er am ganzen Leibe unverwundbar, mit Ausnahme einer kleinen Stelle am Rücken. Im »dritten Abenteuer« lesen wir:

»Noch ein Abenteuer ist mir von ihm bekannt:
Einen Linddrachen schlug des Helden Hand;
Als er im Blut sich badete, ward hörnern seine Haut.
So versehrt ihn keine Waffe: das hat man oft an ihm geschaut.«

Generationen von Forschern haben gegrübelt, recherchiert und spekuliert, ob denn Siegfrieds Drachenkampf Ausgeburt reiner Fantasie sei. In der »Thidrekssage« wird sehr viel ausführlicher als im Nibelungenlied, wie ein gewisser Mime einem grässlichen Lindwurm den Auftrag erteilt, den jungen Sigfrid zu überfallen und zu töten. In der »Thidrekssage« hat dieses monströse Wesen einen Namen: Regen. Sigfrids Kampf mit dem Lindwurm oder Linddrachen wird gern mit dem Kampf des »Heiligen Michael« mit dem »Drachen« verglichen. (1)

Auch in Worms wurde ich
in Sachen Drachen fündig ...

Mich fasziniert die biblische Drachenmythologie schon seit Jahrzehnten. Im Buch Hiob wird der Drache erwähnt (2): »Bin ich denn das Meer oder der Drache, dass du eine Wache gegen mich aufstellst?« Psalm 91 beschreibt Drachen als eine Gefahr für jeden Menschen, der nicht von Gott selbst beschützt wird (3): »Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten.« Jesaja (4) warnt vor einem »fliegenden Drachen«. An anderer Stelle (5) prophezeit Jesaja, dass Gott den Drachen töten wird. Und nochmal Jesaja (6): »Dies ist die Last für die Tiere des Südlandes: Im Lande der Trübsal und Angst, wo Löwe und Löwin, wo Ottern und feurige fliegende Drachen sind, da führen sie ihre Habe auf dem Rücken von Eseln und ihre Schätze auf dem Höcker von Kamelen zu dem Volk, das ihnen nichts nützen kann.«

Hesekiel siedelt Drachen im Meer an. Er beschreibt zwar nicht direkt derartige monströse Wesen, verwendet aber Drachen sehr anschaulich im Vergleich (7): »Du Menschenkind, stimm ein Klagelied an über den Pharao, den König von Ägypten, und sprich zu ihm: Du Löwe unter den Völkern, wie bist du dahin! Und doch warst du wie ein Drache im Meer und schnaubtest in deinen Strömen und rührtest das Wasser auf mit deinen Füßen und machtest seine Ströme trübe.«

In der »Apokalypse des Johannes« kommt der Drache immer wieder vor. Um einem Missverständnis vorzubeugen: »Apokalypse« wird heute gern grundsätzlich als »Weltuntergang« übersetzt. Tatsächlich aber bedeutet der biblische Begriff »Apokalypse« zunächst einmal nur »Offenbarung«. Sehr interessant ist der Hinweis (8), dass der Drache quasi göttliche Funktionen hat, sprich verehrt wird: »Und sie beteten den Drachen an, weil er dem Tier die Macht gab, und beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich und wer kann mit ihm kämpfen?«

Daniel in der Löwengrube.
Dom zu Worms. Foto Langbein

Das Buch Daniel findet sich nur äußerst bruchstückhaft in unseren Bibelausgaben. Der ursprüngliche Daniel-Text freilich war sehr viel umfangreicher, wurde aber der frommen Christenheit nur auszugsweise zugemutet. Warum? In manchen Luther-Ausgaben (9) der Bibel finden sich in der Abteilung »Apokryphe Schriften« Fragmente der »Zusätze zu Daniel«. Sehr viel ausführlicher freilich ist die nach wie vor beste Ausgabe der »verbotenen Bücher der Bibel«, nämlich in der Ausgabe von Prof. Emil Kautzsch (10). Ich zitier aus Kautzsch (11): »An dem gleichen Orte war auch ein Drache; dem erwiesen die Babylonier göttliche Verehrung.« Der biblische Daniel wird zum Drachentöter wie der »Heilige Georg«. Doch während der frühchristliche Georg dem Untier wie ein fahrender Ritter zuleibe rückt, wendet Daniel eine kurios anmutende Tötungsart an.

