Sonntag, 26. März 2017

375 »Tod und Teufel«

Teil  375 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Deutsche Bauzeitung 1881

Nach wie vor stehen wir vor dem Tympanon des Freiburger Münsters. In der untersten »Zeile« sehen wir von rechts nach links die Verkündung von Jesu Geburt auf dem Felde. Als nächstes folgt rechts davon das Idyll der Geburt Jesu im Stall von Bethlehem. Chronologisch geht es jetzt nicht weiter. Links von der »Ecclesia« mit der Kerze in der Hand (Allegorie für die christliche Kirche. Foto 2!) folgt die Geißelung Jesu, der am Marterpfahl gefesselt steht. Zwei Folterknechte schlagen auf Jesus ein. Einer der beiden holt gerade mit einer gewaltigen Keule zum Schlag aus.

Foto 2: Ecclesia am Bett Mariens.
Im nächsten Bild folgt eine der bekanntesten Szenen aus dem »Neuen Testament«: Judas verrät Jesus im Garten Gethsemane und wird von römischen Schergen gefangen genommen. Jesus wendet sich von einem rot gekleideten Soldaten ab, der Jesus derb am Kragen packt und in der anderen Hand einen Knüppel schwingt. Der muskulöse linke Arm des brutalen Mannes verdeckt weitestgehend den Kopf eines Juden, der typische »Judenhut« ist gut zu sehen. Illuminiert wird das Ganze mittels einer lodernden Fackel, die ein römischer Soldat hält. In der anderen Hand hat der Römer ein mächtiges Henkersbeil drohend erhoben.

Von links nähert sich Jesus gerade der »Verräter« Judas, der zum berühmten Judas-Kuss ansetzt. Ihm gilt Jesu ganze Aufmerksamkeit. Dem Verräter? Vor seiner Verhaftung befand sich Jesus – so die Evangelien des »Neuen Testaments« –  an mehreren Tagen im Tempel von Jerusalem und predigte vermutlich zu Tausenden. Zumindest in jenen Tagen muss Jesus, glaubt man dem »Neuen Testament«, stadtbekannt gewesen sein. Ein verräterischer Freund wäre also überhaupt nicht erforderlich gewesen.

In einem Punkt stimmen die vier kanonischen Evangelien, bei allen Widersprüchen, überein: Jesus weiß beim letzten Abendmahl mit seinen Getreuen, dass ihn einer seiner Jünger verraten wird. Das besagt eindeutig der Text aller gängigen Ausgaben des »Neuen Testaments«...allerdings nur in Übersetzungen. Im griechischen Originaltext wird man aber vergeblich nach dem Verb »verraten« suchen. Da wird stets das Griechische »paradidonai« benützt.

Foto 3: Jesus wird gepeinigt.

Was aber bedeutet »paradidonai«? Das geht aus dem Brief des Paulus an die Galater deutlich hervor (1):  Paulus preist Jesus, der sich als Sohn Gottes für den Menschen Paulus freiwillig hingab. Für den Neutestamentler Pinchas Lapide ist somit Judas nicht der bösartige Verräter Jesu, sondern der treue Jünger Jesu, der mithalf, den göttlichen Plan im Einverständnis mit Jesus selbst in Erfüllung gehen zu lassen.

So fordert Jesus Judas im Evangelium nach Johannes – in der wörtlichen Übersetzung – konkret auf (3): »Was Du zu tun im Begriff bist, das tue schneller.« Möglich ist auch die Übersetzung: »Was Du tun musst, dass tue schneller!« Der große Kirchenlehrer Origines (etwa 185-254 n.Chr.) verstand den Kreuzestod Jesu deshalb auch nicht als Folge eines teuflischen, bösartigen Verrats, sondern als heilgeschichtliche Unvermeidlichkeit im großen Plan Gottes. Jesu Tod war demnach kein Unglück als Folge eines Verbrechens, sondern planmäßiges Geschehen.

