Sonntag, 17. März 2019

478 »In der Menschenfresserhöhle«

Teil 478 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Mysterium Osterinsel. Collage
»An vielen Orten ist es möglich, im Lichte großer Monumente die Vergangenheit zu rekonstruieren.«, schrieb die große Pionierin der Osterinselforschung Katherine Maria Routledge (*1866; †1935) in ihrem Buch »The Mystery of  Easter Island« (1). Ihr Buch über das Mysterium der Osterinsel erschien 1919. Es wurde rasch zum Bestseller. Katherine Maria Routledge, britische Ethnologin und Historikerin, ließ als erste archäologische Ausgrabungen durchführen und mündlich überlieferte Sagen der Osterinsulaner aufzeichnen.

Was Katherine Routledge offenbar erkannte: Auf der Osterinsel gibt es mehr zu erahnen als zu sehen, mehr zu erspüren als man fotografieren kann. Oft weiß die nachdenkliche Fantasie mehr als die strenge Wissenschaft. Natürlich ist solide Wissenschaft unglaublich wichtig. Ihr verdanken wir so viele Erkenntnisse über die mysteriöse Osterinsel und ihre Geheimnisse. Es gibt aber auch auf dem Südseeeiland mehr als man messen und wiegen kann.

Heute kann die Osterinsel von Deutschland aus in weniger als 24 Stunden erreichen. Die rund 14.000 Flugkilometer absolviert man im Direktflug mit Lan Chile Airlines via Santiago de Chile (je nach Startflughafen) in 17 bis 18 Stunden. Vor einem Jahrhundert war eine Reise zur Osterinsel ein gefährliches Abenteuer. Katherine Maria Routledge (*1866; †1935) und ihr Ehemann William Scoresby Routledge (*1859; †1939) hatten es  viel schwerer als heutige Reisende. Für ihre Expedition zur einsamsten Insel der Welt arbeiteten sie bis ins Detail die Baupläne für ihr Schiff aus. Erfahrene Schiffbauer setzten alle Wünsche der Eheleute millimetergenau um. Es entstand ein 27 Meter langer Schoner. Die Routledges ließen ihn auf den Namen »Mana« (zu Deutsch: magische Kraft) taufen und stachen am 25. März 1913 in See und erreichten die Osterinsel nach einer strapaziösen echten Weltreise am 29. März 1914. Am 18. August 1915 traten die begeisterten Forscher die Rückreise an. Über Pitcairn und San Francisco ging es wieder zurück in die Heimat. Katherine Routledge hat nicht nur gegraben und analysiert, sie hat nicht nur geforscht, sie hat auch gefühlt. So schreibt sie (2):

Foto 2: Zeichnung Grete C Söcker
»Auf der Osterinsel ist die Vergangenheit gegenwärtig, es ist unmöglich, ihr zu entkommen. Die Bewohner von heute sind weniger wirklich als die Menschen die längst gegangen sind. Die Schatten er dahingegangenen Erbauer besitzen heute immer noch das Land.«

So manches Mal habe ich es vor Ort erlebt, dass »Besucher« der Osterinsel in Bild und Film beweisen wollen, dass sie tatsächlich die Statuen der Osterinsel besucht haben. Es war ihnen nicht so wichtig vor Ort zu sein. Wichtiger war es ihnen jenen, die zuhause geblieben waren, zu beweisen, dass sie tatsächlich vor Ort echte Osterinselriesen gesehen hatten.

Im Sauseschritt wird möglichst viel in möglichst kurzer Zeit absolviert. Der Steinbruch, der die Statuen »gebar«, bis zum Hals im Erdreich »versunkene« Statuen, Statuen auf Podesten, das Zeremonialdorf an der Steilen Klippe und Felsgravuren, und wenn die Zeit noch reicht, auch der Steinbruch der roten »Steinhüte« und vielleicht gar das örtliche Museum … All‘ das wird pflichtschuldigst abgehakt und schon ist das Osterinselprogramm erledigt. Am Hotelpool wird dann noch ein Packen Ansichtskarten abgearbeitet und schon freut man sich auf den Rückflug nach Santiago de Chile. Man hat ja alles gesehen. Hat man?

