Montag, 20. Mai 2013

Fido Buchwichtel klärt Mord in zwei Sätzen


Hallo liebe Leute!

Es ist Pfingstmontag und
Fido Buchwichtel
bringt Euch den
Bestseller der Woche
aus dem Wichtelland.

Was ist an diesem Montag so besonders? Nun, liebe Menschen, an Pfingsten ergeht nicht nur die göttliche Gnade über Euch, in stiller Bescheidenheit zeigt Ihr Euch erkenntlich für die Mühe, die wir Wichtel mit Euch an jedem Weihnachtsfest haben. Darum feiern wir in der Nacht von Samstag auf Pfingstsonntag Wichtelsgiving. Nach einem ausgiebigen Abendessen in dörflicher Runde ziehen die Wichtelvölker los, um die Geschenke einzusammeln, die Ihr Menschen uns macht. So zeigt sich menschliche Tugendhaftigkeit, vollzieht sie sich doch in dieser Nacht an jeglichem, sonst so typisch menschlichem, Konsumterror vorbei.

Im Namen meiner Wichtelfreunde möchte ich mich an dieser Stelle recht herzlich für die vielen Gaben bedanken, die wir vorletzte Nacht von Euch bekommen haben. Mein Geschenk lag übrigens fein versteckt unter einem Liegestuhl, der auf der Terrasse stand. Wir schleichen uns ja an Wichtelsgiving in die Menschensiedlungen und wissen auch genau, dass Ihr die Gaben, die Ihr für uns auslegt, eher beiläufig platziert. Vermutlich wollt ihr uns nicht beschämen.


Um auf den Liegestuhl zurückzukommen, da lag das Büchlein der Menschenautorin Susanne Henke Shorty to go: Mord in zwei Sätzen das ich Euch vorstellen möchte.

Mord in zwei Sätzen, mit diesem Untertitel ist schon einiges erklärt. 222 mörderische zwei Sätze, die uns Wichteln an Pfingsten in die bitterböse und tiefschwarzen Abgründe der menschlichen Seele blicken ließen. Das Büchlein wurde von Wichtel zu Wichtel weitergereicht und jeder durfte zwei Sätze vortragen. Meine  Wahl sollte natürlich zum Festtag passen. So suchte ich mir folgendes Häppchen aus: »Pfingstrosen schmückten den Tisch, an dem sein heiliger Morgenkaffee seinen Geist befreite. Den Rest goss sie aus.« Alle klatschen in die Hände. Und unter uns Wichteln gesagt: Diese Susanne Henke hat es wirklich faustdick mörderisch hinter den Ohren!

Euch Menschen darf ich das Büchlein gerne ans Herzchen legen, denn es wird bestimmt nicht nur im Wichtelland der Bestseller der Woche. Darum: Shorty to go: Mord in zwei Sätzen Kaufen! Lesen! Weiterempfehlen!

Macht Euch eine schöne Zeit!

Winke winke Euer 

Fido Buchwichtel




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Sonntag, 19. Mai 2013

Monstern auf der Spur

Teil 174 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Triumphzug mit Mischwesen
Foto:  Archiv W-J.Langbein
In Erlangen hielt ich als Student der evangelischen Theologie gelegentlich in kleinem Kreis Diavorträge zur dänikenschen Thematik »Waren die Götter Astronauten?« Begeisterung löste ich weder bei meinen Kommilitonen, noch bei den Herren Professores aus. »Langbein, Langbein ...«, ermahnte mich ein am Ende seiner Laufbahn angekommener Professor für »Altes Testament«, »was beschäftigen Sie sich mit Astronauten der Vorzeit, die angeblich zur Erde kamen! Bleiben Sie auf der Erde! Bleiben Sie bei der Bibel!« Der alte Herr erkannte, dass mich sein Rat nicht sonderlich beeindruckte.

»Und wenn Sie sich schon mit Geheimnissen aus uralten Zeiten auseinandersetzen müssen ... glauben Sie mir, da bietet die Bibel Rätsel genug!« Es folgte ein verhörartiges kurzes Gespräch über den Namen »Adam« und das »Paradies«. Den Namen »Adam« konnte ich auf das hebräische Wort »Adamah«, zu Deutsch »Ackerboden«, zurückführen. »Laut Schöpfungsbericht«, so sagte ich mein einstudiertes Wissen auf, »nahm Gott vom Ackerboden und formte daraus Adam.« Wo genau aber der Schöpfungsakt vonstatten ging ... konnte ich geographisch nicht eingrenzen.

