Sonntag, 29. September 2019

506. »Die 3. Schöpfungsgeschichte«

Teil 506 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Das »Alte Testament der Bibel« wartet mit drei Schöpfungsgeschichten auf. Man kann auch von Mythen sprechen. Die älteste Schöpfungsgeschichte, die wir im »Alten Testament« lesen können, entstand zwischen 1200 und 900 vor Christus. Wir finden sie im 1. Buch Mose, allerdings nicht am Anfang, wie man vermuten sollte. Die jüngere Schöpfungsgeschichte steht vor der älteren. Die älteste steht hier: 1. Buch Mose Kapitel 2,  Verse 4 bis 25. Sie entstand zwischen 1200 und 900 vor Christus. 

Als sie geschrieben wurde, verließen verschiedene semitische Stämme die Wüste Sinai und wanderten in das Kulturland Kanaan ein. Nach und nach entstand das Volk Israel als eine zusammengehörige Einheit. Die einzelnen Nomadengruppen waren glücklich ob ihres günstigen Schicksals. Sie waren der Wüste entronnen. Das satte Kulturland Kanaan, in das sie mit mehr oder weniger Gewalt drängten, erschien ihnen wie ein Paradies.


Foto 1: Ebstorfer Weltkarte, entstanden um 1300

So entstand die Beschreibung des Garten Eden (1): »Und Gott der Herr pflanzte einen Garten gegen Morgen....und allerlei Bäume, lustig anzusehen...und es ging aus von Eden ein Strom zu wässern den Garten...und das Gold des Landes ist köstlich.«

Die zweite, mittlere Schöpfungsgeschichte finden wir an eigentlich unvermuteter Stelle: bei den Psalmen, exakter: als Psalm 104, der etwa 600 v. Chr. entstand. Seit der ersten Geschichte sind inzwischen Jahrhunderte verstrichen. Inzwischen gibt es längst ein Volk Israel. Der Staat Judäa hat sich gebildet. Israel ist eine völkische Einheit, das Leben wird von religiösem Kult bestimmt. Das Volk empfindet großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Zeiten, da verschiedene Nomadengruppen erst noch zueinander finden mussten, ist vorbei.

Die Form des Textes ist sehr wichtig: Er ist als hymnischer Lobpreis gestaltet, was Zeugnis dafür ablegt, dass sich eine stabile religiöse Gemeinschaft gebildet hat. Im Gegensatz zur ersten, ältesten Schöpfungsgeschichte, steht der Mensch jetzt nicht mehr im Zentrum. Die Schöpfung selbst spielt die Hauptrolle schlechthin, in jenem Stück Literatur von Weltrang. Sie wird in ihrer Vielfältigkeit erfasst. Es wird die Weite des Himmels gelobt, die hohen Berge werden ebenso erwähnt wie die tiefen Täler, zahllose Tiere werden genannt.

Die dritte, jüngste Schöpfungsgeschichte schließlich ist die, die die meisten Menschen als die Schöpfungsgeschichte schlechthin verstehen! Sie steht ganz am Anfang des »Alten Testaments« (Siehe Folge 505!)

587 v. Chr. ist der Tempel zerstört worden. Man hat ihn inzwischen wieder aufgebaut. Die geistige Elite des Volkes Israel hat die schlimme Zeit der babylonischen Gefangenschaft hinter sich gebracht. Gerade diese trostlosen Zeiten fern der geliebten Heimat waren von enormem Einfluss auf das Volk Israel.

Während der Gefangenschaft, also in jenen Jahren, da Hesekiel mysteriösen Erlebnisse hatte, kamen viele Israeliten mit einer neuen Denkungsart in Berührung: mit der Wissenschaft. Während im ältesten Schöpfungsmythos der einzelne Mensch Gott gegenübersteht, wird in der zweiten Geschichte, also in Psalm 104, Gott mit der Gemeinschaft der Prediger und der Betenden konfrontiert.

In der dritten Schöpfungsgeschichte finden wir einen universalen Gott, einen Schöpfer, der sich bei Übersetzung des Originaltexts freilich als eine Ansammlung von Göttern entpuppt.

Wir können uns getrost auf die Suche nach dem Paradies machen. Wo mag es gelegen haben?  Das Wort »Paradies« findet sich nicht im Originaltext. »Paradies« lässt sich vom Persischen ableiten, von »pardes«, was so viel wie Garten heißt. Eden ist sumerischen Ursprungs und bedeutet Ebene. Der Text der dritten Schöpfungsgeschichte im Alten Testament lässt vermuten, dass es sich bei dem Paradies um eine Ebene handelt, in der das Grün von Wiesen dominiert. Wo lag dieses Eden? Wo lag das Paradies?

Foto 2: Der »Garten Eden«,
Hieronymus Bosch,
entstanden etwa 1500 (Ausschnitt)

Die alten Sumerer waren ebenso davon überzeugt, dass es das Paradies, den Garten Eden, wirklich gegeben hat. Die Sumerer beschrieben das Paradies auf Jahrtausende alten Keilschrifttafeln als »Dilmun«. »Dilmun« und »Eden« sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit miteinander identisch.

Das Alte Testament verrät, dass aus jenem Gewässer, das im Paradiese fließt, vier Flüsse werden (2): »Es entspringt aber ein Strom in Eden, den Garten zu bewässern, von da aus teilt er sich in vier Arme: der erste heißt Pischon, das ist der, welcher das ganze Land Chawila umfließt, wo das Gold ist. Und das Gold jenes Landes ist köstlich, auch Balsamerz und Karneolsteine sind dort vorhanden. Der zweite Fluss heißt Gischon: das ist der, welcher das ganze Land Kusch umfließt. Der dritte Fluss heißt Hildekkel, das ist der, welcher östlich von Assur fließt. Der vierte Fluss trägt den Namen Euphrat.«

Laut dem Text des Alten Testaments entspringt im  Paradies ein Fluss, der sich   vierteilt, in vier Flüsse mündet. Diese vier Flüsse hat man schon viele Jahrhunderte lang gesucht. Hildekkel wurde von verschiedenen Paradiesforschern als Tigris-Fluss identifiziert. Übersetzer fügten den Namen, der im hebräischen Original nirgendwo auftaucht, einfach ein, ließen den alten Namen einfach unter den Tisch fallen. War das ein  legitimer Vorgang?

Euphrat und Tigris fließen im Wesentlichen von Norden nach Süden. Wenn die beiden Flüsse einer gemeinsamen Quelle entstammen, dann müsste das Paradies nördlich vom Zweistromland zu finden sein. Andererseits heißt es aber (3), das Paradies habe sich im Osten befunden. In den Osten habe Gott die ersten Menschen gebracht. Andererseits haben sich die Menschen, nachdem sie aus dem Paradies vertrieben worden waren, im Osten niedergelassen. müsste es dann nicht im Westen gelegen haben? (4)

Bevor Sie sich, liebe Leserin und lieber Leser, aufmachen, um das Paradies zu suchen, nehmen Sie sich noch etwas Zeit für meine wortgetreue Übersetzung der 3.Schöpfungsgeschichte! Danke!

1. Buch Mose, Kapitel 2, Verse 4-25

Foto 3: »Der Garten Eden«.
Lukas Cranach der Ältere,
entstanden um 1530 (Ausschnitt).

4) Das sind die Berichte der Schaffung des Himmels und der Erde: ihr Erschaffensein am Tage des Erschaffens, Jahwe, Elohim (=Götter), Erde und Himmel.

5) Und alle Sträucher des freien Feldes noch nicht sie sind auf der Erde und alle Kräuter noch nicht auf dem Felde sprießen sie. Ja, nicht er ließ regnen, Jahwe, Elohim (=Götter), auf die Erde und auf Adam, nicht sein um zu arbeiten auf dem Land.

