Sonntag, 22. Januar 2017

366 »Ein Ganesha und die Herrin vom See«

Teil  366 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein   
                    

Foto 1: Der »Hyllige Born« von Bad Pyrmont

Vom großen Parkplatz zur Bombergallee ist es nicht weit. Es ist Herbst, die Blätter fallen. Emsige Ladeninhaber setzen massiv lautstarke Gebläse ein, um das bunte Laub möglichst weit weg zu pusten. Auf meinem Weg zum Brunnenplatz begegnet mir unerwartet ein »alter Bekannter«, ein steinerner Ganesha. Der indische Gott mit dem mächtigen Elefantenkopf auf dem Menschenleib soll Glück bringen, heißt es. Eine Holländerin fotografiert das steinerne Götterbildnis mit ihrem Smartphone aus allen Richtungen. »Ich vermisse die Maus …«, murmelt sie vor sich hin. Das Tierchen ist in Indien häufig beim göttlichen Ganesha zu sehen, als sein Reittier. 

Foto 2: Der Ganesha von Pyrmont
»Dafür hat er aber zwei vollständige Zähne!«, mit diesen Worten versuche ich der Dame meine Kenntnisse in Sachen Ganesha-Mythologie zu demonstrieren. Sie lacht. Sie kennt die uralte Überlieferung. Einst soll sich Ganesha einmal den Bauch vollgeschlagen haben. Er stolperte über eine Ratte, das Essen fiel dem Gottessohn aus dem Leib. Mit einer Schlange, die sich Ganesha um den Leib schlang, schloss er die klaffende Wunde. Der Mond fand das Missgeschick zum Lachen, zog sich so Ganeshas Zorn zu. Wütend riss sich Ganesha einen Zahn aus und schleuderte ihn auf den Mond, stieß dabei einen bösen Fluch aus. Der Mond wurde dunkel. Auf Bitten der Götter nahm Ganesha seinen Fluch teilweise zurück. Seither, so der Mythos, gibt es die verschiedenen Mondphasen, der schwindet und wieder wächst. In Indien habe ich viele Ganesha-Darstellungen gesehen, die das göttliche Mischwesen mit einem abgebrochenen Zahn zeigen. Manche zeigen Ganesha auch nur mit einem Zahn, zur Erinnerung an die uralte Überlieferung vom schwindenden und wieder wachsenden Mond.

Foto 3: Die Bombergallee
Ich gehe die Bombergallee weiter, biege schließlich in die Brunnenstraße ein. Am »Krabbeltisch« einer Buchhandlung mache ich halt. Ich entdecke ein altes Buch, 1920 in Bad Pyrmont erschienen: »Altes und Neues vom hylligen Born«, herausgegeben von Hugo H. Bickhardt (1). Auf Seiten 93 und 94 stoße ich auf »Die alten Brunnengesetze« aus dem Jahr 1556.

Anno 1556 muss es einen großen Andrang in Richtung Bad Pyrmont gegeben haben. Wunderberichte lockten damals die Menschen zu Tausenden in den heutigen Kurort. Hieß es doch damals, der Genuss des Pyrmonter Wassers lasse Taube wieder hören, mache Blinde wieder sehen und Lahme wieder mobil. In den Jahren 1556 und 1557 sollen gut 10.000 Heilsuchende aus ganz Europa nach Bad Pyrmont gekommen sein. So sah man sich gezwungen, spezielle Brunnengesetze zu erlassen.

Ausdrücklich heißt es da, dass wer auch immer »diesen Fontain« besuche, »diesem Brunnen« auf keinen Fall »göttliche Ehr beweisen« dürfe. Ausdrücklich wird untersagt, den Brunnen »zu einem Abgott« zu machen. Diese Verbote machen deutlich, dass noch im 16. Jahrhundert, also nur zehn Jahre nach Martin Luthers Tod, von christlicher Seite heidnische Verehrung des Pyrmonter Brunnens zumindest befürchtet wurde. Ich glaube sogar, dass damals kultische Handlungen vollzogen wurden, die der christlichen Obrigkeit ein Graus waren. Alte Quellen waren ja zu vorchristlich-heidnischen Zeiten Zentren der Verehrung meist weiblicher Gottheiten.

