Sonntag, 3. November 2019

511. »Als Adammu vom Himmel stieg«

Teil 511 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Schriftzeichen aus Ugarit


»Er hat die Idee von irgendwo gestohlen, alle Ideen sind gestohlen, denn es gibt so gut wie keine originellen Ideen in der Welt.«, sagte der amerikanische Schauspieler Burt Kwouk (*1930; †2016) im Interview (1). »Alles nur geklaut« heißt ein Lied er Leipziger Band »Die Prinzen« (2). In der christlichen Theologie wird schon sehr lange erforscht, ob uralte fremde Mythen in die Bibel eingeflossen sind. Um es salopp auszudrücken: Die Autoren des Alten Testaments haben sich bei sehr viel älteren Quellen bedient und geklaut.

Freilich empörten sich nicht wenige Theologen ob der Vorstellung, das Alte Testament könnte aus Versatzstücken älterer Kulturen zusammengebaut worden sein.

Ich kann mich an die eine oder die andere Diskussion an der »Friedrich Alexander Universität« zu Erlangen erinnern. Da wurde, besonders von einigen christlichen Theologen aus der arabischen Welt behauptet, die biblischen Texte seien erst einige Jahrtausende mündlich überliefert und erst sehr spät schriftlich festgelegt und in die Bibel aufgenommen worden. Die biblischen mündlichen Überlieferungen seien die ältesten, auch wenn es auf Keilschrifttafeln ältere, vergleichbare Texte gebe. N.D., evangelisch-lutherischer Theologe aus dem Libanon: »Die Beschreibung von der Sintflut im Alten Testament (3) wurde zunächst über Jahrtausende mündlich überliefert, bevor Moses sie schließlich aufgeschrieben. Die Sumerer haben die biblische mündliche Überlieferung gekannt, einfach übernommen und auf ihren Tafeln verewigt.« Mit anderen Worten: Nicht die Verfasser des Alten Testaments haben älteres Gedankengut geklaut, sondern Sumerer und Babylonier hätten fremde mündliche Überlieferung vereinnahmt.

Die niederländischen Theologen Prof. Marjo C. A. Korpel (*1958) und der emeritierte Theologieprofessor Johannes C. de Moor (*1935) kritisierten: »Nach unserer Meinung machten frühere Generationen von Gelehrten einen großen Fehler, wenn sie versuchten, die Bibel gegen die abscheuliche heidnische Welt zu schützen, indem sie  sie in ein wasserdichtes Fach steckten. Immer mehr Parallelen zwischen dem ›Alten Israel‹ und seinen nahöstlichen Nachbarn werden entdeckt.  Es wird vollkommen klar, dass keine Theologie einfach Konzepte, die für eine vollkommen andere Situation gedacht waren, auf unsere Zeit übertragen kann. Die Bibel von ihrer Welt zu isolieren, das führt unweigerlich zu einem weltfremden fundamentalistischen Typus des Glaubens.«

Bevor Gott mit der Schöpfung beginnen konnte musste er erst Rahab besiegen (5): »Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.« Was die meisten emsigen Bibelleser nicht wissen: Gott hat, noch bevor er mit seiner Schöpfung begann (beginnen konnte?), das Meer aufgewühlt und »Rahab« getötet. Wer oder was aber war Rahab?

Verschiedene Lutherausgaben der Bibel erklären in Fußnoten, »Rahab« sei »der Drache der Urzeit« gewesen. Tatsächlich umschreibt der biblische Prophet Jesaja Rahab als Drachen. Jesaja Feuert Gott an  (6): »Wach auf, wach auf, zieh’ Macht an, du Arm des Herrn! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?«

Der bedeutende Theologe Prof. Dr. Hermann Gunkel (*1862; †1932) spürte die Quelle auf, aus der die biblischen Autoren das Material für den »biblischen« Drachen der Urzeit schöpften. In seinem Werk »Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit« (7) verfolgt er eine Spur vom biblischen Gott gegen das Meeresmonster Rahab weit, weit zurück in die Vergangenheit. Im babylonischen Schöpfungsmythos »Enūma eliš« wurde er fündig. Ein Exemplar des mysteriösen Epos befand sich vor rund vier Jahrtausenden in der legendären Bibliothek des Aššurbanipal in Ninive.

Was im Alten Testament kurz und bündig abgehandelt wird, das wird im Mythos Jahrtausende früher ausführlich abgehandelt. Es wird in bildhaft-fantastischer Weise geschildert, wie einst die Erde geschaffen wurde. »Der Uranfängliche« (Apsû) und »die, die alle gebar« (Tiamat) sind die Hauptakteure eines vorzeitlichen Dramas. Seltsam: »Tiamat«, »die alle gebar«, war ein Monster, ein Meeresungetüm. In der Bibel ist Eva die, die alles gebar. War also Tiamat aus dem  Schöpfungsmythos »Enūma eliš« die Vorläuferin des Meeresmonsters Rahab und der Göttin Eva?

