Sonntag, 9. Februar 2020

525. »Kain und der blinde Jäger«

Teil 525 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Der wohl bekannteste Mörder der Bibel ist wohl Kain. Das wissen auch Zeitgenossen, die nie in der Bibel lesen. Was aber ist das »Kains-Mal«? Es sollte Kains Leben schützen und wurde ihm zum Verhängnis.

Schon im 4. Kapitel des 1. Buches Mose wird der erste Mord geschildert. Die Geschichte lässt, so scheint es, keine Frage offen. Adam und Eva müssen wegen des ominösen Sündenfalls das Paradies verlassen. Der Engel mit dem Flammenschwert macht eine Rückkehr unmöglich. Adam muss zur Strafe auf dem Feld schuften, Eva Kinder gebären. So kommen Kain und Abel auf die Welt. Beide bringen Gott Opfer dar, Gott verschmäht Kains Opfergabe. Wütend tötet Kain seinen Bruder. In meiner wörtlichen Übersetzung liest sich das so (1):

Foto 1: Kain erschlägt Abel,
Genter Altar von Jan van Eyck, 1432,
gespiegeltes Foto

»Vers 1: Und er, Adam, erkannte Chawa (Eva), seine Frau, und sie empfing und sie gebar den Kajin und sie sprach: ich habe hervorgebracht einen Mann mit Hilfe Jahwes.
Vers 2: Und sie fuhr fort zu gebären: seinen Bruder, den Habäl (Abel), und der Habäl, er war ein Hirte von Kleinvieh und Kajin, er war bearbeitend den Acker.
Vers 3: Und es war am Ende der Tage, da brachte Kajin von den Früchten des Ackers eine Opfergabe für Jahwe.
Vers 4: Und Habäl, er brachte, von seinem Erstgeborenen seines Kleinviehs und von ihrem Fett und er sah, Jahwe, auf den Habäl und sein Opfer.
Vers 5: Aber auf Kajin und sein Opfer sah er nicht und er entbrannte (zu ergänzen? der Zorn?) dem Kajin und er senkte sein Gesicht.
Vers 6: Und er sprach, Jahwe, zu Kajin, warum entbrannte (dein Zorn) und warum ist gesenkt dein Gesicht?
Vers 7: Wenn du recht handelst, kannst du (dein Gesicht) erheben, wenn du nicht
recht handelst, dann lauert die Sünde vor der Tür.
Vers 8: Und es sprach der Kajin zu seinem Bruder Habäl (2) und es war auf dem Feld, da stand auf der Kajin gegen seinen Bruder Habäl und tötete ihn.

Kain hat Abel getötet und Gott fragt, wo denn Abel sei. Seltsam: Gott soll doch allwissend sein. Warum fragt er dann, wo denn Abel zu finden sei. Gott verflucht den Mörder Kain. Der zeigt Reue und hat Angst um sein Leben. Er befürchtet, dass ihn jeder, der ihn trifft, töten wird. Aber wer soll denn Kain nach dem Leben trachten? Nach Abel tot ist, gibt es damals nach dem Text der Bibel ja nur noch Adam und Eva. Weiter geht es im Text meiner wörtlichen Übersetzung:

»Vers 9: Und er sprach, Jahwe, zu Kajin: Wo ist Habäl, und der sprach: nicht weiß ich, bin ich etwa ein Hüter meines Bruders?
Vers 10: Und er sprach: was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders eine schreiende zu mir aus dem Acker!
Vers 11: Und nun, verflucht mögest du sein, weg von dem Acker, welcher aufriss seinen Mund um zu nehmen das Blut deines Bruders aus deiner Hand!
Vers 12: Ja, wenn du bearbeitest den Acker, nicht fährt er fort zu geben dir seine Kraft. Schwankend und heimatlos wirst du sein auf der Welt.
Vers 13: Und er sprach, Kajin zu Jahwe: groß (ist) mein Vergehen (oder: meine Sünde).
Vers 14: Siehe, du hast mich vertrieben vom Gesicht des Ackers und weg von deinem Gesicht verberge ich mich und bin schwankend und heimatlos und es wird ein jeder, der trifft mich an, (er) wird mich töten.
Vers 15: Und es sprach zu ihm, Jahwe: Alle, die Kajin töten – sieben mal sieben wird er gerächt! Und er setzte, Jahwe, dem Kajin ein Zeichen, damit nicht ihn töte ein jeder, der ihm begegnet.«

