Sonntag, 6. September 2020

555. »Der Kardinal, der Biologe und der liebe Gott«

Teil 555 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Kardinal Reinhard Marx (*1953) schreibt in seinem umstrittenen Werk »Freiheit« im Kapitel über Hochmut und Anmaßung über das Ende einer Ära (1): »Gelegentlich wird schon darauf verwiesen, dass das Anthropozän am Ende sei und wir uns von dem auf den Menschen konzentrierten Blick lösen müssten.«

Das müssten wir in der Tat. Es mag auch in der Tat so sein, dass das Zeitalter mit dem Menschen als geradezu gottgleichem Zentrum (Anthropozän) am Ende angelangt ist. Das freilich scheinen wir Menschen bis heute nicht wirklich einsehen zu wollen. Irgendwie sehen wir uns nach wie vor noch als »Krone der Schöpfung«. Uneinigkeit gibt es nur in der Frage, ob die »Schöpfung« Gott oder dem Experiment Zufall zu verdanken ist. Mir scheint, weder der glühende Anhänger der Ersatzreligion »Zufall allein schafft den Menschen«, noch das fundamentalistische Mitglied einer der drei großen monotheistischen Religionen möchte die eingebildete Führungsposition des Menschen im Lebensraum Erde aufgeben.

Wir sind aber weder die »Krone einer göttlichen Schöpfung« noch der Evolution, denn als intelligent erweist sich unsere Spezies Mensch ganz und gar nicht. An der Spitze des Lebens sollte aber doch wohl die intelligenteste Spezies auf Erden sein. Das aber ist der Mensch nicht. Der Neurobiologe Stefano Mancuso (*1965) versucht schon seit Jahren, uns die Augen zu öffnen, damit wir endlich die unglaubliche, aber höchst reale menschliche Dummheit zur Kenntnis nehmen. Wir fühlen uns noch wohl auf unserem Thron, der uns schon lange unter dem Gesäß wegbricht.

Seit 2008 verleiht das »Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung und die Buchkultur« von Österreich den Titel »Wissenschaftsbuch des Jahres«. 2016 wurde Stefano Mancuso diese hoch angesehene Auszeichnung für sein Werk »Die Intelligenz der Pflanzen« zugesprochen.

Fotos 1-4: Tempelanlage von Karnak
und Memnonkolosse (rechts unten).
Historische Aufnahmen, Ägypten.
Fotos 1-3: Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 4: Walter-Jörg Langbein
In einem Interview, das bundesweit von diversen Zeitungen publiziert worden ist, hat es Stefano Mancuso auf den sprichwörtlichen Punkt gebracht (2): »Wir sind als Spezies seit 300.000 Jahren auf der Erde. Seit etwa 15.000 Jahren existiert das, was wir menschliche Zivilisation nennen. Und in dieser Zeit, vor allem in den letzten Jahren, haben wir es sozusagen in rasender Geschwindigkeit geschafft, den Planeten in den erbärmlichen Zustand zu bringen, in dem er sich jetzt befindet.«

Stefano Mancuso, seit 2001 als Hochschullehrer an der »Universität Florenz« und Mitglied der renommierten »Accademia dei Georgofili« tätig, entwirft ein ganz anderes Bild von der Intelligenz des Menschen als uns lieb sein kann: » Ich streite mich oft über die angebliche Überlegenheit der menschlichen Intelligenz gegenüber der Intelligenz der Pflanzen. Das oberste Ziel einer Spezies ist das Überleben der eigenen Spezies. Die Fortpflanzung ist das erste Ziel. Alles andere ist sekundär. Aus dieser Perspektive ist der Mensch mit weitem Abstand eine der am wenigsten überlebensfähigen Arten, die es je auf der Erde gab.«

Hauptmerkmal für die Intelligenz einer Spezies ist ja wohl die Fähigkeit oder Unfähigkeit zu überleben. Wenn der Mensch auf diesem Gebiet mit deutlichem Abstand schlechter abschneidet als die Pflanzen auf Terra, dann ist er auf gar keinen Fall die »Krone der Schöpfung«, um den religiösen Terminus zu benutzen. Anders ausgedrückt: In Sachen Überlebenskunst ist der Mensch alles andere als die führende Spezies der Natur.

