Sonntag, 29. März 2020

532. »Ich sehe in jener Höhe, die wir bestiegen, ein mächtig Licht«

Teil 532 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Abraham als Deckengemälde (Urschalling).

Jung-Abraham erhält mysteriösen Besuch (1). Jemand verkündet dem jungen Mann (2): Du wirst große Dinge sehen, die du noch nicht gesehen hast.« Was er da erlebt, kann er nicht begreifen. Jung-Abraham ist fassungslos (3): »Und es geschah, als ich die Stimme hörte, die solche Worte zu mir sprach, da schaute ich hierhin und dahin.« Wer oder was sprach da zu ihm? Jung-Abraham erkennt: Wer oder was ihn da auch anredete, ein Mensch war es jedenfalls nicht. Angst packt ihn (4): »Und siehe, da war kein menschlicher Odem, und mein Geist erfüllte sich mit Grauen.« Abrahams Entsetzen war zu viel. Er wurde ohnmächtig (5): »Meine Seele entfloh mir, und ich wurde einem Stein gleich und fiel nieder zu Boden, da ich keine Kraft mehr hatte, aufrecht auf dem Boden zu stehen.«

Paul Rießler teilt den Text etwas anders nach Versen ein, kommt aber in seiner Übersetzung zum gleichen Ergebnis. Abraham erfasst, dass da kein menschliches Wesen zu ihm spricht. Panik erfasst ihn (6): »Und so erschrak mein Geist, und meine Seele floh aus mir. Ich wurde wie ein Stein und fiel zu Boden, weil ich nicht mehr zum Stehen Kraft besaß.«

Jetzt wird klar, dass der Erste im Rang über dem Zweiten steht. Der Erste kommandiert, der Zweite gehorcht (7): »Und als ich noch mit dem Angesicht auf der Erde lag, da hörte ich die Stimme (des Heiligen) sagen: ›Gehe, Jaoel, … richte diesen Mann wieder auf und stärke ihn von seinem Zittern.‹« Dieser Befehlsempfänger wird als Engel beschrieben, der wie ein Mensch aussah, aber keiner war (8): »Und der Engel kam, den er mir in der Gestalt eines Mannes gesandt hatte, und er nahm mich bei der Rechten und stellte mich auf meine Füße.« Noch deutlicher wird dieser Sachverhalt in der Übersetzung von Rießler (9): »Da kommt zu mir der Engel, den Er mir gesandt, in eines Mannes Ähnlichkeit, faßt mich bei meiner Rechten, und stellt mich auf meine Füße.«

Ein kurzer Satz verdeutlicht, dass der »Engel« nicht von dieser Welt ist. So sagt der Himmlische zu Abraham (10): »Um deinetwillen lenkte ich zur Erde meinen Weg.« Noch klarer wird die himmlische Heimat des Engels in der Übersetzung von Belkis Philonenko –Sayar und Marc Philonenko (11): »Und um deinetwillen habe ich den Weg zur Erde eingeschlagen.« Ein »Engel«, »in eines Mannes Ähnlichkeit« oder »in Gestalt eines Mannes« hatte also seinen »Weg zur Erde gelenkt«. Er kam also von außerhalb der Erde.

Schließlich beschreibt Jung-Abraham das Aussehen des »Engels«. Mir scheint, dass der junge Mann etwas so Ungewöhnliches oder gar Phantastisches gesehen hat, dass er gar nicht begreifen konnte, was für ein Wesen ihm da wieder auf die Beine geholfen hatte. Für unser Verständnis kommt noch erschwerend hinzu, dass Abraham Bilder und Vergleiche benutzt, die wir nicht mehr wirklich nachvollziehen können (12): »Und so erhob ich mich; da sah ich den, der mich an meiner Rechten faßte und mich auf meine Füße stellte. Sein Leib glich einem Sayphir, sein Antlitz einem Chrysolith und seines Hauptes Haar dem Schnee und seines Hauptes Diadem dem Regenbogen.«