Wie wäre es mit einem Ausflug in die Welt des Films? Nehmen wir das »Erste Buch Mose« als ein Drehbuch für einen Film über »Die ersten Tage der Menschheit«! Da sind die Hauptakteure schnell aufgezählt: Gott, die »teuflische Schlange«, Adam und Eva. Die Verfilmung eines frommen Buches garantiert heute nicht mehr hohe Einnahmen an den Kinokassen. Lassen wir uns von einem der erfolgreichsten Blockbuster inspirieren! In »Pirates of the Caribbean – Fluch der Karibik 2« (8) kommt ein Riesenmonster zum Einsatz.

In höchst beeindruckender Weise zerlegt der Krake das Segelschiff »Black Pearl« in seine Einzelteile. Ein Seemonster hat das »Alte Testament« ja auch zu bieten: Rahab. Sehr viel actionreicher geht es im babylonischen Schöpfungsmythos »Enūma eliš« zu. Da wagt Göttin Tiamat den Aufstand gegen die mächtige Göttertriade Gottvater Anu, den göttlichen Sohn Ea und den göttlichen Enkel Marduk. Gewaltige Riesenschlangen kämpfen auf der Seite der Göttin. Göttin Tiamat, selbst ein Meeresmonster, wird vom mächtigen Gott Marduk besiegt und getötet. »Enūma eliš« geht ins Detail, bietet eine Fülle von Informationen, aus denen ein guter Drehbuchautor einen an Horroreffekten reichen Blockbuster zimmern kann.

Während der biblische Gott vor der Schöpfung nur Rahab zerschlagen muss, geht im Mythos »Enūma eliš« ein Götterkrieg der Schöpfung voraus. Prof. Dr. Hermann Gunkel informiert uns in seinem Werk »Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit« über die Einzelheiten (9): »Dann erzählt der Mythus weiter, wie sich Tiamat, die ›Mutter der Götter‹, sammt den Mächten der Tiefe gegen die ›oberen Götter‹ ›empörte‹. … Im Folgenden wird nun der sich so entspinnende Krieg zwischen Tiamat und den Göttern erzählt.«

Auf der einen Seite kämpfen Anu und seine Getreuen, auf der anderen Seite Göttin Tiamat, einige weitere aufständische Götter und elf Monsterkreaturen, von Tiamat eigens für den Krieg der Götter geschaffen. Die Rebellen werden von Gott Quingu geführt. Götterkriege werden auch in jahrtausendealten Epen Indiens beschrieben. Sie wurden am Himmel ausgefochten, wobei Waffen zum Einsatz kamen, die gut in einen »STARWARS«-Film passen würden.

Seit Jahrtausenden sterben Menschen in unvorstellbarer Zahl in Kriegen. Das »Fußvolk« wird von den Staatsmännern geopfert, die selbst höchst selten im kriegerischen Gemetzel zu sehen sind. Unsägliches Leid bliebe den Menschen erspart, würden sich die irdischen Kriegstreiber so wie Gott Marduk verhalten. Marduk fordert Tiamat zum Duell. Ausgestattet ist er mit einem »Sichelschwert« und einem »Donnerkeil«. Bei dem »Donnerkeil« handelte es sich um einen doppelten Dreizack, vergleichbar mit der fürchterlichen Waffe von Gottvater Zeus. Sein Wagen wird von »furchtbaren Wesen« gezogen. Ob es an seinen Waffen lag, dass Marduk Tiamat besiegen konnte?

Der Gott der Bibel musste erst das Meeresmonster Rahab zerschmettern, um mit dem Akt der Schöpfung beginnen zu können. Genauso erging es Marduk! Erst nachdem das Meeresungeheuer Tiamat besiegt war, konnte er mit der Schöpfung anfangen. (11). Mit seinem »Sichelschwert« spaltete Marduk Tiamats Kopf, ihren Leib zerschnitt er in zwei Hälften. Daraus machte er das Universum. Sterne und Tiere werden geschaffen, da gibt es keine Unterschiede zwischen Enūma eliš und dem Alten Testament. Was aber die Erschaffung der ersten Menschen angeht, so bietet Enūma eliš eine vollkommen andere Story.

Der Anführer der Aufständischen, Gott Quingu, wird zum Hauptschuldigen erklärt und getötet. Aus seinem Blut lässt Marduk die ersten Menschen entstehen. Tafel VI des Enūma eliš lässt keinen Zweifel aufkommen: Die Menschen wurden als Sklaven für die Götter kreiert! Und wo bleibt Adam in der Geschichte? Finden sich Hinweise auf das Paradies in den uralten Texten von Ugarit?