Nach dem Mord an seinem Bruder Abel zeugte Kain einen Sohn (3):»Und Kain erkannte seine Frau; die ward schwanger und gebar den Henoch. Und er baute eine Stadt, die nannte er nach seines Sohnes Namen Henoch.« Seltsam: Adam und Eva hatten zunächst zwei Söhne, nämlich Kain und Abel. Nach der Ermordung Abels gab es nur noch Adam, Eva, Kain und Seth (ein weiterer Sohn von Adam und Eva). Woher nahm dann Kain seine Frau, die im »Alten Testament« namenlos bleibt. Die anonyme Frau gebar Sohn Henoch. Jetzt gab es nach dem »Alten Testament« eine »Weltbevölkerung« von sechs Personen. Und jetzt baute Kain eine Stadt. Für wen? Für sich, seine Frau und ihren Sohn Henoch? Da wäre ein Häuschen vollkommen ausreichend gewesen! Zurück zum Brudermord!

Foto 2: Kain und Abel als Motiv einer Briefmarke.
Frankreich 1974

Gott verpasst Kain ein Zeichen zu seinem Schutz: Es macht Kain kenntlich und soll jeden davon abhalten, Kain zu töten. Wie dieses »Zeichen« ausgesehen hat, darüber findet sich kein Hinweis im »Alten Testament«. Das »Alte Testament« verschweigt auch, ob und falls ja, wie und wann Kain gestorben ist. Das ist seltsam. Finden sich doch von Adam bis Jesus konkrete Zahlenangaben zu jeder der biblischen Gestalten. Das »Kains-Zeichen« brachte mich auf die richtige Spur. Fündig wurde ich im »Ökumenischen Heiligenlexikon« (4):

»Jüdische Legenden erzählen deshalb: Lamech ging, als er im Alter schon blind war, auf die Jagd und ließ sich dabei von seinem jungen Sohn Tubal-Kajin leiten. Als der das Zeichen gab, schoss Lamech - doch es war nicht ein Wildtier, sondern Kain, der getötet wurde; Tubal-Kajin hatte das Kains-Zeichen, das hier als Horn beschrieben wird, mit dem Horn eines Tieres verwechselt. Verzweifelt schlug Lamech sich in die Hände und tötete so versehentlich auch Tubal-Kajin.«Konkrete Angaben zu den »jüdischen Legenden« sind freilich im »Ökumenischen Heiligenlexikon« nicht zu finden.

Wolfgang Stuch schrieb im Januar 2020 zwei interessante Kommentare bei facebook zu einem Beitrag von mir: »In den Apokryphen Schriften wird Kain versehentlich durch einen Pfeil getötet. … Sucht einfach mal im Netz nach Kains Tod. ... In jüdischen Legenden kommt da eine Passage vor.« Wenn es um »jüdische Legenden« geht, ist für mich das siebenbändige »Legends of the Jews« die erste Quelle, die ich zu Rate ziehe. Als sehr hilfreich hat sich die eBook-Aushabe von Ginzbergs monumentalem Werk in Sachen »Kains Tod« erwiesen. In Band 1 entdeckte ich im Kapitel »Die Nachkommen von Kain« die kuriose Beschreibung vom Tod Kains, wird der doch das Opfer eines blinden Jägers (5):

»Das Ende Kains überkam ihn in der siebten Generation der Menschen, und es wurde ihm zugefügt von der Hand seines Urenkels Lamech. Dieser Lamech war blind und wenn er zum Jagen ging, da wurde er von seinem jungen Sohn geführt, der seinen Vater darüber informieren würde, wenn Wild in Sicht kam, und Lamech würde dann mit Pfeil und Bogen darauf schießen.
Eines Tages gingen er und sein Sohn auf die Jagd, und der junge Bursche machte etwas Gehörntes in der Ferne aus. Natürlich hielt er es für irgendein Tier und er teilte dem blinden Lamech mit, er könne seinen Pfeil fliegen lassen. Der zielte gut und die Beute fiel zu Boden. Als sie dem Opfer nahe kamen, rief der kleine Junge aus: ›Vater, du hast etwas getötet, das in jeder Hinsicht einem Menschen ähnelt, mit Ausnahme des Horns auf der Stirn!‹
Lamech wusste sofort was geschehen war – er hatte seinen Ahnen Kain getötet, der von Gott mit einem Horn gekennzeichnet worden war. Voller Verzweiflung schlug er die Hände zusammen, wobei er dabei versehentlich seinen Sohn tötete.«