Der Professor schob mir einen vergilbten Zeitungsausschnitt zu. Während ich den Text sorgsam las, erklärte mir der Professor: »Der Text stammt aus einer wissenschaftlichen Fachpublikation, erschienen 1907!« Da stand: »Über das Udumu berichtet keine andere historische Nachricht der assyrologischen Literatur, wohl aber kommt zweimal Udumu, als Bezeichnung für die Landschaft Edom vor.« »Udumu«, so hieß es weiter im Text, sei die exakte assyrische Umschreibung für Adam! »Udumu« stamme aus der Landschaft Musri, die an das biblische Eden angrenzt.
Verblüfft fragte ich: »Sollte also der biblische Schöpfungsbericht assyrischen Quellen entnommen sein?« Das, so der Professor, sei so wichtig nicht. »Es gibt aber assyrische Darstellungen von »udumu-Wesen!« Wieder reichte er mir einen vergilbten Zeitungsausschnitt. Zu sehen war das Foto von einem »assyrischen Relief, britisches Museum«.

Siegessäule des
Salamanassar - Foto:
 Archiv Langbein
Der »schwarze Obelisk von Salamanassar III« preist wie ein Bilderbuch in Stein in zwanzig Einzeldarstellungen Erfolge des Salamanassar III (Regierungszeit etwa 858 bis 824 v. Chr.) Seine Soldaten bringen reiche Beute ...

Die assyrische Bildtafel hält zwei bärtige, martialische Gestalten fest. »Es handelt sich um zwei von einem erfolgreichen Kriegszug heimkehrende Krieger, die ihre Beute mit sich führen!« Auf der Schulter des einen Mannes sitzt ein Äffchen. Der Krieger hält das Tierchen an einer kurzen Leine. Vertrauensvoll legt es seine Pfoten auf das Haupt des Mannes.

An der anderen Hand führt der Krieger ein weiteres Lebewesen. Ist es ebenfalls ein Äffchen? Das eigenartige Wesen, so klärte mich der Professor auf, sei ein »udumu«. Es sei ein Mischwesen aus Tier und Mensch. Der Kopf erinnert an das Haupt einer ägyptischen Sphinx. Hände und Füße sind – wie der Kopf – eher menschlich, der Leib mit dem langen Schweif eher tierisch.
Der Professor tippte mit dem Finger auf den Text. Da steht: »Die .. udumi haben wirklich existiert, haben wirklich so ausgesehen, wie sie uns auf den Monumenten überliefert sind.« Fragend blickte ich den Professor an. »Ziehen Sie Ihre eigenen Schlussfolgerungen!«

Ob es noch andere Darstellungen solcher »Udumu«-Wesen gibt, wollte ich wissen. Der greise Theologe schob mir weitere Blätter zu, mit Schwarzweißfotos, die ebenso aus der »Fachzeitschrift« von 1907 stammen. Wieder scheint eine Art Aufmarsch von heimkehrenden Kriegern zu sehen zu sein, wieder führen Männer ungewöhnliche Beute mit sich. Beide Darstellungen seien in den »schwarzen Obelisken«, britisches Museum, eingraviert.

Mischwesen in einer
Siegesprozession
Die Darstellung einer Person ist fast identisch mit einer Gestalt auf der »Siegessäule«. Auch hier sieht man einen martialischen Mann. Auch er trägt auf der Schulter ein Wesen, das aber weniger ein Äffchen, als eine seltsame Kreatur ist, die im Tierreich so nicht vorkommt! Vor dem Mann schreitet, wie ein Mensch auf den Hinterbeinen gehend, ein Mischwesen aus Mensch und Tier. Besonders die Hände sind gut zu erkennen: Es sind die Hände eines Menschen ... am Leib eines Tieres!

