Sonntag, 25. Dezember 2016

362 »Monster in alten Kirchen«

Teil  362 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein    
                  

Foto 1: Hoch oben im Hamelner Münster ...

Monstermauern wurden weltweit errichtet, und das schon in grauer Vorzeit. Monstermauern wurden in unterschiedlichen Kulturen zu unterschiedlichen Zeiten gebaut, und das häufig mit schier unglaublicher Präzision. Tonnenschwere Kolosse wurden mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit millimetergenau aufeinander und ineinander gefügt. Manchmal sind die Fugen zwischen den Steinriesen kaum zu erkennen und so eng, dass selbst eine Rasierklinge nicht dazwischen passt. Wurden zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Regionen immer wieder die gleichen Techniken entwickelt? Wir wissen nicht wirklich, wie gigantische Steinmonster bewegt, bearbeitet, angehoben und ineinander gefügt wurden. Primitiv waren unsere Altvorderen jedenfalls nicht.


Fotos 2 und 3: Fabelwesen im Hamelner Münster

Monsterwesen findet man auf Jahrtausende alten Steinreliefs in fremden Ländern und Kulturen, aber auch bei uns vor der sprichwörtlichen Haustür, wo man sie eigentlich nicht erwartet: in zahlreichen alten Kirchen! Es gibt sie, und man kann sie auch entdecken, so man sie denn auch sucht. Häufig sind sie hoch oben an Säulenkapitellen angebracht, mehr oder minder versteckt vor den Augen der damaligen Menschen. Mit einem guten Teleobjektiv kann man sie aber zum Beispiel vom Boden des Paderborner Doms aus studieren. Dann staunt man über das wilde Getier, das da – saurierartig – auf Leben und Tod miteinander kämpft.

Foto 4: Die Krypta vom Dom zu Paderborn

Warum wurden hoch oben auf den Säulenkapitellen vom Hamelner Münster derlei Monsterwesen verewigt? In der Krypta des Doms von Paderborn findet sich im Schnitzwerk nicht minder Mysteriöses. Da gibt es zum Beispiel einen Drachen (Foto 5!). Macht er sich für einen Angriff bereit? Oder versucht er, sich für einen größeren Feind so gut es geht unsichtbar zu machen? Die Kreatur kauert geduckt, den Kopf gesenkt, die spitzen Zähne im Maul machen einen gefährlichen Eindruck. Ist dieses Wesen der Fantasie des unbekannten Künstlers entsprungen?

Foto 5: Ein lauernder Drachen in der Krypta

Ein anderes Schnitzwerk (Foto 6) zeigt eine irdischere Szene. Findet da so etwas wie ein Hahnenkampf statt? Hähne von »Bauer Müllers« Hof sind das aber nicht. Es sind irgendwelche kämpferisch veranlagte Vogel-Fabelwesen. Derlei mysteriöse Kreaturen treten seit Jahrtausenden auf unserem Planeten auf, in Stein gemeißelt, in Holz geschnitzt, von München bis Mexico. Natürlich kann man sie alle christlich interpretieren. Quetzalcoatl, der vom Himmel steigt und wieder in den Himmel verschwindet, hat frappierende Ähnlichkeit mit einem Messias, der vom Himmel hoch kam und sich wieder in den Himmel zurück aufmachte. Christliche Interpreten werden auf einen solchen Vergleich mit Empörung reagieren. Das ändert aber nichts daran, dass es schon lange vor der islamischen, christlichen, ja auch vor der jüdischen Zeit Messiasgestalten gab. Sie alle kamen aus dem Himmel, entschwanden wieder im Himmel und versprachen, dereinst wieder auf die Erde zurück zu kommen.

Foto 6: Ein »Hahnenkampf«?

Spätestens seit Erich von Däniken wissen wir, dass derlei »Messiasse« schlicht und einfach kosmische Besucher gewesen sein können, die unsere Vorfahren besuchten, die irgendwann ihre kosmische Reise fortsetzten, nicht ohne ihre Wiederkehr anzukündigen.

Foto 7: »Katze« zwischen »Salamandern«?

Kehren wir in die Unterwelt der Krypta des Paderborner Doms zurück. Ein weiteres Schnitzwerk (Foto 7!) zeigt in der Mitte ein katzenartiges Wesen, rechts und links davon schlängeln und ringeln sich zwei Salamander (?) oder Schlangen mit Beinen. Beide »Reptilien« attackieren den »Tiger«. Sie beißen von rechts und links das Katzentier. Natürlich gibt es ein schönes Zauberwort zur Erklärung: »allegorische Darstellung«. Das Etikett »Allegorie« ist schnell zur Hand, sobald es gilt, geheimnisvolle Darstellungen zu erklären. Freilich werden auf diese Weise oft Fragen nicht beantwortet, sondern Antworten vermieden. Sobald man ein kurioses Kunstwerk nicht erklären kann, hilft die Etikettierung »Allegorie« über die Notwendigkeit, wirklich nach einer Bedeutung zu suchen, hinweg.

Regelrecht wild geht es auf einem anderen geschnitzten Szenebild in Holz zu. Beim genaueren Hinschauen machen wir gleich sechs kämpfende Wesen aus. Die sechs sind dermaßen ineinander verschlungen. Mir ging es jedenfalls so, dass ich gar nicht so leicht erkennen konnte, wie viele Wesen da im Knäuel der Leiber auszumachen sind. Welche Flügel gehören zu welcher Kreatur gehören? Welcher Kopf gehört zu welchem Leib?

Fotos 8a und 8b: 6 »Monster« an der Kirchenbank

Mischwesen wie ägyptische Sphingen sind meist unschwer zu definieren. Da sitzt zum Beispiel ein menschliches Haupt auf dem Leib eines Tieres. Mischwesen sind in der Regel Mixturen aus verschiedenen real existierenden Lebewesen. Beim Anblick dieses Getümmels von sechs Kreaturen habe ich so meine Schwierigkeiten. Was sind da für Tiere involviert?

Wir alle kennen die Kraft der Fantasie. Man muss nur in den bewölkten Himmel blicken, und schon formieren sich Wilken zu Landschaften oder Gesichtern. Wir bilden aus zufälligen Anordnungen von Wolken konkrete Bilder, die so freilich nur in unserer Vorstellung existieren. Im Fall der Schnitzereien an den Bankenden in der Krypta des Doms zu Paderborn verhält es sich anders. Da sind wirklich von Menschenhand geschaffene Darstellungen von Wesen. Und doch wirkt auch hier unsere Fantasie beim »Erkennen« mit. Wir wissen: Da (Fotos 08a und 08b) wurden Lebewesen verewigt. Was aber wollte der unbekannte Künstler konkret darstellen?

Foto 8c: »Monstersuchbild« an der Kirchenbank

Zentral im Getümmel (Foto 8c!) gelegen ist das Gesicht eines Hominiden, vielleicht eines Affen (Nr.1). Vorne links könnte so etwas wie ein schlecht gelauntes Schwein vom Betrachter aus gesehen nach links blicken. Erkennen wir einen Rüssel? Bei Nr. 3 bietet sich der Vergleich mit einem Hund oder Wolf an.

Auf einem Schlangenleib sitzt ein Tierkopf (Nr. 4). Aber: Was für ein Tier bekam da einen so unpassenden Leib verpasst? Nr. 5 ist noch schwerer einzuschätzen. Hat dieses Wesen nur eine etwas seltsam geformte Nase? Oder ist das ein Schnabel, der nicht so recht zum Gesicht zu passen scheint? Mächtige gefiederte Schwingen verdecken den Leib des Tieres. Wenn es ein vogelartiges Tier sein sollte, das da ins dunkle Holz geschnitzt wurde, macht der Schnabel durchaus Sinn. Zu guter Letzt: Nr.6 hat wiederum Schwingen aufzuweisen.

Bleiben wir kritisch uns selbst gegenüber! Sobald wir uns konkret bestimmte Tiere vorstellen, meinen wir immer mehr Merkmale zu sehen, die just zu unserer Vorstellung passen. Wir sehen, was wir sehen wollen. Experimentieren wir also mit unserer Fantasie. Dann »verändern« sich vor unseren Augen die Tiere, aus einem Schnabel mag ein weit geöffneter Rachen werden, aus dem Kopf einer Echse der eines Vogels.