Foto 2: Abraham, etwa 1180

Der »Engel« muss Jung-Abraham sehr beeindruckt haben. Rekonstruieren lässt sich das äußere Erscheinungsbild nicht wirklich. Was ist zum Beispiel gemeint, wenn es im Text heißt »seines Hauptes Diadem« habe »dem Regenbogen« geglichen? In der Übersetzung von Belkis Philonenko –Sayar und Marc Philonenko wird daraus (13): »Und der Turban auf seinem Haupte hatte das Aussehen des Regenbogens.« Irgendetwas war auf oder über dem Gesicht des »Engels«, das bunt schillerte. Was mag das gewesen sein? Der »Engel« hält etwas in seiner rechten Hand. Was? Nach der Übersetzung von Rießler »war … ein golden Zepter in seiner Rechten«, bei Belkis Philonenko –Sayar und Marc Philonenko lesen wir (14): »In der rechten Hand hatte er einen (goldenen) Stab.« Belkis Philonenko –Sayar und Marc Philonenko schreiben in einer Fußnote zunächst von »königlichen Attributen« des »Engels«, erklären dann aber, dass der unverständliche Ausdruck nach anderen Manuskripten »wiederhergestellt« werden musste. Was also hielt der »Engel« in der Rechten? Was hatte er am Kopf, vielleicht auch über dem Gesicht? Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass manchmal schon im Original unzulängliche Vergleiche gewählt wurden, die eventuell durch Beschädigungen des Manuskripts unverständlich waren und »wiederhergestellt« werden mussten.

Der Originaltext der »Apokalypse des Abraham« weist weder Kapiteleinteilungen auf, noch erfolgt eine Verszählung. Paul Rießler fügt Kapitelüberschriften ein, die den Inhalt der folgenden Verse zusammenfassen sollen. Da lesen wir zum Beispiel unter der Überschrift (15) »15. Kapitel: Abrahams Luftreise« (16): »Und es geschah bei Sonnenuntergang, da gab es Rauch wie Rauch aus einem Ofen. … So trug er mich bis an der Feuerflammen Grenzen. Dann stiegen wir hinauf, so wie mit vielen Winden, zum Himmel, der da ob dem Firmament war.«

Nach der »Apokalypse des Abraham« kam es tatsächlich zu einer »Luftreise«. Der junge Mann wird hoch empor getragen. Dort oben erspäht er Seltsames, oder ist der Ausdruck Phantastisches besser gewählt? (17) »Ich sehe in der Luft auf jener Höhe, die wir bestiegen, ein mächtig Licht, nicht zu beschreiben, und in dem Licht ein mächtig Feuer.«

Wagen wir eine moderne Interpretation. Jung-Abraham wird von zwei himmlischen Besuchern (von Außerirdischen) kontaktiert. Abraham weiß gar nicht, wo er hinschauen soll. Er empfindet offensichtlich große Angst. »Nicht eines Menschen Atem war’s« deutet auf nichtirdisches Leben hin. »In eines Mannes Ähnlichkeit« macht deutlich, dass Jaoel (andere Schreibweise: Javel) menschenähnlich aussah, aber doch kein Mensch war.

Spekulieren wir weiter: Jaoel trug so etwas wie einen schützenden Raumanzug. Seines »Hauptes Diadem« glich dem Regenbogen. Jaoel trug etwas in der rechten Hand. Daraus wurde in der Übersetzung ein »Stab«, ein »Zepter«. Was mag es wirklich gewesen sein? Ein Messgerät vielleicht? Jung-Abraham ist alles vollkommen fremd und unheimlich. Besucher im Raumanzug mögen für ihn geradezu monströs gewirkt haben. Kein Wunder, dass Jung-Abraham bei einem solchen Anblick von Panik erfasst wird und ohnmächtig niedersinkt. Jaoel muss ihm wieder auf die Beine helfen.

