Sonntag, 19. Februar 2017

370 »Familienidyll mit Monstern«

Teil  370 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein       
                


Foto 1: Unterwegs zur »Nikolauskapelle«.
Foto Walter-Jörg Langbein

»Landeskunde online« schreibt kurz und bündig in einer »digitalen Enzyklopädie des Kulturerbes« (1): »Die Nikolauskapelle im Untergeschoss des südlichen Hahnenturms gehört mit zum ältesten Baubestand des um 1200 begonnenen romanischen Münsterneubaus. Sie wurde im 14. Jahrhundert als Zugang zum neuen Chorumgang auch nach Osten hin aufgebrochen.«

Bevor das Münster zu Freiburg der Heiligen Mutter Gottes geweiht wurde, soll es unter dem Schutz des Heiligen Nikolaus gestanden haben. Diese These ist freilich umstritten und lässt sich nicht wirklich belegen. Sollte das Portal zur einstigen Nikolauskapelle auf einen längst vergessenen Kult hinweisen? Halten wir uns an die Fakten aus Stein, die rätselhaft genug sind!

Foto 2: Die mysteriöse »Familie«.
Mit Ingeborg Diekmann stehe ich vor dem Portal zur ehemaligen Nikolauskapelle. Links steht stolz eine Muttergottes mit dem Jesusknaben auf dem Arm. Die große Mondsichel könnte auch auf eine vorchristliche Mondgöttin hinweisen. Zu unserer Linken sehen wir auf niedrigem Säulenkapitell eine nur auf den ersten Blick idyllische Szene. Zwei Gestalten sind zu sehen. Eine davon hält ein Baby auf dem Arm, gibt dem kleinen Wicht die Brust. Die zweite Gestalt, vom Betrachter aus links, scheint die Hände zum Gebet zu heben. Sieht man näher hin, erkennt man ein weit profaneres Geschehen. Die linke Kreatur hält so etwas wie einen Fischschwanz noch oben. Und der gehört zum weiblichen Wesen mit dem Baby auf dem Arm. Wir treten näher und erkennen Monströses: Es ist ein Mischwesen mit dem Oberkörper einer menschlichen Frau und gleich zwei kräftigen Fischschwänzen als Unterleib. Die Mutter mit Baby an der Brust hat zwei Arme, zwei Beine.

Im großformatigen, opulent bebilderten Werk »Das Freiburger Münster« (2) lesen wir: »Linkerhand hat eine sogenannte Sirenenfamilie die beiden Eck-Kapitelle besetzt: fischschwänzige, nackte Kreaturen als sitzende Mutter mit Kind und eine dritte Figur, die eines der beiden Schwanzenden des Weibes emporhält.«

Biblisch ist diese Darstellung nicht, auch nicht im Entferntesten auch nur christlich angehaucht. Mich lässt diese mysteriöse Reliefarbeit im Freiburger Münster an Monstrositäten denken, die laut Historiker Eusebius von den Göttern geschaffen wurden:

Foto 3: Wesen mit Fischschwänzen...
»Menschen mit Schenkeln von Ziegen und Hörnern am Kopfe, noch andere, pferdefüßige, und andere von Pferdegestalt an der Hinterseite und Menschengestalt an der Vorderseite. Erzeugt hätten sie (die Götter) auch Stiere, menschenköpfige, und Hunde, vierleibige, deren Schweife nach Art der Fischschwänze rückseits an den Hinterteilen hervorliefen, auch Pferde mit Hundeköpfen...sowie andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte, dazu weiter auch allerlei drachenförmige Unwesen und Fische und Reptilien und Schlangen und eine Menge von Wunderwesen, mannigfaltig gearteten und untereinander verschieden geformten.«

Das Mutterwesen ist – wie bei Eusebius zu lesen –  »menschenleibig und nach Art der Fische beschwänzt«. Die Beschreibung des Eusebius trifft exakt auf das Relief im Freiburger Münster zu. Das Mutter-Wesen hat einen Menschenleib mit Armen und Beinen wie ein Mensch und es ist zusätzlich noch »nach Art der Fische beschwänzt«. Es ist also kein typisches Mischwesen, denn dann hätte es den Oberkörper eines Menschen und als Unterleib einen Fischschwanz, vergleichbar mit einer Nixe. Detlef Zinke mutmaßt (3), die Frau »reicht dem Kleinen die Brust, gleichsam als Parodie des dem Christentum vertrauten Madonnentypus der nährenden Mutter«.