Vor 2.400 Jahren trafen sich im Nordwesten des heutigen Syrien, im Stadtstaat Ugarit, Händler und Schriftkundige. Da wurden heute fantastisch anmutende Mythen erzählt. Ugarit war ein höchst bedeutsames Kulturzentrum. Und so entstand eine Bibliothek aus Keilschrifttafeln, die im Lauf der Jahrtausende verloren und in Vergessenheit gerieten.  Erst 1929, im Geburtsjahr meiner
Mutter Herty Gagel,  entdeckten französische Archäologen bei systematischen Ausgrabungen Keilschrifttafeln, von denen bis heute bei weitem nicht alle entziffert und übersetzt werden konnten. Man vermutet, dass in Ugarit, heute Raʾs Šamra, noch so manche Keilschrifttafel darauf wartet entdeckt zu werden. Was bis heute übersetzt werden konnte, ergibt ein lückenhaftes Mosaik. Wir erfahren eine ganz andere Geschichte von einem »Adammu« und von einem »Paradies« als die Bibel erzählt.

Wir lesen, dass es auf der Erde einst ein Paradies gab, genauer gesagt einen Weingarten oder Weinberg. Adam und Eva lustwandelten aber nicht zwischen den Weinstöcken. Von einem Sündenfall von Adam und Eva ist da auch nicht die Rede. Der Weingarten, auch Weinberg, war vielmehr den großen Göttern vorbehalten. Fast kommt es mir so vor, als wurden gestresste Götter zur Erholung in dieses Refugium geschickt. Offenbar naschten sie dann, um wieder zu Kräften zu kommen, von einem ganz besonderen Baum, den wir allerdings aus der biblischen Paradiesgeschichte kennen. Auch diesem Paradies wuchs der »Baum des Lebens«. Es scheint so, dass eben dieser Baum den Göttern nicht mehr zur Verfügung stand. Da musste eingegriffen werden!

Die Götter wählten einen aus ihren Reihen aus, den sie zur Erde sandten, um den »Baum des Lebens« für die Götter zurückzugewinnen. Der Auserwählte, der eher keine Lust hatte, die ihm gestellte Aufgabe zu meistern, war ein Gott Adammu (Adam?)!

Meine Interpretation bruchstückhafter Texte: Im »Baum des Lebens« hauste eine giftige Schlange. Beim »Baum des Lebens« angekommen, versuchte Gott Adammu, diese Schlange aus dem Baum zu entfernen, den mysteriösen Baum für die Götter wieder zugänglich zu machen. Das misslang gründlich. Adammu versagte. Er wurde von der Schlange gebissen. Unklar ist, ob Adammu starb, oder ob er nur seine Unsterblichkeit verlor. Die Vergiftung hatte, so führen niederländischen Theologen Korpel  und de Moor aus (13) »kosmische Konsequenzen«. So machte sich giftiger (?) Nebel breit, der das Sonnenlicht verdunkelte.

Sollte sich hinter der Mythologie von Adammu, der vom Himmel herab zur Erde stieg, von einer giftigen Schlange gebissen wurde und fast (?) starb und vom Nebel der das Sonnenlicht verdunkelte, eine kosmische Katastrophe verbergen?

Fußnoten
(1) Burt Kwouk im Interview mit Barry Littlechild, »The Cinema Museum«, 18.11.2010. Das Zitat lautet im Original: »He stole the idea from somewhere else, because all ideas are stolen, there are hardly any original ideas in the world.«
Zitat Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=Gl5f3mhkiV0 Stand 27.9.2019
Burt Kwouk, weltberühmter Darsteller des Cato in den »Pink Panther«-Filmen mit dem legendären Peter Sellers (*1925; †1980), bezog sich im Interview auf Blake Edwards (*1922; †2010)
(2) »Alles nur geklaut« ist das dritte Album der Leipziger Band »Die Prinzen« und wurde am 12. November 1993 veröffentlicht.
(3) 1. Buch Mose, Kapitel 7, Verse 10-24 und 1. Buch Mose Kapitel 8, Verse 1-14
(4): Becking, Bob (Herausgeber): »Reflections on the Silence of God: A Discussion with Marjo Korpel and Johannes de Moor«, Leiden 2013, Zitate aus den Seiten 174+175
(5) Hiob Kapitel 26, Vers 12
(6) Jesaja Kapitel 51, Vers 9
(7) Gunkel, Hermann: »Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit«, Göttingen 1895
(8) Originaltitel: »Pirates of the Caribbean: Dead Man’s Chest«, etwa »Piraten der Karibik: Des toten Mannes Kiste/ Truhe« (2006)
(9) Gunkel, Hermann: »Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit«, Göttingen 1895, Seite 22 (Hinweis: Das Zitat wurde buchstabengetreu übernommen, an der Rechtschreibung wurde nichts verändert.)
(10) Ebenda, Seite 23
(11) »Enūma eliš« IV.137-146
(12) Dietrich, Manfred u.a. (Hrsg.): »Die keilalphabetischen Texte aus Ugarit, Ras Ibn Hani und anderen Orten«, Münster 2013
(13) Korpel, Marjo C. A. und Moor, Johannes C. de: »Adam, Eve, and the Devil: A New Beginning«, 2., erweiterte Auflage, Sheffield 2015,  Seite 16., 13.+14. Zeile von oben


Illustrationen
Schriftzeichen aus Ugarit



512. »Als Adam und Eva Götter waren«,
Teil 512der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10. November 2019


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