Sonntag, 19. Januar 2020

522. »Sieben Erden und ›unmögliches‹ Wissen«

Teil 522 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Kaum ein Student
interessierte sich für die
»Legenden der Juden«.
Bei Prof. Ernst Bammel (*1923; †1996) studierte ich emsig mehrere Semester Judaistik in der altehrwürdigen Universitätsstadt Erlangen. Mit einigen wenigen anderen Studenten übersetzten wir Texte von Qumran ins Deutsche. Auf dem »offiziellen« Lehrplan Fachbereich evangelische Theologie kamen die hochinteressanten Seminare Prof. Bammels gar nicht vor.

Die Teilnahme an diesen Veranstaltungen brachte für uns Studenten »Scheine«, die bestätigten, dass uns Prof. Bammel in die Wissenschaft der Judaistik eingeführt hatte. Doch besagte »Scheine« waren für das Weiterkommen im Studium ohne jede Bedeutung. Deshalb wurden Prof. Bammels Veranstaltungen nur von einigen vereinzelten Studenten besucht. Da hat ein hochangesehener Professor der Theologie spannende Veranstaltungen über Jesu Welt angeboten, wie sie in den Qumran-Schriften und den »Legenden der Juden« beschrieben wird. Meiner Meinung nach waren die Seminare Professor Bammels unverzichtbar für jeden Suchenden, der Jesus und seine Welt besser verstehen wollte. Ich kann es bis heute nicht nachvollziehen: Kaum ein Student der evangelischen Theologie zeigte auch nur das leiseste Interesse.

 Prof. Bammel war es, der mich Ende der 1970er Jahre auf die »Legenden der Juden« aufmerksam machte. Von ihm erfuhr ich, dass es dort Hinweise auf fremde Planeten oder Erden gab. In meinen Notizen, die ich damals anfertigte, hielt ich fest: »Nach Louis Ginzberg gibt es sieben Welten oder Erden. Siehe ›Legends of the Jews‹!«

Ich suchte im siebenbändigen Werk »Legends of the Jews« von Ginzberg nach Informationen über Welten/ Erden im Weltall und wurde rasch fündig. Sieben »Erden« wurden aufgelistet: »erez«, »adamah«, »arka«, »harabah«, »yabbashah«, »tebel« und »heled«. Ginzberg vermerkt (2): »Unsere eigene Erde wird ›heled‹ genannt.« Ich suchte bei Ginzberg nach weiteren Welten/ Erden und würde wieder fündig. Es gab eine zweite Auflistung von wiederum sieben »Erden«. Sie ist nicht identisch mit der ersten Liste, mit der sie nur in Teilen übereinstimmt: »erez«, »adamah«, »arka«. »ge«, »neshiah« und »ziah«. Drei fremde »Erden« tauchen in beiden Listen auf. Der wohl gravierendste Unterschied: In Liste 1 heißt unser Heimatplanet »heled«, in Liste 2 aber »tebel«. Kurios: »tebel« ist in Liste 1 der Name einer fremden »Erde«. Fakt ist, dass es in den »Legends of the Jews« ganz klare Hinweise auf fremde »Erden« gibt.

Zwischen den »Erden« gibt es den »abyss«, lesen wir bei Louis Ginzberg (3). Ich darf daran erinnern, dass Louis Ginzberg (*1873; †1953) sein Lebenswerk in deutscher Sprache verfasste. Der deutsche Text wurde ins Englische übertragen. Bislang ist nur die englischsprachige Version erhältlich. Es ist an der Zeit, dass das deutschsprachige Original endlich publik gemacht wird. So können wir nur darüber spekulieren, was wohl im Original steht, wo wir in der Übersetzung »abyss« lesen. »Abyss« bedeutet, ich habe mehrere Wörterbücher konsultiert, »Abgrund«, »Schlund«, »Hölle« und »Unendlichkeit«. Die Vorstellung von »Erden«, die voneinander durch »Abgründe« getrennt sind, erscheint uns heute als zutreffendes Bild vom Kosmos. Das Bild von »Erden«, die sich in der Unendlichkeit förmlich verlieren, wird in den »Legenden der Juden« sehr anschaulich beschrieben.

Man kann nur darüber staunen, wie modern und korrekt die Vorstellung von fremden »Erden« in den »Legenden der Juden« in verständliche Worte gefasst wurde. In der Bibel suchte ich vergeblich nach vergleichbaren Hinweisen auf fremde »Erden« in den Abgründen des Alls. Fündig wurde ich bei meiner Suche allerdings auf unerwartete, korrekte Beschreibungen von der wahren Gestalt von Planet Erde.

Um die ursprüngliche Aussage eines Textes zu erkennen, bedarf es oftmals geradezu detektivischer Recherche: im hebräischen Original der Texte. Dort gibt es viel zu entdecken, was man in Übersetzungen vergeblich suchen wird. Ich will den Übersetzern keineswegs böswillige Falschübersetzungen unterstellen. Die Übersetzer ließen vermutlich erstaunliche Erkenntnisse über das wissenschaftlich korrekte Weltbild früher biblischer Autoren gar nicht bewusst verschwinden. Sie waren voreingenommen und lasen nur das aus den Texten heraus, was ihrer Meinung nach nur darin stehen konnte.