Drachentod von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein

Der »Heilige Georg« ist uns aus zahllosen Darstellungen in christlichen Gotteshäusern bekannt. Hoch zu Ross rammt er dem Drachen einen Spieß in den Leib oder setzt dem Untier mit einem Schwert ein Ende. Mir kam allerdings der »Drachen« schon in meiner Kindheit oft nicht wie ein einem Horrorfilm entsprungenes Monster vor, sondern wie ein Fabelwesen aus dem Repertoire der »Augsburger Puppenkiste«. Im der kleinen Wehrkirche von Urschalling, am Chiemsee gelegen, fotografierte ich die spärlichen Reste eines Gemäldes. Eindeutig stellte es einen »Heiligen Georg« von beachtlicher Größe da, der hoch zu Ross einem eher kleinen »Drachen« in Hundegröße einen gewaltigen Spieß in den Leib rammt. Eine Heldentat sieht anders aus.


Drachentöter von Marienmünster.
Foto Langbein

In Marienmünster, wo ich für eine TV-Dokumentation gefilmt wurde, mutiert der Drachen zu einem weitestgehend »menschlichen« Teufel. Flügel am muskulösen Leib des sich windenden Sterbenden erinnern daran, dass der Teufel nach christlicher Tradition ein aus dem Himmel verbannter Engel war. Als satanisches Kennzeichen sind Hörner am Haupt des Teufels zu erkennen. Und in der Gesäßregion entspringt ein offensichtlich gewaltiger schlangenartiger Fortsatz, der jedem Lindwurm zur Ehre gereicht hätte. Im Dom zu Paderborn wiederum entdeckte ich in Holz geschnitzt einen Drachen, der eher als anmutig und graziös zu bezeichnen ist und ganz und gar nicht furchteinflößend auf mich wirkt.

Im Buch Daniel begegnen wird dem Vorgänger des »Heiligen Georg«. Der erledigt den Drachen nicht im ritterlichen Kampf, sondern als heimtückischer Fladen-Bäcker. Ausdrücklich bittet Daniel den König, den Drachen zu töten zu dürfen und schreitet dann perfide zur Tat (12): »Du aber, o König, gib mir die Erlaubnis, so will ich den Drachen ohne Schwert und Stab töten. Darauf nahm Daniel Pech, Fett und Haare, kochte sie zusammen und bereitete Fladen daraus und gab sie dem Drachen ins Maul. Nachdem der Drache sie gefressen hatte, zerbarst er.«  Wie gut, dass der »Heilige Martin« nicht auf derlei widerliche Fladen setzte. Drachen, die sich den Magen verderben und dann auch noch explodieren, sind kein ideales Bild für sakrale Kunst. Als Gemälde würden sie ekelhaft wirken, in Form von Statuen wären sie nicht darstellbar.

Was Daniel aber verdeutlicht: Der Drache steht für den »falschen« Glauben, der mit allen Mitteln vernichtet werden muss. In diesem Sinne hat sich Karl der Große (etwa 747 – 814 n.Chr.) als »Drachentöter« bewährt! Mit Gewalt bekämpfte er fanatisch vorchristliches Gedankengut, das sich bis in seine Zeit erhalten hatte. So war es vermutlich Karl der Große, der in Paderborn unweit des Doms einen heidnischen Tempel zerstören ließ. Reste einer Inschrift verweisen auf einen »Drachen«, dem dort die heidnischen Sachsen noch geopfert haben sollen. Offensichtlich ist es Karl dem Großen gelungen, den Drachenkult von Paderborn zu zerstören!

In einer Gruft von Worms wurde
ein Drache gefunden ... aus Stoff.

Folgen wir der Spur des Drachen. Sie führt uns zur biblischen Schöpfung, oder genauer … in die Zeit vor der biblischen Kreation. Denn was selbst emsige Bibelleser nicht wissen: Laut Bibel gab es vor der Schöpfung durch Gott … die Göttin. Und diese geheimnisvolle Geschichte wird im Text des »Alten Testaments« beschrieben. Dabei meinen wir doch genau zu wissen, was die Bibel über den Anfang der Schöpfung schreibt! Auch Atheisten meinen den einfachen Sachverhalt zu kennen, ob sie nun selten oder nie in der Bibel lesen! So beginnt die Bibel (13):

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.«

Eher harmlos wirkt der Drache von Paderborn.

