Sonntag, 20. September 2020

557. »Frankensteins Monster und der Golem«

Teil 557 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



»Ich selber begegnete dem ›Golem‹
das erste Mal in meinem Leben
vor ungefähr dreiunddreißig Jahren.« (1)

Fotos 1 und 2:
Das »Frankenstein-Monster«.
Charles Stanton Ogle (oben)
und Boris Karloff (unten).
Wir schreiben das Jahr 1818. Am 1. Januar erscheint der Roman »Frankenstein or The Modern Prometheus« (»Frankenstein oder Der moderne Prometheus«) anonym. Verfasst hat Mary Shelley(*1797; †1851)die mysteriös-unheimliche Geschichte des jungen Schweizers Viktor Frankenstein. Der Schauerroman gilt als einer der bedeutendsten britischen Romane überhaupt.

Wir schreiben das Jahr 1910. »Frankenstein« wird von den »Edison Studios« verfilmt. Regie führte J. Searle Dawley (*1877; †1949). Charles Stanton Ogle überzeugte als wahrhaft monströse Kreatur aus dem »Labor« Baron Frankensteins. Der Stummfilm galt lange Zeit als verschollen. Bekannt waren zunächst nur wenige Standfotos des Monsters aus dem »Edison-Katalog« und eine knappe Handlungsbeschreibung. In den 1950er Jahren erwarb ein US-amerikanischer Filmsammler eine Kopie des Films, ohne auch nur zu ahnen, welchen filmischen Schatz er erstanden hatte. Erst Mitte der 1970er Jahre wurde die Existenz des Films bekannt. Fast drei Jahrzehnte mussten noch vergehen, bis der Film allgemein verfügbar wurde.

Wir schreiben das Jahr 1914. Henrik Galeen (eigentlich Heinrich Wiesenberg, *1881; †1949) dreht für die »Deutsche Bioscop GmbH Berlin«) den Stummfilm »Der Golem«. Regie führt neben Heinrich Galeen Paul Wegener. Für das Drehbuch zeichnen Paul Wegener und Heinrich Galeen verantwortlich. Paul Wegener agiert auch vor der Kamera: als Golem. Der Film gilt als verschollen. Nur sehr kurze Sequenzen wurden gerettet.

Wir schreiben das Jahr 1915. Die anfängliche Begeisterung der siegestrunkenen deutschen Soldaten weicht nach und nach der Ernüchterung. Der »Erste Weltkrieg« wird immer mörderischer. Das grausame Gemetzel fordert immer mehr Tote. U-Boote sollen die Entscheidung bringen, aber der Krieg weitet sich nur aus.

Im zweiten Kriegsjahr erscheint in einer billigen Feldausgabe, die unter deutschen Soldaten verbreitet wird, der Roman »Der Golem« von Gustav Meyrink (*1868; †1932). Die Erstauflage – immerhin 100.000 Exemplare stark – ist rasch vergriffen. Gustav Meyrink wird zum allseits bekannten Bestsellerautor. Heute gilt »Der Golem« als Klassiker der phantastischen Literatur.

Foto 3: Originalausgabe von
Meyrinks Golem (1915).
Wir schreiben das Jahr 1917. Auf blutigen Schlachtfeldern wird immer noch gestorben. Der Enthusiasmus der Kriegsfreiwilligen ist geschwunden. Paul Wegener schlüpft ein zweites Mal in die Rolle des Golems. Und wieder stammt das Drehbuch von ihm, wieder führt er Regie. »Der Golem und die Tänzerin« ist freilich weniger gruselig als humoriger Filmspaß.

Wir schreiben das Jahr 1920. Zwei Jahre nach Kriegsende ist der Frieden noch nicht eingekehrt. Der Versailler Friedensvertrag wir von vielen Deutschen als unerträgliche Schmach empfunden. Die NSDAP wird gegründet.

