Sonntag, 3. Mai 2020

537. »Sechzig Myriaden Meilen und fünfhundert Jahresreisen höher«

Teil 537 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Hesekiels Vision von der fliegenden
»Herrlichkeit des Herrn«. Lutherbibel 1545.

Erich von Däniken (*14. April 1935) schrieb vor über einem halben Jahrhundert in seinem ersten Weltbestseller »Erinnerungen an die Zukunft« (1): »Der Mensch hat eine grandiose Zukunft vor sich, die seine grandiose Vergangenheit noch überbieten wird. Wir brauchen Weltraumforschung und Zukunftsforschung und den Mut, unmöglich erscheinende Projekte anzupacken. Zum Beispiel das Projekt einer konzentrierten Vergangenheitsforschung, das uns kostbare Erinnerungen an die Zukunft bringen kann. Erinnerungen, die dann bewiesen sein werden und ohne den Appell, an sie glauben zu sollen, die Menschheitsgeschichte erhellen. Zum Segen künftiger Generationen.«

Meiner Meinung nach kann nur ein Miteinander unterschiedlichster Wissenschaftsdisziplinen der Schlüssel zu den ältesten Mythen der Menschheit sein. Wissenschaftler haben im Verlauf der Jahrhunderte so viel Wissen angesammelt, dass es den klassischen Universalgelehrten von einst nicht mehr geben kann. Eine immer stärker werdende Spezialisierung ist die Folge. Fachübergreifende Forschung gibt es so gut wie nicht mehr. Wir sind aber nur dann dazu in der Lage, die altehrwürdigen Texte zu verstehen, wenn wir möglichst viele Interpretationen berücksichtigen. Bietet ein Text Philosophisches oder Technisches? Ein Philosoph kann die Bauanleitung für eine Maschine durchaus philosophisch verstehen und deuten, wahrscheinlich aber nicht rekonstruieren.

Wer meint, die Wahrheit schlechthin erkannt zu haben, der wird in allen Texten unserer Vorfahren nur Bestätigungen seiner vermeintlich wissenschaftlich fundierten Vorurteile finden. Wirklich revolutionär neuartige Gedanken haben es dann sehr schwer. Nobelpreisträger Max Planck (*1858; †1947) brachte es auf den Punkt: »Neue Ideen setzen sich nicht dadurch durch, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern dadurch, dass sie aussterben!« Etwas schneller könnten sich neue Ideen durchsetzen, wenn  Vertreter unterschiedlichster Wissenschaftsdisziplinen zusammen arbeiten würden.

Kehren wir noch einmal zum mysteriösen Text zurück, der uns eine Begegnung zwischen Hiram und Hesekiel hoch in himmlischen Gefilden beschreibt (2): »Als Hiram auf diese Weise über der Erde schwebte, da nahm er in seinem leeren Wahn, er wäre er dem Rest der Menschen überlegen, plötzlich den Propheten Hesekiel neben sich wahr. Erschrocken und erstaunt fragte Hiram den Propheten, wie er denn in jene Höhen aufgestiegen sei. Die Antwort war: ›Gott hat mich hierher gebracht, und er hat mich gebeten, dich zu fragen, warum du so stolz bist, der du von einer Frau geboren wurdest?‹ Der König von Tyrus antwortete trotzig: ›Ich bin nicht von einer Frau geboren, ich lebe für immer.‹ Seht, wie viele Könige ich überlebt habe! Einundzwanzig aus dem Hause David und ebenso viele aus dem Königreich der Zehn Stämme und nicht weniger als fünfzig Propheten und zehn Hohepriester habe ich begraben.‹«

Hesekiel wird in den »Legenden der Juden« von Gott hoch empor getragen. Wie das geschehen ist? War ein Naturphänomen verantwortlich? Die Antwort in fällt den »Legends of the Jews« kurz und bündig aus (3): »Er war dorthin von einem Wind geweht worden.« Hesekiel selbst kommt zu Wort: »Gott hat mich hierher gebracht.«

Micha Josef bin Gorion (*1865; †1921), ursprünglich Micha Josef Berdyczewski, war ein bedeutender hebräischer Schriftsteller und eifriger Sammler rabbinischer Legenden und Sagen. Er trug eine Fülle von altehrwürdigen Überlieferungen zusammen. In deutscher Übersetzung erschien das Mammutwerk unter dem Titel »Die Sagen der Juden« (4) in insgesamt fünf Bänden: »Von der Urzeit : jüdische Sagen und Mythen« (Band 1, 1913), »Die Erzväter : jüdische Sagen und Mythen« (Band 2, 1914), »Die zwölf Stämme: jüdische Sagen und Mythen« (Band 3, 1919), »Mose : jüdische Sagen und Mythen« (Band 4,1926) und »Juda und Israel: jüdische Sagen und Mythen« (Band 5, 1927).

