Sonntag, 27. Januar 2019

471 »Die unendliche Geschichte der Religionen«

Teil 471 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Gott Krodo (Collage!)

Je mehr ich mich mit dem mysteriösen Gott Krodo beschäftige, desto mehr Fragen ergeben sich für mich. Die zentralen Frage schlechthin lauten: Gab es Krodo? Gab es nur einen Krodo oder viele? Und wenn Krodo keine fromme Fiktion war, wann wurde er erstmals verehrt und angebetet? Begeben wir uns auf eine Reise auf den Spuren von Krodo. Sie wird uns durch Raum und Zeit führen, zum Beispiel nach Goslar.

So schön der fast tausendjährige Krodo-Altar im Goslaer Museum am »Museumsufer« auch ist, es gibt keinen einzigen historischen Beleg dafür, dass er irgendetwas mit einem heidnischen Gott namens Krodo zu tun hat. Ein Gott Krodo, so wenden Skeptiker ein, taucht erstmals anno 1492 in der »Cronecken der Sassen« (Sachsenchronik) auf (1). Somit ist für viele Historiker der Sachverhalt klar: Krodo ist eine neuzeitliche Erfindung und wurde nicht in vorchristlichen Zeiten verehrt und angebetet. Er wird gern wissenschaftlich als »Pseudogott« bezeichnet. Auch die heidnische Göttin Ostara, auf die angeblich das christliche Osterfest zurückgeführt werden kann, soll so ein Pseudogott gewesen sein. Hat es also einen Gott Krodo in heidnischen Zeiten gar nicht gegeben?

Foto 2: Ostara, echt oder pseudo?

Die »Chronika Slavorum« (»Chronik der Slawen«) von Helmold von Bosau schildert die Zeit von Karl dem Großen bis 1168. Das Dokument gilt als die bedeutendste Schriftquelle Niederdeutschlands des 12. Jahrhunderts. Sie beschäftigt sich ausführlich mit der Glaubenswelt der Slaven und beschreibt einen »Rod« als höchsten Gott der Slawen. Offensichtlich war »Rod« für die Slawen der göttliche Herrscher des Universums. Und dieser „Rod« war auch als Hrodo, Chrodo und Krodo bekannt.

Besonders interessant sind Hinweise, die wir in » Die Wissenschaft des Slawischen Mythus …« (2) von Ignác Jan Hanuš (*1812; †1869) finden. Prof. Hanuš, Slawist und Philosoph, erkennt erstaunliche Zusammenhänge (3). So entspricht der slawische Gott Krodo dem Fisch-Mensch-Gott Oannes bei den Babyloniern.

Georg Friedrich Creuzer (*1771; 1858), ein renommierter deutscher Philologe, Orientalist und Mythenforscher, berichtet in seinem umfangreichen Werk auch über uralte Mythen aus dem Babylonischen.  Wir erfahren (3)  »wie der Gott Vischnu als Fisch die verlorenen Veda’s aus der Tiefe des Meeres wieder heraufgeholt und dadurch den Menschen aufs Neue das Gesetz offenbart habe.«  Die heiligen Veden sind vermutlich 1500 v.Chr., vielleicht auch schon früher, mündlich überliefert, später schriftlich fixiert worden.
Georg Friedrich Creuzer berichtet weiter (3):

Foto 3: Oannes, mysteriöse Fischgottheit. (Collage!)

»Und im ersten Jahre sey aus dem rothen Meere an der babylonischen Küste ein ungeschlachtes Thier, namens Oannes heraufgestiegen, welches ganz und gar den Leib eines Fisches gehabt; jedoch habe es unter dem Fischkopfe noch einen anderen Kopf getragen und unten Füsse gleich denen der Menschen und eine menschliche Sprache; und dieses Thier habe am Tage im Umgang mit den Menschen gelebt, ohne jedoch Nahrung zu sich zu nehmen, und habe sie Schrift und Wissenschaften, Städte und Tempelbau, Gesetzgebung, Abmarkung der Gränzen und das Einsammeln der Früchte gelehrt.«

