Sonntag, 15. Juli 2018

443 „Die goldene Füchsin und die Pyramide“

Teil 443 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Ruine mit Rampe
Von Lima nach Pachacamac ist es nur ein Katzensprung. Für meinen ersten Besuch beim einstigen Orakel nutzte ich ein Taxi. Ich empfand die Straße streckenweise als katastrophal. Mein Taxifahrer allerdings war anderer Ansicht. »Seitdem die gröbsten Schäden beseitigt worden sind, ist es ein Genuss hier zu fahren!« Und wenn gewaltige Löcher ein Weiterkommen unmöglich machten, wich der Lenker des arg ramponierten Pontiacs eben aus und fuhr ein Stück neben der Straße. »Gleich sind wir da!«, strahlte mein Chauffeur. Wir parkten im Nirgendwo und gingen ein Stück zu Fuß. »Zwei Kilometer sind es zum Meer!« wurde ich informiert. Kein Lüftchen wehte vom Südpazifik. Die Luft war schwer wie Blei. Es roch muffig. Schatten gab es nirgendwo. Wir näherten uns dem traurigen Rest eines einst wohl stolzen Bauwerks. Es war womöglich eine Pyramide. Zur ersten Plattform führte eine Rampe. Diesen Aufgang haben Archäologen ebenso wie ein Stück Mauer restauriert.

Taxifahrer Pedro winkt verächtlich ab. »Niemand weiß, ob das Ding früher wirklich so ausgesehen hat! Vielleicht haben die Archäologen einfach ein Fantasiegebilde in die Wüste gesetzt.« Wir stapften weiter durch Sand und Geröll. Mein Fotoapparat gab seltsamste Geräusche von sich. Beim Weiterdrehen des digitalen Films knirschte es verdächtig. Schließlich gab die Kamera ihren Geist auf. Wütend öffnete ich die Kamera, um einen neuen Film einzulegen. Der »alte« Film war ruiniert, nachdem ich einen neuen eingelegt hatte, tat sich gar nichts mehr. Zum Glück konnte ich bei einem zweiten Besuch mit neuer Kamera einige Fotos machen.

Über die Geheimnisse von Pachacamac war mein stolzer Chauffeur bestens informiert. Irgendwo, so raunte er mir zu, ganz in der Nähe, habe einst eine Pyramide gestanden. Und »hoch oben« auf der Pyramide wurde ein goldenes Idol verehrt, eine »goldene Füchsin«. Später wurde die Statue der »goldenen Füchsin« in einer »Tempelhöhle« verwahrt.

Foto 2: Die Rampe.


Wenig Geduld hat mein kundiger Führer mit mir. Er reagiert zunehmend verärgert. Immer wieder weiderholt er, immer eindringlicher werden seine Worte. »Die Füchsin war ein Huaca, der die Gestalt des klugen Tieres angenommen hat. Und dieser Huaca war Pachacamac!« Also ist Gott Pachacamac, ein Huaca, in Gestalt einer goldenen Füchsin erschienen? »Pachacamac ist ein Huaca!« Ich wagte einzuwenden: »Aber ein huaca ist doch eine Pyramide!«

Mir scheint, dass die plündernden Eroberer nie so recht verstanden haben, was mit huaca gemeint war. Die Wissenden haben die Barbaren aus Europa wohl kaum in ihre großen Geheimnisse eingeweiht. Und wenn einige Europäer doch etwas erfahren haben, so haben sie es wohl nicht wirklich verstanden. Fast babylonische Sprachverwirrung herrscht in Sachen huaca. Nach Conquistador Pedro de Cieza de León (*um 1520; †1554) war ein huaca eine Begräbnisstätte. Vermutlich bezeichneten die entsetzten Opfer gegenüber ihren »Entdeckern« tatsächlich Gräber als huaca, als etwas Heiliges. So wurden auch Pyramiden als huaca bezeichnet.

Für die heutigen Quechua und Aymara sind »heilige Kultobjekte« huaca, aber offenbar gilt auch der Zustand nach dem Tod als huaca. Nach dem altehrwürdigen »Merriam Webster« Lexikon bedeutete im »Alten Peru« huaca dreierlei: ein Gott oder Geist, eine präkolumbische Ruine wie eine Pyramide oder ein Begräbnishügel und schließlich etwas, dem ein Gott oder Geist innewohnt. Eine christliche Kirche, eine jüdische Synagoge oder eine Mosche wäre dann huaca.

Während mein Guide, immer grimmiger werdend, mir vorauseilte, versuchte ich möglichst Schritt zu halten.

