Sonntag, 21. August 2016

344 »Legende aus Stein«

Teil 344 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1-3: Der »Küstentempel«

Matthias Claudius (1740-1815) schrieb Ende des 18. Jahrhunderts das Gedicht »Urians Reise um die Welt«. Erschienen ist es 1786 und wurde unter anderem auch von Ludwig van Beethoven vertont. Das Gedicht kann wohl nur als Satire auf die Reise- und Entdeckungslust der frühen Neuzeit oder als Parodie der Reiseliteratur verstanden werden. Gleich zu Beginn heiß es: »Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen. D'rum nahm ich meinen Stock und Hut und tät das Reisen wählen.«  Um 1800 wurde »verzählen« im Sinne von »falsches zählen« verwendet. Daraus wurde die bis heute geläufige Redewendung, ausschließlich positiv gemeint: »Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen«, im Sinne von »Dann hat er was zu berichten.«

So ist es auch. Vor allem, wer reist, der kann sich auch etwas erzählen lassen. Nach wie vor sind mündliche Überlieferungen wichtige Quellen. In Indien wie in der Südsee hörte ich immer wieder von Flutkatastrophen und Überschwemmungen. Solange die mysteriöse Schrift der Osterinsel nicht entziffert wird, sind über auf den reichen Schatz an Überlieferungen angewiesen, der heute – noch und wieder – von den Osterinsulanern gehütet wird.

Foto 4: Historische Aufnahme des »Küstentempels«

Vor Ort erfuhr ich von alten Überlieferungen über die Urheimat der Osterinsulaner, die im Westen des Eilands gelegen haben soll. Die ursprüngliche Heimat sei im Meer versunken. Dank des fliegenden Gottes Make-Make konnten sich die Menschen auf die Osterinsel retten. Wo genau wie viel Land im Meer des Pazifiks versank, wir wissen es nicht. War es der legendäre Kontinent Mu? War es eine Inselgruppe oder nur eine einzelne, kleinere Insel?

Aus diversen Gesprächen mit Osterinsulanern weiß ich: Die lebendige mündliche Tradition weist auf Polynesien als Ursprungsgebiet der Osterinsulaner hin (1). Auch im Raum Mahabalipuram gibt es noch mündliche Tradition, die von Flutkatastrophen zu berichten weiß. Demnach ist der heutige »Küstentempel« der letzte von insgesamt sieben sakralen Bauten. Sechs seien vom Meer verschlungen worden.

Vor Ort erzählte man mir, dass der Meeresspiegel bis in unsere Tage ansteige. Fakt ist, und ich habe das selbst erlebt, dass bei Flut der »Küstentempel« im Wasser steht. Wellen dringen ins Innere des sakralen Gebäudes ein, wodurch erhebliche Schäden angerichtet werden. Mauerwerk und Skulpturen leiden erheblich darunter. Trotz beschränkter finanzieller Mittel wird versucht zu retten, was zu retten ist und zu konservieren, was noch erhalten ist.

Foto 5: Historische Aufnahme des »Küstentenpels«

Fakt ist, dass anno 1810 Robert Southey in seinem epischen Gedicht »The Curse of Kehema« (etwa »Der Fluch von Kehema«) von versunkenen Tempeln spricht (2), von Türmen, Kuppeln, Zinnen und Tempeldächern. Da heißt es (3): »Welch wundersame Werke hat die schlingende Welle dort gefressen, wo einst wack’re Monumente Bericht erstatteten über ihre einstige Herrlichkeit. Und an der sandigen Küste, am Rand des Ozeans, widerstand ein steinerner Tempel in seiner Stärke Brandung und Woge, die vergeblich gegen ihre tiefen Fundamente schlagen.«

N.S. Ramaswami spricht allerdings der Beschreibung der versunkenen Tempel jede Wirklichkeit ab (4): »Das ist ein schönes Bild, aber durch und durch unwirklich. Es gibt keine versunkene Stadt unter den Wellen von Mahabalipuram. Der europäische Name ›Sieben Pagoden‹ ist irrational und kann nicht begründet werden.«

