Sonntag, 14. Juli 2019

495. »Grenzbereich Tod«


Teil 495 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Friedhöfe - für viele unheimliche Orte

DER SPIEGEL (1) fragte auf dem Cover der Ausgabe Nr. 17 vom 20.4.2019 »WER GLAUBT DENN SOWAS?« Der Untertitel der Schlagzeile »Warum selbst Christen keinen Gott mehr brauchen«. Diese provokative Feststellung kann DER SPIEGEL zwar nicht belegen, bemerkenswert sind aber die konkreten Zahlen aus über die Deutschen und ihren Glauben. 2005, so vermeldet DER SPIEGEL, glaubten noch 45% der Befragten an ein Leben nach dem Tod. Nach den aktuellen Umfrageergebnissen sind es nur noch 40%.

Deutlich »gläubiger« sind Katholiken nach wie vor: 2005 bekundeten noch 65% der Befragten Katholiken, dass ihrer Überzeugung nach der Tod nicht das Ende ist, aktuell sind es nur noch 53%. Bei den Protestanten glaubten anno 2005 49% an ein Weiterleben nach dem Tod, heute sind es nur noch 41%.

Interessant ist, dass bei den »Konfessionslosen« die Zahl jener, die an ein Leben nach dem Tod glauben, anders als das bei Katholiken und Protestanten der Fall ist,  nicht etwa geschrumpft, sondern deutlich angewachsen ist, nämlich von 15% (anno 2005) auf 25%! Es glauben also heute mehr Konfessionslose als 2005 daran, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht. Meiner Meinung nach bedeutet »konfessionslos« nicht grundsätzlich, dass sich die Menschen vom christlichen Glauben abwenden. Viele von ihnen können einfach nichts mehr mit einer Institution Kirche anfangen. Skandale wie der schlimme Missbrauch von Kindern durch Geistliche haben sicher zu Kirchenaustritten geführt. Man kann sich von der Geistlichkeit distanzieren, dabei aber bei alten Glaubensüberzeugungen bleiben.

Foto 2: »Wer glaubt denn sowas?«
Unerwartet ist für mich, dass der Glaube an ein Leben nach dem Tod mit dem Alter nicht wächst, sondern sinkt. Bekundeten in der Altersgruppe der 18- bis 39-jährigen 43%, dass sie an ein Leben nach dem Tode glauben, so sind das bei den 65-jährigen und älteren Befragten nur noch 29%!
George Gallup Jr. führte in den USA eine ausführliche Untersuchung durch. Resultat: Hochgerechnet hatten etwa 23.000.000 Amerikaner zumindest kurzfristig einen »totenähnlichen Zustand« erfahren. 8.000.000 dieser Menschen hatten dabei »im Umfeld des Todes« so etwas wie ein »mystisches Erlebnis irgendeiner Art«. So umfassend die Recherchen von George Gallup Jr. auch waren, so sind sie doch nur bedingt verwertbar, wenn es um die Frage nach dem Leben nach dem Tode geht. Dr. Raymond A. Moody ist genau dieser Frage nachgegangen  und zum Ergebnis gekommen, dass es ein Leben nach dem Tode gibt. Nicht wenige Zeitgenossen hatten Nahtoderlebnisse, Visionen vom Weg ins Jenseits. Und da spielen Engel fast immer eine zentrale Rolle. Wenn das keine »fantastischen Realitäten« sind, was dann?

Dr. Raymond A. Moody (* 30. Juni 1944 in Porterdale, Georgia, USA) studierte zunächst Philosophie und promovierte zum Dr. phil. Nach einer Anstellung als Dozent studierte er Medizin und promovierte erneut. Schon während seines Studiums beschäftigte er sich intensiv mit unerklärlichen Phänomenen im Grenzbereich des Todes. Weltbekannt wurde er durch die Veröffentlichung seiner Studie »Leben nach dem Tod« (1). Es handelt sich dabei um eine wissenschaftliche Auswertung von Berichten von 150 Menschen, die im medizinisch-klinischen Sinne bereits gestorben waren und doch überlebt hatten. Dr. Moody kam zu einer Erkenntnis, die gar nicht in unser materialistisches Weltbild zu passen schien: Es gibt so etwas wie ein »Grundschema« des Sterbens. So unterschiedlich die Individualschicksale auch waren, den Menschen, die bereits einmal klinisch tot waren, widerfuhr Vergleichbares. Zunächst einmal erlebten sie ihr eigenes Sterben.