Beim Propheten Jesaja (4) heißt es lapidar: »Er (Gott Jahwe) thront über dem Kreis der Erde.« Der Bibelübersetzer stellte sich dabei die Erdscheibe vor, die zu Füßen Jahwes lag. Ist das aber auch die Aussage des Originaltextes? Dort heißt es wortwörtlich (5): »Der (Jahwe) thronend auf Chug der Erde.«

Was aber ist »Chug«? Der Begriff leitet sich vom Verb »chagag« ab. »Chagag« bedeutete zunächst sich kreisend drehen oder rotieren. Im weiteren Sinne wurde daraus die tanzende Bewegung, schließlich Feste begehen, zelebrieren. Der niederländische Bibelforscher Karel Claeys (*1914; †1986) kommt nach sorgsamer Überprüfung aller Varianten von »Chug« im Alten Testament zu folgender Erkenntnis (6): »Beim Überdenken der einzelnen Begriffe wird deutlich, dass sie alle eine Umspannung, ein Umfassen, ein Bedecken oder Bekleiden eines bestimmten dreidimensionalen Körpers, und zwar eines rundlichen Körpers, bezeichnen.« Nach Karel Claeys muss es sich dabei um die »Kugelschale« oder ganz einfach »die Kugel« gehandelt haben.

Man kann also den eben zitierten Jesajavers auch so übersetzen: »Er (Jahwe) thront über der Kugel der Erde.« Erstaunliche Zusatzinformationen bietet Hiob (7):»Er (Jahwe) ... hängt die Erde über das Nichts.« Was Luther mit »Nichts« übersetzt, heißt im Hebräischen »belimah«. »Belimah« ist ein zusammengesetztes Wort, bestehend aus »beli« (ohne) und »mah« (etwas).  Wenn wir etwas näher beim Herbäischen bleiben wollen: »Er (Jahwe) hängt die Erde über das Nicht-Etwas.«

Was soll das »Nicht-Etwas«? Ich spekuliere etwas: In modernere Wissenschaftssprache übersetzt: Vakuum. Kombinieren wir Jesaja mit Hiob: Gott hängte die Erdkugel über das Nicht-Etwas. Wobei der Ausdruck für Kugel das Moment des Drehens enthält. Geht man also den Worten auf den Grund, erhält man diese Information: Die Erde wurde als eine sich drehende Kugel über oder im Vakuum gesehen.

Hinweise auf das Erdinnere dürfen im Alten Testament auch nicht fehlen. Nach Psalm 24 (8) gehört unser Planet Gott Jahwe, auch »was darinnen ist«. Was aber ist im Inneren der Erde? Aufschluss gibt wiederum ein Psalm, der in der heutigen Übersetzung eigentlich unverständlich ist. Im Psalm 136 heißt es (9) über Gott Jahwe: »Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich. Der die Erde über den Wassern ausgebreitet hat, und seine Güte währet ewiglich.« Wie ist »der die Erde über den Wassern ausgebreitet hat« zu verstehen?

Wo »majim« im Hebräischen steht, da wird gewöhnlich Wasser übersetzt. Der Sprachkundler und Lexikograph König sieht dies weitaus differenzierter. So schreibt er in seinem Lexikon (10), »majim« sei als »leicht strömende und zerrinnende Masse«. zu verstehen Unter diesem Gesichtspunkt erhält der Psalmvers eine ganz andere Bedeutung: »Danket dem Herrn, denn er ist freundlich. ... Der die Erde über der leicht strömenden und zerrinnenden Masse ausgebreitet hat.«

Interessant ist auch das Verb »ausbreiten«. Im Hebräischen wird »raqa« verwendet. Was bedeutet es? Die spezielle, konkrete Bedeutung wird klar, wenn wir uns verwandte Begriffe ansehen: »raq« heißt dünn sein, »raqqah« das Dünne. Ein Vergleich mit stammverwandten Wörtern aus dem Arabischen, Äthiopischen, Assyrischen und Syrischen, aber auch mit dem nachbiblischen Hebräischen legt eine ganz spezielle Bedeutung nahe, wie Karel Claeys ausführt (11) nämlich »das Ausbreiten einer dünnen Schicht«.

Eine Überprüfung von drei Vergleichsstellen im Alten Testament bestätigt diese Übersetzung. Bei Jesaja (12) wird von einem Künstler berichtet, der ein »Bild gießt«. Der Goldschmied überzieht es dann mit einer dünnen Schicht Goldes. Im 2. Buch Mose (13) geht es um die Herstellung von Goldplatten, die dünn gehämmert, also ausgedehnt wurden. Auch im vierten Buch Mose wird ein kunsthandwerklicher Vorgang beschrieben (14): Räucherpfannen wurden zu dünnen Blechen umgearbeitet. In allen Fällen beschreibt »raqa« eindeutig einen konkreten Vorgang, nämlich das Überziehen mit einer dünnen Schicht.

