Sonntag, 16. November 2014

252 »Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche«

Teil 252 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Das Münster zu Hameln birgt manches Geheimnis.
Foto W-J.Langbein

Einst gab es ein Kloster in der »Rattenfängerstadt« Hameln. Die Klosterkirche fand Eingang in das Wappen der Stadt. Einst war die Klosterkirche eine romanische Basilika. Anno 1209 brach ein Feuer aus, das Gotteshaus wandelte sich zur gotischen Hallenkirche. 1450 wurde die Westvorhalle zum Turm aufgestockt. Anno 1564 wurde das Innere der Kirche umgestaltet, alles Bunte wurde weiß übertüncht, die alten Wandmalereien verschwanden.

Ende des 18. Jahrhunderts drohte der Einsturz. Der Besuch der Kirche wurde für Gemeinde und Geistlichkeit zu gefährlich. Die einstige Klosterkirche, das Münster zu Hameln, verfiel langsam. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts nutzten Napoleons Truppen den bedrohlichen Bau als Stall und Materiallager.

Die Münsterkirche drohte einzustürzen. Foto W-J.Langbein

1870 bis 1875 wurden massive Renovierungsarbeiten durchgeführt, Mitte der 1950er Jahre kam es zu massiven Sanierungsarbeiten. Die Münsterkirche war gerettet. In der Krypta gruben Archäologen und entdeckten Skelette. Die Gebeine der Stiftsherrn wurden umgebettet und fanden auf dem städtischen Friedhof ihre – vorerst? – letzte Ruhestätte. Ein Hamelner »Medium« teilte mir Ende August 2014 zu nächtlicher Stunde mit, es geben einen »Fluch« der Stiftsherrn. 

Die vornehmen Toten seien mehr als nur erbost über die Störung ihres Totenschlafs. »Sie wurden unter der Klosterkirche in der Krypta bestattet. Dort wollten sie am ›Jüngsten Tag‹ wieder auferstehen und am ersten Gottesdienst nach der Apokalypse im mächtigen Hamelner Gotteshaus teilnehmen.«, teilte mir das »Medium« mit. »Einige der Totengeister versuchen seither…«, so das Medium weiter, »in die Krypta zurückzukehren.« Mit der Umwandlung der Krypta in einen weiteren Raum für Gottesdienste seien die Geister der Stiftsherrn gar nicht einverstanden.«

Mir ist indes kein Hinweis auf Spukerscheinungen in der Krypta bekannt. Ganz im Gegenteil! Die Krypta ist ein besinnlicher Ort und lädt zum Verweilen ein. Pilger wie »normale« Gottesdienstbesucher schätzen die Stille in der Hektik der Stadt. So mancher Gläubige verweilt hier unter der Münsterkirche in stillem Gebet.

Mysteriöse Gestalt am Münster. Fotos W-J.Langbein

Bei meinem Besuch Anfang August 2014 umrundete ich die Münsterkirche, wie immer mit zwei Fotoapparaten  ausgerüstet. Ein kleines Stück Straße an der Kirche ist kürzlich geteert worden, die Pflastersteine sind verschwunden. Die Aufregung ob dieses Eingriffs in das historische Bild war zunächst recht groß, legte sich aber rasch. Beim modernen »Kriegerdenkmal« an der Kirche entdeckte ich eine steinerne Figur an der Außenwand des Gotteshauses. Die Statuette hat schon sehr arg unter dem nagenden Zahn der Zeit gelitten. Sie wirkt uralt, so verwachsen sind die Konturen der steinernen Figur. Trotz intensivster Recherche konnte ich nicht in Erfahrung bringen, wen dieses sakrale Kunstwerk darstellen soll. Auch die Geistlichkeit konnte meine Fragen nicht beantworten.