6) Und Wasserstrom, er steigt auf von dem Lande, er netzte ganz das Antlitz des Ackerlandes.

7) Und er formte, er, Jahwe, Elohim (=Götter), den Adam, Staub von dem Ackerland, und er blies in seine Nasenlöcher den Hauch des Lebens und er wurde, der Mensch, zu einem lebenden Wesen.

8) Und er spannte auf, Jahwe, Elohim, einen Garten in Eden in Richtung Osten und er setzte den Menschen, den er geformt hat, hinein.

9) Und er brachte zu Sprießen, er, Jahwe, Elohim, aus dem Erdenland die Gesamtheit der Bäume, begehrenswert dem Gesicht und gut hinsichtlich des Geschmackes und den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

10) Und ein Fluss kam heraus aus Eden um zu tränken den Garten und teilt sich dort und er wurde zu vier Häuptern.

11) Der Name des ersten: Pischon, er umfließt das ganze Land Chawilah wo das Gold.

12) Und das Gold des Landes: gut. Dort das Bedellionharz und den Stein Karneol.

13) Und der Name des zweiten Flusses: Gichon, er umgibt das ganze Land Kusch.

14) Und der Name des dritten Flusses: Hidächäl, er fließt östlich von Assyrien, und der Fluss, der vierte, er der Perat.

15) Und er, Jahwe, Elohim, nahm den Adam und er setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bearbeite und bewache.

16) Und er befahl, Jahwe, Elohim, dem Adam, wie folgt: von allen Bäumen des Gartens ein Essen du isst.

17) Und der Baum der Erkenntnis (oder des Wissens/ des Könnens/ der Einsicht) des Guten und des Bösen nicht sollst du essen von ihm, denn an dem Tag deines Essens von ihm ein Sterben du sterben wirst.

18) Und er sprach, Jahwe, Elohim, nicht gut zu sein (für?) Adam sein Alleinsein; ich mache ihm einen Helfer, der ihm gegenüber sei.

19) Und er formte, Jahwe, Elohim, aus dem Ackerboden alle Tiere des freien Feldes und alle Vögel des Himmels. Und er brachte sie zum Menschen, damit er (Gott) sehe, wie er (Mensch) sie ruft. Und so wie er sie nennen würde, so sollten sie heißen.

20) Und er rief, der Mensch, die Namen, dem Vieh allem und allen Vögeln des Himmels und allen Wesen des Feldes und dem Adam nicht fand er einen Helfer als passend zu ihm.

Foto 4: »Der Garten Eden«.
Lukas Cranach der Ältere,
entstanden um 1530 (Ausschnitt).

21) Und er ließ fallen, Jahwe, Elohim, Tiefschlaf über den Menschen und er (der Mensch) schlief ein und er (Jahwe, Elohim) nahm eine von seinen Rippen und er verschloss an ihrer Stelle (mit) Fleisch.

22) Und er baute, er, Jahwe, die Rippe, die er genommen hat aus dem Adam, zu einer Frau und er brachte sie Adam.

23) Und er sprach, Adam: das Knochen von meinen Knochen und Fleisch von meinem Fleisch, sie wird genannt Männin, ja! Weg vom Mann eine genommene diese.

24) Deshalb er wird verlassen, er, ein Mann, seinen Vater und seine Mutter und er wird festhalten an seiner Frau und sie werden sein ein Fleisch.

25) Und sie waren, ihre Zweizahl (noch wörtlicher: Und sie waren sie beide, sie zwei) nackt, der Adam und seine Frau und nicht schämten sie sich.

Fußnoten
(1) 1. Buch Mose Kapitel 2 Vers 8 bis Vers 12
(2) 1. Buch Mose Kapitel 2 Verse 10-14
(3) 1. Buch Mose Kapitel 2 Vers 8
(4) »Wo lag das Paradies?«, »Das Neue Zeitalter«, Nr. 39/ 1986

Zu den Fotos

Foto 1: Ebstorfer Weltkarte, entstanden um 1300. Gemeinfrei
Foto 2: Der »Garten Eden«, Hieronymus Bosch, etwa 1500 (Ausschnitt). Gemeinfrei
Fotos 3 und 4: »Der Garten Eden«. Lukas Cranach der Ältere, entstanden um 1530 (Ausschnitt). Gemeinfrei.


507. »Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies«
Teil 507 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 6. Oktober 2019



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Sonntag, 22. September 2019

505. »Am Anfang«

Teil 505 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1 und 2: Erster und zweiter Tag der Schöpfung

Vor einigen Monaten beschäftigte ich mich intensiv mit der Weltsicht eines Wissenschaftlers, der unser Verständnis von der Wirklichkeit vollkommen revolutionieren wird. Prof. Markolf H. Niemz hat eine Kosmologie entwickelt, die religiöse Weltbilder und physikalische Erkenntnisse in Einklang bringt. Er schreibt (1): »Licht ist ein komplexer, das gesamte Universum durchdringender Speicher, in dem jedes Objekt unauslösliche Spuren hinterlässt.« Der Physiker stellt eine Frage und bietet eine faszinierende Antwort (2): »Licht ist das große Unbekannte. … Ist Licht Information? Damit kommen wir dem Wesen des Lichts schon viel näher. Licht speichert alles, was jemals im Universum geschieht. Es ist eine Art ›Tagebuch der Schöpfung‹.« 

Ich frage: Hinterlassen wir im kosmischen Licht Spuren? Speichern wir im »kosmischen Licht« so etwas wie eine Chronik der Menschheit ab? Oder ist dieses »kosmische Licht« so etwas wie ein »Computerprogramm«, das Illusionen erschafft? »Der Mensch lebt von seinen Illusionen.« schrieb der Dichter und Schriftsteller Wilhelm Raabe (*1831; †1910). Oder ist der Mensch selbst wie das Universum eine Illusion, geschaffen von einem fantastischen Computerprogramm?

Ist der Kosmos eine Illusion? Sind wir eine Illusion, erzeugt von diesem »Computerprogramm«, das ohne Hardware auskommt? Ist unsere Realität eine Illusion, die in einem »Supercomputer« aus »Licht« erzeugt wird? Wer hat diesen »Supercomputer« ersonnen und verwirklicht? War und ist es, was auch immer wir uns unter »Gott« vorstellen mögen?

Doch nun zu meiner Übersetzung des vielleicht bekanntesten Texts aus der Bibel, den auch Atheisten kennen. Selbst wer noch nie eine Bibel in der Hand gehabt hat, wird vom Schöpfungsbericht gehört haben, der ganz am Anfang des »Alten Testaments« steht.

1. Buch Mose, Kapitel 1 (Genesis 1)

Foto 3: 1. Tag der Schöpfung/
Licht und Dunkelheit.
1) Am Anfang schuf  (Einzahl!!) die Götter (Elohim = Mehrzahl!!) die Himmel und die Erde.

2) Und die Erde, die war Tohu Wabohu und Dunkelheit auf dem Gesicht des Urmeeres und der Hauch der Götter schwebend auf dem Urgesicht der Wasser.

3) Und es sprachen die Götter, Licht sei, und Licht wurde.

4) Und es sahen die Götter, das Licht, ja, gut! Und es trennten die Elohim (die  Götter) zwischen dem Licht und zwischen der Dunkelheit.

5) Und es riefen an die Götter das Licht: Tag, und die Dunkelheit riefen sie an: Nacht. Und es ward Abend und es ward Morgen: erster Tag.

6) Und es sprachen die Götter, es werde ein Gewölbe inmitten der Wasser und es werde voneinander getrennt zwischen Wassern und Wassern.

7) Und es machten die Götter das Gewölbe und sie trennten zwischen den Wassern welche von unter dem Gewölbe und zwischen den Wassern, welche oben dem Gewölbe und es war gut.

8) Und es riefen die Götter dem Gewölbe: Himmel, und es ward Abend und es ward Morgen: zweiter Tag.

