Sonntag, 25. Juni 2017

388 »Kein Ballon für den Inka!«

Teil  388 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein
                      

Fotos 1 und 2: Nazca
Der Pilot meint es gut mit mir. Er bringt seine kleine Propellermaschine in Schieflage, so dass sich nun die berühmte Ebene von Nazca unter mir schier endlos ausbreitet. So habe ich einen perfekten Blick nach unten und kann so gut es geht fotografieren. Die zerkratzte, teilweise fast milchig-trübe kleine Fensterscheibe trübt aber die Freude. Trotzdem ist der Anblick fantastisch. Weder Fotos, noch Filme können die fantastisch anmutende Wirklichkeit von Nazca wirklich wiedergeben. Das Staunen lernt man, wenn man die Hochebene aus einem Flugzeug sieht. Sie wurde als riesige »Leinwand« benutzt. Freilich wurde nicht mit Farben gemalt.

Unter mir breitet sich die trockene, wüstenartige Hochebene von Nazca aus. Zwischen dem Río Nazca und dem Río Ingenio wurden vor rund zwei Jahrtausenden auf gut 500 Quadratkilometer riesige Darstellungen von Tieren vom Affen bis zum Walfisch in den trockenen Boden gescharrt, die im vollen Umfang nur vom Himmel aus erfasst werden können. Die kilometerlangen Linien und Bahnen sind sogar vom Weltall aus zu erkennen. Satellitenbilder lassen staunen.

1927 gilt als das Jahr der Entdeckung der Riesenbilder. 90 Jahre später weiß man immer noch nicht, wie viele der riesenhaften Bildnisse insgesamt einst im Boden verewigt wurden. Die unbekannten Künstler kratzten lediglich eine dunkle Schicht des bräunlichen Bodens weg, bis der hellere Untergrund zum Vorschein kam. Sie »zeichneten« gigantische Geoglyphen für wen auch immer. Im Lauf der Jahrhunderte verschwanden viele Erdzeichnungen wieder unter einer Staubschicht, die wieder verkrustete. Manchmal tauchen sie in unseren Tagen wieder auf, wie jene 24 Scharrbilder, die erst im Sommer 2015 von Forschern der Universität von Yamagata etwa 1,5 Kilometer nördlich von Nazca »entdeckt« wurden. Seit 2004 haben die emsigen Wissenschaftler aus Japan immerhin 50 Geoglyphen wieder gefunden, die vermutlich von starken Bodenwinden neuerlich freigelegt worden waren. Sie sollen besonders alt, noch vor dem Riesenkolibri geschaffen worden sein.

Für wen waren die gewaltigen Geoglyphen gedacht? Wer sollte sie sehen? Jim Woodman behauptet: Nazca war ein Startplatz für Heißluftballone. Seit vierzig Jahren bekomme ich immer wieder zu hören: »Jom Woodman hat seine Theorie vom Flug mit Heißluftballons über Nazca experimentell bewiesen!« Hat er das? Nicht wirklich!

Foto 3: Santo Domingo, Vordereingang, Foto Ingeborg Diekmann

 Jim Woodman ließ von der Firma Raven einen riesigen »Ballon« aus Baumwollstoff anfertigen. Für »Condor 1« durften nur Materialien verwendet werden, die auch den Menschen der Nazca-Kultur zur Verfügung standen. Der Koloss wurde auf der Hochebene von  Nazca mit heißem Rauch aus einem mächtigen Holzfeuer »betankt«. Die feinen Rußpartikel dichteten die Ballonhülle von innen ab, so dass die Hitze des Feuers nicht mehr entweichen konnte. So blähte sich der Ballon nach stundenlanger Befeuerung in der Nacht auf, erreichte am Morgen schließlich die Höhe eines zehnstöckigen Hauses.

