Sonntag, 15. Oktober 2017

404 »Da umleuchtete ein Licht vom Himmel die Augen vieler«

»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 6,
Teil  404  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Loreto-Kapelle von Birkenstein.
Die Kapelle von Birkenstein misst bescheidene 9,50 Meter in der Länge und 3,50 Meter in der Breite. So bescheiden der kleine Bau von den Maßen ist, so prunkvoll ist er ausgestattet: als Verehrungsstätte.

Pilger kommen nach Birkenstein, um zur Gottesmutter zu beten, um Linderung und Heilung bei Erkrankung zu erbitten, oder um sich zu bedanken für erhaltene himmlische Hilfe.

Da scheint kaum ein anderer Ort besser geeignet zu sein, als das Haus, in dem Maria, die historische Mutter Jesu, lebte.

Die Kapelle von Loreto in Italien gilt nun als das Original. Im bescheidenen Haus soll einst Maria gelebt haben. Nur war das Original in Loreto für die meisten Christen vor Jahrhunderten unerreichbar, da einfach zu weit entfernt. Also baute man die Kapelle von Birkenstein exakt nach den Maßen des Originals. Als »Santa Casa« (»Heiliges Haus«) weltweit bekannt ist die Kapelle von Loreto, die ja ursprünglich eher ein profanes Häuschen war, ein weltliches Minigebäude, kein Ort der Andacht und Verehrung. Daran erinnert in Birkenstein der »Ofen« der Gottesmutter ebenso wie ihr »Küchenschrank«. Der »Ofen« befindet sich wie eine funktionslose Kulisse an der Ostwand, wie auch der »Küchenschrank«. Der Ofen wirkt wie die Attrappe eines »offenen Kamins«. Der Ausdruck »Küchenschrank« ist reichlich hochgegriffen, »Kästchen« passt eher. Es werden auch keine Küchenutensilien darin aufbewahrt, sondern Votivgaben, die an Heilungen erinnern sollen, für die sich die Gläubigen bei der »Mutter Gottes« bedanken wollten. Da finden sich (1) »silberne Ohren, Augen, Herzen, Arme und Beine« neben »schönen alten Rosenkränzen«.

Foto 2: Votivtafeln von Birkenstein.

Das Original in Loreto weist eine schlichte Ziegelmauer auf, die man in Birkenstein nur imitierte. Die Ziegel von Loreto sind rund zwei Jahrtausende alt, in Birkenstein hat man sie nur aufgemalt. Schwester Mayr fragt (2): »Diese einfache Mauer und die wunderbare Barockausstattung – passt denn das zusammen?« Für den gläubigen Christen gibt es keinen Widerspruch zwischen dem ärmlichen »Häuschen«, das nur aus einem Zimmer bestand, und der prunkvollen Ausstattung von Birkenstein. Die Behausung der Maria in Nazareth war nach heutigem Verständnis kein richtiges Haus, sondern nur ein kleiner Vorbau vor einer Höhle. Für tiefgläubige Katholiken war Maria die Mutter des göttlichen Jesus. Die schlichte Frau aus Nazareth wurde im Verlauf der letzten 2000 Jahre zur Miterlöserin, die in den Himmel aufgenommen wurde. Jesus selbst krönte sie zur Himmelskönigin und als Himmelskönigin mit der Mondsichel zu ihren Füßen stellten sie viele Künstler dar.

Foto 3: Votivtafeln von Birkenstein zeigen die himmlische Maria mit dem Jesuskind.

Marias mehr als bescheidene Bleibe (»1-Zimmer-Apartment«) in Nazareth wurde mit der Geburt des Heilands zum höchst bedeutsamen, heiligen Ort für die Christenheit. Die Botschaft von der einfachen Frau aus Nazareth und ihrer Bedeutung für die Christenheit soll die prunkvolle Ausstattung des kleinen Häuschens verdeutlichen. Und das gilt für rund 2000 Loreto-Kirchen und –Kapellen, die bis heute weltweit errichtet worden sind.