Foto 4: Befremdliches »Monster-Idyll«

Eine »Parodie des dem Christentum vertrauten Madonnentypus« vermag ich freilich nicht zu erkennen. Warum sollte man auch in einem altehrwürdigen Gotteshaus vor rund einem Jahrtausend Jesu Mutter Maria parodiert haben, und das ausgerechnet im »Münster Unserer Lieben Frau«, das doch zu Ehren der Maria errichtet wurde? Die »nährende Mutter« Maria nannte man im Kirchenlatein »alma mater«. Die christliche »alma mater« freilich ist eine Kopie der heidnischen, der nährenden und segenspendenden Gottesmutter, die auch »magna mater«, also »Große Mutter« genannt wurde. Im christlichen Sprachgebrauch ist mit »alma mater« in der Regel die »Gottesmutter Maria« gemeint, im Römischen Reich war »alma mater« ein ehrender Beiname von Ceres, Tellus und Venus. Ceres war die römische Göttin der Fruchtbarkeit, auch des Ackerbaus. Auch wenn der Name »Tellus«  im Lateinischen männlich ist (4), so stand er doch für »terra mater«, für die mütterliche Erde. Ihr Pendant in Griechenland war »Gaia«. Und Venus – wie »Ceres« und »Tellus« trug auch sie den Beinamen »alma mater« - war die Göttin der Liebe (mit der Taube als Symboltier). Ceres, Tellus und Venus bilden ein feminines Dreiergespann, eine weibliche Trinität.

In Esther M. Hardings Werk »Frauen-Mysterien, einst und jetzt« (5) stieß ich auf eine mysteriöse Tradition. Demnach gebiert eine göttliche »Fisch-Mutter« den himmlischen »Sohn der Fischmutter«. Auch das Baby hat einen schuppigen Unterleib. Stellt also das rätselhafte Relief am Eingangstor zur einstigen Nikolauskapelle eine »Fisch-Mutter« und ihren »Sohn der Fischmutter« dar?

Foto 5: Melusine
Ich habe versucht, einer möglichst frühen »Fisch-Mutter« auf die Spur zu kommen. In der 4. Dynastie – also etwa 2620 bis 2500 v.Chr. – wurde »Hatmehit«, alias »Hat-Mehit«, verehrt, und zwar als eine Mischwesen aus Frau und Fisch. Geht also die aus heutiger Sicht monströse Fisch-Menschenfrau- oder Menschenfrau-Fisch-Gestalt auf ein göttliches Wesen zurück, das Jahrtausende vor Christi Geburt verehrt wurde? In der Heraldik ist die Melusine (Foto 5, rechts!) bekannt, angeblich ein mythologisches Wesen aus vorchristlichen Zeiten: weiblicher Oberkörper, zwei Fischschwänze als Unterleib. Meist hebt sie die Fischschwänze mit beiden Händen hoch.

Eine kuriose Parallele gibt es: Schon bei meinem ersten Besuch auf der Osterinsel anno 1992 zeigte man mir im Archiv des kleinen Museums einige Manuskripte. Die älteren stammten aus dem 19. Jahrhundert. Sorgsam ausgearbeitet waren angeblich exakte Kopien der bis heute nicht entzifferten Schriftzeichen (6) der Ur-Osterinsulaner. Immer wieder taucht ein seltsames Zeichen auf, das den wichtigen Gott Make Make darstellen soll: als Wesen mit halbwegs menschlichem Kopf und Oberkörper und dem Unterleib eines Fisches!

Fotos 6 und 7: Das Baby hält den Vogel

Zurück zu den Kapitellen am Eingang zur einstigen Nikolaus-Kapelle im Freiburger Münster. Links neben der Frau mit dem doppelten Fischschwanz und einem fischschwänzigen Baby an der Brust steht eine weitere Fisch-Mensch-Kreatur. Während die Mutter recht dominant wirkt, viel Platz einnimmt und auf einer Art Thron (?) zu sitzen scheint, steht die fischschwänzige Kreatur daneben, wie ein helfender Diener, der einen der Fischschwänze der Göttin (?) anhebt und hält. Detlef Zinke spekuliert vorsichtig (7): »So mag man, moralisierend, in ihnen (den Mischwesen) Personifikationen der Triebhaftigkeit und der Unzucht erblicken.« Mag ja sein, dass man dergleichen sieht, wenn man eine »Theologenbrille« trägt. Der unvoreingenommene Betrachter freilich vermag kein Anzeichen von personifizierter Triebhaftigkeit und Unzucht zu erkennen. Vielleicht bezeichnen wir die Kreaturen etwas voreilig als »Monster«, einfach weil sie auf uns sehr befremdlich wirken. Aber bei der dargestellten Familie der Fischschwanzträger geht es doch idyllisch-gesittet zu.