Foto 3: Das alte und das neue Pachacamac

Wie Fata Morganas tauchten Ruinen auf. Die Luft flimmerte, es war kaum abzuschätzen, wo sich Mauern und Mauerreste befanden. Teilweise gingen das alte und das neuzeitliche Pachacamac ineinander über. Es ist unmöglich zu sagen, aus welcher Zeit die einzelnen Ruinen stammen. Wurden sie zu Zeiten der Inka erbaut oder schon früher? Entstanden einige von ihnen erst nach Eintreffen der Europäer im 16. Jahrhundert oder noch später?

Mich faszinierte der Terminus huaca. Je intensiver ich recherchierte, desto klarer wurde mir, wie umfassend dieser alte Ausdruck ist, der auf die Quechua-Sprache der alten Andenvölker zurückgehen soll. Noch heute spricht fast jeder vierte Peruaner eine Form von Quechua. Die Quechua-Völker glaubten an zwei geistige Kräfte, eine aufbauende und eine zerstörende. Und wirklich allem wohnt eine geistige Kraft inne: dem Wasserfall ebenso wie dem massigen Felsbrocken. Alles, wirklich alles ist nach diesem Glauben »beseelt«. Man versicherte mir in Lima, allem wohne huaca inne.

Ich zitiere den Wikipedia-Artikel zum Thema (Stand 8.6.2018): »Wak'a (Quechua; in kolonialen Dokumenten meist huaca geschrieben) ist in der Kultur der Anden die Bezeichnung für lokale Gottheiten wie auch für den Ort, wo eine solche Gottheit angebetet wird. Sie ähneln den Kamuy der Ainu oder den Kami Japans. Die Wak'a waren und sind teilweise bis heute wichtige Götter, haben jedoch – anders als panandine Gottheiten wie Pachacamac oder Wiraqucha – nur lokal begrenzte Bedeutung, da praktisch jede Dorfgemeinde ihre eigenen Wak'as hat. Obwohl die Anbetung der Wak'a nach der Conquista im Zuge der Christianisierung bekämpft wurde, werden sie bei den Quechua und Aymara in Teilen des südlichen Peru und in Bolivien bis heute verehrt. Im Huarochiri-Manuskript wird der Begriff Wak'a für Berggottheiten (z. B. Paryaqaqa und Wallallu Qarwinchu) verwendet, die heute in Südperu Apu oder Wamani heißen und in der Hierarchie über den Wak'a stehen.« 

Foto 4: Mauerreste im Sand.
Die Krieger der Inka haben Peru erobert, die Religion der Besiegten aber weitestgehend respektiert. Oder die Besiegten hielten am »alten Glauben« so intensiv fest, dass die Inka nachgaben. Allerdings gaben sie offenbar alten Göttern neue Namen. So wurde aus Ychsma Pachacamac. Pachacamac war ein Huaca. Pachamac ist die spanische Schreibweise von Pacha Kamaq, wurde als Schöpfergott verehrt. Pacha Kamaq kreierte die erste Frau und den ersten Mann. Dem Paar ging es aber bei weitem nicht so gut wie Adam und Eva. Während Adam und Eva bis zum »Sündenfall« im Paradies leben durften, litten die Geschöpfe von Pacha Kamaq Hunger. Der erste Mann starb. Daraufhin verfluchte die erste Frau Pacha Kamaq und bekam als »Entschädigung« Fruchtbarkeit.

Sehr interessant ist eine Überlieferung, die mir mein Guide erzählte. Nach einer gewaltigen »Sintflut« (zu Deutsch »große Flut«, nicht etwa »Sündflut«) landeten auf dem Berg Pariacaca »fünf große Eier«. »Wesen« kletterten aus diesen fliegenden Vehikeln. Der Pariacaca liegt in den peruanischen Anden, in der Huarochiri-Gebirgskette, die auch Cordillera Pariacaca genannt wird. Stolze 5750 Meter hoch ist der Berg, auf dem angeblich die mysteriösen »Eier« niedergingen.

Auf einem Flug von Tokyo nach Guam kam ich mit einer älteren Japanerin ins Gespräch. Bald unterhielten wir uns über die Welt der Mythen und Legenden. Meine Gesprächspartnerin, eine Lehrerin aus Tokyo, freute sich sehr über mein Interesse. So berichtete sie mir ausführlich über den legendären »Kitsune«, den mythologischen Fuchs. »Kitsune«-Stauen werden bis heute vor jedem Tempel der Göttin Kami platziert. Davon gibt es tausende. Kami ist nämlich die Göttin der Füchse und der Fruchtbarkeit.