Den Erforscher des Mysteriösen und Geheimnisvollen freilich interessiert die Frage, wie denn das Häuschen der Maria aus Nazareth nach Loreto in Italien gelangt sein soll. Beginnen wir mit dem Ende der faszinierenden Geschichte: Mit der »Landung« des »Heiligen Hauses« in Loreto auf einem ganz und gar nicht zufällig gewählten Ort. Am 10. Dezember 1294 kam die »Santa Casa« (»Heiliges Haus«) vom Himmel hoch hernieder. Die Beschreibung erinnert den heutigen Leser zweifelsohne an so etwas wie eine profane »UFO-Landung«. Der Einsiedler Paulus de Sylva verfasste einen informativen Brief, den er keinem Geringeren als König Karl II. von Neapel sandte.

Foto 4: König Karl II von Neapel.
Zum historischen Hintergrund: Karl II. von Anjou – die Franzosen nennen ihn Charles d’Anjou, die Italiener Carlo d’Angiò wurde im Jahr 1254 geboren. Er verstarb am 6. Mai 1309 in Italien. Vom Jahre 1285 regierte er als »König von Neapel«. Der bürgerlich-weltliche Name des Paulus de Sylva kennen wir nicht. Er nannte sich »de Sylva«, was nichts mit adeliger Herkunft zu tun hat. »De Sylva« bedeutet schlich und einfach: »aus dem Wald«. »Paulus aus dem Wald« hauste in einer Klause auf dem damals noch dicht bewaldeten »Bärenhügel« bei Loreto.

Offenbar hatte Karl II., der den wenig schmeichelhaften Beinamen »der Lahme« trug, hatte wohl von wundersamen Geschehnissen gehört und »Paulus aus dem Wald« um Berichterstattung gebeten, befand sich dessen Hütte doch in unmittelbarer Nähe der himmlisch-irdischen Erscheinung. De Sylva verfasste seinen Brief an den König in lateinischer Sprache, er gehörte also gebildeten Kreisen an.

Joseph Sauren veröffentlichte anno 1883 in Einsiedeln das Werk »Das heilige Haus zu Loreto und die Lauretanischen Gnadenorte in deutschen Landen«. Darin enthalten: der komplette Text des Briefes von Paulus de Sylva an Karl II. von Neapel in lateinischer Sprache (3).

Ich zitiere aus einer deutschen Übersetzung (4): »O König, (ich schreibe Dir), um Deine fromme Neugier zu stillen, die mir den Auftrag gab zur Erzählung des großen Wunders der Übertragung des jungfräulichen Hauses, welche durch Engel durchgeführt worden ist, und zwar an die Küste Italiens in der Provinz Picenum im Gebiet von Recanati, zwischen den Flüssen Aspis und Musico (Musone) und Potentia (Potenza).«

Foto 5:  Bau der Kapelle von  Birkenstein.
Pauls de Sylva lokalisiert nicht nur genau, wo das »heilige Haus« von Engeln abgesetzt wurde, er benennt auch Zeugen (5): »Die Sache verhielt sich so, wie ich es öfter von glaubwürdigen Männern aus Recanati selbst gehört habe, und zwar von Franciscus Petrus, Kanoniker in Recanati, und insbesondere vom Kleriker Ugguccio, aber auch von den hervorragenden Rechtsgelehrten Ciscus de Cischis und Franciscus  Percivallinus aus Recanati, die alle mit vielen anderen Leuten, mit denen ich redete, zur Zeit des Wunders lebten. Ich habe dies auch in den öffentlichen Dokumenten mit Aufmerksamkeit gelesen.«