Fotos 8 und 9: Der Vogel – Symbol oder was?

Konzentrieren wir uns nun auf das Baby, das an der Brust der Dame mit Menschenleib und zwei Fischschwänzen liegt. Man übersieht leicht, dass das kleine Wesen mit einer Hand etwas festhält, nämlich einen Vogel. Der Vogel, vom fischschwänzigen Kind an den Beinen gepackt – was mag er darstellen? Christliche Interpreten vermuten, dass der Vogel für die Seele steht. Für welche Seele? Für die Seele des Babys? Hält das Baby die eigene Seele fest, weil es noch lange leben möchte?

Wir stehen vor einem kleinen, rätselhaften Relief, das wir nicht verstehen. Es ist, als würden wir ein Bild betrachten, zu dem es einst einen erklärenden Text gab, der freilich verschwunden ist. Verzichten wir darauf, uns eine »Erklärung« aus den Fingern zu saugen,  für ein »Familienidyll mit Monstern«!

Wenden wir uns den anderen Reliefs zu. Sie sind nicht weniger rätselhaft! Da gibt es zum Beispie den Kampf mit einem Fabelwesen! Fortsetzung folgt in einer Woche!

Foto 10: Kampf mit einem Fabelwesen

Fußnoten

1) http://www.zum.de/Faecher/G/BW/Landeskunde/rhein/freiburg/muenster/nikolauskapelle1.htm (Stand 24.11.2016)
2) Freiburger Münsterbauverein (Hrsg.): »Das Freiburger Münster«, 2. Auflage, 
     Regensburg 2011, S. 188
3) ebenda
4) Im Lateinischen ist die Endung »us« männlich, wie in »dominus«, der Herr. Die 
     Endung »a« ist weiblich - »domina«, die Herrin, Endung »um« ist Neutrum.
5) Harding, M. Esther: »Frauen-Mysterien, einst und jetzt«, Zürich 1949. Die 
     deutschsprachige Ausgabe ist gelegentlich in Antiquariaten erhältlich. Die US-
     Ausgabe soll demnächst – noch 2017? – neu aufgelegt werden.
6) Umstritten ist die interessante Publikation von Egbert Richter-Ushanas, der
     behauptet, die Urschrift der »sprechenden Hölzer« der Osterinsel entziffert zu
     haben. Richter-Ushanas, Egbert: »Die Schrifttafeln der Osterinsel in der Lesung
     Metoros und Ure Vaeikos«, Bremen 2000
7) Freiburger Münsterbauverein (Hrsg.): »Das Freiburger Münster«, 2. Auflage, 
     Regensburg 2011, S. 188

Foto 11: Kämpfende Fabelwesen
Zu den Fotos
Foto 1: Unterwegs zur »Nikolauskapelle«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die mysteriöse »Familie«. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Wesen mit Fischschwänzen... Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Befremdliches »Monster-Idyll«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Melusine. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7: Das Baby hält den Vogel. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Der Vogel – Symbol oder was? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Kampf mit einem Fabelwesen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Kämpfende Fabelwesen. Foto Walter-Jörg Langbein

371 »Von Monstern und Götterwagen«,
Teil  371 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 26.02.2017



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Sonntag, 12. Februar 2017

369 »Auf der Suche nach Alexanders Himmelfahrt«

Teil  369 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: »Schönster Turm« und das Portal

Das »Münster Unserer Lieben Frau« zu Freiburg im Breisgau wurde anno 1827 zur Bischofskirche und somit zur Kathedrale. Die »Kathedra« ist als Bischofsthron Symbol der hohen Stellung des Bischofs. Bereits um 1200 wurde der sakrale Bau begonnen, 1513 wurde er offiziell abgeschlossen. So präsentiert sich das mächtige Gotteshaus im romanischen, aber auch im gotischen Stil. Anno 1869 pries der Kunsthistoriker den 116 Meter hohen Turm als Schönsten auf Erden. Noch älter als das »Freiburger Münster« sind Reste des steinernen Fundaments einer Pfarrkirche, die wohl um 1130 errichtet wurde. Bald aber wurde das Gotteshaus zu klein. Berthold V, er starb im Jahr 1218 ordnete den Bau einer großen Kirche im Stil des Basler Münsters an.