Foto 6: Weitere historische Aufnahme des »Küstentempels«

S. Swaminathan vermeldet in seinem üppig bebilderten Buch »Mahabalipuram/ Unfinished Poetry in Stone« (etwa »Mahabalipuram/ Unvollendete Poesie in Stein«) (5): »Es gibt einen Glauben, dass ein Teil der Stadt vom Meer verschlungen wurde. Es hat Versuche gegeben, den Grund des Ozeans auf Reste von Bauwerken zu untersuchen. Nach lokaler Tradition gibt es eine Reihe von Tempeln, die vom Meer verschluckt wurden. Viele haben über Jahrhunderte hinweg behauptet, Tempeltürme im Meer gesehen zu haben.«

Bei meinem Besuch in Mahabalipuram im November 1995 hörte ich wiederholt von Fischern, die bei Nacht und wolkenfreiem Himmel, wenn der Vollmond am Himmel stand, eindeutig die Kuppeln von steinernen Tempeln gesehen haben wollen. Besonders gut habe man die sakralen Bauwerke bei niedrigem Wasserstand und geringer Wellenbewegung gesehen. Dann schimmerten die Turmspitzen einige Meter unter der Wasseroberfläche. Manche Fischer hatten Angst vor den Bauten auf dem Meeresgrund. Sie fürchteten sich vor Geistern, die in den Gemäuern hausen könnten.

Berichtet wurde mir, dass es einst eine Treppe gegeben habe, die vom heute noch erhaltenen Küstentempel nach unten führten, unter die Wasseroberfläche. Weiter unten habe man schließlich so etwas wie Verankerungen gesehen, auf denen einst eine Plattform gelegen habe. Die Stufen der steinernen Treppe seien aber inzwischen stark erodiert, zum Teil schon gar nicht mehr zu erkennen.

Kritische Stimmen waren auch zu vernehmen: So sei es ja erfreulich, dass der letzte der sieben Tempel heute durch Steinaufschüttungen vor den Mächten des Meeres weitestgehend geschützt sei. Aber dadurch seien eindeutig künstlich geschaffene Strukturen auf dem Meeresgrund für immer verschwunden. Weihnachten 2004 suchte ein Tsunami auch Mahabalipuram heim. Die Flutwelle selbst richtete keinen größeren Schaden an. Für Minuten zog sich das Meer rund 500 Kilometer zurück. Für Minuten lag trocken, was sonst Meeresboden war. Für Minuten wurden Steinformationen sichtbar, einige der Versunkenen Tempel?

Das Meer kehrte zurück, die Strukturen verschwanden wieder unter dem Meeresspiegel. Der Tsunami aber spülte im heutigen Strandbereich Felsen frei, die seit Ewigkeiten unter dem Sand verborgen lagen. Besonders interessant: Entdeckt wurde ein Felsbrocken, der eindeutig bearbeitet worden war. Begabte Steinmetze wollten ihn in die Statue eines Elefanten verwandeln, brachen aber ihr Werk – warum auch immer – ab, es blieb unvollendet.

Foto 7: Mysteriöse Statue eines »Löwen«
Eine zweite Statue wurde weitestgehend fertig gestellt. Was stellt sie dar? Da ist das Gesicht eines Tieres zu erkennen. Der Rachen ist geöffnet, man erkennt spitze Reißzähne. Deutlich herausgearbeitet sind die aufgerissenen Augen des Tieres. Soll es ein Löwe sein, der seine Beute fixiert und gleich zum Sprung ansetzen wird? Und dem Kopf machen wir zwei mächtige Pranken aus, die durchaus zu einem Löwen passen würden.

Direkt unter dem Löwen hat man eine Nische in den Fels gemeißelt. Wurden hier einst Opfergaben abgelegt? Vage auszumachen ist eine Gottheit an der Rückseite der Nische. Die Skulptur macht insgesamt einen sehr alten Eindruck, weitere Details sind so verwaschen, dass sie nicht mehr zu erkennen sind. Eine ganz ähnliche, nicht minder mysteriöse Statue sah ich anno 1995 direkt beim »Küstentempel«.