Mit diesen Worten wird die Bibel eingeleitet. Versteckt – und selbst Theologen oft unbekannt – im »Alten Testament« findet sich aber ein anderer Anfang der Geschichte von Gott. Bevor Gott mit der Schöpfung beginnen konnte musste er erst Rahab besiegen (14): »Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.«    

Gott hat, noch bevor er mit seiner Schöpfung begann, das Meer aufgewühlt und Rahab getötet. Vor dem Beginn der biblischen Geschichte von Gott, wie sie das Alte Testament erzählt, war also Rahab. Wer oder was aber war Rahab? Diverse Lutherausgaben der Bibel erklären in Fußnoten, Rahab sei »der Drache der Urzeit« gewesen. Und in der Tat: der Prophet Jesaja umschreibt Rahab als Drachen. Jesaja appelliert an Gott (15): »Wach auf, wach auf, zieh’ Macht an, du Arm des Herrn! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?«

Bevor der Gott des Alten Testaments mit der eigentlichen Schöpfung anfangen konnte, musste er erst einmal den »Drachen« Rahab töten. Rahab existierte also schon bereits vor der Schöpfung. Verschweigt uns die Bibel da etwas? Der Schlüssel zum Geheimnis um Rahab findet sich gleich zu Beginn des Alten Testaments, allerdings muss man den Text gründlich im hebräischen Original untersuchen. In der Übersetzung heißt es wenig aussagekräftig (16): 

»Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe.«. Übersetzt man das hebräische Original wörtlich, lautet der zweite Teil des Verses: »Finsternis lag auf dem Antlitz von Tehom.« Tehom aber lässt sich auf uralte babylonische Mythologie zurückführen: Auf die babylonische Gottheit Tiamat, die auch als Meeresdrachen bezeichnet wird. Ursprünglich aber war Tiamat die Meeresgöttin.

Drache von Worms. Rekonstruktion 1


Nach Jahrzehnten der Forschung habe ich keinen Zweifel mehr: Der Drache aus christlichen Darstellungen ist eine Chiffre für die Zentralfigur sehr viel älterer Religionen, für die Göttin! Es lohnt sich nach diesem uralten Symbol zu suchen – in unseren Kirchen! Übrigens, ich wurde auch in Worms fündig! In einem uralten Bischofsgrab wurde ein schon arg zerfallenes Stück Stoff gefunden, das einst einen hohen christlichen Würdenträger geschmückt haben mag. Zu erkennen ist nach wie vor, was einst auf der Textile prangte….ein Drache. Mir stand ein schlechtes Foto von dem Drachen zur Verfügung. Ich habe versucht, die geheimnisvolle Kreatur zeichnerisch zu rekonstruieren….

 
Drache von Worms. Rekonstruktion 2


ALLE FOTOS: Walter-Jörg Langbein 
Zeichnerische Rekonstruktionen des Drachen von Worms: Langbein

Fußnoten

1) Zum möglichen historischen Hintergrund des Nibelungenlieds hat sich sehr ausführlich Heinz Ritter-Schaumburg geäußert. Empfehlenswert ist die Lektüre von Heinz Ritter-Schaumburg: »Sigfrid ohne Tarnkappe«, München 1990 und, vom gleichen Verfasser: » Die Nibelungen zogen nordwärts«, 5. Auflage, München 1981

2) Buch Hiob, Kapitel 7, Vers 12
3) Psalm 91, Vers 13
4) Jesaja 14, Vers 29
5) Jesaja 27, Vers 1
6) Jesaja 30, Vers 6
7) Hesekiel 32, Vers 2
8) Offenbarung 13, Vers 4

9) »Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und des Neuen Testaments nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers/ Neu durchgesehen nach dem vom deutschen Evangelischen Kirchenausschuß genehmigten Text«, Stuttgart 1915, »Anhang: Die apokryphischen Bücher«, »11. Vom Drachen zu Babel«, S. 133 und 134

10) Kautzsch, E.: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, »Erster Band: Die Apokryphen des Alten Testaments«, Tübingen 1900, S. 172-S.193
11) ebenda, S.191
12) ebenda, S. 191
13) 1. Buch Mose Kapitel 1, Verse 1-3
14) Hiob Kapitel 26, Vers 12
15) Jesaja Kapitel 51, Vers 9
16) 1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 2

»Nikolaus und eine geheimnisvolle Burg«,
Teil 241 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 31.08.2014

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Montag, 18. August 2014

Wiederaufnahme Gustl Mollath – 16. Tag: Urteilsverkündung

Landgericht Regensburg
14. August 2014:
Urteilsverkündung
Es ist das etwas profane Ende eines insgesamt über 13 Jahre andauernden Albtraums: Am 14. August 2014 wird Gustl Mollath vom Landgericht Regensburg freigesprochen.

