Sonntag, 23. Februar 2020

527. »Da traf er den Kain zwischen die Augen«

Teil 527 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Der blinde Lamech
schießt seinen Pfeil ab
Louis Ginzberg hat mit seiner Sammlung »The Legends of the Jews« sehr viel mehr als eine Vielzahl von Legenden der Juden zusammengetragen. Er hat so etwas wie ein Konglomerat des Wissens unzähliger Weiser aus ganz unterschiedlichen Quellen geschöpft. Das vielfältige geistige Erbe mag im Verlauf von Jahrtausenden zusammengetragenen worden sein. Erst wurde es mündlich weitergereicht, bevor es irgendwann da und dort schriftlich festgehalten wurde.

Sein bewundernswertes Mammutwerk bietet so viel Wissenswertes, dass heute noch unzählige Suchende so manches Geheimnis darin entdecken könnten, das auf den ersten Blick, bei oberflächlichem Lesen, verborgen bleibt.

Nach Jahrzehnten des Studierens und Forschens habe ich erkannt, dass ich auf eine Weise mehr als auf jede andere zur Aufklärung der großen Geheimnisse unserer Welt beitragen kann. Es muss mir nur gelingen, in so vielen Menschen wie nur möglich die Neugier auf das Wissens jenseits des Horizonts der ach so endgültigen vermeintlich unanzweifelbaren »Wahrheiten« zu wecken. Wissenschaften wie theologische Lehren versperren oftmals den Weg zu wirklich bahnbrechenden Erkenntnissen wie ein Paravent.

Eugène Ionesco (*1909; †1994) stellte fest: »Phantasie ist nicht Ausflucht. Denn sich etwas vorstellen, heißt, eine Welt bauen, eine Welt erschaffen.« Und Albert Einstein (*1879; †1955) beklagte: »Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.« Manche Texte aus dem »Alten Testament« regen unsere Fantasie an. Können wir mit Hilfe der vernachlässigten Intuition manches besser verstehen? Suchen kann jeder für sich, in Werken wie Louis Ginzbergs, Paul Rießler und Emil Kautzsch.

Lamech gesteht, verkündet im »Alten Testament«, einen Menschen getötet zu haben. Das verkündet Prof. John Byron, Fachbereich »Neues Testament« am »Ashland Theological Seminary« (Oregon, USA), der sich intensiv mit dem Judentum und den Ursprüngen des Christentums beschäftigt. In der »Luther Bibel« von 2017 lesen wir (1): »Und Lamech sprach zu seinen Frauen: Ada und Zilla, höret meine Rede, ihr Frauen Lamechs, merkt auf, was ich sage: Einen Mann erschlug ich.« In der »Elberfelder Bibel« wird der gleich Vers so formuliert: »Fürwahr, einen Mann erschlug ich.« Wer soll das Opfer Lamechs gewesen sein? Prof. John Byron ist davon überzeugt, dass sich Lamechs Geständnis auf den Tod Kains bezieht. Diese Interpretation halte ich für fragwürdig, prahlt doch Lamech geradezu damit, nicht nur einen, sondern zwei Menschen getötet zu haben, ich zitiere den Vers vollständig (1): »Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Beule.« Meiner Meinung nach ist weder mit dem »Mann«, noch mit dem »Jüngling« Kain gemeint. Kain fügte Lamech keine Wunde zu und Kain, der Brudermörder, war bei seinem Tod ein alter Mann und kein »Jüngling«. Und eine Beule hat ihm weder Kain, noch dessen Sohn verpasst. Mein Fazit: Lamech gesteht im zitierten Bibeltext nicht, Kain getötet zu haben.

Foto 2:
Kain wird gleich
vom Pfeil
getroffen
In der sakralen Kunst gibt es diverse Darstellungen, die zeigen, wie Lamech seinen Urahn Kain mit Pfeil und Bogen erlegt. Im 12. Jahrhundert entstand ein Relief, das ein Säulenkapitell der Kathedrale von Saint Lazare, Frankreich, ziert. Es hält den Moment fest, da Kain vom Pfeil Lamechs im Hals getroffen wird.