9) Und es sprachen die Götter, sie sollen sich sammeln, die Wasser, von unter der Feste (von unter dem Himmel) an einem Ort und es lasse sich sehen das Trockene. Und es war recht.

10) Und es riefen die Götter dem Trockenen: Erde und der Ansammlung von Gewässern riefen sie zu: Meer. Und es sahen die Götter, dass gut!

Foto 4: 2. Tag der Schöpfung/ Wasser
und trockenes Land

11) Und es sprachen die Götter, die Erde bringe hervor Gras und Kräuter, Samen bildende, Fruchtbaum, der nach seiner Art Frucht macht und welcher Samen trägt darin auf der Erde und es war recht.

Foto 5: 3. Tag der Schöpfung/ Pflanzen sprießen
12) Und sie brachte hervor, die Erde, frisches Grün, Kräuter, Samen bildende nach ihrer Art, Baum, der Frucht macht seiner Art nach, worin er samt, und es sahen die Götter, ja, gut!

13) Und es ward Abend und es ward Morgen: dritter Tag.

14) Und es sprachen die Götter, es seien Leuchten am Himmelsgewölbe um zu trennen zwischen dem Tag und zwischen der Nacht, damit sie werden Zeichen, für Zeiten, Tage und Jahre.

15) Und es seien Lichter am Firmament zum Leuchten auf die Erde und es war recht.

16) Und es machten die Götter zwei Leuchtkörper, den großen Leuchtkörper zum Herrschen am Tag und den kleinen zum Leuchten in der Nacht und die Sterne.

17) Und es gaben sie die Götter ans Gewölbe des Himmels zum Leuchten auf die Erde.

18) Hinsichtlich des Herrschens am Tag und in der Nacht und hinsichtlich des Trennens zwischen dem Licht und zwischen dem Dunkeln und es sahen die Götter, ja, gut!

Foto 6: 4. Tag der Schöpfung/ Sonne, Mond und
Sterne

19) Und es ward Abend und es ward Morgen: vierter Tag.

20) Und es sprachen die Götter, das Wasser wimmele ein Wimmeln lebenden Wesens und Vögel fliegen auf der Erde und vor dem Angesicht des Himmelsgewölbes

21) Und es schufen die die Götter die großen Ungetiere, sie, die Götter, und alle lebendigen Wesen, von welchen wimmelten die Wasser, wie es ihre Art.

22) Und es sahen die Götter, ja, gut! Und es segneten sie, die Götter, und sprachen: fruchtet und mehret euch und erfüllet die Wasser in den Meeren und auch der Vogel vermehre sich auf der Erde!

Foto 7: 5. Tag der Schöpfung/
Tiere des Meeres und der Lüfte

23) Und es ward Abend und es ward Morgen: fünfter Tag.

24) Und es sprachen, die Götter, es treibe die Erde, lebendiges Wesen nach ihrer Art. Herdentiere, Kriechtiere und wild lebende Tiere nach ihrer Art. Und so ward es.

25) Und es machten die Götter, das Wildlebende auf dem Erdenland nach seiner Art und alles Zappelnde des Ackers nach seiner Art. Und es sahen die Götter, ja gut!

Foto 8: 6. Tag/
Tiere des Landes

26) Und es sprachen die Götter: Machen wir den Menschen gemäß unserem Bilde. Sie (die Menschen) mögen herrschen über das Fischvolk der Meere, den Himmelsvogel, all das Erdengetier und alles Regende auf der Erde.

27) Und es schufen die Götter, den Menschen in ihrem Ebenbilde, sie schufen ihm im Bilde der Götter, männlich schufen sie sie, weiblich schufen sie sie.

28) Es segneten sie die Götter: fruchtet und mehret euch und erfüllet die Erde und ermächtigt euch derselben! Herrschet über des Meeres Fischvolk, den Himmelsvogel und über alles Lebende, das regt sich auf der Erde.

29) Und es sprachen die Götter: gegeben sei euch alles Kraut das Samen sät, das ist überall auf dem Gesicht der Erde, jeden Baum, dem Samen säende Frucht des Baumes ist: euch zum Essen sei es!

30) Und allem Lebenden der Erde, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich regt auf Erden worin es lebt, ihnen allen alles Grün des Krautes zum Essen! Und es ward so!

Foto 9: 6. Tag/
Adam und Eva

31) Und es sahen die Götter alles, das sie gemacht, und ja: gut! Und es ward Abend und es ward Morgen: sechster Tag!

1. Buch Mose, Kapitel 2 (Genesis 2)

1) Himmel und Erde vollendet waren und all ihre Schar.

Foto 10: 7. Tag/
Tag der Ruhe nach der anstrengenden Schöpfung

2) Und es beschlossen die Götter die Arbeit am siebten Tag. Und sie feierten am siebten Tag von aller Arbeit, die gemacht.

3) Und sie, die Götter, segneten den siebenten Tag und machten ihn heilig, weil sie, die Götter ruhten an ihm von allen Werken.

4) Dies sind die Berichte der Erschaffung des Himmels und der Erde: ihr Erschaffensein.

Soweit meine Übersetzung. Wir wissen, dass die Erde um die Sonne kreist. Sie dreht sich in 24 Stunden einmal um die eigene Achse. Auf der Erdhalbkugel, die der Sonne zugewandt ist, da ist es Tag. Auf der Erdhalbkugel, die der Sonne abgewandt ist, da herrscht Nacht. Es ist eine Binsenweisheit: Ohne Sonne gibt es nicht Tag und Nacht.

Ist es Ihnen aufgefallen, dass nach dem Schöpfungsbericht, Sonne und Mond erst am 4. Tag erschaffen werden (3)? Demnach kann es vorher nicht den Wechsel zwischen Tag und Nacht gegeben haben. Seltsam: Gleich zu Beginn der Schöpfung (4) wird »Licht« erzeugt. Um Sonnenlicht kann es sich dabei nicht handeln, denn die Sonne gibt es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. 

Wagen wir eine kühne Spekulation: Am Anfang der göttlichen Schöpfung entsteht das »Licht« des »Supercomputers«. In dieser Illusion aus »Licht« wird das erzeugt, was wir für Realität halten.

Fußnoten
(1) Niemz, Prof. Markolf H.: »Ichwahn: Ein Physiker erklärt, warum Abgrenzung gegen unsere Natur ist. Der Schlüssel für ein neues Miteinander«, Ludwig-Verlag/ Random Hose, München 2017, Seite 86, Zeilen 1 und 2 von unten und Seite 87, Zeile 1 von oben
(2) Ebenda, Seite 85, Zeilen 1 und 2 und Zeilen 3-6 von oben
(3) 1. Buch Mose, Kapitel 1, Verse 14-19 (Genesis 1, 14-19)
(4) 1. Buch Mose, Kapitel 1, Vers 3

Zu den Fotos 
Bei den Fotos 1-6 und 8-10 handelt es sich um Buchmalereien, die um das Jahr 1220 entstanden sind. Die Originale befinden sich in der großen und mit Recht berühmten »Nationalbibliothek Lissabon«. Die Fotos sind gemeinfrei/ wiki commons.
Foto 7: Französische Buchmalerei, entstanden um 1415. Das Foto ist gemeinfrei/ wiki commons

»Die 3. Schöpfungsgeschichte«,
Teil 506 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 29. September 2019

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Sonntag, 15. September 2019

504. »Die Bibel - das Buch der Bücher?«

Teil 504 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Piscator-Bibel 1684

Manch christlicher Theologe missversteht gern den Namen der Bibel. Er spricht salbungsvoll von der Bibel als dem »Buch der Bücher«. Das interpretiert er im Sinne einer qualitativen Bewertung, etwa als »das beste/ wichtigste Buch aller Bücher«. Für solche Theologen ist »Buch der Bücher« ein Superlativ: Es gibt viele Bücher, aber nur das eine, einzige »Buch der Bücher«. Dabei ist der Sachverhalt ein einfacher. »Bibel« leitet sich vom altgriechischen βιβλία, von »biblia«, ab. »Biblia« bedeutet schlicht »Bücher« (Mehrzahl!). Damit soll verdeutlicht werden, dass die Bibel nicht ein Buch, sondern eine Sammlung (unabhängig voneinander entstandener) Bücher ist: vom »Ersten Buch Mose« des »Alten Testaments« bis hin zur »Apokalypse« (1), dem letzten Buch des »Neuen Testaments«.

