Sonntag, 16. Februar 2020

526. »Die zwei Tode eines Mörders«

Teil 526 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Fotos 1 und 2: Der blinde Lamech tötet den Brudermörder Kain

Da stehen, in Stein verewigt, zwei Menschen. Einer scheint ehrfürchtig-ängstlich zu warten, der andere handelt konzentriert. Zwischen beiden liegt so etwas wie ein eng verschnürtes Bündel. Der Mann blickt in ein Buch. Was tut er? Bei dem Bündel könnte es sich um eine Mumie eines Kindes handeln. Der Mann mit dem Buch, angeblich soll das der Heilige Benedikt sein, mag Zaubersprüche murmeln, um die Mumie wieder zum Leben zu erwecken. Die Frau könnte die Mutter des toten Kindes sein. Dieses in Stein gemeißelte Halbrelief an einem der Säulenkapitelle habe ich als Kind in der Basilika von Vézelay gesehen.


Ich habe noch heute dieses geradezu bizarre Bild von mir. Es erinnert mich heute an einen der Klassiker des Horrorfilms aus den 1930ern in Schwarzweiß: Der Heilige Benedikt erweckt ein totes Kind zu neuem Leben. Es mag sein, dass zu den echten Erinnerungen an die Basilika von Vézelay (1) nach und nach auch noch gruselige Fantasiebilder hinzukamen, ausgelöst von den höchst realen Reliefs oben an den kostbaren Säulenkapitellen.

Foto 3: Der Heilige Benedikt erweckt ein totes Kind zum Leben.

Ich kann mich gut an meinen Besuch damals im Gotteshaus erinnern. Ich wäre am liebsten umher gerannt, um möglichst viele der zum Teil recht merkwürdigen Steinreliefs zu betrachten. Unser Führer, ein etwas verhärmt wirkender Herr mit wenig Verständnis für meinen Bewegungsdrang, mahnte mich immer wieder gestenreich zu ruhigem und stillem Benehmen. Die vielen Bilder faszinierten mich. Ich verstand nicht, was sie angeblich darstellen sollten. Sie regten meine Fantasie an. Manche machten mir Angst, manche fand ich lustig. Anderen wiederum hatte der Zahn der Zeit so stark zugesetzt, dass kaum noch etwas zu erkennen war.


Viele, vielleicht sogar die meisten Säulenkapitelle lagen im Halbdunkel des uralten Gotteshauses. Für wen waren wohl die mysteriösen Darstellungen gedacht? Kann man, so paradox das klingen mag, nur die Reliefs verstehen, wenn man weiß, was sie darstellen sollen? An manchen Kapitellen sind kleine Szenen dargestellt, mit einem Comicstrip vergleichbar, der in zwei oder drei Bildern eine Geschichte erzählen will. Aber ohne erklärenden Text kann der, der die Geschichte nicht kennt, die Bilder nicht verstehen. Wurden die Besucher des Gotteshauses vor Jahrhunderten von Geistlichen darüber aufgeklärt, was sie da sahen und zu sehen hatten?

Mein Vater führte mich von Säule zu Säule und machte mich auf die steinernen Darstellungen aufmerksam. Ein örtlicher Führer aus dem Klerus gab fromme Erklärungen ab, die mein Vater für mich aus dem Französischen ins Deutsche übersetzte.

Bei manchen der präzise gearbeiteten Reliefs wurde es unserem Guide sichtlich peinlich. Dann und wann versuchte er uns von bestimmten Darstellungen weg zu lotsen. Das waren aber gerade jene Abbildungen, die mich als Kind faszinierten oder beängstigten. Was waren das, zum Beispiel, für seltsame Wesen, die aufrecht wie ganz normale Menschen gingen, die aber Hundeköpfe hatten? Oberhalb eines Portals entdeckte ich zwei menschenähnliche Gestalten, die sehr seltsame Häupter hatten. Ich deutete auf ein Paar mit schweineartigen Köpfen. Sie hatten anstelle eines Mundes und der Nase etwas Rüsselartiges. Unser Guide zog mich weiter und reagierte gereizt, als ich leise wie ein Schweinchen quiekte. Und einen Zwerg durfte ich auch nicht lange betrachten, denn schon drängte unser Führer. Weiter sollte es gehen. Vorbei an einem Riesen und an seltsamen Gestalten, die wie Fische Schuppen zu haben schienen. Es gab ein faszinierendes und doch zugleich auch manchmal unheimliches Panoptikum an kuriosen Kreaturen und frommen Darstellungen.

