Mittwoch, 20. September 2017

401 »Hape Kerkeling, falsche Bibelübersetzungen und Birkenstein«

»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 3, 
Teil  401  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Dan Brown löste mit seinem Megabestseller »Sakrileg« weltweit heiße Diskussionen aus. Sollte Jesus verheiratet gewesen sein? Vielleicht gar mit Maria Magdalena? Millionen Menschen erfuhren erstmals von uralten Überlieferungen, von der »Heiligen Hochzeit«, von der so wichtigen Rolle, die die »Göttin« einst gespielt hat. In seinem neuesten Werk - »Origin« - geht es um den »Ursprung«, um die Weisheiten, die die Vertreter der Religionen verbreiten.

Dan Brown schließt den Prolog von »Origin« mit einer Aussage, die aufhorchen lässt. Offenbar will Dan Brown wieder ein »heißes Eisen« anpacken. Sein Opus »Sakrileg« enthält mehr Wahrheit als so manchem Zeitgenossen lieb sein kann. Das habe ich in meinem Buch »Das Sakrileg und die Heiligen Frauen« nachgewiesen. Keine Frage: Bis heute wird verdrängt, dass der Ursprung der Religion die Göttin war. »Als Eva noch eine Göttin war« habe ich geschrieben, um auf diesen »Origin« hinzuweisen.

Dan Brown will wohl an seinen Megaerfolg »Sakrileg« anknüpfen. Ja offenbar will er »Sakrileg« noch übertreffen. So endet der Prolog mit einer sensationell anmutenden Ankündigung. Da erfahren wir, dass ein gewisser Kirsch eine Präsentation vorbereitet hat, die beweisen soll »dass die Lehrern sämtlicher Religionen auf Erden tatsächlich eine Gemeinsamkeit hatten. Sie alle lagen völlig falsch.«

Dan Brown wird doch nicht etwa gar auf Erich von Dänikens Spuren wandeln? Der ist auch davon überzeugt, »dass die Lehren sämtlicher Religionen auf Erden tatsächlich eine Gemeinsamkeit hatten. Sie alle lagen völlig falsch.« Nach Erich von Däniken waren »Astronautengötter« der Auslöser für alle Religionen! Man kann jedenfalls sehr gespannt sein, was Dan Brown als den »Ur-Irrtum« aller Religionen bieten wird! Ich habe natürlich den neuen Brown längst vorbestellt.

Was die »Göttinnen« angeht, liegen alle großen Religionen falsch. Welche Sensation in Sachen »Ursprung der Religionen« Dan Brown wohl zu bieten hat? Ich jedenfalls bin sehr gespannt und werde gern Professor Robert Langdon folgen…. Die kostenlose Leseprobe ist seit heute - 20. September 2017 - erhältlich. Und deshalb gibt es meinen Sonntagsbeitrag ausnahmsweise schon heute!


Foto 1: Kloster und Loreto-Kapelle Birkenstein.

Wir schreiten ein kleines Sträßchen empor, es ist eigentlich mehr ein Pfad, ein Weglein, und dann stehen wir unweit eines munter plaudernden Gebirgsbachs am Ziel unserer Reise. Das Wasser des Bachs, so heißt es, soll gut für die Augen sein. Also nehme ich meine Brille ab und benetze mein Gesicht mit dem kühlen Nass. Das ist angenehm. Ich bin zu warm angezogen, hatte mich nicht auf sonniges Wetter eingestellt. Bislang hatte es fast nur geregnet. Und meine Jacke ist ungemein praktisch mit den vielen Taschen, da finden diverse Objektive Platz für meine Nikon 800E, auch Ersatzakkus, Stifte und Notizbüchlein. Dieser murmelnde Bach, wie mag er erst auf wirkliche Pilger wirken, die nach zweitägigem Marsch müde und überanstrengt hier ankommen? Ich denke, so mancher fromme Wandersmann, erschöpft und auf schmerzenden Füßen mehr wankend als gehend, wird dankbar von dem glasklaren Wasser getrunken haben.