Foto 4: Der »Brodelbrunnen«

Ein Kurort, so wie wir uns das heute vielleicht vorstellen, war Bad Pyrmont damals noch nicht. Wo heute Kurgäste entlang der Brunnenstraße flanieren, gab es damals nur eine morastige Wiese. Die Kranken, angelockt durch Berichte über wundersame Heilungen, hausten in Zelten. Wohlhabende logierten im benachbarten Ort Lügde. Reger Kutschenverkehr verband die Unterkünfte der Kranken mit der zusehends schlammiger werdenden Wiese. Erst 1863 wurde die »Brodelquelle« neu gefasst. Bei Ausschachtungen machte man eine sensationelle Entdeckung, wie Professor Dr. Schuchhardt in seiner Abhandlung »Archäologisches um Pyrmont« vermeldet (2): »Berühmt ist der große Pyrmonter Quellfund, der zeigt, daß schon in römischer Zeit die Heilquelle verehrt und mit Opfergaben bedacht wurde. … Der Pyrmonter Quelle hat man hauptsächlich bronzene Fibeln gespendet. Deren sind im Laufe der Zeit 200 Stück zutage gekommen, nur wenige gehören der vorrömischen sogenannten Latène-Zeit an, die meisten sind römische Ware, einfache Dreharbeiten, zuweilen mit Tierbildern verziert und hier und da versilbert oder vergoldet.«

Foto 5: Interessantes über den »Born«.
Nicht ohne Stolz vermeldet Tourismus GmbH (3): » Die Geschichte der Stadt ist natürlich eng verbunden mit den Quellen, die aus der Erde im Pyrmonter Tal sprudeln. Schon vor über 2000 Jahren waren die Quellen bekannt. Davon zeugt der sogenannte Brunnenfund, welcher heute im Museum im Schloss zu besichtigen ist. Damals warfen die Germanen bronzene Fibeln (Gewandnadeln) in den Brodelbrunnen, als Opfergabe an ihre Quellgötter. Auch eine bronzene Schöpfkelle wurde gefunden.«

Sollte anno 1556  also altes heidnisches Brauchtum verboten worden, das schon sehr lange kultiviert worden war? Auf der Internetseite »Das Tal der sprudelnden Quellen« (4) lesen wir: »Der Brunnenplatz ist das Zentrum und der Ursprung Bad Pyrmonts. Hier sprudelten die Quellen schon lange bevor es den Namen Pyrmont gab und vor der Entstehung des Platzes. Dass Quellen auf dem Brunnenplatz schon vor 2000 Jahren sprudelten und verehrt wurden, konnte im Jahre 1863 bewiesen werden. Als der Hyllige Born und der Brodelbrunnen neu gefasst wurden, entdeckte man in der Tiefe von etwa 4 m unter Gelände im Moorboden mehrere gut konservierte, umgestürzte Bäume. An den Wurzeln einer Linde wurden etwa 320 Opferstücke gefunden: Germanische Fibeln, Schnallen, Broschen, eine bronzene Schöpfkelle, römische Münzen und weitere Gegenstände.«

Foto 6: Heilsames Quellwasser wird gereicht.

Offenbar gab es schon vor zwei Jahrtausenden dort, wo heute noch der inzwischen gezähmte Brodelbrunnen blubbert ein altes Heiligtum. Wie mag es ausgesehen haben? Plätscherte eine Quelle im Schatten einer Linde? Legten die Heilsuchenden vor zwei Jahrtausenden ihre Kleidung ab, um im Quellwasser zu baden? Oder übergossen sie sich mit Quellwasser? Neben Opfergaben wie Fibeln und Münzen fand man 1863auch eine kostbare bronzene, außen emaillierte Schöpfkelle aus römischer Zeit. Diese Erinnerungsstücke an vergessene Quellkulte von Bad Pyrmont wurden anno 1893 auf der Weltausstellung in Chicago gezeigt. Heute sind sie im Pyrmonter Museum im Schloss zu sehen (5).


Fotos 7 und 8: Die Heilige Ottilie

Die »Heilige Ottilie« ist wohl eine vorchristliche Quellgöttin in christlichem Gewand. Unweit vom »Hylligen Born« hat sie einen eigenen Brunnen. Eine alte Sage (6) erinnert an eine heidnische Quellgöttin. Einst, so heißt es, habe die Hauptquelle von Bad Pyrmont, der »Hyllige Born«, einen See gespeist. Auf dem Grund des Gewässers hatte die »Wasserfei« (Wasserfee?) ihr prächtiges Schloss. Die wunderschöne Frau – sie hatte herrlich schwarzes langes Haar wie Schneewittchen – bezauberte Graf Dietrich von Pyrmont mit ihrem Harfenspiel und lieblichen Gesang. Dreimal drei Tage durfte der Graf bei der »Herrin vom See« bleiben, dann musste er wieder in die Welt der Menschen zurückkehren.  Dietrich von Pyrmont  war der Schönen vom Kristallpalast verfallen. 