Im Kino läuft der bekannteste »Golem«-Streifen der Reihe an: »Der Golem, wie er in die Welt kam«. Der Stummfilmklassiker, ein expressionistischer deutscher Film von Paul Wegener und Carl Boese, basiert auf dem Sagenkreis um den legendären Prager Rabbiner Judah Löw. Der dritte »Golem«-Film erzählt die Vorgeschichte des ersten.

Wir schreiben das Jahr 1931. Der erste Tonfilm nach dem Roman »Frankenstein« kommt in die Kinos. Der Schwarzweißfilm mit Boris Karloff (*1887; †1969) als »Monster« in der Titelrolle hat wenig mit Shelleys Roman zu tun. Er basiert in erster Linie auf dem Bühnenstück von Peggy Webling. Nur einige Motive aus Shelleys Roman tauchen im Film auf. Die Kreatur machte Boris Karloff, eigentlich William Henry Pratt, weltberühmt. Im Roman wie in Bühnenstück und im Film geht es um die Erschaffung von Leben.

Im »Jüdischen Museum«, Berlin, wurde mir bewusst, wie präsent der Golem auch noch im 21. Jahrhundert ist. »Der Golem lebt« wurde in einem eigenen Ausstellungsraum thematisiert. Die Ausstellung war mehr als einen Besuch wert. So zahlreich waren die Ausstellungsstücke, dass man mehrere Tage im Museum hätte verbringen können. Unbedingt ist der Katalog zur Ausstellung (2) zu empfehlen.

Der Golem und eine zweite Kreatur aus der Literatur wurden zu Ikonen der Horrorfilme: Das »Frankenstein-Monster« und die »Golem-Kreatur« stehen für den uralten menschlichen Traum, wie Gott zu werden und selbst Leben zu schaffen. Der erste Schöpfer eines »Golems« indes war Gott selbst. Im Schöpfungsbericht des »Alten Testaments« heißt es kurz und bündig (3): »Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.«

Wie die Ausführungen des »Alten Testaments« schon früh von den Rabbinern verstanden und erklärt wurden, das wurde im »Talmud« zusammengefasst. Der »Jerusalemer Talmud« entstand um 400 n.Chr., der »Babylonische Talmud« (4) etwa 200 Jahre später. In gedruckter Form erschien der »Babylonische Talmud« erstmals erst anno 1523 in der Druckerei von Daniel Bomberg. Daniel Bomberg war Christ und arbeitete 1516 bis 1539 in Venedig.

Foto 4: Meyrinks Roman »Golem« von 1915.

Im Talmud erfahren wir höchst Erstaunliches über die Erschaffung des Golem namens Adam. »Adam und Eva in Judentum, Christentum und Islam« fasst die Fülle an Informationen kurz und bündig zusammen (5): »Der erste Adam war von einer vollkommenen Schönheit und überragte mit seiner Weisheit alle anderen Geschöpfe, sogar die Engel.« Der erste Adam wird als Riese von unvorstellbarer Größe beschrieben. Wie im knappen Vers im 1. Buch Mose wird Adam aus »Staub« erschaffen, allerdings stammt nach dem Talmud die tote Materie, aus der Gott den lebenden Adam erschaffen hat, »aus allen Teilen der Erde« (6): »Sein Oberkörper bestand aus Staub aus Babylonien, sein Kopf aus Staub aus Eretz Israel, dem wichtigsten Land, und seine Glieder aus Staub aus dem Rest der Welt. In Bezug auf sein Gesäß sagt Rav Aḥa: Sie wurden aus Staub hergestellt, der Akra De'agma am Stadtrand von Babylonien entnommen wurde.«

Und weiter heißt es (7): »Rabbi Yoḥanan Bar Ḥanina sagt: Der Tag ist zwölf Stunden lang, und der Tag, an dem Adam, der erste Mann, erschaffen wurde, wurde wie folgt aufgeteilt: In der ersten Stunde des Tages wurde sein Staub gesammelt. In der zweiten wurde eine undefinierte Figur geformt. Im dritten wurden seine Glieder gestreckt. In der vierten Stunde wurde eine Seele in ihn geworfen. In der fünften stand er auf seinen Beinen. In der sechsten nannte er die Kreaturen bei den Namen, die er ihnen gab. In der siebten Stunde wurde Eva mit ihm gepaart. In der achten stiegen sie empor ins Bett als zwei und als vier stiegen sie wieder herab, das heißt Kain und Abel wurden sofort geboren. In der neunten Stunde wurde ihm (Adam) befohlen, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen. Im der zehnten Stunde sündigte er. In der elften wurde er gerichtet. In der zwölften Stunde wurde er vertrieben und verließ den Garten Eden, wie es heißt: ›Aber der Mensch bleibt nicht zu Ehren. Er ist wie die Tiere, die umkommen.‹«