Es wundert mich überhaupt nicht, dass Hape Kerkelings Buch »Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg« (1) zum Bestseller wurde. Offensichtlich spüren viele Menschen unserer Zeit eine Sehnsucht nach einem anderen Leben, das nicht ausschließlich von materialistischen Zielen bestimmt wird. Ob sie es freilich lesend gefunden haben, das wage ich zu bezweifeln. Freilich mit dem Buch in der Hand in der Sofaecke lässt sich bequem »pilgern«. Tatsächlich hat sich so mancher Zeitgenosse, angeregt durch Hape Kerkeling, auch auf den Weg gemacht. An Heiligabend 2015 startete in den deutschen Kinos die Verfilmung des Buches mit Devid Striesow als Hape Kerkeling. Kurios ist, dass die Sehnsucht nach einer Welt ohne die Kälte des schnöden Kapitalismus in eben dieser Welt sehr effektiv kapitalistisch genutzt wird, um die Kassen von Buchhandlungen und Kinos klingeln zu lassen.

Foto 2: Der Freialtar von Birkenstein.

Die Atmosphäre von Birkenstein ist nicht wirklich in Worte zu fassen. Natürlich gibt es da das Offensichtliche, das Sichtbare, das Vordergründige aus Stein und Holz. Da ist zum Beispiel der Freialtar, breit und beeindruckend und doch auch wieder schlicht und bescheiden. Er wirkt überhaupt nicht protzig. Das hölzerne Gebäude könnte irgendwo im Walde stehen, vielleicht von einem Förster eingerichtet, für seine Ruhepausen bei anstrengenden Waldläufen.  Es könnte durchaus weltliche Zwecke erfüllen, dieses schlichte Haus mit der »Veranda« aus Holz. Da sind aber verschiedene christliche religiöse Symbole, am Giebel dominiert das Kreuz mit dem »Auge Gottes«.

Im Zentrum des Altars: ein Gemälde, das uns Maria mit dem Jesuskind zeigt, die Madonna von Birkenstein, schön, geradezu herrschaftlich-königlich und doch nicht dominant, sondern freundlich, freudig, den Besucher begrüßend. Zu ihr strömen seit Jahrhunderten die Pilger, ihr vertrauen sie ihre Sorgen und Nöte an, sie bitten sie um Hilfe und Beistand.

Fotos 3 und 4: Zentrales Altarbild.

Wir leben in einer seltsamen Zeit. Viele Zeitgenossen verleugnen unsere Wurzeln. Ob man nun gläubig ist oder nicht, es lässt sich nicht bestreiten, dass das Abendland ein christliches war. Auch wenn wir heute eine säkulare Gesellschaft sind, in der Religionsfreiheit herrscht: ohne das Christentum wäre die Geschichte Europas ganz anders verlaufen. Schon vor Jahrzehnten wunderte ich mich über eine in meinen Augen seltsam widersprüchliche Haltung vermeintlicher Intellektueller. Auf der einen Seite taten sie genüsslich als »dummen Aberglauben« ab, was irgendwie christlich war. Auf der anderen Seite aber bewunderten sie jede andere Kultur, so sie nur nichts Christliches an sich hatte.

Die Atmosphäre ist nicht wirklich in Worte zu fassen. Obwohl man räumlich ganz nah am Leben des 21. Jahrhunderts ist, fühlt man sich dem hektischen Trubel unserer Zeit weit entrückt. Andreas Scherm beschreibt die Situation so, wie ich sie auch empfunden habe, in seinem Buch »Unterwegs im Gestern« (2):

Foto 5: Autor Langbein vor dem Freialtar. Foto Heidi Stahl

»Wir haben das Gefühl, einen Temenos, einen geweihten Bezirk, zu betreten, dessen Viereck zur Wallfahrtskirche hin begrenzt wird von einem ausladenden Freialtar auf terrassierter Hangböschung, einen daran vorbeirauschenden Gebirgsbach und einer eigenartigen Baumkanzel, einem Weltenbaum wie der Irminsul vergleichbar, der das kosmische Dach trägt – vielleicht sogar der Baum der Erkenntnis, der über die Heilsbotschaft Erlösung verheißt?«

Die »eigenartige Baumkanzel« an einem Baumstamm, der inzwischen gekappt wurde und keinerlei Astwerk mehr aufweisen kann, lässt mich auch an den Weltenbaum denken, an die Verbindung zwischen Himmel und Unterwelt. Scherm schreibt weiter (2): »Wunderlicherweise ruhen die Birken auf Felsblöcken, wurzeln nicht wie üblich in moosigem Grund. Stein und Baum weisen seit urdenklichen Zeiten auf einen Ort geistiger Bedeutung, religiös-kultischer Funktion.«

