Mein erster Besuch bei Gustl Mollath im BKH Bayreuth beginnt
mit einer Suche. Nicht einmal eine zufällig des Weges kommende Klinikmitarbeiterin
scheint je von ihm gehört zu haben: In welcher Abteilung dieser Herr Mollath
liege, unter welcher Krankheit er leide und wie lange er schon da sei, fragt
sie mich mit verständnislosem Blick. »Ich möchte zu Gustl Mollath, Deutschlands bekanntestem
politischen Gefangenen, der sich schon seit Jahren hier in der Forensik
befindet!«, wiederhole ich meine Frage etwas deutlicher. – »Nein, den kenne ich
leider nicht!«, antwortet die Gefragte erschrocken und läuft schnell weiter,
nicht ohne einen hilflos-entschuldigenden Schulterblick, als fürchte sie, persönlich
für meine Frage zur Verantwortung gezogen zu werden.
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Der Weg auf das Klinikgelände führt über eine vergitterte Brücke
Foto: U. Prem |
Auch die Beschilderung des Geländes ist nicht gerade
aussagekräftig, weshalb ich schließlich in das nächstbeste Gebäude hineinlaufe,
in der Hoffnung, eine gehaltvollere Auskunft zu bekommen. Wie ausgestorben
scheint alles zu sein, an diesem trüben Samstagnachmittag. Als ich mich suchend
umblicke, verfängt sich mein Auge an einer imposanten Gedenktafel. Die
Botschaft darauf ist in Großbuchstaben in den edlen Stein hineingehauen
und scheint den Anlass meines Besuchs höhnisch zu konterkarieren. Ich bleibe
also stehen und lese die Worte zur Sicherheit ein zweites Mal. Anschließend
zücke ich die Kamera und halte das Unfassbare fotografisch fest, um auch später
noch sicher sein zu können, unter keinem Sehfehler zu leiden:
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Wandtafel im BKH Bayreuth
Foto: U. Prem |
»Im Gedenken an die Opfer der Psychiatrie im
Nationalsozialismus«, ist da zu lesen. Ich schlucke. Das leichte Gefühl des
Unbehagens, das mich schon beim Gang über die vergitterte Brücke, die auf das
Gelände führt, ergriffen hatte, steigert sich zu einer deutlichen Panik. Die
alte, entsetzliche Schuld, abgespalten und in Stein verewigt, um den Epigonen so das Leben zu
erleichtern. – Nun ja. Dass die kognitiven Dissonanzen an diesem Ort fröhliche
Urständ feiern, hatte ich schließlich vorher gewusst. Ein mir entgegenkommender Patient einer anderen Abteilung ist es schließlich, der mir die richtige Richtung weist. Ganz nach hinten durchgehen müsse ich, erklärte er
freundlich, das weiße Haus mit den grünen Fenstern und den Überwachungskameras
liege ein wenig versteckt. Warum bloß wundert mich das nicht?
Samstagsnachmittagsgrabesruhestimmung
Als ich es gefunden habe, betätige ich eine Türklingel. Durch
eine Sprechanlage trage ich mein Anliegen vor. »Da sind Sie auf der falschen
Seite, Sie müssen um das Gebäude rumgehen, da kommen Sie an ein weißes Gitter,
dahinter ist der Eingang«, sagt eine schwer einschätzbare Männerstimme. Aha,
danke! Nochmals rufe ich alle Kräfte meiner Ratio zur Hilfe. Suggeriere mir,
dass dies ein ganz normaler Besuch und kein Grund zur Panik sei. Dass man mich
ganz sicher nach der Besuchszeit wieder gehen lassen werde. Ich versuche, mich
zu erinnern, wem ich alles von meinem Besuchsvorhaben erzählt hatte und wann
die betreffenden Menschen im Zweifelsfall beginnen würden, nach meinem Verbleib
zu forschen. Hatte ich nicht eindeutig zu wenigen Leuten davon erzählt?