Marktfrauen bieten geschäftstüchtig Gemüse an. Kaufwillige rempeln Fotofreunde an, die einen imposanten Brunnen im Bilde festhalten wollen. Sie bleiben geduldig mitten im Gedränge stehen, hoffen auf einen freien Blick auf den Brunnen. Ob sie für einen Augenblick freie Sicht auf den Brunnen haben können? Doch schon schieben sich wieder Menschen vor die Linsen. Andere Fotografen möchten ein Stück näher an den Brunnen rücken, brave Müßiggänger möchten sich auf den Rand des Brunnens setzen. Und dazwischen drängen sich Marktbesucher, die ihre großen Taschen mit frischem Gemüse füllen wollen.

Foto 3: Bunte Figuren erzählen die Geschichte Jesu

Einige Marktfrauen beäugen uns Fotografen skeptisch bis missmutig, weil wir die potentielle Kundschaft behindern. Die Einkäufer fühlen sich durch uns Fotografen behindert, weil sie den Zugang zu den Buden erschweren. Nicht sonderlich beliebt sind geführte Menschengruppen, weil die nichts kaufen und viel Platz einnehmen. Die meisten Marktfrauen aber sind gut gelaunt, lachen fröhlich und preisen ihre Erzeugnisse an. Unbeliebt macht sich der eine oder der andere »Störenfried« mit Fahrrad.

Endlich sind wir durch das Getümmel hindurch zum Portal vorgedrungen. Wir stehen vor dem Turmportal. Das mächtige Tor ist »taubensicher« gemacht. Ein feinmaschiges Netz verhindert das Eindringen der symbolträchtigen Vögel. Ob der »Heilige Geist« – er wird in zahlreichen Darstellungen gern als Taube gezeigt – trotzdem eingelassen wird? Freilich war die heilige Taube schon das Sinnbild der Liebesgöttin Venus. Und: der »Heilige Geist« war ursprünglich weiblich. Wir betreten die Vorhalle zum Münster im Turmerdgeschoss. Hoch über unseren Köpfen nehmen wir eine Fülle von Figuren wahr, die uns die biblischen Geschichten näherbringen sollen. Zahlreiche bunte, liebevoll detailreich herausgearbeitete Figuren erzählen uns die Geschichte Jesu. Da sehen wir die Hirten auf dem Felde, denen die Geburt des Heilands verkündet wird. Da liegt Maria, die Mutter Jesu, auf einer Liegestatt, die so gar nicht in einen Stall von Bethlehem zu passen scheint.

Foto 4: Hirten auf dem Felde, die Geburt Jesu.

Wir haben uns durch das Menschengetümmel vor dem Münster hindurchgezwängt. Langsam nähern wir uns dem Haupteingang. Säulenheilige fallen kaum auf. Grimmige Blicke ziehen wir uns zu, weil wir uns zwischen Buden auf womöglich verbotenen Wegen dem Gotteshaus nähern. Ich geb’s ja zu: Ich kann es nicht abwarten, endlich die in Stein verewigte Himmelfahrt von Alexander dem Großen zu sehen.

Wir durchschreiten die Vorhalle und betreten das eigentliche Gotteshaus. Wir bleiben kurz stehen, orientieren uns. Aus der Hektik des Markts kommend tut die Stille im Münster gut. Der hektische Alltag ist außen vorgeblieben. Wir sehen, zwischen imposanten Säulen, den Hochaltar. »Wo ist denn hier die Nikolauskapelle?«, frage ich flüsternd. »Gibt’s gar nicht mehr!«, lautet die Antwort einer hageren älteren Frau. »So ein Unsinn!«, widerspricht ein Herr in dunklem Anzug. »Sie müssen in Richtung Hochaltar gehen, immer geradeaus, dann halten Sie sich rechts, gehen in Richtung Sakristei. Wenn Sie kurz vor der Sakristei stehen, dann wenden Sie sich nach links. Dann sehen Sie auch schon den Eingang zur Nikolauskapelle!« Die ältere Frau widerspricht, fast etwas energisch. »Die Nikolauskapelle gibt es doch schon seit ewigen Zeiten nicht mehr!« Mächtiges Orgelgebraus setzt ein, übertönt jedes Gespräch.

Foto 5: Unterwegs zur Nikolauskapelle.