Foto 9: Im Museum im Schloss werden die Opfergaben aufbewahrt

Nur einen Tag hielt er es unter seinesgleichen aus, dann stieg er wieder für neun Tage hinab auf den Grund des Sees. Auf diese Weise, so erzählte mir eine altehrwürdige Pyrmonterin, wäre der Adelige auf alle Zeiten jung geblieben. Bei einem Turnier aber zerriss die Korallenkette, die ihm seine Geliebte vom Grund des Sees geschenkt hatte. Somit war der Bann gebrochen, Dietrich von Pyrmont verliebte sich in eine Königstochter. Bald wurde Hochzeit gefeiert. Als ungebetener Gast erschien, so weiß es die Sage, die »Herrin des Sees«, freilich konnte sie nur Dietrich von Pyrmont sehen. Sie umschlang ihn mit nassen, kalten Armen so heftig, dass dem Armen das Herz stillstand. Tot sank er nieder und sein Leichnam löste sich in Nichts auf. Er verschwand vor den Augen der Hochzeitsgesellschaft und soll seither im Kristallpalast der »Wasserfei« ruhen.


Foto 10: Pyrmont hat Geheimnisse
Dietrich von Pyrmont soll im 12. Jahrhundert gelebt haben. Die Sage von seiner heißen Liebschaft mit der »Wasserfei« freilich geht auf viel weiter zurückliegende Zeiten zurück, als man an Göttinnen glaubte, die in heiligen Brunnen lebten. So schreibt Joachim Gafres in seinem Buch »Bad Pyrmont«  (7): »Und gerade der Name ›Hylliger Born‹ läßt vermuten, daß er im Volksmund aus heidnischer Zeit herübergerettet worden ist, denn das abendländische Christentum jener Zeit kennt keine heiligen Quellen, es sei denn, daß heidnisches Brauchtum christianisiert worden war.«

Quellen waren – etwa für die Germanen – besonders heilig, galten sie doch als (8) »Verbindung zwischen Unter- und Oberwelt«. Und als solche waren sie den christlichen Missionaren ein Ärgernis. So kam bei der Ausgrabung des Brodelbrunnens der Verdacht auf, dass man einst versucht hat, die Quelle zu verstopfen. Für diese Vermutung sprechen sieben verschieden dicke Torf-, Lehm- und Tonschichten direkt über der Quelle. Dieser »gewölbte Aufbau … hat … keine natürliche Parallele und … kann auch nicht … als natürliche Bildung erklärt werden« (9). Hauptverdächtiger ist Karl der Große, der im Winter 784/785 vor Ort war. Wurde damals nicht nur das heidnische Heiligtum der Externsteine, sondern auch eine heidnische Kultstätte in Bad Pyrmont gezielt zerstört? Wenn wirklich bewusst versucht wurde, die heiligen Quellen zum Versiegen zu bringen, von großem Erfolg gekrönt waren diese Bemühungen nicht. Bereits anno 889 – so ist der Arnulf-Urkunde zu entnehmen – brodelte die Quelle wieder.


Foto 11: Plakette am Brodelbrunnen

Fußnoten
1) Bickhardt, Hugo H. (Hrsg.): »Altes und Neues vom hylligen Born«, Bad Pyrmont, im Frühjahr 1920
2) ebenda, S. 66-68, Zitat S. 66
3) https://www.badpyrmont.de/historisches-bad-pyrmont/stadtgeschichte/
4) https://www.badpyrmont.de/therapien-2/heilquellen/
5) Museum Bad Pyrmont, Schlossstraße 13, 31812 Bad Pyrmont. Öffnungszeiten: Täglich, außer montags von 10-17 Uhr. Telefon (0 52 81) 60 67 71. E-Mail: info@museum-pyrmont.de     
6) Frank Winkelmann, Frank: »Die schwarzen Führer, Hannover - Südliches Niedersachsen«, Freiburg im Breisgau, 2002, S. 18 – 20
7) Gafres, Joachim: »Bad Pyrmont/ Ursprung – Vergangenheit – Gegenwart«, Verlag der Buchhandlung Gebr. Jacke, Bad Pyrmont 1969, S. 15, 5.-1. Zeile von unten
8) ebenda, Seite 13, Zeilen 7 und 6 von oben
9) ebenda, S. 14

