Sonntag, 19. Juni 2016

335 »Spurensuche«

Teil 335 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Karl der Große, Kilians-Kirche Lügde

Wir leben in Europa, das einst »christliches Abendland« genannt wurde. Und so sind die Wurzeln unserer Kultur christliche, auch wenn unsere Gesellschaft eine weitestgehend säkularisierte ist. »Väter« Europas sind Regenten wie Konstantin der Große (275-337 n.Chr.) und Karl der Große. Kaiser Konstantin machte die antike Stadt zu seiner Hauptresidenz. Die Hagia Sophia war, was manche lieber vergessen wollen, einst eine prachtvolle christliche Basilika. Nach der Eroberung durch osmanische Truppen wurde eine Moschee daraus. Der Krieger Faith Sultan Mehmet ließ den Kolossalbau wieder restaurieren und wandelte ihn in eine Moschee um. Karl der Große machte das Reich zu einem straff organisierten Imperium. Er war Militärstratege und hat sich auch Bildung und Kultur aufs Panier geschrieben. Mit einer starken christlichen Kirche versuchte er, das Bildungsniveau anzuheben.

Foto 2: Konstantin der Große

Im Laufe meiner Reisen durch Deutschland habe ich neben herrlichen alten Kirchen und Kapellen immer wieder auch beklagenswerte Zustände erlebt. Auch in abgelegenen Regionen gab es bemerkenswerte Kirchlein und Kapellen, die dringend renoviert werden müssten. Aber offenbar fehlt es da am Geld. Auf meinen Reisen durch Deutschland, speziell durch Bayern, stieß ich auf Spuren eines Erbes, dessen Wurzeln in vorchristliche Zeiten reichen. Es bedarf schon detektivischen Spürsinns, um sie zu entdecken.


Foto 3: Die Herlingsburg

Unweit meines Heimatdorfs Niese am »Köterberg«, der einst wohl »Götterberg« hieß, gibt es die Spuren der Herlingsburg. Wer ob dieses Namens mächtige Mauern einer Burgruine erwartet, wird freilich maßlos enttäuscht sein. Vom (künstlich angelegten) Schieder-Stausee führte mich der Weg weiter nach Glashütte. Von da an aus ging‘s per pedes bergan. Alten Quellen zufolge soll die Herlingsburg noch im späten 19. Jahrhundert auf einem kahlen Berg gethront haben. Landwirtschaftlich – im Sinne von Feldanbau – konnte der Berg nicht genutzt werden, aber angeblich sollen Rinder durch emsiges Trampeln jeden Baumwuchs verhindert haben. Die landwirtschaftliche Nutzung immer größerer Flächen führte deutschlandweit zur Zerstörung solcher Anlagen. Man nennt sie zutreffender »Keltenschanzen«.

Foto 4: So sieht eine typische Keltenschanze aus

Folgen Sie mir auf einer ganz besonderen Spurensuche, nach den Überbleibseln unseres keltischen Erbes! Vielleicht – und das erachte ich als wünschenswert – suchen und finden Sie, liebe Leserinnen und Leser, in Ihrer Heimat auch derlei Keltenschanzen.

Im Nordbayrischen findet sich, 2200 Meter südwestlich von der Gemeinde Hainsbach, Landkreis Straubing-Bogen, im »Biburger Holz« so eine Spur. Der Name »Biburg-Gingkofen« lässt aufhorchen. Die »Burg« deutet auf eine Keltenschanze hin. Von »Schanze 2« ist freilich kaum etwas übrig geblieben. Der einst stolze Wall ist weitestgehend abgetragen, vom Schutzgraben ist kaum noch etwas zu sehen. Nach meinen Unterlagen ist er nur an manchen Stellen nur noch 80 Zentimeter tief.