Geht man den vier Evangelientexten nach Johannes, Markus, Lukas und Matthäus im griechischen Original auf den Grund, so wird aus einem Verrat durch Judas die »Dahingabe« mit Jesu Einverständnis. Die Evangelientexte bringen, bei aller Widersprüchlichkeit, eine theologische Überzeugung zum Ausdruck. Übereinstimmung herrscht im Christentum, dass Jesu Opfertod den Menschen zum Segen gereicht. Jesus starb demnach für die Sünden der Welt und erlöste damit die Menschheit. Wie kann dann Judas der teuflische Verräter sein, da doch ohne seinen »Verrat« Jesu Tod am Kreuz nicht möglich gewesen wäre. Und ohne diesen Foltertod gäbe es auch nicht die Erlösung der Menschheit – nach christlicher Glaubenslehre. Demnach muss man Judas als Mitwirkenden im göttlichen Plan sehen, der Jesus an die römische Justiz übergab. Und das geschah mit dem Einverständnis Jesu.

Foto 4: Verhaftung Jesu im Garten Gethsemane.

Was Judas als historische Gestalt angeht, so gibt es da im Kreis der »wissenschaftlichen« Theologie durchaus Zweifel! Der Theologe J.M. Robertson hält Judas für eine frei erfundene Gestalt, erschaffen von der frühen christlichen Kirche, als Propaganda gegen Juden und Judentum (4).

Frank Kermode (5) glaubt nicht an Judas als personifiziertes Negativbild vom Juden, sondern hält ihn für das Ergebnis literarischen Schaffens. Wenn es auf der einen Seite den guten Jesus gab, so forderte die Ausgewogenheit die Existenz eines negativen Gegenspielers auf der anderen Seite. Vladimir Propp schließlich (6) weist den Judastypen als typischen Part in zahlreichen folkloristischen Erzählungen nach. Ist Judas also nie eine wirkliche Person gewesen, sondern ein fiktiver literarischer Typ?

Kehren wir zu den biblischen Evangelien zurück. Am Rande der Verhaftung Jesu spielt sich Dramatisches ab. Während Jesus mit seinem Schicksal einverstanden ist, greift ein Jünger zum Schwert. Wie würde Jesus antworten? DER reine Pazifist scheint Jesus nach dem »Neuen Testament« nicht gewesen zu sein. Lesen wir nach im Evangelium, das nach Lukas benannt wurde (7): » Da sprach er zu ihnen: Aber nun, wer einen Geldbeutel hat, der nehme ihn, desgleichen auch eine Tasche, und wer's nicht hat, verkaufe seinen Mantel und kaufe ein Schwert.« Diese Worte fallen kurz vor den dramatischen Geschehnissen im Garten von Gethsemane! Doch im Moment der Verhaftung unterbindet Jesus jede Gewalt gegen die Schergen der Römer. Bei Lukas heißt es weiter (8): »Und einer von ihnen (gemeint: Petrus) schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein rechtes Ohr ab. Da sprach Jesus: ›Lasst ab! Nicht weiter! Und er rührte sein Ohr an und heilte ihn.«

Foto 5: Petrus haut Malchus ein Ohr ab.

Im Evangelium nach Matthäus spielt sich die bewegende Szene ganz ähnlich ab (9): »Und siehe, einer von denen, die bei Jesus waren, streckte die Hand aus und zog sein Schwert und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm ein Ohr ab. Da sprach Jesus zu ihm: ›Stecke dein Schwert an einen anderen Ort. Denn wer das Schwert nimmt, der soll durch das Schwert umkommen.‹«

Markus berichtet den Sachverhalt genauso, wenn auch etwas knapper (10). Und selbst das Evangelium nach Johannes, das sonst nicht immer mit den Texten der synoptischen Kollegen konform geht, geht auf den Vorfall ein (11). Er enthüllt, dass Simon Petrus es war, der dem Knecht des Hohenpriesters das rechte Ohr abhaut. Auch der Name des Verletzten wird genannt: Malchus. Barsch befiehlt Jesus (12): »Steck dein Schwert in die Scheide!«