Foto 3: Reise ins Licht...
Ein ganz typisches Todeserlebnis hatte die Amerikanerin Alberta Osborne (2). Sie stellte dem Verfasser einen persönlichen, ausführlichen Bericht zur Verfügung. Alberta Osborne erlebte ihren eigenen Tod so: »Ich schloss die Augen und fiel zu Boden. Ich wurde aufs Bett gelegt. Die Krankenschwester begann sofort mit der Herzmassage. Es gelang ihr, mein Herz wieder in Ganz zu bringen. Ich keuchte und mein Herz blieb stehen. Sie ließ nicht von mir ab bis der Notarzt da war und übernahm. Mein Atem raste und der Schmerz schlug heftig und schnell. Auf dem schnellsten Wege kam ich in die Intensivstation des Krankenhauses. Ich war bei Bewusstsein. Ich registrierte alles, was geschah. Ich wurde an den Herzschlagmonitor angeschlossen und konnte den Schlag meines Herzens hören. Ich hörte wie eine Schwester zum Arzt sagte: ›Der Blutdruck fällt!‹ und ›Ich fühle keinen Puls mehr!‹ Wie ein Blitz kam mir der Gedanke: ›So, nun bin ich tot!‹«

Alberta Osborne wurde Mitte der 1970er Jahre wegen Anstiftung zum Mord zum Tod auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. Die Todesstraferteil wurde in lebenslängliche Haft umgewandelt. Alberta Osborne, die immer ihre Unschuld beteuerte, verstarb am 11. August 2000 77jährig in ihrer Gefängniszelle, in Marysville, Ohio, USA.

Dr. Moody: »Ein Mensch liegt im Sterben. Während seine körperliche Bedrängnis sich ihrem Höhepunkt nähert, hört er, wie der Arzt ihn für tot erklärt. Danach befindet er sich plötzlich außerhalb seines Körpers.« Zunächst nimmt er sich in der normalen Umgebung wahr. Er sieht seinen eigenen Leib. Nach und nach gewöhnt er sich an den neuen Zustand. Alberta Osborne: »Ich hatte keine Angst. Ich sah meinen Körper, als ob ich schwebte, wie ohne Gewicht. Ich muss sagen: Ich war so glücklich und voller Freude, ohne Sorge. Kein Kummer, kein Schmerz, nur völlige Heiterkeit.« Nach Dr. Moodys Erkenntnissen wird die Tatsache, dass man gestorben ist, schnell akzeptiert. Dann folgt dann so etwas wie eine »Reise« ins Jenseits. Sie wird von vielen der Betroffenen häufig als ein Flug durch so etwas wie einen Tunnel beschrieben.

Hannelore S. etwa, 41, hatte mit 29 einen »tödlichen Motorradunfall«. Aus ihrem Bericht an den Verfasser: »Ich fühlte mich leicht und ohne Schmerz. Ich schwebte und sah einige Meter unter mir meinen Körper. Ein Arzt kniete neben mir, schüttelte den Kopf: ›Da ist nichts mehr zu machen! Die Ärmste ist tot!‹ Er wirkte so wahnsinnig traurig, dass ich ihn am liebsten getröstet hätte. Aber dann tat sich  ein Tunnel vor mir auf. Ich flog hinein. Ich hatte das deutliche Gefühl, dass es sehr rapide aufwärts ging. Plötzlich tauchte am Ende ein strahlendes Licht auf. Es war so wunderschön. Ich konnte gar nicht erwarten, in dieses Licht einzutauchen.«

Der Übergang von der Welt des Diesseits in das Jenseits wird von vielen Menschen, die Todeserlebnisse hatten, sehr ähnlich beschrieben, auch wenn die  konkreten Ausdrücke variieren: »dunkler Raum«, »Höhle«, »Schacht«, »Rinne«, »eingegrenzter Raum«, »Tunnel«, »Trichter«, »Vakuum«, »Leere«, »Rohr«, »Tal« oder »Zylinder«.