Am 30. Mai 2005 vermeldete »India Today«: »Die Entdeckung von zwei neuen Tempeln bei Mahabalipuram bringt eine Wende in Sachen Folklore über vom Meer verschlungene Tempel. Lange Zeit glaubten Forscher, dass der Küstentempel von Mahabalipuram in seiner dem Meere zugewandten Großartigkeit über ein Jahrtausend allein stand, dabei der hämmernden Brandung widerstehend. War er aber immer allein? Örtliche Legenden kreisen um einen Komplex von einstmals sieben Tempeln, die dort gestanden haben sollen, und zwar so spektakulär, dass sie die Eifersucht der Götter auslösten, die das Meer gegen sie entfesselten.«

Foto 8: »Küstentempel« mit »Löwenskulptur«

Laut »India Today« wurden Taucher fündig. Besonders sensationell: Die Ruinen eines Tempels aus Granit, eineinhalb mal so groß wie der verbleibende Küstentempel. Und noch weiter entfernt von der Küste stand die Ruine eines »kleineren Küstentempels«, auch auf dem Meeresgrund.

Wie alt mögen diese Tempel sein? Megalithische Gräber im Raum Mahabalipuram werden auf das zweite vorchristliche Jahrtausend datiert. Ob es aus jener frühen Zeit auch Tempel auf dem Meeresgrund geben mag? Eine wissenschaftliche Studie des »1. National Institute of Oceonography Regional Centre Vishakhapatanam« lässt keinen Zweifel mehr zu: Es gibt vor der Küste von Mahahablipuram auf dem Meeresgrund eine ganze Reihe von künstlich angelegten Strukturen. Es muss – so die Studie – einen großen Gebäudekomplex gegeben haben, der  sich heute unter Wasser befindet.

Ein Beispiel: eine L-förmige Mauer aus kleinen Steinquadern in sieben Meter Wassertiefe. Teile der Mauer lagen so tief unter Sedimenten, dass eine genauere Untersuchung nicht möglich war.

Fakt ist: Taucher haben Beweise für die Existenz der sechs vom Meer verschlungenen Tempel gefunden. Was gern als Legende abgetan wurde, hat sich als Realität erwiesen. Gefunden wurde eine »Legende aus Stein«.

Fußnoten
(1) Siehe auch Horn, Roland: »Atlantis/ Alter Mythos – Neue Beweise«, Grafing 2009. Das empfehlenswerte Buch liegt auch als eBook vor. (Foto 9)
(2) Ramaswami, N.S.: »Temples of South India«, Madras 1984, S. 205 (Das Werk wurde mehrfach nachgedruckt, zuletzt 1996.)
(3) ebenda, S. 205 und 206, Übersetzung aus dem Englischen durch den Verfasser
(4) ebenda, S. 206
(5) Swaminathan, S.: »Mahabalipuram/ Unfinished Poetry in Stone«, Chemnai, Indien, o.J., S. 157. Übersetzung aus dem Englischen durch den Verfasser.
(6) »Submerged Pagodas of Mahabalipuram - Study Based on Underwater Investigations«, nähere Angaben liegen mir nicht vor.

Zu den Fotos
Fotos 1-3: In meinem Archiv befinden sich diverse alte Fotos, die den »Küstentempel« von Mahabalipuram zeigen. Sie stammen meiner Information nach aus der Zeit um 1910. Nähere Angaben zu diesen Aufnahmen liegen mir leider nicht vor, so dass ich keine näheren Informationen über Fotografen etc. geben kann. Copyright dürfte nicht verletzt werden, im Hinblick auf das Alter der Aufnahmen. Das Foto in Farbe habe ich selbst aufgenommen.
Fotos 4-6: Historische Aufnahmen, um 1910, siehe Anmerkungen zu Fotos 1-3
Foto 7: Mysteriöse Statue eines »Löwen«, Public Domain.
Foto 8: »Küstentempel« mit »Löwenskulptur«. Foto Walter-Jörg Langbein/ wiki
Foto 9: Cover »Atlantos« von Roland M. Horn 

345 »Sprechende Steine«,
Teil 345 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 28.08.2016

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Sonntag, 14. August 2016

343 »Tempel auf dem Meeresgrund«

Teil 343 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1 und 2: Der Küstentempel bei Tag und bei Nacht

Meinen ersten Besuch stattete ich Mahabalipuram bei Nacht ab. Es war nach einem glühend heißen Tag immer noch schwül warm. Doch eine sanfte nach Tang und Fisch riechende Briese machte die Temperatur erträglich. Das Meeresrauschen, die spritzende Gischt, die Sterne am pechschwarzen Himmel und der gespenstisch wirkende, mit Scheinwerfern angestrahlte Tempel direkt am Meer, all das ergab eine surreal wirkende Atmosphäre. Ich fühlte mich wie auf einen fernen, fremden Planeten versetzt, als staunender Erdenwicht, der nicht begreifen konnte, in was für eine Welt er geraten war.

