Sonntag, 12. Mai 2019

486 »Leben wir in einer Computersimulation?«

Teil 486 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Eine Computersimulation?

Unsere Welt ist nicht real. Wir Menschen sind wie die Welt, in der wir zu leben meinen, eine Computersimulation. Diese verrückt anmutende Theorie vertrat Daniel F. Galouye (*1920; †1976) anno 1964 in seinem packenden Science-Fiction-Roman »Simulacron 3«. Rainer Werner Fassbinder (*1945; †1982) machte im Jahr 1973 aus dem Roman einen zweiteiligen Fernsehfilm: »Welt am Draht«. 1999 wurde der Roman von Daniel F. Galouye ein zweites Mal verfilmt: »The 13th Floor« (Deutscher Titel: »Bist du was du denkst?«).

Die renommierte »WELT« schrieb am 23.09.2016 in ihrer Onlineausgabe (1): »Dass unsere Welt nicht real sein könnte, ist zwar schon damals kein neuer Gedanke gewesen. Dass es sich aber um eine Computersimulation handeln könnte, ist eine Idee, die natürlich erst mit dem Computerzeitalter aufkommen konnte.«

Foto 2: »Welt am Draht«
Die »WELT« erinnert an einen der Großen Science-Fiction-Autoren Philip K. Dick (*1928; †1982), der anno 1977 eine in den Augen wohl der meisten Zeitgenossen völlig absurde Behauptung aufstellte: Er will erkannt haben, dass unsere Welt »eine Simulation ist«. Etwas vorsichtiger drückt sich 42 Jahre später Elon Reeve Musk, Gründer von »Tesla« und »SpaceX« aus. Musk, geboren am 28. Juni 1971 ist davon überzeugt, dass »es eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass wir alle nur Sims sind«, sozusagen Simulationen in einem Computerspiel.

Verrückte Spinnerei? Keineswegs! Der schwedische Philosoph Nick Bostrom (*1973), er lehrt an der renommierten »Oxford University«, kam zum gleichen Resultat wie Musk. Im wissenschaftlichen Fachblatt »Philosophical Quaterly« (2) wagte er die kühne Prognose, dass wir bereits in wenigen Jahrzehnten so weit sein können, um eine Welt wie die unsere im Computer entstehen zu lassen. Mit wissenschaftlicher Präzision entwickelte der Gelehrte eine Zukunftsvision (3), die mancher nur als den reinen Horror empfinden mag: 

Nach dem Aussterben der Menschheit »leben« dann nur noch Computersimulationen von Menschheiten. Da werden womöglich riesige Pyramiden gebaut, da kämpfen Ritter gegen Saurier, da fressen außerirdische Monster mit wachsender Gier Menschen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, nur dass die simulierten Menschen in Computersimulationen glauben, sie seien real. Konkreter: Eine künftige irdische Zivilisation entwickelt im Computer fiktive Welten, lässt im Computer die Welt der alten Ägypter, der Mesopotamier oder uns und unsere Welt anno 2019 entstehen.

In so einer simulierten Welt kann beliebig experimentiert werden, kann ausprobiert werden, wie wir Menschen zum Beispiel auf das Auftauchen von »Fliegenden Untertassen« oder von Kreaturen wie Yeti oder Nessie reagieren. Je verrückter die Geschehnisse sind, für die wir keine Erklärung finden können, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir nur in einer Computer-Simulation leben und nicht in DER Realität.

Foto 3: »Bist Du, was Du denkst?«
Der schwedische Philosoph Nick Bostrom glaubt: Die Wahrscheinlichkeit, dass wir in einer Simulation leben, liegt bei 20 bis 50 Prozent. Voraussetzung ist allerdings, dass eine künftige Menschheit über aus heutiger Sicht unvorstellbare Riesencomputer mit unvorstellbaren Kapazitäten verfügt. Bedenken wir, wie schnell der Fortschritt in Sachen Computer ablief. Nur wenige Jahrzehnte liegen zwischen den ersten unförmigen Riesencomputern, die aus heutiger Sicht unglaublich beschränkt und langsam waren, und der Entwicklung von künstlicher Intelligenz. Bedenken wir noch, dass die Computertechnologie in geheimen militärischen Forschungszentren schon sehr viel weiter sein mag als man uns wissen lässt. Wie mögen dann Computer in fünfzig, einhundert oder gar eintausend Jahren aussehen?

Ich darf den heute kaum noch bekannten italienischen Dominikaner Tommaso Campanella, eigentlich Giovanni Domenico (*1568; †1639), zitieren (4): »Alles, was die Wissenschaftler … mit Hilfe einer unbekannten Kunst vollbringen, wird Magie genannt … Denn Technologie wird immer als Magie bezeichnet, bevor sie verstanden wird, und nach einer gewissen Zeit entwickelt sie sich zu einer normalen Wissenschaft.« Sir Arthur C. Clarke (*1917; † 2008) brachte es Jahrhunderte später auf den Punkt (5): »Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.«

Fotos 4 und 5: Dominikaner Tommaso Campanella

Nicht erst seit heute wird fieberhaft an »künstlicher Intelligenz« gearbeitet. Der Computer von morgen oder übermorgen wird dann ohne einen Programmierer auskommen. Er wird sich selbst programmieren. Er wird sich schneller perfektionieren als das menschliche Programmierer können. Menschliche Programmierer stoßen schnell an die Grenzen ihrer Fähigkeiten. Künstliche Intelligenz freilich kommt ohne den störenden Menschen aus.