Auf anschauliche Weise verdeutlicht Stefano Mancuso, wie schlecht wir Menschen im Wettbewerb in Sachen Überleben abschneiden: » Das durchschnittliche Leben einer Spezies auf der Erde beträgt fünf Millionen Jahre. Um im Durchschnitt zu bleiben, müssten wir als Art also noch 4,7 Millionen Jahre existieren, eine unvorstellbare lange Zeit für uns. Wir denken in wenigen Tausenden Jahren. Wird es uns in 1.000 Jahren noch geben? Wer weiß! Wenn wir so weiter machen, sicher nicht.«

Dessen ungeachtet hegen und pflegen wir die Einbildung, sonnen uns im Glanz der vermeintlichen Überlegenheit der Menschen über alle anderen Lebensformen auf unserem Planeten und zeichnen uns doch nur dadurch, dass wir als einzige Spezies in erstaunlicher Geschwindigkeit und mit an Perfektion grenzender Konsequenz für die eigene Spezies unbewohnbar machen. Was aber, dieser Frage gehen wir nicht nur aus dem Weg, machen wir anders als alle anderen Spezies auf Terra? Wenn wir uns überhaupt mit anderen Spezies vergleichen, dann heben wir mit Stolz hervor, was wir im Gegensatz zu anderen Spezies zu tun in der Lage sind. Wir können uns über große Entfernungen auf der Erde bewegen, wozu zum Beispiel Pflanzen nicht in der Lage sind. Pflanzen sind so ortsgebunden und unbeweglich, wie wir Menschen während der coronaverursachten Ausgangssperren. Dazu Neurobiologe Stefano Mancuso:

»Wir leben gerade alle in einer Art vegetativen Zustand. Ein paar Milliarden Menschen auf der Welt. Wir können uns nicht frei bewegen. Die Pflanzen leben immer so. Ihr wichtigstes Erfolgsrezept ist ihr Gemeinsinn. Den könnten wir uns abschauen. Pflanzen wetteifern nur in wenigen Ausnahmen mit anderen Pflanzen oder Lebewesen. Anstatt zu wetteifern, schaffen sie Gemeinschaften, die zusammen leben. Pflanzen, Tiere, Insekten, Mikroorganismen.«

Fotos 5+6: Tempel der Hatschepsut, Ägypten
(oben um 1910, unten  um 1986). Foto oben:
Archiv Walter-Jörg Langbein. Foto unten:
Foto Walter-Jörg Langbein.
Ägypten.
Geht das von Menschen dominierte
Zeitalter zuende?
Auch wenn zu schlimmsten Corona-Zeiten bei den meisten menschlichen Bewohnern unseres Planeten aus Angst des Individuums vor Ansteckung und Tod vorübergehend Verantwortungsbewusstsein den Alltag bestimmte, so wird sich doch das gemeinschaftliche Miteinander von uns Menschen als eine vorübergehende Erscheinung erweisen. Wir suchen den Fortschritt nicht im Miteinander, sondern im Gegeneinander. Wir versuchen erst gar nicht, gemeinsam lebensnotwendige Ziele zu erreichen, sondern wir konkurrieren miteinander. Die Hoffnung, dass in der Postcorona-Zeit ein neues Denken unser Handeln bestimmen würde, wird sehr viel schneller als eine Seifenblase platzen.

So wie im weltweiten Sport jeder gegen jeden kämpft, so ist auch unser aller Leben von Konkurrenz geprägt. Und dabei sieht sich der vermeintlich ach so intelligente Mensch als den hoch über allem stehenden Herrn über den Rest der Welt. Die biblische Legitimation für sein Treiben kann man schon im ersten Kapitel des Ersten Buch Mose (3) finden: »Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan.« Freilich haben wir das Prinzip der radikalen Ausbeutung von Planet Erde für egoistische Zwecke längst so stark verinnerlicht, dass wir eine biblische Legitimation für unser schädliches Tun gar nicht mehr benötigen.

Angesichts der Plünderung und Zerstörung des Lebensraums Erde sehen sich Theologen genötigt, den »göttlichen Auftrag« neu zu interpretieren. Genauer gesagt: Man habe, so heißt es aus Theologenmund, den göttlichen Befehl bislang missverstanden. Gott habe den Menschen aufgefordert, verantwortungsvoll mit der ihm anvertrauten Erde umzugehen. Warum wurde dieser vermeintliche göttliche Auftrag nicht in schlichten, verständlichen Worten zum Ausdruck gebracht?