Leider ist es mir trotz intensiver Recherche nicht gelungen, die nicht näher benanannten »öffentlichen Dokumente« ausfindig zu machen, in denen angeblich das Wunder vom aus dem Himmel hernieder fahrenden Hauses auch beschrieben sein soll. Paulus de Sylva jedenfalls behauptet, diese Dokumente eingesehen und mit Zeugen gesprochen zu haben. Dann beschreibt de Sylva das fantastisch anmutende »Wunder« so, dass man es mit den Mitteln heutiger Tricktechnik für einen Sciencefiction-Film eins zu eins umsetzen könnte. Mich erinnert die Schilderung des Ereignisses aus dem Jahr 1294 an Spielbergs UFO-Visionen. Ich zitiere erneut aus Gottfried Melzers Buch »Loreto« (5):

»Im Jahre 1294 seit der Menschwerdung  des Herrn Jesus, am … 10. Dezember, als tiefes Schweigen alles gefangenhielt und die Nacht in ihrem Lauf die Mitte erreicht hatte, umleuchtete ein Licht vom Himmel die Augen vieler, die nahe am Ufer des Adriatischen Meeres sich befanden, und eine süßtönende Harmonie von Singenden trieb die Schlaftrunkenen und Müden an, das Wunder und übernatürliche Ereignis zu schauen.«

Foto 6: Transport des Heiligen Hauses als Briegmarkenmotiv

Woher dieses »Licht vom Himmel« kam, auch das beschreibt Paulus vom Wald ganz unmissverständlich (6): »Und sie sahen und schauten ein Haus von hellem Glanz umflossen, das von Engeln gestützt und durch die Luft getragen wurde. Und die Bauern und Hirten standen da und staunten voll Verwunderung über so ein gewaltiges Ereignis, und sie fielen in Verehrung nieder und harrten aus, das Ende zu sehen und den so staunenswerten Ausgang. Inzwischen wurde jenes Heilige Haus von den Engeln mitten in den großen Wald getragen und niedergestellt.«

Nüchtern betrachtet: Da kam etwas des Nachts vom Himmel, in Licht getaucht, von den staunenden Menschen bewundert. Offenbar wirkte sich die mysteriöse Landung dieses Etwas im Wald auf die Bäume aus, drückte die Bäume nieder. Für den frommen Einsiedler war dies ein Beweis für die Göttlichkeit des beobachteten Phänomens. Er interpretierte fromm-religiös (7):

»Und die Bäume selbst neigten sich 
und verehrten die Königin des Himmels 
und bis heute sieht man sie niedergeneigt 
und gekrümmt, gleichsam als frohlockten 
die Bäume des Waldes.«

Das »Heilige Haus« Marias wurde demnach von Engeln durch die Luft getragen und bei Loreto im Wald niedergesetzt. Der Überlieferung nach wurde der Platz, an dem die »Santa Casa« nicht einfach irgendwo im Wald abgestellt worden sein. Vielmehr habe sich ursprünglich an jener Stelle ein Tempel aus vorchristlichen Zeiten befunden. Paulus de Sylva vermeldet König Karl II. von Neapel: »An diesem Ort. So erzählt die Sage, sei (einst) ein (heidnischer) Tempel gestanden, der einer falschen Gottheit geweiht und von Lorbeer(büschen) umgeben war, und so wurde dieser Ort bis heute Laurentum (Lorento) genannt.«

Fotos 7-10: Vatikan 1995. Briefmarken zum Gedenken des Wunders von Loreto.

Welche »heidnische Gottheit« mag im Wald von Loreto in einem Tempel verehrt worden sein, bevor das »Heilige Haus« just dort abgestellt wurde? Der Lorbeer – griechisch Δάφνη – könnte Aufschluss geben. Im Griechischen ist die Daphne, zu Deutsch »Lorbeer«,  eine Priesterin der göttlichen »Mutter Erde«. Sie galt als Tochter des Flussgottes Ladon oder des Flussgottes Peneios und wurde – wie die Göttin Artemis – als »jungfräuliche Jägerin« verehrt. Daphne, so heißt es, wurde vom mächtigen Gott Apollon arg bedrängt. Um ihre Jungfräulichkeit zu wahren, geschah ein Mirakel: Daphne wurde in einen Lorbeerbaum verwandelt. Und Apollon trug von nun an zur Erinnerung an Daphne einen Lorbeerkranz.