Die mysteriöse Gestalt mit seltsam unnatürlich großem Kopf ist Teil eines steinernen Pfeilers, der sehr viel älter das das Mauerwerk dahinter zu sein scheint. Sollte es sich um eine Mariengestalt handeln, deren Kopf eine mächtige Krone zierte, die im Lauf der Jahrhunderte von den Witterungseinflüssen weitestgehend wieder zum Verschwinden gebracht wurde? Oder handelt es sich um eine weibliche Heilige aus dem Kloster? Überdauerte nur sie die Zeit, während die Klostergebäude längst verschwunden sind (von der Klosterkirche selbst abgesehen)? Besonders in den frühen Zeiten der Reformation ging’s manchmal recht heftig zu. Heiligenbilder wurden aus den katholischen Gotteshäusern verbannt, manchmal zerstört, herrliche Wandmalereien wurden bewusst beschädigt, zerstört oder nur mit einer dicken Schicht Tünche überzogen. Die Figur wirkt fremdartig, fast unheimlich. Im Kirchenführer wird sie nicht erwähnt. Von Besuchern, die meist sowieso gleich den Eingang auf der anderen Seite benützen, wird sie faktisch nie beachtet.

Die Mondmadonna. Foto W-J.Langbein

Sie könnte – ich spekuliere – einst auch eine Isis gewesen sein, eine ägyptische Göttin der Geburt, des Todes und der Wiedergeburt. An eine Isis erinnert auch in verblüffender Weise das »Madonnenrelief« an der Ostwand des nordöstlichen Seitenschiffs. Was wir als Maria mit Jesusknaben sehen, hätte ein Ägypter vor Jahrtausenden als Göttin Isis mit dem Horusknaben identifiziert. 

Die Göttin Isis wurde spätestens von den Griechen mit dem Mond gleichgesetzt. Auch Maria wird häufig mit dem Mond in Verbindung gebracht. Auf zahllosen Darstellungen steht sie auf der Mondsichel. Die Mond-Madonna von Hameln, im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts entstanden, hat einen Vollmond unter den Füßen. In der Johannes-Apokalypse taucht eine ähnliche Gestalt auf (1):

»Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.« Sollte die ägyptische Isis, Göttin von Tod und Leben, Vorbild für das apokalyptische Weib (Theologensprache) gewesen sein? Spiegelt sich in der Mond-Madonna von Hameln die ägyptische Isis wieder?

Heute beeindruckt uns die farbliche Schlichtheit der Mond-Madonna. Einst aber, das beweisen eindeutig winzige Farbreste, war das Relief sehr bunt, ja grell. Die Madonna, ihre Krone, die Engel mit ihren Musikinstrumenten und der Mond unter den Füßen der himmlischen Gestalt strahlten vor allem in Gold. Ein kleiner Teil des Madonnenreliefs wurde farblich rekonstruiert. Im Original ähnelte es also ägyptischer Sakralkunst in einstiger Farbenpracht noch mehr als heute.

Einst war die Mondmadonna sehr bunt. Foto W-J.Langbein

Was wohl die meisten Besucher der Münsterkirche heute übersehen, das sind kunstvoll gearbeitete Miniaturen aus Stein. Entstanden sind die mysteriösen Kunstwerke vermutlich in der Amtszeit des Propstes Friedrich Graf von Everstein (verstorben 1261). Sie werden für gewöhnlich in die Zeit um 1220 oder 1230 n.Chr. datiert. Die bemerkenswerten teils reliefartigen, teils plastisch vorragenden Darstellungen befinden sich in gut zehn Metern Höhe, meist im Halbdunkel. Da und dort sind zwar kleine Scheinwerfer angebracht, die freilich bei allen meinen Besuchen ausgeschaltet waren. 

Der Mond unter den Füßen der Madonna. Foto W-J.Langbein

Ich habe Besucher des Münsters zu Hameln erlebt, denen wenige Minuten Besuchszeit genügten. Sie hasteten durch die Hochzeitstür ins Innere des Gotteshauses, zückten die Digicams und knipsten. Schon strebten sie wieder dem Ausgang zu. Andere wiederum nahmen sich mehr Zeit, nahmen sogar die Mond-Madonna ins Visier und hasteten in die Krypta. Ihnen allen entging die mysteriöse Welt hoch oben über ihren Köpfen. Mit wechselndem Licht verändern sich die Einzelbilder im Panoptikum aus Stein, Licht und Schatten. Es empfiehlt sich, ausreichend Zeit – Stunden, nicht Minuten – aufzubringen, um in diese fremdartige Welt einzutauchen, die man so gar nicht in einem christlichen Gotteshaus erwarten würde.