Diese dramatische Szene finden wir auch im  Tympanon dargestellt. Guido Linke schreibt in »Gotische Skulpturen der Turmvorhalle« (13): »Drei Figuren tragen einen Judenhut, dazu gehört auch der kauernde Knecht Malchus, dem der schwertschwingende Petrus ein Ohr abschlägt, das Jesus den Evangelien zufolge wieder anheftete.«

Foto 6: Selbstmord des Judas.
Nach Matthäus (14) bereute Judas seinen Verrat an Jesus. Der Lohn für den Verrat, den Judas von den Priestern erhalten hatte, brannte ihm förmlich in den Händen. Er wollte die Silbermünzen nicht behalten, sondern seinen Auftraggebern zurückgeben. Die Herren von der Priesterschaft hatten keinerlei Bedenken gehabt, ein Kopfgeld auf Jesus auszuloben. Jetzt aber weigerten sie sich schamhaft, den Preis für den Verrat zurückzunehmen. An dem Geld klebte doch Blut! Judas war verzweifelt, weil er das Blutgeld nicht wieder los wurde. Wie von Sinnen warf er das Silbergeld zurück in den Tempel. Dann (15) »erhängte er sich selbst«.

In der  »Apostelgeschichte« (16) vermeldete Petrus das traurige Ende des Verräters. Und für seinen Lohn habe sich der Gottlose »einen Acker« erworben.  Blutacker, Silberlinge, Der Widerspruch ist eklatant. Bei Matthäus (17) heißt es: »Aber die Hohenpriester nahmen die Silberlinge und sprachen: ›Es taugt nicht, dass wir diese in den Gotteskasten legen, denn es ist Blutgeld. Sie hielten aber einen Rat und kauften den Töpferacker dafür zum Begräbnis der Pilger. Dafür ist dieser Acker genannt der Blutacker bis auf den heutigen Tag.«

Bei Matthäus sind es die Priester, die den Acker kaufen. In der Apostelgeschichte ist es freilich Judas selbst, der das Stück Land erwirbt, bevor er Selbstmord verübt. Allerdings hängt er sich nicht wie bei Matthäus auf (18): Er »stürzte vornüber und ist mitten entzweigeborsten und all sein Eingeweide ist ausgeschüttet. Und es ist kundgetan worden allen, die zu Jerusalem wohnten, so dass dieser Acker genannt wird Blutacker.«

Bei Matthäus sind es die Priester, die für den Judaslohn einen Acker kaufen und Blutacker nennen, weil er mit dem Blutgeld bezahlt wurde. In der Apostelgeschichte ersteht Judas das Land vor seinem Tod selbst. Das Landstück erhält den Namen Blutacker, weil Judas darauf stürzte und aufplatzte. Es gibt also im »Neuen Testaments« Widersprüchliches über den Tod des Judas. Ist er nun gefallen und aufgeplatzt? Oder hat er sich aufgehängt? Diese beiden Versionen schließen einander eigentlich aus.  Oder doch nicht? Amerikanische Fundamentalisten sind da manchmal recht findig. So gelingt es Gleason L. Archer beide Versionen miteinander in Einklang zu bringen. Diese Harmonisierung der Texte mutet haarsträubend an (19):

Judas erhängte sich demnach an einem Baum. Der muss nicht nur einen morschen Ast gehabt, sondern auch noch an einer steilen Klippe gestanden haben. Der besagte Ast ragte über den Abgrund. Ein heftiger Windstoß ließ den Ast abbrechen, der tote Judas stürzte in die Tiefe. Dann schlug er mit den in der Apostelgeschichte vermerkten unappetitlichen Folgen auf dem Feld auf. Im Tympanon sieht man nur eine kleine Auswahl von Szenen aus Jesu Leben, von seiner Geburt bis zum Tod am Kreuz. Der Tod des Judas ist eine davon. Es gelingt dem unbekannten Künstler, beide widersprüchliche Todesarten in einem Bild recht plastisch darzustellen. Man sieht Judas an einem Baum schwingen – und sein Leib ist aufgeplatzt. Auch lässt die Judas-Skulptur keinen Zweifel aufkommen, dass Judas als Handlanger des Teufels gesehen wird!