Für mich gibt es keinen Zweifel: Der Name »Birkenstein« weist daraufhin, dass es just dort schon in vorchristlichen Zeiten eine Versammlungsstätte gab. Schon vor vielen Jahrhunderten galt die Birke als ein »Baum des Schutzes«. Die altirische Göttin Brigid war Patronin der Birke. In nordische Sagen- und Mythenwelt war die Birke der Baum der Göttin Freya und der Frigga, immerhin Gattin des Odin. Im altkeltischen Sagenland war die Birke der Baum der Göttin Brigid, Tochter des Himmelsgottes schlechthin.

Foto 6: Die Baumkanzel von Birkenstein.


Ich erinnere mich gut an einen Vortrag, den Prof. Ernst Bammel (1923-1996) in Erlangen in kleiner privater Gesellschaft hielt. Es ging um »Heilige Bäume« in der Bibel. Dem Reformator Martin Luther war eine  mächtige Göttin ein Dorn im Auge: Ascherah. Durch falsche Übersetzungen ließ er ihren Namen aus den Texten des »Alten Testaments« verschwinden. So lesen wir bei Luther im Buch Richter (3): »Und zerbrich den Altar Baals ... und haue ab den Hain, der dabei steht.« Von einem »Hain«, also einem Wäldchen ist im Original nichts zu finden. Falsch übersetzt Luther weiter: »Und baue dem Herrn, deinem Gott, ... einen Altar und opfere ein Brandopfer mit dem Holz des Hains, den du abgehauen hast.« Es sind keine Bäume gefällt und verbrannt worden.

Luther ließ durch seine »Übersetzung« eine Göttin verschwinden. In der revidierten Luther Bibel von 1912 kehrte sie wieder: »Und haue um das Ascherahbild, das dabei steht und opfere ein Brandopfer mit dem Holz des Ascherahbildes, das du abgehauen hast.«

Wie offensichtlich falsch Luthers Übersetzungen in Sachen Ascherah sind, verdeutlicht ein Vers aus den Königsbüchern (4). Bei Luther hieß es da anno 1545: »Er (Josia) ließ den Hain aus dem Hause des Herrn führen«. Mit dem Haus des Herrn war der Tempel in Jerusalem gemeint. Und aus dem Tempel soll ein Hain, also ein Wald,  entfernt worden sein? Zu keiner Zeit gab es im Zentralheiligtum der gläubigen Israeliten einen Wald. Der hebräische Originaltext lässt keinen Zweifel aufkommen: Entfernt wurde eine Ascherah-Statue!

In der aktuellen Luther-Bibel von 2017  lesen wir (5): »Und er brachte die Aschera aus dem Hause des Herrn hinaus vor Jerusalem an den Bach Kidron und verbrannte sie am Bach Kidron, zermahlte sie zu Staub und warf ihren Staub auf die Gräber des einfachen Volks.«

Foto 7: 2. Buch der Könige Kapitel 23, Vers 6

In der von mir sehr geschätzten »Piscator-Bibel« von 1684 heißt es korrekt: »Und ließ den goetzenwald aus dem hause des HERREN fuehren/ hinaus fuer Jerusalem… «

Ein zweites Beispiel für Luthers Manipulation möchte ich anführen. Wieder geht es darum, wie Luther durch falsche Übersetzung die Göttin, Simsalabim, verschwinden ließ.  In seiner Übersetzung von 1545 heißt es (6): »Auch blieb stehen der Hain zu Samaria.« In der revidierten Luther Bibel von 1912 kehrt die vom Reformator getilgte Göttin allerdings wieder zurück: »Auch blieb stehen das Ascherahbild zu Samaria.« Auch die aktuelle Luther-Bibel von 2017 lässt die Göttin weiter wirken (7): »Doch ließen sie nicht ab von der Sünde des Hauses Jerobeams, der Israel sündigen machte, sondern wandelten darin. Auch blieb die Aschera zu Samaria stehen.«

Und wieder erweist sich die »Piscator-Bibel« von 1684 als korrekt. Was Luther in seiner »Übersetzung« verschwinden lässt, bei Piscator bleibt es erhalten. Piscators Übersetzung ist nun einmal sehr viel genauer als die von Luther. Bei Piscator steht:  »Doch wichen sie nicht ab von den suenden des hauses Jerobeam … auch blib stehen der goetzenwald von Samaria.« Erst die Luther-Bibel von 2017 macht deutlich, um welchen Götzendienst es da ging. Im Tempel zu Jerusalem wurde immer wieder auch der Kult der Aschera betrieben.