Sollte es in Loreto den Tempel einer vorchristlichen, sprich heidnischen Göttin gegeben haben? War eine jungfräuliche Priesterin für den Tempelkult verantwortlich? An ihre Stelle trat die jungfräuliche Maria. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass noch in frühchristlichen Zeiten Menschen im Wald von Loreto zur heidnischen Göttin beteten. Nach und nach wurde sie durch Jungfrau Maria verdrängt. Die »jungfräuliche Jägerin« wurde von der »jungfräulichen Mutter« abgelöst.

Foto 11: Literaturempfehlung zum Thema.

Fußnoten
1) Mayr, Sr. M. Eresta: »Mein Birkenstein«, Passau 2014, S. 28, Zeilen 1 -3 von oben
2) ebenda, Zeilen 7 und 8 von oben
3) Sauren, Joseph: »Das heilige Haus zu Loreto und die Lauretanischen Gnadenorte in deutschen Landen«, Einsiedeln 1883
4) Melzer, Gottfried: »Loreto/ Der erste und ehrwürdigste Marienwallfahrtsort«, Lauerz, Schweiz, 2. Auflage 2003, S. 61-64, Zitat S. 61, rechte Spalte
5) ebenda, S. 62, linke Spalte oben
6) ebenda, S. 62, linke Spalte unten
7) ebenda, Seite 62, linke Spalte, Zeilen 1-3 von unten und S. 62, rechte Spalte, Zeilen 1-4 von oben
8) ebenda, S.62, rechte Spalte oben

Zu den Fotos
Foto 1: Die Loreto-Kapelle von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Votivtafeln von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Votivtafeln von Birkenstein zeigen die himmlische Maria mit dem Jesuskind. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: König Karl II von Neapel. Foto wiki commons/ gemeinfreiFoto 5: Fromme Malereien zeigen den Bau der Kapelle von  Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5:  Bau der Kapelle von  Birkenstein. Fromme Malerei, Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Kroatien 1994. Transport des Heiligen Hauses durch die Luft als Briefmarkenmotiv. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 7-10: Vatikan 1995. Briefmarken zum Gedenken des Wunders von Loreto. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Literaturempfehlung zum Thema. Reinhard Habeck: Überirdische Rätsel. Foto Verlag

405 »Im Ozean des Geistes«,
»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 7,
Teil  405 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 22.10.2017 

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Sonntag, 8. Oktober 2017

403 »Birkenstein und das Wunder von Loreto«

Foto 1: Die Gottesmutter über Birkenstein.
»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 5
Teil  403  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Birkenstein hat sich seit über einem Jahrhundert kaum verändert. Auf alten Ansichtskarten, die vor 100 Jahren versandt wurden, sieht die doppelgeschossige sakrale Anlage so aus wie heute. Anno 1823, am 13. August, stattete der bayerische König Max Joseph I. Birkenstein einen Besuch ab. Schon damals wirkten die ehemalige Klause und die Wallfahrtskapelle eine Einheit. Aus der einstigen Klause wurde das Sockelgeschoss, die – als Obergeschoss – die kleine Kapelle trägt. Heute kommen Jahr für Jahr über 200.000 Menschen nach Birkenstein. An Sonntagen sind es oft über 1.000 Besucher. Und viele der Touristen und Pilger empfinden heute, so wie König Max Joseph I., der anno 1823 die »schöne Kapelle« (1) lobte.

