Sonntag, 24. Juli 2016

340 »Die Göttin und die Inka«

Teil 340 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Komplex Inga Pirca

Bei meinem ersten Besuch in Inga Pirca regnete es mehr als nur in Strömen. Es schüttete sintflutartig vom Himmel. Die mysteriöse Mauer der wohl schönsten archäologischen Stätte Ecuadors erschien in düster-geheimnisvollem Licht. Nur gaben meine beiden Kameras schon nach wenigen Sekunden ihren Geist – zum Glück nur vorübergehend – auf. Zwei Tage später waren sie wieder einsatzbereit. Fotos von Inga Pirca gelangen mir dann erst bei späteren Besuchen.

Inga Pirca wird – ich meine etwas schmeichelhaft-übertrieben – gelegentlich das »Machu Picchu« von Ecuador gegriffen. Erbaut wurde die Anlage von den Cañari, nicht von den Inka. Trotzdem heißt die mysteriöse guterhaltene »Ruinenstätte« bis heute »Inka-Mauer«, eben »Inga Pirca« (Kechuansprache). Die Inka »eroberten« Inga Pirca, erwiesen sich aber als sehr human. Und das, obwohl ihnen die Kultur der Besiegten äußerst fremd war.

Foto 2: Begräbnisstätte der 11 Frauen
Das Volk der Cañari verehrte den Mond. Es war matriarchalisch orientiert. Ganz anders die Inka. Sie verehrten die Sonne, typisch für das Patriarchat. Bei meinem ersten Besuch vor Ort erfuhr ich, dass man bei archäologischen Ausgrabungen die letzte Ruhestätte einer Königin der Cañari ausfindig gemacht habe. 

Die ohne Zweifel äußerst beliebte Regentin – oder war es nur eine Fürstin – war nicht ohne Begleitung vom Diesseits ins Jenseits gewandert. Ihr hatten sich zehn Frauen angeschlossen, die mit Gift Selbstmord begangen hatten. Das geschah vor etwa 1.200 Jahren.

Die Inka »eroberten« Inga Pirca nach Art der Österreicher, nach dem Motto »Du glückliches Österreich, heirate!« Allerdings wohl erst, als der erhoffte schnelle Sieg über das kleine Völkchen nicht auf Anhieb gelang. Die vornehmen und selbstbewussten Inka-Adeligen heirateten Cañari-Prinzessinnen und besiegelten damit eine ganz besondere Allianz. Die Cañari blieben autonom. Sie behielten ihren Glauben, setzten ihr religiöses Leben fort. Sie behielten ihren Glauben an die Mond-Göttin. Das Brauchtum blieb unbeanstandet von den Inka das alte. Allerdings nahmen die Cañari die Sprache der Inka an. Sprachlich orientierten sich die zahlenmäßig weit unterlegenen Cañari den Inka an. Die Inka konnten sich von nun an auf die Cañari als treue Verbündete verlassen. Sie hatten in Inga Pirca einen strategisch äußerst wichtigen Stützpunkt und die Cañari konnten sich auf den militärischen Schutz der Inka voll und ganz verlassen.

Foto 3: Mondkalender der Cañari. Foto Walter-Jörg Langbein
Wasser spielte eine immense Rolle im religiösen Leben der Cañari. Ich bewunderte einen kurios anmutenden Stein, der eine ganze Reihe von Löchern aufwies. Waren sie natürlichen Ursprungs? Keineswegs. Sie waren sorgsam – und wie man mir vor Ort versicherte – nach wissenschaftlichen Berechnungen gebohrt worden. Wann? Vor 1.200, vielleicht 1.500 Jahren? Bei dem seltsamen Löcherstein handelt es sich um einen Mondkalender der Cañari. Die Löcher wurden mit Wasser aufgefüllt, darin spiegelten sich Mond und Sterne. So wurden die für die Cañari wichtigen Daten des Mondjahrs bestimmt. So gab es ein wirklich tolerantes Miteinander zwischen den Inka und den Cañari. Die einen huldigten weiter dem Mond und der Mondgöttin, die anderen verehrten weiter die Sonne und Götter des Patriarchats. Beide hatten ihre eigenen Zeremonien und Feiertage – und es gab gemeinsame Festivitäten.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts erschienen die Inka unter Führung von Túpac Yupanqui. Gemeinsam baute man an einem »Groß Inga Pirca«, hatte wohl einen geschlossenen Gesamtkomplex im Sinn. Dazu kam es aber nicht. Das geplante Zentrum wurde nicht fertig gestellt werden. Leider kamen schon im frühen 16. Jahrhundert die ersten Spanier nach Ecuador. Pizarro tauchte 1532 mit seiner blutdurstigen Bande auf.1534 erschien Pizarros Leutnant Sebastian de Benalcazar in Quito auf. 1535 dürften Inka wie Cañari von Inga Pirca abgeschlachtet worden sein: die vermeintlich »Wilden« von den »Zivilisierten«. Die herrliche, im Aufbau befindliche Metropole zweier friedlich miteinander lebenden Religionen wurde zerstört.