Vor dem Krieger marschiert ein weiterer Mann. Auch er kontrolliert ein merkwürdiges Mischwesen, das ebenfalls aufrecht wie ein Mensch geht. Es kommt mir so vor, als halte der Wärter so etwas wie einen Stab in beiden Händen, der in einer Schlinge um den Hals des mysteriösen Wesens endet. »Vielleicht sind es ja nur ganz einfach Affen ...« wandte ich ein. Der Professor schüttelte den Kopf. »Schauen Sie sich doch die Hände der Kreaturen an. Das sind keine Affen!« Ich spielte weiter den Advocatus Diaboli. »Vielleicht konnten die Künstler die Affen nur sehr unzureichend darstellen ...«

Der Professor tippte auf das Tier, dem die beiden Männer mit den seltsamen Kreaturen folgen ... auf dem »schwarzen Obelisk«. Es ist ein Elefant! Und dieser Elefant ist geradezu fotorealistisch dargestellt, von der Schwanzspitze bis hin zum Rüssel und zu den Stoßzähnen des stattlichen Tieres. Sehr naturgetreu sind auch Kamele auf der Siegessäule. Wer also das geheimnisvolle Relief mit den Mischwesen schuf, konnte sehr wohl die Natur präzise und realistisch abbilden. Darf man daraus schlussfolgern, dass es auch die merkwürdigen Mischwesen gab?

In Mahabalipuram sah und fotografierte ich ein ganz ähnliches Mischwesen. Auch in Mahabalipuram bewiesen die Steinmetzkünstler, dass sie sehr wohl fotorealistisch Szenen in Stein verewigen konnten: ein Mischwesen ebenso wie Elefanten. Auch hier wird eine Kreatur vorgeführt, die nur Ergebnis von genetischen Experimenten sein kann. Auch in Mahabalipuram bewiesen Künstler präzise Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, die Natur bis ins Detail realistisch abzubilden.

Mischwesen und Elefanten - Fotos: W-J.Langbein

Eine weitere Miniatur auf der Siegessäule zeigt zwei offenbar gefährlichere Wesen, Kreaturen aus dem Labor eines »Frankenstein«? Sie werden an Ketten geführt. Wiederum wurden da Tiermenschen gezeigt, Wesen mit Menschenköpfen und Händen ... und Tierleibern! Eines der Monsterwesen lutscht am Daumen ... Zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus wissen wir: Solche Wesen können kreiert werden. Die Gentechnik macht's möglich!

Schon im Frühjahr 2008 machte das Team um Professor John Burn, Universität Newcastle, weltweit Schlagzeilen. Sie mischten das Erbgut einer Kuh mit dem Erbgut eines Menschen. Das Wesen kam über ein frühes Embryo-Stadium nicht hinaus. Das Experiment wurde in einem sehr frühen Stadium abgebrochen.

Am 28.09.2011 vermeldete »Welt online«: »Bizarre Mischwesen aus der genetischen Hexenküche«. Im Text wurde vermeldet: »Halb Mensch, halb Tier. In den Laboren von Genetikern werden schon heute wundersame Mischwesen erschaffen – nur eine Frage der Ethik.«

Anfang Januar 2012 gab es eine weitere »Erfolgsmeldung«. Am »Oregon National Primate Research Center« wurden im Labor Mischwesen erzeugt. Es entstanden Rhesusaffen, die das Erbgut von sechs verschiedenen Elternteilen in sich trugen.

Kurzum: Wir sind auf dem Wege, Monsterwesen wie jene auf dem Obelisk von Salamanassar zu erschaffen. Der Mensch wird Gott spielen und die Schöpfung »bereichern« ... um monströse Mischwesen, die die Natur nicht vorgesehen hat!

 Menschen und Mischwesen
Archiv W-J.Langbein
Sind wir erst auf dem Wege? In England sind Experimente in Sachen »Mischwesen« gestattet, die in Deutschland verboten sind. In China soll der Forscher Jiang Kanhien-Wladimirowitsch bereits 1994 wahre Frankensteinmonster geschaffen haben, Mischwesen aus Ziege und Kaninchen, zum Beispiel!

Was wohl inzwischen in geheimen Laboren anderer Länder geschehen sein mag? Welche Monsterwesen mögen schon in verborgenen Zoos untersucht werden? Meine Reisen zu den großen Rätseln der Welt haben mich immer wieder zu Darstellungen von Monsterwesen geführt. Ich hoffe, dass es sich nur um reine Fantasiegestalten, nicht um realen Horror gehandelt hat.