Der Mythologie aus dem Babylonischen nach war also Oannes einer der kosmischen Kulturbringer, die die Menschen in grauer Vorzeit in allen möglichen Wissenschaften unterrichteten und ihnen die Grundlagen der Zivilisation beibrachten. Seltsam mutet die Beschreibung von Oannes an, der aus heutiger Sicht so etwas wie einen Taucheranzug trug. So hatte er ja unter dem Fischkopf »noch einen anderen Kopf getragen«. Man könnte da an missverstandene Technologie denken! Weiter führt Prof. Hanuš aus (4): »Die Analogie zwischen Krodo und Wischnu wird noch auffallender, wenn Wischnu als Blumen und Rad tragend vorkommt.«

Foto 4
Oannes hat einen Fisch-Unterleib. Vischnu (auch Wischnu) trägt Blumen und Rad. Die Sachsenchronik zeigt Krodo auf einem Fisch stehend (Oannes!), Blumen (Vishnu!) in einem Eimer tragend und ein Rad (Vishnu!) in den Himmel haltend. Sollte auch für Götter gelten: Namen sind Schall und Rauch? Gibt es weltweit einige Gottheiten, die da und dort unter verschiedenen Namen bekannt sind?

Mögen sich Wissenschaftler in Sachen Krodo streiten, einen ganz bestimmten Krodo stört das überhaupt nicht. Der steht eisern auf seinem Fisch, stemmt sein Rad empor. Und hält seinen Rosenkübel. Er wankt und weicht nicht. Er rostet auch nicht, wurde er doch anno 2007 vom Kunsthandwerker Volker Schubert aus feinstem Edelstahl geschaffen und aufgestellt. Wer den überlebensgroßen Krodo besuchen möchte, der muss nach Bad Harzburg kommen. Man kann den »Großen Burgberg« zu Fuß bezwingen, man kann sich aber die Sache viel einfacher machen und die Burgbergseilbahn nutzen. Unweit der Bergstation ist es nicht weit zur Brücke, die anno 1902 erbaut wurde. Vor besagter Brücke steht die Krodo-Statue. Auf dem Burgberg, so heißt es, stand bereits Ende des 8. Jahrhunderts eine Krodo-Figur, die Karl der Große zerstören ließ. Wirklich?

Am 16. Dezember 2017 publizierte die »Goslarsche Zeitung« einen Artikel: »Forscher sagt: Krodo gab es nie«. Wirklich? Machen wir uns auf die Suche! Laut Bothes »Cronecken der sassen«  (5) hieß die einst stolze, heute nur noch als Ruine erhaltene Harzburg bei Harzburg ursprünglich »Saterburg«, zu Neudetsch Saturnburg. Dort habe sich, so heißt es in der Sachsenchronik,  ein »affgode na saturno« befunden, also ein »Abgott nach dem Saturn«. Es stand also, aus Bothes Sicht, ein Götzenbild des Saturn bei der Saturnburg. Die Sachsen hätten das heidnische Idol »Krodo« genannt. Caesar selbst, so Bothe, habe im Gebiet der Sachsen, sieben Heiligtümer für sieben Planetengötter erbauen lassen.

Foto 5: Oannes nach altem Relief (Collage!)

Und Karl der Große, der Heidenhasser, habe alle sieben Heiligtümer nach seinem Sieg über die Sachsen zerstören lassen, das Saturnheiligtum bei der Saturnburg und weitere sechs Planetenheiligtümer. Schon Prof. Ignác Jan Hanuš (6) bezeichnete die Gleichsetzung von Saturn mit Krodo als »etwas gezwungen«.

In der Tat: die Darstellung Krodos in der Sachsenchronik hat so gar nichts Saturnhaftes an sich. Saturn hält auf keiner einzigen Darstellung ein Rad in die Höhe. Er ist vielmehr mit einer Sense ausgestattet. In keiner bildlichen Darstellung hat Saturn etwas mit einem Fisch zu tun. Häufig wird Gott Saturn gezeigt, wie er gerade einem Kind den Kopf abbeißt. Warum? In der antiken Mythologie wird überliefert, Saturn sei geweissagt worden, eines seiner Kinder werde ihn vom hohen Thron stoßen. Um das zu verhindern habe er die Kleinen gefressen.