Foto 4: Inka oder Präinka?

Wie groß Inga Pirca bereits war, als es von den Spaniern zerstört wurde, wir wissen es bis heute nicht. Es müssten im Umfeld der Ruinen weitere, tiefere Grabungen vorgenommen werden. Wieder einmal fehlt das Geld. Sehr gut erhalten ist der Sonnentempel, den angeblich die Inka angelegt haben. Die imposante Mauer des oval angelegten Gebäudes sieht man von weitem. Und von nahem erkennt man die unglaubliche Präzision, mit der teils massive Steine zugeschnitten und mörtellos auf-, an- und ineinander gefügt wurden.

Vom Mondtempel der Cañari ist so gut wie nichts erhalten. Es wurden lediglich nur noch Grundmauern ausfindig gemacht, die man für Reste von Bauten der Mondanbeterinnen hält. Einen kreisrunden Mondtempel hat es auch gegeben. Aber ordnet man da wirklich alle Bauten, Ruinen und Fundamente richtig zu? Ich halte es für durchaus möglich, dass es schon vor den Cañari und natürlich somit vor den Inka ein noch älteres Heiligtum gab, geschaffen von unbekannten Steinmetzen und Meistern der Baukunst, und das zu einer sehr viel früheren Zeit. Wie dem auch sei: Die Spanier machten Inga Pirca zum Steinbruch. Sie benötigten sehr viel Baumaterial für die Errichtung ihrer monumentalen Kirchen. Es grenzt schon an ein Wunder, dass überhaupt etwas von Inga Pirca übrig geblieben ist. Ein betagter grauhaariger Priester, mit dem ich in Quito sprach, behauptete: 

Foto 5: Sonnentempel und Reste der Cañari -Bauten

»Es gelang einem Inka-Fürsten die Spanier davon zu überzeugen, dass ihr Tempel von Inga Pirca nicht mehr dem heidnischen Sonnengott, sondern inzwischen dem biblischen Gott geweiht sei.« Angeblich ließ man deshalb den ovalen Tempelbau stehen. Belegen lässt sich diese kühne These nicht. Fakt ist aber – was den wenigsten Bibellesern bekannt sein dürfte – dass das »Alte Testament« eine Vielzahl von Bibelversen enthält, in denen der Gott des »Alten Testaments« als Sonne gepriesen wird.

Ein biblisches Gebet, wir finden es in Psalm 84 (1), konnte jeder »heidnische« Inka sprechen, ohne auch nur einen Millimeter von seinem Glauben abzufallen. Er hätte wohl nur den Namen seines Sonnengottes »Tayta Inti« für »Jahwe« eingesetzt: »Gott, unser Schild, schaue doch; sieh doch an das Antlitz deines Gesalbten! Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in der Gottlosen Hütten. Denn Gott Jahwe ist Sonne und Schild; Jahwe gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen. Jahwe Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!«

Foto 6: Wasser war der Cañari heilig
Noch zu Zeiten des streng monotheistischen Jahwekults wurden im Heiligen Land auch andere Götter verehrt. Es gab mächtige Konkurrenz, zum Beispiel Baal. Prophet Elia kämpfte gegen den Baalskult. Baals-Tempel wurden immer wieder von Jahweanhängern zerstört, von Baal-Gläubigen neu errichtet, um von der Jahwe-Konkurrenz wieder zerstört zu werden. Schließlich absorbierte der Jahwekult Baal.  Ursprünglich war es Gott Baal, der »am Himmel daherfährt« oder der »auf den Wolken reitet«.