Hinter den Säulen entdeckte ich das
Mischwesen von Mahabalipuram
Foto: Walter-Jörg Langbein
Literaturempfehlungen

Erich von Däniken hat sich in seinem Buch »Die Augen der Sphinx« intensiv mit dem Phänomen der Mischwesen auseinandergesetzt. Er bietet eine Fülle von Informationen zu dem weltweit auftretenden Phänomen der monströsen Kreaturen, die nur künstlich erzeugt worden sein können!

Däniken, Erich von: »Die Augen der Sphinx/ Neue Fragen an das alte Land am Nil«, 1. Auflage München 1989, Kapitel 1, »Tierfriedhöfe und leere Gruften«, S. 7-90!
Ich selbst habe mich ebenfalls bereits intensiv mit dieser spektakulären Thematik beschäftigt ... zum Beispiel in meinem Buch »Das Sphinx Syndrom«!
Langbein, Walter-Jörg: »Das Sphinx Syndrom«, München 1995, Kapitel 3, »Monster in Ägypten«, S.41-50

»Der Tempelturm von Tanjore«,
Teil 175 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein
erscheint am 26.05.2013

Freitag, 17. Mai 2013

Besuch bei Gustl Mollath – die Freitagskolumne von Ursula Prem

Mein erster Besuch bei Gustl Mollath im BKH Bayreuth beginnt mit einer Suche. Nicht einmal eine zufällig des Weges kommende Klinikmitarbeiterin scheint je von ihm gehört zu haben: In welcher Abteilung dieser Herr Mollath liege, unter welcher Krankheit er leide und wie lange er schon da sei, fragt sie mich mit verständnislosem Blick. »Ich möchte zu Gustl Mollath, Deutschlands bekanntestem politischen Gefangenen, der sich schon seit Jahren hier in der Forensik befindet!«, wiederhole ich meine Frage etwas deutlicher. – »Nein, den kenne ich leider nicht!«, antwortet die Gefragte erschrocken und läuft schnell weiter, nicht ohne einen hilflos-entschuldigenden Schulterblick, als fürchte sie, persönlich für meine Frage zur Verantwortung gezogen zu werden.


Der Weg auf das Klinikgelände führt über eine vergitterte Brücke
Foto: U. Prem


Auch die Beschilderung des Geländes ist nicht gerade aussagekräftig, weshalb ich schließlich in das nächstbeste Gebäude hineinlaufe, in der Hoffnung, eine gehaltvollere Auskunft zu bekommen. Wie ausgestorben scheint alles zu sein, an diesem trüben Samstagnachmittag. Als ich mich suchend umblicke, verfängt sich mein Auge an einer imposanten Gedenktafel. Die Botschaft darauf ist in Großbuchstaben in den edlen Stein hineingehauen und scheint den Anlass meines Besuchs höhnisch zu konterkarieren. Ich bleibe also stehen und lese die Worte zur Sicherheit ein zweites Mal. Anschließend zücke ich die Kamera und halte das Unfassbare fotografisch fest, um auch später noch sicher sein zu können, unter keinem Sehfehler zu leiden:


Wandtafel im BKH Bayreuth
Foto: U. Prem

»Im Gedenken an die Opfer der Psychiatrie im Nationalsozialismus«, ist da zu lesen. Ich schlucke. Das leichte Gefühl des Unbehagens, das mich schon beim Gang über die vergitterte Brücke, die auf das Gelände führt, ergriffen hatte, steigert sich zu einer deutlichen Panik. Die alte, entsetzliche Schuld, abgespalten und in Stein verewigt, um den Epigonen so das Leben zu erleichtern. – Nun ja. Dass die kognitiven Dissonanzen an diesem Ort fröhliche Urständ feiern, hatte ich schließlich vorher gewusst. Ein mir entgegenkommender Patient einer anderen Abteilung ist es schließlich, der mir die richtige Richtung weist. Ganz nach hinten durchgehen müsse ich, erklärte er freundlich, das weiße Haus mit den grünen Fenstern und den Überwachungskameras liege ein wenig versteckt. Warum bloß wundert mich das nicht?