So gelangen wir zu einer wortgetreuen Übersetzung: »Danket dem Herrn, denn er ist freundlich. … Der die Erde über der leicht strömenden und zerrinnenden Masse in einer dünnen Schicht ausgebreitet hat.«

Für den Menschen zu Beginn des dritten Jahrtausends gibt es keinen Zweifel an der Kugelgestalt der Erde. Auch über das Erdinnere weiß er Bescheid. Die Erde ist keineswegs ein kompakter, harter Ball. Vielmehr schwimmen die Erdteile, wie es in einem populären Lexikon heißt (15) »wie Eisschollen im Wasser auf dem schweren magmatischen Untergrund«. Mit anderen Worten: Die Erdteile, die Kontinente und Länder sind eine dünne Schicht Erde, die auf dem aus Magma bestehenden weicheren Erdinneren driftet. Auf dem weich-zähflüssigen Brei ruht eine verhältnismäßig dünne Kruste. Dieser durch modernste geologische Forschungen bestätigte Sachverhalt wird bereits im Psalm 136 äußerst prägnant und zutreffend beschrieben, wenn man den ursprünglichen Sinn des hebräischen Wortlauts sorgsam rekonstruiert: »Der (Gott Jahwe) die Erde über der leicht strömenden und zerrinnenden Masse in einer dünnen Schicht ausgebreitet hat.«

Das Alte Testament ist in hebräischer Sprache verfasst. Wer meint, es sei leicht, die richtige Übersetzung zu erstellen, irrt. Übersetzen ist häufig nicht von Interpretieren zu unterscheiden. Es gibt selten eine eindeutige Variante. Frühere Übersetzer irrten. Sie unterstellten den Verfassern das falsche Weltbild von der Erde als Scheibe. Etwas anderes durfte im »Alten Testament« nicht stehen. Also übertrugen sie die Texte entsprechend, wobei sie ihre Voreingenommenheit zu bestätigen suchten. Geht man aber unvoreingenommen an die hebräischen Aussagen, versucht man der ursprünglichen Bedeutung der Worte auf den Grund zu gehen, dann entdeckt man manchmal in uralten Versen ein unglaublich modernes Weltbild: Die Erde ist keine Scheibe, sondern eine Kugel im Vakuum des Alls. Und unter der harten Erdkruste, unter der dünnen harten Erdschicht gibt es Zähflüssiges. Darauf schwimmen die Erdteile wie Eisschollen auf dem Wasser.

Dieses Wissen scheint schon vor Jahrtausenden bekannt gewesen zu sein. Die »Legends of the Jews« enthalten konkrete Hinweise auf fremde Planeten. In Schriften des »Alten Testaments« finden sich Beschreibungen der Erde als sich im All drehendeKugel und auf das »Innenleben« der Erde. Woher stammt derlei eigentlich unmögliches Wissen?

Fußnoten
(1) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews«, Band 1 »From the Creation to Jacob«, Seite 10, 10. Zeile von oben bis Seite 11, 7. Zeile von oben. Übersetzung Walter-Jörg Langbein.
(2) Ebenda, Seite 113, 13. Zeile von unten - Seite 115, 12. Zeile von unten. Übersetzung Walter-Jörg Langbein.
(3) Ebenda, Seite 10, 11. Zeile von oben
(4) Der Prophet Jesaja Kapitel 40, Vers 22, zitiert aus »Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der Übersetzung Martin Luthers«, Stuttgart 1972, S.790
(5) Vom Verfasser aus dem Hebräischen ins Deutsche übertragen.
(6) Claeys, Karel: Die Bibel bestätigt das Weltbild der Naturwissenschaft, Stein am Rhein 1987, S. 460
(7) Das Buch Hiob Kapitel 26, Vers 7, zitiert aus »Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der Übersetzung Martin Luthers«, Stuttgart 1972, S.584
(8) Psalm 24, Vers 1
(9) Psalm 136, Verse 1 und 6, zitiert aus »Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der Übersetzung Martin Luthers«, Stuttgart 1972, S.706
(10) König, E.: »Hebräisches und aramäisches Wörterbuch zum Alten Testament«, Leipzig 1936
(11) Claeys, Karel: »Die Bibel bestätigt das Weltbild der Naturwissenschaft«, Stein am Rhein 1987, S. 630-639
(12) Der Prophet Jesaja Kapitel 40, Vers 19
(13) Das zweite Buch Mose Kapitel 39, Vers 3
(14) Das vierte Buch Mose Kapitel 17, Verse 3-4
(15) »Bertelsmann Lexikothek«, Band 5, Gütersloh 1983, S. 363

Zum Foto
Foto 1: Kaum ein Student unteressierte sich für die Legenden der Juden.
Foto: Jesus hinter der Marienkirche zu Bad Segeberg. Foto Walter-Jörg Langbein, Sommer 2019.



523. »Meister der Intelligenz und Wissenschaft«,
Teil 523 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 26. Januar 2020

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