Margarete Niggemeyer hat einen vorzüglichen Führer zu einer Vielzahl von geheimnisvollen Kreaturen im Paderborner Dom verfasst. »Lob der Schöpfung – Die Tier- und Pflanzenwelt im Hohen Dom zu Paderborn« heißt das empfehlenswerte Werk (1). Leider ist es nur noch antiquarisch erhältlich. Für alle, die das Rätselhafte im Dom zu Paderborn suchen, ist das wichtige Werk der ideale Führer. Unter der Zwischenüberschrift »Fabelwesen an Bänken« schreibt die Autorin (2): »In der Krypta schmücken vielfach Fabeltiere als Ornament die Bankenden. … Diese Fabelwesen verschlingen sich gegenseitig, ihre Köpfe legen sie aneinander, bedecken mit ihren Flügeln den Körper oder stoßen mit ihren Schnäbeln aneinander. Andere wiederum verschlingen ein schlangenartiges Tier.«

Fotos 9 und 10: Teufel im Drogenrausch und springender Drachen

Die Krypta unter dem Dom ist als Ort der Stille und des Gebets gedacht. Natürlich habe ich beim Studium der Schnitzwerke Rücksicht auf Gläubige genommen. Fotografiert habe ich – ohne Blitz – nur, wenn ich allein in der Krypta war. So verbrachte ich manche Stunde im Raum unter dem Dom, der vor einem Jahrtausend vielleicht Reliquienschreine enthielt.

Margarete Niggemeyer macht uns auf noch eine Besonderheit aufmerksam (3): »Die Holztür vor den Orgelpfeifen in der Krypta ist ebenfalls mit Fabelwesen geschmückt.« Es sind zwei Darstellungen in die hölzernen Türen eingefügt worden (Fotos 9 und 10!), die an Laubsägearbeiten erinnern. Ein Teufel sitzt da, das Haupt geneigt, an einer Pflanze saugend. Ob er auf diese Weise ein natürliches Rauschmittel konsumiert? Teile des Teufels sind offenbar abgebrochen. Ich meine aber ein typisches Teufelsmerkmal erkennen zu können, den Bocksfuß.

Daneben ist ein munteres Fabelwesen unterwegs, eine Art Sphinx mit Drachenkopf und dem Leib eines Pferdes. Zacken am Hals des Tieres erinnern an Saurierdarstellungen.

Foto 11: Favelwesen im Handlauf

Besonders leicht übersehen wird am Handlauf der Treppe, die die Unterwelt der Krypta mit dem Kirchenschiff verbindet – natürlich ein Fabelwesen… Fazit: Fabelwesen allenthalten. Was aber mögen sie bedeuten? Sind es die berühmt-berüchtigten Allegorien? Wir fragen uns, wann ein bestimmtes Kunstwerk geschaffen wurde. Wichtiger aber scheint mir aber, wann geheimnisvolle Motive zum ersten Mal aufgetaucht sind und in welcher Form sie über die Jahrhunderte hinweg immer wieder zum Einsatz kamen. Frappierend ist es meiner Meinung nach, dass Drachen- und Monstermotive weltweit in unterschiedlichsten Kulturen zu unterschiedlichsten Zeiten in unterschiedlichsten Ländern auftauchen. Wer hat den Urdrachen wann und wo erfunden?

Foto 12: Raum der Stille, Raum des Gebets

Fußnoten

1) Margarete Niggemeyer: »Lob der Schöpfung – Die Tier- und Pflanzenwelt im Hohen Dom zu Paderborn«, Paderborn 2011
2) ebenda, S. 29 rechts unten
3) ebenda

Zu den Fotos
Foto 1: Hoch oben im Hamelner Münster ...
Fotos 2 und 3: Fabelwesen im Hamelner Münster
Foto 4: Die Krypta vom Dom zu Paderborn
Foto 5: Ein lauernder Drachen in der Krypta
Foto 6: Ein »Hahnenkampf«?
Foto 7: »Katze« zwischen »Salamandern«?
Fotos 8a und 8b: 6 »Monster« an der Kirchenbank
Foto 8c: »Monstersuchbild« an der Kirchenbank
Fotos 9 und 10: Teufel im Drogenrausch und springender Drachen
Foto 11: Fabelwesen im Handlauf
Foto 12: Raum der Stille, Raum des Gebets

363 »Übergang zur Anderswelt«,
Teil  363 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 01.01.2017


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Sonntag, 18. Dezember 2016

361 »Gargoylen und Monster in der Unterwelt«

Teil  361 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Fotos 1 und 2: Gorgoylen am Dom zu Bamberg

Sie begegneten mir auf meinen Reisen immer wieder: Monströse Gargoylen, in Stein verewigte mysteriöse Kreaturen, die aus großer Höhe auf uns Menschen herabblicken. Und das seit vielen Jahrhunderten. Christliche Dome und Kathedralen tragen sie in luftiger Höhe womöglich schon seit einem Jahrtausend. Auf heidnischen Tempeldächern sollen sie schon vor Jahrtausenden gehaust haben. Sie inspirierten die Macher von Walt Disney zu einer Fernsehserie, von der in den 1990ern mehrere Staffeln produziert wurden. Deutscher Titel der Reihe: »Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit«.

In der gruseligen Fantasiewelt waren Gargoylen lebende Kreaturen, die tagsüber zu Stein erstarren. Tagsüber waren sie bewegungsunfähig, schutzlos ihren Feinden ausgeliefert. Erst nach Einbruch der Dunkelheit konnten sie zum Leben erwachen und auf mächtigen Schwingen zu den Menschen kommen. Die aber hießen sie nicht willkommen, verachteten und fürchteten sie wegen ihres Aussehens.  Dabei waren die Film-Gargoylen mächtige, höchst intelligente Flügelwesen, die als ein ehrbarer schottischer Clan die Menschen beschützen. In  der Fernsehserie erwachen die Geflügelten anno 1994 wieder in der für sie mehr als befremdlichen Welt des modernen New York. Seit fast fünf Jahrzehnten bieten uns Horrorfilme wie »Gargoyles« (1972), »Gargoyles – Flügel des Grauens« (2004) und »Reign of the Gargoyles« (2007) Gargoylen als grässliche Kreaturen an.

Fotos 3 und 4: Monster starren herab?

Die steinernen Gargoylen der Realität werden von so manchem Zeitgenossen heute übersehen. Selbst emsige Besucher christlicher Gotteshäuser nehmen sie oft gar nicht wahr. Dabei hocken sie hoch oben und erfüllten vordergründig einen recht profanen Zweck: Vor einem Jahrtausend gab es keine Dachrinnen mit Fallrohren, so wie wir das heute kennen. Regenwasser gefährdete das Mauerwerk der großen Sakralbauten. Um das Wasser erst gar nicht eindringen zu lassen, leitete man es zu den Gargoylen, die es in weitem Bogen vom Dach weg spien. Warum aber gestaltete man die Gargoylen besonders gern und häufig als monströse, furchteinflößende Wesen? Man wollte, um ein Sprichwort leicht abzuwandeln, den Teufel mit Beelzebub nicht aus, sondern vertreiben.

Foto 5: Monster oder Menschenfreund?

Die Fernsehserie »Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit« nimmt ihren Ausgangspunkt im späten 10. Jahrhundert. In der Realität jener Zeit herrschte im christlichen Europa große Furcht vor Dämonen. Noch in der Epoche der Gotik (12. Jahrhundert bis etwa 1500) lebten böse Dämonen im Volksglauben fort. »Bavaria Antiqua« schreibt über »Heilige und Dämonen« (1): »Zu einfach wäre es, würde man nun glauben, daß mit der Gotik die Furcht vor den Dämonen insgesamt gewichen sei. Solch tief eingewurzelten Vorstellungen konnten und sollten nicht ausgerottet werden; sie blieben wirksam, wenn auch mit verminderter Intensität.«

Foto 6: Blick in die Krypta des Doms von Paderborn

Die Menschen fühlten sich von Dämonen bedroht. Derlei Ängste wurden wohl gern von Predigern gemehrt und genährt, die zugleich auch Schutz vor den bösartigen Mächten versprachen. Sicherheit vor der angeblich allgegenwärtigen Gefahr würde die Kirche bieten, speziell natürlich in den Gotteshäusern. Freilich würden die schrecklichen Wesen versuchen, den Menschen in die Kirchen zu folgen. Wie konnte man nun die sakralen Schutzräume dämonenfrei halten? Achim Hubel gibt in »Heilige und Dämonen« die Antwort (2):

Foto 7: Monströses Schnitzwerk?