Foto 8: 2. Buch Könige Kapitel 13, Vers 6


Von Bäumen als Verkörperung der Göttin im »Alten Israel« kam der Gelehrte auf »Heilige Bäume« im »europäischen Heidentum« zu sprechen. Demnach galt die Birke in nördlichen Gefilden als »Fruchtbarkeitssymbol«, als Baum der nordgermanischen Göttin Freya. Die weiße Rinde der Birke, so Prof. Bammel,  machte den Baum zum Symbol für das »Reine und Jungfräuliche«, auch für das »Fruchtbare«. Wen wundert es da, wenn in Birkenstein die »Jungfrau Maria« verehrt und angerufen wird? Ist doch Maria, Jesu Mutter, für den gläubigen Christen die Reine und Jungfräuliche!

Dort, wo später Birkenstein entstand, dort sollen schon Menschen in frühen Zeiten zusammengekommen sein, also lange bevor im 17. Jahrhundert eine christliche Kapelle errichtet wurde. Es gab angeblich schon früh Wunder, die man dann mit Maria in Verbindung brachte. Wie mir ein katholischer Theologe aus Bamberg auf meine Nachfrage versicherte, gab es schon in sehr viel früheren, wohl schon heidnischen Zeiten, just dort eine »Säule« auf einem »Stein«, die »religiöse Bedeutung« hatte. Gibt es noch Hinweise auf die »heidnische« Vergangenheit Birkensteins?

Was kaum ein Besucher von Birkenstein weiß: Die Klosterkirche hat auch eine »Unterwelt«!

Fußnoten
1) Kerkeling, Hape: »Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg«, 15. Auflage, München 2011
2) Scherm, Andreas: »Unterwegs im Gestern/ Kulturhistorische Wanderungen im Oberland und Umland von München«, unter Mitarbeit von Carl Langheiter, 4. Auflage November 2011, München November 2011, Seite 112
3) Das Buch der Richter Kapitel 6, Verse 25 und 26 in Luthers Übersetzung von 1545, hier der heutigen Rechtschreibung angepasst.
4) Das 2. Buch der Könige Kapitel 23, Vers 6 in der Übersetzung Luthers von 1545, in angepasster Rechtschreibung!
5) Das 2. Buch der Könige Kapitel 23, Vers 6, Luther-Bibel 2017
6)  Das 2. Buch Könige Kapitel 13, Vers 6, in Luthers Übersetzung von 1545, hier der heutigen Rechtschreibung angepasst.
7) Das 2. Buch Könige Kapitel 13, Vers 6, Luther-Bibel 2017


 
Foto 8: 2. Buch Könige Kapitel 13, Vers 6


Zu den Fotos
Foto 1: Kloster und Loreto-Kapelle Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Der Freialtar von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 3 und 4: Zentrales Altarbild. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Autor Langbein vor dem Freialtar. Foto Heidi Stahl
Foto 6: Die Baumkanzel von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: 2. Buch der Könige Kapitel 23, Vers 6 in der Piscator Bibel von 1684. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: 2. Buch Könige Kapitel 13, Vers 6  in der Piscator Bibel von 1684. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 9 und 10: Literatur über Birkenstein. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein


402 »Birkenstein, heilige Quellen und Muttergöttinen«,
»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 4 
Teil  402  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 01.10.2017



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 17. September 2017

400 »Vom Staffelberg nach Birkenstein«

400 »Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 2
Teil  400  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick in die Adelgundis-Kapelle, etwa 1900