Ganz ähnliches widerfuhr auch Alberta Osborne. Allerdings hatte sie kein Röhrenerlebnis, sie sah
vielmehr gleich das als herrlich empfundene Licht: »Da war kein Kummer, kein Schmerz. Nur völlige Heiterkeit. Und als ich weiter schwebte, sah ich plötzlich vor mir ein sanftes orangenes Licht. Es war so hell, dass es mit Worten nicht zu beschreiben war. Es war fast blendend, aber ich sah immerzu hinein und schwebte näher und fühlte nur, dass ich mich beeilen wollte, um hineinzugelangen. Es sah so sanft aus, wie ein enormer Ball aus Zuckerwatte. Obwohl ich immer wieder sagen muss, dass Worte die Schönheit von all dem nicht beschreiben können: So war es in etwa.«

Während meines Studiums der evangelischen Theologie machte ich ein Praktikum in einem Altersheim. Einige der alten Menschen fassten Vertrauen zu mir und erzählten mir sehr persönliche Erlebnisse in Sachen »Grenzbereich Tod«.

Foto 4: Sterben, wie ein Gang durch einen Tunnel?

Karl Schuster (3) bereiste in Mitte der 1950er Jahre Peru. Besonders fasziniert war der gelernte Buchdrucker von Ollantaytambo. Karl Schuster: »Ich hatte zu wenig Zeit und habe mir wohl zu viel zugemutet. In Ollantaytambo, immerhin fast 2.800 Meter hoch gelegen, wurde mir plötzlich schlecht. Ich erinnere mich noch daran, dass ich aus einem in Stein gefassten Brunnen trinken wollte. Das Wasser war glasklar. Ich habe noch das Geräusch des plätschernden Wassers in den Ohren… «
Karl Schuster, damals 55 Jahre alt, bückte sich, doch bevor er einen Schluck zu sich nehmen konnte, wurde ihm schwarz vor Augen. Er brach zusammen, zog sich dabei eine blutende Wunde an der Stirn zu.

»Plötzlich hörte ich einen anschwellenden, zirpenden Ton. Ich fühlte mich so unglaublich leicht. Meine Rückenschmerzen, unter denen ich damals fast rund um die Uhr gelitten habe, waren weg. Ich empfand es als ganz natürlich, dass ich sanft gen Himmel schwebte, immer schneller und schneller. Schließlich sah ich unter mir die Ruinen von Olantaytambo.«

Foto 5: Ein Brunnen bei Ollantaytambo...

Karl Schuster bedauerte, keinen Fotoapparat dabei zu haben. »Der Anblick war überwältigend! Immer höher und höher stieg ich auf. Neben mir, rechts und links, schwebten zwei Gestalten mit Flügeln. Ihre Gesichtszüge konnte ich nicht erkennen, sie wirkten irgendwie verschwommen. Etwas sehr Positives ging von den beiden aus. Beide deuteten dann auf etwas Helles, sich am Himmel Drehendes. Es erinnerte mich an einen Wasserstrudel. Es kam mir so vor, als würden mich die beiden Gestalten zu diesem Wirbel bringen. Der wurde immer größer und größer. Er drehte sich gemächlich. Ich wusste: Das war der Zugang zur anderen Welt. Als wir fast direkt vor diesem kreisrunden Licht angekommen waren, konnte ich durch diesen Eingang hindurch sehen. Ich sah Gesichter, Gesichter von alten Menschen, aber auch von Kindern. Ich erkannte niemanden. Plötzlich hielten wir inne. Ich wollte so gern durch dieses runde Tor in die andere Welt eingehen. Meine beiden Begleiter aber hinderten mich daran. Es sei noch nicht so weit, ich hätte noch vieles in meinem Leben zu erledigen!«

Karl Schuster spürte so etwas wie einen Ruck und Kälte.»Ich war wieder in meinem Körper. Ein junger Mann schöpfte eben wieder mit seinem Hut  glasklares Wasser aus der Quelle, schleuderte es mir förmlich ins Gesicht. Ich wäre gern den anderen Weg zu Ende gegangen, aber die Zeit war wohl noch nicht gekommen…« Angst vor dem Tod hatte Kerl Schuster seither nicht mehr.