Wer heute den einstigen Steinbruch für die Kolossalfiguren besucht und einfach nur dort ist, der fühlt sich in eine weit zurückliegende Zeit versetzt. Es ist, als hätten die Steinmetze gerade eben ihre Arbeit unterbrochen, ihre Werkzeuge fallen gelassen. Nur: Wer hat sie weggeräumt? Da warten fast fertige Kolosse darauf, endlich vollendet zu werden. Sie liegen wie eigenartig geformte Schiffe im Steinbruch, wie mit einem schmalen steinernen Schiffsbug noch noch mit dem Fels verwachsen. Kundige Künstler haben sie fast vollständig aus dem Tuff des Vulkans geschlagen. Es sieht so aus, als habe man sie mit spielerischer Leichtigkeit aus dem Leib des Vulkans geschabt, nicht gemeißelt.

Foto 3: Autor Langbein im Steinbruch

Hat man erst die Silhouette einer Figur in den Tuff geritzt, sozusagen vorgezeichnet? Hat man dann zunächst oberhalb der auf diese Weise nach und nach entstehenden Figur den Stein herausgeschnitten, dann die Rückseite vom Fels getrennt und schließlich unter der Figur den Stein heraus gemeißelt? Nun scheint sie fast zu schweben. Sie ist nur noch mit einem schmalen »Schiffsbug« aus Stein mit dem Vulkangestein verbunden. Man muss die Figur »nur noch« am Rumpf abschlagen, schon ist sie fertig.

Bleiben wir noch einen Moment beim gewaltigen Steinbruch im »Ranu Raraku«-Krater. Katherine Routledge hat recht! Bei meinen Aufenthalten im Steinbruch fühlte ich mich von den längst verschwundenen Inselbewohnern geduldet. Hier scheint die Zeit seit Ewigkeiten stehen geblieben zu sein. War nicht eben noch das Schlagen und Hämmern der Steinmetze zu hören. Haben die Baumeister nicht eben auf ein Zeichen hin die Arbeit unterbrochen? Sitzen sie jetzt irgendwo und nehmen eine kräftige Mahlzeit zu sich? Essen sie schweigend oder beim Gesang uralter Lieder, die die Sagen von Make Make, Priester Hau Maka und König Hotu Matua erzählen?

Foto 4: Ein Riese und zwei »Zwerge«

Nicht nur die Riesenhaftigkeit der Steinkolosse lässt staunen, auch ihre Vielzahl verblüfft. In Zahlen: In unmittelbarer Nähe der »Statuenfabrik« warten seit Jahrhunderten 395 steinerne Kolosse, in allen Entwicklungsstadien. Da gibt es eben angefangene Figuren, andere sind fast fertig und wieder andere sind vollendet. Es sieht so aus, als habe hier ein kleines Heer an Handwerkern und Künstlern in Serie die rätselhaften Steindenkmäler fabriziert. Die fertigen Riesen haben alle den gleichen, leicht arrogant-blasierten Gesichtsausdruck. Sie scheinen sich köstlich darüber zu amüsieren, dass sie uns immer noch rätselhaft erscheinen.

Weite Flächen der Osterinsel sind förmlich übersät mit schwarzen Brocken. Viele sind nur faustgroß, andere ähneln vom Format Fußbällen und wieder andere sind wesentlich größer. Es handelt sich um Lavabrocken, die von Vulkanen wie Rano Kao (im Südwesten gelegen), Maunga Puakatiki (im Osten) und Maunga Terevaka (im Norden) ausgespuckt wurden. Die Osterinsel ist nicht ein kleines Stück Land mit Vulkanen. Sie ist in ihrer Gesamtheit vulkanisch. Sie verdankt ihre Existenz unterseeischen Vulkanausbrüchen in etwa dreitausend Metern Tiefe.