»Nach wie vor hatten die dämonischen Fabelwesen ihre apotropäische, das heißt abwehrende Bedeutung, die allen bösen Geistern das Betreten des Kirchenraums unmöglich machen sollte. Diese Aufgabe kam den Wasserspeiern zu, die beim Regensburger Dom wie bei allen gotischen Kathedralen an den Obergeschossen nebeneinander gereiht sind.«  Die steinernen Monster sollten also andere monströse Dämonen daran hindern, den Gottesdienstbesuchern Leid zuzufügen. Die Gargoylen. Und gleichzeitig dienten sie im wahrsten Sinne des Wortes der Kirche, nämlich als besiegte, unterworfene Dämonen müssen sie das Mauerwerk der Gotteshäuser schützen und Wasser vom Mauerwerk weg speien. So werden sie gezwungen, die Kirchen zu schützen, die sie am liebsten zerstört hätten.

Fotos 8 und 9: Monströses in der Krypta von Paderborn

»Der Kölner Dom«, so lese ich in einer Buchvorstellung (3), »verfügt über Wasserspeier vom 13. bis zum 21. Jahrhundert. Dämonenabwehr und Ereignisse aus der Stadtgeschichte spiegeln sich in den Wasserspeiern wieder, die am Kirchbau zur fließenden Grenze zwischen Heidentum und christlichem Glauben werden.« Von der christlichen Kirche wurden die oft so gar nicht christlichen Wasserspeier in der Tat nicht erfunden. Sie waren schon in der Antike bekannt und zierten dort Tempeldächer (4). Ob freilich die »alten Heiden« mit furchteinflößenden Figuren aus Stein wirklich andere teuflische Wesen von ihren Gotteshäusern fernhalten wollten? Oder stellten die fremdartigen Wesen nicht doch Gottheiten dar, die verehrt und angebetet wurden? Wurden im Verlauf der Christianisierung aus mächtigen und verehrten Göttinnen und Göttern gefährliche, furchteinflößende Monster?

Zurück zu den Gargoylen unser Kathedralen und Kirchen. Gargoylen soll(t)en den Dom zu Paderborn ebenso schützen wie das Münster von Ulm, den Dom zu Regensburg ebenso wie die Kathedrale von Notre Dame, das Ulmer Münster wie den Stephansdom in Wien. Die Angst vor lauernden Dämonen scheint sehr groß gewesen zu sein.

Foto 10: Untier frisst sich selbst (Krypta Paderborn)

Ich gebe zu, lange Zeit den Gargoylen von Paderborn kaum Beachtung geschenkt zu haben. Völlig übersehen habe ich eine ganze Reihe von »monsterhaften«, die an völlig unerwarteter Stelle im Dom verewigt worden sind. Diese drachenähnlichen Kreaturen wurden nicht in Stein gemeißelt an der Außenseite des Doms angebracht. Sie wurden vielmehr aus Holz geschnitzt und befinden sich im Inneren des uralten christlichen Sakralbaus, genauer gesagt in der Unterwelt, in der Krypta.

Bei meinem bislang letzten Besuch des Doms zu Paderborn suchte ich als erstes die Krypta auf. Ihre Form, so heißt es, geht im Wesentlichen auf das Jahr 1100 zurück. Sie wurde allerdings im 13. Jahrhundert erneuert und umgestaltet wurde. Die Krypta von Paderborn gilt als eine der größten Hallenkrypten in Deutschland. Nur die Dome von Bamberg und Speyer haben vergleichbare »Unterwelten« zu bieten. Im Dom selbst herrschte emsiges Treiben. Man bereitete ein großes Konzert vor. Scheinwerfer wurden durch das Kirchenschiff geschoben, Lautsprecherboxen aufgestellt. Techniker legten Kabel. Andere hantierten an einem Mischpult. Das konzentrierte Arbeiten verursachte erheblichen Lärm, der auch noch in der unterirdischen Krypta, wenn auch gedämpft, zu vernehmen war.

Foto 11: Die Krypta im Dom von Paderborn....

Undefinierbare Geräusche erwiesen sich später nicht als Geisterspuk, sondern als kreischende Sägen.  Während im Kirchenschiff das Konzert vorbereitet wurde, wurde auch noch an den Außenwänden des Doms nämlich massiv restauriert. Da wurde Stein gesägt, da wurde gehämmert und gemeißelt. »Wenn wir erst einmal fertig sind, werden in den nächsten hundert Jahren keine Restaurierungsarbeiten mehr anfallen!«, versicherte mir am 4. Oktober 2016 ein Facharbeiter mit riesigem Bohrer und Schutzbrille. »Die Arbeiten erfordern viel Fingerspitzengefühl. Wir sind bemüht, angegriffene Steine zu restaurieren. Manche sind aber so marode, dass sie ganz ersetzt werden müssen. Andere wiederum müssen teilweise entfernt werden. Da müssen wir dann millimetergenau zugeschnittene Steinstücke einsetzen!«

In der Krypta konzentrierte ich mich auf die geschnitzten Fabelwesen an den Enden der Kirchenbänke. Im Halbduster waren diese Monster der Unterwelt kaum zu erkennen, eher nur zu erahnen. Um sie zu fotografieren musste ich mich in die Hocke begeben, und das stundenlang. Am nächsten Tag plagte mich Muskelkater an höchst ungewöhnlicher Stelle.

Foto 12: ... bietet Geheimnisvolles ...

Worin bestand wohl die Aufgabe dieser Wesen in der »Unterwelt« des Doms, die durchaus mit den Gargoylen verwandt zu sein scheinen. Hatten eine ähnliche Aufgabe wie die Gargoylen in luftiger Höhe? Eine Erklärung für das monströse Schnitzwerk: Die Kreaturen an den Enden der Bänke sollten Dämonen, die den Wasserspeiern trotzend, trotzdem in den Dom eingedrungen abschrecken. Auf diese Weise sollten die Menschen auf den Bänken geschützt werden. Leuchtet diese Erklärung ein?

Am Ende einer der Kirchenbänke kämpfen zwei Drachenwesen miteinander. Beide gehören offensichtlich der gleichen Art an, bekannte Tiere aber sind sie nicht. Beide haben – wie  Saurier – lange Hälse, beide gehen dem Gegner gezielt an die Gurgel, beide haben Flügel und Pfoten  wie Raubtiere.

Ein anderes Fabelwesen braucht keinen Gegner. Es ist sich selbst genug, kämpft offensichtlich mit sich selbst. Es versucht augenscheinlich den eigenen Schwanz zu verschlingen. Auch diese Kreatur hat Flügel, seine Pfoten – man sieht nur eine – passen am ehesten zu einem Raubtier. Statt eines Mauls hat es einen mächtigen Schnabel. Auch dieses Untier findet sich in keinem Werk über die bekannten Tiere unseres Planeten.

Foto 13: ... im Schnitzwerk von Kirchenbänken

Fußnoten

1) Hubel, Achim: »Heilige und Dämonen« in »Bavaria Antiqua«, München 1978, Seite 25
2) ebenda, Seite 26
3) Schymiczek, Regina E. G.: »Über deine Mauern, Jerusalem, habe ich Wächter bestellt/ Zur Entwicklung der Wasserspeierformen am Kölner Dom«, »Europäische
Hochschulschriften«, Reihe 28, Kunstgeschichte, Frankfurt am Main, Berlin u.a., 2004
4) ebenda

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Gorgoylen am Dom zu Bamberg. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 3 und 4: Monster starren herab? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Monster oder Menschenfreund? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Blick in die Krypta des Doms von Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Monströses Schnitzwerk? Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Monströses in der Krypta von Paderborn. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Untier frisst sich selbst (Krypta Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Die Krypta im Dom von Paderborn.... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: ... bietet Geheimnisvolles ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 13: ... im Schnitzwerk von Kirchenbänken. Foto Walter-Jörg Langbein

362 »Monster in alten Kirchen«
Teil  362 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 25.12.2016


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Sonntag, 11. Dezember 2016

360 »Heilige Quellen«

Teil  360 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Das berühmte Hasenfenster