Nach der Genesis formte Gott Adam aus toter Materie (Staub, Erde) und hauchte ihm den göttlichen Atem ein. Nach der talmudischen Legende wurde Adam als »Golem« aus toter Materie kreiert, die aus allen Regionen der Erde stammte.

Der Begriff »Golem« (hebräische Schreibwiese: גולם golem) kann auf mannigfaltige Weise übersetzt werden. »Golem« steht auch für »formlose Masse« und »ungeschlachter Mensch«.

Foto 5: Meine Eintrittskarte
für die »Golem«-Ausstellung.
Wir schreiben das Jahr 2017. 27. Januar, 11:34. Ich löse meine Eintrittskarte für die Ausstellung »Golem« im »Jüdischen Museum«, Berlin (8). Buslinie 248 hat mich pünktlich ans Ziel gebracht. Mein Besuch in der Ausstellung »Golem« glich einer fantastischen Reise in die mystische Vergangenheit und in die fantastische Zukunft.

Was ist ein »Golem«? Ein »Golem« ist eine Kreatur, erschaffen aus toter Materie. Mit rituellen Beschwörungen und magischen hebräischen Buchstabenkombinationen wird das Leblose zum Leben erweckt. Wie in Goethes »Zauberlehrling« (*1749; †1832) wird Totes lebendig gemacht und soll dem Menschen dienen. Schon das »Monster«, kreiert vom Schweizer Viktor Frankenstein zu Ingolstadt, war so ein »Golem«, mit magischer »Wissenschaft« belebte abgestorbene Materie.

Wie aber wird tote Materie lebendig? Die Anhänger der drei großen monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam glauben an göttliches Schaffen, die der Ersatzreligion Darwinismus an den puren Zufall und Jünger der Kabbala an Magie. Kurioser Weise ist die »magische« (9) Erklärung erstaunlich zukunftsweisend!



Fußnoten
(1) Meyrink, Gustav: »Der Golem«, Kapitel »Punsch«, Leipzig 1915, Kapitel »Punsch«, Seite 55, 2. und 1. Zeile von unten
(2) Bilski, Emily D. und Lüdicke, Martina (Herausgeberinnen): »Golem«, Bielefeld und Bernlin 2016, 184 Seiten mit 100 farbigen Abbildungen
(3) 1. Buch Mose Kapitel 2, Vers 7 (»Lutherbibel 2017«)
(4) »Der Babylonische Talmud«, erste vollständige und zensurfreie Übersetzung ins Deutsche von Lazarus Goldschmidt, zwölf Bände, Erstpublikation im »Jüdischen Verlag«, Berlin 1930-36, Neuauflage im »Jüdischen Verlag«, Frankfurt 2002.
(5) Böttrich, Christfried und Ego, Beate und Eißler, Friedmann: »Adam und Eva in Judentum, Christentum und Islam«, Göttingen 2011, Seite 61
(6) »The William Davidson Talmud Sanhedrin« 38b סנהדרין ל״ח ב, aus dem Englischen übersetzt von Walter-Jörg Langbein. Zitat im englischen Original:
»His torso was fashioned from dust taken from Babylonia, and his head was fashioned from dust taken from Eretz Yisrael, the most important land, and his limbs were fashioned from dust taken from the rest of the lands in the world. With regard to his buttocks, Rav Aḥa says: They were fashioned from dust taken from Akra De’agma, on the outskirts of Babylonia.«
(7) Ebenda. Aus dem Englischen übersetzt von Walter-Jörg Langbein
(8) Jüdisches Museum Berlin, Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin, Tel.: 030-25993300. Die Ausstellung ist bereits beendet.
(9) Bitte beachten... »magische«, nicht magische!



Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Das »Frankenstein-Monster«. Charles Stanton Ogle (oben) und Boris Karloff. Wiki commons/ gemeinfrei
Foto 3: Originalausgabe von Meyrinks Golem (1915). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Meyrinks Roman »Golem« von 1915. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Meine Eintrittskarte für die »Golem«-Ausstellung. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


558. »Golem 2120«
Teil 558 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 27. September 2020



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Sonntag, 13. September 2020

556. »Gott, die Schöpfung und das Ende der Menschheit«

Teil 556 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Gott steht außerhalb.
Darstellung frühes 13. Jahrhundert

Gott wird nicht nur von christlichen Theologen als allwissender Beobachter jenseits oder außerhalb von Raum und Zeit gesehen, der genau weiß, wie ein Mensch handeln wird. Gott greift aber, nach christlichen Theologen zumindest, nicht ein, das würde ja den freien Willen des Menschen einschränken. Die Folge: Der Täter handelt kriminell (»freier Wille«), das Opfer leidet und bezahlt den freien Willen des Täters womöglich mit seinem Leben. In diesem obskuren Weltbild hat offensichtlich nur der Täter einen freien Willen, das Opfer nicht. Gott lässt den Bösen gewähren, und das auf Kosten der Opfer.

Schopenhauer (*1788; †1860) hat sich zum Thema »Mensch und freier Wille« so geäußert (1): »Der Mensch kann tun was er will; er kann aber nicht wollen was er will.«

Ich wiederhole bewusst das Zitat von »Christliches Radio für den Alltag«: »›Macht euch die Erde untertan‹ – ein Satz, den man in den falschen Hals kriegen kann.« Das sehe ich nicht so. Die knapp formulierte Aussage ist eindeutig: Der Mensch steht außerhalb oder über der »Schöpfung«, die er im Auftrag Gottes beherrscht. Diese Sichtweise ist Ausdruck des grenzenlosen Egoismus des Menschen und hat dazu geführt, dass der Mensch die Welt mit unglaublich wachsender Effektivität ausplündert.

Der Bibelvers legitimiert den unverantwortlichen Umgang des Menschen mit der Welt. Freilich darf die Bedeutung des Bibelverses für die Weltgeschichte nicht überschätzt werden. Wer die Erde gewissenlos ausbeutet und plündert, dem ist eine biblische Legitimation gleichgültig. Atheist wie monotheistischer »Denker« sehen nicht, dass der Mensch keineswegs außerhalb oder über der »Schöpfung« steht. Der Mensch ist Teil der »Schöpfung«. Dass er die »Schöpfung« ausbeutet und in rasendem Tempo zerstört, das beweist die Dummheit des Menschen und nicht seine »Intelligenz«. Damit disqualifiziert sich der Mensch selbst als »Krone« von »Schöpfung« oder »Evolution«.

Papst Franziskus (*1936) nannte seine zweite Enzyklika »Laudato si’« (»umbrisches Altitaloromanisch« für »Gelobt seist du«). Titel und Anfangsworte der Enzyklika entstammen dem Mit diesen zwei Worten beginnt der »Sonnengesang« (2) des Franz von Assisi (*1181 oder 1182; †1226). Der erste Satz des »Sonnengesangs« lautet: »Laudato si’, mi’ signore, cun tucte le tue creature!«, zu Deutsch »Gelobt seist du, mein Herr, mit all deinen Geschöpfen!«

Der umfangreiche Text der Enzyklika (3) trägt das Datum »24. Mai 2015« und wurde am 18. Juni 2015 in acht Sprachen veröffentlicht. Es geht Seine Heiligkeit um »die Sorge für das gemeinsame Haus«, um Umwelt- und Klimaschutz.