Können wir uns in einen Menschen des »Alten Testaments« hineinversetzen? Uns sind Bilder und Filme von Astronauten im Raumanzug ebenso vertraut wie von startenden Raketen und von Raumstationen, die die Erde umkreisen. Bezeichnungen für Raumfahrttechnologie gehören für uns mehr oder minder zur Alltagssprache. Derlei Ausdrücke waren dem jungen Abraham vollkommen fremd. Er musste zu Begriffen aus seiner Alltagssprache greifen, um Dinge zu beschreiben, die er nicht begreifen konnte. Stellen wir uns den Helm eines Schutzanzugs eines Astronauten vor. Jung-Abraham erklärt: »eines Hauptes Diadem dem Regenbogen.« Ist es möglich, dass Jung-Abraham ein Wesen in einem Raumanzug beschreibt, wenn da zu lesen steht: »Sein Leib glich einem Sayphir, sein Antlitz einem Chrysolith und seines Hauptes Haar dem Schnee und seines Hauptes Diadem dem Regenbogen.«

Bleiben wir bei unserer Überlegung. Spekulieren wir weiter. Wenn Jung-Abraham so etwas wie eine Rakete vor dem Start gesehen hat, welche Beobachtung würde er schildern? Wie würde er formulieren, was er Unheimliches gesehen hat? In der »Abraham Apokalypse« lesen wir (18): »Da gab es Rauch, wie Rauch aus einem Ofen.« Was hat er beobachtet, wenn er schreibt (19): »Die Engel, … sie stiegen von des rauchenden Ofens Spitze auf.«? Was hat Jung Abraham erlebt? Er umschreibt seine »Luftreise« so (20): »So trug er mich bis an der Feuerflammen Grenzen. Dann stiegen wir hinauf, so, wie mit vielen Winden, zum Himmel. … Ich sehe in der Luft auf jener Höhe, die wir bestiegen, ein mächtig Licht, nicht zu beschreiben.« Sollte er tatsächlich zu einer die Erde umkreisenden Raumstation geschafft worden sein? Dort sieht Abraham, so heißt es weiter im Text »eine Schar, ja eine große Schar von mächtigen Gestalten, die … sich Worte rufen, wie ich sie nicht kannte.« Um im Bild unserer Überlegung zu bleiben: Die Himmlischen unterhielten sich natürlich in ihrer Sprache, die dem jungen Abraham fremd war und die er nicht verstehen konnte.

Foto 3: »In der Höhe ein mächtig Licht..«.

Es stellt sich zwangsläufig eine wirklich wichtige Frage: Wie frei sind wir, wenn es darum geht, einen Text zu verstehen? Können wir einen Text, der unverstanden über lange Zeiträume hinweg überliefert wurde, begreifen? Konkreter: Nehmen wir an, ein Vertreter einer technisch rückständigen Zivilisation hatte eine Begegnung mit einer sehr hoch stehenden Zivilisation. Der Vertreter der rückständigen Zivilisation konnte nicht erfassen, was er da erlebte. Was da real geschah, das konnte in seinen Augen nur Zauberei sein. Sir Arthur C. Clarke (*1917;†2008) konstatierte völlig zutreffend (21): »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.«

Der Zeuge erlebte für ihn eigentlich Unmögliches. Er war also nicht dazu in der Lage, angemessen und korrekt zu beschreiben, was ihm da begegnete. So sehr er sich auch bemühte, seine Schilderung des Erlebten kann nur ein verfälschtes Abbild der Realität sein. Ist es dann möglich, Jahrhunderte oder gar Jahrtausende später zu rekonstruieren, was einst nur entstellt schriftlich fixiert wurde? Kann dann eine reale Begegnung mit dem Vertreter einer scheinbar magischen Zivilisation noch als wirkliche Begegnung erkannt werden?

Es schließen sich weitere Fragen an: In wieweit lassen wir fantastisch anmutende Antworten überhaupt zu? In wieweit klammern wir zu unrealistisch erscheinende Antworten aus? Wenn wir , basierend auf prinzipiellen Erwägungen, eine mögliche Antwort auf eine Frage kategorisch ausschließen, dann sehen wir erst gar nicht Hinweise auf eben diese mögliche Antwort. Wir sehen nicht alles, was wir sehen könnten, sondern zumindest bevorzugt das, was wir für möglich halten.

Christian Morgenstern (*1871; †1914) dichtete (22): »Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.«  Morgenstern schildert in humoristischen Reimen wie ein gewisser Palmström bei einem Autounfall ums Leben kommt. Palmström will sich damit nicht abfinden. So entdeckt er dann auch, dass an der Unfallstelle keine Auto hätte fahren dürfen. Also leugnet er seinen eigenen Tod und lebt weiter, »weil nicht sein kann, was nicht sein darf«.