Kein anderes Buch der Weltgeschichte ist so weit verbreitet wie die Bibel, das »Buch der Bücher«. Die Bibel liegt, ganz oder in Auszügen, in rund 2.000 Sprachen und Dialekten und mindestens drei Milliarden Exemplaren vor. Allein in Japan, dessen Bevölkerung nur zu einem Prozent christlichen Glaubens ist, wurden innerhalb weniger Jahre rund 150 Millionen Bibeln gedruckt. Die Bibel steht heute inzwischen  rund 98 Prozent der Erdbevölkerung zur Verfügung, vor wenigen Jahrhunderten noch durften selbst die meisten Christen das  »Buch der Bücher« nicht selbst lesen.

Foto 2: William Tyndale um 1536
Im 16. Jahrhundert gab es in England nur eine lateinische Übersetzung, die der Priesterschaft vorbehalten war. William Tyndale (*etwa 1494; †1536) wagte es, Teile des Alten Testaments und das gesamte Neue Testament ins Englische zu übersetzen. Damit verstieß er gegen das Gesetz. Der angesehene Gelehrte, er unterrichtete an der Universität von Cambridge, musste seine akademische Laufbahn aufgeben, war lange Jahre auf der Flucht. Schließlich wurde er verhaftet, der Ketzerei angeklagt, zum Tode verurteilt und erdrosselt. Sein Leichnam wurde öffentlich verbrannt.

Die erste deutschsprachige Bibel stammt, allen anders lautenden Gerüchten zum Trotz, nicht von Luther. Wer sie erstmals ins Deutsche übertrug, das ist nicht überliefert. Die vermutlich erste Bibel in deutscher Sprache erschien bereits anno 1466 in Straßburg. Unbekannt sind auch die Namen der Übersetzer von weiteren vierzehn deutschsprachigen Bibelausgaben, die allesamt vor Luther erstellt und gedruckt wurden.

Heute ist die Bibel allgemein zugänglich. Kein anderes Buch wird so viel gedruckt und doch nur so wenig gelesen. In wohl jedem europäischen Haushalt ist mindestens ein Exemplar der Bibel vorhanden. Darin gelesen wird höchst selten. Favorisiert wird das Neue Testament. Zur Weihnachtszeit füllen sich die ansonsten meist leeren Kirchenbänke, erinnern wir uns der Evangelien, blättern vielleicht in der »Weihnachtsgeschichte«. Ansonsten aber bleibt die Bibel meist unbeachtet. Von hundert Bibelbesitzern, so ergab unlängst eine Umfrage in Deutschland,  sind nur fünfzehn auch tatsächlich Bibelleser.

Foto 3: Piscator-Bibel 1684
Die Texte des Alten Testaments wurden in hebräischer und aramäischer Sprache, die des Neuen Testaments in griechischer Sprache verfasst. Sie entstanden in einem Zeitraum von rund eineinhalb Jahrtausenden. Die ältesten Texte entstanden etwa um das Jahr 1200 v. Chr. bis etwa 150 n. Chr. Eine »Urfassung« liegt nicht vor. Heute sind rund 1.700 hebräische Teilmanuskripte der Bibel bekannt. Sie werden als kostbare Schätze in den wissenschaftlichen Bibliotheken unseres Planeten gehütet.

Warum wollte der Klerus bis ins 16. Jahrhundert hinein verhindern, dass der »Mann von der Straße« sich selbst ein Bild von den biblischen Schriften machte? Bangte er um seine Machtposition? Sollte es ausschließlich den Priestern vorbehalten sein, den Menschen zu verkünden, was als »Wort Gottes« zu gelten hatte ?

Vor Jahrtausenden entstanden im »Heiligen Land« unzählige Schrifttexte, die im Verlauf eines langwierigen Prozesses von unzähligen Menschen zu immer größeren Texteinheiten zusammengefügt wurden. Wenn man nun vom »Originaltext« des Alten Testaments spricht, so ist dies in gewisser Hinsicht irreführend. Es gab unzählige einzelne Texte, aus denen der Kanon des Alten Testaments erstellt wurde. 1477 erschien ein Teil des Alten Testaments in hebräischer Sprache in Bologna. 1488 wurde in Soncino, in der Nähe von Mailand, eine erste komplette hebräische Ausgabe des Alten Testaments im Druck vorgelegt.

Foto 4: Piscator-Bibel 1684
1516 und 1517 lag es eine Reihe von »Rabbinerbibeln« vor. Sie enthielten den Text des Alten Testaments in Hebräisch. Dazu gab es sehr ausführliche theologische Kommentare. Diese »Rabbinerbibeln« lassen sich aber nicht  auf eine Urbibel zurückführen. Sie sind vielmehr von theologischen Herausgebern erarbeitete Sammlungen von verschiedenen Handschriften. Wir müssen uns also im Klaren sein: Wenn es je so etwas wie eine »Urbibel« gegeben hat, so kommen wir an den Text heute nicht mehr heran. Müssen wir also frustriert aufgeben, die wir doch eigentlich erfahren wollten, was »wirklich« in der Bibel steht? Sind wir auf deutsche Übersetzungen mit ihren Unzulänglichkeiten angewiesen?

Keineswegs. Wir können uns den wissenschaftlich anerkannten hebräischen Text des Alten Testaments vornehmen, so wie er an allen Universitäten gelesen und studiert wird. Es handelt sich dabei um die »Biblia Hebraica«, die ständig überarbeitet und redigiert wird. Beispielsweise werden Texte von Qum Ran berücksichtigt.

Foto 5: Johannes Piscator
Meine Lieblingsübersetzung der Bibel stammt von Johannes Piscator (*1546; † 1625). Piscator war ein elsässischer reformierter Theologe und Bibelübersetzer. Mit geradezu pedantischer Akribie übertrug er in den Jahren von 1602 bis 1604 die Texte des Alten und des Neuen Testaments aus den Originalsprachen Hebräisch und Griechisch ins Deutsche seiner Zeit. Was seine Übersetzungen so wertvoll macht? Piscator hielt sich sehr viel strikter als Martin Luther an die Vorlagen.

Eine Neuauflage der »Piscator Bibel« zu einem erschwinglichen Preis ist überfällig. Für 2016 war eine eBook-Version der kompletten »Piscator Bibel« angekündigt. Im Mai 2019 war ist diese Version des wichtigen Werkes aber noch nicht erschienen. Der gespannte Bibelleser wurde vertröstet. Es hieß auf der Homepage des Sepher-Verlags, Herborn, sie werde »demnächst« erscheinen.

Leider wird das Projekt »Piscator-Bibel als eBook« so schnell nicht verwirklich werden. Auf der Homepage des Verlags ist nun zu lesen (2): »Weitere Projekte, wie eine ebook-Version oder ein Arbeitsheft sind angedacht.«

Wir kommen dem »Kern« der Bibel näher, wenn wir die »Biblia Hebraica« in biblischem Althebräisch lesen. Im Studium der evangelischen Theologie zu Erlangen habe ich vor vielen Jahren wichtige Passagen aus dieser längst ausgestorbenen Sprache übersetzt. Es freut mich, dass ich Ihnen, lieber Leserin und lieber Leser, daraus einige wichtige Texte vorlegen kann. Ich war beim Übersetzen stets darum bemüht, den Text so ins Deutsche zu übertragen, dass so viel vom Original wie nur möglich erhalten bleibt.