Papst Franziskus beschreibt ein Weltbild, das einen die »Schöpfung« beherrschenden und plündernden Menschen verabschiedet. Ich darf einen besonders wichtigen Passus aus der Enzyklika zitieren (4): »Es ist nicht überflüssig zu betonen, dass alles miteinander verbunden ist. Die Zeit und der Raum sind nicht voneinander unabhängig, und nicht einmal die Atome und die Elementarteilchen können als voneinander getrennt betrachtet werden. Wie die verschiedenen physikalischen, chemischen und biologischen Bestandteile des Planeten untereinander in Beziehung stehen, so bilden auch die Arten der Lebewesen ein Netz, das wir nie endgültig erkennen und verstehen. Einen guten Teil unserer genetischen Information haben wir mit vielen Lebewesen gemeinsam.«

Wir stehen nicht neben und auch nicht über der Natur (»Schöpfung« im religiösen Sprachgebrauch), wir sind Teil der Natur . Wo wir der Natur aus kurzsichtigem Egoismus heraus Schaden zufügen, zerstören wir auch unsere eigne Lebensgrundlagen. Leidtragender wird der Mensch sein. Die Natur wird sich nach dem Verschwinden unserer Spezies von der Erde aus erdgeschichtlicher Sicht sehr schnell wieder erholt haben.

»Unsere Erde wird überleben.« (5), so lautet der Titel eines der wichtigen Werke von  James Lovelock (*1919), bereits anno 1982 erschienen. Davon bin ich auch überzeugt. Planet Erde hat ganz sicher eine Zukunft. Eine sichere Zukunft hat Terra ohne uns Menschen. Planet Erde kann aber auch mit uns Menschen eine Zukunft haben. Neurobiologe Stefano Mancuso sieht eine Chance: Der Mensch hat nur dann eine Zukunft, wenn er radikal umdenkt: »Der wichtigste Faktor der Evolution ist nicht der Wettbewerb. Unser Gehirn kann uns dabei helfen, den nächsten Schritt zu gehen. Der wäre, uns nicht über die anderen Lebewesen zu erheben, sondern eine Lebensform wie die der Pflanzen zu verstehen und einzusehen, dass Kooperation viel erfolgreicher ist als Konkurrenz. Kooperation ist für das Überleben der Spezies wesentlich aussichtsreicher.«

Damit der Mensch aber diese Chance nutzen kann, muss er radikal umdenken. Ob er dazu bereit ist? Ob er überhaupt dazu in der Lage ist? James Lovelock ist allerdings skeptisch (6): »Könnten wir mit vereinten Kräften unsere eigene Natur ändern und gute Verwalter, freundliche Gärtner werden, die Sorge tragen für alle Lebewesen dieses Planeten? Ich glaube, daß bereits diese Frage viel Hybris verrät. Selbst beim Management unserer selbst und unserer Institutionen haben wir kläglich versagt. Ich würde eher erwarten, daß eine Ziege als verantwortungsvolle Gärtnerin mehr Erfolg hat als wir Menschen.«

Wenig hoffnungsvoll stimmt Lovelocks Schlussfolgerung (7): »Ein Planetenarzt, der das Elend sieht, das wir diesen Lebewesen und uns selbst antun, würde uns ermahnen, mit der Erde in Partnerschaft zu leben. Sonst wird die restliche Schöpfung als Teil von Gaia die Erde unbewußt in Richtung auf einen neuen Zustand bewegen, bei dem wir Menschen nicht mehr länger willkommen sind.« Muss man nicht fragen, ob wir das überhaupt noch sind? Gemessen an der Erdgeschichte ist der Mensch im Gegensatz zu Pflanzen beispielsweise bislang ein Kurzzeitphänomen. Die Präsenz des Menschen auf Terra gleicht einem Wimpernschlag im Meer der Zeit. Verabschiedet sich der Mensch nach seinem »Kurzauftritt« schon wieder oder überlebt er die selbst geschaffene Katastrophe? Hat der Mensch Zukunft oder nicht?

James Lovelock deutet ein, dass wir Menschen unter Umständen nicht mehr willkommen sein könnten auf Planet Erde? Wem könnten wir nicht mehr willkommen sein?