Foto 5: In der Menschenfresserhöhle
Als Kind habe ich begeistert Jule Vernes‘ »Die Reise zum Mittelpunkt der Erde« gelesen. Wie sehr ich doch Vernes Hauptfigur Otto Lidenbrock beneidete. Wie der Hamburger Professor wollte ich auch in die unterirdischen Abgründe der Erde steigen und gewaltige Tunnelsystem erforschen. Vernes Roman erschien erstmals anno 1864 unter dem Titel » Voyage au centre de la terre« in Frankreich, eine erste Übersetzung ins Deutsche folgte 1873.

Bei meiner ersten Osterinselreise erlebte ich ein wenig Höhlenkriecherei kennen, wenngleich es natürlich auf der Osterinsel keinen Einstieg in die Unterwelt gibt. Eine »Reise zum Mittelpunkt der Erde« ist schon gar nicht möglich. Und die bei Verne tief unter der Erdoberfläche hausenden Saurier habe ich natürlich gar nicht erwartet.

Einige der von mir besuchten Osterinsel-Höhlen machten ein schlangenartiges Kriechen erforderlich, andere wiederum waren recht geräumig, wie etwa die berüchtigte Menschenfresserhöhle. Die größeren unterirdischen Höhlen erinnerten mich noch am ehesten an Vernes‘ Roman. Da gab es seltsame Felsmalereien, zum Beispiel vom Fabelwesen aus dem Vogelmensch-Kult. Als ich allein vor Ort war, da legte ich mich auf den felsigen Boden der Menschenfresserhöhle und ließ das ganz besondere »Ambiente« auf mich wirken. An keiner anderen Stelle des mythenumrankten Eilands erschienen mir die vor vielen Jahrhunderten verstorbenen Erbauer der Osterinselkolosse so präsent wie hier.

Wie schrieb doch Katherine Routledge, ich zitiere erneut (2): »Auf der Osterinsel ist die Vergangenheit gegenwärtig, es ist unmöglich, ihr zu entkommen. Die Bewohner von heute sind weniger wirklich als die Menschen die längst gegangen sind. Die Schatten er dahingegangenen Erbauer besitzen heute immer noch das Land.« In der realen Welt von heute gibt es handfeste Streitigkeiten auf der Osterinsel: Die einen wollen sich ganz unabhängig vom »Mutterland« Chile machen.

Foto 6: In der Höhle der Kanibalen
Die anderen hoffen auf anwachsende Ströme von Touristen, die aufs Eiland kommen. Ihnen soll Folklore à la Weltausstellung geboten werden, in einem eigens für Touristen gebauten »Eingeborenendorf«. Die anderen bangen um die uralte Kultur, die dem Kommerz nicht geopfert werden dürfe. Sie fordern eine strikte Begrenzung der Zahl der Fremden, die auf die Insel kommen dürfen. Anstatt Geld mit kitschiger Pseudo-Folklore zu machen möge man sich der eigenen Wurzeln besinnen, die Rapa-Nui-Sprache und die alten Gesänge pflegen.

In der Menschenfresserhöhle war mir überhaupt nicht unheimlich. Es krochen ja auch keine Monsterwesen umher wie jene, die in einschlägigen Horrorfilmen wie »Descent« (3) Angst und Schrecken verbreiten. Die angenehme Temperatur, die irgendwie anheimelnde Stille, die Geborgenheit, all das ließ mich ein wenig verstehen, dass die Menschen vor Jahrtausenden in der »Unterwelt« der »Mutter Erde« huldigten. Bis heute wurde das Phänomen der weltweit angelegten unterirdischen »Welten« nicht wirklich als ein Ländergrenzen überschreitendes, weltweit auftretendes Rätsel studiert. Es gibt sie, diese uralten unterirdischen Anlagen:  von den Erdställen in unseren Gefilden (4) bis zu den unterirdischen Städten in der Commagene (Türkei) und den unterirdischen Tunneln unter den Tempelanlagen von Chavin de Huantar im Norden Perus.