»Die Wanderkirche«, so lautet eine interessante Sage zur Entstehungsgeschichte der Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg. Aufgezeichnet haben sie Elisabeth und Konrad Radunz (1): »Die Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg sollte ursprünglich an einem anderen Ort entstehen, auf dem eine Stunde nordöstlich gen Langheim zu gelegenen ›Alten Staffelberg‹. Engel sollen zur nächtlichen Zeit immer wieder das zum Bau Benötigte auf den ›Neuen Staffelberg‹ ob Staffelstein überführt haben. Die heilige Adelgundis habe dadurch ihren Willen kundgeben wollen, die ihr geweihte Kirche an der Stelle errichtet zu sehen, so sie nun steht.«

Meine Urgroßmutter mütterlicherseits, Hedwig Welsch (2), erzählte mir vor vielen Jahren eine andere Version der »Adelgundis-Legende«. Demnach sollte auf dem »Alten Staffelberg« eine Kapelle errichtet werden. Dort begann man auch mit den Bauarbeiten. Man trug Steine zusammen, schaffte Sand auf den »Alten Staffelberg« und sorgte für ausreichend Holz für ein Gerüst. Als man am nächsten Tag die Arbeiten fortsetzen wollte, staunte man nicht schlecht. Alles war verschwunden. Sollten Diebe am Werk gewesen sein? Und so war man gezwungen, wieder neu anzufangen. Doch auch in der zweiten Nacht verschwanden alle Baumaterialien.

Foto 2: Meine Urgroßeltern Hedwig und Lorenz Welsch, etwa 1957

Diebe freilich waren nicht am Werk, sondern Engel. Die himmlischen Gesellen wirkten im Auftrag der heiligen Adelgundis, die ihre Kapelle an anderer Stelle gebaut sehen wollte, nämlich auf dem Staffelberg. Engel waren es, die alles vom »Alten Staffelberg« auf den Staffelberg geschafft hatten.  Als nun die Engel merkten, dass sich die Menschen von ihrem Plan nicht abbringen ließen, griffen sie zu einer List. Sie warteten, bis der Rohbau des kleinen Gotteshauses auf dem »Alten Staffelberg« fertig gestellt war.

Foto 3: Die Adelgundiskapelle vom Staffelberg, historische Aufnahme, vor 1914

Dann schafften sie ihn in einem Stück durch die Lüfte an den heutigen Standort. Jetzt erst begriffen die Menschen, was geschehen war. Sie vollendeten den Rohbau der »Adelgundis-Kapelle« zum ansehnlichen kleinen Gotteshaus. Dabei zeigte ihnen ein Rabe, wo sie den für den Putz benötigten Sand auf dem Staffelberg finden konnten: in einer Höhle im Staffelberg, wo die Querkele, ein fleißiges Zwergenvolk, hausten. Meine Urgroßmutter war sich nicht sicher, ob die Querkele – wohl abgeleitet von Zwergchen – damals noch in der Höhle lebten. Vielleicht halfen sie den Menschen bei der Sandgewinnung, waren die rührigen Zwerge doch stets äußerst hilfsbereit.

Die Legende von der »Wanderkirche« erinnert an eine uralte Überlieferung: da geht es um den Transport der Loreto-Kapelle aus dem Heiligen Land nach Italien. Engel sollen das winzige »Wohnhaus« aus Nazareth nach Italien geschafft haben. Es heißt in der Überlieferung, dass Maria in dieser höchst bescheidenen Bleibe mit Mann Joseph und Sohn Jesus lebte.

Anno 1244, der 5. Kreuzzug war gescheitert, bangte man um die für die Christenheit höchst bedeutsame Stätte. Man befürchtete, dass das »Heilige Haus« Marias von den muslimischen Streitkräften zerstört werden würde. Also musste es in Sicherheit gebracht werden. Einer Überlieferung nach wurde es durch die Lüfte transportiert, und zwar von Engeln. Die Geschichte erinnert an die »Luftreise« der Adelgundis-Kapelle. Freilich war die zurückzulegende Wegstrecke für die Adelgundis-Kapelle deutlich kürzer.

So fantastisch die Rettung des Heiligen Hauses auch anmuten mag, das kleine, im italienischen Loreto hoch verehrte Gebäude muss einst im »Heiligen Land« gestanden haben. Das kann als gesichert gelten! Das »Heilige Haus« von Loreto stand ganz eindeutig einst im Heiligen Land, und zwar vor einer Höhle, die wohl auch als zusätzlicher Wohnraum genutzt wurde.