Kleine Tempel – so es denn Tempel waren – aus Stein wuchsen aus dem gewachsenen Fels der Erde. Da und dort waren vage Pilger zu erkennen. Einige trugen Fackeln, andere Taschenlampen und wieder andere waren mit Öllampen ausgestattet. Manche trugen Blumen bei sich, die sie im Tempel an der Küste ablegten. Wieder andere blieben scheu vor dem Eingang stehen, blickten ins Innere des »Gotteshauses«, murmelten etwas leise vor sich hin. Beteten sie? Baten sie um Beistand einer Göttin? Bedankten sie sich bei einem Gott? Weit über 100.000.000 Göttinnen und Götter sind den Hindus Indiens bekannt.

Foto 3: Kleine Tempel wachsen aus dem Stein

Mein zweiter Besuch fand bei Tageslicht statt. Ich meinte erkennen zu können, dass der Küstentempel quasi auf einer steinernen »Landzunge« stand. Der Eindruck täuscht. Der Küstentempel war weit mehr als ein Jahrtausend den Gewalten des Meeres direkt ausgesetzt und drohte beschädigt, ja zerstört zu werden. Vermutlich hätte das sakrale Bauwerk dem Tsunami vom 26. Dezember 2004 nicht standhalten können, wenn nicht im Auftrag von Indira Gandhi rechtzeitig Schutzmaßnahmen ergriffen werden wären. Mit erheblichem technischen Aufwand wurde dem uralten Bauwerk zum Meer hin ein massiver Schutz verabreicht : Vor allem massive Wellenbrecher aus teils gewaltigen Felsbrocken und eine zusätzliche Mauer.

Foto 4: Das gigantische Steinrelief

Ich marschierte den Weg vom gigantischen Steinrelief mit der vom Himmel kommenden Göttin, vorbei an den fünf steinernen Rathas bis hin zum Küstentempel. Die Landschaft war bizarr. Aus dem staubigen Boden wölbten sich Steinstrukturen, kleine und große. Am ehesten erinnerten sie mich an die Buckel von Walen. Die Rücken der Meeressäuger freilich waren aus Stein. Aus Granit, wie man mir vor Ort versicherte.

Foto 5: Blick aufs Meer
Vom Inneren des Tempels aus blickt man auf das tosende, peitschende Meer. Da draußen, so hieß es bei meinem Besuch, ruhen sechs weitere Tempel auf dem Meeresgrund. Derlei lebende Legenden wurden gern als märchenhafte Erfindungen fantasiebegabter Menschen belächelt und abgetan. Immerhin  erhielt die Hafenstadt Mahabalipuram den Beinamen »Sieben Pagoden«, weil es sechs weitere Tempel wie den Küstentempel gegeben haben soll. Unklar ist, seit wann man von den sechs Tempeln auf dem Meeresgrund spricht. D.R. Fyson, ein Engländer, lebte lange Jahre in Madras, verfasste ein sachkundiges, fundiertes Werk über Mahabalipuram. Er schreibt (1):

»Die Überlieferung versichert, dass der Küstentempel als einzige von sieben Pagoden übrig geblieben ist, die einst eine schöne Stadt (Mahabalipuram) zierten. Es heißt, dass die Kronen der anderen Pagoden gelegentlich unter den Wellen glänzen. Nach der Legende konnte der König dank der Hilfe einer Nymphe den Hof von Indra im Himmel besuchen. Nach seiner Rückkehr (zur Erde) gelobte er, seine Stadt (Mahabalipuram) genauso prachtvoll zu gestalten. Das erweckte Indras Eifersucht und Indra stieg in einem großen Sturm herab und ließ den Ozean ansteigen und die Stadt überfluten.«

Vorsichtig formulieren Dr. Robert M. Schoch und Robert Aquinas McNally (2): »Die Stätte besteht aus großen überfluteten Strukturen, in denen manche Betrachter das Werk menschlicher Hände zu erkennen meinen. Mahabalipuram mag eine verlorene Stadt der Pyramidenbauer gewesen sein, vielleicht aber auch eine nicht richtig erkannte geologische Formation.« Dr. Schoch und McNally fordern eine gründliche wissenschaftliche Untersuchung.