Mich zog die bescheidene Schlichtheit der fast wie ein Modell wirkenden doppelgeschossigen Anlage sofort in ihren Bann. In einem betagten  Führer lese ich (2): »Das Erdgeschoß zeigt außen in Nischen den heiligen Kreuzweg, die 13. Station, mit Pietà, ist als Gebetsraum ausgebildet, die 14. Station als Grabkapelle. Darüber steht das Obergeschoß, ›das lauretanische Haus‹ mit steilem Dach, auf dem westlich ein Kuppeldachreiter sitzt; innen Tonnengewölbe.«

Foto 2: Ansichtskarte Birkenstein, Ende des 19. Jahrhunderts, gelaufen am 10.08. (18)99

Es ist erstaunlich! Obwohl Birkenstein zu den meistbesuchten Wallfahrtsorten Deutschlands gehört, hat es seine Schlichtheit nicht verloren. Das – wie der Reiseführer schreibt (3) – »traute Kirchlein« birgt so etwas wie ein offenes Geheimnis. Die Birkenstein-Kapelle ist nämlich eine Loreto-Kapelle, was bestimmt viele Besucher heute nicht mehr wissen.

Bekannt ist, dass anno 1673 auf dem »Stein am Fischbachauer Berg ein Kapellchen entstand (4)«. Es heißt, dass schon bald zahlreiche Pilger nach Birkenstein strömten. Ich frage mich allerdings, ob sich nicht schon vor dem Bau des kleinen christlichen Gotteshauses Menschen zu einem sehr viel älteren Heiligtum kamen. Davon ist auch Andreas Scherm überzeugt, der in der »Süddeutschen Zeitung« als »großer Kenner historischer und kultureller Eigenheiten des Münchner Umlandes« gepriesen wird.

Foto 3: Klosterkirche St. Martin, Fischbachau.

Ich bin davon überzeugt, dass Birkenstein ursprünglich ein Quellheiligtum war, dessen Wasser schon in vorchristlichen Zeiten als heilsam für allerlei Gebrechen galt. Mir scheint, dass dies auch heute noch ein Tabuthema ist: Bislang gibt es meines Wissens nach keine Studie zur Frage, welches vorchristliche Heiligtum einst einer christlichen Kapelle oder Kirche wichen musste. Nach wie vor gibt es nicht die längst überfällige Aufstellung von »christlichen Heilquellen«, die schon zu heidnischen Zeiten Pilger anlockten. Dieses Defizit ist weltweit zu beklagen. Wir wissen, dass die Maria von Guadalupe, Mexico City just dort verehrt wird, wo schon zu heidnischen Zeiten zu einer Aztekengötting gebetet wurde. Eine entsprechende Studie über vorchristliche Vorgänger von Kapellen, Kirchen und Kathedralen allein im Münchner Raum könnte als Magister oder Doktorarbeit im Fachbereich der Theologie wirklich »neue« Erkenntnisse erbringen. Ob die aber erwünscht sind, das sei dahingestellt.

Foto 4: Hier stand einst die Madonna von Birkenstein.

Ich frage mich, ob der Pilger, der nach einer langen, anstrengenden und entbehrungsreichen Reise Birkenstein besucht, das Geheimnis der Kapelle besser versteht. Mich persönlich fasziniert und befremdet Birkenstein.

Ich verstehe nicht den in meinen Augen krassen Widerspruch zwischen dem schlichten, bescheidenen Äußeren einerseits und dem fast schon überladenen Inneren der Kapelle. Freilich entstand (6) »die prunkvolle Auszierung des Inneren im üppigen Rokokostil“ erst  in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, vermutlich um 1760.

Die Gottesmutter selbst soll bereits anno 1663 dem Ortspfarrer Mayr im Traum erschienen und um den Bau einer Kapelle gebeten haben. »Hier an diesem Ort will ich verehrt werden und denen, die mich hier anrufen, meine Gnade mitteilen.«  Zwei weitere Männer, so wird überliefert, hatten Traumvisionen. Sie sahen auf dem Birkenstein eine kleine Kirche, der viele Pilger zustrebten. Die Namen der beiden Männer sind überliefert: Michael Millauer und Christoph Hafner.