Fotos 4 und 5: Loreto-Kirche und Heiliges Haus. Foto/copyright Reinhard Habeck

Eine andere Loreto-Kapelle lockt auch heute noch zahlreiche Pilger nach Birkenstein. Birkenstein bei Fischbachau ist ein wirklich mystischer Ort. Die Kapelle Birkenstein, anno 1710 errichtet, ist eine maßstabsgetreue Nachbildung des »Heiligen Hauses« von Nazareth. Johann Mayr der Ältere war der Baumeister der Loreto-Kapelle von Birkenstein. Anno 1735 brach ein Brand aus, das kleine Gotteshaus wurde erheblich beschädigt. Es wurde renoviert und bekam 1760 eine neue, recht prachtvolle Ausstattung. Die Kirchweihe erfolgte erst am 5. August 1786 durch Ludwig Joseph von Welden, dem Fürstbischof von Freising.

Im Zentrum der Kapelle steht ein Gnadenbild Marias mit dem Jesuskind. 92 Engel wurden von Künstlerhand verewigt. An den Seitenwänden versammeln sich die zwölf Apostel. Büsten stellen die Verwandten Marias dar. Fast schon erdrückend wirkt die Flut von Votivtafeln aus dem späten 18. Jahrhundert. Sie wurden von Gläubigen gestiftet, die sich auf diese Weise für den himmlischen Beistand in Zeiten der Not bedanken wollten. Viele, sehr viele Gläubige waren und sind davon überzeugt, dass ihnen Maria geholfen hat, als sie in Notsituationen die »Gottesmutter« anriefen. So ist Birkenstein bis heute ein Ort lebender Marienverehrung und der Dankbarkeit.  Noch heute kommen Pilger nach Birkenstein, um gemeinsam mit einem Priester die Heilige Messe zu feiern.

Foto 6: Birkenstein um 1900.
Bei meinem Besuch der Loreto-Kapelle von Birkenstein im Mai 2017 las ein katholischer Priester eine Messe. Dicht gedrängt hatten sich zahlreiche Pilger und Einheimische in dem kleinen Gotteshaus eingefunden. Fromme Choräle erklangen, Gebete wurden gesprochen. Über den Gläubigen breitet sich  in hellen Blautönen der gemalte Nachthimmel aus. Weiße Sterne strahlen vom künstlichen Firmament. Sie formieren sich zu – wie ich meine – fiktiven Sternbildern.  Sterne bilden eine Krone, andere– deutlich zu erkennen – die Buchstaben »IHS«. IH sind griechische Großbuchstaben, gefolgt vom großen lateinischen S.

Diese »Abkürzung« steht für den Namen Jesu in griechischen Großbuchstaben  - Ι Η Σ Ο Υ Σ. 

Zu sehen ist, klar erkennbar, Maria als Himmelskönigin mit Sternenkrone. Neben der Mutter Jesu steht, ja springt munter umher, ein Einhorn. Einhorn wie Maria sind als »Sternbilder« dargestellt. Mir scheint, dass das Einhorn hin zu Maria flieht. Der Überlieferung nach konnte kein Jäger ein Einhorn zur Strecke bringen. Das Fabeltier unterwarf sich nur einer Jungfrau. Zeigt das Himmelsgewölbe in der Kapelle von Birkenstein Jungfrau Maria als Beschützerin des Einhorns? In der christlichen Kunst symbolisiert das mythologische Einhorn die »Reinheit der Jungfrau Maria«.

Freilich ist das Symbol Einhorn älter als das Christentum. Für die Römer stand es für keine Geringere als die Mondgöttin Diana. Diana war aber auch die Göttin der Jagd und der Geburt. Sie wurde als Beschützerin der Frauen und Mädchen verehrt. Sie gehörte zur Crème de la Crème des griechischen Götterhimmels, zu den zwölf wichtigsten Gottheiten. Auf der anderen Seite Marias spielen fischartige Wesen. Sollten das vielleicht Delphine sein, denen nachgesagt wurde, seebrüchige Matrosen ans Rettende Ufer zu schaffen? Immer wieder stellt sich die Frage: Wieso finden sich immer wieder Darstellungen aus heidnischen Mythen in christlichen Kirchen?

Foto 7: »IHS«, Rom, um 1650.