»Teuderi« war schon vor rund zwei Jahrtausenden eine volkreiche Stadt, eine von 69 Zentren Germaniens vermeldet der ägyptische Geograf Ptolemäus. Für acht germanische Stämme war Teuderi die wichtige Bundeshauptstadt. Aus Teuderi entwickelte sich im Lauf der Zeit Paderborn (1). Über die germanische Geschichte von Paderborn wissen wir so gut wie nichts. Gert Meier (2): »Nach offizieller Darstellung beginnt die Geschichte Paderborns mit Karl ›dem Großen‹. Hierher soll er während des Krieges gegen den Bund der Sachsen sechsmal Reichstage einberufen haben. Hier soll er bereits im Jahr 785 die erste Kirche in weiter Kirche gebaut und sich mit ›Papst‹ Leo III. getroffen haben.«

Warum aber zog es Karl den Großen in eine Sumpflandschaft? Morastig und sumpfig waren jene Gefilde nämlich in der Tat dank der unzähligen Quellen. Es ging ihn um die Unterwerfung der heidnischen Sachsen. Der christliche Herrscher hatte freilich weniger religiös-theologische Motive. Vielmehr wollte er die »Heiden« zu Untertanen machen. Deshalb galt es, ihnen den alten Glauben zu nehmen und einen neuen, den christlichen aufzuzwingen. Die »Heiden« wiederum waren von den zahlreichen Quellen auf engstem Raum angelockt worden. Sie siedelten nicht trotz der Quellen, die eine Besiedlung erschwerten, sondern wegen der Quellen.

Foto 3: Die Heilige Hera im Louvre
Dort haben sich – so wird vermutet – Anhängerinnen und Anhänger der Hera in morastigen, unwirtlichen Gefilden niedergelassen. Hera war die weibliche Vorläuferin der christlichen Trinität, in Gestalt von Hebe, Hera und Hekate. Die dreifaltige Hera war die Jungfrau des Frühlings, die Gebärende des Sommers und die Zerstörerin des Winters. Durch ein Bad im heiligen Quellwasser wurde aus der destruktiven Alten wieder die jungfräuliche Meid. Der ewige Zyklus konnte von Neuem beginnen. In mannigfaltiger Gestalt lebt Hera im Katholizismus unserer Tage weiter, als die »drei Bethen« oder »drei heiligen Madeln«. Zu Heras göttlichen Attributen gehörte der Pfau. Und der spielt in Paderborn eine herausragende Rolle. Das mysteriöse »Drei-Hasen-Fenster« lässt sich ganz in diesem Sinne interpretieren: So wie die drei Göttinnen bilden die drei Hasen einen Zyklus ohne Anfang und Ende, der sich immer dreht und dreht.

Aus dem heiligen Tier der Göttin Hera wurde – durch Verchristianisierung – ein Symbol für das ewige Leben. Und aus Wassermutter Hera im heidnischen Tempel, den wohl von Karl dem Großen zerstört wurde, wurde dann die jungfräuliche Gottesmutter Maria im christlichen Dom zu Paderborn.

Foto 4: Der Pfauenbrunnen
Zwei eindrucksvolle Exemplare des mysteriösen Tieres hat der Dom zu Paderborn zu bieten: den Pfau am Brunnen beim mysteriösen »Dreihasenfenster« und seinen »Kollegen« am Tor zur Krypta. Wer denkt da an die Römer, die den Pfau als heiligen Vogel der Göttin Juno übernommen haben. Juno galt als Göttin der Geburt und Königin der Göttinnen? Weil sich der Pfau als heiliges Tier offenbar nicht aus den Köpfen der Menschen vertreiben ließ, machte man ihn zu einem christlichen Wundertier. Anno 836 wurden die Gebeine des Heiligen Liborius nach Paderborn geschafft, angeführt von einem Pfau, der schließlich tot auf den Dom stürzte. Die Knochen des Heiligen hatten ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Schon im 8. Jahrhundert gab es in Paderborn ein Gotteshaus, das als »Kirche von eindrucksvoller Großartigkeit« gepriesen  wurde. Möglich, dass es schon damals eine Krypta unter dem Sakralbau gab. Vor Ort versicherte mir ein Geistlicher, dass diese »Unterwelt« schon vor mindestens 1100 Jahren geschaffen wurde.

So manches Mal bin ich im Verlauf der Jahre in die Unterwelt hinab gestiegen. In unterirdischen Gefilden haben die Quellen ihren Ursprung, die schon von den »Heiden« verehrt wurden. Die unterirdischen Quellen wurden verchristianisiert, so manche fromme Legende rankt sich um das heilige Wasser. Heidnische Überlieferungen ließen sich offensichtlich nicht ausrotten, also stülpte man ihnen ein »christliches Gewand« über (3):

Foto 5: Der Pfau an der Krypta

»Es kam einmal in den heißesten Tagen des August ein Bettler nach Paderborn und flehte um Gottes Willen um einen kühlenden Trunk. Aber, sei es Zufall oder Hartherzigkeit, der Arme ward an allen Türen abgewiesen und konnte nirgends einen Trunk erhalten. So ward es Mittag und immer heißer und der Arme hatte sich immer noch nicht laben können. So schleppte er sich endlich bis zum Jesuitenkollegium hin, allein er war viel zu schwach, um die hohen Treppen zu erklimmen und die geistlichen Herren um eine Erquickung anzuflehen.

Fotos 6 und 7: Pfauenbrunnen und 3-Hasen
Da gewahrte er im Hofe das Muttergottesbild, er hob zu ihm seine zitternden Hände und rief mit kläglicher Stimme: ›Maria, du Heilige, schaffe meiner glühenden Zunge Labung oder lass mich hier sterben!‹ Siehe, da kam plötzlich silberhelles, kaltes Wasser aus den Brüsten der Muttergottes hervor, der müde Greis labte sich und ging, die heilige Jungfrau preisend, von dannen. Die Väter Jesuiten aber hatten alles gesehen und beeilten sich, das wunderbare Wasser aufzufangen, auch ließen sie an der Stelle nachgraben, viele hundert Fuß tief, aber der heilige Quell war längst wieder versiegt und einen anderen fanden sie nicht. So ließen sie endlich die Arbeit liegen, der Brunnen ward nach und nach verschüttet, das Steingeländer zerfiel und verwitterte und heute sieht man kaum noch einige Spuren desselben.«

Fromme Legenden ranken sich deutschlandweit um das heilige Wasser aus den Tiefen der Erde. So soll es dort, wo heute der Ammersee Touristen aus aller Herren Länder anlockt, einst ein saftiges Feuchtgebiet gegeben haben. Das einst üppig gedeihende Moos wurde von drei Jungfrauen gehegt und gepflegt. So begeistert diese heilige weibliche Dreifaltigkeit auch tätig war, die Arbeit wurde ihnen doch zu schwer.  So sprachen sie schließlich den Wunsch aus, das morastige Gebiet möge doch zum See werden. Ihr Wunsch ging in Erfüllung und so entstand der Ammersee (4).

Foto 8: Die Krypta

Zurück nach Paderborn! Hunderte heilige Quellen soll es einst im Raum Paderborn gegeben haben. Wie ich dank eigener Recherche vor Ort weiß,  plätschert auf dem einen oder anderen privaten Grundstück in einigen Metern Tiefe noch die eine oder die andere einst heilige Quelle. Nahe dem Dom sprudeln auch heute noch die östlichen Quellen und speisen die Dielenpader und die Rothobornpader. Die Augenquelle ist auch heute noch aktiv: unter dem Gebäude der Stadtbibliothek. Auch die Maspernpader ist bis heute nicht versiegt, dank ihrer emsig Wasser spendenden Quelle. Sie liegt etwas abseits, nämlich unweit des historischen Stadtwalls. Der Name der Quelle – Maspernpader – geht auf die kleine Siedlung »Villa Aspethera« zurück, die bereits anno 1036 urkundlich erwähnt wurde. Anno 1200 wurde sie Teil der rapide wachsenden Stadt Paderborn.


Im Laufe der Jahrzehnte habe ich viele mysteriöse Stätten auf unserem Planeten besucht. Die geheimnisvollsten hatte ich ursprünglich in fernen Gefilden vermutet. Die mystischsten Stätten freilich fand ich vor der sprichwörtlichen Haustür: unter der Erde. Es waren Krypten unter den ältesten Kirchen Deutschlands von Bamberg bis Paderborn und es waren unterirdische Quellen, unter dem einstigen Schloss Karls des Großen in Paderborn.