Zehn Jahre später, anno 1673, war dem Wunsch der Mutter Gottes noch nicht Rechnung getragen worden. Pfarrer Johann Stiglmair forderte – ganz ähnlich wie im Fall der Maria von Guadalupe in Mexiko – ein »Zeichen«.  Der frommen Überlieferung nach wurde er daraufhin sterbenskrank. Für den Fall seiner Genesung versprach er, den Bau einer Kapelle zu veranlassen. Schlagartig soll er gesundet sein. Mit dem Bau einer Kapelle wurde sofort begonnen. Seither sind viele Heilwunder überliefert, die frommen Birkensteinpilgern widerfahren sein sollen. Unzählige Votivtafeln erinnern an Gesundungen von Kranken.

Fotos 5 und 6:  Die Himmelskönigin von Birkenstein.

Eine vergleichbare »Vision« führte im fernen Mexico City zum Bau eines Gotteshauses zu Ehren der Maria von Guadalupe. Auch in Mexiko wurde von der zweifelnden Geistlichkeit ein Beweis gefordert und auch erbracht. Die wundersame Tilma von Guadalupe mit dem weltbekannten »Bildnis« der Gottesmutter kann noch heute in der Kathedrale von Guadalupe bewundert werden. Bis heute kann das »Bild«, das keines ist, auf dem jahrhundertealten Umhang nicht erklärt werden. Es dürfte gar nicht existieren.

1673 wurde auf dem Stein vom Fischbachauer Berg eine winzige Kapelle gebaut. Und zwar dort, wo seit unbekannten Zeiten ein Marterl mit dem gegeißelten Heiland stand. Zwölf Gläubige fanden darin Platz. 1679 zog eine wirkliche Kostbarkeit in das winzige Gotteshaus ein: die »Gnadenmadonna von Birkenstein«. Im Kirchenführer »Birkenstein« lesen wir (7): »Das Gnadenbild stand einst in der ehemaligen Klosterkirche St. Martin zu Fischbachau, wo es in einem ›Kasten‹ (wahrscheinlich ein kleiner gotischer Flügelaltar) aufgestellt und nach glaubwürdiger Meinung schon seit Entstehung des Klosters im Jahre 1100 andächtig  verehrt worden war.«

Foto 7: Die Birkenstein-Kapelle mit Anbauten.

Das winzige Kapellchen, das nur einem Dutzend Gläubigen Platz bot, beherbergte also eine Mutter Gottes von unschätzbarem Wert. Die zahlreichen Heilungswunder lockten immer mehr Menschen nach Birkenstein und so musste eine neue Kapelle gebaut werden. Am 14. Mai 1710 war es dann soweit: der Grundstein für die neue und größere Kapelle wurde gelegt. Der Bau schritt schnell voran, bereits am 26. Oktober 1710 zog die Gottesmutter ein. Die Pilger strömten herbei. Und je mehr Menschen nach Birkenstein kamen, desto häufiger wurden wundersame Heilungen vermeldet, die man auf das segensreiche Wirken Marias zurückführte.

Foto 8: Die Maria von Loreto
Die Madonna von Birkenstein steht im Zentrum der Birkenstein-Kapelle. Ursprünglich war ihr Ambiente ein sehr schlichtes, heute ist das Mutter-Gottes-Bild von prächtigem Prunk umgeben. Offenbar wollten die Verantwortlichen um 1760 der Madonna ein ihrer Bedeutung angemessenes, also prächtiges Umfeld bieten. Damit aber wurde die Kapelle, um es pointiert auszudrücken, verfremdet. Bei ihrem Bau richtete man sich anno 1710 so genau wie möglich (8) »nach einem hölzernen Modell der Loreto Kirche beziehungsweise des Heiligen Hauses«. Die Kapelle von Birkenstein wurde als Kopie des »Heiligen Hauses« gebaut. Anno 1757 reiste Pater Heinrich Maier nach Loreto in Italien, um zu kontrollieren, ob die Wallfahrtskapelle von Birkenstein auch wirklich in den Ausmaßen genau der Loreto Kapelle entsprach.