Unter dem Ballon hing eine beängstigend kleine »Gondel«, aus Binsen geflochten, 2,5 Meter lang und 1,5 Meter hoch. Darauf nahmen Jim Woodman und Julian Nott Platz, sprich sie klemmten sich die schmale »Gondel« zwischen die Beine. Dann ging es auch schon los. Die Leinen wurden gekappt. Die Reise zur Sonne konnte beginnen (1):

Foto 4: Rückseite von Santo Domingo mit  Inkamauer

»Der Aufstieg dauerte 45 Sekunden, ehe er aufhörte. Es war, als ob ein Fahrstuhl nach langer Fahrt im obersten Stock ankäme. Es schien, als ob wir für einen Augenblick aufwärts gezogen würden und dann wieder ins Gleichgewicht zurückfielen. Als ich von unserem Binsenboot nach unten schaute, baumelten wir fast 130 Meter über der Wüste. Die Aussicht war unglaublich.«  Nach nur zwei Minuten ging es wieder rapide abwärts. Woodman und Nott kamen wieder heil am Boden an, sprangen von ihrer »Banane« und der Ballon schoss wieder in die Höhe. 400 Meter über den Riesenbildern driftete er, vom Wind getrieben, dahin, um dann (2) »mehrere Kilometer entfernt auf dem Wüstenboden« aufzuschlagen. Knapp eine Viertelstunde hatte sich »Condor 1« am Himmel gehalten. Bis zur Sonne hatte es der Ballon nicht geschafft.

Man stelle sich vor: Der Leichnam des einstigen Inka wurde mit so einem Ballon gen Himmel geschickt, um nach Minuten wieder vom Himmel zu fallen. Ein würdevoller Abschied von einem mächtigen Herrscher sieht anders aus. Nach Jim Woodman diente bei der Luftbestattung des Inka die Feuerhitze nur als Starthilfe. Sobald der Ballon ausreichend Höhe erreicht haben würde, sollte die Sonne das Luft-Rauch-Gemisch im Ballon ausreichend erwärmen, um ihn stundenlang am Himmel zu halten.

Foto 5: Blick in die Inka-»Gruft«.

Ein Absturz auf den Wüstenboden wäre, so Woodman, dem Inka erspart geblieben. Die Winde hätten sein Ballongeführt gen Westen getrieben. Irgendwo wäre er dann mit Ballon im Pazifik versunken. Unbewiesen ist bis heute, dass die Sonnenwärme tatsächlich so einen »Nazca-Ballon« stundenlang am Himmel schweben lassen würde. Einen entsprechenden Versuch hat Jim Woodman erst gar nicht gewagt. Und dann wären da noch die von Woodman bemühten Winde, die aber in der Regel von West nach Ost wehen. Der »Inka-Ballon« wäre also nicht aufs Meer, sondern landeinwärts gedriftet und über Land abgestürzt. Es ist also falsch, wenn Woodman schreibt (3): »›Der Ballon müßte wahrscheinlich im Pazifik heruntergegangen sein. Der tote Inka, der darin fuhr, kehrte zurück zur Sonne – so mußte es aussehen.‹›Sagen die Legenden nicht so.?‹« Nein, Mr. Woodman, die Legenden sagen nicht so. Der tote Inka reiste nicht per Heißluftballon gen Himmel, um dann – pietätlos – abzustürzen. Eine solche Vorgehensweise wäre mit der immensen Verehrung der sterblichen Überreste der Inka nicht vereinbar gewesen.

Vielmehr wurden den toten Inka-Herrschern als Mumie große Ehren zuteil. In Cuzco trug man die reich geschmückten Mumien durch die Straßen. In edelste Gewänder gehüllt wurden sie wie lebende Menschen behandelt, mit Speisen und Getränken versorgt und bei Dürrekatastrophen durch die Felder getragen, um es wieder regnen zu lassen. Auch an Festivitäten ließ man sie teilnehmen, wie zu Lebzeiten von einem Heer von Dienern umsorgt.

Foto 6: Unvorstellbare Schätze fanden die Spanier im Sonnentempel.

Anschließend brachte man sie wieder in den Coricancha-Tempel, in den »Sonnentempel« von Cuzco, also ins Zentralheiligtum. Nach Garcilaso de Vega, setzte man die Mumien auf goldene Throne im Allerheiligsten. Die Versammlung der Inka-Mumien mutet heute gruselig an. Dort glänzte eine mannshohe Scheibe aus massivem Gold, die die Sonne darstellen sollte. So gesehen reiste jeder tote Inka tatsächlich zur Sonne, die aber stand nicht am Himmel, sondern im Sonnentempel von Cuzco. Übrigens das Herz der Inka wurde in Ollantaytambo bestattet.