»Der Angeklagte ist für die Zeiträume der Unterbringung zur Beobachtung vom 30.06.2004 bis 07.07.2004 und 13.02.2005 bis 21.03.2005, dem Zeitraum der einstweiligen Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus vom 27.02.2006 bis 12.02.2007 und dem Zeitraum der Vollstreckung der Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus aufgrund des Urteils des Landgerichts Nürnberg-Fürth vom 08.08.2006 vom 13.02.2007 bis 06.08.2013 aus der Staatskasse zu entschädigen« [Quelle],

heißt es im Urteil. Damit ist gerichtlich festgestellt, dass es für Mollaths forensisch-psychiatrische Irrfahrt einschließlich siebeneinhalbjähriger Unterbringung im Maßregelvollzug von Anfang an keine tragfähige Grundlage gegeben hat und das Nürnberger Urteil von 2006 demzufolge ein Unrechtsurteil gewesen ist.


Die Adhäsionskräfte des psychiatrischen Etiketts


Leider erfährt dieser mit Abstand wichtigste Punkt des Regensburger Urteils in den Folgetagen nicht die ihm zustehende Würdigung, da sich nicht zuletzt Mollath selbst mit der Urteilsbegründung unzufrieden zeigt. Dies liegt daran, dass auch die Regensburger Kammer eine am 12. August 2001 angeblich durch Mollath begangene Körperverletzung zulasten der Ehefrau als erwiesen ansieht und zudem anmerkt, es könne nicht zweifelsfrei festgestellt werden, ob Mollath diese Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen habe.

Wieder einmal zeigt sich, dass die Adhäsionskräfte des psychiatrischen Etiketts allzu gewaltig sind: Einmal aufgeklebt, lassen sich die Reste kaum noch rückstandsfrei entfernen. Dass dieses letzte Öffnen des psychiatrischen Zauberkastens in seiner Sache diesmal ausnahmsweise zu seinen Gunsten erfolgt, da er andernfalls aus Sicht der Kammer dieser einen Tat wegen schuldig gesprochen werden müsste, mag Mollath wenig trösten, genauso wie die Tatsache, dass er von den Vorwürfen der Freiheitsberaubung, der Sachbeschädigung sowie einer weiteren angeblichen Körperverletzung aus tatsächlichen Gründen freigesprochen wird. Damit wird klar: Auch die angeblichen Reifenstechereien, die damals als scheinbarer Beweis für Mollaths Allgemeingefährlichkeit angeführt und dem psychiatrischen Gutachter Klaus Leipziger als Anknüpfungstatsache serviert wurden, sind definitiv nicht nachweisbar.


Wer das Verfahren verfolgt hat, wird zu dem Schluss kommen, dass man die Beweislage bezüglich der Körperverletzung vom 12. August 2001 auch ganz anders hätte bewerten können: Eine Hauptbelastungszeugin, die von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch macht. Eine angeblich noch Jahre später sichtbare Bissnarbe am Arm, über die zwar viele gesprochen haben, die jedoch niemand jemals wirklich gesehen haben will, nicht einmal der neue Ehemann. Ein wenig tragfähiges ärztliches Attest nebst dazugehörigem Wirrwarr in den digitalen Krankenakten. Widersprüche in bei unterschiedlichen Gelegenheiten getätigten Aussagen durch die Geschädigte selbst: Auch nach dem Regensburger Urteil wird der 12. August 2001 ein Tag mit vielen Fragezeichen bleiben.