Foto 6: Zentrum des Riesenreliefs

Vor (vielen?) Jahrtausenden sollen – auch in Mahabalipuram –  erste »primitive« Tempel aus Holz entstanden sein. Es mögen einfache Holzhütten gewesen sein, in denen Begräbniszeremonien abgehalten wurden. Man wechselte – wann auch immer – zum Granit als Material und legte »Höhlentempel« an.  Die Bearbeitung des harten Gesteins setzt fortgeschrittene Steinmetzkunst und entsprechende Werkzeuge voraus. Ursprünglich mögen von der Natur geschaffene Höhlen als sakrale Orte für religiöse Zeremonien genutzt worden sein. Wo es aber keine natürlichen Höhlen gab, wurden welche künstlich geschaffen. Das geschah auch in Mahabalipuram. Diese »Höhlen« waren anfangs freilich allenfalls kleine Kammern, die man in Granitbrocke hinein meißelte.

Im fünften, sechsten und siebten Jahrhundert begnügte man sich nicht mehr mit derlei Kammern. Aus Granitfelsen modellierte man kleine Tempel, die man Rathas nannte. Andere Bezeichnungen: Vimanas, Karren oder Tempelwagen. Fünf solche Rathas sind neben dem riesigen Steinrelief Hauptanziehungspunkte für einheimische Pilger wie für Touristen aus aller Welt.

Was mir schnell auffiel: Sowohl das riesige Steinrelief als auch die Rathas wurden nicht vollendet. Irgendwann müssen die Steinmetze von heute auf morgen ihr unvollendetes Werk seinem Schicksal überlassen haben. Warum?

Das Steinrelief zeigt in der Mitte, in einem von der Natur geschaffenen Felsspalt, den vom Himmel zur Erde herabströmenden Fluss. Rechts davon fallen vor allem zwei riesige Elefanten auf, die – wie auch die kleinen Elefanten darunter – sehr realistisch und naturgetreu verewigt wurden. Links vom Himmelsfluss wurde nur ein Teil der steinernen Fläche bearbeitet. Man erkennt klar, dass Vorbereitungen für das Einmeißeln weiterer Figuren getroffen wurden. Dazu kam es aber nicht. Die Arbeiten wurden – warum auch immer – abgebrochen.

Foto 7: Das Riesenrelief blieb unvollendet

Löst man den Blick von den Darstellungen von Tänzern, Zwergen, Elefanten, die zu Hunderten im Relief verewigt wurden, fällt eine fast kahle Stelle größeren Ausmaßes links vom Himmelsfluss auf. Unten, direkt links neben dem Fluss, erkennen wir die Darstellung eines Tempelchens. Davon links wurden einige wenige Tiere, wiederum sehr naturalistisch, in den Stein gemeißelt. Sie wurden allerdings zum Teil offenbar nicht vollendet. Es sieht so aus, als hätten die Künstler unvermittelt Hammer und Meißel zur Seite gelegt, um nie mehr ihr Werk fortzuführen. Und weiter links kann man erste rudimentäre Anfänge neuer Reliefbilder erkennen (Foto 8).

Foto 8: Rudimentäre Anfänge von neuen Reliefbildern

Warum wurden diverse Steinmetzarbeiten in Mahabalipuram nicht beendet? Starb der Auftraggeber? Wurde er abgesetzt? Oder ereignete sich eine Naturkatastrophe, die so gravieren war, dass alle Arbeiten an Pagoden, Tempeln und Reliefs abrupt abgebrochen wurden? Gab es dank eines gravierenden Klimawandels einen erheblichen Anstieg des Meeresspiegels, so dass sechs der sieben Pagoden von Mahabalipuram in den Fluten versanken?