Foto 7: Unterschrift Katherine Routledge


Fußnoten
(1) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«,
1919, Nachdruck Kempton 1998, Zitat Seite 165, Zeilen 5
und 6 von oben. Übersetzung aus dem Englischen:
Walter-Jörg Langbein.
(2) ebenda, Zeilen 6-9, Übersetzung aus dem Englischen:
Walter-Jörg Langbein.
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/The_Descent_%E2%80%93_Abgrund_des_Grauens (Stand 25.01.2019)
(4) 1. Erdställe
Ahlborn, Dieter: »Geheimnisvolle Unterwelt/ Das Rätsel der Erdställe in  
Bayern«, Aying 2010
Kusch, Heinrich und Ingrid: »Tore zur Unterwelt/ Das Geheimnis der
unterirdischen Gänge aus uralter Zeit«, Graz 2009
Kusch, Heinrich und Ingrid: »Versiegelte Unterwelt/ Das Geheimnis der
Jahrtausende alten Gänge«, Graz 2014
2. Commagene
Demir, Ömer: »Kapadokien/ Wege der Geschichte«, Derinkuyu, 2. Auflage 1986
Demir, Ömer: »Cappadokien: Wiege der Geschichte«, erweiterte 3. Auflage, Ankara 1988
Lamec, Jeofrey: »Göreme«, Istanbul 2010
3. Chavin de Huantar
Burger, Richard L.: »Chavin and the origins of andean civilization«, London 1992
Fux, Peter (Hrsg.): »Chavín: Perus geheimnisvoller Anden-Tempel«,Zürich 2012
Miranda-Luizaga, Jorge: »Das Sonnentor/ Vom Überleben der archaischen Andenkultur«, München 1985

Foto 8: Expeditionsschiff »Mana« der Routledge-Expedition
Zu den Fotos
Foto 1: Mysterium Osterinsel. Ein Osterinselriese. Foto/Spigelung, Collage Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Zeichnung Grete C Söcker
Foto 3: Autor Langbein im Steinbruch. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Ein Riese und zwei »Zwerge«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: In der Menschenfresserhöhle. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: In der Höhle der Kannibalen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Unterschrift K. Routledge
Foto 8: Expeditionsschiff »Mana« der Routledge-Expedition zur Osterinsel. Foto Archiv Langbein




479 »Statuen, Sterne und Planeten«,
Teil 479 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 24. März 2019


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Sonntag, 10. März 2019

477 »Die Erde ist ertrunken – Ku emu a«

Teil 477 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Sieben Kundschafter fanden den Weg zur Osterinsel

Sieben Kundschafter, so ist überliefert, fanden einst den Weg zur rettenden Osterinsel. In einer anderen alten Sage der Osterinsel wird der kühne Versuch von sechs Männern beschrieben, den heiligen Moai »Tauto« zu retten und aus der im Meer versinkenden Heimat zur neuen Heimat zu schaffen (1). Die sechs mutigen Seeleute sahen sich am Ziel ihrer weiten Reise angekommen in einer höchst gefährlichen Situation. Würden sie selbst beim Versuch den vergessenen Moai Tauto zu bergen ums Leben kommen?

Das Meer verschlang nach und nach die alte Heimat, die sechs Männer (2) »beeilten … sich noch mehr um ihr Werk zu beenden und möglichst schnell nach Anakena (eine Bucht der Osterinsel) zurückzukehren, und die Ratschläge Hotu Matuas vergessend, ließen sie nicht die nötige Vorsicht walten. Als sie den Moai zum Boot hinuntertragen wollten, da entglitt er ihnen und zerbrach: der Kopf war vom Rumpfe getrennt.«

Foto 2: Die alte Heimat versank im Meer...