Foto 5: Teil eines Walls ...
Was dürfen wir uns unter einer »Keltenschanze« vorstellen? Bei Wikipedia gibt es eine gute Definition: »Als Viereckschanze oder Keltenschanze bezeichnet man die vor allem in Süddeutschland anzutreffenden Reste eines quadratischen, manchmal auch rechteckigen Areals mit umlaufendem Wall und Graben. Ihre Deutung ist noch nicht abschließend geklärt. Durch neuere Untersuchungen ist jedoch gesichert, dass manche der Viereckschanzen dauerhaft bewohnte keltische Gutshöfe oder Mittelpunkt einer ländlichen Gemeinde waren. Andererseits ist nicht ausgeschlossen, dass die Kelten auch ihre Kultstätten mit viereckigen Einfriedungen umgaben. Für die meisten Viereckschanzen liegen keine oder nur spärliche Untersuchungen vor, so dass allgemeine Aussagen über ihren Zweck noch nicht möglich sind.«

Es ist schon mehr als bedauerlich, dass die meisten dieser Anlagen so gut wie nicht wissenschaftlich erforscht wurden. Noch beklagenswerter ist freilich, dass sich die meisten in einem kläglichen Zustand befinden oder vollkommen verschwunden sind. Waren es einst hunderte oder gar tausende?

Folgen Sie mir bitte nach Oberbayern in den Landkreis Ebersberg, in die Gemeinde Forstinning. 400 Meter nordwestlich des Örtchens gab es einst eine Keltenschanze. Nach einer alten Flurkarte war sie anno 1855 noch vollständig erhalten. Im Jahr 1907 war nur noch ein Teil, nämlich die Osthälfte vorhanden. Und die wurde im Verlauf der letzten einhundert Jahre vollkommen zerstört. Wikipedia merkt an, dass die Keltenschanze (1) »allerdings durch landwirtschaftliche Bodenbearbeitung nahezu eingeebnet ist.« Und weiter: »Im Ortsteil Sempt wurde von einem Bauern ein bronzenes Widderfigürchen aus der Keltenzeit gefunden, welches in der prähistorischen Staatssammlung in München verwahrt wird.«

Foto 6: ... der Herlingsburg
Der Ortsteil von Forstinning, wo einst die Kelten wirkten, heißt heute »Aitersteinering«. Sollte das auf einen »alten Steinring« zurückgehen, der einst die keltische Anlage umgab? Eine Bushaltestelle gibt’s in der »Keltenstraße«. Ansonsten gibt s nur spärliche Erinnerungen an die Erbauer der Schanze. So gut wie nichts ist erhalten geblieben!

Ich gebe es zu: Wer in unseren Gefilden nach den Überbleibseln von Keltenschanzen suchen will, der benötigt häufig detektivischen Spürsinn und wird immer wieder enttäuscht sein, weil von den einstigen Anlagen und ihren Geheimnissen so gut wie nichts mehr zu finden, also auch nichts zu fotografieren ist!

Klaus Schwarz hat zwei fundamentale Werke zum Thema Keltenschanzen verfasst, die man mit Fug Recht als die vollständigsten Standardwerke bezeichnen darf. Bereits 1959 erschien sein (2) »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns – Pläne und Karten«. 2007 wurde der Textband zum voluminösen Atlas nachgereicht (3). Der Atlas hat derart gewaltige Ausmaße, dass man ihn nur auf einer stabilen Unterlage lesen sollte. Leider ist das wichtige Opus nicht mehr nachgedruckt worden und heute nur noch selten antiquarisch zu beziehen. Wer sich auf Spurensuche begeben und Keltenschanzen vor Ort erkunden möchte, ist mit Klaus Schwarz bestens beraten.

So hörte ich schon während meines Studiums in Erlangen in den späten 1970-ern von einer Keltenschanze in der Gemeinde Laufen. Ich hätte mir die Reise sparen können. Vor Ort erklärte man mir, man wisse ja gar nicht, ob es »Am Doppelloh-Feld« wirklich jemals eine Keltenschanze gegeben hat. Schwarz stellt fest (5): »Mutmaßliche Viereckschanze. Im Gelände sind keine Spuren einer Schanze erkennbar, auch liegen keine Nachrichten über ihre ehemalige Existenz vor.