Konkreter: Wenn ich es für absolut ausgeschlossen halte, dass Abraham eine Begegnung mit zwei Außerirdischen hatte, dann sehe ich auch keinen Hinweis, der für eine solche Begegnung spricht. Ich gestatte es mir dann gar nicht, so etwas zu sehen. Wenn man so eine Begegnung aber zumindest in die Überlegungen mit einbezieht, erscheint manche Aussage der  »Abraham Apokalypse« in ganz anderem Licht.

Fußnoten
(1) Philonenko-Sayar, Belkis und Philonenko, Marc: »Die Apokalypse Abrahams«, erschienen als »Band V Lieferung 5« der Buchreihe »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, Gütersloh 1982
Die Zitate wurden unverändert übernommen. Die Rechtschreibreform wurde nicht berücksichtigt.
(2) Ebenda, Seite 429, IX, 5 (Kapitel IX, Vers 5)
(3) Ebenda, Seite 430, X, 1 (Kapitel X, Vers 1)
(4) Ebenda, Seite 430, X, 2 (Kapitel X, Vers 2)
(5) Ebenda, Seite 430, X, 3 (Kapitel X, Vers 3)
(6) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 20, X, 2
(7) Philonenko –Sayar, Belkis und Philonenko, Marc: »Die Apokalypse Abrahams«, erschienen als »Band V Lieferung 5« der Buchreihe »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, Gütersloh 1982, Seite 430, X, 4
(8) Ebenda, Seite 431, X, 5
(9) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 21, X, 5
(10) Ebenda, Seite 21, X, 14
(11) Philonenko –Sayar, Belkis und Philonenko, Marc: »Die Apokalypse Abrahams«, erschienen als »Band V Lieferung 5« der Buchreihe »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, Gütersloh 1982, Seite 432, X, 14
(12) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 22, XI, 1+2
(13) Philonenko –Sayar, Belkis und Philonenko, Marc: »Die Apokalypse Abrahams«, erschienen als »Band V Lieferung 5« der Buchreihe »Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit«, Gütersloh 1982, Seite 432, XI, 2
(14) Die Verseinteilung wurde unterschiedlich vorgenommen. Bei Rießler ist es Kapitel 11, Vers 2, bei Belkis Philonenko –Sayar und Marc Philonenko hingegen ist es Vers 3.
(15) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 25 (Mitte)
(16) Ebenda, Seite 25, XV 1, 4 und 5
(17) Ebenda, Seite 25, XV, 6
(18) Ebenda, XV, 1
(19) Ebenda, XV, 2
(20) Ebenda, XV, 4-6
(21) Sir Arthur C. Clarke in »Profiles of the Future«, zitiert von Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57. Originalzitat: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«, »Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible«, revidierte Ausgabe 1973, Seite 36
(22) Morgenstern, Christian: »Die unmögliche Tatsache«

Zu den Fotos
Foto 1: Abraham als Deckengemälde (Urschalling). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Abraham, etwa 1180 (Herrad of Landsberg). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: »In der Höhe ein mächtig Licht..«. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


533. »Erinnerungen an die Zukunft«,
Teil 533 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 05. April 2020



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Sonntag, 22. März 2020

531. »Nicht eines Menschen Atem«

Teil 531 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Erich von Dänikens erster
Weltbestseller (Cover)
»Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.« lässt William Shakespeare (*1564; †1616) Hamlet zu seinem Freund Horatio sagen (1). Tatsächlich scheint sich zwischen Himmel und Erde mehr abzuspielen, als die Schulwissenschaft wahrhaben will. Das beweist bis heute hinlänglich der Schweizer Erfolgsautor Erich von Däniken in seinen faszinierenden Sachbüchern.