Foto 7: Teufel zerrt Seelen in die Hölle.

Dem toten Judas entgleiten die Silberlinge und fallen zu Boden. Gleichzeitig entweicht dem Leichnam die Seele des Toten. Sie wird – wie so oft in der Gotik – als kleines Kind dargestellt. Wie alle Seelen strebt natürlich auch die des Judas gen Himmel. Doch dieses Ziel erreicht sie nicht. Zwei Teufel verhindern das Emporschweben der Seele. Zwei satanische Gesellen (20) fangen sie »in Gestalt eines kleinen Menschleins« ein. Mir scheint, sie durchbohren sie mit Spießen, um eine Flucht gen Himmel zu verhindern. Guido Linke merkt kommentierend an (21): »Die Szenenauswahl scheint erstaunlich knapp, offenbar sollte ein besonderer Akzent auf den Verrat des Judas gelegt werden.«

Tod und Teufel scheinen das Tympanon dominieren zu wollen. Da werden uns die Toten gezeigt, wie sie verzweifelt versuchen, aus ihren Grabstätten zu klettern. Offensichtlich schwere steinerne Grabplatten erschweren das sehr. Auf der einen Seite sehen wir ein Totenkopf-Skelett-Wesen, das höhnisch zu lachen scheint. Auf der anderen steht tatenkräftig ein Teufel. Der Teufel hat es auf die Seelen der Menschen abgesehen. Nach dem Tode zerrt Satan die Sünder, die mit einer Kette aneinander gebunden sind, in sein Reich.

Foto 8: Tod und arme Tote.


Gierig reißt das Höllenmonster seinen Schlund auf. Der Teufel – als monströses, schuppiges Wesen dargestellt – geht schon voran, setzt einen Fuß ins Höllenmaul. Und er zerrt seine Beute an schwerer Kette hinter sich her. Der Stand der Toten spielt keine Rolle. Wer dem Teufel verfallen ist, findet kein Erbarmen, da kann auch ein König noch so jammervoll und Mitleid erregend die Hände gefaltet gen Himmel recken, auch er muss in die Hölle. Das gilt auch für hohe kirchliche Würdenträger!


Foto 9: Teufel und Tote.