Foto 6: Autor Walter-Jörg Langbein
mit »Endter-Bibel« (1716).
Foto Barbara Kern
Fundamentalistische Theologen haben sehr konkrete Vorstellungen, wie der »wahre Glaube« aussieht. Deshalb sind davon überzeugt, genau zu wissen, was in »ihrem« Glaubensbuch stehen kann und muss und was nicht. Weil für sie ihr ganz konkreter Glaube der einzig mögliche ist, kann für sie im »Heiligen Buch« nichts stehen, was diesem Glauben widerspricht. Denn ihr »Heiliges Buch« ist göttliche Wahrheit pur. Wenn sie nun »ihr Heiliges Buch« in eine moderne Sprache übersetzen, dann hinterfragen sie ihre vorgefasste Meinung natürlich nicht. Das wäre Ketzerei. Sie sind davon überzeugt, die Glaubenswahrheit zu kennen, die darf man nicht hinterfragen. Wer wollte auch die Wahrheit, die allein den Segen bringt, anzweifeln? Fundamentalistische Übersetzer übertragen den altehrwürdigen Text ihres »Heiligen Buchs« unbewusst (?) immer so, dass ihre Glaubenslehren bestätigt werden. Ihre Übersetzung sehen sie dann als Beweis für die Richtigkeit ihres Glaubens an.

Mit meiner Übersetzung von Passagen des »Alten Testaments« verfolge ich keinerlei missionarische Absicht. Ich versuche auch nicht, von einem bestimmten Glauben, einer bestimmten Konfession, einer bestimmten Lehrmeinung oder Weltsicht zu überzeugen.

Ich möchte lediglich versuchen, Originaltexte in  möglichst wortwörtlicher Übersetzung näherzubringen und zum Nachdenken anzuregen.

Fußnoten
(1) »Apokalypse« lässt sich mit »Offenbarung« übersetzen. Jede »Offenbarung« ist eine »Apokalypse«. Eine »Apokalypse« ist also keineswegs grundsätzlich eine Weltuntergangskatastrophe, auch wenn der Begriff heute meist so missverstanden wird.
(2) https://sepher.de/ (Stand 4.9.2019)

Zu den Fotos
Fotos 1, 3 und 4: Piscator-Bibel (1684). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: William Tyndale um 1536. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Johannes Piscator. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Autor Walter-Jörg Langbein mit »Endter-Bibel« (1716). Foto Barbara Kern

505. »Am Anfang«,
Teil 505 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22. September 2019



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Sonntag, 8. September 2019

503. »Erinnerungen an vorzeitliche Besucher aus fremden Welten?«


Teil 503 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Zwei »Astronautengötter«, Val Camonica.

Stundenlang hatte ich im Val Camonica beim Weiler »Zurla« vergeblich nach einer ganz besonderen Ritzzeichnung im Fels gesucht. Vergeblich. Als es schlagartig zu regnen anfing, gab ich auf. Ich wollte den kürzesten Weg zurück zu meiner Pension im norditalienischen Capo di Ponte gehen. So stolperte ich einen steilen Hang gen Tal, rutschte, fiel hin. Der Regen wurde stärker. Ich war nass bis auf die Haut. Ich hatte Angst vor einem bösen Sturz, dessen Folgen ich mir ausmalen konnte. Mit gebrochenem Bein irgendwo fern der nächsten Straße zu liegen. So beschloss ich, mich auf einen flachen Stein zu setzen und abzuwarten, bis es wieder aufhören würde zu regnen. Da hockte ich also auf dem Boden… Und direkt neben mir war die gesuchte Ritzzeichnung »meiner Astronautengötter«. Sie glänzten geheimnisvoll, regennass und Jahrtausende alt.

Foto 3: Zwei »Götterastronauten«

Künstler der Renaissance wie Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer oder Holbein der Jüngere arbeiteten zwischen 1490 und 1540 mit Anamorphosen (1). Erst anno1657 veröffentlichte Caspar Schott (*1608; †1666) in Würzburg seine Schrift »Magia universalis naturae et artis« auf. Erstmals in Schotts Abhandlung über Magie in Natur und Kunst wird der Begriff Anamorphose erklärt. Freilich war der hochgebildete Jesuit Caspar Schott nicht der Erfinder, der Anamorphose. Schon lange vor ihm versetzte diese komplizierte Malweise Experten wie Laien in Erstaunen. Allerdings nutzte Schott wohl erstmals die Bezeichnung Anamorphose. Der Begriff Anamorphose geht auf das Altgriechische ἀναμόρφωσις (anamorphosis), zu Deutsch Umformung zurück.

Foto 4: Meine »Astronautengötter«

Man unterscheidet drei verschiedene Formen von Anamorphosen:
Dioptrische Anamorphosen müssen durch ein Prismensystem betrachtet werden, um durch Verzerrung unkenntliche Gemachte Darstellungen sichtbar werden zu lassen. Bei katroptischenAnamorphosen erscheint das entzerrte Abbild eines Gemäldes in einem speziellen Spiegel.

Bei Längsanamorphosen benötigt man weder Spiegel noch Prismensysteme. Richtig erkennt man, was Darstellungen auf einem Gemälde nur, wenn man es unter einem speziellen Blickwinkel betrachtet.

Ich verwende den Begriff der Anamorphose(n) im Übertragenen Sinn. Wenn ein schulwissenschaftlich geprägter Archäologe und ein von Dänikens Gedanken inspirierter Mensch ein und dieselbe Statue betrachten, dann werden beide ganz Unterschiedliches zu erkennen meinen, futuristisch Technisches oder folkloristisches »Primitives«. Es kommt eben auf den Standpunkt an, ob man eine Statue als »Astronauten im Raumanzug« oder als »Ballspieler« identifiziert. Weil ein Archäologe vorgeschichtliche Besuche von Außerirdischen auf unserem Planeten kategorisch ablehnt, verschließt er sich jeglicher präastronautischer Interpretation etwa von Höhlenmalereien oder uralten Statuen. Für ihn gilt: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Deshalb sieht er nur, was sein darf. Was nicht sein darf, das hat er an Schule und Universität verinnerlicht.

Foto 5: Kolosimos »Götter«
Eine solche Selbstzensur verhindert aber wirklichen wissenschaftlichen Fortschritt. Es sind häufig Laien, die vollkommen neue Ideen in die Diskussion einbringen. Laien weigern sich das »Es kann nicht sein, was nicht sein darf!« hinzunehmen. Deshalb sind sie dazu in der Lage, wirklich Neues, was bislang altbewährte und nie angezweifelte »Wahrheiten« anzuzweifeln und zu hinterfragen. Bis grundlegend Neues akzeptiert wird, wird in der Regel viel Zeit verstreichen. Und irgendwann wird das Neue akzeptiert. Vehementeste Gegner dieser neuen Ideen behaupten plötzlich, ihnen seien diese neuen Gedanken doch schon immer sehr sympathisch gewesen. Wer früher vehement das Neue abgelehnt hat, der war plötzlich schon immer dafür.

Nass bis auf die Haut saß ich da in strömendem Regen neben »meinen Astronautengöttern«. Bei meinem ersten Besuch im Val Camonica in den frühen 1970ern hatte ich vergeblich nach ihnen gesucht. Mehrfach war ich vor Ort. Ich durfte im riesigen Archiv des örtlichen Studienzentrums stöbern und versank förmlich im Zauber Jahrtausende alter Felszeichnungen. Professor Anati antwortete bereitwillig auf meine Fragen.