Fußnoten
1) DER SPIEGEL, Nr. 17, 20.4.2019, Titelgeschichte »Wer glaubt denn sowas? Warum selbst Christen keinen Gott mehr brauchen«, S.40-48
2) Osborne, Alberta: »Alberta Osbornes Bericht« in Langbein, Walter-Jörg (Herausgeber): »Im Gespräch mit dem Jenseits«, Göttingen 1984
3) Name wurde geändert

Zu den Fotos
Foto 1: Friedhöfe - für viele unheimliche Orte. Foto: Walter-Jörg Langbein (Symbolfoto)
Foto 2: »Wer glaubt denn sowas?«
Foto 3: Reise ins Licht... Foto: Walter-Jörg Langbein (Symbolfoto)
Foto 4: Künstlerische Darstellung eines Nahtoderlebnisses. Foto wikimedia commons/ gemeinfrei/ Jesse Krauß (Symbolfoto)
Foto 5: Ein Brunnen beiOllantaytambo... Foto Walter-Jörg Langbein (Symbolfoto)

496. »Licht und Hölle im Nahbereich Tod«
Teil 496 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 21. Juli 2019




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Sonntag, 7. Juli 2019

494. »Berichte vom Leben nach dem Tod«

Teil 494 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: »Aufstieg der Seligen«
Um das Jahr 1500 malte Hieronymus Bosch (* um 1450, † August 1516) ein faszinierendes Ölbild, das stark an Nahtoderlebnisse erinnert: »Die Himmelfahrt der Seligen«. Die glücklichen Seelen werden, wie häufig in christlicher Kunst, nackt dargestellt. Halb schweben sie aus irdischen Gefilden in den Himmel, halb werden sie von Engeln in die Schwärze des Alls gebracht. Eine Himmelfahrt im eigentlichen Sinne findet, streng genommen, nicht statt. Nur Jesus fuhr aus eigener Kraft gen Himmel, Normalsterbliche werden in den Himmel aufgenommen. Ziel der Reisenden der besonderen Art ist eine Art »Licht-Tunnel«, der Übergang vom Diesseits ins Jenseits. Den geretteten Seelen steht der Wechsel vom finsteren Diesseits ins lichtdurchflutete Jenseits bevor. Kaum ein zweiter Künstler hat diese Verbindung von Diesseits und Jenseits so konkret und doch zugleich fantastisch dargestellt wie Hieronymus Bosch.

Viele Parapsychologen und Esoteriker sind davon überzeugt, dass es diesen Tunnel ins Licht tatsächlich gibt. Fakt ist: Menschen, die klinisch tot waren, aber ins Leben zurück geholt wurden, schildern so einen Tunnel, an dessen Ende ein unbeschreibliches Licht auf sie wartete. Allerdings traten ihnen Engel entgegen oder Stimmen ließen vernehmen, dass ihre Zeit noch nicht gekommen sei. So mancher wollte dann gar nicht zurück ins Leben kehren. Alle, die derlei positive Jenseitserlebnisse haben, verlieren jede Angst vor dem Tod. Gibt es also so einen Übergang tatsächlich? Können Lebende mit Toten in der anderen Welt, jenseits des Tunnels, Kontakt aufnehmen?

Foto 2: Engel helfen beim »Aufstieg«...
Anders als in Deutschland werden in England Parapsychologen häufiger bei rational unerklärlichen Vorkommnissen zu Rate gezogen. Und das nicht nur von Privatpersonen, sondern auch von Behörden und von der Polizei. Die Engländer zeichnet ein wesentlich ungestörteres Verhältnis zu übersinnlichen Wahrnehmungen aus. Es wird einfach akzeptiert, dass es Wesen und Wesenheiten gibt, die zu unserer Realität gehören. Deutscher Bildungsdünkel und Hochmut tun sich da schwer. Betty und Laurence Stroud waren Ende des 20. Jahrhunderts sehr angesehene Parapsychologen in London. In London durfte ich Einblick in Unterlagen des Ehepaars nehmen. Da wurden zum Teil sehr erstaunliche Phänomene beschreiben. Beispiel: Eine Kraft hielt die alte Frau im Bett fest. So sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte sich, den sicheren Tod vor Augen, nicht von der Stelle rühren. Denn es brannte. Innerhalb weniger Sekunden wandelte sich das Bett von Mary Bailey in ein Flammenmeer, aus dem es kein Entrinnen mehr zu geben schien.