Mollath: »Damit will ich Sie jetzt gar nicht groß belasten!«


Was tatsächlich damals passiert ist, darüber erhoffte sich die Kammer Aufschluss durch den Angeklagten selbst, der nach der Entlassung des psychiatrischen Sachverständigen Nedopil angekündigt hatte, sich nun zur Sache einlassen zu wollen. Seine vorbereitete Erklärung dazu, vorgetragen am 15. Verhandlungstag, hatte sich dann jedoch auf die Aussage beschränkt, die Taten nicht begangen zu haben. Weitere Fragen der Vorsitzenden Richterin zu den Geschehnissen aus seiner Sicht hatte er unbeantwortet gelassen und ausgeführt: »Damit will ich Sie jetzt gar nicht groß belasten!«

Die Ankündigung einer Einlassung mit anschließender Aussageverweigerung nebst einer Antwort, die knapp an einer Missachtung des Gerichts entlangschrammt, war natürlich nicht dazu angetan, Mollaths Glaubwürdigkeit zu unterstreichen. Doch Mollath scheint konsequent seine eigene Agenda verfolgt zu haben: Die angekündigte Einlassung zur Sache bestand hauptsächlich in der Beantragung weiterer Zeugenbeweise durch ihn selbst, wovon ihm seine Verteidiger schon im Vorfeld abgeraten hatten. Wäre die reine Beantragung im Sachzusammenhang nutzloser Zeugen vielleicht noch angegangen, so mag die von Mollath betriebene Vermengung einer angeblichen Einlassung zur Sache mit einer Kette von Beweisanträgen auf das Gericht wie eine Nebelkerze gewirkt und nicht unmaßgeblich dazu beigetragen haben, Mollath »zu einem frischen Beweismittel gegen sich selbst« zu machen, wie Prof. Dr. Henning Ernst Müller in seinem Blogbeitrag ausführt. Und auch Heribert Prantl bringt es auf den Punkt:

»Mollath hat gewaltige Sympathien in der Öffentlichkeit sammeln können; diese Sympathien haben ihn ins Wiederaufnahmeverfahren getragen. Einen Teil dieser Sympathien hat er durch sein Auftreten, sein Agieren und sein Reden im Regensburger Strafprozess wieder eingebüßt. Es wäre für ihn besser gewesen, er hätte dort geschwiegen und seinen Anwalt reden lassen. Aber er wollte zeigen, das gehört wohl zu seiner Persönlichkeit, dass er, Mollath, eigentlich der bessere Jurist ist - weil er angeblich weiß, wie Gerechtigkeit aussieht. Auch das gehört zur Tragik seines Falles.« [Quelle]

Dass die konsequente Aussageverweigerung der bessere Weg gewesen wäre, dürfte Gerhard Strate seinem Mandanten im Vorfeld tatsächlich ausführlich erklärt haben. Dies geht zumindest aus einem Tweet Martin Heidingsfelders hervor:

Quelle: Twitter

Selbst nachdem das Kind nun insoweit in den Brunnen gefallen ist, weiß er es immer noch besser:

Quelle: Twitter  

Die schon im Verlauf der Verhandlung offenkundig gewordene, von Mollath und Heidingsfelder parallel verfolgte Geheimstrategie zur Bekämpfung des eigenen Verteidigers nebst der Abgabe offenbar unabgesprochener Erklärungen durch Mollath vor Gericht mag nicht der einzige Grund für den Wermutstropfen sein, den das Urteil nun enthält. Für mich ist jedoch nicht ausschließbar, dass das Ergebnis ohne solches Intrigenspiel auch anders hätte aussehen können.

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Sonntag, 17. August 2014

239 »Drei Heilige Frauen und eine Teufelin!«

Teil 239 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 17.08.2014

Die drei Heiligen Bethen. Foto Langbein
Die drei heiligen Jungfrauen vom Dom zu Worms stammen aus einem Kloster »Maria Magdalena«. Warum hat man sie in die Nikolauskapelle des Doms geschafft? »Wer aber waren die Drei Bethen, die in der Taufkapelle des Doms noch heute in Stein gehauen zu sehen sind?«, fragt Franjo Terhart (1). Dass die drei Bethen sehr gut in das große »Gotteshaus« passen, liegt auf der Hand. Wurde doch die Stadt Worms nach einer der drei holden Wesen benannt. Franjo Terhart bestätigt (2): »Schließlich verdankt die Stadt einer von ihnen, nämlich der Borbeth ihren Namen. (Aus Borbetomagus wurde über Wormazfelt schließlich der heutige Stadtname.)« Zur Erinnerung: »Borbetomagus« bedeutet »Stadt oder Ort der Borbet«.