Eine »Weltchronik« aus dem Jahr 1563 zeigt als Buchillustration just diese Szene: Lamech hat einen Pfeil abgeschossen, der offenbar gerade in Kains Leib eingedrungen ist. Aufbewahrt wird das kostbare Dokument aus dem 16. Jahrhundert in der Österreichischen Nationalbibliothek zu Wien (2). Das »Ökumensiche Heiligenlexikon« geht ausführlich auf Lamech ein (3). »Lamech«, erfahren wir dort, bedeutet im Hebräischen »kräftiger Mann«. Das Lexikon verweist auf »jüdische Legenden«, die vom Tod Kains erzählen: Lamech soll Kain bei einem Jagdunfall mit Pfeil und Bogen erschossen haben.

Das seriöse »Ökumenische Heiligenlexikon« zeigt eine weitere Darstellung vom Tod Kains, der auch hier dem Jäger Lamech zum Opfer fällt: »Mosaik: Lamech erschießt Kain und tötet Tubal-Kajin, 5. Jahrhundert, im Baptisterium San Giovanni in Florenz«.

Tatsächlich zeigt das Mosaik gleichzeitig zwei Szenen der alten jüdischen Überlieferung. Da sehen wir zunächst Lamech, stehend, mit dem Bogen in der Hand. Sein Sohn Tubal-Kain (Tubal-Kajin) hat dem greisen Vater offenbar die Richtung angegeben, wo das vermeintliche Wild im Gebüsch zu finden war. Kain steht, weitestgehend verdeckt, zwischen Gestrüpp.

Foto 3: Lamech stehend mit Bogen,
Lamechs Sohn stehend und liegend, Opfer Kain im Gestrüpp.

Nach der Überlieferung hat Lamech seinen Sohn, als der tragische Irrtum erkannt worden war, versehentlich erschlagen, nachdem er bereits versehentlich Kain erschossen hatte. Wir sehen Lamechs Sohn als »Schützenhilfe« und gleichzeitig tot am Boden liegend. Es wird also die gesamte Geschichte um Kains Tod in einem einzigen Mosaikbild »erzählt«. Anders als in einem Comicstrip werden zwei Bilder in einem dargestellt. In der großen Kathedrale von Monreale, Sizilien, findet der interessierte Besucher zahlreiche Mosaikdarstellungen biblischer Szenen, aber auch die Geschichte von Lamech und Kain. Lamech hat seinen Schuss bereits abgefeuert, Kain ist in der Brust getroffen. Seine Knie knicken ein, der Brudermörder wird im Fallen gezeigt. Lamechs kleiner Sohn deutet noch in Richtung Kain, der freilich ohne irreführendes Horn auf der Stirn dargestellt wurde.

In der »Österreichischen Nationalbibliothek«, Wien, wird eine wertvolle Buchmalerei aufbewahrt. Die Miniatur, entstanden etwa 1465 bis 1475, stammt aus einem Illustrations-Zyklus. Lamech hat auf dem Bild Kain bereits niedergestreckt und den tödlichen Fehler erkannt. Wütend erschlägt der blinde Jäger seinen kleinen Sohn mit dem mächtigen Bogen. Im krassen Gegensatz zum geringen Bekanntheitsgrad der Story von Lamechs Todesschuss in unserer Zeit steht die Fülle an Darstellungen eben jener Szene in alten Buchmalereien. Ein Beispiel von vielen sei noch genannt: Die berühmte »Maciejowski-Bibel«, alias »Kreuzfahrerbibel«, alias »Buch der Könige«, alias »Morgan-Bibel«, soll von Ludwig IX. von Frankreich um das Jahr 1245 in Auftrag gegeben worden sein. Auch hier findet sich eine Darstellung von Kains Tod.

Ich selbst sah ja vor Jahrzehnten ein Säulenkapitell in der Basilika von Vézelay, Frankreich, mit dem Todesschuss, von Lamech, abgegeben auf den Brudermörder Kain.

Das Motiv »Lamech tötet Kain« war vor Jahrhunderten in der sakralen Kunst offenbar weit verbreitet. Es stellt sich eine Frage: Worauf basieren diese Darstellungen, die nur in unwichtigen Details voneinander abweichen? Paul Rießler (*1865; † 1935) wurde 1907 Professor für alttestamentliche Bibelexegese an der Universität Tübingen. 1924 veröffentlichte er erstmals seine »Übersetzung des Alten Testaments«. Rießlers Monumentalwerk (4) »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel« erschien erstmals 1928. Es ist als zuverlässige Quelle für altjüdisches Schrifttum auch heute noch unverzichtbar.