Der schon legendäre Erforscher der Osterinsel Thor Heyerdahl (*1914; †2002) war vorübergehend im Besitz der Originale von schriftlichen Aufzeichnungen, die von eingeweihten Osterinsulanern niedergelegt worden waren. Diese Manuskripte wurden strikt geheim gehalten. Selbst in der Bevölkerung der Osterinsel bekam sie so gut wie niemand zu lesen. Eine ganze Reihe von »Heften« soll auf den legendären »Dorfkapitän« Esteban Atan zurückgehen. Als Thor Heyerdahl 1955 und 1956 auf der Osterinsel intensiv Ausgrabungen durchführte, kam er vorübergehend in den Besitz der mysteriösen Notizen. Er durfte sie aber nicht behalten, sondern musste sie wieder zurückgeben. Im Jahr 1963 durfte der französische Osterinselforscher Francis Mazière ebenfalls geheime Aufzeichnungen über die Geschichte der Osterinsel studieren. Auch er erhielt die Dokumente nur leihweise. Heyerdahl fertigte Kopien an.

Die russischen Gelehrten Prof. Dr. Fjodor Petrowitsch Krendeljow und Dr. phil. Aleksandr Michailowitsch Kondratow zitierten erstmals 1980 explosives Material aus den geheimen Unterlagen, die Jahrzehnte zuvor Heyerdahl zur Verfügung gestanden hatten, in  ihrem Buch »Die Geheimnisse der Osterinsel«. Eine Übersetzung ins Deutsche erschien 1987 in Moskau und Leipzig. Die zweite Auflage mit dem brisanten Material erschien bereits 1990 (3). Was das Buch so spannend macht das sind uralte, kaum bekannte  Überlieferungen der Osterinsel, in denen ganz eindeutig von einem Atlantis der Südsee gesprochen wird. Da heißt es zum Beispiel (4):

Foto 3: Tautos Kopf brach vom Rumpf
»Der Jüngling Tea Waka sagte: ›Unsere Erde war früher ein großes Land, ein sehr großes Land.‹ Kuukuu fragte ihn: ›Aber warum wurde das Land klein?‹ Tea Waka antwortete: ›Uwoke senkte seinen Stab darauf. Er senkte seinen Stab auf die Gegend Ohio.‹«

Nach der mythischen Tradition der Südsee gab es einst ein großes Königreich in der Südsee. Uwoke, ein mächtiger Gott des Erdbebens berührte mit einem »Stab« das Land. Große Teile davon versanken. Übrig blieb, so wissen es die alten Überlieferungen, die Osterinsel. Weiter heißt es in Heyerdahls Kopien, zitiert bei Krendeljow und Kondratow: »Es erhoben sich Wellen, und das Land ward klein. Der Stab Uwokes zerbrach am Berg Puku-puhipuhi. Von nun an wurde es Te-Pito-o-te-Henua, der Nabel der Erde genannt.«

In einer anderen Überlieferung, ebenfalls in den Aufzeichnungen Thor Heyerdahls vor dem Vergessen bewahrt, heißt es: »Kuukuu sagte zu ihm: ›Früher war diese Erde groß.‹ Der Freund Tea Waka sagte: ›Diese Gegend nennt sich Ko-te-To-monga-o-Tea-Waka.‹ Ariki Hotu Matua fragte: ›Warum versank das Land?‹ ›Uwoke machte das; er versenkte das Land‹ antwortete Tea Waka. ›Von nun an wurde das Land Te-Pito-o-te-Henua genannt.« Te-Pito-o-te-Henua bedeutet »Nabel der Welt«.

Was erzählen uns diese mysteriösen Überlieferungen? Sie berichten davon, dass in der Südsee einst auf der einen Seite Landmassen unter Wasser gedrückt und dass auf der anderen Seite Landmassen über den Meeresspiegel angehoben wurden. Mit anderen Worten: Die Urheimat der Osterinsulaner verschwand in den Tiefen des Pazifiks, die neue Heimat, heute als Osterinsel bekannt, erschien über den Wogen des Meeres.