Zu den Fotos
Fotos 12 und 13: Wasser vom Brunnen der Ottilie (Augenbrunnen)
Foto 1: Der »Hylige Born« von Bad Pyrmont. Foto W-J.Langbein
Foto 2: Der Ganesha von Bad Pyrmont.  
Foto W-J.Langbein
Foto 3: Die Bombergallee, von der Brunnenstraße aus gesehen. Foto W-J.Langbein
Foto 4: Der »Brodelbrunnen«. Foto W-J.Langbein
Foto 5: Interessantes über den »Born«. Foto W-J.Langbein
Foto 6: Heilsames Quellwasser wird gereicht. Foto W-J.Langbein
Fotos 7 und 8: Die Heilige Ottilie. Fotos W-J.Langbein
Foto 9: Im Museum im Schloss werden die Opfergaben aufbewahrt. Foto W-J.Langbein
Foto 10: Pyrmont hat Geheimnisse. Foto W-J.Langbein
Foto 11: Plakette am Brodelbrunnen. Foto W-J.Langbein
Fotos 12 und 13: Wasser vom Brunnen der Ottilie (Augenbrunnen). Fotos W-J.Langbein

367 »Ottilie und die ›Drachen‹ von Freiburg«,
Teil  367 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 29.01.2017


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Montag, 16. Januar 2017

Maria Schell: Nur die Liebe zählt – Teil 2

Maria Schell im Interview mit Walter-Jörg Langbein

> Fortsetzung von Teil 1

Foto 1: Maria Schells Memoiren
WJL: Müssen Sie sich als Schauspielerin mit einer Rolle identifizieren können?
Maria Schell: Sie meinen moralisch?
WJL: Ja.
Maria Schell: Ich muss eine Rolle verstehen können. Nehmen wir zum Beispiel »Die alte Dame« von Dürrenmatt. Ich musste mir einen Weg suchen, musste feststellen, in welcher Ecke meines Herzens ich so sein könnte. Ich habe zur »alten Dame« von Dürrenmatt einen anderen Schlüssel als meine Kolleginnen gefunden, die diese Rolle auf den Hass allein aufgebaut haben. Mein persönlicher Zugang zur Rolle war die Verletzung des Weiblichen. Da ist eine Frau, am Rande der Weiblichkeit, die keine Kinder mehr bekommen kann, eine Frau, die sich total an dem Mann rächt, der ihr das Kind genommen hat.

WJL: Was für Filmangebote würden Sie ablehnen?
Maria Schell: Solche mit sinnloser Brutalität, mit Gewalt, die einfach unnötig ist, die nicht gezeigt werden bräuchte. Es sei denn, die Gewalt zeigt einen Weg auf, der für ein Stück, ein Theaterstück oder einen Film, unerlässlich ist. Ich würde auch an keiner Pornoproduktion mitwirken, in solch einem Film möchte ich nicht drinnen sein, das sind zweitrangige Instinkte des Menschen, die ich nicht fördern möchte.

WJL: Wie stehen Sie zu Ihrer Rolle im Superman-Film? Hat Ihnen der Film gefallen? Sie waren ja die Mutter Supermans.
Maria Schell: Gefallen? Gar nicht!

Foto 2: Maria Schell spielte Suprmans Mutter
WJL: Warum haben Sie dann mitgewirkt?
Maria Schell: Ich habe den Film gemacht, weil mir sehr viel Geld gegeben wurde. Die Filmleute wollten so viele berühmte Namen wie nur möglich und haben dafür viel Geld bezahlt. Ich nenne solche Filme Telefonfilme. Alle zwei Jahre mache ich einen solchen Telefonfilm. Wissen Sie, ich vertelefoniere viel Geld mit meinen Kindern. Wenn ich dann einen riesigen Batzen Geld bekomme, für zwei, drei Tage Dreharbeit, für gar nichts, dann nehme ich solch ein Angebot an, zahle das Geld auf ein besonderes Konto und bezahle dann davon die vielen teuren Telefonate.
Aber es war natürlich eine große Freude mit Marlon Brando zusammenzuarbeiten. So klein die Szene auch war, der schauspielerische Austausch mit Marlon Brando war sehr faszinierend.