Hesekiel, so erfahren wir aus den »Legends of the Jews«, wurde von Gott in luftige Höhen gebracht. Micha Josef bin Gorions Textkonvolut enthält das Kapitel (5) »XX. In den Himmlischen Hallen«. In den Unterkapiteln »Die Himmelfahrt«, »Abermals von der Himmelfahrt« und »Der Zug durch die sieben Gewölbe« wird von Moses »Himmelfahrten« berichtet. In den »Legenden der Juden« begegnen sich Hesekiel und Hiram in himmlischen Gefilden, in bin Gorions »Sagen der Juden« ist es Moses, der in himmlischen Regionen auf »Chefengel Kamuel« trifft (6): »Als Mose zum Himmel emporstieg, da kam eine Wolke ihm entgegen, und Mose wußte nicht, ob er sich auf sie schwingen sollte oder sich nur mit den Händen an ihr festhalten. Sie öffnete sich aber, und er kam in ihr Inneres. Und die Wolke trug den Mann Gottes mit sich fort, und er durchstreifte die Feste des Himmels. Da begegnete ihm der Engel Kamuel, welcher das Haupt der zwölftausend Schreckensengel war, die die Tore des Himmels bewachen.«

Foto 2: Moses und die Gesetzestafeln.

Leicht wird Moses die Himmelsreise zu Gott nicht gemacht. Die Engel wollen ihn nicht in die höchsten Gefilde vorlassen. So muss Moses zunächst »Chefengel Kamuel« (zu Deutsch etwa »Gott ist mein Ziel«) besiegen, bevor er nach einer wahrhaft kosmischen Reise dem nächsten Engel begegnet (7): »Da kam er an die Stätte, wo der Engel Hadarniel weilt, der um sechzig Myriaden Meilen höher ist als sein Genosse Kamuel.« Diese Distanz muss den unbekannten Urheber des alten Textes sehr beeindruckt haben. Er nennt die »sechzig Myriaden Meilen« zwei Mal.

Auch Hadarniel war Moses alles andere als zugetan. Hadarniel, zu Deutsch etwa »die Majestät Gottes«, »die Größe und Stärke Gottes«, (8) »aus dessen Munde blitze sprühen, wenn er spricht … sprach zu Mose: ›Was suchst du hier, in der Sphäre der Hoheit?‹« Erst auf Intervention Gottes hin erhält Moses Hilfe von Hadarniel. Der »Engel der Liebe führt Moses bis an die »Feuerstätte« des Engels Sandelphon, weiter darf er nicht aufsteigen.

Foto 3: Moses wird von Engeln am Aufstieg
in höhere Sphären gehindert.

Schließlich erscheint Gott selbst und »führte Mose durch die Region des Sandelphon«, der auch als »Gärtner Gottes« bezeichnet wird. Nach Überwindung des »Feuerstroms Rigion« kommt Moses dem Thron Gottes hoch oben im Himmel immer näher. Engel Galizur (»Offenbarer des Felsens«) und schließlich die »Würgengel« können Moses nichts anhaben, weil Gott ihn schützt. Endlich steht Moses vor dem Thron Gottes. Vierzig Tage benötigt Gott, um Moses seine Lehre, vor allem seine Vorschriften und Gebote, zu vermitteln.

Der Gott des biblischen »Alten Testaments« fährt vom Himmel herab (9), kommt auf einem Berg (vermutlich auf dem Berg Sinai) hernieder und heiligt so das Areal. Dadurch wird das Gebiet der Gotteslandung zur Tabuzone, die das Volk nicht betreten darf. Ein eigens errichteter Schutzzaun hält die Menschen davon ab, Moses zum »Landeplatz« Gottes zu folgen. Offenbar war es für zu nah Stehende Menschen lebensgefährlich, wenn Gott aus himmlischen Gefilden unter brausendem Getöse und Feuer und Rauch vom Himmel herab auf den Berg kam. Das Szenario muss für die Menschen damals ganz sicher furchteinflößend gewesen sein (10):