Das »Heilige Haus« von Loreto soll nichts anderes sein als das (Geburts?)haus der Gottesmutter Maria, das einst in Nazareth stand. Das Wunder von Loreto löst bei vielen kritischen Zeitgenossen auch heute noch herablassendes Grinsen aus. Häme ist freilich nicht angebracht. Es kann nämlich als bewiesen gelten, dass das »Geburtshaus Marias« wie auch immer nach Italien geschafft wurde. Es kann als Fakt gelten, dass es sich beim »Heiligen Haus« von Loreto um das Original aus dem Heiligen Land handelt. Das ist wissenschaftlich erwiesen!

Der Überlieferung nach wurde es auf Umwegen von Nazareth nach Italien verbracht: und zwar von Engeln, durch die Lüfte! Und das ist das mysteriöse Wunder von Loreto. Es zeigt sich, dass für den skeptischen Zeitgenossen unglaubwürdige Überlieferungen zumindest einen wahren Kern haben können. Ob man nun an Engel glaubt oder nicht, es lässt sich nicht bestreiten, dass das Geburtshaus Marias vor Jahrhunderten nach Italien geschafft wurde, ob per Luftfracht oder auf anderem Wege.

Eine Kopie des Originals von Loreto entstand in Birkenstein. Man wollte der Statue der Maria ein angemessenes Zuhause bieten. Da lag es ja auf der Hand ihr eine gewohnte Umgebung zu schaffen, nämlich eine exakte Kopie ihres Geburtshauses. Deshalb war die Birkenstein-Kapelle ursprünglich innen wie außen sehr schlicht. 1838 und 1848 wurden das »Priesterhaus« und das »Klösterlein der Armen Schulschwestern« angebaut.

Foto 9: Loreto -  Kirche und Kloster. Foto und Copyright Reinhard Habeck, Österreich.



Fußnoten

1) Demmel, Fritz: »Birkenstein: Wallfahrtskapelle Maria Himmelfahrt«, Passau 2005, S. 9, rechte Spalte oben 
2) »Birkenstein«, Schnell und Steiner Kunstführer Nr. 85, München 1935, 7. Auflage 1984, Seite 2
3) ebenda
4) ebenda, S. 10, erste Textzeile
5) Scherm, Andreas: »Unterwegs im Gestern/ Kulturhistorische Wanderungen im Oberland und Umland von München«, unter Mitarbeit von Carl Langheiter, 4. Auflage November 2011, München November 2011, Seite 112
6) »Birkenstein«, Schnell und Steiner Kunstführer Nr. 85, München 1935, 7. Auflage 1984, Seite 10, Zeilen 8 und 9 von oben, Zeilen 17 und 18 von unten
7) ebenda, S. 3, Zeilen 3-6 von oben
8) Demmel, Fritz: »Birkenstein: Wallfahrtskapelle Maria Himmelfahrt«, Passau 2005, S. 12, S. 12 
 

Zu den Fotos

Foto 1: Die Gottesmutter über Birkenstein. Karte vom 03.11.1914. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ansichtskarte Birkenstein, Ende des 19. Jahrhunderts, gelaufen am 10.08. (18)99, Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Klosterkirche St. Martin, Fischbachau. Foto  Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Hier stand einst die Madonna von Birkenstein. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6:  Die Himmelskönigin von Birkenstein. Foto etwa 1935. Archiv W-J. Langbein
Foto 7: Die Birkenstein-Kapelle mit Anbauten. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 8: Die Maria von Loreto auf einer Briefmarke, Slowenien 18.11.1994
Foto 9: Loreto -  Kirche und Kloster. Foto und Copyright Reinhard Habeck, Österreich.

404 »Und umleuchtete ein Licht vom Himmel die Augen vieler«,
»Das Geheimnis der fliegenden Kapelle«, Teil 6,
Teil  404  der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 15.10.2017


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