1968 erschien Erich von Dänikens erster Weltbestseller »Erinnerungen an die Zukunft« im ECON-Verlag und löste weltweit eine regelrechte »Dänikenitis« aus. Der Zeitpunkt war günstig: Stand doch die bemannte Raumfahrt vor einem Höhepunkt. Erstmals würden Menschen auf einem fremden Himmelskörper, auf dem Mond, dem Erdtrabanten, landen. Und als die Mondlandefähre sanft auf unserem Erdtrabanten aufsetzte, hieß es: »Der Adler ist gelandet!«

Da fragten sich unzählige Millionen von Menschen: Wenn wir Menschen, die wir erst am Anfang der Weltraumfahrt stehen, ins All aufbrechen können, wieso sollen dann außerirdische Zivilisationen, die womöglich viel älter als die irdische sind, nicht schon in grauer Vorzeit Raumfahrt betrieben haben? Warum sollen sie, die Außerirdischen, nicht bereits in grauer Vorzeit zur Erde gekommen sein?

Foto 2: Die Grabplatte von
Palenque (Mexico)
Die Grabplatte von Palenque wurde 1968 durch Erich von Däniken weltberühmt. Zierte doch eine zeichnerische Darstellung des Reliefs vom steinernen Sarkophag Dänikens Erstling »Erinnerungen an die Zukunft«. Erich von Däniken trug eine raumfahrttechnische Interpretation der Steingravur vor (2):

»Da sitzt ein menschliches Wesen mit dem Oberkörper vorgeneigt, in Rennfahrerpose vor uns; sein Fahrzeug wird heute jedes Kind als Rakete identifizieren. Das Vehikel ist vorne spitz, geht über in merkwürdig gerillte Ausbuchtungen, die Ansauglöchern gleichen, wird dann breiter und endet im Rumpf in eine züngelnde Feuerflamme. Das Wesen selbst, vornüber geneigt, bedient mit den Händen eine Reihe unidentifizierter Kontrollgeräte und setzt die Ferse des linken Fußes auf eine Art Pedal.

Seine Kleidung ist zweckentsprechend: eine kurze, karierte Hose mit einem breiten Gurt, eine Jacke mit modernem japanischen Halsausschnitt und dicht abschließende Arm- und Beinbänder. Es würde, in Kenntnis korrespondierender Darstellungen, verwundern, wenn der komplizierte Hut fehlen würde. Er ist da, mit Ausbuchtungen und Röhren. Unser so deutlich dargestellter Raumfahrer ist nicht nur durch seine Pose in Aktion - dicht vor seinem Gesicht hängt ein Gerät, das er starrend und aufmerksam beobachtet. Der Vordersitz des Astronauten ist vom hinteren Raum des Fahrzeugs, in dem man gleichmäßig angeordnete Kästen, Kreise und Spiralen sieht, durch Verstrebungen abgetrennt.«

Erich von Däniken (*1935) machte das mysteriöse Relief auf der Grabplatte von Palenque weltberühmt. Weltweit wurde heftig über Dänikens Raumfahrer-These diskutiert. Ernst von Khuon (*1915; †1997) reagierte auf Dänikens Weltbestseller und auf das Echo, das das Buch weltweit auslöste. Er gab einen Sammelband mit Beiträgen von Wissenschaftlern über Erich von Dänikens Hypothesen heraus (3): »Waren die Götter Astronauten?«

Foto 3: Die Grabplatte von Palenque/ Ausschnitt.

Däniken fand In Sachen Palenque Unterstützung ausgerechnet im Lager der Raumfahrttechniker. Dr. Wolfgang Briegleb und Professor Dr. Siegfried Ruff, beide damals tätig bei der »Deutschen Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt«, verfassten ein bemerkenswertes (4) »Plädoyer für eine unkonventionelle Erforschung unserer Vergangenheit«. Die »Grabplatte von Palenque«  hatte es den beiden Raumfahrtexperten besonders angetan (5):

»Einer der beeindruckendsten optischen Belege für Dänikens Thesen scheint uns die Grabplatte von Palenque zu sein. Man muss sich hier wirklich Gewalt antun, um nicht mit den Augen unserer Tage eine stilisierte Gemini- oder Wostok-Kapsel zu erkennen. … Die Körperhaltung der dargestellten menschlichen Gestalt ist eigentlich nur sinnvoll, wenn sie eine Beschleunigung in Richtung Brust-Rücken erhält. dass der hypothetische Raketenpilot zudem anscheinend hemdsärmelig fliegt, ist uns eine inzwischen vertraute Vorstellung.«