Foto 9: Blick in die Krypta

1959 erschien Rudolf Pörtners Bestseller »Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit«. Mit dem Fahrstuhl geht es zwar nicht zu Krypten von Kirchen oder zu den einst heiligen Quellen von Paderborn. Zu Fuß benötigt man aber auch nur einige Sekunden, um unsere lärmende und hektische Zeit zu verlassen und in die geheimnisvolle Atmosphäre längst vergangener Tage einzutauchen. Mein Rat: Sausen Sie nicht wie so viele Touristen von einer Attraktion zur anderen. Haken Sie nicht so  viele Kirchen und Kapellen in möglichst kurzer Zeit ab, nehmen Sie sich Zeit!

Foto 10: Drei-Hasen-Fenster-Motiv

Erleben Sie bewusst einzelne uralte Monumente und deren Atmosphäre. Nehmen Sie sich Zeit, schreiten Sie Treppen hinab, lassen Sie den lauten Alltag hinter sich und erleben sie die fast märchenhafte Stille uralter Zeiten. Wenn Sie es zulassen, dann kann es Ihnen so vorkommen, als ob da unten im Schoß von Mutter Erde die Zeit vor Jahrtausenden stehengeblieben. Genießen Sie die Stille.


Fußnoten
1) Meier, Gert: »Die frühgeschichtliche Vernetzung der Paderquellen (=Dom von Paderborn) mit den Externsteinen«, erschienen in »Efodon-Synesis« Nr. 5/ 2006, S. 15-20
2) ebenda, Seite 15 oben
3) Grässe, Johann Th. : »Sagenbuch des Preußischen Staats«, Glogau 1868
4) Panzer, Friedrich: »Bayerische Sagen und Bräuche«, München 1848

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Das berühmte Hasenfenster. Fotos Walter-Jörg Langbein 
Foto 3: Die Heilige Hera im Louvre, wikimedia commons Aavindraa
Foto 4: Der Pfauenbrunnen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Pfau an der Krypta. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7: Pfauenbrunnen und 3-Hasen. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die Krypta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Blick in die Krypta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Drei-Hasen-Fenster-Motiv. Foto Walter-Jörg Langbein

361 »Gargoylen und Monster in der Unterwelt«
Teil  361 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 18.12.2016




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Montag, 5. Dezember 2016

Buchtipp: »Deutschland in Gefahr« von Rainer Wendt

Eine Buchbesprechung von Ursula Prem

Nach mehr als einem Jahr der Flüchtlingskrise und den damit verbundenen sinnlosen Diskussionen im luftleeren Raum (Stichwort: postfaktisches Zeitalter) ist ein Buch nicht hoch genug einzuschätzen, das sich mit den konkreten Problemen ganz realer Menschen beschäftigt. Ein Buch wie das von Rainer Wendt: »Deutschland in Gefahr - Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt«. Um es gleich vorweg zu sagen: Der Präsident der Deutschen Polizeigewerkschaft nimmt kaum ein Blatt vor den Mund und nutzt die Gelegenheit, seinem Herzen mal so richtig Luft zu machen. Und die Diagnose des Sicherheitsexperten sieht ebenso verheerend aus wie die von ihm benannten Ursachen. So schreibt er schon im Vorwort:

»Denn nicht  die Regierung vergibt die Aufgaben, sondern das Volk selbst. Diese Aufgaben stehen dann im Gesetzt und das bindet die Regierung. Das nennt man Mandat, genauer gesagt, politisches Mandat. In unseren Gesetzen stehen viele kluge Sachen. Zum Beispiel, dass die nationalen Grenzen zu sichern und zu schützen sind und dass dabei illegale Migration nach Deutschland zu verhindern und dafür die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen sind. Das ist Aufgabe der Regierung, aber genau das Gegenteil hat sie gemacht. Das lehnen viele Menschen ab und sie dürfen das. Deshalb brodelt es in Deutschland, was gefährlich für unseren Frieden ist.« (Zitat: S. 11)

Dass die Lage nicht nur im Bereich der unkontrollierten Zuwanderung, sondern auch an vielen anderen Stellen aus dem Ruder läuft, legt Wendt in seinem Buch ausführlich dar. Ob der Hang frischgebackener Abiturienten zu Partys mit anschließender Straßenschlacht, steigende Zahlen jugendlicher Intensivtäter, die Entwicklung von Parallelgesellschaften, wachsende Probleme mit kriminellen Nordafrikanern sowie die geballte Moralkeule Wohlmeinender, welche die Abschiebung der Letztgenannten mit allen Mitteln zu verhindern suchen: Aus Wendts Schilderungen wird klar, dass der Berg der Probleme gewaltig ist. Mit kaum verhohlenem Zorn schildert er »den ewigen Kreislauf von Tatentdeckung, Festnahme, Anzeigenfertigung, Entlassung des Täters in die Freiheit, auf zu neuen Taten« und legt dar, dass die Szene der Kölner Silvesternacht sich ihm keinesfalls als neu darstellt.

»Jetzt haben sich noch Tausende weitere Nordafrikaner hinzugesellt, die mit vielen tatsächlichen Flüchtlingen auf teilweise abenteuerlichen Wegen zu uns gekommen sind. Ist ja auch klar, dass die kommen. Wo gibt es schon ein Land, in dem man relativ unbehelligt Straftaten ohne Ende begehen kann, ohne wirkliche Sanktionen befürchten zu müssen.« (Zitat: S. 49)

Vor den für jeden klar denkenden Menschen leicht absehbaren Folgen der allgemeinen Entwicklung warnt auch Wendt:

»Die Menschen werden es sich nicht gefallen lassen, im Stich gelassen zu werden und sich selbst wehren. Niemand kann das wollen, aber es wird so kommen. […] Wie so oft müssen erst innere Unruhen, Straßenschlachten, brennende Autos und Barrikaden, verletzte Polizeikräfte und geplünderte Ladenzeilen die Abendnachrichten füllen, bis der erste Workshop zur Lagebewältigung entsteht.« (Zitat: S. 55)

Mit der zuständigen Politik geht der Autor denn auch hart ins Gericht. Er sieht die Ursachen des Elends in einem kaputtgesparten Staat, der sich selbst seiner Handlungsfähigkeit beraubt habe. Er benennt einzelne Politiker, die durch ihr Verhalten »unseren demokratischen Institutionen die Würde und den Respekt« entziehen:

»Man mag es lustig finden, wenn eine Mandatsträgerin an einem Tag kreischend und aggressiv auf irgendwelchen Gleisen sitzt und die Polizei nervt, am nächsten Tag in den Talkshows greinend ihre Betroffenheit darstellt und dann wieder als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages mit todernster staatsfraulicher Miene die Würde des Parlaments vertreten will. Es ist einfach nur lächerlich und zutiefst unglaubwürdig.« (Zitat: S. 69)

Bingo. Nicht nur an dieser Stelle erweist sich Wendt als guter Beobachter des allenthalben sichtbaren Niedergangs, dessen Erfahrungswissen als Polizist ihn wohl allzu oft das Gefühl haben lässt, dass manche unserer ahnungslosen Politclowns im falschen Film mitspielen. Ja, mit der Feststellung der Symptome liegt Wendt absolut richtig. Doch wie sieht es mit den Therapien aus?

Mehr als 62.000 tätliche Angriffe auf Polizisten


Klar, dass es keinem Polizisten zumutbar ist, mit notorisch unterbesetzter Belegschaft mitten ins Feuer geschickt zu werden. Wendt benennt eine skandalöse Zahl von »mehr als 62.000« tätlichen Angriffen auf Polizisten im vergangenen Jahr in ganz Deutschland, mit steigender Tendenz. Er tut deshalb das, was man von einem Gewerkschaftsvorsitzenden erwartet: Er legt den Finger in die Wunde und fordert einen stärkeren Staat durch Neueinstellung von mehr Polizisten sowie eine Verbesserung der Ausrüstung. Wendt macht seinen Job als Interessenvertreter der Polizei, und den macht er verdammt gut.

Dass man um die von ihm genannten Lösungen nicht herumkommen wird, wenn man sich nicht stattdessen entschließen kann, die Grundordnung wiederherzustellen, ist für jeden Leser leicht einzusehen: Es gibt keine Rechtfertigung dafür, den einzelnen Polizisten und Bürger für die Lebenslügen der Politik mit Leib und Leben bezahlen zu lassen! Also ist das Gebot der Stunde: Aufrüstung und Verstärkung der Polizei nebst Sicherheitstechnik und Überwachungskameras an jeder Ecke.