Zurück zur Sagenwelt der Osterinsel. Der heilige Moai wurde Opfer einer gewaltigen Naturkatastrophe, die offenbar weite Teile des Pazifiks heimsuchte. Der Osterinsulaner Jose Fati erzählte Fritz Felbermayer die Ereignisse in Sachen »Der Moai Tauto« (5). In der Sage heißt es konkret (6): »Als dies geschah, da bedeckte sich der Himmel mit schwarzen Wolken, Sturm kam auf, Blitze erhellten jäh den Raum, und strömender Regen rauschte hernieder von Maori (7) bis Te Pito O Te Henua (8).« Es gab also eine Naturkatastrophe vom versinkenden Maori bis zur Osterinsel, das heißt es waren weite Teile des Pazifiks betroffen! Als Maori Nui Nui, die Urheimat der Osterinsulaner, nach und nach von stürmischen Wogen überflutet wurde, da tobten Stürme gegen die kleine Osterinsel. Jose Fati erzählte Dr. Fritz Felbermayer die Sage »Der Moai Tauto«. Da heißt es (9): »Als Hotu Matua dies in seinem neuen Lande (Osterinsel) sah, da beschlich ihn  die Ahnung dessen, was geschehen war.«

Foto 4: Tautos Rumpf blieb zurück

Die Rettungsaktion für die vergessene Statue Tauto wird offensichtlich auch in anderen Sagen der Osterinsel überliefert (10). So wie heute so manche Steinstatue der Osterinsel direkt am Strand von den Unbilden der Naturgewalten bedroht ist, so konnte die verehrte Statue Tauto jeden Moment ein Opfer der brachialen Wellen werden (11): »Sie (die Retter) erreichten endlich die Küste von  Marea Renga, wo sie die vergessene Staue von Tauto vorfanden, die immer noch am Rande von Marae-toe-hau (12) stand, just wie von  Hotu Matua beschrieben. Als sie sie gerade von dort entfernten, da schlug der Gott der Erdbeben zu und stürzte große Landstriche ins Meer.«

Der Osterinsulaner Arturo Teao wusste aus der Sagenwelt der Osterinsel zu berichten (13), dass »Wellen über das Land (Urheimat der Osterinsulaner) hereinbrachen, der Wind tobte, Regen  strömte, Donner brüllte, Meteoriten auf das Land stürzten.« Kurz gesagt, es herrschten geradezu apokalyptische Verhältnisse.

Die Statue Tauto entglitt den mutigen Rettern, stürzte krachend zu Boden und zerbrach. Die Männer drohten in den Fluten umzukommen. Höchste Eile war geboten.  Sie flohen in Panik, schleppten nur den Kopf von Tauto in ihr Boot. Körper, Arme und Beine mussten sie zurücklassen.

Kurios ist, dass die Statue Tauto auch über Beine verfügte, im Gegensatz zu den Kolossen der Osterinsel! Fast 1.000 Statuen der Osterinsel sind bekannt. Sie werden aber immer wieder wie vor über einem Jahrhundert in den Medien als »Steinköpfe« bezeichnet (14). Tatsächlich ragen besonders in unmittelbarer Nähe des Steinburchs steinerne Häupter aus dem Erdreich. Aber seit über einem Jahrhundert weiß man, dass auch diese »Steinköpfe« über einen Rumpf und Arme verfügen, aber nicht über Beine. Geradezu lächerlich wird es dann, wenn gemeldet wird (15):

Foto 5: Nur eine Statue hat auch Beine
»Es ist eine der größten archäologischen Entdeckungen des Jahres 2012. Ein privates Team aus Forschern und Archäologen nimmt derzeit eine spektakuläre Ausgrabung, im Rahmen des Easter Island Statue Project, an den bekannten Köpfen der Osterinsel vor, welche zum UNESCO Weltkulturerbe gehören. Anlass dazu gaben einige Moais, wie man die Figuren nennt, im Inselinneren. Hier finden sich mehrere Moai-Statuen, die nicht nur aus einem Kopf bestehen, sondern einen kompletten Körper besitzen. Diese vollständigen Statuen findet man zum einen auf Steinplatten in alten Tempelanlagen und zum anderen in alten Werkstätten der Insel.«