Der Archäologe Prof. Anati, Jahrgang 1930, gründete 1964 das »Centro Camuno di Studi Preistorici« in Capo di Ponte. Mit Recht gilt er als der Nestor der Val-Camonica-Forschung. Prof. Anati führte europaweit archäologische Ausgrabungen durch, aber auch in Israel. Aufsehen erregte der sympathische Gelehrte, als er »Mount Har Karkom« in der Negev-Wüste als den biblischen Berg Sinai identifizierte. Inzwischen hat der Vatikan offenbar Professor Anatis Forschungsergebnisse akzeptiert (3). Eine echte Fundgrube für Freunde der uralten Felszeichnungen ist das norditalienische Val Camonica.

Über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahrtausenden hinweg wurden hier hunderttausende Felszeichnungen verewigt. Es gibt geheimnisvolle »Symbole«. Oder sind es Zeichen einer unbekannten Bildersprache? Sehr naturgetreue Darstellungen von Tieren, von Männern mit Helmen und Speeren und von Häusern beweisen, dass die Künstler im Val Camonica sehr präzise naturgetreue Bilder anfertigen konnten. Da und dort tauchen riesenhaft wirkende Gestalten auf, daneben Menschen, die im Vergleich wie Zwerge wirken. Sehr groß sind Figuren, die auch von der klassischen Archäologie als Götter interpretiert werden.

Fotos 6 und 7: Gehörnter Gott, kleiner Mensch

Prof. Anati hat einige hochinteressante Werke über die Felsbilder im Val Camonica publiziert (4), aber auch über eine Vielzahl anderer Themen, wie die Ursprünge der Musik, die älteste Religion und Felskunst in aller Welt. Professor Anati musste manchmal ob meiner doch stark von den Gedanken der Präastronautik geprägten Vorstellungen schmunzeln. »Bei diesem riesenhaften Wesen mit Gehörn könnte es sich um den keltischen Gott Cernunnos handeln, der von den Kelten verehrt wurden, die immer wieder durch das Tal zogen und sich im Stein mit Ritzzeichnungen verewigten. Cernunnos war wohl ein Gott der Natur, der wilden Tiere und der Fruchtbarkeit!«

Fotos 8 und 9: Begrüßungsszene auf Stele III

Götter, so Professor Anati, wurden wohl über die Jahrtausende immer wieder in die von Gletschern glattgeschliffenen gigantischen Steinplatten geritzt oder gemeißelt. Bei einem meiner Besuche fertigte Mila de Abreu, eine Archäologiestudentin, präzise, maßstabsgerechte Zeichnungen von den Abbildungen einer steinernen Stele (Stele III) an. Was aber zeigt die Stele? Denken wir an die Kunst der Anamorphosen. Bei Längsanamorphosen kommt es auf den Standpunkt an. Je nachdem wo man steht, sieht man beim Betrachten eines Gemäldes etwas (manchmal) vollkommen anderes.

Foto 10: Rückseite von Stele III

Das gilt auch im übertragenen Sinne. Wer den Besuch von Außerirdischen vor Jahrtausenden auf Planet Erde grundsätzlich ausschließt, der sieht auf Stele III eine Gruppe von Menschen, die offenbar ein Wesen mit Strahlenkranz um den Kopf begrüßen oder bejubeln oder anbeten. Ist das ein Schamane, dessen spirituelle Kraft bildlich dargestellt werden soll? Insgesamt zwölf Menschen stehen da in drei Reihen. Sie fassen sich an den Händen. Wird hier ein uralter, längt vergessener sakraler Ritus zelebriert? Deutlich abgehoben von der Versammlung ist das Wesen mit dem runden »Heiligenschein«, der sein Haupt umschließt.

Foto 11: Regennasser »Astronaut«?
Mila de Abreu vermutete: »Das ist ein Schamane oder ein Priester. Vielleicht werden Naturgewalten angerufen und flehentlich gebeten, die Menschen zu verschonen. Vielleicht wird ein Kollege des Cernunnos angefleht, er möge reiche Jagdbeute gewähren.« Vielleicht wird aber auch uralter Mythos vom Erscheinen eines Gottes nachgestellt, meinte die junge Archäologin weiter. Ihre Interpretationen klingen vernünftig, aber sie sind Spekulationen. Wir wissen natürlich nicht, was der unbekannte Künstler im Sinn hatte. Mila de Abreu freute sich sichtlich über mein Interesse und Trug eifrig eine ganze Reihe von »Erklärungen« vor, die alle der Fantasie entsprungene Spekulationen waren.

Genauso spekulativ, wenngleich fantastischer ist eine ganz andere Erklärung: Ein Astronautengott, der aus dem Kosmos kam, wird ehrerbietig von Menschen begrüßt. Der Vertreter einer fremden Kultur eines fernen Planeten wird von den Erdenmenschen ob seiner »Macht« für einen Gott gehalten. Beide Erklärungen sind nicht beweisbar. Beide Interpretationen sind spekulativ und beide Erklärungen verdienen es, überdacht zu werden. Mein Freund seit Jugendzeiten und Autorenkollege Reinhard Habeck (*1962) hat den »Steinzeit-Astronauten« ein ganzes Buch gewidmet (5).

Foto 12: Tänzer? Jäger? Astronaut?
Der Untertitel grenzt ein: »Felsbildrätsel der Alpenwelt«. Ausführlich geht er auf die Felskunst im Val Camonica ein (6). Wiederholt war der sympathische Österreicher im Val Camonica. Immer wieder begegnete er den »Astronauti«, wie sie von den Einheimischen genannt werden. Immer wieder sah und fotografierte er geheimnisvolle Wesen, die in den Stein gemeißelt worden sind. Sie alle scheinen so etwas wie einen auf den Schultern sitzenden Helm zu tragen. Sie alle scheinen wie schwerelos zu schweben. Reinhard Habeck macht aus seinem Standpunkt keinen Hehl. Er nennt eines dieser seltsamen behelmten Wesen »Val Camonica Astronaut« (7), an anderer Stelle bezeichnet er solche Kreaturen als die »Astronauten von Foppe di Nadro« (7). Habeck lässt aber auch seinen Lesern die Wahl (8): »Traumtänzer oder Erinnerungen an vorzeitliche Besucher aus fremden Welten?«

Dem Vernehmen nach arbeitet Professor Anati, anno 1930 geboren, auch heute noch in seinem Büro seines »Centro Camuno di Studi Preistorici«. Ich erinnere mich an eine launige, bisweilen etwas hitzige Unterhaltung mit dem Vater der Val-Camonica-Forschung. Jahrzehnte sind seither verstrichen. Aber was sind Jahrzehnte im Verhältnis zu den über zehn Jahrtausenden, in denen hunderttausende Steingravuren im Val Camonica entstanden?

Achselzuckend sinnierte der sympathische Gelehrte. Niemand weiß wirklich, wenn oder was die seltsamen Helmwesen, die oftmals paarweise auftreten, darstellen sollen. Sind es Jäger mit Pfeil und Bogen oder Musikanten mit Instrumenten? Sind es Tänzer oder doch Schamanen? Reinhard Habeck (9): »Rund um Capo di Ponte konzentrieren sich figürliche Zeichnungen, die durch ihre verblüffende Ähnlichkeit mit Raumfahrern viel Anlass für hitzige Debatten liefern. Während sich im Nationalpark Naquane Musterbeispiele problemlos aufstöbern lassen, liegen die interessantesten Abbilder außerhalb markierter Wege, an steilen Felshängen, und sind überwuchert von Dornen, Moos und wildem Gestrüpp.«