Klarer sind die Verhältnisse in der Gemeinde Reisbach (6): Da ist auch nichts mehr zu sehen, man weiß aber, wo es einst etwas zu sehen gegeben hat! Klaus Schwarz berichtet (7): »Die Schanze ist vollständig verschleift, das Gelände wird nach mündlicher Mitteilung des Besitzers seit etwa 1880 überackert. Die Schanze läßt sich heute nur auf Grund dieser Nachricht  und mit Hilfe der ältesten Flurkarte von 1820 sowie der Geländesituation südlich des Weilers lokalisieren. Größe, regelmäßiger Grundriß und Orientierung, sprechen dafür, daß es sich um eine spätkeltische Viereckschanze gehandelt hat.«

Es ist traurig um unser keltisches Erbe bestellt!


Fußnoten

Foto 7: Das Standardwerk von Schwarz
1) Wikipedia-Artikel, Stichwort »Forstinning«
2) Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns – Pläne und Karten«, München 1959
3) Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007
4) Gemeinde Laufen, Landkreis Berchtesgadener Land, Oberbayern
5) Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 33, Artikel »20a Biburg«
6) ebenda, Seite 53, Artikel »46a Biberg«
7) ebenda, rechte Spalte, Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht nach den Regeln der Rechtschreibreform angepasst





 Zu den Fotos

Foto 8: Buchcover mit Keltensiedlung
Foto 1: Karl der Große, Kilians-Kirche Lügde, Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Konstantin der Große, Foto wiki commons/ UserJean-Pol Grandmont
Foto 3: Die Herlingsburg, Emil Zeiß 1863, Archiv Langbein
Foto 4: So sieht eine typische Keltenschanze aus. Foto Archiv Langbein
Foto 5: Teil eines Walls ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: ... der Herlingsburg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Buchcover Schwarz. Sehr empfehlenswertes Werk! Siehe Literatur!
Foto 8: Buchcover Wieland. Sehr empfehlenswertes Werk! Siehe Literatur!
Foto 9: Von Bäumen »erobert« ...  Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 10: ... Wallanlage der Herlingsburg. Foto Walter-Jörg Langbein



Literatur zum Themenkreis »Kelten« 

Teil 1

Foto 9: Von Bäumen »erobert« ...
Anonymus: Die Kelten/ Europas Volk der Eisenzeit/ Untergegangene Kulturen,
     Amsterdam 1995            
Anonymus: Magische Welt der Kelten, Bindlach 2005
Badewannenmeditationen: Magische Welt der Kelten, Bindlach 2005
Barnes, Ian: Der große historische Atlas der Kelten, Wien 2009
Bernhardi, Anne: Die Kelten/ Verborgene Welt der Barden und Druiden,
     Hildesheim 2010
Bernstein, Martin: Kultstätten Römerlager und Urwege/ Archäologische
     Ausflüge von der Steinzeit bis zum Mittelalter in Oberbayern, München 1996
     (Keltenschanze von Holzhausen, S. 58-68)
Böckl, Manfred: Von Alraunhöhlen und Seelenvögeln/ Keltische Sagen aus
     Altbayern, Dachau 2007
Botheroyd, Sylvia und Paul: Lexikon der keltischen Mythologie, München
     1996
Botheroyd, Sylvia und Paul: Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten,
     München 1989
Brunaux, Jean-Louis: Druiden/ Die Weisheit der Kelten, Stuttgart 2009
Concannon, Maureen: The Sacred Whore/ Sheela Goddess of the Celts,
     Neuauflage, Doughcloyne 2005
Cowan, Tom: Die Schamanen von Avalon/ Reisen in die Anderswelt der Kelten,
     München, 2. Auflage 1999
Dannheimer, Hermann und Gebhard, Rupert (Hrsg.): Das keltische
     Jahrtausend, Mainz 1993
Derungs, Kurt (Herausgeber): Keltische Frauen und Göttinnen/ Matriarchale
     Spuren bei Kelten, Pikten und Schotten, Bern 1995
Edel, Momo: Die Kelten/ Europas spirituelle Kindheit, Saarbrücken 2005
Geise, Gernot L.: Das keltische Nachrichtensystem, Peiting 2002
Geise, Gernot L.: Keltenschanzen und ihre verborgenen Funktionen,
     Hohenpeißenberg, 10. Auflage, 2014
Foto 10: ... Wallanlage der Herlingsburg