Mindestens genauso interessant wie die Heilige Borbeth ist ihre Gefährtin »Wilbeth«. Dieser in unseren Ohren ungewohnt klingende Name geht auf das englische Wort »wheel«, auf das Rad zurück. Alljährlich wird noch heute in Lügde ein alter heidnischer Brauch zelebriert, der allerdings leider immer mehr als Attraktion eines lärmenden Rummels Touristen anlocken soll. Die in Lügde zu Tal rollenden brennenden Feuerräder symbolisieren den Mond. Das »wheel« im Namen Wilbeth« weist darauf hin, dass die »christliche« Wilbeth ursprünglich eine heidnische Mondgöttin war!

Die Heilige Borbeth. Foto Langbein

Die drei Bethen, so legt Richard Fester überzeugend dar (3), waren einst Göttinnen, Sinnbilder des ewigen Lebens und der Wiedergeburt. Für den Heidelberger Forscher Hans C. Schöll, Verfasser des wichtigen Werkes »Die Drei Ewigen« (4), waren Ambeth, Wilbeth und Borbeth Muttergöttinnen, die Erde, Mond und Sonne verkörperten. Die weibliche Dreifaltigkeit aus »heidnischen« Zeiten finden im Christentum ihre Entsprechung in den »drei Bethen«.

Besonders interessant: »Wilbeth«, die einstige Mondgöttin! Richard Fester (5): »Wilbeth ist also eine göttliche Mondmutter, die in die Zeiten steinzeitlichen Mütterglaubens und Mütterrechts zurückreicht und zurückweist. Ihre Stelle im christlichen Kult übernahm oftmals die ›Muttergottes auf der Mondsichel‹, ein Motiv, das sich schon im alten Kreta, 3 000 Jahre zuvor, findet.« Deshalb steht die Muttergottes im Dom zu Paderborn fast verschämt auf der Mondsichel, deshalb findet sich zu Füßen der Maria von Guadalupe die Mondsichel: weil Maria in die Rolle der »heidnischen« Muttergöttin geschlüpft ist!

Im Sommer 2014 erlebte ich, wie fromme Pilgerinnen gedankenverloren im Gebet versunken den »drei Bethen« huldigten. Ob vielen der Gottesdienstbesucher bei den Andachten in der Nikolauskapelle vor den »drei Bethen« bewusst ist, wie lange schon die Drei verehrt und angebetet wurden? Wenn Theologie eine wirklich wichtige Aufgabe hat, dann diese: Sie muss die Wurzeln der eigenen religiösen Überzeugungen erkunden. Leider gibt es für fanatische Anhänger unterschiedlichster Religionen nur den eigenen, den angeblich wahren Glauben. Bevor dieser jeweils einzig anerkannte Glaube – von Religionsgründern und Propheten – verkündet wurde, darf es keine wahre Religion gegeben haben. Wir haben nur eine echte Chance, zum Frieden aller über die Grenzen der Religionen hinaus zu kommen: Die Erkenntnis, dass alle Religionen sehr viel ältere gemeinsame Wurzeln haben!

Die Heilige Wilbeth. Foto Langbein

Es beeindruckt mich zutiefst, wie vielen Muttergöttinnen ich auf meinen Reisen begegnet bin – von Malta bis Mexiko, von Perus Pachamama bis zu Paderborns Maria. Offensichtlich gibt es uralte religiöse Bilder, die seit Jahrtausenden leben. Es ist tragisch, dass es zu Religionskriegen kam, bei denen gemetzelt und gemordet wurde. Es ist kein Zeichen menschlichen Mitgefühls, wie viel Leid verursacht wurde und wird, weil für Fanatiker nur der eigene Glaube gilt, der »fremde« Glaube bekämpft wird!