Fußnoten
1) »Brief des Paulus an die Galater« Kapitel 2, Vers 20
2) Siehe hierzu Lapide, Pinchas: »Ist die Bibel richtig übersetzt«, Band 1, 5.  
     Auflage, Gütersloh 1995, Lapide, Pinchas: »Ist die Bibel richtig übersetzt?«,
     Band 2, Gütersloh 1994 und Lapide, Pinchas: »Wer war schuld an Jesu Tod?«
     Gütersloh 1987
3) »Evangelium nach Johannes« Kapitel 13, Vers 27
4) Robertson, J.M.: »Jesus and Judas: a Textual and Historical Investigation«,
     London 1927. Siehe hierzu auch Robertson, J.M.: »Die Evangelienmythen«,
     Jena 1910
5) Siehe Kermode, Frank: »The Genesis of Secrecy«, Cambridge 1979
6) Propp, Vladimir: »Morphology of Folktale«, Bloomington 1958
7) »Evangelium nach Lukas« Kapitel 22, Vers 36, zitiert nach der »Lutherbibel«,
     2017
8) »Evangelium nach Lukas« Kapitel 22, Verse 50 und 51
9) »Evangelium nach Matthäus« Kapitel 26, Verse 51 und 52
10) »Evangelium nach Markus« Kapitel 14, Vers 47
11) »Evangelium nach Johannes« Kapitel 18, Verse 2-12
12) »Evangelium nach Johannes« Kapitel 18 Vers 11
13) Linke, Guido: »Freiburger Münster/ Gotische Skulpturen der Turmvorhalle«,
     Freiburg, 1. Auflage 2011, Seite 28, rechte Spalte unten und Seite 29, linke
     Spalte oben
14) »Evangelium nach Matthäus« Kapitel 27, Vers 3
15) Ebenda, Vers 5
16) »Apostelgeschichte des Lukas« Kapitel 1, Vers 18a
17) »Evangelium nach Matthäus« Kapitel 27, Verse 6-8
18) »Apostelgeschichte des Lukas« Kapitel 1, Vers 18b
19) Archer, Gleason L.: »Encyclopedia of Bible Difficulties«, Grand Rapids,
     Michigan 1982, S. 344
20) Linke, Guido: »Freiburger Münster/ Gotische Skulpturen der Turmvorhalle«,
     Freiburg, 1. Auflage 2011, Seite 29, linke Spalte oben
21) ebenda, linke Spalte unten


Foto 10: Ab in die Hölle!


Zu den Fotos
Foto 1: Deutsche Bauzeitung 1881. Foto Archiv Langbein
Foto 2: Ecclesia am Bett Mariens. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Jesus wird gepeinigt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Verhaftung Jesu im Garten Gethsemane. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Petrus haut Malchus ein Ohr ab. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Selbstmord des Judas. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Teufel zerrt Seelen in die Hölle. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Tod und arme Tote. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Teufel und Tote. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Ab in die Hölle! Foto Walter-Jörg Langbein


376 »Ochs‘ und Esel und das Blut des Pelikans«,
 Teil  376 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 02.04.2017

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Sonntag, 19. März 2017

374 »Zwischen den Zeiten«

Teil  374 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein 


An alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim diesjährigen Seminar "Phantastische Phänomene": Meine Aktion "Hilfe für Obdachlose in Bremen" erbrachte insgesamt Euro 155,00. Ich habe "aufgestockt" auf Euro 175,00 und das Geld überwiesen an "Die Bremer Suppenengel e.V." Ich danke allen, die zum Erfolg beigetragen haben. Recht herzlich - Walter.                      

Foto 1: Nach dem Bombenterror!

27. November 1944. Die Britische Luftwaffe lässt ein Inferno über das abendliche Freiburg hereinbrechen. 150.000 Bomben werden abgeworfen, die Innenstadt versinkt in Schutt und Asche. Wie durch ein Wunder bleibt das Münster weitestgehend verschont. Keinen einzigen direkten Treffer bekommt das prächtige Gotteshaus ab. Nur der Chorumgang und das Dach des Hochchores werden durch Bombentreffer im Bereich des Münsterplatzes beschädigt. Auch nach dem himmlischen Bombardement, das Zeitzeugen freilich mehr an einen Ausbruch der Hölle erinnerte, steht stolz der Westturms des Münsters, der auch heute noch das Wahrzeichen von Freiburg im Breisgau ist. Gläubige Christen dankten der Patronin des Gotteshauses. War es der Beistand Marias, der das Münster den massiven Bombenabwürfen trotzen ließ? Oder war es der Zufall? In keiner Stadt haben britische Bomberverbände auch nur den Versuch unternommen, die ältesten sakralen Bauten zu verschonen.