Foto 4: »Ephräm der Syrer«
Es enthält auch den apokryphen Text »Die Syrische Schatzhöhle«. Umstritten ist, wer als Verfasser verantwortlich zeichnete. Ein Kandidat ist Ephräm. Ephräm der Syrer (* um 306; †373), ein spätantiker Schriftsteller und Kirchenlehrer, lebte als Asket und unterrichtete viele Jahre in der Nähe der Stadt Edessa, heute Türkei. 1920 wurde er durch Papst Benedikt XV. zum Kirchenlehrer erklärt. Er wird auch heute noch in vielen Regionen als Heiliger verehrt. »Die Syrische Schatzhöhle« berichtet über Kains Tod so (5):

 »Lamech stützte sich auf seinen Sohn, einen kleinen Knaben,
und dieser Knabe lenkte ihm seinen Arm auf das Wild,
so oft er solches sah.
Nun hörte er die Stimme Kains, der im Wald umherstreifte,
weil er nirgends Ruhe fand.
Lamech, der Blinde, aber hielt ihn für ein Tier,
das im Wald umherjagt.
So hob er seinen Arm, hielt seinen Bogen bereit, spannte ihn
und schoß ihn gegen jenen Platz ab.
Da traf er den Kain zwischen die Augen, daß er hinfiel und starb.
Lamech aber glaubte, ein Wild getroffen zu haben
und sprach zu dem Knaben:
›Geh hin, daß wir das Wild sehen, das wir trafen!‹
Als sie hinkamen und nachsahen,
sprach zu ihm der Knabe, auf den er sich stützte:
›Wehe, mein Herr! Du hast den Kain getötet.‹
Da winkte er und schlug die Hände zusammen;
dabei traf er den Knaben und tötete ihn.«

Prof. John Byron ist davon überzeugt, dass frühe Interpreten altehrwürdiger sakraler Texte da und dort in den biblischen Schriften Lücken entdeckten. So bietet das »Alte Testament« geradezu ausufernde Informationen über zahlreiche biblische Gestalten an. Wir erfahren, wie alt die Männer wurden und in welchem Alter sie welche Kinder zeugten. Über Kains Tod indes scheint sich das »Alte Testament« auszuschweigen. Er verschwindet irgendwie, ohne dass wir etwas über seinen Tod erfahren. Dieses Defizit hat die alten Interpreten, so Prof. Byron, aktiv werden lassen. Sie schufen ergänzende Texte, die nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden. So wurden Lücken geschlossen. In apokryphen Texten zum »Neuen Testament« erfahren wir, wie Jesus als Kind war, worüber nichts im »Neuen Testament« zu finden ist. »Die Syrische Schatzhöhle« wartet mit einer doch unglaubwürdigen Story über Kains Tod auf.

Wie aber starb Kain wirklich? Kam er bei der Sintflut ums Leben? Starb er überhaupt? Ein einzelner, unscheinbarer Vers in der biblischen Mordgeschichte von Kain und Abel kann eine geradezu fantastisch anmutende Geschichte erzählen: Demnach nahm Gott selbst Kain von der Erde hinweg.

Fußnoten
(1) 1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 23
(2) Inventarnummer Cod. Nr. 2823
http://www.aeiou.at/aeiou.history.docs/006596.htm (Stand 16.01.2020)
(3) https://www.heiligenlexikon.de/BiographienL/Lamech.html (Stand 16.01.2020)
(4) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel«, Augsburg 1928, S.942-1013
(5) Ebenda, S.952+953, 8. Kapitel, Verse 3-10 (Die Rechtschreibung wurde unverändert von der Vorlage übernommen und nicht der heutigen Schreibweise unter Berücksichtigung der Rechtschreibreform angepasst.)

Zu den Fotos
Foto 1: Der blinde Lamech schießt seinen Pfeil ab (Basilika von Vézelay, Frankreich). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Kain wird gleich vom Pfeil getroffen. (Basilika von Vézelay, Frankreich). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Lamech stehend mit Bogen, Lamechs Sohn stehend und liegend, Opfer Kain im Gestrüpp. Foto Joachim Schäfer, Ökumenisches Heiligenlexikon, gemeinfrei.
Foto 4: »Ephräm der Syrer« (Ikone). Foto gemeinfrei

528. »Zehntausende von blitzenden Wagen hat Gott.«,
Teil 528 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 01. März 2020


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Sonntag, 16. Februar 2020

526. »Die zwei Tode eines Mörders«

Teil 526 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Fotos 1 und 2: Der blinde Lamech tötet den Brudermörder Kain