Da tauchen menschliche Gesichter auf, aber auch Fratzen. Da erscheinen pflanzliche, wuchernde Gebilde, die sich  bei aufmerksamer Beobachtung in Gesichter zu verwandeln schein.. von Fabelwesen, Monstern, Tieren oder Menschen. Die Darstellungen zu erfassen wird dadurch erschwert, dass sie sehr häufig über Eck hoch oben an den Pfeilern angebracht sind. Man muss sich – nicht zu Zeiten von Gottesdiensten natürlich – in der Halle des Münsters hin und her bewegen, bis man einen Punkt  erreicht hat, von dem man aus eine der erschrecken Bildnisse im Ganzen sehen kann.

Zwei Langhalswesen im Münster. Foto W-J.Langbein

Da gibt es zum Beispiel zwei Vierfüßler, ausgestattet mit mächtigen Pranken. Die beiden Kolosse sind einander zugewandt, sie kämpfen offenbar miteinander. Ihre unnatürlich langen Hälse sind ineinander verschlungen. Die Tiere befinden sich offenbar in einem Kampf auf Leben und Tod. Spontan muss ich beim Anblick dieser drachenartigen Wesen an Saurier der Art Brachiosaurus denken. Vierundzwanzig Meter lang und 80 Tonnen schwer wurden diese Urtiere. Oder an zwei Exemplare des pflanzenfressenden Diplodocus, 27 Meter lang und elf Tonnen schwer. Brachiosaurus und Diplodocus hatten ausgeprägte, lange Hälse und ebenso lange Schwänze. Sollte es sich bei den Langhalswesen vom Hamelner Münster also um Saurier handeln? Diplodocus wie Brachiosaurus lebten aber in der späten Kreidezeit, also vor rund 70 Millionen Jahren. Wie sollten dann die Künstler, die die Langhalswesen im Münster zu Hameln in den Stein meißelten, gewusst haben, wie solche Urwesen ausgesehen haben? Über das Aussehen von Sauriern war im frühen dreizehnten Jahrhundert in Deutschland nichts bekannt.

Langhalswesen auf der »Narmer-Platte«. Foto Archiv Langbein

Es wird noch mysteriöser! In Ägypten entstand um 3000 v.Chr. die sogenannte »Narmer-Platte«. Sie zeigt zwei Langhalswesen mit verschlungenen Hälsen. Die beiden Kreaturen müssen sehr groß gewesen sein. Zwei Männer halten sie gefangen. Zwei Saurier, in der Hand von Menschen… das wäre ein Paradoxon erster Güte. Die »Narmer-Platte« besteht aus glatt poliertem Schiefer. Sie misst etwa 64 Zentimeter. Sie befindet sich im »Ägyptischen Museum« zu Kairo.

Aus der gleichen Zeit – 3000 v.Chr. – stammt ein Rollsiegel aus Uruk in Form eines kleinen Zylinders. Rollte man diesen Zylinder über feuchten Ton, entstand das Bild einer Reihe von »Schlangendrachen«  oder »Schlangehalsdrachen«. Diese monströsen Wesen gleichen denen aus Ägypten wie jenen aus dem Münster zu Hameln!

Schlangendrachen.
Foto: Wikimedia Commons/  Marie Lan Nguyen 

Es ist verrückt! Sollten die Steinmetze von Hameln entsprechende Darstellungen von Langhalssauriern in Ägypten oder im einstigen Sumer (heute Südirak) gesehen haben? Stammten die Steinmetze gar aus jenen so fernen Regionen? Und wie konnten Künstler vor rund fünf Jahrtausenden gewusst haben, wie Saurier ausgesehen haben, die vor Zigmillionen Jahren ausgestorben sind?

Fußnoten


1) Apokalypse des Johannes, auch Offenbarung des Johannes genannt, Kapitel 12, Vers 1
2) Siehe auch… Langbein, Walter-Jörg: »Bevor die Sintflut kam«, München 1996

»Noch mehr Saurier«
Teil 253 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 23.11.2014
 



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