Foto 4: Zwei Ritter im Duell.
Unzählige Bildnisse befanden sich an den Säulenkapitellen (2). Da waren zum Beispiel zwei Ritter im Kampf. Sie hieben mit hoch erhobenen Schwertern aufeinander ein. Wer diese Ritter sein sollen, das verrät uns das Kapitellen-Relief nicht mehr. Wenn sollen die beiden Gestalten darstellen, die man rechts und links von den Rittern sieht? Sind es neugierige Zuschauer? Oder haben sie mit dem Kampf der Ritter gar nichts zu tun? Es mag sein, dass irgendwann eine erklärende Schrifttafel entfernt wurde oder dem Zahn der Zeit zum Opfer fiel.

Ich kann mich an ein weiteres Relief erinnern, dass ich vor vielen Jahren in der Basilika von Vézelay gesehen und natürlich nicht verstanden habe. Leider fehlt auch hier eine erklärende Hinweistafel. Eine theologische Interpretation gibt es, die ich aber nicht wirklich nachvollziehen kann.

Interpretieren lässt sich fast jede Darstellung auf theologische Weise, selbst die von Wilhelm Busch (*1832; †1908) gezeichneten Bilder von Max und Moritz.

Foto 5: Seltsame »Mühle«.
Demnach stellt die Person links keinen Geringeren als Moses selbst in kurzer Kutte dar. Er schüttet Korn in die Mühle. Nach der theologischen Deutung symbolisiert das Getreide, das in die Mühle gegeben wird, das Gesetz des »Alten Testaments« dar. Theologen erkennen nun in den Speichen des Rades an der Mühle das Kreuz Jesu. Dieses Kreuz versinnbildlicht angeblich den Opfertod Jesu. Das alte Gesetz wird gemahlen. Apostel Paulus, so wird weiter interpretiert, fängt das Mehl in einem Sack auf. Aus dem Mehl wird dann das »Brot des Lebens« gebacken. Ob das die richtige Interpretation ist? Niemand kann das mit Sicherheit sagen.

Niemand vermag bis heute eine mir einleuchtende Erklärung für zwei »Engel« anzubieten, die ich schon als Kind bewunderte. Der eine Engel ist ohne Zweifel ein Guter, trägt er doch einen stattlichen Heiligenschein. Er handelt wie ein Polizist aus einem Krimi. Mit einem raschen Griff hat er seinem Gegenspieler die Arme auf den Rücken gedreht. Der »Verhaftete« hat den breiten Mund zu einem hämischen Lachen verzerrt.

Foto 6: Engel überwältigt
Engel.
Der »Polizeiengel« mit Heiligenschein wird ihm wohl gleich Handschellen anlegen. Er zeigt eine ernste Miene und ist sich seiner Sache sicher. Ob er wirklich schon gewonnen hat? Oder verrät das Lachen des scheinbar Nackten, dass der sich mit einem schmutzigen Trick befreien können wird? Beide Wesen haben Flügel. Sollte es sich bei dem wilden, lachenden Engel um einen der abtrünnigen Himmlischen handeln? Bei näherem Betrachten fällt auf, dass er so etwas wie einen Tierschweif am Allerwertesten und seltsame klauenartige Füße hat. Und sein Haar ist wild wie aufloderndes Feuer.

Eine der bekanntesten Geschichten aus dem »Alten Testament« habe ich beim Besuch mit meinem Vater in Vézelay entdeckt: David und Goliath. Dargestellt wird zunächst, wie der mutige David seine Steinschleuder gegen den tumben Riesen einsetzt. Noch ahnt der kraftstrotzende Goliath nicht, was ihm gleich blühen wird. Davids Stein wird ihn am Kopf treffen und zu Boden strecken. Und dann wird David dem Goliath, auch das wird sehr anschaulich im Steinrelief gezeigt, mit seinem eigenen Schwert den Kopf vom Rumpf trennen. Lehr baumelt die gewaltige Schwertscheide an der Seite des Riesen, während David das imposante Schwert Goliaths recht gekonnt einsetzt.

Foto 7:
David schleudert
den tödlichen Stein
Beileibe nicht alle Darstellungen stammen aus der Welt des »Alten« und des »Neuen Testaments«. Ich erinnere mich genau an einen monströsen Riesenvogel, der die Ausmaße eines Pferdes gehabt haben muss. Im gewaltigen Schnabel trägt er ein Menschlein. Heute weiß ich, wie diese Darstellung interpretiert wird.