»Als nun der dritte Tag kam und es Morgen ward, da erhob sich ein Donnern und Blitzen und eine dichte Wolke auf dem Berge und der Ton einer sehr starken Posaune. Das ganze Volk aber, das im Lager war, erschrak. Und Mose führte das Volk aus dem Lager Gott entgegen, und es trat unten an den Berg. Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil der HERR auf den Berg herabfuhr im Feuer; und sein Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen, und der ganze Berg bebte sehr.«

Moses steigt nach dem Text des »Alten Testaments« den »Heiligen Berg« hinauf, Gott kommt in einer Wolke hernieder und trifft sich mit Moses. Hoch oben auf dem Berg händigt Gott Moses die Gesetzestafeln aus. Er soll dem Volk übermitteln, welche göttlichen Gebote in Zukunft zu befolgen sind. In den »Sagen der Juden«, gesammelt und aufgezeichnet von Micha Josef bin Gorion, macht sich Moses auch auf den Weg und beginnt den Berg zu erklimmen. Dann aber kommt ihm von oben eine »Wolke« entgegen. Die »Wolke« öffnet sich und nimmt Moses in sich auf. Die »Wolke« ist es offenbar, die Moses in ihrem Inneren in höchste himmlische Höhen zu Gott entführt. Dort trichtert ihm Gott vierzig Tage lang seine Gebote und Verbote ein.

Offensichtlich legt Moses gigantische Strecken zurück. So bekundet er (11): »Und dann sah ich noch den Sandelphon, der einen Weg von fünfhundert Jahresreisen höher ist als Hadarniel.« Offensichtlich absolviert Moses in den »Legenden der Juden« nach Micha Josef bin Gorin weite Reisen. Aber wohin? Zu »Gott« ins All? In die himmlischen Gefilde der Engel, die oft unvorstellbar weit von der Erde entfernt zu sein scheinen? Die diversen »Engel« scheinen als »Wächter des Himmels« zu fungieren, die darauf achten, dass niemand von der Erde aus in himmlische Gefilde vorzudringen versucht. Gott selbst freilich darf Menschen in den Himmel holen, womit mit »Himmel« nicht im christlichen Sinne das Jenseits gemeint ist. Ein Reich der Dahingeschiedenen in himmlischen Sphären war zu Zeiten des »Alten Testaments« vollkommen unbekannt.

Foto 4: Engel wirken als »Wächter des Himmels«.

Fußnoten
(1) Däniken, Erich von: »Erinnerungen an die Zukunft – Ungelöste Rätsel der Vergangenheit«, Düsseldorf und Wien, 1968, Seite 221
(2) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews«, Band 4, »From Joshua to Esther«, Taschenbuchausgabe, Baltimore 1998, Seite 335, 12. Zeile von unten – S. 336, 2. Zeile von oben.
(3) Ebenda, Seite 335, 9. Zeile von unten: »He had been waved thither by a wind.«
(4) Gorion, Micha Josef bin: »Die Sagen der Juden«, ins Deutsche übertragen von Ramberg-Berdyczewsky, Rahel, Frankfurt a. M. 1913–1927
(5) Gorion, Micha Josef bin:  »Mose: jüdische Sagen und Mythen«, Band 4, Frankfurt 1926, S. 239-255
(6) Ebenda, Seite 239, 1.-9. Zeile von oben (Rechtschreibung wurde unverändert übernommen.)
(7) Ebenda, 3.-1. Zeile von unten
(8) Ebenda, 1.-3. Zeile von oben
(9) 2. Buch Mose 19, Verse 1-25
(10) Ebenda, Verse 16-18
(11) Gorion, Micha Josef bin:  »Mose: jüdische Sagen und Mythen«, Band 4, Frankfurt 1926, S. 243, 7.-9. Zeile von oben

Foto 5: Hesekiels Vision von der fliegenden
»Herrlichkeit des Herrn«. Lutherbibel 1545.


Zu den Fotos
Foto 1: Hesekiels Vision von der fliegenden »Herrlichkeit des Herrn«. Lutherbibel 1545. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Moses und die Gesetzestafeln. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Moses wird von Engeln am Aufstieg in höhere Sphären gehindert. Foto: Cheruben, Italien, 12. Jahrhundert. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Engel wirken als »Wächter des Himmels«. Foto: Chruben, Italien, 12. Jahrhundert. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Hesekiels Vision von der fliegenden »Herrlichkeit des Herrn«. Lutherbibel 1545. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

538. »Die Herrlichkeit des Herrn«,
Teil 538 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10. Mai 2020


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