Dann folgte ein ohrenbetäubender Knall. Schweißgebadet und vor Angst zitternd wachte Mary Bailey, 89 Jahre, in ihrem Schlafzimmer auf. Hatte sie alles, auch den Krach, nur geträumt? Nein! Sowohl die Decke als auch die Matratze ihres Bettes waren von einem gewaltigen Riss gezeichnet. Die Angelegenheit wurde der alten Dame unheimlich. Sie dachte an Spuk und Poltergeister und verständigte die in England bekannten Parapsychologen Betty und Laurence Stroud. Als das Forscherpaar von den seltsamen Erlebnissen der Rentnerin Mary Bailey erfuhr, besuchten die beiden die alte Dame in ihrer Wohnung in Streatham, London.

Foto 3: Diese Kirche birgt eine mysteriöse Treppe.

Die beiden sahen sich im Haus um und  nahmen   systematisch mit einem  Geist Verbindung auf.»Der Krach wurde von Ihrem Cousin hervorgerufen, Frau Bailey!«, erklärte schließlich Betty Stroud, die auch eine Erklärung für das Phänomen hatte. »Ihr Cousin möchte Sie warnen! Große Gefahr geht von Ihrer Heizdecke aus!« Mary Bailey ließ die Heizdecke überprüfen. Ergebnis: Lebensgefahr ging von der Decke aus. Das lag an einem Kabel, dessen Isolierung stark beschädigt war. Die Rentnerin war nun überzeugt: Ihr toter Cousin, der zu Lebzeiten so etwas wie ein Bruder für die Frau war, hat ihr das Leben gerettet. Betty und Laurence Stroud halten diesen Gedanken durchaus für möglich: »Poltergeister haben ja bekanntlich keinen besonders guten Ruf, weil sie zu nächtlicher Stunde oft entsetzlichen Krach machen, manchmal auch schwere Gegenstände umher wirbeln. Das aber geschieht höchst selten, um jemanden zu erschrecken. Vielmehr verbirgt sich allzu oft hinter einem scheinbar unheimlichen Spuk ein Toter, der Lebende vor einer Gefahr warnen, sie auf eine gefährliche Situation aufmerksam machen möchte.«

Foto 4: Engel an der Heiligen Stiege
Freilich darf man sich, so die Strouds, Poltergeister auch nicht einfach als engelähnliche Wesen, vorstellen, die ständig und überall in unserer Welt umher schweben, stets auf der Suche nach Möglichkeiten, gute Taten zu vollbringen. Sie sind vielmehr, das ergaben die langjährigen Forschungen von Betty und Laurence Stroud, die ihre Forschungen in Woolwich, Südlondon, begannen, häufig an Gebäude oder bestimmte Personen gebunden. »Irgendeine Beziehung muss vorhanden sein. Poltergeister treten zum Beispiel in Häusern auf, in denen sie zu Lebzeiten lange Jahre verbrachten, oder in denen sie starben. Oder sie sind irgendwie verwandt oder doch zumindest besonders jenen Menschen bekannt, denen sie als Spuk erscheinen. Wie unheimlich die Spukerscheinung auch aussehen mag, wie furchteinflößend sie von den betroffenen Menschen auch empfunden werden mögen, meist handelt es sich um verzweifelte Versuche von Geistwesen, mit Lebenden Kontakt aufzunehmen und sie zu warnen.«

Davon jedenfalls waren die Strouds überzeugt. Diese ihre Überzeugung kam keineswegs von ungefähr, sondern ist durch zahllose Spukfälle, die das Ehepaar selbst recherchiert und vor Ort geprüft hat, belegt. Ein typischer Fall, der sich in Woolwich ereignet hat: Eine junge Frau erlebte furchteinflößende Spukphänomene in ihrem Haus. So erschütterten einmal drei Donnerschläge ihr Haus. Wie von unsichtbaren Händen gepackt, wurden die Kinder aus den Betten geschleudert. Dabei wurden die Betten hochgewirbelt. Krachend stürzten sie zu Boden.