Dem Haupteingang des Münsters zu Freiburg nähert man sich durch das Erdgeschoss des mächtigen Westturms. Und schon steht man vor, nein in einem dreidimensionalen »Bilderbuch«, dessen Detailfreudigkeit mehr als nur erstaunt. Man ist umgeben von einer Fülle von Figuren, von denen es zu viele gibt, als dass man sie wirklich erfassen könnte. Für wen wurden sie geschaffen und, banal gefragt, warum, zu welchem Zweck? Wollte man Ende des 13. Jahrhunderts den leseunkundigen Besuchern des beeindruckenden Gotteshauses so etwas wie eine Bibel, die ohne das geschriebene Wort auskommt, bieten?

Foto 2: Der Haupteingang.
Wir stehen vor dem Mittelpfeiler des Westportals. Maria, sie ist die Patronin des Münsters, begrüßt uns. Sie steht zwischen den Türflügeln, die – so erklärt mir ein rundlicher Mönch verschmitzt lächelnd - »erst 1606 geschaffen wurden«. Zu ihren Füßen schläft Jesse, Vater von König David. Aus seinem Leib heraus wächst eine Pflanze. Es ist der Stammbaum Jesu, der im frommen Kirchenlied so umschrieben wird:

»Es ist ein Ros' entsprungen
Aus einer Wurzel zart,
Wie uns die Alten sungen
Von wundersamer Art;
Und hat ein Blümlein bracht
Mitten im kalten Winter,
Wohl zu der halben Nacht.«

Ich tippe diese Zeilen am Abend des 5. Januar 2017. Der Kölner »Express« vermeldet online (1): »Düsseldorf. Die Altstadt. Die Mauer neben dem ›Kom(m)ödchen‹. Grablichter flackern im Wind. Worte  an der Wand: ›Wir bitten um eine Kranzspende.‹ Obdachlose weinen. Sie trauern um ihre ›Elli‹, die  am 28. Dezember hier auf dem Boden in eisiger Kälte starb.«  Was für eine Schande für unser reiches Land. 150 Euro sind gespendet worden, für einen Kranz für »Elli«, die mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht erfroren ist, im Alter von 48 Jahren. Es fällt mir schwer, an meinem Text weiter zu schreiben.

Aus dem Hause Davids musste, so die christliche Überzeugung, der Messias kommen. Das soll der schlafende Jesse mit dem aus seinem Leib wachsenden Stammbaum darstellen. Direkt darüber: die »Trumeau-Madonna« mit dem Jesuskind auf dem Arm. Als »Trumeau« bezeichnet man den mittleren Steinpfeiler eines Portals, auf dem das Tympanon zu ruhen scheint. Der Ausdruck »Tympanon« beschreibt eine Schmuckfläche, wie man sie im Halbrund von Kirchenportalen findet.

Foto 3: Das Tympanon
Wir heben den Blick zum Tympanon. »Mein« rundlicher Mönch erklärt mir: »Beachten Sie  das Tympanon über der Tür. Aus welchem Material mag es gefertigt sein?« Ich antworte: »Aus Holz…« Mild lächelt der kundige Mönch: »Der Eindruck kann entstehen, ist aber falsch. »Das Tympanon besteht aus sechs Steinplatten, die jeweils 45 Zentimeter dick sind. Das heißt: dick waren. Denn aus diesen Steinplatten hat man die filigranen Figuren reliefartig herausgearbeitet.«

Das Tympanon zeigt nicht etwa ein Bild, sondern eine ganze Reihe von Einzelbildern, die in mehreren »Etagen« übereinander aneinander gereiht sind. Man könnte von Einzelbildern aus einem Filmstreifen sprechen, der eine Geschichte erzählt. Oder ist ein anderer Vergleich treffender? Entstanden ist die Szenenfolge im späten 13. Oder frühen 14. Jahrhundert. Ursprünglich waren die säuberlich gemeißelten Figuren braun-grau, im 19. Jahrhundert wurden sie farblich gefasst. In den Jahren 1999 bis 2004 wurden sie aufwändig gereinigt. Umweltschmutz hatte sich im Laufe der Jahrhunderte wie ein Schleier über die steinernen Bildnisse gelegt.