Gehen wir gemeinsam weiter, und zwar nach rechts, vorbei am Lammportal, weiter in Richtung Hochaltar. Nach meinem Grundriss vom Münster, sind wir auf dem richtigen Weg. Vorbei an der Kanzel. Vorbei an der wunderschönen Madonna mit Mondsichel. Königlich wirkt sie, die »Gottesmutter«, stolz trägt sie ihre Insignien, Krone und Zepter. Auch das kleine Jesuskind hat eine Krone auf dem Haupt. Aber weiter geht es in Richtung Sakristei, zur Nikolauskapelle.

Um das Jahr 1200 wurde die Nikolauskapelle angelegt: im Untergeschoss des »südlichen Hahnenturms«. Anno 1507 freilich wurde die Stirnwand der Kapelle entfernt, aus der Kapelle wurde ein Durchgangsraum zwischen Querhaus des Münsters und dem Umgangschor. Der Kapellencharakter ging so verloren. Somit gibt es die Nikolauskapelle seit einem guten halben Jahrtausend nicht mehr als geschlossenen Raum. Erhalten geblieben ist allerdings das Portal zur einstigen Nikolauskapelle. Und das hat es wirklich in sich! Warum hat man diese mysteriösen Kunstwerke am Portal zur einstigen Nikolauskapelle belassen und nicht entfernt? Die Motive, die wir an den Kapitellen, etwa in Kopfhöhe, sehen, sie sind alles andere als »christlich«. Sie sind wohl die ältesten sakralen Kunstwerke im Münster zu Freiburg. Hat man aus Respekt vor dem Alter nicht gewagt, diese geheimnisvollen Darstellungen zu zerstören? Hat man sie aus einem älteren Bau übernommen?

Foto 6: Schlüssel zu den Geheimnissen
Fotografieren lassen sich die faszinierenden Kunstwerke nicht so ohne weiteres. Blitzlicht darf nicht eingesetzt werden, schärft mir ein aufmerksamer Wächter ein. Ein Großteil des Eingangs in die Nikolauskapelle liegt im Halbdunkel. Eines der Reliefbilder wird von einem kleinen Strahler erleuchtet. Das Licht an der einen Stelle lässt die Dunkelheit an den anderen noch intensiver erscheinen. Ein Reliefbild  liegt vollkommen im Dunkel. Durch das Gittertürchen in die ehemalige Kapelle fällt Licht, wirft Schattenmuster auf die zwei übrigen Reliefs. Sie wirken dadurch noch geheimnisvoller, ja irgendwie magisch. Es kommt mir so vor, als würden wir in eine heidnische Vergangenheit blicken, in eine Zeit vor der Christianisierung. Die Reliefs könnten aus einem uralten Tempel stammen, als Überbleibsel eines religiösen Kults, über den wir überhaupt nichts wissen. Sie wirken wie Momentaufnahmen aus einem Film, der an willkürlich gewählter Stelle gestoppt wurde. Wir sehen die Bilder, verstehen sie aber nicht. Können wir versuchen, sie zu interpretieren?

Theologische Interpreten neigen dazu, auch heidnische Motive in der sakralen Kunst so zu deuten, dass die eigene Lehrmeinung bestätigt wird. Christliche Theologen sehen gern auch in heidnischen Symbolen christliches Gedankengut. Jeder meint, über den richtigen »Schlüssel« zu verfügen, mit dem man die »wahre Bedeutung« sakraler Kunstwerke wie einen Geheimcode dechiffrieren kann. Die Reliefs am Eingang zur ehemaligen Nikolauskapelle freilich haben so gar nichts Christliches zu bieten: ein Familienidyll mit Monstern, die Himmelfahrt Alexander des Großen, kämpfende Mischwesen und einen Wolf, der keine Lust hat, die Kunst des Schreibens zu erlernen. 

Foto 7
Zu den Fotos
Foto 1 Der »schönste Turm der Welt«. Foto wikimedia commons/ Daderot
Foto 2: Das Portal mit dem Tympanon. Foto wikimedia commons Foto Todor Bozhinov
Foto 3: Bunte Figuren erzählen die Geschichte Jesu. Foto wikimedia commons/ dr. avishai teicher
Foto 4: Hirten auf dem Felde, die Geburt Jesu. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Unterwegs zur Nikolauskapelle. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 6: Wer hat den Schlüssel zu den Geheimnissen? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Grundriss des Münsters, Weg zur Nikolauskapelle, gelb eingezeichnet. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein (links)

370 »Familienidyll mit Monstern«,
Teil  370 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 19.02.2017


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