Wilbeth, die göttliche Mondmutter, führt uns weit zurück in die Vergangenheit… und sie ist im Katholizismus heute noch präsent: Aus der Wilbeth wurde die Fir’pet, die der gläubige Katholik heute noch als »Fürbitterin« kennt. Die »Fürbitterin« hat heute einen festeren Glauben im religiösen Brauchtum als in der vermeintlich wissenschaftlichen Theologie, nämlich als Maria. Es sind aber nicht in erster Linie theologische Dispute, die an theologischen Hochschulen ausgefochten werden, die den hilfesuchenden Menschen im Glauben Rückhalt geben. Das mehr oder minder intellektuelle Gedankengut wissenschaftlicher Theologie wird vom gläubigen Volk so gut wie überhaupt nicht zur Kenntnis genommen und sicher kaum verstanden.

Im Zentrum: Isis oder Maria?
Mit Horus oder Jesus. Foto Langbein

Man mag zum Volksglauben stehen wie man will, viele Menschen in Not finden in den Gotteshäusern Trost, und das allen Skandalen zum Trotz. Schon vor Jahrtausenden spendete die Muttergöttin Isis im Reich der Pharaonen Trost. Darstellungen von Göttin Isis, die sie mit ihrem Sohn Horus zeigen, erinnern in verblüffender Weise an Himmelsgöttin Maria mit ihrem Sohn Jesus. Isis und Horus wurden von griechischen und römischen Künstlern noch zu christlichen Zeiten verewigt. Christliche Künstler wurden zu Darstellungen von Himmelsgöttin Maria mit dem Jesusknaben inspiriert. Würde ein Isis-Gläubiger heute eine christliche Kirche betreten, er würde in den zahlreichen Gemälden und figürlichen Darstellungen von Maria »seine« Isis und in Jesus »seinen« Horus erkennen und – nach seiner Art – beten.

Wenn aber Gläubige aus dem »Alten Ägypten« und Christen unserer Tage in Ehrfurcht vor Isis/ Maria verstummen könnten, sollte es dann nicht auch möglich sein, dass heute Menschen muslimischen und Menschen christlichen oder jüdischen Glaubens in wirklichem Frieden miteinander leben? Die Frage ist nur, ob das wirklich erwünscht ist!

So wie heute Millionen von Christen nach Lourdes pilgern, um zu Maria zu beten, in der Hoffnung, von Krankheit geheilt zu werden, so mag einst die mysteriöse Steinzeitinsel Malta so etwas wie ein Pilgerort gewesen sein. Unzählige Tempel aus gigantischen Steinmonstern  finden sich da auf engstem Raum. Wahrhaftige Monstermauern trotzen seit Jahrtausenden der Zeit, sie würden auch King Kong mühelos Paroli bieten können. Auf Malta wurden vor vier bis sechs Jahrtausenden 22 riesige Tempel gebaut. Bis zu zwanzig Tonnen wiegen die gewaltigen Kalksteinquader, die damals scheinbar mühelos bewegt und aufeinander getürmt werden konnten. Tief unter der Erde wurde die »schlafende Dame« verehrt und angebetet. Lockte die Steinzeit-Maria vor Jahrtausenden Pilger aus ganz Europa an, so wie das heute noch die Himmelskönigin Maria tut?

Die Kreuzkirche auf dem Kalvarienberg. Foto Langbein

Auf meinen Reisen durch die Welt zu den großen Rätseln unseres Planeten begegneten mir immer wieder bewegende Zeugnisse des Glaubens an Heilige Mütter. So stieg ich voller Erwartung von Bad Tölz auf den »Kalvarienberg«. Fromme Pilger reisen aus aller Welt an, um den Kalvarienberg von Bad Tölz zu besteigen, wobei sie die verschiedenen Stationen von Jesu Leidensweg abschreiten, die kunstvoll dargestellt wurden. Diese Form der Frömmigkeit ist mir, ich gebe es zu, fremd. Mich lockte auch nicht in erster Linie der herrliche Blick ins Isartal, sondern die »Krone von Tölz«. 1718 ließ der Zollbeamte Friedrich Nockher sieben Wegkapellen errichten, dann die »Heilige Stiege«. 1735 entstand der »Golgathahügel«, gefolgt von der »Kreuzigungsgruppe« und der »Heiligen Stiege«. Die »Heilige Treppe« stand erst im Freien, wurde dann aber mit einem Gotteshaus überbaut.
 