Foto 4: Die Hirten auf dem Felde.
Heute halten engmaschige Netze Tauben von den sakralen Darstellungen fern. So wichtig der Schutz der  rund 800 Jahre alten Kostbarkeiten auch ist, die Netze stören beim Betrachten doch erheblich, besonders wenn man Details erkennen möchte. Fotografieren wird nicht einfacher durch diese Maßnahme. So entstehen viele Aufnahmen, die die kunstvollen Figuren des Tympanons in den Hintergrund rücken und die engen Maschen in den Vordergrund stellen.

Der sakrale Comicstrip beginnt mit »Bild 1« rechts unten. Wir erkennen, was dargestellt werden soll: Den »Hirten auf dem Felde« wird die Geburt des Heilands verkündet. Ein Engel (?) bläst in ein gewaltiges Horn, ein Engel verkündet die »frohe Botschaft«. Ein Hirte geht am Stock, führt seinen Hütehund an der Leine und blickt empor zum Engel, der ein kurzes Schriftband hält. Wenig beeindruckt zeigen sich die Schafe, die munter äsen. Vorsicht ist geboten. Die Bilder des Tympanons sind – anders als bei unseren heutigen Comics – nicht voneinander getrennt, sie gehen teilweise ineinander über. Die Totenköpfe über der idyllischen Szene haben mit den Hirten nichts zu tun. Links schließt sich schon die nächste Szene an. Wir wissen, was dargestellt werden soll. Auf dem prächtigen Bett, das so gar nicht in einen ärmlichen Stall von Bethlehem passt, ruht natürlich Maria, die »Gottesmutter«. Sie liebkost zärtlich das reichlich groß geratene Jesuskind. Das Baby mit lockigem Haupthaar wirkt eher wie ein Erwachsener als ein Neugeborenes. Ochs und Esel stehen dabei.

Foto 5: Jesu Geburt im Stall von Bethlehem.

Was »erzählt« uns das Bild? Die biblische Geschichte von Jesu Geburt. DIE Geschichte gibt es nicht. Lesen wir nach bei Lukas (2):  »Und als sie dort (in Bethlehem, der Autor) waren, da kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.« Weitere Angaben zur Geburtsstätte Jesu finden sich nicht bei Lukas. Als Europäer assoziieren wir allerdings  »Krippe« mit »Stall«. Von einem Stall aber ist bei Lukas nichts zu lesen, auch nicht bei Matthäus. Matthäus (3) weiß nur etwas von einem „Haus“. Wurde Jesus nun in einem Stall oder in einem Haus geboren? Das Tympanon lässt keinen Zweifel aufkommen: Es versetzt die Geburt Jesu in einen Stall, Ochs und Esel schauen zu. In den Evangelien der Bibel freilich gibt es derlei Beschreibungen nicht. Wie kamen nun Ochse und Esel ins fromme Bild? Die braven Tiere werden von den Evangelisten an keiner Stelle erwähnt.

Foto 6 Das große »Jesusbaby«.
Die Erklärung: Begierig suchte man auch noch Jahrhunderte nach Jesu Tod am Kreuz im Alten Testament nach Hinweisen auf Jesus. Bei Habakuk wurde man fündig (4): »Herr, ich habe die Kunde von dir gehört, ich habe dein Werk gesehen, Herr! Mache es lebendig in naher Zeit, und lass es kundwerden in naher Zeit.« Man muss schon über eine ausgeprägte Fantasie verfügen, damit man hier auch nur einen Hauch von Jesus erkennt. Für den frommen Interpreten heißt die Aufforderung, Gott möge sein Werk lebendig machen, er möge seinen Sohn Jesus schicken. Wann? Schaut man ins Hebräische und übersetzt wörtlich, liest man (5): »Jahwe, ich hörte von dir, ich stehe in Furcht vor deinem Wirken inmitten der Jahre. Erneuere es inmitten der Jahre.«
    