Interessant ist ein Statement zweier Maya-Experten von Rang. Prof. David Stuart (*1965) ist ein US-amerikanischer Altamerikanist, der an der »University of Texas«, Austin, lehrt. Gemeinsam mit seinem Vater George E. Stuart (*1935; †2014) verfasste der Wissenschaftler das Werk (6) »Palenque/ Eternal City of the Maya«. Über die Grabplatte von Palenque lesen wir da (7): »Untersucht man den Sarkophag als Ganzes, dann kann der Sarkophag als sorgfältig zusammengestelltes Modell des Kosmos angesehen werden, wobei der Himmel (der Deckel) über der Erde und ihren grünen Gefilden (der Sarg) liegt.«

Foto 4: Die Grabplatte von
Palenque/ Ausschnitt.
Erich von Däniken beschrieb schon 1968 den Mann im Relief auf dem Sarkophag als Astronauten. Die beiden Raumfahrttechniker Dr. Wolfgang Briegleb und Professor Dr. Siegfried Ruff sahen Dänikens Interpretation als sehr naheliegend an. Man könne sich seiner Sichtweise kaum entziehen. Und die Maya-Experten George und David Stuart? Sie sehen im Sarkophag-Deckel den Himmel. Der dänikensche »Astronaut« bewegt sich nach Ansicht der beiden Wissenschaftler im Himmel. Ihre Interpretation stützt Dänikens Sichtweise.

Recht hat Shakespeare: »Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.«

In die gleiche Kategorie fällt ohne Zweifel auch ein mysteriöses Erlebnis, das Adam nach der Vertreibung aus dem Paradies hatte. In einem apokryphen Text, den Paul Rießler in seinem Werk »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel« (8) wiedergibt, geht es um das »Leben Adams und Evas« (9). Drei Fassungen liegen vor: eine griechische, eine lateinische und eine slawische. Was zu einer gewissen Verwirrung führen kann: Das »Leben Adams und Evas« wurde bereits 1866 unter dem Titel »Apocalypsis Mosis« publiziert. Zugrunde lagen damals vier Handschriften. Die älteste, eine mailändische, soll spätestens im 11. Jahrhundert angefertigt worden sein. Sehr viel weiter zurück reicht ein Manuskript in lateinischer Sprache. Es soll etwa aus dem Jahr 730 stammen.
Adam, so erfahren wir, sprach zu seinem Sohn Seth (10):

»Vernimm mein Sohn! Ich will dir künden, was ich sah und hörte. Nachdem wir aus dem Paradies vertrieben waren, ich mitsamt deiner Mutter, da kam zu mir, als wir beim Beten waren, Erzengel Michael, von Gott gesandt. Da sah ich gleich dem Winde einen Wagen, und seine Räder waren feurig; da wurde ich zum Paradiese der Gerechtigkeit entrückt. Ich sah den Herrn da sitzen; sein Anblick war ein unerträglich brennend Feuer und viele tausend Engel rechts und links vom Wagen.«

Adam wurde nach diesem Text von einem Wagen mit feurigen Rädern offenbar in den Himmel »entrückt«, wo er »den Herrn« sitzen sah.

Bei Rießler findet sich auch der nicht weniger interessante apokryphe Text »Apokalypse des Moses« (11). Kann es sein, dass Eva aus ihrer Sicht just jenes Erlebnis bekundete, von dem Adam Sohn Seth erzählte? Freilich schildert der Text Adams Himmelsreise nicht als körperliches, sondern geistiges Geschehnis. Nicht Adams Leib wurde gen Himmel transportiert, sondern seine Seele. Eva aber wurde nach der Schilderung im apokryphen Text leibhaftig zu Adams Leichnam geflogen (12):