Auch Ollantaytambo beeindruckt heute noch. Mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit wurden gewaltige Steinquader transportiert und millimetergenau zusammengefügt. Wie die Inka die edlen Toten mumifizierten, welche Techniken sie anwandten, ist bis heute weitestgehend unbekannt.

Foto 7: Mauerwerk von Ollantaytambo.

 Die Zerstörungswut der spanischen Eroberer hatte auch vor dem Inkaheiligtum nicht halt gemacht. Vom einst stolzen Bau war nur noch eine Ruine erhalten mit einzelnen Räumen, als anno 1650 Cuzco von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde. Über den Trümmern des Tempels wurde das Kloster von Santo Domingo erbaut. Nur vier Räume des einst gewaltigen Tempels wurden von den Klosterbrüdern weiter genutzt. Anno 1950 gab es wieder ein sehr schweres Erdbeben und siehe da… Es wurden Mauerreste des Tempels freigelegt.

Heute kann man in die »Unterwelt« des Klosters steigen und auch den Raum besuchen, der den Inka-Mumien als »Mausoleum« diente. Die herrlichen sakralen Kunstwerke der Inka gibt es natürlich nicht mehr. Die »zivilisierten« Eroberer haben sie eingestampft und zu Barren gegossen. So konnte das Inka-Gold viel leichter nach Europa geschafft werden.

Fotos 8 und 9: Inka-Mauerwerk - oder älter?

Mich beeindruckt die unglaubliche Präzision, mit der die Steine des Tempels zu Inkazeiten – oder schon früher – millimetergenau bearbeitet werden konnten. Die Steine wirken wie maschinell poliert. Geht man um die Kirche von Santo Domingo herum, erkennt man an der Rückseite Teile der alten »Inkamauer«, so sie denn überhaupt ein Werk der Inka ist. Ich halte es für durchaus möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass die Inka ihrerseits einen noch älteren Vorgängerbau übernommen haben. Darüber kann man diskutieren. Zweifelsfrei aber steht fest, dass die Hochebene von Nazca nicht als Startplatz für Inka-Heißluftballons diente. Die Inka hatten keine Verbindung zu Nazca. Und die Nazca-Kultur – mindestens ein Jahrtausend älter als die der Inka – schickte auch keine Toten per Heißluftballon gen Himmel. Die Toten von Nazca wurden feierlich begraben. Je vornehmer der Tote war, desto tiefer hob man sein Grab aus.

Foto 10: Bahnen, Bahnen, Bahnen ...

Am 31. Januar 1977 vermeldete DER SPIEGEL (4): »Mit einem aufsehenerregenden Experiment hat der Amerikaner Jim Woodman nachzuweisen versucht, daß südamerikanische Indianer bereits 500 nach Christus die Technik der Heißballonfahrt beherrschten.« Einer kritischen Überprüfung hält Woodmans These freilich nicht stand. Die Hochebene von Nazca bleibt nach wie vor rätselhaft. Eine »großartige Anlage eines Totenkults« war, wie DER SPIEGEL abschließend suggeriert, die »Nazca-Ebene mit ihren mythischen Zeichnungen« jedenfalls nicht.

Der Pilot meint es gut mit mir. Er bringt seine kleine Propellermaschine in Schieflage, so dass sich nun die berühmte Ebene von Nazca unter mir schier endlos ausbreitet. So habe ich einen perfekten Blick nach unten und kann so gut es geht fotografieren. Bahnen.. Bahnen.. Bahnen, soweit das Auge reicht! Ich fotografiere begeistert. Das macht auch mein Reisekollege, dem freilich der manchmal doch etwas wackelige Flug der kleinen Propellermaschine zu schaffen macht. Nach der Landung kriecht er, mit Übelkeit kämpfend aus der Maschine und wankt, kreidebleich, einige Schritt zum Rand der Start- und Landepiste, die freilich eher an einen besseren Feldweg erinnert. Erschöpft lässt er sich im Rasen nieder und starrt teilnahmslos in den Himmel.