Samstagsnachmittagsgrabesruhestimmung


Als ich es gefunden habe, betätige ich eine Türklingel. Durch eine Sprechanlage trage ich mein Anliegen vor. »Da sind Sie auf der falschen Seite, Sie müssen um das Gebäude rumgehen, da kommen Sie an ein weißes Gitter, dahinter ist der Eingang«, sagt eine schwer einschätzbare Männerstimme. Aha, danke! Nochmals rufe ich alle Kräfte meiner Ratio zur Hilfe. Suggeriere mir, dass dies ein ganz normaler Besuch und kein Grund zur Panik sei. Dass man mich ganz sicher nach der Besuchszeit wieder gehen lassen werde. Ich versuche, mich zu erinnern, wem ich alles von meinem Besuchsvorhaben erzählt hatte und wann die betreffenden Menschen im Zweifelsfall beginnen würden, nach meinem Verbleib zu forschen. Hatte ich nicht eindeutig zu wenigen Leuten davon erzählt?


In diesem Gebäude des BKH Bayreuth ist Gustl Mollath noch immer
gegen seinen Willen untergebracht.
Foto: U. Prem


Alberne Gedanken. Doch sie kommen unwillkürlich, in dieser Samstagnachmittagsgrabesruhestimmung, die wie ein unsichtbares, doch umso schwereres Leichentuch auf dem Gelände lastet. Dies ist kein freundlicher Ort, so viel ist klar. Umso mehr nehme ich mir vor, Gustl Mollath nach Kräften aufzuheitern, der inzwischen schon im achten Jahr unter solchen Umständen existieren muss.

Eine automatische Tür öffnet sich, ich trete ein. Rechts von mir eine Pförtnerloge. Panzerverglast. Den dahintersitzenden Mann vom Sicherheitsdienst erkenne ich nur schemenhaft. Ich trage mein Sprüchlein vor. »Ihren Personalausweis bitte!« – Wie von Zauberhand bewegt fährt ein Schubfach aus der Wand, ich lege den Ausweis hinein, der sofort in der Mauer verschwindet. »Den bekommen Sie oben auf der Station wieder!«, sagt die panzerverglaste Stimme sachlich. Warum fühlt sich das an wie eine beginnende Entrechtung?

Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken und nehme Schließfachschlüssel und Besucherausweis aus dem sich erneut öffnenden Schubfach. Ein zweiter SD-Mann mustert mich mit berufsmäßigem Grundmisstrauen, bittet mich, meine Handtasche abzulegen und durch eine Sicherheitsschleuse zu treten. Ob vielleicht ein Foto mit Herrn Mollath gestattet sei, frage ich, doch er verneint. Dies bedürfe einer ausdrücklichen Genehmigung der Klinikleitung. Also nehme ich Notizblock, Stift und einen Umschlag mit Zeitungsartikeln heraus und schließe die Kamera samt der Tasche ein. Selbstverständlich werden auch die Zeitungsartikel, die ich für Gustl Mollath mitgebracht habe, einer kritischen Prüfung unterzogen, doch ich darf sie schließlich mit hineinnehmen.


Katakomben ohne Fluchtmöglichkeiten


Ein weiterer SD-Mann tritt hinzu und bedeutet mir, ihm zu folgen. Obwohl er nicht unfreundlich ist, will es mir nicht recht gelingen, ein locker-flockiges Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Nun ja. Ich habe es wenigstens versucht. Der Weg zum Besucherraum ist aber auch allzu bizarr: ein kahler, weiß getünchter Gang, Katakomben ohne Fluchtmöglichkeit, ohne Fenster. Sehen so rechtlose Räume aus? Welche Möglichkeiten gibt es wohl in einer solchen Umgebung, Menschen auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen?, denke ich unwillkürlich und spüre Atemnot in mir aufkommen. Einatmen. Ausatmen. Weiter.

Wenig später haben wir den Gang durchmessen und treten wieder ans Tageslicht. Ich atme auf. Noch eine kurze Fahrt mit dem Fahrstuhl, kurz darauf stehe ich im Besucherraum. »Bitte warten Sie hier, ich hole Herrn Mollath!«, sagt der SD-Mann und verschwindet durch eine andere Tür.