James Lovelock ist davon überzeugt, dass wir Jetztmenschen eine revolutionäre Zeit des Umbruchs erleben. Seiner Meinung nach werden die Systeme künstlicher Intelligenz, die der Jetztmensch bereits entwickelt hat, »Cyborgs« entstehen. Lovelock (8): »Diese Wesen werden bald tausend und schließlich Millionen mal intelligenter sein als wir.«

Ich habe mich wiederholt mit dem Thema »künstliche Intelligenz« beschäftigt. Am 10. Juni 2018 fragte ich in meinem Sonntagsblog »Werden wir sein wie die ›Götter‹?« Ich erinnerte an die Fernsehserie »The Avengers«. Die Serie, eine Mischung aus Science-Fiction, Thriller, Krimi und Spionage, wurde rasch zum Kult. Im deutschsprachigen Raum wurde die Serie als »Mit Schirm, Charme und Melone« ausgestrahlt. Am 7.11.1967 bekam das deutschsprachige Publikum Folge 114 zu sehen, die als 10. Folge von Staffel 5 ausgestrahlt wurde. Der deutschsprachige Titel lautete »Duplikate gefällig?«, der den Inhalt sehr viel treffender wiedergab als der Originaltitel »Never, never say die« (etwa: »Niemals, niemals sag stirb«).

Zum Inhalt: Der verbrecherische Professor Frank N. Stone, dargestellt vom großartigen Sir Christopher Lee (*1922; †2015) fertigte exakte Kopien wichtiger Menschen als Roboter an. Diese bedeutsamen Menschen wurden entführt und sollten durch Roboter, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, ersetzt werden. Auf diese Weise wollte Professor Stone die Weltherrschaft an sich reißen. Fast wäre der geniale Plan auf schlimme Weise gescheitert! Die Roboter wollten die sehr viel weniger intelligenten Menschen aus Fleisch und Blut verdrängen und selbst die Herrscher über die Welt werden. Die Wesen mit künstlicher Intelligenz wollten sich, so wie es im »Alten Testament« heißt, die Erde untertan machen. Mit Mühe konnten Emma Peel (dargestellt von Diana Rigg, *20.07.1938; †10.09.2020) und John Steed (dargestellt von Patrick Macnee, *1922; †2015) diesen Plan verhindern.

Diese Episode der Reihe »Mit Schirm, Charme und Melone« hat bereits 1967 vorweggenommen, was meiner Meinung nach in gar nicht so ferner Zukunft möglich sein wird. Schon heute entwickeln wir künstliche Intelligenz. Ich bin davon überzeugt, dass in Geheimlabors bereits heute Roboter gegtestet werden, die dank künstlicher Intelligenz uns Menschen überlegen sind. Ich muss an Lovelocks Vision erinnern, auf die ich eben schon hingewiesen habe. Ich wiederhole Lovelocks Zukunftsschau: »Diese Wesen werden bald tausend und schließlich Millionen mal intelligenter sein als wir.«

Stellen wir uns solche »Cyborgs« vor. Anders als wir sind sie überhaupt nicht an kurzfristigem materiellen Gewinn interessiert. »Cyborgs« werden vermutlich schon bald nicht wie wir Menschen als Individuen agiern, sondern als ein weltumspannendes Hyperwesen. Für so eine weltumspannende Superintelligenz hat Logik nicht nur Vorrang, sondern Logik tritt an die Stelle des alles andere als logischen Denkens von uns Menschen.