WJL: Sie beschreiben in Ihrem Buch »Die Kostbarkeit des Augenblicks« eine abenteuerliche, wahrhaft halsbrecherische Autofahrt mit Marlon Brando. War die wirklich so dramatisch, wie Sie das beschreiben?
Maria Schell: Aber natürlich. Ich gebe im Buch dieser Episode ja eine humorvolle Note.

WJL: Frau Schell, welche Filmpartner waren besonders wichtig für Sie?
Maria Schell: Viele, wirklich viele.

WJL: Können Sie einige Namen nennen?
Maria Schell: Gary Cooper, der war unheimlich wichtig; auch Yul Brünner, Curd Jürgens, Paul Scofield, mit dem ich »1919« drehte.

Foto 3: Filmpartner Yul Brünner
WJL: Kann der Film Ihrer Meinung nach eine positive Wirkung auf die Zuschauer haben?
Maria Schell: Aber unbedingt. Nur leider gehen nicht mehr so viele Menschen ins Kino wie früher. In Frankreich, da gibt es am Donnerstag, Freitag, Samstag und vielleicht am Sonntag keine Kinofilme im Fernsehprogramm. Als Folge strömen die Menschen wieder ins Kino. Es wäre fantastisch, wenn so etwas auch bei uns möglich wäre, aber die Fernsehmenschen sind doch froh, wenn sie die alten Filme zeigen können.

WJL: Sehen Sie sich Ihre alten Filme an?
Maria Schell: Wenn ich Sie lange nicht mehr gesehen habe, dann ja.

WJL: Sind Sie selbstkritisch?
Maria Schell: Natürlich bin ich das. Seit drei Jahren habe ich einen Videorekorder, besitze sechzig Filme von mir, ich schaue sie an, prüfe sie, wie weit sie schauspielerisch gelungen waren. Und ich kann sagen, dass ich zufrieden bin. Ich hab‘ weniger, weit weniger Filme, die der Zeit nicht standhalten als solche, die vor der Zeit bestehen können, die der Zeit standhalten.

WJL: Haben Sie Wünsche an Bühnenstücke, Filmprojekte?
Maria Schell: Ich würde gern »Die Betrogene« von Mann machen, das ist eine wunderschöne Novelle. Und vieles, was ich mir wünsche, das kann ich auch verwirklichen. So mache ich beispielsweise einen Film über eine Orgelspielerin, »Requiem für eine Orgel« heißt der Film, auch eine wunderschöne Geschichte. Verhandlungen sind im Gange über eine Fernsehserie, eine heitere Sache wäre das. Und nächstens wirke ich mit in einem Porträt von mir.

(Anmerkung: 1985 wurde »Zweimal 30 – Maria Schell Special« verwirklicht. Auch die von Maria Schell angesprochene Fernsehserie wurde produziert und mit großem Erfolg 1987 bis 1991 in 49 Folgen ausgestrahlt: »Die glückliche Familie«. Ob »Requiem für eine Orgel« in den Kinos oder im Fernsehprogramm lief, kann ich nicht mehr in Erfahrung bringen.)

Fotos 4, 5 und 6: Maria Schells erfolgreiche TV-Serie »Die glückliche Familie«

WJL: Wenn Sie in der Öffentlichkeit spazieren gehen, erkannt werden, freut Sie das dann oder fühlen Sie sich eher belästigt oder eher bestätigt?
Maria Schell: Also früher war das ganz schlimm. Da konnte ich nicht einmal eine Zahnbürste kaufen. Auch heute werde ich noch viel erkannt, auch im Ausland, in den USA etwa. Aber dieses Erkennen, die Reaktionen der Menschen, das hat sich gewandelt, ist von einer anderen Qualität. Es kommt nicht mehr zu Hysterie, nicht mehr zu Aufläufen. Da ist eine Wärme, eine große menschliche Wärme, die mir entgegengebracht wird, die ich spüre. Das ist keineswegs Belästigung.

WJL: Gibt Ihnen diese Wärme etwas, Kraft für Ihre Arbeit?
Maria Schell: Durchaus, durchaus.