Bereits anno 1605 vertrat Richard Verstegen (7) eine interessante Theorie, die von einer Verwechselung ausgeht. Gott Seater. Auch Sater genannt, der mit Saturn verwechselt wurde, habe  bei den Sachsen in manchen Regionen auch Krodo geheißen. Geht also der ursprüngliche Name der Harzburg (Saterburg) nicht auf Saturn, sondern auf Sater zurück? War Krodo ein nur regional bekannter Name für Gott Sater (auch Seater) und stand doch bei der Harzburg einst eine Statue des Gottes Sater alias Seater alias Krodo?

Ich muss mich wiederholen: Je mehr ich mich mit dem mysteriösen Gott Krodo beschäftige, desto mehr Fragen ergeben sich. Mehr als unwahrscheinlich ist meiner Meinung nach, dass Krodo erst anno 1492 von Conrad Bothe für seine Sachsenchronik erfunden wurde. Folgt man den Spuren Krodos, so führen sie einen in ferne Welten und ferne Zeiten.

Schon während meines Studiums der evangelischen Theologie beschäftigte ich mich mit der Frage, ob denn der biblische Schöpfergott Jahwe und der Messias Voränger in »heidnischen« Zeiten hatten. Das wurde speziell im Fachbereich »Neues Testament« heftig bestritten. Das Christentum hatte etwas vollkommen Neues zu sein und durfte keine Vorgänger in den »Kulten der Heiden« haben. Leider wurden von den Vertretern des frühen Christentums heidnische Konkurrenten alles andere als geliebt. Ihre Überlieferungen wurden bekämpft, ihr Schrifttum (so überhaupt verhanden) wurde vernichtet. So existierten die Werke der Konkurrenzreligion »Gnosis« lange Zeit nur in »Zitaten« in christlichen Werken, in denen die »Gnostiker« alles andere als fair behandelt wurden.

Foto 6: Gott Rod.

Wir finden Gott Rod in der magischen Welt der slawischen Mythologie. Er ist so etwas wie ein Urgott, ein Schöpfergott, der einst Götter und Menschen hervorgebracht hat. Vermutlich war er einst in der Hierarchie der Himmlischen der Höchste, der Mächtigste. Dažbog wurde als Sohn des Svarog verehrt. Svarog galt als Schöpfer allen Lebens und als Gott des Lichts. Er schmiedete mit den himmlischen Sonnenflammen magische Gegenstände und fürchterliche Waffen. Dažbog alias Svarožić war als Sohn des Schöpfergottes »Spender des Guten«.

Es scheint so, als ob Rod alias Krodo über weite Zeiträume existent war, nur sein Name änderte sich dann und wann. Letztlich wurde so manchem slawischen »Heiden«, der eigentlich nicht von seinem alten Glauben lassen wollte, der Wechsel zum Christentum erleichtert: Statt des Schöpfergottes Rod durfte, nein musste dem Schöpfergott des Alten Testaments Jahwe (alias Jehova alias der HERR) gehuldigt werden. Es gab das alte heidnische Gespann »Dažbog und Sohn Svarog«. Das christliche Pendant dazu war das Du »Gottvater und Sohn Jesus«.

Interessant ist: die christliche Dreifaltigkeitslehre findet sich weder im Alten, noch im Neuen Testament. Die christliche Erfindung der Trinität gab es aber in der Mythologie der Slawen: Perun, Dažbog alias Svarožić und Veles.  Perun war als Donnergott gefürchtet. Wenn er zornig wurde, griff er zu seiner gewaltigen Axt. Veles war eine Art Unterweltgott. Er beschützte die Toten, sorgte aber auch für das Vieh und Fruchtbarkeit. Eine solche Dreiteilung in der Götterwelt gab es bereits bei den Indogermanen, deren Wurzeln womöglich bis ins dritte oder vierte vorchristliche Jahrtausend zurückreichen.