Foto 13: Eine kleine Auswahl von Prof. Anatis Werken

Fußnoten
(1) Literaturempfehlung. Wirklich gut wird man über das Thema Anamorphosen informiert in Füsslin, Georg und Hentze, Ewald: »Anamorphosen. Geheime Bilderwelten«, Stuttgart 1999
(2) Anati, Prof. Emmanuel: »Mountain of God«, New York 1986
(3) https://mosesegyptianised.wordpress.com/2015/04/14/vatican-interest-in-israels-mount-sinai/ Stand 22.6.2019
(4) Anati, Prof. Emmanuel: »Evolution and Style in Camunian Rock Art: An Inquiry Into the Formation of European Civilization«, Capo di Ponte 1976 (Ausgabe des Studienzentrums)
Anati, Prof. Emmanuel: »Capo di Ponte«, zweite deutsche Ausgabe, Brescia 1981
Anati, Prof. Emmanuel: »Valcamonica Rock Art/ A new History for Europe«, Capo di Ponte 1994
(5) Habeck, Reinhard: »Steinzeit-Astronauten/ Felsbildrätsel der Alpenwelt«, Wien 2014
(6) Zum Beispiel im Kapitel »Wer waren die Cammuni?«, S. 23-S.33
(7) ebenda, S. 67
(8) ebenda, S. 73
(9) ebenda, S. 98 oben

Foto 14: Habecks Opus
Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Zwei »Astronautengötter«, Val Camonica.  Fotos Walter-Jörg Langbein.
Hinweis: Um die Einzelheiten der Ritzzeichnung deutlicher werden zu lassen, habe ich die Fotos farblich verändert.
Foto 3: Zwei »Götterastronauten«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Meine »Astronautengötter« (1979). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Kolosimos »Astronautengötter« (1968). Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7: Gehörnter Gott, kleiner Mensch. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Begrüßungsszene auf Stele III. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Rückseite von Stele III. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Regennasser »Astronaut«? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Tänzer? Jäger? Astronaut? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 13: Eine kleine Auswahl von Prof. Anatis Werken
Foto 14: Reinhard Habecks Opus »Steinzeit-Astronauten«.

504. »Die Bibel - das Buch der Bücher?«
Teil 504 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 15. September 2019


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Sonntag, 1. September 2019

502. »Die Kunst der Anamorphose und eine fantastische Realität«

Teil 502 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Kurioses Helmwesen. Fotomontage

Im 15. und 16. Jahrhundert entstanden in Europa geheimnisvolle Gemälde: Im Zeitalter der Renaissance wurden Kunstwerke geschaffen, die Dinge zeigen, welche bei normalem Betrachten gar nicht zu erkennen sind. Sie enthalten Elemente, die aus einer oft bis ins Bizarre verzerrten Welt zu stammen scheinen. Sie sind nicht als etwas real Existierendes identifizierbar. Betrachtet man sie aber in einem speziellen Spiegel, dann werden Dinge entzerrt sichtbar und sind plötzlich zu erkennen. Was mit bloßem Auge nicht als etwas Reales auszumachen ist, das wird im zylindrisch gewölbten Spiegel zu einem konkreten Gegenstand. Anamorphose nennt man Werke einer sehr speziellen Form der Malerei.

Nicht immer ist ein Hilfsmittel wie ein gewölbter Spiegel erforderlich, um Verborgenes erst wirklich erkennbar zu machen. Anamorphose Bilder zeigen dabei alles offen, und doch ist vieles nicht zu erkennen. Ein berühmtes Beispiel: Hans Holbein der Jüngere (1) verewigte anno 1533 »Die Gesandten«. Man sieht zwei offensichtlich sehr bedeutsame Herren in kostbarer Kluft, die sich ihrer Macht bewusst sind, nämlich Jean de Dinteville, französischer Botschafter am Hof von Henry VIII, und Georges de Selve, Bischof von Lavour. Im Vordergrund ist ein undefinierbares Etwas auszumachen. Betrachtet man aber das Gemälde nicht von vorn, sondern (2) »aus einem sehr flachen Winkel von rechts nach links unten«, dann verwandelt sich das formlos Verzerrte in einen Totenkopf.

Man sieht etwas, erkennt es aber nur aus einem ganz bestimmten Winkel. Mit anderen Worten: Es kommt auf den Standpunkt des Betrachters an, ob man etwas, das doch für alle sichtbar ist, auch erkennt oder nicht.

Foto 2: Hans Holbein der Jüngere: »Die Gesandten«

Wie Hans Holbein der Jüngere beherrschte auch Athanasius Kircher (*1602; †1680), ein deutscher Jesuit und Universalgelehrter des 17. Jahrhunderts, die Kunst der Anamorphose. Wikipedia erklärt (3): »Häufig wurden verbotene Motive, wie z. B. erotische Szenen, dargestellt. Zahlreiche Künstler malten Anamorphosen aus wissenschaftlichen Gründen; einige von ihnen waren gleichzeitig Mathematiker.«

Anamorphose lehrt uns, dass die Wirklichkeit oft ganz anders aussieht als es zunächst den Anschein hat. Anamorphose zeigt uns, dass es auf den richtigen Standpunkt ankommen kann, wenn wir versteckte Wirklichkeit erkennen wollen. Um den Totenschädel im Gemälde »Die Gesandten« unverzerrt sehen zu können, müssen wir einen bestimmten Standpunkt einnehmen und das Bildnis aus einem ganz bestimmten Blickwinkel betrachten. Hans Holbein der Jüngere vermittelt uns auf seine Weise, dass wir immer wieder hinterfragen müssen, ob wir denn den richtigen Standpunkt einnehmen. Stehen wir vielleicht im übertragenen Sinne auf dem falschen »Standpunkt«? Sehen wir die Wirklichkeit verzerrt? Und halten wir das Zerrbild für die einzig wahre Realität?

Foto 3: Das verzerrte Etwas
Welchen Standpunkt nehmen wir ein? Haben wir ihn selbst gefunden? Spätestens in der Schule lernt man, wie man die Realität zu sehen hat. Wer gar studiert, der wird verstärkt auf den richtigen Standpunkt eingeschworen. Wer an der Universität Karriere machen will, der wird alles dafür tun, den Standpunkt seiner Professoren als den allein richtigen zu verinnerlichen. Er wird als Assistent eines Professors weiter den Standpunkt des Professors vertreten, nur so hat man realistische Chancen, selbst den Aufstieg zum Professor zu schaffen. Auf diese Weise wird der altehrwürdige Standpunkt verteidigt, werden Zweifel unterdrückt und neue Standpunkte geradezu als Häresien verdammt.

Foto 4: Der entzerrte Schädel
Dessen ungeachtet gibt es aber immer wieder Einzelkämpfer, die aus Prinzip nicht dort stehen zu müssen meinen, wo sich die meisten vermeintlich Vernünftigen drängen. Ungeachtet des öffentlichen Drucks wird es immer Einzelkämpfer geben, die nach anderen Standorten suchen, von denen aus die Wirklichkeit ganz anders aussieht.

Besuchen wir die »Zwillingsstätten« von El Baúl und Bilbao in Guatemala. Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Da gibt es eine steinerne Stele mit einem interessanten Relief. Fundort: El Baúl, Guatemala. El Baúl befindet sich etwa vier Kilometer nördlich der Ortschaft »Santa Lucía Cotzumalguapa« im »Departamento Escuintla« in einer Höhe von etwa 550 Metern. 50 Kilometer ist es bis zur Pazifikküste. Weiträumige Zuckerrohrfelder haben den Besitzern der Finca einen gewissen Reichtum eingebracht. Schon im 19. Jahrhundert fand man steinerne Stelen in Bilbao. Dr. Habel, ein österreichischer Reisender, fertigte Zeichnungen von den interessantesten Funden an. So erfuhr das Berliner Völkerkundemuseum von den archäologischen Schätzen von Bilbao. Museumsdirektor Adolf Bastian (*1826; †1905) erschien anno 1876 vor Ort und kaufte einige der Stelen für sein Museum.