»Im Zimmer, in dem die Wiege des Babys stand, waren die Möbel förmlich in sich zusammengebrochen.«, berichten die Strouds. Das Baby war unverletzt geblieben, was an ein Wunder grenzte, angesichts des fürchterlichen Durcheinanders, der nach dem Spuk im Zimmer herrschte. Welche Kräfte waren für das Werk der Zerstörung verantwortlich? Was hat die Möbelstücke so zugerichtet? Angeblich wiesen sie keine Spuren auf, die eine »natürliche Erklärung« nahegelegt hätten. Man kann der »übersinnlichen Arbeit« der Strouds durchaus skeptisch gegenüberstehen, ihre Resultate stimmen nachdenklich. Im vorliegenden Fall identifizierte das Forscherpaar den Geist der Großmutter als Urheberin der Poltergeistphänomene. Die Dahingeschiedene, so Ehepaar Stroud, wollte der jungen Frau eine Warnung zukommen lassen. Ihr Mann saß wegen schwerer Körperverletzung im Gefängnis und würde bald entlassen werden. Seine Frau hatte gegen ihn ausgesagt. Dafür wollte sich der Mann nach der Haftentlassung blutig rächen. Der Geist wollte die Frau, so die Strouds, warnen. Die junge Frau packte das Nötigste zusammen und verließ fluchtartig ihr Haus, rechtzeitig bevor ihr Mann mit Mordabsichten auf der Bildfläche erschien.

Immer wieder wurden die Strouds von der Polizei zugezogen, so in einem unheimlichen Spukfall, der sich in Greenwich abspielte. Im Hause einer Frau begann immer wieder eine Gitarre zu spielen, obwohl keine sichtbare Hand das Instrument berührte. Dann verschwanden alle möglichen Gegenstände aus der Wohnung. Was gefährlicher war: Backsteine wurden mit vehementer Kraft an die Haustür geschleudert. Halbstarke waren nicht die Übeltäter, sondern eine unsichtbare, geheimnisvolle Kraft. Betty und Laurence Stroud wurden konsultiert. Sie erkannten sofort, dass da ein Geist eine Mitteilung machen wollte. Die Strouds nahmen Kontakt mit diesem Wesen auf. Es war der Bruder der vom Spuk betroffenen Frau, der von einem Zug überfahren worden war. Die amtliche Untersuchung hatte Selbstmord ergeben. Die Botschaft des Geistes aber lautete: Der Mann wurde bei einem Asthmaanfall ohnmächtig und stürzte vor den Zug. Für den kritisch-aufgeklärten Zeitgenossen unserer Tage mag es unerklärlich sein, wie die Strouds arbeiteten.

Foto 5: Heilige Stiege, Kalvarienberg Bad Tölz.
Wem Spukphänomene zu profan sind, besuche doch einmal Bad Tölz in Bayern. Vor rund 300 Jahren gab es da ein besonderes »Bauwerk«. Fromme Pilger erklommen den steilen Kalvarienberg. Es kostet wirklich einige Kraft aus dem Isartal heraus auf den Kalvarienberg hinauf zu steigen. Der Blick ins Tal entschädigt. Oben angekommen sahen die erschöpften Menschen vor drei Jahrhunderten die »Heilige Stiege«, die direkt in den Himmel zu führen schien. Gläubige, die nun auch noch die steile Treppe, womöglich auf den Knien rutschend und intensiv betend, meisterten, sie mögen sich Stufe für Stufe dem Himmel näher gefühlt haben. 

1726 allerdings wurde über die Heilige Stiege die Kalvarien-Berg-Kirche gebaut, die Heilige Treppe verschwand unter einem barocken Gotteshaus mit zwei Türmen. So schön das Gotteshaus ist, die »Himmelsstiege« ist nicht mehr das, was sie einst war.

Der Kalvarienberg von Bad Tölz stellt für den informierten Christen den Hügel von Golgatha dar, auf dem Jesus  zwischen den zwei Sündern am Kreuz starb. Da der Opfertod nach christlicher Theologie Voraussetzung für die Erlösung und damit die Auferstehung in den Himmel ist, führt für den Gläubigen der Weg auf den Hügel von Golgatha in den Himmel.

Als Kalvarienberg bezeichnete man ursprünglich den Hügel vor der Stadtmauer Jerusalems, auf dem Jesu Kreuz stand. Kalvarienberge sollten den Gläubigen das letzte Stück von Jesu Leidensweg begreifbarer machen. So entstanden in der christlichen Welt »Kalvarienberge«, als Nachbildungen der Hinrichtungsstätte Jesu. Wem Nachbildungen nicht genügen, kann in Rom ein angebliches »Original« erleben. Zur Kapelle »Sancta Sanctorum« führt die »Heilige Treppe«. Angeblich handelt es sich dabei um die Original- Treppe aus dem Palast des römischen Statthalters von Judäa Pontius Pilatus. Pontius Pilatus hat nach christlicher Tradition Jesus verhört und zum Tod durch das Kreuz verurteilen lassen.