Doch ist der Weg in den Polizeistaat wirklich die Lösung, die wir alle wollen? – Sieht so aus, denn sonst wären die Grenzen längst geschlossen und die Einwanderung auf vernünftige Beine gestellt worden. Ein Staat, der davor zurückscheut, seine Grenzen zu schützen, wird stattdessen mit ungleich höherem Aufwand jeden einzelnen Platz in jeder einzelnen Stadt schützen und überwachen müssen. Das nämlich ist es, was sich aus Rainer Wendts Vorschlägen notwendigerweise ergibt. In der heutigen Verfasstheit unseres Staates wäre dies mehr als vernünftig. Für das schale Gefühl, das angesichts dieser notwendigen Symptombekämpfung bleibt, gebührt der Dank einer von allen guten Geistern verlassenen Regierung. Doch das ist ein anderes Thema.

>> Jetzt lesen: Deutschland in Gefahr

Surftipp:
Rainer Wendt zum Fall der ermordeten Freiburger Studentin:

>> Und die Vertreter der Willkommenskultur schweigen



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Sonntag, 4. Dezember 2016

359 »Gruselige Fabeltiere in Gotteshäusern«

Teil  359 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2 : Kuriose Kreatur vor den Pyramiden. Fotomontage

Die Kreatur könnte auf einem steinernen Podest im Wüstensand vor den Pyramiden auf dem Gizeh-Plateau stehen. Sie könnte aber ebenso einem SF-Schocker entsprungen sein, als mörderisches Alienmonster.  Das Ding ist aber kein mythisches Mischwesen aus Ägypten wie der rätselhafte Sphinx. Es ist aber auch nicht der Fantasie eines SF-Schriftstellers entsprungen. Es existiert real, nicht in fernen Landen wie Ägypten, sondern in Deutschland, nicht vor unserer Haustür, sondern in einem der meistbesuchten Kulturdenkmäler Europas, im Dom zu Bamberg.

Bamberg, Sonntag, 9. September 2012. Sonderführungen machten interessierte Besucher des Doms mit einer geheimnisvollen Welt vertraut, die sonst nicht öffentlich zugänglich ist. »Die Welt der Heiligen und Fabelwesen – Tag des offenen Denkmals im Bamberger Dom«. Konkreter: Es ging um das Chorgestühl des Westchores im Bamberger Dom. Der »Neue Wiesenbote« (1) wusste zu berichten, dass da –  »kunstvoll von Meistern des Mittelalters ausgestattet« - in Holz geschnitzte Figürchen von Heiligen, aber auch von Fabelwesen gezeigt wurden.

Foto 3: Chorgestühl im Ostchor

Zu den aus Holz geschnitzten Kreaturen gehört das sphinxartige Mischwesen, im Chorgestühl des Bamberger Doms. Zum Ostchor gelangt man über zwei Treppen, rechts und links vom Kaisergrab. Anno 1499 erhielt Tielman Riemenschneider den Auftrag für das Grabmal des Kaiserpaares. Der Meister machte sich sofort ans Werk. Vierzehn Jahre später wurde die kunstvolle Tumba im Dom aufgestellt. Die Deckplatte aus Kalkstein soll von Riemenschneider selbst geschaffen worden sein. Die seitlichen Reliefs aus Jura-Marmor dürften ein Gemeinschaftswerk der Riemenschneiderwerkstatt sein.

Am oberen Ende der Treppen versperrt ein Tau den Weg. Das Chorgestühl im östlichen Georgenchor  entstand um 1300. Die Holzplastiken – zum Beispiel von der mysteriösen »Sphinx« –  können sehr wohl viel älter sein. Mit meinem Teleobjektiv hole ich mir die seltsamen Mischwesen heran.

Foto 4: Einige der kuriosen Kreaturen im Bamberger Dom

Mich stört, offen gesagt, das moderne Gestühl zwischen dem Chorgestühl rechts und links. Die Fabelwesen am Gestühl aus alten Zeiten wirken befremdlich, unpassend. Und gar nicht christlich: die sorgsam geschnitzten Fabelwesen, über denen hoch oben thront in der Apsiswölbung Christus, die Arme weit ausgebreitet (Foto 12, ganz unten!). Das fromme Fresko wurde bis März 1928 von Akademieprofessor Karl Kaspar geschaffen. Es kommt mir so vor, als segne Christus die ganze Welt, zu der eben auch die geheimnisvollen Mischwesen am Chorgestühl gehören. Von oben ragt die Hand Gottes ins Bild, segnend, bestätigend.


Foto 5: Fabelwesen am Gestühl

Fabeltiere in Gotteshäusern sind keine besonders seltene Rarität. Sie kommen sogar häufig vor, werden aber meist übersehen. Achim Hubel, Professor für Denkmalpflege an der Universität von Bamberg, hat von 1984 bis 2009 den Dom zu Regensburg saniert und auf das Gründlichste Zentimeter für Zentimeter untersucht. Tausende Fotos entstanden (2). In den 25 Jahren intensivster Erforschung des Regensburger Doms entdeckte der Wissenschaftler 297 Figuren, die keinen so recht biblischen Hintergrund haben. 221 Fabelwesen wurden einst im steinernen Gotteshaus verewigt. Nicht alles war für die Augen der Gottesdienstbesucher bestimmt. Im Interview mit KAN, der »Katholischen Nachrichtenagentur«, konstatierte der Experte: »Weit oben waren die Bildhauer manchmal sehr frech, ja ungeniert.« Ungeklärt bleibt, warum »Kobolde« und »Drachen« gern dort einen Platz fanden, wo man gewöhnlich nicht hinschaut oder hinschauen kann. Sollte man sie gar nicht so leicht finden? Wurden diese Monster vielleicht sogar ohne Wissen der Bauherrn installiert? Im 11., aber auch noch bis ins 14. Jahrhundert hinein, waren europaweit Künstler unterwegs. Bei der Gestaltung der Kirchen jener Zeit legte man offenbar großen Wert auf archaische Skulpturen.


Foto 6: Kamel mit Menschenkopf

Monster und Fabelwesen zogen in die Gotteshäuser ein. Beispiel: Das »Münster St. Bonifatius« zu Hameln wurde im 13./14. Jahrhundert nach einem Brand umgebaut. Hat man die saurierartigen Wesen hoch oben an den Säulenkapitellen vom Vorgängerbau übernommen? Die furchteinflößenden Wesen, zum Teil im archaischen Zweikampf dargestellt, finden auch heute bei den Besuchern des Gotteshauses kaum Beachtung. Man muss schon den Kopf in den Nacken legen und am besten mit einem Opernglas oder ordentlichen Teleobjektiv die »Köpfchen« der Säulen absuchen, um fündig zu werden. Man könnte die mysteriösen Darstellungen viel besser erkennen, wenn die kleinen Scheinwerfer auch einmal zum Einsatz kämen. Bei meinen diversen Besuchen vor Ort war das nie der Fall. So wirkten die Kreaturen im Halbdunkel noch gespenstischer: zum Beispiel wie kräftige, langhalsige Saurier beim Kampf auf Leben und Tod, die muskulösen Hälse würgend ineinander verschlungen.

Foto 7: Noch ein Mischwesen vom Bamberger Dom

Das eher unscheinbare Kirchlein von Wistedt (Samtgemeinde Tostedt im Landkreis Harburg in Niedersachsen) zum Beispiel versetzt den Besucher immer wieder in Erstaunen. Von außen wirkt es fast ärmlich, die Fresken an der Wand im Inneren aber haben es in sich. Wir erkennen den Heiligen Antonius mit seinen Schweinen und Szenen aus der Leidensgeschichte Jesu. Selbst Bildreste lassen mehr als nur erahnen, wer da gezeigt wird, wie zum Beispiel der Heilige Petrus. Aber was für ein Tier mit mächtigem Schwanz wurde da verewigt? Und was macht der kleine Mensch – vielleicht ein Kind – mit der rätselhaften Kreatur? Wird das unidentifizierbare Monster vielleicht gar gemolken? Wir werden immer wieder zu Spekulationen herausgefordert – von uralten Kunstwerken in alten Kirchen. So hat – zum Beispiel – die Kirche San Frediano ein rätselhaftes Fabelwesen zu bieten, an dem schon der Zahn der Zeit arg genagt hat: Ist es eine Mischung aus Fledermaus und Engel? Oder wurde da einst eine Art Dracula porträtiert? Leider  fehlt heute inzwischen einiges vom sakralen (?) Bild.