»Und Eva lag noch auf den Knieen im Gebet, da kam zu ihr der Menschheit Engel und hieß sie sich erheben: Eva! Steh auf von deiner Buße! Adam, dein Mann, hat seinen Leib verlassen. Sieh, wie sein Geist zu seinem Schöpfer fährt und dort vor ihm erscheint! Eva erhebt sich und deckt mit ihrer Hand das Angesicht. Der Engel sprach zu ihr: Erheb dich aus dem Irdischen! Und Eva blickt zum Himmel auf; da sieht sie einen Lichtwagen heranfahren, gezogen von vier glänzenden Adlern. Kein aus dem Mutterleib Geborener kann ihre Herrlichkeit beschreiben, noch in ihr Antlitz schauen; vorauf dem Wagen gingen Engel. Sie kamen zu dem Ort, wo Adam, euer Vater, lag. Da hielt der Wagen.«

Von der »Apokalypse des Moses« zur »Apokalypse des Abraham«, die Paul Rießler ebenfalls in sein Werk aufgenommen hat (13). Sie entstand bereits im 1. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung, vermutlich kurz nach dem Jahr 70 n. Chr. Das Original wurde in hebräischer Sprache verfasst. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass vermutlich das Hebräisch des Originaltextes zumindest in Teilen aramäischen Einflüssen ausgesetzt war. Erhalten ist der Text ist in einer slavischen Fassung, die früher als »altslavonisch« bezeichnet wurde.

Zunächst wird Abraham vorgestellt (14): Nachor I war der Vater von Nachor II und von Therach. Abraham war der Enkel von Nachhor I, ein Sohn von Therach und ein Neffe von Nachor II.Therach verrichtete Dienst im Tempel. Er fertigte aber auch Statuen und Statuetten von Göttern an. Der junge Abraham war bei seinem Vater ein emsiger Lehrling. Eines Tages fiel »Steingott Merumat« im Tempel um. Die Steinfigur war viel zu schwer, als dass Abraham sie wieder  hätte aufstellen können. Zusammen mit seinem Vater Therach versuchte Abraham, die Statue wieder aufzurichten (15):

»Als wir ihn beide fortbewegten, um ihn auf seinen Platz zu stellen, fiel ihm sein Kopf herab, solang ich ihn am Kopfe hielt.« Offenbar war die Statue des Gottes nun entweiht. Vater Therach (16)  »hieb er einen andern Merumat aus einem andern Stein zurecht, doch ohne Kopf; dann setzte er den abgebrochenen Kopf ihm wieder auf, das andere von Merumat zerschlug er.«

Therach fertigte Götter-Statuen an, Sohn Abraham verkaufte sie, zum Beispiel an syrische Kaufleute, deren Karawane nach Ägypten zog (17). Wieder kam es zu einem Malheur: Ein Kamel stößt einen Schrei aus, der mit fünf Götter-Statuen beladene Esel Abrahams scheut, drei Götter-Bildnisse gehen zu Bruch. Die Syrer erweisen sich als großzügig. Sie übernehmen die zwei unbeschädigten Statuen, bezahlen aber den vollen Kaufpreis für alle fünf.

Jung-Abraham wird als kritisch denkender Mensch geschildert. Er kann offensichtlich die heiligen Statuen nicht mehr als mächtige Götter ansehen. Es waren nicht die Götter-Statuen, die seinen Vater Therach schufen, vielmehr ist sein Vater der Schöpfer der vermeintlichen »Götter«! So fragt sich Abraham (18): »Ist nicht vielmehr er seiner Götter Gott? Denn durch sein Meißeln, Drechseln, durch seine Kunst entstehen sie. Ja, sollten sie nicht meinen Vater anbeten, da sie doch nur sein Machwerk sind? Was liegt doch für ein Wahn in meines Vaters Werken?«

In seiner Welt war der junge Abraham ein Ketzer, der nicht mehr daran glaubt, dass die Götterstatuen auch wirklich Götter waren. Sonst wären nicht drei von ihnen beim Sturz vom Esel zerbrochen. Sonst wären die Trümmer der Götter, die er im Gurfluss versenkt hatte, ja wieder an Land gekommen. Und sie hätten als echte Götter den Esel, der schuld an ihrer Zerstörung war, bestraft. Wenn die Götter sich nicht selbst helfen können, wie kann dann ein falscher Gott (19) »wohl einen Menschen retten oder eines Menschen Bittgebet erhören oder ihn belohnen«. Vater Therach kann nur mit Empörung reagieren, als ihm sein Sohn Abraham ketzerische Gedanken offenbart (20). Therachs »Götter« könnten niemanden segnen. Vielmehr sei doch er es, sein Vater Therach, der die Götter herstelle und segne und nicht umgekehrt!