Foto 6: »Kreuzkirche«, Bad Tölz
Im Jahr 326 soll die Mutter Konstantins, die »Heiligen Helena«, die »Heilige Treppe« in Jerusalem ausfindig gemacht, ausgegraben und nach Rom geschafft haben. Für den gläubigen Christen sind diese Steine eine fantastische Realität der besonderen Art. Er kann auf Knien jenen Weg zurücklegen, den Jesus vor rund zwei Jahrtausenden ging: zu seinem »Prozess«, zu seiner Verurteilung zum Tode. Noch im 16. Jahrhundert stand die mysteriöse Treppe im Freien und führte zum Palast des Lateran. Erst Ende des 16. Jahrhunderts wurde sie im Auftrag von Papst Sixtus V. überbaut. Der rege Pilgerstrom machte es erforderlich, die steinernen Stufen vor Abnutzung zu schützen. So wurde anno 1723 eine Verkleidung aus Nussbaumholz angebracht. An der elften und an der 28. Stufe erlauben Fenster den Blick auf die marmornen Originalstufen, wo angeblich Blutspuren des gepeinigten Jesus zu sehen sind.

Zunächst gab es also die »Heilige Stiege« von Bad Tölz, die der Witterung schutzlos ausgeliefert war. Anno 1723 wurde sie mit einer Kirche überbaut. Davor entstand die 1726 geweihte Kreuzkirche. Beiden Kirchen wurden schließlich vereint und bildeten so eine Doppelkirche. Heute thront das weithin sichtbare Gotteshaus auf dem »Kalvarienberg« und bietet dem Weg aus irdischen in himmlische Gefilde Schutz. Dankbar erinnere ich mich an einen Besuch des christlichen Heiligtums mit guten Freunden aus Gerblinghausen. Vor blauem, grenzenlos wirkendem Himmel zeichnete sich das strahlende Weiß der Doppelkirche ab.


Literatur
Bonin Werner F. (Hrs.): »Lexikon der Parapsychologie, Das gesamte Wissen der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete«, Herrsching 1984
»Das Neue Zeitalter«: »Die guten Poltergeister. Tote warnen ihre Verwandten - Entschlüsselte Mitteilungen«, Ausgabe vom 9.4.1986
Höhne, Anita: »Lexikon des Übersinnlichen/ Altes Wissen und neue Phänomene«, München 1994
Holzer, Hans: »PSI-Kräfte/ Beweise für das Unglaubliche«, München, 3. Auflage 1975
Jacobson, Nils-Olof: »Leben nach dem Tod?/ Über Parapsychologie und Mystik«, Düsseldorf 1985
Keller, Werner: »Was gestern noch als Wunder galt/ Die Entdeckung geheimnisvoller Kräfte des Menschen«, Zürich 1973
Lucadou, Walter von: »Psi-Phänomene. Neue Ergebnisse der Psychokineseforschung«,Frankfurt am Main 1997
Neher, Andrew:  »Paranormal and Transcendental Experience: A Psychological Examination«, Dover 2011
Sanders, Pete A.: »Das Handbuch übersinnlicher Wahrnehmung: Übersinnliche Fähigkeiten entdecken und trainieren. Feinfühligkeit, Intuition, Hören innerer Stimmen, Hellsehen, Aurasehen und Selbstheilung«, Oberstdorf 2012
Zahlner, Ferdinand: »Paraphänomene und christlicher Glaube«, Innsbruck 1998

Zu den Fotos 
Foto 1: »Aufstieg der Seligen« von Hieronimus Bosch. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Engel helfen beim »Aufstieg«... Heilige Stiege, Bad Tölz, Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Diese Kirche birgt eine mysteriöse Treppe.Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Engel an der Heiligen Stiege, Bad Tölz, Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Heilige Stiege, Kalvarienberg Bad Tölz. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Kreuzkirche«, Bad Tölz. Foto Heidi Stahl


495. »Grenzbereich Tod«,
Teil 495 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 14. Juli 2019




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