»Inmitten der Jahre« könnte auch »inmitten der Zeiten heißen« oder »zwischen den Zeitaltern«. Von irgendwelchen Tieren ist keine Rede. Im Griechischen der Septuaginta-Bibel (nicht in der lateinischen Ausgabe!) wird der Anlass zur Verwechselung geboten! Wo von »zwischen den Zeitaltern« gesprochen wird, steht da »zoe«. Und Tier heißt »zoon«. Die Ähnlichkeit führte zu einer sinnentstellenden, falschen Übersetzung. Jetzt ist nicht mehr von »zwischen den Zeiten«, sondern »zwischen den Tieren« die Rede! Und weil »zwischen Tieren« zu allgemein formuliert war, entschied man sich, um die Geschichte plastischer und konkreter werden zu lassen, für Ochs’ und Esel.
    
Frühestens im sechsten Jahrhundert nach Christus, als die Arbeiten an den Texten des Neuen Testaments längst abgeschlossen waren, entstand der sogenannte »Pseudo-Matthäus«. In Teilen der frühen Kirche wurde der apokryphe Text auch im Gottesdienst gelesen. In die Bibel wurde er aber nie offiziell aufgenommen. Im Pseudo-Matthäus lesen wir (6): »Dann trat Maria in einen Stall, legte das Kind in der Krippe nieder, und Ochse und Esel beteten es an.« Es mag ernüchternd sein: Das uns so vertraute Bild vom Jesusbaby in der Krippe zwischen Ochs‘ und Esel, seit Jahrhunderten nachgestellt in unzähligen Krippen, basiert auf einem Übersetzungsfehler. Im Tympanon wird uns das im Volksglauben verankerte Bild, wie wir es aus Krippen kennen, gezeigt.

Foto 7: Ochs' und Esel
Am Fußende des Betts hockt nachdenklich ein bärtiger Mann. Vermutlich soll das Joseph sein, dem womöglich noch immer nicht so recht klar ist, wie denn Maria, seine junge Frau, zum Kinde kam. Am Kopfende steht eine weitere Gestalt mit einer goldenen Krone. Sie hält eine Kerze, erleuchtet das Szenario im Stall von Bethlehem. Ist es eine Königin? Gehört sie zu den »Drei Heiligen Königen«? Oder stammt sie aus dem Umfeld der hartherzigen Menschen, die Maria und Joseph nur einen Platz im Stall, nicht aber in der Herberge zuwiesen? Aber warum trägt sie dann eine Krone? Die »theologische« Erklärung: Hier steht die allegorische Verkörperung der heiligen christlichen Kirche.

Fußnoten
1) http://www.express.de/25480844
2) »Das Evangelium nach Lukas« Kapitel 2, Verse 6 und 7
3) »Das Evangelium nach Matthäus« Kapitel 2, Vers 10
4) »Prophet Habakuk« Kapitel 3, Vers 2
5) Übersetzung aus dem Hebräischen durch den Verfasser
6) Daniel-Rops, Henri: Die apokryphen Evangelien des Neuen Testaments, Zürich 1956, S. 58

Foto 8: Joseph und Engel
Zu den Fotos
Foto 1: Nach dem Bombenterror! Freiburg 27.11.1944. Fotograf unbekannt. Archiv Langbein
Foto 2: Der Haupteingang. Foto wikimedia commons/ Todor Bozhinov
Foto 3: Haupteingang Freiburger Münster/ Tympanon. Foto wiki commons/
Daderot
Foto 4: Die Hirten auf dem Felde. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Jesu Geburt im Stall von Bethlehem. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6 Das große »Jesusbaby«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Ochs‘ und Esel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Nachdenklicher Joseph und ein Engel. Foto Walter-Jörg Langbein




375 »Tod und Teufel«,
Teil  375 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 26.03.2017



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