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In diesem Gebäude des BKH Bayreuth ist Gustl Mollath noch immer
gegen seinen Willen untergebracht.
Foto: U. Prem |
Alberne Gedanken. Doch sie kommen unwillkürlich, in dieser
Samstagnachmittagsgrabesruhestimmung, die wie ein unsichtbares, doch umso
schwereres Leichentuch auf dem Gelände lastet. Dies ist kein freundlicher Ort,
so viel ist klar. Umso mehr nehme ich mir vor, Gustl Mollath nach Kräften
aufzuheitern, der inzwischen schon im achten Jahr unter solchen Umständen
existieren muss.
Eine automatische Tür öffnet sich, ich trete ein. Rechts von
mir eine Pförtnerloge. Panzerverglast. Den dahintersitzenden Mann vom
Sicherheitsdienst erkenne ich nur schemenhaft. Ich trage mein Sprüchlein vor. »Ihren
Personalausweis bitte!« – Wie von Zauberhand bewegt fährt ein Schubfach aus der
Wand, ich lege den Ausweis hinein, der sofort in der Mauer verschwindet. »Den
bekommen Sie oben auf der Station wieder!«, sagt die panzerverglaste Stimme
sachlich. Warum fühlt sich das an wie eine beginnende Entrechtung?
Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken und nehme
Schließfachschlüssel und Besucherausweis aus dem sich erneut öffnenden
Schubfach. Ein zweiter SD-Mann mustert mich mit berufsmäßigem Grundmisstrauen, bittet
mich, meine Handtasche abzulegen und durch eine Sicherheitsschleuse zu treten.
Ob vielleicht ein Foto mit Herrn Mollath gestattet sei, frage ich, doch er
verneint. Dies bedürfe einer ausdrücklichen Genehmigung der Klinikleitung. Also
nehme ich Notizblock, Stift und einen Umschlag mit Zeitungsartikeln heraus und
schließe die Kamera samt der Tasche ein. Selbstverständlich werden auch die
Zeitungsartikel, die ich für Gustl Mollath mitgebracht habe, einer kritischen
Prüfung unterzogen, doch ich darf sie schließlich mit hineinnehmen.
Katakomben ohne
Fluchtmöglichkeiten
Ein weiterer SD-Mann tritt hinzu und bedeutet mir, ihm zu
folgen. Obwohl er nicht unfreundlich ist, will es mir nicht recht gelingen, ein
locker-flockiges Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Nun ja. Ich habe es wenigstens
versucht. Der Weg zum Besucherraum ist aber auch allzu bizarr: ein kahler, weiß
getünchter Gang, Katakomben ohne Fluchtmöglichkeit, ohne Fenster. Sehen so
rechtlose Räume aus? Welche Möglichkeiten gibt es wohl in einer solchen
Umgebung, Menschen auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen?, denke ich
unwillkürlich und spüre Atemnot in mir aufkommen. Einatmen. Ausatmen. Weiter.
Wenig später haben wir den Gang durchmessen und treten
wieder ans Tageslicht. Ich atme auf. Noch eine kurze Fahrt mit dem Fahrstuhl,
kurz darauf stehe ich im Besucherraum. »Bitte warten Sie hier, ich hole Herrn
Mollath!«, sagt der SD-Mann und verschwindet durch eine andere Tür.
Ich stehe alleine in einem Raum mit vier Tischen, ein paar
Topfpflanzen und Bildern. Gustl Mollath wird mir im Laufe des Gesprächs
erzählen, dass erst der wachsende Blick der Öffentlichkeit zu diesen kosmetischen Maßnahmen geführt habe. Auch ein paar Tischdecken seien
ab diesem Zeitpunkt plötzlich realisierbar gewesen. Etwa fünf Minuten bin ich
alleine. Sehe mir die Sicherheitsfenster an. Überlege, ob die Sprechanlage
zugleich eine Abhöranlage sein könnte. Spüre Beklemmungen in mir aufsteigen:
Was für eine Strafe, in dieser seelenlosen Umgebung sein Dasein fristen zu müssen!