WJL: Viele Zeitgenossen fürchten sich vor einem Krieg. Steht Ihrer Meinung nach ein großer Krieg, der die ganze Welt heimsucht, bevor?
Maria Schell: Ich hoffe, dass von dem Tag an, als wir zum ersten Mal vom Mond aus die Erde sahen, den blauen Planeten, auf dem wir alle leben müssen, von dem keiner runter kann, etwas bewusst oder unbewusst entstanden ist, das diesen Garten Eden behüten will.
Da ist dieses Es, die geistige Substanz, von der wir gesprochen haben, die sich wie eine Wolke formiert zum Schutz dieser Welt, in den Wünschen von uns allen. Der Wunsch nach Frieden ist sehr groß, nicht nur nach Frieden im Sinne von in Ruhe gelassen zu werden, sondern als Verteidigung dieser herrlichen Welt, in der wir leben, die zugekleistert wird von negativen Nachrichten, Tag für Tag, weil die sich gut verkaufen. Leider lesen ja die Menschen Tag für Tag am Anfang jeden Tages nur von Dingen, die einen für den ganzen Tag traurig stimmen müssten. Man erfährt ja tagtäglich nur das Schrecklichste, die entsetzlichen Meldungen.
Daher halte ich die Angst, die vorherrscht, für eine zum Teil künstliche Angst. Die Welt ist uns sehr verteufelt worden durch die übelste Berichterstattung, die alles an Negativ-Superlativen groß herausbringt. Warum? Damit vielleicht die Negativschlagzeile von gestern noch gesteigert werden kann.

Foto 7 Blick vom Mond zur Erde

Aber viele Menschen wollen, mögen diese Sensationsmache nicht, wollen nach innen leben. Weil sie alle spüren, dass die Grenze des Erlebbaren nicht erweitert werden kann. Ich kann mir vorstellen, dass der Wille zum Frieden sehr stark wächst. Dabei ist es schon gar nicht leicht, mit dem Frieden fertig zu werden. Warum haben wir denn all‘ diese Aggressionen, diese Terroristen? Weil viele Menschen nicht mit dem Frieden fertig werden. Dazu sind noch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten gekommen. Viele junge Menschen stehen heute vor dem Problem dass sie nichts verändern dürfen. Trotzdem: der Wille zum Frieden ist groß. Die ersten Zeichen der Verständigung werden sichtbar. Ich hoffe, dass wir, weil wir aus dieser Erde unsere Lebenskraft beziehen und von ihr leben, zu einem größeren Miteinander als zu einem Gegeneinander finden.

WJL: Das ist Ihre feste Überzeugung?
Maria Schell: Ja. Letzten Endes entscheidet sich der Mensch für das Gute und nicht für das Böse. Der Mensch entscheidet sich nicht willentlich für das Böse, sondern für das Gute.

Foto 8: Paul Scofield, Filmpartner in »1919«
WJL: Stehen Sie einer bestimmten Religion näher als den anderen?
Maria Schell: Das ist schwer zu sagen. Ich bin streng katholisch erzogen worden. Ich glaube Christus ist der Weiseste der Weisen. Weil er eine Formel gefunden hat, die ich für genial halte: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Letztendlich ist das der einzig gangbare Weg. Wobei die Betonung nicht so sehr auf »Liebe« liegen muss, sondern auf »Nächsten«. Der »Nächste«, das ist der, der da ist, mit dem du zusammen bist, der dich braucht, der vor dir liegt, weil er gestürzt ist, weil er sich verletzt hat.
Liebe den Nächsten, den, der neben dir ist. Das ist die einzige Schwelle, über die wir alle gehen müssen, die Kommunisten, die Schwarzen, die Weißen, die Sozialisten, die Demokraten, alle. Diese Schwelle ist die Liebe. Dieser eine Satz enthält Verhaltensregeln für Jahrtausende. Dieser Satz ist wichtig, nicht das Zurückziehen ins Nirwana, nur die Liebe zählt. Und Jesus Christus hat diesen Gedanken der Nächstenliebe gelebt.

Zu den Fotos
Foto 1: Maria Schells Memoiren/ Buchcover Langen Müller Verlag
Foto 2: Maria Schell spielte Suprmans Mutter/ amazon
Foto 3: Yul Brynner/ Foto wikimedia commons/ Stevan Kragujević
Fotos 4, 5 und 6: Maria Schells erfolgreiche TV-Serie »Die glückliche Familie«
Foto 7 Blick vom Mond zur Erde/ Foto NASA/ Bill Anders
Foto 8: Paul Scofield, Filmpartner in »1919«/ Foto wikimedia commons/ Allen Warren
Foto 9: Grabstätte von Maria Schell, Friedhof Preitenegg, Gemeinde Preitenegg, Bezirk Wolfsberg, Kärnten, Österreich. Foto wikimedia commons/ Johann Jaritz





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