Zu diesem spannenden Thema schreiben John und Mary Gribbin (3): »Die eiszeitlichen Menschen waren aber auch Küstenbewohner, die mit Sicherheit an den Rändern von Mittelmeer und Nordsee, aber auch entlang der Großen Australischen Buch und anderen Meeresufern lebten. Manche Forscher vermuten, dass die Hauptzentren dieser frühmenschlichen Besiedlungen in Gebieten lagen, die heute vollständig vom Meer überschwemmt sind. Vermutlich war der primäre Effekt von Klimawechseln und Überschwemmungen im Küstenbereich, dass die damalige Bevölkerungszahl drastisch reduziert wurde. Die katastrophalen Begleiterscheinungen dieser Geschehnisse bilden daher den Ursprung jener Legenden von der großen Flut (Sintflut), die seit Urzeiten überliefert werden. Zwischen 15.000 und 10.000 v.Chr. stieg der Meeresspiegel weltweit um mindestens 50 Meter und bis 5.000 v.Chr. hatte er weitere 40 Meter zugenommen.«

Foto 9: Waren die Inseln immer Inseln?
Das Phänomen von Bauten auf dem Meeresgrund ist bis heute viel zu wenig erforscht. Mir scheint, man hat lange Zeit so gut wie gar nicht nach versunkenen Bauwerken gesucht, weil man entsprechende Überlieferungen gern als frei erfundene Phantastereien abtat. Neuerdings aber scheint sich das Blatt zu wenden.

Ich erinnere mich sehr gern an meine Reisen nach Nan Madol, Pohnpei, Archipel der Karolinen, Föderierte Staaten von Mikronesien. Nan Madol wird als das »Venedig der Südsee« bezeichnet. Die Bezeichnung passt, heute zumindest. Da gibt es Miniinseln mit steinernen Bauten oder zumindest Ruinen, dazwischen oft schmale Wasserwege. Rund 90 künstlich geschaffene kleine Inseln trugen einst alle massive Steinbauten aus Basaltsäulen. Doch waren die Inseln immer schon Inseln?

Mein Eindruck: Der Komplex von Nan Madol bestand einst aus einem zusammenhängenden, geschlossenen Areal von mindestens 80 Hektar Größe.  Auf alle Fälle wurde der recht große Komplex wie auf dem Reißbrett geplant und gebaut. Von Anfang an wurde alles im Ganzen geplant. Zum Meer hin wurde eine massive Mauer, ebenfalls aus Basaltsäulen aufgetürmt. Offensichtlich war man sich der Gefahr bewusst. Viel geholfen hat der Schutzwall nicht. Nan Madol wurde überflutet.

Foto 10: Unterwegs auf einem der »Kanäle«

Als der Meeresspiegel stieg, wurden die Straßen zwischen den »Tempeln« zu Kanälen, die steinernen Bauten auf ihren massiven Fundamenten zu Inseln. Bei einigen der »Kanäle« konnte ich feststellen, dass sie – heute unter Wasser – gepflastert sind. Taucher beteuern: Es gibt ähnliche Bauten aus Basaltsäulen vor Nan Madol, auf dem Meeresgrund.


Foto 11: Autor Langbein unterwegs zu den Ruinen
Fußnoten

(1) Fyson, D.R.: »Mahabalipuram or Seven Pagodas«, Madras 1949, Seite 28,
Übersetzung aus dem Englischen durch Walter-Jörg Langbein
(2) Schoch, Dr. Robert M. und McNally, Robert Aquinas: »Voyages of the Pyramid Builders«, eBook-Version, Pos. 844 und Pos 845
(3) Gribbin, John und Mary: »Kinder der Eiszeit – Beeinflußt das Klima die Evolution der Menschen?«, Frankfurt am Main 1994, S. 162

Zu den Fotos

Fotos 1 und 2: Der Küstentempel bei Tag und bei Nacht. Fotos W-J.Langbein
Foto 3: Kleine Tempel wachsen aus dem Stein. Foto um 1910 entstanden. Archiv W-J.Langbein
Foto 4: Das gigantische Steinrelief. Foto wikimedia commons/  Bernard Gagnon
Foto 5: Blick aufs Meer. Foto um 1910 entstanden. Archiv W-J.Langbein
Foto 6: Zentrum des Riesenreliefs. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Das Riesenrelief blieb unvollendet. Foto wikimedia commons/  Bernard Gagnon
Foto 8: Rudimentären Anfänge von neuen Reliefbildern. Foto wikimedia commons/  Bernard Gagnon 
Foto 9: Waren die Inseln immer Inseln? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Unterwegs auf einem der »Kanäle«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11:  Autor Langbein unterwegs zu den Ruinen. Foto Marianne Schartner


344 »Legende aus Stein«,
Teil 344 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 21.08.2016


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