Fußnoten
1) Woodman, Jim: »Nazca/ Mit dem Inka-Ballon zur Sonne«, München 1977, Seite 206, Zeilen  5-11 von oben
2) ebenda, Seite 210, Zeilen 3 und 4
3) ebenda, Seite 96, Zeilen 9-13 von unten
4) »Flug der Könige«, DER SPIEGL 6/ 1977


Foto 11: Großer, großer Vogel

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Nazca ... Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Santo Domingo, Vordereingang, Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Rückseite von Santo Domingo mit  Inkamauer, wikimedia commons, Foto Håkan Svensson (Xauxa)
Foto 5: Blick in die Inka-»Gruft«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Unvorstellbare Schätze fanden die Spanier im Sonnentempel. Fotos und Collage Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Mauerwerk von Ollantaytambo. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Inka-Mauerwerk - oder älter? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Bahnen, Bahnen, Bahnen ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Großer, großer Vogel. Foto Walter-Jörg Langbein

389 »Von Pyramiden und von der Angst vor den Toten«,
Teil  389 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 2.7.2017



Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 18. Juni 2017

387 »Heißluftballons für tote Inka-Herrscher oder Bohnen?«

Teil  387 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein
                      

Fotos 1 und 2: Palenque-Ruinen im Urwald.

Zentralamerika und Südamerika bieten wohl mehr archäologische Sensationen als wir uns vorstellen können. Im üppig wuchernden Urwald vom Mexico und Guatemala schlummern unter schier undurchdringlichem Gestrüpp Tempelkomplexe, die noch der Entdeckung harren. Immer wieder haben die Mayas herrliche Städte von heute auf morgen verlassen. In kürzester Zeit wurden sie von der Natur zurück erobert. Nur ein Bruchteil wurde bislang wieder freigelegt und ausgegraben.

Musterbeispiel ist die herrliche Ruinenstadt von Palenque, umgeben von Urwald, teilweise überwuchert. Selbst in der unmittelbaren Umgebung von Touristenattraktionen wie Palenque in Mexiko erkennt man, auch wenn man nur wenige Schritte von den Wegen zwischen den imposanten Tempeln abweicht »Hügel«, unter denen sich wohl noch weitere Tempel befinden. Da und dort ragen sauber bearbeitete Steine aus dem Erdreich. Es fehlen die Mittel, weiter zu graben. Man ist ja schon froh, die bereits freigelegten und restaurierten Bauten immer wieder vom wuchernden Grün freizuhalten.

Fotos 3 und 4: Rückeroberung durch den Urwald droht.
Da hat man zum Beispiel eine Treppe freigelegt. Wird man den Rest des Bauwerks auch noch vom wuchernden Grün befreien? Oder war das steinerne Bauwerk längst mühsam freigegraben, ist aber wieder weitestgehend überwachsen worden?

Auch in Peru harren noch viele Zeugnisse alter Kulturen darauf entdeckt zu werden. So manche Pyramide wurde im Verlauf der Jahrhunderte von den ach so zivilisierten Nachkommen der brutalen Eroberer zerstört. Im Stadtgebiet von Lima gab es einst mindestens zehn große Pyramide aus »Adobebacksteinen«. Bis auf eine wurden sie alle abgetragen, um Platz für das moderne Lima zu schaffen.

Bei meinen Besuchen in Peru hörte ich immer wieder von einer »unbekannten Kultur«, die an der Küste in der Provinz Piura ein »religiöses Zentrum« errichtete. Und das vor rund zwei Jahrtausenden. Archäologen hätten die Reste einer Plattform aus an der Luft getrockneten Adobe steinen ausfindig gemacht. Diente sie astronomischen Beobachtungen? Oder war sie Teil eines »Friedhofs« für den Adel des unbekannten Volkes? Oder gehörten die Bauten einst zu einem »Zentrum von strategischer Bedeutung«?

Ein Friedhof, so hörte ich immer wieder, umschließe das Areal. Ist er älter als die Pyramiden? Oder wurde er von den Pyramidenbauern angelegt? Oder von deren Nachkommen? In mehreren Metern Tiefe wurden bei Probegrabungen Hinweise auf Gräber gefunden. Ansonsten sei im Friedhof kaum noch etwas zu finden, da emsige Grabräuber über Jahre recht aktiv waren. Was sie gefunden haben – vor allem wohl Tonkeramiken – wurde längst an reiche Privatsammler verkauft.