Der Himmels-Baal kann sehr wohl auf einen patriarchalischen Sonnengott zurückgehen, war vielleicht sogar selbst einer. Derlei Baals-Namen wurden im monotheistischen Judentum  einfach auf Jahwe übertragen. Bei Mose lesen wir (2): »Es ist kein Gott wie der Gott Jeschuruns (=Jahwe), der am Himmel daherfährt dir zur Hilfe und in seiner Hoheit auf den Wolken.«

Auch der Psalmist hat offensichtlich einen Sonnengott im Sinn, wenn er Jahwe wie folgt preist (3): »Lobe Jahwe, meine Seele! Jahwe, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich. Du baust deine Gemächer über den Wassern. Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen und kommst daher auf den Fittichen des Windes, der du machst Winde zu deinen Boten und Feuerflammen zu deinen Dienern.«

Foto 7: Spiegel der Sterne

Religiöse Bilder ähneln sich, auch wenn das Fundamentalisten nicht wahrhaben wollen. Nach dem christlichen Glauben opfert sich der göttliche Jesus zum Wohle der Menschen und starb am Kreuz. Aztekengott »Nanauatzin«, zu Deutsch »Wolkenschlange« opferte sich ebenfalls, nur nicht am Kreuz, sondern im Feuer. Jesus stieg auf zum göttlichen Vater, der im »Alten Testament« gern mit der Sonne verglichen wird. Nanauatzin stieg empor und wurde selbst zum Sonnengott Tonatiuh, zu Deutsch »Sonne«. Als Sonnengott wurde er im tonnenschweren Kalenderstein der Azteken verewigt.

Wasser spielte eine zentrale Rolle in der Religion, in der Welt der Cañari. Es spiegelte die Sterne und ihren Lauf. Es spendete Leben, kam also von der Göttin. Es regnete vom Himmel und ließ Leben gedeihen. Es stieg wieder in den Himmel empor. Über den Göttinnen-Wasserkult der Cañari wissen wir leider kaum noch etwas. Wenn nur die Steine reden könnten, in die immer wieder komplexe Systeme von Wasserbecken geschlagen wurden. Wasserreservoirs waren das nicht, dazu fassen sie viel zu wenig Wasser.

Foto 8: Rituelles Sitzbad.
Einzelne aus dem Stein gemeißelte »Wannen« mögen als rituelle Sitzbäder gedient haben, vielleicht für die Priesterinnen zur Vorbereitung auf die heiligen Handlungen zu Ehren der Mondgöttin.

Mir scheint, dass es den Erbauern dieser Systeme in erster Linie darauf ankam, Spiegel aus Wasser zu schaffen – für die Sterne, für die Göttin. Das Wasser floss von »Becken« zu »Becken«. Man hat sich sehr große Mühe gegeben, bohrte zum Teil Röhren von »Becken« zu »Becken«, legte zum Teil offen liegende kleine Kanälchen an. Allein das schon erforderte erhebliche Fähigkeiten in Sachen Steinbearbeitung!

Uralt ist der philosophisch-religiöse Gedanke, dass sich Himmel und Erde entsprechen. 1908 wurde in Chicago das esoterische Werk »Kybalion« (4+5) veröffentlicht. Inhalt: Die »sieben hermetische Prinzipien«. Das »Prinzip der Analogie« besagt: »Wie oben, so unten; wie innen, so außen; wie der Geist, so der Körper.« Nach den hermetischen Prinzipien entsprechen die Verhältnisse im Makrokosmos des Universums dem Mikrokosmos des Individuums. Das Große spiegelt sich im Kleinen, das Kleine im Großen.

Foto 9: Der Aztekenkalender

Was mich auf vielen meiner Reisen mehr als verblüfft hat: Angeblich soll uraltes Wissen – so auch das der Cañari – allen mörderischen Maßnahmen zum Trotz – bis in unsere Tage überlebt haben. Das haben mir immer wieder christliche Priester auch in Ecuador mitgeteilt. So sollen die Cañari gewusst haben, was zum Beispiel erst im 20. Jahrhundert durch Bücher wie das »Kybalion« publik wurde. Gehört das Wissen um hermetische Gesetze dem wirklich wertvollen Weltkulturerbe an? Und sind uralte Bauwerke wie »Inga Pirca« steinernes Zeugnis des Urglaubens der ältesten Völker der Welt?