Da stehen, in Stein verewigt, zwei Menschen. Einer scheint ehrfürchtig-ängstlich zu warten, der andere handelt konzentriert. Zwischen beiden liegt so etwas wie ein eng verschnürtes Bündel. Der Mann blickt in ein Buch. Was tut er? Bei dem Bündel könnte es sich um eine Mumie eines Kindes handeln. Der Mann mit dem Buch, angeblich soll das der Heilige Benedikt sein, mag Zaubersprüche murmeln, um die Mumie wieder zum Leben zu erwecken. Die Frau könnte die Mutter des toten Kindes sein. Dieses in Stein gemeißelte Halbrelief an einem der Säulenkapitelle habe ich als Kind in der Basilika von Vézelay gesehen.


Ich habe noch heute dieses geradezu bizarre Bild von mir. Es erinnert mich heute an einen der Klassiker des Horrorfilms aus den 1930ern in Schwarzweiß: Der Heilige Benedikt erweckt ein totes Kind zu neuem Leben. Es mag sein, dass zu den echten Erinnerungen an die Basilika von Vézelay (1) nach und nach auch noch gruselige Fantasiebilder hinzukamen, ausgelöst von den höchst realen Reliefs oben an den kostbaren Säulenkapitellen.

Foto 3: Der Heilige Benedikt erweckt ein totes Kind zum Leben.

Ich kann mich gut an meinen Besuch damals im Gotteshaus erinnern. Ich wäre am liebsten umher gerannt, um möglichst viele der zum Teil recht merkwürdigen Steinreliefs zu betrachten. Unser Führer, ein etwas verhärmt wirkender Herr mit wenig Verständnis für meinen Bewegungsdrang, mahnte mich immer wieder gestenreich zu ruhigem und stillem Benehmen. Die vielen Bilder faszinierten mich. Ich verstand nicht, was sie angeblich darstellen sollten. Sie regten meine Fantasie an. Manche machten mir Angst, manche fand ich lustig. Anderen wiederum hatte der Zahn der Zeit so stark zugesetzt, dass kaum noch etwas zu erkennen war.


Viele, vielleicht sogar die meisten Säulenkapitelle lagen im Halbdunkel des uralten Gotteshauses. Für wen waren wohl die mysteriösen Darstellungen gedacht? Kann man, so paradox das klingen mag, nur die Reliefs verstehen, wenn man weiß, was sie darstellen sollen? An manchen Kapitellen sind kleine Szenen dargestellt, mit einem Comicstrip vergleichbar, der in zwei oder drei Bildern eine Geschichte erzählen will. Aber ohne erklärenden Text kann der, der die Geschichte nicht kennt, die Bilder nicht verstehen. Wurden die Besucher des Gotteshauses vor Jahrhunderten von Geistlichen darüber aufgeklärt, was sie da sahen und zu sehen hatten?

Mein Vater führte mich von Säule zu Säule und machte mich auf die steinernen Darstellungen aufmerksam. Ein örtlicher Führer aus dem Klerus gab fromme Erklärungen ab, die mein Vater für mich aus dem Französischen ins Deutsche übersetzte.

Bei manchen der präzise gearbeiteten Reliefs wurde es unserem Guide sichtlich peinlich. Dann und wann versuchte er uns von bestimmten Darstellungen weg zu lotsen. Das waren aber gerade jene Abbildungen, die mich als Kind faszinierten oder beängstigten. Was waren das, zum Beispiel, für seltsame Wesen, die aufrecht wie ganz normale Menschen gingen, die aber Hundeköpfe hatten? Oberhalb eines Portals entdeckte ich zwei menschenähnliche Gestalten, die sehr seltsame Häupter hatten. Ich deutete auf ein Paar mit schweineartigen Köpfen. Sie hatten anstelle eines Mundes und der Nase etwas Rüsselartiges. Unser Guide zog mich weiter und reagierte gereizt, als ich leise wie ein Schweinchen quiekte. Und einen Zwerg durfte ich auch nicht lange betrachten, denn schon drängte unser Führer. Weiter sollte es gehen. Vorbei an einem Riesen und an seltsamen Gestalten, die wie Fische Schuppen zu haben schienen. Es gab ein faszinierendes und doch zugleich auch manchmal unheimliches Panoptikum an kuriosen Kreaturen und frommen Darstellungen.