Religiöse Glaubenswelten sind einerseits stetigem Wandel unterworfen.  Andererseits gibt es offensichtlich seit Jahrtausenden Glaubensbilder, die fortbestehen, weil sie immer wieder übernommen und in neue Glaubenslehren eingebaut werden. Da macht das Christentum keine Ausnahme!

Das ist die unendliche Geschichte der Religionen und ihrer Glaubenswelten. Sie wurde bis heute nicht erzählt.

Foto 7: Krodo (Collage!)


Fußnoten

(1) Der Verfasser der Sachsenchronik kann nicht eindeutig identifiziert werden. Vermutlich war es Cord oder Hermann Bote.
(2) Hanuš, Ignác Jan: »Die Wissenschaft des Slawischen Mythus im weitesten, den altpreussisch-lithauischen Mythus mitumfassenden Sinne. Nach Quellen bearbeitet, sammt der Literatur der slawisch-preussisch-lithauischen Archäologie und Mythologie«, Lemberg 1842 (Die Rechtschreibung im Zitat wurde unverändert übernommen und nicht heutiger Schreibweise angepasst.)
(3) Creuzer, Georg Friedrich: »Symbolik und Mythologie der alten Völker, besonders der Griechen«, Verlag Carl Wilhelm Leske, Band 1, Leipzig und Darmstadt 1936, Seite 59 unten und Seite 60 oben (Die Rechtschreibung im Zitat wurde unverändert übernommen und nicht heutiger Schreibweise angepasst.)
(4) Hanuš, Ignác Jan: »Die Wissenschaft des Slawischen Mythus im weitesten, den altpreussisch-lithauischen Mythus mitumfassenden Sinne. Nach Quellen bearbeitet, sammt der Literatur der slawisch-preussisch-lithauischen Archäologie und Mythologie«, Lemberg 1842, Seite 116 (Die Rechtschreibung im Zitat wurde unverändert übernommen und nicht heutiger Schreibweise angepasst.)
(5) Sachsenchronik
(6) Hanuš, Ignác Jan: »Die Wissenschaft des Slawischen Mythus im weitesten, den altpreussisch-lithauischen Mythus mitumfassenden Sinne. Nach Quellen bearbeitet, sammt der Literatur der slawisch-preussisch-lithauischen Archäologie und Mythologie«, Lemberg 1842, Seite 115 (Die Rechtschreibung im Zitat wurde unverändert übernommen und nicht heutiger Schreibweise angepasst.)
Foto 8
(7) Verstegen, Richard: »A Restitution of Decayed Intelligence in Antiquities«, Antwerpen 1605, S: 77, zitiert nach Fugger, Dominik: »Krodo/ Eine Göttergeschichte«, »Wolfenbütteler Heft 35«, Wiesbaden 2017, S. 19

Zu den Fotos
Foto 1: Krodo-Statue, Bad Harzburg. Das Originalfoto  stammt von wikimedia commons/ Kassandro. Achtung: Hier sehen Sie eine Collage, angefertigt von Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ostara, echt oder pseudo? Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Oannes, mysteriöse Fischgottheit. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein. Collage Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Krodo-Statue, Bad Harzburg,  Foto wikimedia commons/ Kassandro.
Foto 5: Oannes nach altem Relief. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein. Collage Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Gott Rod. Foto wikimedia commons/ Ranodna Pravda Ycco 
Foto 7: Krodo-Statue, Bad Harzburg,  Foto wikimedia commons/ Kassandro. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein. Collage Walter-Jörg Langbein   
Foto 8: Oannes, mysteriöse Fischgottheit. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein. Collage Walter-Jörg Langbein
Zeichnungen nach antiken Originalen wurden gespiegelt (teils horizontal, teils vertikal. Zudem wurden die Zeichnungen gelb eingefärbt.) Ansonsten sind entsprechen die Zeichnungen sehr genau den Originalen. Dabei handelt es sich um Steinreliefs, die mythologisch-religiöse Wesen zeigen.


472 »Verbotene Artefakte«,
Teil 472 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 03. Februar 2019


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