Foto 8: Eines der Fabelwesen von Kastelaz

Man muss aber nicht in die Toskana, nach Lucca, pilgern, um Fabelwesen in und an Kirchen zu entdecken? Wer sucht, der wird auch in Deutschland fündig, in alten wie in neueren Kirchen. Man muss auch nicht nach Kappadokien reisen, wo in Felskirchen wie der »St. Barbara Kapelle« (11. Jahrhundert) zahlreiche, auch erschreckende Fabelwesen mit roter Farbe an die Wände gepinselt wurden. Dort starren sie von Kuppel und Wänden. Haben sie ihren Ursprung in vorchristlichen, heidnischen Zeiten? Jahrtausende alte unterirdische Städte just dort lassen erahnen, dass im heutigen Kappadokien schon lange vor Einzug des Christentums eine uralte, weithin unbekannte Kultur blühte.

Fotos 9-12
Antiken Ursprungs sind die gespenstischen Fabelwesen (Fotos 9-12, links!) von St. Jakob in Kastelaz bei Tramin an der Weinstraße, Südtirol (3). Einst gab es dort, so wird überliefert, einen Tempel der Göttin Isis, der von einer christlichen Kirche abgelöst wurde. In Fresken werden zwei Welten einander gegenübergestellt: die der frommen christlichen Apostel und jene der monströsen Mischwesen, die einander brutal bekämpfen. Da treffen Fisch-Menschwesen auf einen Kentaur mit tierischem Leib und menschlichem Oberkörper. Da kommen Pfeil und Bogen zum Einsatz. Wenn die christliche Kirche wie angenommen im 13. Jahrhundert einen heidnischen Tempel ersetzte, wieso hat man dann heidnische Motive im christlichen Gotteshaus verewigt? Sollten heute in Vergessenheit geratene Kulte noch zu christlichen Zeiten praktiziert worden sein? War noch im 13. Jahrhundert der alte heidnische Volksglauben so fest in der religiösen Welt der christlichen Menschen verwurzelt, dass man ihn nicht einfach verbieten konnte? Lockte man die Heiden mit ihnen vertrauten Darstellungen von Fabelwesen in die christlichen Gotteshäuser? Wurde der christliche Glaube mit Bildern aus heidnischen Zeiten illustriert? Warum finden sich so viele gruselige Fabelwesen in Kirchen?



Fußnoten

1) Online-Zeitung für die Fränkische Schweiz, 9. September 2012
2) Hubel, Achim und Manfred Schuller, Manfred (Hrsg.): »Der Dom zu Regensburg – Fotodokumentation. Fotografiert und zusammengestellt von Achim Hubel«, »Die Kunstdenkmäler von Bayern«, Band 7, Teil 4, Regensburg 2012.
3) Düriegl, Ursula: »Die Fabelwesen von St. Jakob in Kastelaz bei Tramin/ Romanische Bilderwelt antiken und vorantiken Ursprungs«, Wien 2003

Foto 13: Christus in der Apsiswölbung im Bamberger Dom

Zu den Fotos 

Fotos 1 und 2: Kuriose Kreatur vor den Pyramiden. Fotomontage Ursula Prem. Beide Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Chorgestühl im Ostchor. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Einige der kuriosen Kreaturen im Bamberger Dom. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Fabelwesen am Gestühl. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Kamel mit Menschenkopf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Noch ein Mischwesen vom Bamberger Dom
Foto 8: Eines der Favelwesen von Kastelaz. Foto wikimedia commons public domain 
Fotos 9-12: Gespenstische Fabelwesen von St. Jakob. Fotos wikimedia commons public domain 
Foto 13: Christus in der Apsiswölbung im Bamberger Dom. Foto Walter-Jörg Langbein

360 »Heilige Quellen«,
Teil  360 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 11.12.2016


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Sonntag, 27. November 2016

358 »Das Grab des Papstes«

Foto 1: Reliefs am Grab
Teil  358 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Oberfranken ist und bleibt meine Heimat, auch wenn es mich ins Weserbergland verschlagen hat. Bamberg war vor einem halben Jahrhundert eines der beliebtesten Ausflugsziele meiner Eltern. So wurde ich schon als Kind immer wieder in den altehrwürdigen Dom geführt. Besonders beeindruckt hat mich der Bamberger Reiter und das Papstgrab mit seinen Reliefs. Besonders gefallen hat mir als Kind der – in meinen Augen – freundliche Drache. Besonders groß war er ja nicht. Und wieso fasste ihm die Frau in der seltsamen Kutte an den Hals? Gleich daneben war eine weitere Frau. Ich hielt sie für eine Tierärztin, die einem kranken Löwen in den weit geöffneten Rachen schaut.

Andere Darstellungen verstand ich überhaupt nicht. Was hatte ein nackter Mann am Grab eines Papstes zu suchen? Und was machte der Mann? Goss er sich beim Waschen einen großen Krug Wasser über den Leib? Und wer war der Mann mit dem spitzen Hut auf dem Sofa, der sich offenbar mit einem Engel unterhielt? Dann war da noch ein bärtiger Mann mit Schild und Schwert. Warum hantierte eine Person, die mit einem Schwert bewaffnet war, mit einer Waage? Was hatte die Frau mit zwei Krügen vor? Für mich als Kind waren die Reliefs am Papstgrab nichts Religiöses, sondern Teile einer Bildergeschichte, die ich nicht verstand.

Foto 2: Die Tumba des Papstes

Gelernt habe ich im Lauf der Jahre, Kapellen, Kirchen und Kathedralen unvoreingenommen zu erkunden. Entdeckt habe ich dabei immer wieder künstlerische Darstellungen, die nicht so recht in ein christliches Gotteshaus zu passen scheinen. Beispiel: Kloster Corvey. Unter der Westempore des Johanneschores im Westwerk findet sich ein einzigartiges gemaltes Dokument. Es ist etwa1200 Jahre alt. Dank modernster wissenschaftlicher Methoden konnten winzige Farbpartikel entdeck werden, die man mit dem bloßen Auge nicht wahrnimmt. So war es möglich, scheinbar Verschwundenes deutlicher sichtbar werden zu lassen.

Foto 3: Die »Löwenbändigerin« oder »Tierärztin«?

Das Monster von Corvey hat einen spitz zulaufenden Schwanz, der ist steil emporgerichtet. Er wird rasch dicker, windet sich zweimal und geht in einen »menschlichen« Oberkörper über. Die Kreatur reckt einen Arm nach oben, mit dem anderen hat es einen Mann umklammert. Aus der Hüfte des Untiers wachsen drei Vorderteile von Hunden heraus.  Auf dem Schwanz der Bestie steht eine hünenhafte Gestalt, bekleidet mit Lendenschurz, bewaffnet ist mit Schild und Speer. Wahrscheinlich dürfen wir das Monsterwesen als Skylla, vielleicht aber auch als Kerberos identifizieren. Beide wurden in der Antike mit drei Vorderteilen von Hunden und Drachenschwanz dargestellt. Der wackere Kämpfer, der es mit dem Monster aufnimmt, könnte Odysseus sein, wenn die Darstellung des Gemetzels in einem heidnischen Tempel oder einem Palast aus vorchristlichen Zeiten zu finden wäre. Was aber hat Odysseus versus Monster in einem christlichen Gotteshaus zu suchen?

Fotos 4 und 5: Barbusige mit Drachen
Da bringen Theologen gern ein Zauberwort ins Spiel: die Allegorie. Die Allegorie – im Altgriechischen »allegoria«, zu Deutsch »verschleierte Sprache« – ist höchst hilfreich, wenn es gilt, ein heidnisch-mythologisches Bild in einem christlichen Gotteshaus zu erklären. Interpretiert man ein Bild allegorisch, dann bedeutet es etwas ganz anderes als es auf den ersten Blick darzustellen scheint. Aus dem mythologisch-heidnischen Kampf des Odysseus gegen Skylla oder Kerberos wird so der Heiligen Georg versus Satan und wenn man so will Jesus als Sieger über das Böse.