In erstaunlicher Ausführlichkeit wird klargestellt, dass der junge Abraham die Glaubenswelt seines Vaters, des »Herrgottschnitzers« in der »Apokalypse des Abraham«, für unsinnigen Aberglauben hält. Die Kapitelüberschriften (21) »Abrahams Verspottung der Götzen« und »Der Götzen Nichtigkeit« verraten, dass Abraham nichts vom Glauben seines Vaters hält. Der junge Abraham zweifelt nicht, er lehnt die Religiosität seiner Umwelt vollkommen ab. Und diesem Abraham widerfährt ein faszinierendes Erlebnis, dessen Beschreibung besser in einen Science-Fiction Film als in einen apokryphen Text aus biblischen Zeiten passt!

Es kommt zu einer unheimlichen Begegnung. Zwei Fremde (oder »Fremdartige«?) besuchen Jung-Abraham. Einer redet ihn an. Ein Mensch ist es  nicht, der ihn anspricht. Das scheint Jung-Abraham sofort erkannt zu haben (22): »Als ich die Stimme hörte, die solche Worte sprach, sah ich bald hierhin und bald dorthin. Nicht eines Menschen Atem war’s.«

Fußnoten
(1) »Hamlet«, 1. Akt, 5. Szene. Originalzitat: »There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy.«
(2) Däniken, Erich von: »Erinnerungen an die Zukunft«, S. 149, 7. Zeile von unten – Seite 150, 15. Zeile von oben
(3) Khuon, Ernst von: »Waren die Götter Astronauten«, Düsseldorf und Wien 1970
(4) »Plädoyer für eine unkonventionelle Erforschung unserer Vergangenheit«, Ebenda S.82-92
(5) Ebenda, S. 84, 3. Zeile von unten – Seite 85, 13. Zeile von oben
(6) Stuart, David und Stuart, George: »Palenque/ Eternal City of the Maya«, London 2008. (Titel in etwa: »Palenque/ Ewige Stadt der Maya«. Eine Übersetzung ins Deutsche liegt meines Wissens nicht vor.)
(7) Ebenda, Seite 173, 13.+12. Zeile von unten. Originalzitat: »Studied as a whole, the sarcophagus can be seen as a carefully composed model of the cosmos, with the sky (the lid) placed above the earth and its verdant realm (the coffin).« Übersetzung Walter-Jörg Langbein
(8) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928
(9) Ebenda, »Das Leben Adams und Evas«, Seiten 668-681
(10) Ebenda, Seite 674, §25
(11) Ebenda, Seiten 138-155
(12) Ebenda, Seiten 150+151, §32 unten und §33 oben
(13) Ebenda, »Apokalypse des Abraham«, Seiten 13-39
(14) Ebenda, 1. Kapitel, 1
(15) Ebenda, 1. Kapitel,7+8
(16) Ebenda, 1. Kapitel, 12
(17) Ebenda, 2. Kapitel, 1-9
(18) Ebenda, 3. Kapitel (»Abrahams Bedenken«), 3+4
(19) Ebenda, 3. Kapitel, 8
(20) Ebenda, 4. Kapitel 3+5
(21) Ebenda, 5.+6. Kapitel
(22) Ebenda, Seite 20, 10. Kapitel,1+2

Zu den Fotos
Foto 1: Erich von Dänikens »Erinnerungen an die Zukunft«. Das Buchcover mit der Grabplatte von Palenque. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die mysteriöse Grabplatte von Palenque. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Die Grabplatte von Palenque/ Ausschnitt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Die Grabplatte von Palenque/ Ausschnitt. Foto Walter-Jörg Langbein

532. »Ich sehe in jener Höhe, die wir bestiegen, ein mächtig Licht«,
Teil 532 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 29. März 2020


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