Die Grabräuberei ist für viele Menschen in Ecuador, Peru und Chile zum Haupterwerb geworden. So werden immer wieder bedeutsame Stätten zerstört, bevor sie wissenschaftlich erforscht werden können. Die Behörden schreiten selten ein und oft verdienen sich die örtlichen Ordnungshüter etwas zu ihrem kargen Gehalt dazu und graben nach archäologischen Schätzen.

Foto 5: Typische Nazca-Keramik.

Auch Jim Woodman hatte offenbar Kontakt zu Grabräubern. Von einem will er sogar einen wichtigen Hinweis erhalten haben. Genauer: Jim Woodman suchte nach archäologischen Funden, die seine Heißluftballontheorie untermauern. So fragte er »seinen« Grabräuber (1): »Haben Sie schon mal etwas wie einen großen Ballon oder ein Luftschiff auf einer Tonscherbe oder auf einem huaco (2) gesehen.« Und tatsächlich, der Mann hatte etwas zu bieten (3): »Es war kein Ton. Nur ein Stein, vielleicht so groß wie meine Hand, und darauf war eine Zeichnung tief eingeritzt. Ich weiß nicht, was es war, und es wußte auch sonst niemand. Wir nannten es Kartoffel im Korb.«


Für Woodman scheint das ein Beweis für seine Theorie zu sein: Natürlich stellte die »Kartoffel im Korb« einen Heßluftballon dar. Leider hatte der Grabräuber seinem Bekunden nach den »Stein« Jahre zuvor verkauft. An wen? Das weiß er nicht mehr. Wenn einst über der Ebene von Nazca riesige Heißluftballons schwebten, dann – sollte man annehmen – müsste es doch auch Darstellungen dieser beeindruckenden Flugobjekte aus jenen Zeiten geben. Tatsächlich wurden unzählige Töpferwaren und Keramiken aus der Nazcazeit gefunden. Im Verlauf diverser Aufenthalte in Lima und Peru suchte ich, mit Jim Woodmans Buch in der Hand, nach Nazca-Darstellungen von Heißluftballons. Ich fand keine.

Fotos 6 und 7: Die weltberühmten »Bahnen« von Nazca.
In einem kleinen privaten Museum in Lima löste mein Interesse Befremden aus. »Heißluftballons? Ballons?« Ich fragte eisern weiter. Schließlich bekam ich eine vielversprechende Antwort: »Da haben wir etwas!« Sollte Woodman also doch recht haben? Würde man mir Nazca-Kunst mit Abbildungen von Ballons zeigen? Hinab in den Keller ging es. Mühsam öffnete »mein« Guide in einem muffigen Raum, nach Entgegennahme eines beachtlichen Trinkgelds, eine wuchtige Kommode. Darin befanden sich Tonkeramiken wie Schüsseln und Krüge mit aufgemalten Motiven. Sie waren mit einer Art Glasur überzogen. Es gab auch kleine tönerne Plastiken.

Malereien wie Plastiken waren von der erotischen Art. Sie zeigten Pärchen bei intimsten Tätigkeiten, aber auch äußerst üppig ausgestattete Frauen  aus Ton und in 3D. »Mein« Guide lachte herzlich und deutete auf die  getöpferten Damen mit üppiger Oberweite. Dabei murmelte er immer wieder »Balloons! Big balloons!« Heißluftballons freilich gab es nicht zu sehen.

Mehr Glück hatte seiner Schilderung nach Jim Woodman! Im »Museo Municipal« zeigte ihm Kuratorin Julia Suarez der Varela (4) »ein paar Tonsachen« in »Schaukästen, die an der Rückwand standen« (5). Leider bietet Jim Woodman in seinem reich bebilderten Werk kein Foto der musealen Artefakte. Eine Schüssel zierte – so Woodman –  »eine große Kugel mit einer wellenförmig flatternden Leine« (6). Für Woodman ist das eine »Flugzeichnung«. Und dann war da noch diese Schüssel. Zwei fliegende Ballons umkreisten das Tongefäß. »Sie sahen wirklich aus wie zwei Ballons, die Bänder und Leinen hinter sich herziehen. (7)«

Fotos 8 und 9: »Fliegende Menschen« auf gewebtem Teppich.