Man muss sich die Worte auf der Zunge zergehen lassen: »Hier finden sich mehrere Moai-Statuen, die nicht nur aus einem Kopf bestehen, sondern einen kompletten Körper besitzen.« Was für ein Unsinn! Einen kompletten Körper hat nur eine einzige Statue. Nur aus einem Kopf besteht keine einzige Statue. An der Meldung ist nichts sensationell, nur alles falsch. Bis heute ist eine einzige Statue bekannt, die einen kompletten Körper, Beine inklusive, hat. Diese kuriose Figur scheint zu knien, auf den Unterschenkeln zu hocken.

Wie mag die Statue Tauto ausgesehen haben, von der nur der Kopf auf die Osterinsel geschafft wurde? Wo mag sich das steinerne Haupt heute befinden. Zu Beginn des dritten Jahrtausends sind Teile der Osterinsel vom Untergang bedroht. Statuen an der Küste könnten bei wachsendem Meeresspiegel unterspült werden und umstürzen. Ist dafür der Mensch verantwortlich?
Vor Jahrhunderten hatte König Hotu Matua eine Vision. Was aber sah er? Den Untergang des »Atlantis der Südsee«? Oder blickte er in eine fernere Zukunft, als er klagend ausrief (16) »Ku emu a!«, zu Deutsch »Die Erde ist untergegangen«!

Fußnoten
Foto 6: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«
(1)  Felbermayer, Dr. Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, Kapitel »Die ersten Bewohner der Osterinsel«, Seiten 13-15
(2) ebenda, Zeilen 9-15 von oben
(3) Krendeljow, Dr. Fjodor Petrowitsch und Kondratow, Aleksandr Michailowitsch: »Die Geheimnisse der Osterinsel«, 2. Auflage, Moskau und Leipzig 1990
(4) ebenda, Seite 109
(5)  Felbermayer, Dr. Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, Kapitel »Der Moai Tauto«, Seiten 19+20
(6) ebenda, rechte Spalte, Zeilen 3-7
(7) Maori: Urheimat der Osterinsulaner, die im Meer versank.
(8) Te Pito O Te Henua: Einer der Namen der Osterinsel (9)  Felbermayer, Dr. Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, Kapitel »Der Moai Tauto«, Seiten 19+20, Zitat Seite 19, Zeilen 1 und 2 von unten
(10) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Kapitel »Navel of the World«, S. 54-S.82
(11) ebenda, Seite 62, Zeilen 12 - 15 von oben: »They at last arrived on the shores of Marea Renga, where they found the forgotten statue auf Tauto still standing at the edge of Morae-toe-hau, just as Hotu Motua described. But as they were removing it, the god of earthquakes struck, upending great stretches of territory into the sea.« Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein

Foto 7
(12) Marae-toe-hau: Teil der versunkenen Urheimat der Osterinsulaner.
(13) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Seite 62, Zeilen 16 und 15 von unten: »According to Arturo Teao ›the waves broke, the wind blew, rain fell, thunder roared, meteorites fell on the island.‹« Übersetzung aus dem Englischen
(14) Beispiel: https://www.reise-inspirationen.de/die-osterinsel-wo-die-steinkoepfe-wohnen-reisemagazin-herbst-2017/ (Stand:18.01.2019)
(15) https://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/archaeologie/die-moai-statuen-auf-der-osterinsel-haben-einen-koerper-13371666
(16) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Seite 62, Zeile 9 von unten

Zu den Fotos
Foto 1: Sieben Kundschafter fanden den Weg zur Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die alte Heimat versank im Meer... Symbolbild. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Tautos Kopf brach vom Rumpf. Symbolbild. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Tautos Rumpf blieb zurück. Symbolbild. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Nur eine Statue hat auch Beine. Foto: Zeichnung Grete C. Söcker, bearbeitet von Walter-Jörg Langbein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«.
Foto 7: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«.

478 »In der Menschenfresserhöhle«,
Teil 478 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 17.03.2019






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