Göttner-Abendroth, Heide: Fee Morgane – Der Heilige Gral/ Die großen
     Göttinnenmythen des keltischen Raumes, Taunusstein 2005
Gschlössl, Roland: Im Schmelztiegel der Religionen/ Göttertausch bei Kelten,
     Römern und Germanen, Mainz 2006
Gunst, Reinhard: Der Himmel der Kelten, Göppingen 2014
Habiger-Tuczay, Christa: Magie und Magier im Mittelalter, München 1992
      (Magie der Kelten, S.165-175)
Haffner, Alfred (Hrsg.): Heiligtümer und Opferkulte der Kelten, Stuttgart 1995
Henze, Usch: Die Merowinger/ Eine historische und spirituelle Spurensuche,  
     Saarbrücken 2010 (siehe Kapitel Atlantisches Europa!)
Higgins, Godfrey: The Celtic Druids or An Attempt to shew, that the Druids
     were the priests of oriental colonies who emerged from India And were the
     introducers of the first or Cadmean system of letters and the builders of
     Stonehenge, of Carnac, and of other cyclopean works, in Asia and Europe,
     London 1829
Kaminski, Heinz: Die Götter des Landes Vestfalen/ Der Wormbacher Tierkreis
     –  Schlüssel zur Keltisch-Germanischen Kultstätte, Fredeburg 1988
Klein, Thomas F.: Wege zu den Kelten/ 100 Ausflüge in die Vergangenheit,
     Stuttgart 2004

336 »Das verschwundene Schloss«,
Teil 336 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 26.06.2016



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Sonntag, 12. Juni 2016

334 »Halloween und der Mord an John F. Kennedy«

Teil 334 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Halloween 1963
Es wird langsam Abend. Dunkelheit legt sich über die Straßen. Nach und nach tauchen grimmige Rundköpfe vor Türen und Fenstern auf. Und Horden von Monstern und Tierwesen erobern nach und nach Stevensville, ein kleines Dörfchen am Michigansee. Stockdunkel ist es, doch die Fratzen der Ballonköpfe sind deutlich zu erkennen.

Manche Menschen haben ihre Jalousien herabgelassen, alle Lichter im Haus gelöscht, Türen und Fenster geschlossen. Es klingelt immer wieder Sturm, aber sie reagieren nicht. Manche sind bewusst und gezielt verreist. Andere schreien durch die geschlossenen Türen, die ungebetenen Besucher mögen abhauen. Andere wieder warten hoffnungsvoll, öffnen bereitwillig. Vor ihnen stehen Kinder, als Monster oder Tiere kostümiert. Viele sind nur fantasievoll geschminkt. Alle sind aufs Gleiche aus. Alle haben es sehr eilig, denn die Konkurrenz ist groß. Je schneller man unterwegs ist, desto mehr Beute kann man einsacken.