Jim Woodman durfte, so berichtet er, nicht nur staunend betrachten, er bekam von der Museumskuratorin Julia Suarez de Varela gar ein wertvolles und in seinen Augen beweiskräftiges Geschenk. Die Kuratorin schickte ihm am späten Abend einen kleinen Jungen ins Hotel, der dem erstaunten Woodman »ein Paket« überreichte. Woodman weiter (8): »In dem Paket lagen zwei Stücke einer großen alten Schüssel. Das eine war fast identisch mit der Schüssel, die mit den beiden Ballons geschmückt war und die ich im Museum gesehen hatte. Auf dem anderen war ein drachenähnlicher Gegenstand im Flug dargestellt, der eine wellenförmige Leine hinter sich herzog. Beide bedeuteten einen Schatz für mich.«

Was wurde aus den beiden »Stücken einer Schüssel«? Gab er sie der Kuratorin des Museums zurück? Oder behielt er sie? Darüber erfahren wir nichts von Jim Woodman. Was aber doch sehr befremdlich ist: Wieder gibt es kein Foto von den Scherben. Und was zeigen sie? Woodman suggeriert, dass die Darstellungen auf alten Nazca-Scherben seine Heißluftballontheorie beweisen.

Fotos 10 und 11: Zwei der Scharrzeichnungen von Nazca
Warum zeigt er dann aber nicht Fotos? Sicher, in Museen herrscht oft Fotografierverbot. Aber die beschriebenen Scherben befanden sich im Besitz Woodmans. Warum hat er sie nicht fotografiert? Weil sie doch keine Heißluftballons zeigen? Und wenn er sie fotografiert hat, wieso gibt es dann kein solches Foto in seinem Buch? Vielleicht weil es doch nichts Ballonähnliches auf den Scherben zu sehen gab?

Im »Archäologischen Nationalmuseum« von Lima sah ich in Vitrinen eine Vielzahl von Keramiken und Tonscherben, die der Nazcakultur zugeordnet werden. Auch mit viel Fantasie vermochte ich keine Heißluftballons oder Ballons erkennen. Gewebte Teppiche aus dem Raum von Nasca offerierten die Darstellung fliegender Menschen, freilich schwebten die ganz ohne die Hilfe von Heißluftballons. Es könnte sich um die Darstellung von Schamanen bei der »Geistreise« handeln, die freilich Drogen konsumierten, um – losgelöst vom Körper – in ferne Gefilde zu fliegen. Diese Teppiche sind freilich sehr viel jünger als die Keramiken, die man im Wüstenboden von Nazca gefunden hat.

Foto 12: Originalausgabe von Woodmans Buch
So schnell wollte ich freilich nicht aufgeben. Mit Jim Woodmans Originalversion seines Buches »Journey to the Sun/ Nazca« (9) als »Quelle« machte ich mich immer wieder auf die Suche nach den Ballons mit Leine. Ich wurde fündig. Die Nazca-Kultur huldigte nicht nur der Kunst, riesige Scharrbilder in den Wüstenboden zu kratzen. Sie produzierten und sammelten auch Schrumpfköpfe (10). Unklar und umstritten ist, warum! Es gibt mehrere Theorien. Waren es Kriegstrophäen? Behielt man die abgeschlagenen Häupter getöteter Feinde als Erinnerung an glorreiche Siege? Diese Erklärung scheidet aus, stammen doch die Schrumpfköpfe von Menschen der Nazca-Kultur, nicht von anderen Volksgruppen. Hatten die Köpfe magische Funktion?

Für die Menschen von Nazca war die keimende Bohne offenbar ein Symbol für das sprießende Leben der Natur. Für sie war wohl die Fruchtbarkeit der Natur so etwas wie ein Wunder, eine Gabe der Götter. So verwundert es nicht, wenn sie immer wieder (10) keimende Bohnen darstellten: die Bohne als »Kugel«, aus der sich – wie eine Schnur der Keimling windet. Aus dem Keimling wird dann später eine Bohnenpflanze, die Wurzeln ins Erdreich schlägt, an der Blätter wachsen und die wieder Bohnen hervorbringt. Die Ballons, »die Bänder und Leinen hinter sich herziehen (7)« finden so eine einfache, einleuchtende Erklärung: Es sind keine Heißluftballons, mit denen der tote Inka zur Sonne reiste, es sind schlicht und einfach keimende Bohnen.