Foto 10: W-J.Langbein vor Ort
Fußnoten

1) Psalm 84, Verse 10-13
2) 5. Buch Mose Kapitel 33, Vers 26
3) Psalm 104, Verse 1-4
4) »Drei Eingeweihte«/ Atkinson, William Walker: » Kybalion - Die 7 hermetischen Gesetze: Das Original«, Hamburg 2011
5) Atkinson, William Walker: »Kybalion 2 – Die geheimen Kammern des Wissens«, Hamburg 2013

(Anmerkung: Zum Thema Kybalion gibt es umfangreiche Sekundärliteratur, auch online aus dem Internet zu beziehen. Dabei unterscheiden sich die Textquellen zum Teil erheblich. Ein fundiertes abschließendes Urteil abzugeben, das ist letztlich unmöglich.)

Zu den Fotos

Foto 1: Komplex Inga Pirca. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Begräbnisstätte der 11 Frauen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Mondkalender der Cañari. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Inka oder Präinka? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sonnentempel und Reste der Cañari -Bauten (Vordergrund)
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Wasser war der Cañari heilig. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Spiegel der Sterne. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Rituelles Sitzbad. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Der Aztekenkalender mit dem Sonnengott im Zentrum. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Autor Walter-Jörg Langbein vor dem Sonnentempel der Inka. Foto Willi Dünnenberger

341 »Fünf Flugmaschinen in Stein und sechs verschollene Tempel«,
Teil 341 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 31.07.2016


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Sonntag, 17. Juli 2016

339 »Karl May und die Pyramide«

Teil 339 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


                                             »Kennt Ihr die Pyramide,
                                          die hier in der Nähe liegt?«
»Das Innere der Pyramide war
ein Geheimnis.«
Karl May »Das Waldröschen«

Foto 1: Szene aus »Der Schatz im Silbersee« (14.07.2016)
Der »Schatz im Silbersee« lockte mich zu den Karl-May-Festspielen nach Bad Segeberg. Ich reiste per Zug an. Zwischenstopp – so stand’s zumindest im Fahrplan – Hamburg Hauptbahnhof. Ankunft am 13.7. auf Gleis 13 um 13 Uhr 13. Nirgendwo sonst kann man Karl May mit allen Sinnen genießen wie am Kalkberg zu Bad Segeberg. Man sieht, man hört, man riecht, man fühlt, ja man schmeckt die Welt des »Maysters«. Kein Kino – ob 3D oder 2D – kann da mithalten.


Der »Schatz im Silbersee« lockte mich nach Bad Segeberg. Und eine Pyramide. Ob Karl May je nach Bad Segeberg gekommen ist? Ob er von der Pyramide gehört hat? Fakt ist, dass der sächsische Dichter vom Geheimnis der Pyramiden fasziniert war. In seinem zehnbändigen Romanzyklus »Waldröschen oder Die Verfolgung rund um die Erde« entführt er uns auch in »Die Pyramide des Sonnengottes«. Helden wie Schurken sind vom »Schatz der Aztekenkönige« fasziniert. Dramatisch geht es bei Karl May »In der Pyramide« (1) zu.


Foto 2: Die Rantzau-Pyramide
Ob Karl May über die mysteriöse Pyramide von Bad Segeberg informiert war? Vermutlich nicht.  Anno 1622 jedenfalls soll die Pyramide bereits eine baufällige Ruine gewesen sein, anno 1632 dürfte sie weitestgehend in sich zusammengebrochen sein. Es sollten aber noch einige Jahrzehnte vergehen bis die Mauerreste abgetragen wurden. Anno 1770 stand an Stelle der einstigen Pyramide eine kleine »Kapelle«, die freilich nie als Kapelle diente.

Diese »Rantzau-Kapelle« in der »Hamburger Straße« ist von bescheidenen Ausmaßen. Nach meiner Messung hat sie eine Grundfläche von etwas weniger als vier Quadratmetern. Den Vorgängerbau – die Pyramide – hat Heinrich Rantzau anno 1588 aus einheimischem Kalkstein errichten lassen. Er muss recht imposant gewesen sein. Das pyramidenfömige Dach war immerhin stolze zehn Meter hoch. Mit dem massiven Unterbau erreichte die Pyramide eine Gesamthöhe von vermutlich fünfzehn Metern.

Foto 3: Das Türmchen auf dem Dach der Kapelle. (13.7.2016)

Das Türmchen auf dem Dach der heutigen Rantzau-Kapelle zeigt, wie einst die ursprüngliche Rantzau-Pyramide ausgesehen hat. Sie bestand aus einem würfelförmigen Unterbau und einem hohen Pyramiden-Dach.