 Statt »Macht euch die Erde untertan!« hätte man formulieren können »Geht verantwortungsvoll mit der Erde um!« »Christliches Radio für den Alltag« (4): »Dieser Satz gehört zu den Bibelworten, die man leicht in den falschen Hals kriegen kann. Und das hat dann schlimme Folgen. ›Macht euch die Erde untertan‹ – wie oft wurde das missverstanden!? Bedeutet diese Weisung Gottes, der Mensch könne nun alles mit Gottes Schöpfung tun, was er will? Gibt Gott einen Freibrief, die Erde auszubeuten? Wird der Mensch zum höchsten Chef alles Geschaffenen? Zum Herrscher der Tiere, der mit ihnen nach Belieben umgehen kann? Zum Souverän über das Pflanzenreich, der roden oder züchten darf, wie er will?«

»Christliches Radio für den Alltag« beantwortet sodann die gestellten Fragen in einer Art und Weise, die man nicht als kindlich bezeichnen sollte. Wenn man die von »Christliches Radio für den Alltag« vorgetragene Antwort als Beispiel von kindlicher Logik bezeichnet, beleidigt man die Kinder. Doch lassen wir »Christliches Radio für den Alltag« zu Wort kommen: »›Macht euch die Erde untertan‹ – ein Satz, den man in den falschen Hals kriegen kann, wenn man nicht sieht, was direkt davor steht:

›Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bild Gottes schuf er ihn‹. Damit wird nicht das Aussehen Gottes beschrieben, sondern die Herrschaft Gottes und was der Mensch damit zu tun hat. Um dies zu verstehen muss man wissen: Wenn im Altertum ein König ein großes Reich zu regieren hatte, war das nicht einfach. Telefon und Internet waren noch längst nicht erfunden, auch Flugzeuge und Autobahnen gab es nicht. Wie sollte ein König – zum Beispiel der Großkönig von Babylon – sein Riesenreich regieren? Wie sollte er die weiten Entfernungen überwinden, um in fernen Provinzen zu zeigen: auch in Gebieten weit weg von der Hauptstadt bin ich euer Herrscher?

Die Lösung: der König ließ Standbilder aufstellen, Abbilder von sich selbst. An vielen Orten gab es solche Wahrzeichen, Bilder, die zeigten: hier herrscht dieser König, auch wenn er nicht persönlich anwesend ist.«

Mit anderen Worten: Weil Gott nicht jeden Menschen per Telefon erreichen kann, setzt er den Menschen als sein Abbild ein, um überall zu verdeutlichen, dass Gott in Gestalt des Menschen als sein Abbild allüberall herrscht. Damit aber wird der Mensch aus der Gesamtschöpfung herausgestellt und über dem Rest der Schöpfung platziert.

Nach dieser – in meinen Augen sehr seltsamen – Vorstellung wird die Welt dem Menschen von Gott ausgeliefert. Da aber Gott nach theologischer Vorstellung allwissend ist und die Zukunft kennt, ist ihm natürlich bekannt, wie der Mensch mit der Welt umgehen wird. Gott überlässt dem Menschen in diesem Bild die Welt zur Ausplünderung, die Tiere zur rücksichtslosen Ausbeutung. Das erklärt man in der Theologie dann mit dem »freien Willen« des Menschen.

Theologen meinen allen Ernstes, sie könnten und müssten dem »lieben Gott« einen »Persilschein« ausstellen: Nicht der »liebe Gott« ist demnach für Leid und Elend auf der Welt verantwortlich, sondern das ist der Mensch. Der »liebe Gott« hat dem Menschen in vermeintlicher Güte einen »freien Willen« gewährt. Und der Mensch nutzt diesen seinen freien Willen leider auch, um Böses zu tun. Diese Vorstellung empfinde ich, gelinde gesagt, als unstimmig und als erschreckend entsetzlich. Denn wo bleibt der freie Wille der Opfer? Ein Gott, der faktisch dem Bösen einen freien Willen zubilligt, nicht aber dem Opfer des Bösen, entspricht ganz und gar nicht meiner Vorstellung von einem liebenden, guten Gott.

Fußnoten
(1) Marx, Reinhard: »Freiheit«, München 2020, eBook (kindle), Kapitel »Die Gefahr der Hybris«, Position 172
(2) Müller-Meiningen, Julius: »Wenn wir so weitermachen, stirbt unsere Spezies aus«, »Augsburger Allgemeine«, 06.06.2020 (Das Interview erschien auch im »Obermain Tagblatt«, Lichtenfels. Datum leider nicht mehr feststellbar.)
Alle weiteren Zitate von Stefano Mancuso sind diesem Interview entnommen.
(3) 1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 28
(4) https://www.erf.de/erf-plus/audiothek/wort-zum-tag/macht-euch-die-erde-untertan/73-3531

Zu den Fotos
Fotos 1-4: Tempelanlage von Karnak und Memnonkolosse (rechts unten). Historische Aufnahmen, Ägypten. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 5+6: Tempel der Hatschepsut (oben um 1910, unten  um 1986). Foto oben: Archiv Walter-Jörg Langbein. Foto unten: Foto Walter-Jörg Langbein.
Ägypten.

556. »Gott, die Schöpgung und das Ende der Menschheit«
Teil 556 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 13. September 2020
 


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