Ich stehe alleine in einem Raum mit vier Tischen, ein paar Topfpflanzen und Bildern. Gustl Mollath wird mir im Laufe des Gesprächs erzählen, dass erst der wachsende Blick der Öffentlichkeit zu diesen kosmetischen Maßnahmen geführt habe. Auch ein paar Tischdecken seien ab diesem Zeitpunkt plötzlich realisierbar gewesen. Etwa fünf Minuten bin ich alleine. Sehe mir die Sicherheitsfenster an. Überlege, ob die Sprechanlage zugleich eine Abhöranlage sein könnte. Spüre Beklemmungen in mir aufsteigen: Was für eine Strafe, in dieser seelenlosen Umgebung sein Dasein fristen zu müssen!

Kurz darauf öffnet sich die Tür und Gustl Mollath steht im Raum. Offenbar ist er der einzige Gefangene, der an diesem Tag Besuch erwartet, denn kurz danach sind wir alleine. Der Sicherheitsdienst scheint sehr genau um Mollaths friedfertige Natur zu wissen, denn beide Türen werden geschlossen. Abgesehen von einer kurzen Unterbrechung durch einen Mitarbeiter, der mir mit neutraler Miene meinen Ausweis zurückgibt, werden wir in den folgenden drei Stunden ungestört sein: Zum ersten Mal seit dem Betreten des Klinikgeländes fühle ich mich durch die Anwesenheit des »ach so Gefährlichen« wieder sicher.

Der »Staatsfeind Nr. 1« erweist sich als sympathischer, hochintelligenter Gesprächspartner. Ja: Genau so hatte ich mir Gustl Mollath vorgestellt. Nüchtern und dennoch nicht ohne Galgenhumor berichtet er von seinen albtraumhaften Erlebnissen der vergangenen über sieben Jahre. Seiner Gefangennahme. Seiner vollständigen Entrechtung. Der kompletten Vernichtung seiner bürgerlichen Existenz. Ganz klar: Ich werde ihn weiter unterstützen, bis seine Entlassung und vollständige Rehabilitierung erreicht ist. Jetzt erst recht!


Aktuelle Mitteilung vom 16. Mai 2013  
Heute Mittag wurde die Zelle von Herrn Mollath im BKH Bayreuth durchsucht. Herr Mollath wurde aufgefordert, während der Durchsuchung die Zelle zu verlassen. Es wurden vier CDs von Report Mainz und eine CD von Film-Produktionsgesellschaften abgenommen. Herr Mollath bekam die Auflage, bis nächste Woche drei Umzugskartons mit Akten vollzupacken und abzugeben. Dies sei wegen der Brandgefahr erforderlich. 
Herr Mollath hat derzeit verschiedene Verfahren laufen, deshalb ist ein Zugriff auf seine Unterlagen erforderlich. Die Aufforderung, die Kartons außerhalb seines direkten Zugriffs zu geben, stellt eine Behinderung der Verteidigung dar. 
Die Zellendurchsuchung erfolgte, wie der Pfleger der Anwältin von Gustl Mollath bestätigte, aufgrund des Zufallsprinzips, weil immer wieder die Zellen durchsucht werden müssen. Es gab also keinen konkreten Anlass für die Durchsuchung, außer dem, dass Herr Mollath in einem psychiatrischen Krankenhaus zwangsweise untergebracht ist.

Es wird verwiesen auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 11.03.2008: 1 BvR 2074/05, 1 BvR 1254/07 
Herr Dr. Strate hat der Maßnahme gegenüber dem BKH widersprochen. Zwischenzeitlich wurde RAin Lorenz-Löblein mündlich mitgeteilt, dass im Lauf der nächsten Woche eine Entscheidung ergehen soll, wo die Akten gelagert werden könnten. 

Erklärung zu Gustl Mollaths Telefonbeschränkungen 
Wenn das Personal Anrufern mitteilt, Herr Mollath möchte mit ihnen nicht telefonieren, so ist das falsch. Richtig ist, aufgrund einer Telefonregelung seit dem Tag des Interviews mit dem Bayerischen Rundfunk ist es Herrn Mollath nicht möglich, jeden Anruf wahrzunehmen. Herr Mollath bittet um Verständnis. 
(Quelle: Erika Lorenz-Löblein, Anwältin von Gustl Mollath)


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