Von der ursprünglichen Pyramide ist so gut wie nichts erhalten geblieben, nur der steinerne Altar im Inneren des winzigen Gotteshauses soll schon im Pyramidenbau gestanden haben.

Foto 4: Der Original-Altartisch...

Was mich, gelinde gesagt, wundert: Noch vor Jahren wussten viele Einheimische nichts von der einstigen »Rantzau-Pyramide«, geschweige denn, wo sie einst stand. Das hat sich inzwischen geändert. Heute ist der kleine steinerne Backsteinbau leicht zu finden. Man muss nur fragen, bekommt in der Regel richtige Auskunft. Nicht alle Zeitgenossen, die von der kleinen Kostbarkeit gehört haben, wissen, wen Rantzau anno 1588 ehren wollte, nämlich König Friedrich II. von Dänemark und Norwegen (1534-1588).

Der Standort für das steinerne Denkmal war sorgfältig gewählt. Er lag außerhalb der Stadtmauer, fast einen Kilometer vom Stadttor entfernt, auf freiem Feld.  Es wurde auf einem vorgeschichtlichen Grabhügel errichtet. Auf diese Weise sollte eine Verbindung mit uralten Zeiten hergestellt werden. Heute steht der Nachfolgebau, kaum beachtet, mitten in Bad Segeberg in der Hamburger Straße.

Foto 5: ... stammt noch aus der Rantzau Pyramide

Mit besonders großer Sorgfalt ging man ans Werk beim Bau des Fundaments. Offenbar sollte die Pyramide noch in ferner Zukunft an König Friedrich II. von Dänemark und Norwegen erinnern. Wieso hat man Felsgestein für den Unterbau aus dem gut 300 Kilometer entfernten Höxter herangeschafft? Dass man auch gotländische Steine aus Schweden einsetzte – direkte Distanz rund 800 Kilometer – verwundert doch etwas.

Gotländische Bildsteine wurden schon im 5., aber noch im 14. Jahrhundert geschaffen. Bekannt ist, dass die mit Reliefs versehenen Steine öfters von ihren ursprünglichen Standorten entfernt und beim Bau mittelalterlicher Kirchen eingesetzt wurden. Der Antransport gotländischer Steine war im 16. Jahrhundert mit erheblichem Aufwand verbunden. Mussten doch die Felsen von der schwedischen Insel Gotland zunächst über Land geschleppt, dann an Bord von Schiffen verbracht, übers Meer – vielleicht über Lübeck – nach Bad Segeberg gebracht werden. Und das nur, um im eher unansehnlichen Fundament verarbeitet zu werden.

Foto 6: Die Rantzau-Kapelle am 13.07.2016

Die heute genutzte Bezeichnung »Kapelle« ist irreführend. Diente das Bauwerk doch zu keinem Zeitpunkt als Kapelle im religiösen Sinn, sondern stets als Denkmal für Friedrich II. von Dänemark und Schweden.

Die »Rantzau-Kapelle« wurde noch in jüngster Vergangenheit alles andere als besonders gepflegt. In einem traurigen Zustand fristete auch ein weiteres Monument ein kärgliches, beklagenswertes Monument sein Dasein: der Rantzau-Obelisk. Das hat sich, zum Glück, geändert. Die historischen Monumente befinden sich wieder in einem guten Zustand.

Heinrich Graf zu Rantzau hat die Steinsäule – damals wahrscheinlich bis zu fünfzehn Meter hoch – aufstellen lassen. Ein deutlich größerer Obelisk in Rom mag als Vorbild gedient haben. Thutmosis III. ließ um 1500 v.Chr. östlich vom Tempel des Amun in Theben einen 500 Tonnen schweren Obelisken aufstellen. Die fast 35 Meter hohe Steinnadel gelangte auf Umwegen von Alexandria nach Rom. 357 wurde sie im »Circus Maximus« aufgerichtet. Ein Erdbeben brachte den Koloss zu Fall. Er zerbrach in mehrere Teile, die Brocken blieben liegen. 1587 ließ Papst Sixtus V. den Obelisk freilegen, rekonstruieren und erneut aufstellen. An der Spitze wurde ein Kreuz angebracht.