Welche Ziele verfolgt der Menschmit der Erschaffung künstlicher Intelligenz? Er will zum Beispiel Waffensysteme schaffen, die fehlerfrei arbeiten und den »Feind« vernichten. Eine solche Waffe funktioniert nur dann »perfekt«, wenn sie nicht eingeschränkt wird. Künstliche Intelligenz kommt ohne Moral aus. Herbert Reinecker (*1914; † 2007)  legte bereits vor Jahrzehnten eine sehr nachdenklich stimmende Aussage über die Gefahren der künstlichen Intelligenz dem fiktiven »Prof. Rotheim«, dargestellt von Ernst Schröder (6), in den Mund (7):

»Er (Dr. Römer) arbeitete an Computern, an der Herstellung von künstlicher Intelligenz wie er das nannte, und es erschreckte ihn, dass er keine Grenzen für deren potentielle Möglichkeiten sah. … Er sagte: Wir entwickeln künstliche Intelligent, die keine Moral besitzt. Und Intelligenz ohne Moral wird uns töten.« Wird künstliche Intelligenz den Menschen beseitigen, weil sie sich ohne den Menschen immer weiter und weiter entwickeln kann, ohne je an Grenzen zu stoßen? Wird künstliche Intelligenz spielerisch experimentierend Illusionen von Welten erschaffen, die es gar nicht gibt? Wird sie ganz nach Belieben Simulationen von Welten kreieren, in denen Lebewesen hausen, die sich für real halten? Oder sind  simulierte Welten das Werk künftiger Generationen von Wissenschaftlern, die leidenschaftlich gern experimentieren und Universen erschaffen, in denen sie »Gott« sein können?

Foto 6:Nick Bostrom
Leben wir in einer solchen Welt, als Simulation, die ganz nach dem Gusto unserer Schöpfer gelöscht werden kann? Oder existiert die reale Menschheit schon lange nicht mehr? Der Schwede Nick Bostrom, kein Spinner, sondern Wissenschaftler an der renommierten »Oxford University«, schreibt in seiner Abhandlung (8) von »posthumanen Zivilisationen«. »Leben« wir also in einer Illusion, als Simulationen in simulierten Welten? Existiert unsere Welt ewig weiter, weil es niemanden mehr gibt, der sie abschalten könnte? Oder sind wir auf Gedeih und Verderb Computerexperten der Zukunft ausgeliefert, die das »Experiment Erde« jederzeit beenden können?

Man muss sehr blauäugig sein, um anzunehmen, dass keinerlei Gefahr besteht, weil es nur verantwortungsvolle Wissenschaftler gibt, die niemals eine ethikfreie künstliche Intelligenz zulassen würden. Gewiss, viele Wissenschaftler sind sich ihrer Verantwortung bewusst und handeln nur moralischen Prinzipien folgend. Es wird aber immer auch solche Wissenschaftler geben, die ohne Skrupel wahre Horrorszenarien realisieren, einfach weil das möglich ist, oder weil sie ihren Größenwahn ausleben und Gott spielen möchten.

Fußnoten
(1) https://www.welt.de/kmpkt/article158325548/Wahrscheinlich-leben-wir-in-einer-Simulation.html (Stand: 29.04.2019)
(2) »Are you living in a computer simulation«, »Philosophical Quaterly« 2003, Vol. 53, No. 211, Seiten 243-255
(3) https://www.simulation-argument.com/simulation.html (Stand 29.04.2019)
(4) Briersi, Antonio (Hrsg.): »Tommaso Campanella, Del sense dello cose e della magia«, 1925, S. 241/42. Zitiert nach Habiger-Tuczay, Christa: »Magie und Magier im Mittelalter«, München 1992, S. 192 (»Die Automaten«)

Foto 7: »Superintelligenz«
(5) Clarke,  Sir Arthur C.  in »Profiles of the Future«, zitiert von Weber, Andreas in »Biokapital. Die Versöhnung von Ökonomie, Natur und Menschlichkeit«, Berlin 2008, Seite 57. Originalzitat: »Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.«,  »Profiles of the future: an inquiry into the limits of the possible«, revidierte Ausgabe 1973, Seite 36
(6) Ernst Schröder (* 27. Januar 1915 in Eickel, Westfalen; † 26. Juli 1994 in Berlin) war ein deutscher Schauspieler und Regisseur. Als Ernst Schröder erkrankte an Krebs. So wollte er nicht mehr weiterleben und so setzte er am 26. Juli 1994 seinem Leben ein Ende.
(7) »Dr. Römer und der Mann des Jahres«, »Derrick«, 10. Staffel Folge 108, Erstausstrahlung 30. Dezember 1983
 (8) https://www.simulation-argument.com/simulation.html (Stand 29.04.2019) Zitat: »Posthuman civilizations would have enough computing power to run hugely many ancestor-simulations even while using only a tiny fraction of their resources for that purpose.«


Zusätzliche Literaturempfehlung: »Superintelligenz« von Nick Bostrom



487 »Licht der Unendlichkeit«,
Teil 487 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 19. Mai 2019


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