Wir schreiben den 31. Oktober 1963. Es ist Halloween. Ich bin mit meinem Bruder und einer Gruppe anderer Kinder unterwegs. Wir eilen von Haus zu Haus, klingeln wie wild. Endlich öffnet jemand. Wir schreien »Trick o‘ treat«, was sich am ehesten mit »Scherz oder Süßes« übersetzen lässt, halten Tüten und Beutel hin, nehmen Naschereien entgegen. Schon geht es weiter. Es muss schnell gehen. Viele Kinder sind unterwegs. Wer keine Süßigkeiten herausrückt, wird »bestraft«. Wir haben Zahnpastatuben dabei. Damit beschmieren wir die Türen jener, die uns unverrichteter Dinge wieder abziehen lassen.

Foto 2: Martin Luther
So lernte ich anno 1963, am 31. Oktober, als Neunjähriger, Halloween kennen. Heute über ein halbes Jahrhundert später, ist »Halloween« auch in Deutschland angekommen, wenn auch nicht überall beliebt. Manche Kritiker wenden ein: »Müssen wir denn jeden Quatsch aus Amerika übernehmen?« In der Tat: »Halloween« kommt aus den Staaten, aber – zurück. »Halloween« hat seinen Ursprung in Europa!

Der Name »Halloween« lässt sich auf »All Hallows‘ Eve« zurückführen. Damit ist der Abend vor Allerheiligen gemeint. Auf das christliche Hochfest »Allerheiligen« (1.November) folgt unmittelbar »Allerseelen« Zu »Allerseelen« gedenken die katholischen Christen ihrer Verstorbenen. 

Nach altem Kirchenglauben kann man für die Verblichenen Gutes tun, besonders für die armen Sünder, deren Seelen im Fegefeuer schmoren. Sünder, die keine Nachkommen haben, sind schlecht dran. Niemand kauft sie frei. Sie müssen bis zum Ende abbüßen. Die Ostkirchen maßen der Lehre vom Fegefeuer nie wirklich große Bedeutung zu, die Kirchen der Reformation haben sie abgeschafft, nur die römisch-katholische Kirche hält bis heute an ihr fest.

Foto 3: Menschen im Fegefeuer


In den  frühen 1970er Jahren erlebte ich als Student in Theologenkreisen der evangelisch-lutherischen Kirche heftige Diskussionen. Der katholischen Kirche gehe es doch nur um schnöden Mammon! Man verbreite Angst, mache den Gläubigen ein schlechtes Gewissen, indem man ihnen gern auf drastische Weise das Leiden und die Qualen ihrer dahingeschiedenen Verwandten im qualvollen Fegefeuer schildere. Dann sei man ja gern dazu bereit, es sich etwas kosten zu lassen, die Seelen lieber Toter vorzeitig aus dem Fegefeuer zu befreien. Natürlich hofft man dann auf ähnliche Hilfen durch die Nachkommenschaft, so man denn dereinst selbst im Fegefeuer schmachtet und leidet. Wie hieß es einst so schön? »Die Seele in den Himmel springt, wenn das Geld im Kasten klingt.«

Foto 4: Noch eine sehr alte Darstellung des Fegefeuers

Seit Jahren werde ich immer wieder gefragt, ob es denn zutreffe, dass der Vatikan das Fegefeuer abgeschafft habe. Manchmal gehe ich in Vorträgen auch auf das Fegefeuer ein, werde dann – nicht selten etwas grob –  »korrigiert«: »Sie sind schlecht informiert! Diesen Ort der Qual gibt es nach neuern Aussagen der katholischen Kirche gar nicht!«

Foto 5: Fegefeuer im Vorraum einer Kirche
Es gibt ihn nach katholischer Glaubenslehre nach wie vor. Abgeschafft wurde nicht das »purgatorium« (zu Deutsch »Reinigungsort«, volkstümlich »Fegefeuer«), sondern der sogenannte »limbus«. Der »limbus« war nach offizieller Lehrmeinung eine Art Warteraum. Die Seelen von ungetauften Babys wanderten nach dem vorzeitigen Tod der kleinen Wesen zunächst in den »limbus«, wo sie bis ans Ende der Zeit ausharren mussten. Nachdem der Vatikan den »limbus« für nicht existent erklärt hat, gelangen die unschuldigen Babyseelen sofort ins Paradies. Nach der mittelalterlichen Vorstellung harrten in diesem Wartezimmer auch jene guten Menschen, die vor Christi Geburt lebten.