Im zweiten Raum des heutigen Gotteshauses steht der Besucher vor einer breiten Holztreppe. Rechts und links davon führen steinerne Treppen nach oben. Die mittlere Treppe, so informiert uns eine Schrifttafel, wurde »nach dem Muster der wahren heiligen Stiege zu Rom hier errichtet und durch Einlegung mehrerer heiliger Reliquien eingeweiht«. Deshalb soll die »Heilige Stiege« nur »von den Schriftgläubigen ... nur kniend hinaufgebetet werden.« Die seitlichen Treppen sind für profanere Besuche bestimmt.

Die Heilige Stiege. Foto Walter-Jörg Langbein

Auch in Bad Tölz soll unser Augenmerk auf die himmlischen Gefilde gelenkt werden. Und seit Jahrzehnten folgt die christliche Theologie, so wie sie in den Kirchen gepredigt wird, mehr und mehr dem Volksglauben. So wird nach und nach aus Maria, der Mutter Jesu eine mächtige Himmelskönigin. Der Weg von der im »Neuen Testament« eher unscheinbaren Randfigur Maria zur »Himmelskönigin« ist weit, länger und steiler als die »Heilige Stiege« auf dem Kalvarienberg. In der Kalvarienbergkirche findet sich so manche Maria als Himmelskönigin, wie in jedem katholischen Gotteshaus. Doch steht im krassen Gegensatz zur hohen, ja heiligen Frau Maria die Frau als böse gegenüber.

Nikolaus im Portal. Foto Walter-Jörg Langbein

Besonders  deutlich zeigt dies das Portalbild der Nikolauskapelle. In der Mitte steht riesenhaft der »Heilige Nikolaus«. Was genau dargestellt wird, ist umstritten. Zur Linken des Nikolaus sind drei Menschen vom Tod bedroht. Der Henker hat schon sein Schwert aus der Scheide gezogen und setzt zum tödlichen Hieb an. Der »Heilige Nikolaus« –  mit Bischofsstab – rettet die Bedrohten. Steht er drei zu Unrecht zum Tode Verurteilten bei? Auf der anderen Seite erkennen wir ein Boot auf dem Meere. Mehrere Pilger sitzen im kleinen Schiffchen. Über ihnen schwebt der Teufel, der einen mächtigen Pfahl in das Boot rammt. Eine »Nikolaus-Legende« weiß zu  berichten, dass einst fromme Pilger vom Teufel bedroht wurden. Er wollte ihr Schiffchen versenken.

Eine andere Version der Legende besagt, dass der Teufel die frommen Pilger vom rechten Weg abbringen wollte, indem er sie bat, ein kostbares Geschenk am Ziel ihrer Reise abzulegen. Wieder wissen wir heute nicht mehr genau, was die kunstvolle Steinschnitzerei genau darstellen soll. Unübersehbar aber sind die weiblichen Attribute des Teufels. Der Teufel am Dom zu Worms wird ganz eindeutig als Frau dargestellt. Das ist die unüberbrückbare Diskrepanz: Die Frau als Heilige (Maria) einerseits…. und die Frau als Teufelin andererseits.

Die Teufelin vom Nikolaus. Foto Walter-Jörg Langbein



Fußnoten

1) Terhart, Franjo: »Magische Bretagne«, Dortmund 2006, S. 220, rechte Spalte, Zeilen 5 bis 8 von unten
2) ebenda, rechte Spalte, Zeilen 1 bis 5 von unten
3) Fester, Richard: »Die Steinzeit liegt vor deiner Tür/ Ausflüge in die Vergangenheit«, München 1981, siehe Kapitel »Die Muttergöttin unserer Ahnen«, Seiten 173-189
4) Jena 1936
5) Fester, Richard: »Die Steinzeit liegt vor deiner Tür/ Ausflüge in die Vergangenheit«, München 1981, S. 186

»Der Drache, die Schöpfung und die Göttin«,
Teil 240 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 24.08.2014


Donnerstag, 14. August 2014

Pyrrhus

pyrrhus
könig von epirus
siegte
und
siegte
Illustration: Sylvia B.

er war
ein großer krieger
so groß
dass man heute noch
von ihm spricht


es waren
nicht mehr viele
die seine siege
hätten rühmen können
zu groß
waren die verluste
und denen
die übrig blieben
durfte die lust am feiern
vergangen sein

aber
er hat gesiegt
und er war
ein so großer krieger
dass man noch heute
von seinen siegen
spricht


Text: Sylvia B.

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