Foto 4: Zwei Ritter im Duell.
Unzählige Bildnisse befanden sich an den Säulenkapitellen (2). Da waren zum Beispiel zwei Ritter im Kampf. Sie hieben mit hoch erhobenen Schwertern aufeinander ein. Wer diese Ritter sein sollen, das verrät uns das Kapitellen-Relief nicht mehr. Wenn sollen die beiden Gestalten darstellen, die man rechts und links von den Rittern sieht? Sind es neugierige Zuschauer? Oder haben sie mit dem Kampf der Ritter gar nichts zu tun? Es mag sein, dass irgendwann eine erklärende Schrifttafel entfernt wurde oder dem Zahn der Zeit zum Opfer fiel.

Ich kann mich an ein weiteres Relief erinnern, dass ich vor vielen Jahren in der Basilika von Vézelay gesehen und natürlich nicht verstanden habe. Leider fehlt auch hier eine erklärende Hinweistafel. Eine theologische Interpretation gibt es, die ich aber nicht wirklich nachvollziehen kann.

Interpretieren lässt sich fast jede Darstellung auf theologische Weise, selbst die von Wilhelm Busch (*1832; †1908) gezeichneten Bilder von Max und Moritz.

Foto 5: Seltsame »Mühle«.
Demnach stellt die Person links keinen Geringeren als Moses selbst in kurzer Kutte dar. Er schüttet Korn in die Mühle. Nach der theologischen Deutung symbolisiert das Getreide, das in die Mühle gegeben wird, das Gesetz des »Alten Testaments« dar. Theologen erkennen nun in den Speichen des Rades an der Mühle das Kreuz Jesu. Dieses Kreuz versinnbildlicht angeblich den Opfertod Jesu. Das alte Gesetz wird gemahlen. Apostel Paulus, so wird weiter interpretiert, fängt das Mehl in einem Sack auf. Aus dem Mehl wird dann das »Brot des Lebens« gebacken. Ob das die richtige Interpretation ist? Niemand kann das mit Sicherheit sagen.

Niemand vermag bis heute eine mir einleuchtende Erklärung für zwei »Engel« anzubieten, die ich schon als Kind bewunderte. Der eine Engel ist ohne Zweifel ein Guter, trägt er doch einen stattlichen Heiligenschein. Er handelt wie ein Polizist aus einem Krimi. Mit einem raschen Griff hat er seinem Gegenspieler die Arme auf den Rücken gedreht. Der »Verhaftete« hat den breiten Mund zu einem hämischen Lachen verzerrt.

Foto 6: Engel überwältigt
Engel.
Der »Polizeiengel« mit Heiligenschein wird ihm wohl gleich Handschellen anlegen. Er zeigt eine ernste Miene und ist sich seiner Sache sicher. Ob er wirklich schon gewonnen hat? Oder verrät das Lachen des scheinbar Nackten, dass der sich mit einem schmutzigen Trick befreien können wird? Beide Wesen haben Flügel. Sollte es sich bei dem wilden, lachenden Engel um einen der abtrünnigen Himmlischen handeln? Bei näherem Betrachten fällt auf, dass er so etwas wie einen Tierschweif am Allerwertesten und seltsame klauenartige Füße hat. Und sein Haar ist wild wie aufloderndes Feuer.

Eine der bekanntesten Geschichten aus dem »Alten Testament« habe ich beim Besuch mit meinem Vater in Vézelay entdeckt: David und Goliath. Dargestellt wird zunächst, wie der mutige David seine Steinschleuder gegen den tumben Riesen einsetzt. Noch ahnt der kraftstrotzende Goliath nicht, was ihm gleich blühen wird. Davids Stein wird ihn am Kopf treffen und zu Boden strecken. Und dann wird David dem Goliath, auch das wird sehr anschaulich im Steinrelief gezeigt, mit seinem eigenen Schwert den Kopf vom Rumpf trennen. Lehr baumelt die gewaltige Schwertscheide an der Seite des Riesen, während David das imposante Schwert Goliaths recht gekonnt einsetzt.

Foto 7:
David schleudert
den tödlichen Stein
Beileibe nicht alle Darstellungen stammen aus der Welt des »Alten« und des »Neuen Testaments«. Ich erinnere mich genau an einen monströsen Riesenvogel, der die Ausmaße eines Pferdes gehabt haben muss. Im gewaltigen Schnabel trägt er ein Menschlein. Heute weiß ich, wie diese Darstellung interpretiert wird.