Ich gehe davon aus, dass die »Cyborgs« über einen Selbsterhaltungstrieb verfügen. Sie werden alles tun, um eine Selbstzerstörung zu verhindern. Sie werden, unbeeinflusst von irrationaler Gefühlsduselei, beseitigen, was ihre Zukunft gefährdet, also uns. Wenn wir unser »Denken« nicht radikal ändern, dann werden wir in der Tat nicht mehr auf Erden willkommen sein. James Lovelock sieht die Zukunft meiner Meinung nach realistisch. Die Cyborgs, künstliche Wesen mit gigantischem Intelligenzpotenzial (9), »werden zunächst nicht unabhängig von uns sein; tatsächlich werden sie unsere Nachkommen sein, weil die Systeme, die wir erschufen, sich als ihre Wegbereiter erwiesen haben.«

Foto 2: Erich von Däniken (links)
mit Walter-Jörg Langbein vor einem
steinzeitlichen
Tempel auf Malta. Foto Ille Pollo
Mag sein, dass wir von den Cyborgs noch gebrauch, später zunächst noch geduldet werden, solang wir den »Cyborgs« noch nützlich sein können. Lang dürfte das nicht der Fall sein. Bald werden wir nicht nur nutzlos für die Coyborgs sein, wir werden für sie bestenfalls Hindernisse auf dem Weg ihrer rapiden Entwicklung sein. Werden uns dann die »Cyborgs« auslöschen, um so schnell wie möglich in der Entwicklung voranzukommen, ja um sich selbst eine sichere Zukunft zu ermöglichen? Das halte ich für eine plausible Zukunftsvision. Vor einem Krieg zwischen den Cyborgs und uns Menschen müssen wir uns meiner Meinung nach nicht fürchten. Die Cyborgs werden uns ohne Probleme ausschalten können, ohne dass unser Widerstand auch nur den Hauch einer Chance hätte. Das wäre dann das Ende der Menschheit und die neue Welt der Cyborgs.

Erich von Däniken (*1935) teilt einen solchen Pessimismus nicht. Er ist vielmehr sehr zuversichtlich. Bereits 1968 prophezeite er in seinem ersten Weltbestseller »Erinnerungen an die Zukunft« (10): »Der Mensch hat eine grandiose Zukunft vor sich, die seine grandiose Vergangenheit noch überbieten wird. Wir brauchen Weltraumforschung und Zukunftsforschung und den Mut, unmöglich erscheinende Projekte anzupacken. Zum Beispiel das Projekt einer konzentrierten Vergangenheitsforschung, das uns kostbare Erinnerungen an die Zukunft bringen kann. Erinnerungen, die dann bewiesen sein werden und ohne den Appell, an sie glauben zu sollen, die Menschheitsgeschichte erhellen. Zum Segen künftiger Generationen.«


Fußnoten
(1) Pais, Abraham: »Ich vertraue auf Intuition: der andere Albert Einstein«, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1995, Seite 176, 10. Und 9. Zeile von unten
Wieland, Michael: »Positionen«, Norderstedt 2012, S. 27, 4. Und 3. Zeile von unten
(2) https://franziskaner.net/der-sonnengesang/ (Stand 06.06.2020)
(3) http://w2.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html (Stand 06.06.2020)
(4) »Laudato si’«, 4. Kapitel, »Eine ganzheitliche Ökologie«, »I. Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialökologie«, 138. (»LS 138«)
(5) Lovelock, James: »Unsere Erde wird überleben. Gaia: eine optimistische Ökologie, München 1982
(6) Lovelock, James: »GAIA/ Die Erde ist ein Lebewesen«, Bern 1992, Seite 184, 20.-25. Zeile von oben (Rechtschreibung unverändert übernommen.)
(7) Ebenda, 5.-1. Zeile von unten (Rechtschreibung unverändert übernommen.)
(8) Lovelock, James: »Novozän: Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz«, 1. Auflage, München 2020, Seite 46
(9) Ebenda, Seite 47, 4.-7. Zeile von oben
(10) Däniken, Erich von: »Erinnerungen an die Zukunft – Ungelöste Rätsel der Vergangenheit«, Düsseldorf und Wien, 1968, Seite 221

Zu den Fotos
Foto 1: Gott steht außerhalb. Darstellung frühes 13. Jahrhundert
Foto 2: Erich von Däniken (links) mit Walter-Jörg Langbein vor einem steinzeitlichen Tempel auf Malta. Foto Ille Pollo


557. »Frankensteins Monster und der Golem«
Teil 557 der Serie
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von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 20. September 2020


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