Im Kloster Corvey sah ich Darstellungen, künstlerisch unterschiedlich ausgearbeitet, thematisch aber durchaus verwandt. Allerdings sind die deutlich älteren Malereien von Corvey im Lauf der Jahrhunderte weitestgehend verblasst und mussten mühsam und schonend »rekonstruiert« werden. Dabei verzichtete man bewusst darauf, fehlende Partien zu ergänzen. In Corvey ist mehr zu erahnen als wirklich zu erkennen. Da steht zum Beispiel auf dem Schwanz einer mythologischen Bestie eine hünenhafte Gestalt. Sie ist mit einem Lendenschurz bekleidet, mit Schild und Speer bewaffnet. Der wackere Kämpfer, der es mit dem furchteinflößenden Monster aufnimmt, könnte Odysseus sein. Was aber hat »Odysseus versus Monster« in einem christlichen Gotteshaus zu suchen?

Um heidnische Mythologie in christlichen Gotteshäusern zu erklären, bringen Theologen gern ein hilfreiches Zauberwort ins Spiel, nämlich die Allegorie. Das klingt dann auch so schön wissenschaftlich.  Der Begriff » Allegorie« geht auf das altgriechische »allegoria«, zu Deutsch »verschleierte Sprache«, zurück.

Interpretiert man ein Bild allegorisch, dann bedeutet es etwas ganz anderes als es auf den ersten Blick darzustellen scheint.  Man kann auf diese Weise auch Bilder, die in vorchristlichen Zeiten erschaffen wurden, durchaus christlich interpretieren.

Ja man kann letztlich jede Darstellung nach eigenem Gutdünken verstehen. Warum aber hat man Christliches scheinbar »heidnisch« dargestellt? Warum griff man auf Mythologisches zurück? Warum hat man nicht christliche »Originale« geschaffen? Und wer sollte die Aussagen solcher Bilder verstehen?

Die mythologischen Malereien unter der Westempore des Johanneschores im Westwerk von Corvey sind etwa1200 Jahre alt, die an der Decke der Loreto-Kapelle von Birkenstein sind deutlich jünger. Sie entstanden rund 900 Jahre später.

Aus dem mythologisch-heidnischen Kampf des Odysseus gegen ein monströses Fabelwesen wird so der »Heiligen Georg« versus »Satan« oder Jesus als Sieger über das Böse. Am Himmel von Birken stein hebt ein Krieger sein Schwert zum Schlag gegen einen mächtigen Riesenvogel mit beeindruckenden, weit ausgebreiteten Flügeln.

Fotos 8 und 9: Kloster Corvey, Odysseus im Kampf mit Monstern

Legenden und Sagen – wie die von der Adelgundis-Kapelle vom Staffelberg oder jene vom »Heiligen Haus« Mariens – sind wie Nachrichten aus einer fremden Welt. Sie enthalten gewiss Fantasie, aber auch Fakten. Legenden und Sagen – sie gehören zum Erbe, das uns unsere Vorfahren hinterlassen haben. Wir sollten es schätzen und schützen! Was über Jahrhunderte hinweg mündlich überliefert wurde, darf nicht in Vergessenheit geraten.

Fußnoten
1) Radunz, Elisabeth und Konrad: »Sagen und Legenden des Lichtenfelser
     Landes«, Lichtenfels 1996, S. 63
2) Nach der Erzählung meiner Urgroßmutter Hedwig Welsch, geborene Engel,  
    aufgezeichnet. Sie verstarb am 9.12.1971 im Alter von 90 Jahren. Mein 
    Urgroßvater Lorenz Welsch verstarb bereits m 10.06.1958 im Alter von 79  
    Jahren.