Foto 13: Teersraße und Nazcabahnen
Fußnoten
1) Woodman, Jim: »Nazca/ Mit dem Inka-Ballon zur Sonne«, München 1977, Seite 63, Zeilen 12-14 von oben
2) huaco: Tonwaren Getöpfertes
3) Woodman, Jim: »Nazca/ Mit dem Inka-Ballon zur Sonne«, München 1977, Seite 63, Zeilen 10-14 von unten
4) ebenda, Seite 65, letzte Zeile
5) ebenda, Seite 66, Zeile 1 von oben
6) ebenda, Seite 66, Zeile 12 von oben
7) ebenda, Seite 66, Zeilen 17 und 18 von oben
8) ebenda, Seite 66, Zeilen 1-4 von unten und Seite 67, Zeilen 1 und 2 von oben
9) Woodman, Jim: »Journey to the Sun/ Nazca/ Exploring the mystery of Peru’s ancient airfields«, New York 1977
10) »Ancient Origins«: »The Nazca Head-hunters and their Trophy Heads«,
     Manuskript

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Palenque-Ruinen im Urwald. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 3 und 4: Rückeroberung durch den Urwald droht. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Typische Nazca-Keramik. Foto wikimedia commons/Tillman talk/ contribs
Fotos 6 und 7: Die weltberühmten »Bahnen« von Nazca. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: »Fliegende Menschen« auf gewebtem Teppich. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 10 und 11: Zwei der Scharrzeichnungen von Nazca. Fotos Walter-Jörg Langbein 
Foto 12: Originalausgabe von Woodmans Buch
Foto 13: Teersraße und Nazcabahnen. Foto Walter-Jörg Langbein

388 »Kein Ballon für den Inka«,
Teil  388 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 25.6.2017


Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Hier weiterlesen

Related Posts with Thumbnails

Labels

Ursula Prem (275) Walter-Jörg Langbein (248) Freitagskolumne (155) Sylvia B. (95) Osterinsel (50) Tuna von Blumenstein (36) Gerhard Strate (33) g.c.roth (32) Peru (30) Für Sie gelesen (23) Karl May (23) Maria Magdalena (20) Rezension (18) Karl der Große (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Jesus (16) Externsteine (15) Apokalypse (14) Bibel (14) Der Tote im Zwillbrocker Venn (12) Atlantis der Südsee (11) Krimi (11) Make Make (11) Pyramiden (11) Weseke (11) Blauregenmord (10) Forentroll (10) Hans Schindler-Bellamy (10) Nasca (10) Mexico (9) National Geographic (9) Palenque (9) Ägypten (9) Lügde (8) Thriller (8) Briefe an Lieschen (7) Der hässliche Zwilling (7) Kinderbuch (7) Märchen (7) Nan Madol (7) Tempel der Inschriften (7) Malta (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Satire (6) Sphinx (6) Winnetou (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) John Frum (5) Lyrik (5) Vorsicht Liebensgefahr (5) meniere desaster (5) ABC Walpurgisnacht (4) Atacama Wüste (4) Bildungssystem (4) Cheopspyramide (4) Ephraim Kishon (4) Europa (4) Grundschule (4) Kinderkrimi (4) Machu Picchu (4) Menschenrechte (4) Mexico City (4) Schule (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Alphabet (3) Dan Brown (3) Goethe (3) Hathor (3) Hexen (3) Javier Cabrera Darquea (3) Leonardo da Vinci (3) Meniere (3) Monstermauern (3) Mysterien (3) Ruth Westheimer (3) Bestatten mein Name ist Tod (2) Bevor die Sintflut kam (2) Bildungspolitik (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Mondpyramide (2) Sacsayhuaman (2) Sakrileg (2) Shakespeare (2) Straße der Toten (2) Vimanas (2) Vincent van Gogh (2) Vorlesebuch (2) Walpurgisnacht-Reihe (2) einmaleins lernen (2) forensische Psychiatrie (2) Österreich (2) Interview Markus Lanz (1)