Im 1992 veröffentlichten Katechismus der katholischen Kirche suchte man nach dem »limbus« bereits vergeblich. Kardinal Joseph Ratzinger hatte bereits vor seiner Wahl zum Papst (anno 2005) die Vorhölle als »nur eine theologische Hypothese« bezeichnet und empfohlen, den Glauben daran abzulehnen. Ein Gremium von Theologen unter Leitung des Erzbischofs von Dijon Roland Minnerath folgte diesem Ansinnen und erklärte den mittelalterlichen Glauben im Frühjahr 2007 für obsolet. Am 20. April 2007 verkündete Papst Benedikt XVI. das Ende des »limbus«.

Foto 6: Flugblatt in Sachen Luther-Thesen

Zurück zu den Diskussionen in Lutheranerkreisen. Zur Sprache kam auch das damals in Deutschland so gut wie unbekannte »Halloween«. Am 31. Oktober gedenkt man doch der lutherischen Reformation und des heldenhaften Martin Luther, der anno 1517 am Abend vor Allerheiligen seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hat! Und zwar just zum Themenbereich »Ablass und Buße«. Inzwischen wird in der Wissenschaft die schöne Geschichte von den Thesen an der Kirchentür stark angezweifelt. Und wenn sie tatsächlich erfolgt sein sollte, hat damals die allgemeine Bevölkerung nichts davon mitbekommen. Nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung war des Lesens kundig. Und Laien verstanden mit Sicherheit nicht Luthers Ausführungen, denn die waren in Latein verfasst.

Mit Abscheu blickte man auf den »amerikanischen« Brauch »Halloween« herab, der womöglich das altehrwürdige Reformationsfest beschmutzen könne. Damals stand freilich »Halloween« noch nicht vor Deutschlands Türen. Erst anno 1978 kam der Film »Halloween – Die Nacht des Grauens« von John Carpenter bei uns in die Kinos. Das Horrorspektakel war so erfolgreich, das nach und nach eine ganze Filmreihe daraus wurde. Immer wieder wurde auf der Leinwand in der Halloweennacht gemetzelt und gemordet.

Foto 7: John F. Kennedy. Foto Walter Langbein sen.

Was bei meinen lutherischen Mit-Studenten besondere Empörung auslöste, das war der »heidnische Ursprung dieses bösen Spuks«, wie es ein Professor der Kirchengeschichte formulierte. Nicht bedacht hat der gelehrte Mann freilich, dass so manch‘ vermeintlich urchristliches Glaubensgut ersten Ranges heidnische Wurzeln hat. So geht die christliche Lehre der Dreifaltigkeit auf sehr viel ältere und heidnische Götter-, ja gar Göttinnen-Triaden zurück! Woher aber kommt der »Halloween«-Brauch? Hat er auch heidnische Wurzeln?

Der amerikanische Brauch, zum »Halloween«-Fest Kürbisse aufzustellen, geht auf altes Brauchtum in Irland zurück. Allerdings höhlte man da Rüben aus, schnitzte Gesichter hinein und beleuchtet die kleinen Kunstwerke von innen mit einer Kerze. Man stellte sie vor Häuser und Stallungen, um böse Geister abzuschrecken. Irische Auswanderer nahmen den Brauch mit in die USA. Man stieg allerdings von Rüben auf Kürbisse um. In den USA ist »Halloween« längst zum Gaudium ohne tieferen Hintergrund geworden. Evangelikale Christen lehnen entsetzt »Halloween« als okkultes Teufelswerk ab.