Weiterführende Literatur »Oberfranken«
Abels, Björn-Uwe: Selten und schön/ Archäologische Kostbarkeiten aus der
     Vor- und Frühgeschichte Oberfrankens, Lichtenfels 2007
Dippold, Günter: Kloster Banz/ Natur, Kultur, Architektur, Staffelstein 1991
Lutz, Dominik: Basilika Vierzehnheiligen/ Symphonie in Licht und Farbe, 3.
     Auflage, Staffelstein 1990


Sehr empfehlenswerte Lektüre »Bayern«
Foto 10: Birkenstein um 1903.
Fenzl, Fritz: Wunder in Bayern/ Orte der Kraft und Quellen der Heilung,
     Waldkirchen, 2. Auflage 2004
Fenzl, Fritz: Wunderwege in Bayern/ Magische Stätten und Überlebenspfade,
     München 2002
Fenzl, Fritz: Keltenkulte in Bayern/ Spurensuche an Kraftorten, München 2003
Fenzl, Fritz: Orte der Liebe in Bayern, München 2006
Fenzl, Fritz: Magische Kirchen in München/ Dreiecks-Wege zum Geheimnis/
     Gute und böse Orte, München 2006
Fenzl, Fritz: Magische Wege und Orte in Bayern, München 2007
Fenzl, Fritz: Heilige in Bayern – Himmlische Lebenshilfe, München 2008
Fenzl, Fritz: Heilige Orte in Bayern, München 2008
Fenzl, Fritz: Der Teufelstritt/ Magische Geschichten und Rundgänge zu
     Sagenorten in München, München, Neuauflage 2008
Fenzl, Fritz: Höllensturz/ Magie und Mythos in Bayern, Rosenheim 2009
Fenzl, Fritz: Sagen und Mythen aus Bayern, München 2009

Fenzl, Fritz: Magische Kraftorte in Bayern, Rosenheim 2014



Zu den Fotos
Foto 1: Blick in die Adelgundis-Kapelle, etwa 1900 . Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Urgroßeltern Hedwig und Lorenz Welsch. Foto vermutlich Walter Langbein sen.
Foto 3: Die Adelgundiskapelle vom Staffelberg, historische Aufnahme, vor 1914.  Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Loreto-Kirche und Heiliges Haus. Foto/copyright Reinhard Habeck
Foto 6: Birkenstein um 1900. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: »IHS«, Rom, um 1650. Foto wikimedia commons
Fotos 8 und 9: Kloster Corvey, Odysseus im Kampf mit Monstern. Original und Nachzeichnung. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Birkenstein um 1903. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


401 »Hape Kerkeling, falsche Bibelübersetzungen und Birkenstein«,»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 3 
Teil  401  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 24.09.2017



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Hier weiterlesen

Related Posts with Thumbnails

Labels

Walter-Jörg Langbein (479) Ursula Prem (275) Freitagskolumne (155) Sylvia B. (96) Osterinsel (52) Tuna von Blumenstein (36) Gerhard Strate (33) Peru (33) g.c.roth (32) Für Sie gelesen (23) Karl May (23) Maria Magdalena (20) Rezension (18) Karl der Große (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Jesus (16) Externsteine (15) Apokalypse (14) Bibel (14) Der Tote im Zwillbrocker Venn (12) Atlantis der Südsee (11) Krimi (11) Make Make (11) Pyramiden (11) Weseke (11) Blauregenmord (10) Forentroll (10) Hans Schindler-Bellamy (10) Nasca (10) Palenque (10) Mexico (9) National Geographic (9) Ägypten (9) Lügde (8) Thriller (8) Briefe an Lieschen (7) Der hässliche Zwilling (7) Kinderbuch (7) Märchen (7) Nan Madol (7) Tempel der Inschriften (7) Malta (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Satire (6) Sphinx (6) Winnetou (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) John Frum (5) Lyrik (5) Vorsicht Liebensgefahr (5) meniere desaster (5) ABC Walpurgisnacht (4) Atacama Wüste (4) Bildungssystem (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Europa (4) Grundschule (4) Kinderkrimi (4) Machu Picchu (4) Menschenrechte (4) Mexico City (4) Schule (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Alphabet (3) Goethe (3) Hathor (3) Hexen (3) Javier Cabrera Darquea (3) Leonardo da Vinci (3) Meniere (3) Monstermauern (3) Mysterien (3) Ruth Westheimer (3) Straße der Toten (3) Bestatten mein Name ist Tod (2) Bevor die Sintflut kam (2) Bildungspolitik (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Mondpyramide (2) Sacsayhuaman (2) Sakrileg (2) Shakespeare (2) Vimanas (2) Vincent van Gogh (2) Vorlesebuch (2) Walpurgisnacht-Reihe (2) einmaleins lernen (2) forensische Psychiatrie (2) Österreich (2) Interview Markus Lanz (1)