Kurz darauf öffnet sich die Tür und Gustl Mollath steht im
Raum. Offenbar ist er der einzige Gefangene, der an diesem Tag Besuch erwartet,
denn kurz danach sind wir alleine. Der Sicherheitsdienst scheint sehr genau um
Mollaths friedfertige Natur zu wissen, denn beide Türen werden geschlossen. Abgesehen
von einer kurzen Unterbrechung durch einen Mitarbeiter, der mir mit neutraler
Miene meinen Ausweis zurückgibt, werden wir in den folgenden drei Stunden
ungestört sein: Zum ersten Mal seit dem Betreten des Klinikgeländes fühle ich
mich durch die Anwesenheit des »ach so Gefährlichen« wieder sicher.
Der »Staatsfeind Nr. 1« erweist sich als sympathischer,
hochintelligenter Gesprächspartner. Ja: Genau so hatte ich mir Gustl Mollath
vorgestellt. Nüchtern und dennoch nicht ohne Galgenhumor berichtet er von seinen
albtraumhaften Erlebnissen der vergangenen über sieben Jahre. Seiner Gefangennahme.
Seiner vollständigen Entrechtung. Der kompletten Vernichtung seiner
bürgerlichen Existenz. Ganz klar: Ich werde ihn weiter unterstützen, bis seine
Entlassung und vollständige Rehabilitierung erreicht ist. Jetzt erst recht!
Aktuelle Mitteilung
vom 16. Mai 2013
Heute Mittag wurde die Zelle von Herrn Mollath im BKH
Bayreuth durchsucht. Herr Mollath wurde aufgefordert, während der Durchsuchung
die Zelle zu verlassen. Es wurden vier
CDs von Report Mainz und eine CD
von Film-Produktionsgesellschaften abgenommen. Herr Mollath bekam die Auflage, bis nächste Woche
drei Umzugskartons mit Akten vollzupacken und abzugeben. Dies sei
wegen der Brandgefahr erforderlich.
Herr Mollath hat derzeit verschiedene Verfahren laufen,
deshalb ist ein Zugriff auf seine Unterlagen erforderlich. Die Aufforderung,
die Kartons außerhalb seines direkten Zugriffs zu geben, stellt eine
Behinderung der Verteidigung dar.
Die Zellendurchsuchung erfolgte, wie der Pfleger der Anwältin von Gustl Mollath bestätigte,
aufgrund des Zufallsprinzips, weil immer wieder die Zellen durchsucht werden
müssen. Es gab also keinen konkreten Anlass für die Durchsuchung, außer dem,
dass Herr Mollath in einem psychiatrischen Krankenhaus zwangsweise
untergebracht ist.
Es wird verwiesen auf das Urteil des
Bundesverfassungsgerichts vom 11.03.2008: 1 BvR 2074/05, 1 BvR 1254/07
Herr Dr. Strate hat der Maßnahme gegenüber dem BKH widersprochen.
Zwischenzeitlich wurde RAin Lorenz-Löblein mündlich mitgeteilt, dass im Lauf
der nächsten Woche eine Entscheidung ergehen soll, wo die Akten gelagert werden
könnten.
Erklärung zu Gustl
Mollaths Telefonbeschränkungen
Wenn das Personal Anrufern
mitteilt, Herr Mollath möchte mit ihnen nicht telefonieren, so ist das falsch.
Richtig ist, aufgrund einer Telefonregelung seit dem Tag des Interviews mit dem
Bayerischen Rundfunk ist es Herrn Mollath nicht möglich, jeden Anruf
wahrzunehmen. Herr Mollath bittet um Verständnis.
(Quelle: Erika Lorenz-Löblein, Anwältin von Gustl Mollath)
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