Das Menschlein im Schnabel des Riesenvogels soll der Hirtenknabe Ganymed sein, der von Zeus in Adlergestalt in die hohen Gefilde des Olymps verschleppt wurde. Dort musste er als Mundschenk die Götter bedienen. Diese Entführung existiert in verschiedenen Varianten. Die älteste ist schon vor Jahrtausenden entstanden. In einem der ältesten Epen der Menschheitsgeschichte, im sumerischen Etana-Mythos (3. Jahrtausend v.Chr.), wurde sie verewigt. Die Fassung, die Homer (850 v.Chr.?) zugeschrieben wird, ist sehr viel jünger. Andere Varianten gibt es von Lukian (2. Jahrhundert v.Chr.), Vergil (1. Jahrhundert v. Chr.) und Ovid (1. Jahrhundert vor/ 1. Jahrhundert n.Chr.). Die Entführung Ganymeds ist ja nun wirklich kein christliches Motiv. Warum wurde es in der Basilika von Vézelay kunstvoll in ein Säulenkapitell gemeißelt?

Nirgendwo in der Bibel findet sich die kuriose Geschichte vom blinden Jäger Lamech, der aus Versehen Kain mit Pfeil und Bogen erlegt. Und diese seltsame Geschichte soll in Gestalt eines Reliefs an einem der Säulenkapitelle in der Basilika von Vézelay dargestellt worden sein.

Foto 8: David
enthauptet Goliath.
Offen gesagt: Die Geschichte vom blinden Jäger Lamech halte ich für nicht sehr glaubwürdig. Gott selbst hat nach dem Text der Bibel (3) Kain das ominöse Kainsmal verpasst und ausdrücklich verboten, ihn zu töten. Wer gegen dieses göttliche Verbot verstößt, muss mit schlimmer Strafe rechnen. Dann werde der Tod Kains siebenfach gerächt. Haben anonyme Bibelinterpreten die Geschichte von Lamech erfunden? Ein blinder Jäger, der aus Versehen den Kain tötete, der musste doch eigentlich nicht die Strafe Gottes fürchten müssen!

Noch kurioser mutet die Erklärung von Kains Tod im apokryphen »Jubiläenbuch« (4) an. Demnach kam Kain in einem tragischen Unfall ums Leben, weil dies angeblich göttlichem Gebot entsprach (5): »Am Ende dieses Jubiläum, ein Jahr nach ihm, ward Kain getötet; sein Haus fiel auf ihn und er starb mitten in seinem Haus und er ward durch dessen Steine getötet. Denn mit einem Stein tötete er den Abel, und mit einem Stein ward er nach gerechtem Gericht getötet.

Deshalb ist in den himmlischen Tafeln angeordnet: ›Mit dem Gerät, womit ein Mann seinen Nächsten tötet, soll er getötet werden, wie er einen verwundet, so soll man ihm tun!‹« Wie starb Kain? Zwei Tode werden beschrieben. Kam er beim Einsturz seines Hauses ums Leben? Oder wurde er vom blinden Lamech erschossen? An einem der zahllosen Reliefs an einem der Säulenkapitelle wird ein Jäger dargestellt, der einen Pfeil abschießt. Im üppigen Gestrüpp steht jemand. Soll das Kain sein, den der Pfeilgleich töten wird?


Fußnoten
(1) Spielmann, Peter: »Licht wird hier der Raum: eine Hommage an die Magdalenenkirche von Vézelay«, Frankfurt 2014
(2) Rouchon-Mouilleron, Veronique: »Vézelay/ The Great Romanesque Church: The Romanesque Vision in Stone«, New York 1999
(3) 1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 15
(4) Kautzsch, Emil: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, Band II: »Die Pseudepigraphen«, Tübingen 1900, S. 31–119
»Jubiläenbuch oder Kleine Genesis« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel«, Augsburg 1928, S. 539-S.666
(5) »Jubiläenbuch«, Kapitel 4, Verse 31+32

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Der blinde Lamech tötet den Brudermörder Kain. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Der Heilige Benedikt erweckt ein totes Kind zum Leben. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Zwei Ritter im Duell. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Seltsame »Mühle«. Foto wiki commons/ Vassil
Foto 6: Engel überwältigt Engel. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: David schleudert den tödlichen Stein Foto wiki commons/ Vassil
Foto 8: David enthauptet Goliath. Foto wiki commons/ Vassil


527. »Da traf er den Kain zwischen die Augen«,
Teil 527 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23. Februar 2020


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