Brudermörder Kain, versehentlich von einem blinden Jäger mit Pfeil und Bogen erlegt? Ich suchte nach einer Illustration zur Geschichte vom blinden Jäger Lamech, der seinen Urahnen mit einem Pfeil erlegte. Genauer gesagt: Ich hatte vor meinem geistigen Auge ein Bild von Lamech, wie er gerade seinen Pfeil auf Kain abfeuerte. Irgendwann hatte ich dieses Bild irgendwo gesehen. Ich suchte in meinem Fotoarchiv. Ich wälzte diverse kunsthistorische Fachbücher, grub mich durch Berge von Kirchenführern. Vergeblich. Eines Nachts Anfang Januar 2020 wachte ich auf und erinnerte mich plötzlich sehr genau. Ich hatte das ominöse Bild vor vielen Jahren als Kind gesehen.

Mein Vater Walter Langbein sen. Unterrichtete am »Meranier-Gymansium Lichtenfels« Englisch und Französisch. Er bereiste England, Frankreich und die USA, arbeitete auch in Frankreich und in den USA als Lehrer. Intensiv sind meine Erinnerungen an die Basilika von Vézelay.

Vézelay ist eine kleine französische Gemeinde mit etwa vierhundert Einwohnern im Département Yonne in der Region Bourgogne-Franche-Comté. So wenige Menschen in Vézelay auch leben, so ist der Ort weltweit als einer der Ausgangspunkte des Jakobswegs (Via Lemovicensis) bekannt. Ich war als Kind mit meinem Vater vor Ort und kann mich nur noch an die Basilika von Vézelay erinnern. Das mächtige Gotteshaus empfand ich als bedrohlich. Wie eine furchteinflößende Kreatur thronte es auf einer Anhöhe über dem kleinen Dörfchen Vézelay. Das Riesenbauwerk hat sich mir als eine riesige Verschachtelung von Monstermauern, die wohl Mumien und Mysterien bieten würden, eingeprägt.

Gruselig war ein kurzer Besuch in der Krypta. Beim schwachen Schein einzelner Glühbirnen war die Wirklichkeit unheimlich wie ein alter Stummfilm über das »Phantom der Oper«. Spinnen hatten wohl schon vor Ewigkeiten ihre Netze aufgegeben, in denen sich längst keine Insekten mehr verfingen. Von irgendwo her kamen Geräusche von tropfendem Wasser. Ob es noch weitere, bislang unentdeckte Räume gab, hinter dicken steinernen Mauern? Würde man dort die Gebeine verschmachteter Gefangener finden, die irgendwo lebendig eingemauert worden waren?

Der wuchtige Turm beeindruckte mich sehr. Ausführlich erklärte mir mein Vater  die kunstvollen Kapitelle, die alle in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstanden sind.

Fußnoten
(1) Genesis, Kapitel 4, übersetzt aus dem hebräischen Text der »Biblia Hebraica«
(2) Hier ist der hebräische Text wohl unvollständig überliefert! Was sagte Kain zu Abel? Die Aussage Kains fehlt. Vermutlich fordert Kain seinen Bruder auf, aufs Feld zu gehen.
(3) 1. Buch Mose Kapitel 4, Vers 17
(4) »Ökumenisches Heiligenlexikon«, Stichwort »Lamech«. https://www.heiligenlexikon.de/BiographienL/Lamech.html Stand 8.1.2020
(5) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews: From Creation to Jacob«, zu Deutsch etwa: »Die Legenden der Juden: Von der Schöpfung bis Jakob«
Die Printausgabe von Band 1 erschien erstmals 1909, S. 116, 14. Zeile von oben – S.117, 1. Zeile von oben

Zu den Fotos
Foto 1: Kain erschlägt Abel, Genter Altar von Jan van Eyck, 1432, gespiegeltes Foto, Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Kain und Abel als Motiv einer Briefmarke. Frankreich 1974, Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

526. »Die zwei Tode eines Mörders«,
Teil 526 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16. Februar 2020



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