Das Menschlein im Schnabel des Riesenvogels soll der Hirtenknabe Ganymed sein, der von Zeus in Adlergestalt in die hohen Gefilde des Olymps verschleppt wurde. Dort musste er als Mundschenk die Götter bedienen. Diese Entführung existiert in verschiedenen Varianten. Die älteste ist schon vor Jahrtausenden entstanden. In einem der ältesten Epen der Menschheitsgeschichte, im sumerischen Etana-Mythos (3. Jahrtausend v.Chr.), wurde sie verewigt. Die Fassung, die Homer (850 v.Chr.?) zugeschrieben wird, ist sehr viel jünger. Andere Varianten gibt es von Lukian (2. Jahrhundert v.Chr.), Vergil (1. Jahrhundert v. Chr.) und Ovid (1. Jahrhundert vor/ 1. Jahrhundert n.Chr.). Die Entführung Ganymeds ist ja nun wirklich kein christliches Motiv. Warum wurde es in der Basilika von Vézelay kunstvoll in ein Säulenkapitell gemeißelt?

Nirgendwo in der Bibel findet sich die kuriose Geschichte vom blinden Jäger Lamech, der aus Versehen Kain mit Pfeil und Bogen erlegt. Und diese seltsame Geschichte soll in Gestalt eines Reliefs an einem der Säulenkapitelle in der Basilika von Vézelay dargestellt worden sein.

Foto 8: David
enthauptet Goliath.
Offen gesagt: Die Geschichte vom blinden Jäger Lamech halte ich für nicht sehr glaubwürdig. Gott selbst hat nach dem Text der Bibel (3) Kain das ominöse Kainsmal verpasst und ausdrücklich verboten, ihn zu töten. Wer gegen dieses göttliche Verbot verstößt, muss mit schlimmer Strafe rechnen. Dann werde der Tod Kains siebenfach gerächt. Haben anonyme Bibelinterpreten die Geschichte von Lamech erfunden? Ein blinder Jäger, der aus Versehen den Kain tötete, der musste doch eigentlich nicht die Strafe Gottes fürchten müssen!

Noch kurioser mutet die Erklärung von Kains Tod im apokryphen »Jubiläenbuch« (4) an. Demnach kam Kain in einem tragischen Unfall ums Leben, weil dies angeblich göttlichem Gebot entsprach (5): »Am Ende dieses Jubiläum, ein Jahr nach ihm, ward Kain getötet; sein Haus fiel auf ihn und er starb mitten in seinem Haus und er ward durch dessen Steine getötet. Denn mit einem Stein tötete er den Abel, und mit einem Stein ward er nach gerechtem Gericht getötet.

Deshalb ist in den himmlischen Tafeln angeordnet: ›Mit dem Gerät, womit ein Mann seinen Nächsten tötet, soll er getötet werden, wie er einen verwundet, so soll man ihm tun!‹« Wie starb Kain? Zwei Tode werden beschrieben. Kam er beim Einsturz seines Hauses ums Leben? Oder wurde er vom blinden Lamech erschossen? An einem der zahllosen Reliefs an einem der Säulenkapitelle wird ein Jäger dargestellt, der einen Pfeil abschießt. Im üppigen Gestrüpp steht jemand. Soll das Kain sein, den der Pfeilgleich töten wird?


Fußnoten
(1) Spielmann, Peter: »Licht wird hier der Raum: eine Hommage an die Magdalenenkirche von Vézelay«, Frankfurt 2014
(2) Rouchon-Mouilleron, Veronique: »Vézelay/ The Great Romanesque Church: The Romanesque Vision in Stone«, New York 1999
(3) 1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 15
(4) Kautzsch, Emil: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, Band II: »Die Pseudepigraphen«, Tübingen 1900, S. 31–119
»Jubiläenbuch oder Kleine Genesis« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel«, Augsburg 1928, S. 539-S.666
(5) »Jubiläenbuch«, Kapitel 4, Verse 31+32

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Der blinde Lamech tötet den Brudermörder Kain. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Der Heilige Benedikt erweckt ein totes Kind zum Leben. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Zwei Ritter im Duell. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Seltsame »Mühle«. Foto wiki commons/ Vassil
Foto 6: Engel überwältigt Engel. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: David schleudert den tödlichen Stein Foto wiki commons/ Vassil
Foto 8: David enthauptet Goliath. Foto wiki commons/ Vassil


527. »Da traf er den Kain zwischen die Augen«,
Teil 527 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23. Februar 2020


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