Foto 5: Von der Gottesmutter ...
Ganz ähnliche goldene Statuetten der Füchsin wurden in Pachacamac verehrt und angebetet. Zur Göttin der Fruchtbarkeit Pachamama gehörte die goldene Füchsin. Und Pachamama war die Göttin der Erde. In seinem Essay »Der Fuchs als Tier der Gottheiten Altperus« (2) zitiert Klaus Mailahn Pachamama wie folgt (3): »Ich bin die Heilige Erde. Ich bin die, die nährt, die stillt. Ihr werdet mich in drei Personen anrufen und anhauchen: pacha tierra, pacha nustra, pacha virgen. An jenem Tag werde ich sprechen. Berührt nicht die heilige Erde.«

Ganz richtig schlussfolgert Klaus Mailahn (4): »Aus diesem Zitat geht eindeutig hervor, dass die Göttin Pachamama sowohl als Erdmutter als auch mit einer dreigestaltigen Göttin identifiziert wurde. Demgemäß ist in ihr, gewiss unter einem ursprünglicheren Namen, die Große Göttin selbst zu sehen, aus er sich im Lauf der Zeit unter verschiedenen Namen zahlreiche Formen abspalteten.«

Die weibliche Dreifaltigkeit der Göttin Altperus erinnert doch sehr an die göttliche Maria, Mutter der Erde (pacha tierra), unser aller Mutter (pacha nustra) und jungfräuliche Mutter (pacha virgen). Offensichtlich gibt es Glaubensbilder, dem gläubigen Katholiken wohl vertraut sind, die aber sehr viel älter als das heutige Christentum sind.

Die Göttin von Pachacamac trat in Gestalt einer Füchsin auf, so wie die japanische Fruchtbarkeitsgöttin Inari auch in Gestalt einer Füchsin in Erscheinung trat. Die japanischen Kitsunes werden mit wachsendem Alter immer mächtiger. Im Endstadium sind sie unsterblich und unbesiegbar. Die Füchsin von Pachacamac ist mit dem Mond verbunden, so es wie Maria als Gottesmutter auch ist. Und Maria wurde im Verlauf der vergangenen zwei Jahrtausende auch immer mächtiger: von der Maria, über die sich die Autoren des Neuen Testaments weitestgehend ausschweigen hin zur Himmelskönigin, die in den Himmel aufgenommen wurde. Längst weilt Maria, wie in der Antike die Göttinnen und Götter im Himmel. Längst wird sie nicht mehr nur als Gottesgebärerin gepriesen, sondern als »Miterlöserin« neben Jesus.

Foto 6: ... zur Miterlöserin und Himmelskönigin
Es geht mir ganz und gar nicht um die Verbreitung konfessionellen Glaubensgutes, ganz im Gegenteil. Vielmehr will ich auf den steten Wandel innerhalb der Glaubenswelten hinweisen. So löste in Pachacamac der patriarchalische Sonnengott der Inkas die matriarchalische Mondgöttin der Völker, die aus den Hochanden ans Meer gewandert waren. Im jüdisch-christlichen Kulturbereich erleben wir im Katholizismus mit der Erhöhung der Gottesmutter zur Miterlöserin eine Rückkehr zur matriarchalischen Religion. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Eine Gegenströmung gibt es auch: Es ist der patriarchalische Islam ist auf dem Vormarsch. 

Fußnoten
(1) Dedenbach-Salazar Sáenz, Sabine: »Die Stimmen von Huarochirí. Indianische Quechua-Überlieferungen aus der Kolonialzeit zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Eine Analyse ihres Diskurses«, »Bonner Amerikanistische Studien«, Band 39, Aachen, 2007.
Trimborn, Hermann: »Dämonen und Zauber im Inkareich. Quellen und Forschungen zur Geschichte der Völkerkunde«, Leipzig 1939.
(2) Mailahn, Klaus: »Der Fuchs als Tier der Gottheiten Altperus«, eBook, GRIN Verlag, 1. Auflage 8. September 2009
(3) Ebenda, Pos. 417
(4) Ebenda, Pos. 420
(5) Ott, Ludwig: »Grundriss der Katholischen Dogmatik«, 10. Auflage, Freiburg 1981 (1. Auflage1952), S. 256.


Zu den Fotos
Foto 1: Ruine mit Rampe. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die Rampe. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Das alte und das neue Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Mauerreste im Sand. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Von der Gottesmutter ... Ikone. Archiv Langbein
Foto 6: ... zur Miterlöserin und Himmelskönigin. Ikone. Archiv Langbein


444 »Wer war zuerst da: Gott oder Göttin?«,
Teil 444 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22.07.2018

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Kommentare:

  1. Wo sind meine Grüße aus Bad Segeber geblieben? Walter

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  2. In Bad Segeberg sind sie geblieben. Ich bin wieder in heimischen Gefilden.

    AntwortenLöschen

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