Fotos 7 und 8: Der Obelisk

Der »Rantzau-Obelisk« wurde im 19. Jahrhundert Opfer eines Sturms und zerbarst. Ein kärglicher Rest fand – jetzt etwa einhundert Meter von der »Rantzau-Kapelle« entfernt – einen neuen Platz.  Zu Beginn des dritten Jahrtausends schien es so, als ob man von Seiten der Stadt kein Interesse am Erhalt der Reste des einst stolzen Obelisken habe. Offenbar hat sich das geändert. Dem Vernehmen nach wurden die noch vorhandenen Überbleibsel (mit hohem finanziellen Aufwand?) konserviert und vor weiterem Verfall bewahrt. Auch die »Rantzau-Kapelle«, einst »Rantzau-Pyramide«, wird offensichtlich gut behandelt, so wie sie es auch verdient. 


Foto 9: Inschrift im Fundament des Obelisken

Eine Inschrift am Obelisken lautet: »Deo et Friderico II«, also »Für Gott und Friedrich II«. Die»Rantzau-Kapelle« und »Rantzau-Obelisk« sind steinerne Denkmäler für eine traurige Realität geworden. Sie dokumentieren den Verfall unserer ureigenen Kultur. Unwissenheit macht sich breit, Missachtung der eigenen Wurzeln ist symptomatisch für unsere Zeit. Viele Zeitgenossen sind einfach nur gleichgültig, andere scheinen eine Art Minderwertigkeitskomplex zu entwickeln und im Rahmen von »Multi-Kulti« nur Fremdes zu schätzen. Ich selbst halte nichts von »Multikulti«. Allein schon der saloppe Begriff zeugt von Missachtung und Geringschätzung von Kultur. Ein Mischmasch aus vielen Preziosen wird zu einem wertlosen Durcheinander, wobei die Schönheiten der einzelnen Kulturen kaum mehr zu erkennen sind.

Foto 10: Regenschauer
Mit meinem kleinen Beitrag über die »Rantzau-Kapelle« und den »Rantzau-Obelisk« möchte ich Leserinnen und Leser dazu ermutigen, in der eigenen Heimat nach geschichtsträchtigen Monumenten und Kuriosa zu suchen, die mehr Beachtung verdient haben.

Ich meine: Man kann sehr wohl fremde Kulturen schätzen, ohne die eigene bestenfalls zu vergessen. Es ist ein Unding, Respekt vor fremden Kulturen zu fordern und nichts für den Erhalt der eigenen Kultur zu tun.

Am 13.7.2016 war ich vor Ort. Am Nachmittag fotografierte ich emsig. Teilweise heftige Schauer wurden immer wieder unterbrochen. Dann machte strahlender Sonnenschein das Fotografieren zum Vergnügen. Dann aber schüttete es wieder vom Himmel. Die Rantzau-Kapelle erschien in geradezu düsterem, unheimlichem Licht.

Von »meinem« Hotel, dem »Central Gasthof« (2) in der Kirchstraße, sind »Rantzau-Kapelle« und »Rantzau-Obelisk« in wenigen Minuten bequem zu Fuß erreichen. Auch zur Freilichtbühne der Karl-May-Festspiele ist es nicht weit. Auch dieser Weg ist zu Fuß gut in weniger als einer halben Stunde zu schaffen. Am Kalkberg geht es aber über eine Treppenpassage bergan. Mit dem PKW kann man nicht direkt bis zur Freilichbühne fahren. Es gibt Parkplätze in der Nähe, die sind aber oft schnell belegt.

Noch ein wichtiger Hinweis: Direkt neben dem wirklich empfehlenswerten »Central Gasthof« : die Marien-Kirche mit ihrem herrlichen Altar.

Foto 11: Der Central Gasthof im Zentrum von Bad Segeberg

Fußnoten
(1) »Die Pyramide des Sonnengottes« von Karl May erschien als Band 52 der berühmten Bamberger Gesamtausgabe der Werke Karl Mays. Kapitel 11 trägt die Überschrift »In der Pyramide«
(2) Hotel und Restaurant »Central Gasthof« (Familie Schumacher), Kirchstraße 32, 23795 Bad Segeberg

Zu den Fotos 
Fotos 1, 3, 4-12: Alle Fotos Walter-Jörg Langbein.
Foto 2: Zeichnung wiki commons/
Dieter Lohmeier Heinrich Rantzau

Foto 12: Die Darsteller vom »Schatz im Silbersee«


340 »Die Göttin und die Inka«,
Teil 340 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 24.07.2016

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