James Frazer erklärte, dass sich da (1) »ein altes heidnisches Totenfest unter dünner christlicher Hülle verbirgt«. Sein Opus »The Golden Bough« (»Der Goldene Zweig«) erschien 1906 bis 1915 in zwölf Bänden. Auch die altehrwürdige »Encyclopaedia Britannica« führt das christliche Allerheiligen auf ein heidnisches Halloween zurück. Das »Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens« erkennt ein keltisches Totenfest als Ursprung von »Allerheiligen«.  So verwirrend die vielfältigen Thesen auch sind, mir leuchtet am ehesten ein, dass die Kelten eine Rückkehr der Toten aus der Welt der Geister für möglich hielten, ja befürchteten. Zum Sommerende wurde das Vieh von den Weiden in die heimischen Ställe zurück geholt. Und die Totengeister machten sich auf den Weg zurück in ihre einstigen Heime. Wollten sie nur noch einmal sehen, wo sie zu Lebzeiten gehaust hatten, bevor sie in die jenseitige Welt schritten? Wollten sie nur beobachten? Wollten sie sich still verabschieden oder doch die »lieben Nachkommen« piesacken? Offenbar waren sie keine willkommenen Gäste.

Foto 8: Präsident John F. Kennedy. Foto W. Langbein sen.

Feuer auf Berggipfeln wurden entzündet (2), um  böse Totengeister zu vertreiben. Und wenn sie es doch bis vor die Haustüre schafften? Dann trugen die Menschen Masken und Verkleidungen, um von den Verblichenen nicht erkannt zu werden. Ausgehöhlte Rüben, später Kürbisse mit fratzenhaften Gesichtern, scheinbar glühenden Augen und Mündern – ob sie wirklich Totengeister mit bösen Absichten fernhalten?

Foto 9: Präsident John F. Kennedy. Foto W. Langbein sen.

Ich erinnere mich jedenfalls an den 31. Oktober 1963, an die Halloweenkürbisse der Familie Langbein, an die Verkleidungen von uns Buben, an unsere Halloweenstreiche und reiche Ausbeute an Süßigkeiten. 

Und ich erinnere mich an den 22. November 1963, an den Tag, als der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika an der Dealey Plaza gegen 12 Uhr 30 Ortszeit ermordet wurde. Wenige Monate zuvor war mein Vater im Weißen Haus vom Präsidenten persönlich empfangen worden.

Fußnoten

1) »The New Golden Bough/ A new abridgement of the classic work by Sir James Frazer, edited, and with notes and foreword by Dr. Theodor H. Gaster«, New York 1959, S. 630, Zeilen 15 und 16 von unten. Im englischen Original: »… under a thin Christian cloak conceals an ancient pagan festival of the dead.
2) ebenda, S. 629-632: »Hallowe’en Fires«

Zu den Fotos

Foto 10: Präsident John F. Kennedy. Foto Walter Langbein sen.

Foto 1: Halloween 1963. Rechts im Bild - Verfasser Walter-Jörg Langbein. Links daneben in gestreifter Hose - Volker Langbein. Dahinter: Mutter Herty Langbein.
Foto 2 Martin Luther in einem Gemälde von Lucas Cranach d.Ä. 1528. Foto wiki commons
Foto 3: Fegefeuer-Darstellung,  Marienmünster, Diessen, Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Fegefeuerdarstellung, etwa 1419, Legenda Aurea, Foto wikimedia commons/ Aodh 
Foto 5: Fegefeuerdarstellung im Vorraum der Kirche von Reichersdorf. Foto Heidi Stahl
Foto 6: Flugblatt in Sachen Luther-Thesen, 16. Jahrhundert, Archiv Langbein
Fotos 7-10:  Präsident John F. Kennedy. Foto/copyright Walter Langbein sen./ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Mein Vater Walter Langbein sen. wurde von Präsident John F. Kennedy persönlich empfangen. Foto privat. Copyright Walter-Jörg Langbein

Foto 11: Mein Vater im Garten des Weißen Hauses
335 »Spurensuche«,
Teil 335 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 19.06.2016


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