Allegorisch seien, so höre ich immer wieder, die Reliefs vom Bamberger Papstgrab zu verstehen. Die südliche Längsseite der Tumba zieren zwei besondere Paare: eine Frau und ein Löwe und eine Frau und ein Drache. »Fortitudo«  – Stärke – sei allegorisch als Frau gezeigt, die einen Löwen besiegt und ihm kraftvoll den Rachen aufreißt.  Diese Interpretation kann ich noch nachvollziehen. »Prudentia« –  zu Deutsch Klugheit – werde allegorisch als Frau und Drache dargestellt. Warum eine junge barbusige Frau, die einem Drachen an den Hals fasst, ein Sinnbild für »Klugheit« sein soll, leuchtet mir nicht so recht ein. Oder wird da ein uraltes religiöses Bild – die Urgöttin in Gestalt eines Drachen zusammen mit ihrer Anhängerin – verchristianisiert?

Foto 6: Zwei Frauen und ein Mann

Wenden wir uns der nördlichen Längsseite zu. Wir sehen zwei Frauen und einen Mann. Links sitzt eine Frau, eine Waage in einer Hand, mit der anderen greift sie nach einem Schwert auf ihrem Rücken. Allegorische Interpretation: das ist »Justitia« mit Waage und Schwert. In der Mitte sitzt eine weitere Frau, wiederum oben ohne wie die Frau mit dem Drachen, mit zwei Krügen. Sie schüttet etwas von einem Krug in den anderen. Allegorische Interpretation: das ist »Temperantia«, also die Mäßigkeit, die Wein mit Wasser verdünnt. Oder ist es doch eine Giftmischerin, die dem Papst einen tödlich wirkenden Trunk zubereitet?

Foto 7: Justitia mit Waage

Spärlich bekleidet ist der Mann rechts außen. Er wendet uns den Rücken zu. Aus einem über die Schulter gehobenen Gefäß fließt Wasser. Allegorische Interpretation: Er ist die Personifikation jenes Stromes, der laut Schöpfungsbericht (1) im Garten Eden entspringt. Soll die Fast-Nacktheit des Mannes auf die Zeit vor dem berühmten Sündenfall hinweisen, als Adam und Eva noch nackt waren? Steht er als allegorische Darstellung für das Paradies, für den Garten Eden, den Gott für abendliche Spaziergänge nach des Tages Hitze nutzte?  Soll der personifizierte  – allegorisch – das Paradies darstellen?

Foto 8: Giftmischerin mit Krügen?

Warum sind »Giftmischerin« und »Drachenfrau« beide barbusig und fast nackt gezeigt? Wurde Papst Clemens II. vergiftet, weil die Mächtigen von Kirche und Staat Angst vor seinen Reformplänen hatten? Einige Reformen hatte er ja bereits durchgesetzt, andere eingeleitet. Eine Rückkehr zu den ursprünglichen Werten des Christentums war für die im Reichtum Schwelgenden alles andere als wünschenswert. Sie genossen Reichtum und Macht, prassten und hatten dabei recht freizügige Vorstellungen von »christlicher Moral«. Steht der gebändigte, zahm wirkende Drache für die mit dem Tod von Papst Clemens II. beseitigte Gefahr?

Foto 9: Allegorische Darstellung des Paradieses?

Jahrzehnte sind seit meinem ersten Besuch im Dom zu Bamberg verstrichen. Auch heute noch fügen sich nach meinem Verständnis die einzelnen »Bilder« am Papstgrab immer noch nicht zu einer Geschichte. Ich befragte Professoren der Theologie, als ich in Erlangen studierte. Schlüssige Antworten erhielt ich keine. Die Faszination lässt nicht nach. Ich forsche weiter. Inzwischen habe ich intensiv in den eher spärlichen Quellen recherchiert. Wirklich befriedigende Antworten habe ich nicht gefunden. Es beruhigte mich ein wenig, als ich erkannte, dass auch für Experten bislang Fragen unbeantwortet bleiben. So konstatiert Dr. phil. Georg Gresser in seinem Werk »Clemens II.« offen und ehrlich (2): »Das Bildprogramm der Tumba ist nicht leicht zu deuten. Seit vielen Jahrzehnten herrschen unterschiedliche Meinungen über die dargestellten Personen und die damit verbundenen Aussagen vor.«

Eines der Reliefs ist in seiner Aussage eindeutig. Es befindet sich am »Fußende« der Tumba, an der Ostseite des Monuments. Zu sehen ist eindeutig Papst Clemens II. auf seinem Sterbelager. Ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln deutet mit dem Zeigefinger gen Himmel. Offenbar weist er den Stellvertreter Christi auf Erden auf sein nahendes Ende, auf die Reise ins Jenseits hin. In der anderen Hand hält der Himmelsbote so etwas wie eine Schriftrolle, die vielleicht des Papstes gute und böse Taten auflistet. Es naht ja das himmlische Gericht.

Foto 10: Der sterbende Papst und der Engel

Das Bild an der gegenüberliegenden schmalen Seite der Tumba, an der Westseite, gibt Rätsel auf.  Da sitzt ein bärtiger Mann, der auf den ersten Blick wie ein Krieger aussieht. Er hält Schild und Schwert. Warum fasst er das Schwert nicht am Griff, sondern an der Schneide? Warum berührt er den Schild nicht direkt mit der Hand? Heilige werden fast immer mit dem Werkzeug gezeigt, das zu ihrer Ermordung genutzt wurde. Das Schwert könnte also auf Johannes den Täufer hinweisen, der ja geköpft wurde. Auf dem Schild sehen wir das Kreuzzeichen und das Lamm. Weist Johannes so auf den nahenden Messias (»Lamm Gottes«) hin? Andere Interpreten sehen nicht Johannes, den Täufer, sondern den Messias selbst dargestellt. Das Schwert wird vom Hinrichtungsinstrument zum Zeichen des Weltenrichters, der am Ende der Zeit Recht spricht.

Wer ist nun der Bärtige? Johannes der Täufer oder Jesus, der Richter? Das Relief ist an der westlichen Schmalseite angebracht. Die Ausrichtung nach Westen hin kann sehr wohl als Hinweis auf das »Jüngste Gericht« verstanden werden. Wird also nicht Johannes, sondern Jesus präsentiert, als Richter (Schwert!) und Erlöser (Lamm Gottes mit Kreuz)?

Fotos 11 und 12: Johannes oder Jesus?
Warum aber wird das Grab des Papstes hinter einem protzigen Bischofsstuhl versteckt, so dass man die kostbare Tumba als Dombesucher gar nicht zu Gesicht bekommt? Kapellen, Kirchen und Kathedralen haben so manches Geheimnis aufzuweisen. Die kleinen und großen Gotteshäuser verdienen sehr viel mehr Beachtung als ihnen in unseren Tagen zuteilwird. Da und dort werden Kirchen geschlossen und selbst große christliche Sakralbauten verkommen mehr und mehr zu musealen Zielen für Touristen. Wo man auch steht, ob man Atheist oder Christ ist: Unsere Wurzeln sind christlich. Noch leben wir im christlichen Abendland. Noch ist religiöser Glaube Privatsache.

Fußnoten
1) Siehe 1. Buch Mose Kapitel 2, Vers 10
2) Gresser, Georg: »Clemens II./ Der erste deutsche Reformpapst«, Paderborn 2007, S. 131, Zeilen 18-20 von unten
Zu den Fotos
Foto 1: Reliefs am Grab. Sehr frühe Zeichnung. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die Tumba des Papstes. Foto wiki commons Johannes Otto Först
Foto 3: Die »Löwenbändigerin« oder »Tierärztin«? Foto wiki commons Immanuel Giel
Fotos 4 und 5: Barbusige mit Drachen. Fotos wiki commons Johannes Otto Först
Foto 6: Zwei Frauen und ein Mann. Foto wiki commons Johannes Otto Först
Foto 7: Justitia mit Waage. Foto wiki commons Immanuel Giel
Foto 8: »Giftmischerin« mit Krügen. Foto wiki commons Immanuel Giel
Foto 9: Allegorische Darstellung des Paradieses? Foto wiki commons Johannes Otto Först
Foto 10: Der sterbende Papst und der Engel. Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 11 und 12: Johannes oder Jesus?  Foto 11 (oben) Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 12 (unten) wiki commons Johannes Otto Först 

359 »Gruselige Fabeltiere in Gotteshäusern«,
Teil  359 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 04.12.2016

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