Foto 5: Autor Langbein vor der mysteriösen Stele/
Foto: Ingeborg Diekmann

Uns interessiert besonders eine Stele von El Baúl. Sie trug zunächst die nüchterne Bezeichnung »Monument Nr.27«, wurde später in »Stele 5« umbenannt. Sie ist flach, zweieinhalb Meter hoch und eineinhalb Meter breit. Bestaunen kann man sie in einem kleinen Freilichtmuseum in El Baúl, Guatemala. Im Zentrum des Reliefs steht, stolz aufgerichtet, ein menschenähnliches Wesen. Es stemmt die angewinkelten behandschuhten Hände in die Hüftgegend. In beiden Händen hält es kleine Kugeln oder Bälle. Die Füße stecken in Stiefeln. Die an Pluderhosen erinnernden Beinkleider reichen bis zu den Knien. Besonders mysteriös aber ist der Kopf.

Foto 6: Die Stele mit Helmwesen
Nüchtern stellt Wikipedia fest (4): »Die Stele Nr. 5 ist – eine Seltenheit unter den mesoamerikanischen Stelen – gerahmt und zeigt wahrscheinlich zwei Ballspieler – einer stehend mit freiem Oberkörper, das Gesicht von einer Kojotemaske bedeckt, die Hände in die Hüften gestützt und seinen Gegner anspuckend(?); der andere auf dem Rücken liegend. In den von Fäustlings-Handschuhen gepolsterten Händen halten beide Figuren Bälle. Die Hüfte der stehenden Figur ist von einem U-förmigen Jochstein (yugo) umgeben, der auf der linken Seite des Ballspielers mit Bändern verschnürt ist. Die Glyphen im linken Teil der Stele sind rund gestaltet und erinnern somit ebenfalls an Bälle; darüber reicht eine kleine Götterfigur aus einer Wolkenschlange eine Art Siegestrophäe herab, mit denen der Hals und die Brust der stehenden Figur bereits geschmückt zu sein scheint. Unterhalb der Hauptszene befindet sich eine Reihe von 6 kleineren Figuren im Schneidersitz und vor der Brust gekreuzten Armen.«

Foto 7: Helm, Schlauch, Tank auf dem Rücken

Soweit der schulwissenschaftliche Blick auf die mysteriöse Stele. Aber nimmt die Schulwissenschaft den richtigen Standpunkt ein? Das habe ich mich schon bei meinem ersten Besuch vor Ort gefragt, als ich bei fast saunartigen Verhältnissen schwitzend vor Ort das stehende Wesen betrachtete. Es schien belustigt auf mich herabzuschauen. Die zentrale Frage, die das altehrwürdige Kunstwerk aus rätselhaften Zeiten an uns richtet:  Von welchem Standpunkt aus muss man die Darstellung sehen, um sie wirklich zu sehen und zu verstehen? Verlassen wir den Standpunkt der Schulwissenschaft »Archäologie«. Betrachten wir die Darstellung von einem anderen Standpunkt aus, mit den Augen eines Menschen, der zu Beginn des dritten Jahrtausends lebt und der weiß, wie ein Astronaut im Raumanzug aussieht.

Foto 8: Guckloch im Helm
Wir nehmen einen Standpunkt ein, der von der Schulwissenschaft abgelehnt wird und erkennen eine für uns reale fantastische Wirklichkeit. Der Kopf des Wesens steckt in einem wuchtigen Helm, der bis zu den Schultern reicht. Trägt die Kreatur so etwas wie einen eng anliegenden Anzug, der in den Helm übergeht? Es wird aber noch kurioser: Bei näherem Betrachten fällt auf, dass so etwas wie ein Schlauch aus dem Helm heraus auf den Rücken führt, in so etwas wie einen Tornister oder Tank. Deutlich ist zu erkennen, dass dieser kurze Schlauch aus dem Helm heraustritt, über die Schulter geführt wird und an das Behältnis auf dem Rücken angeschlossen ist. Im Helm befindet sich so etwas wie ein Guckloch, und dahinter sieht man das Auge des Wesens, die Augenbraue, einen Teil der Stirn und den Nasenansatz.

Foto 9: Schwebeneder Gott
Einheimische scheinen das Wesen mit dem Helm für einen Gott zu halten. Sie begegnen dem steinernen Bildnis mit Ehrerbietung, ja sie bringen ihm Opfer. Sie legen Blumen und Früchte vor der Stele ab. Von ihrem Standpunkt aus betrachtet ist die Kreatur so etwas wie ein überirdisches Wesen. Welchen Standpunkt nehmen wir ein? Folgen wir der Schulwissenschaft? Glauben wir den Archäologen, dass die Stelen in der Zeit von 600 bis 1000 nach Christus entstanden? Warum tragen die Stelen (mit einer Ausnahme) von El Baúl – im Gegensatz zu Mayastelen dieser Zeitepoche – kein eingraviertes Datum? Oder sind sie älter als bislang angenommen? Und wen oder was zeigen sie wirklich? Die nicht wirklich erforschte Stätte von El Baúl wird wie die von Bilbao von der Archäologie der Zeit der Spätklassik (ca. 600 bis 1000 n. Chr.) zugerechnet. Diese beiden Zentren waren, wie Ausgrabungen zeigten, einst durch gepflasterte Straßen miteinander verbunden. Die steinernen Fundamente einer hölzernen Brücke sind teilweise noch erhalten. Sie führte über den Fluss Santiago und verband El Baúl mit El Castillo.

Wie groß die mysteriösen Stätten einst waren, wir wissen es nicht. Nur ein Teil der Areale wurde von Gräbern gründlich erkundet. Vor Ort erfuhr ich wiederholt, dass es bis zum heutigen Tag der Archäologie vollkommen unbekannte Stelen, teilweise unförmige Plastiken und bizarre Statuen geben soll, von denen nur Einheimische wissen. Einige Statuetten zeigen angeblich furchteinflößende Mischwesen, zusammengesetzt aus bekannten Tieren und unbekannten Kreaturen. Einem steinernen Haupt eines alten Mannes sollen sich die Nachkommen der Mayas nur höchst respektvoll nähern und ihm untertänigst ihre Aufwartung machen.

Es soll irgendwo versteckt zwischen Buschwerk und Zuckerrohrfeldern nur von kundigen Einheimischen zu finden sein. Der Führer eines kleinen Museums vertraute mir an: »Je nachdem, von wo aus man diese Figuren betrachtet, nehmen sie ganz unterschiedliche Formen an.«

Foto 10: Helmwesen... Gott oder Astronaut? Oder Ballspieler? Collage!


Fußnoten
(1) *1497 oder 1498 wahrscheinlich in Augsburg; †29. November 1543 in London
(2) Wikipedia, Stichwort »Anamorphose«, https://de.wikipedia.org/wiki/Anamorphose, Stand 20.06.2019
(3) ebenda
(4) Wikipedia-Artikel El Baúl (Guatemala), https://de.wikipedia.org/wiki/El_Ba%C3%BAl_%28Guatemala%29,
Stand 20.06.2019

Zu den Fotos
Foto 1: Kurioses Helmwesen. Fotomontage. Foto und Fotomontage Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Hans Holbein der Jüngere: »Die Gesandten«, Foto wikimedia commons
Foto 3: Das verzerrte Etwas im Gemälde von Holbein. Foto wikimedia commons
Foto 4: Der entzerrte Schädel im Gemälde von Holbein. Foto wikimedia commons
Foto 5: Autor Langbein vor der mysteriösen Stele/ Foto: Ingeborg Diekmann
Foto 6: Die Stele mit Helmwesen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Helm, Schlauch, Tank auf dem Rücken. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 8: Guckloch im Helm. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Schwebender Gott.  Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Helmwesen... Gott oder Astronaut? Oder Ballspieler? Collage! Foto und Fotomontage Walter-Jörg Langbein


503. »Erinnerungen an vorzeitliche Besucher aus fremden Welten?«
Teil 503 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 8. September 2019



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