Sonntag, 20. Januar 2019

470 »Mordgemetzel im Dom zu Goslar«

Teil 470 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Domvorhalle, Goslar
Ich war auf der Rückreise von einer Geburtstagsfeier. Spät am Abend startete »mein« Nahverkehrszug Richtung Heimat. Er hielt unzählige Male. Ich nickte immer wieder ein und wurde immer wieder wach. Wieder einmal kam »mein« Zug rumpelnd zum Stillstand. »Goslar, Goslar!«, wurde energisch ausgerufen. »Bitte zügig aussteigen!« Goslar? War da nicht etwas mit einem Dom? Kurz entschlossen stand ich auf, griff nach meinem Koffer und stieg aus. »Türen schließen!«, erklang die Stimme eines ungeduldigen Schaffners. Ich stand am Gleis, »mein Zug« fuhr weiter. Ob er die Verspätung wieder aufholen würde?

Am menschenleeren Bahnhofsvorplatz erwischte ich mit Mühe ein Taxi, das gerade in der Nacht verschwinden wollte. »Zum Dom!« instruierte ich den etwas verärgerten Fahrer. »Wollte gerade Feierabend machen!«, brummte er gähnend. Dann wiederholte er meine Worte, fast hämisch lachend. »Zum Dom? Der ist weg!« Seine Antwort irritierte mich doch stark. Nach einer kurzen Kunstpause fügte er hinzu: »Ich fahre Sie aber trotzdem hin!« Los ging’s.

Mir wurde eine erstaunliche Wegstrecke zuteil, den direkten Weg zum »Dom« schlug der geschäftstüchtige Fahrer nicht ein. Vom Bahnhof wurde ich auf die »82« chauffiert, sprich Goslar wurde weiträumig umfahren. Erst als die letzten Häuser von Goslar auftauchten, ging’s wieder Richtung Innenstadt. Die Titanen waren Riesen in Menschengestalt. Sie waren damals mächtige Götter, stolze Nachkommen der Göttin Gaia und des Uranos. Unter ihrem Anführer Kronos kämpften die göttlichen Riesen mit Zeus und einigen seiner Geschwister. Das geschah in der »Goldenen Ära«, lange bevor es Menschen gab. Im Epos »Titanomachia«, verfasst von Thamyris, wird wohl dieser Götterkrieg ausführlich beschrieben. Das Werk ging aber verloren. Vorbei an der »Kaiserpfalz« gelangten wir endlich auf den »Domplatz« und von da zur »Domvorhalle«.

Langweilig wurde mir freilich während der Fahrt nicht. Der Taxifahrer arbeitete an Wochenenden in einem Altenheim, studierte »nebenher« Philosophie und Journalismus und agierte an einer Laienbühne. Schauspielerisch war er ohne Zweifel recht begabt. Auf sehr eindrucksvolle, manchmal geradezu kinskihafte Weise (1) schilderte er mir in drastischen Worten das »Mordgemetzel im Dom zu Goslar«. Sam Peckinpah war leider nicht zugegen, sonst hätte ihn des Taxifahrers plastische Beschreibung des historischen Geschehens gewiss zu einem blutrünstigen Filmepos angeregt. Tote jedenfalls gab es genug.

Foto 2: Der Dom zu Worms
Das blutige Fest erinnert stark an das berühmte Nibelungenlied, an den Streit der edlen Damen vor dem Dom zu Worms und das grausame Ende im Rittersaal führt. Auch hier wird gestorben, weil man sich nicht darauf einigen konnte, wer im Rang höher steht. Meisterlich gestaltete »mein« Taxifahrer während der einsamen Fahrt durch die Nacht ein Hörspiel, in dessen Zentrum abgeschlagene Köpfe und andere Körperteile standen. Gestenreich unterstrich der Mime am Lenkrad die dramatischten Momente.

Doch zu den historischen Fakten: Weihnachten 1062 reiste Kaiser Heinrich IV. zu den Feierlichkeiten in seinem Geburtsort Goslar. Geladen waren der Bischof von Hildesheim und der Forstabt von Fulda. Wer würde auf welchem Platz im Dom sitzen? Wer hatte den höheren Rang? Vor allem: Wer durfte direkt neben dem Erzbischof von Mainz sitzen? Am Tag vor der Weihnachtsfeier sollte im Dom die Sitzordnung festgelegt werden. Im Dom kam es zwischen den Vertretern beider Parteien zunächst zu verbalen Auseinandersetzungen, die schnell zu Geschrei und Prügelei ausarteten. Herzog »Otto von Bayern« schlichtete. Am 17. Juni 1063, am Samstag vor Pfingsten, traf man sich wieder im Dom zu Goslar. Auf Wortgefechte verzichtete man weitestgehend, die Vertreter der Geistlichkeit schlugen mit Fäusten aufeinander ein und griffen beherzt zu den Waffen. Die Fuldaer attackierten die Hildesheimer mit brutaler Gewalt. Während die Domherren frommes Liedgut sangen, wurde im Dom gemetzelt. Der Kaiser , Heinrich IV, mahnte und befahl ein Ende des Tötens, aber niemand hörte auf ihn. Der hohe Herr floh in seinen Palast. Der Bischof von Hildesheim forderte die Seinen von der Kanzel herab lautstark dazu auf, Tapferkeit zu zeigen. Als Sieger gingen schließlich nach halbtägigem Morden die Hildesheimer hervor.

Der Sage nach sollen so viele Kämpfer schwer verletzt oder zu Tode gebracht worden sein, dass ihr Blut in Strömen zum Hauptportal hinaus auf den Domvorplatz floss. Das dürfte reichlich übertrieben sein. Wie viele Menschen tatsächlich nach der Schlacht im Dom tot aus dem Gotteshaus getragen wurden, das lässt sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Mehrere Tote hat es wohl gegeben, auch mehrere Verletzte. Es muss sehr grausam zugegangen sein, denn in der Überlieferung wird der Teufel bemüht, der angeblich damals beim Stechen und Hauen zugegen war. Der Teufel, so die Sage, begnügte sich nicht mit schadenfrohem Zuschauen. Er stand den irdischen Kämpfern in nichts nach.

Foto 3: Gemetzel im Dom von Goslar

Satanas, so heißt es, sei begeistert gewesen ob der vielen Seelen, die er sich aus dem Dom holen konnte. Als der Höllenfürst freilich das Gotteshaus wieder verlassen wollte, gab es für ihn ein Problem. Durch den verbarrikadierten Ausgang konnte selbst der Teufel nicht entschwinden. Die Sage überliefert (2): Er (der Teufel) schlug wacker mit drein, und als der Sieg entschieden war, schwang er sich sichtbar empor, fuhr durch ein Loch des Kirchengewölbes in die Höhe.« Ein großes Loch sei entstand und habe sich viele Jahre nicht wieder schließen lassen. Erst nach diversen vergeblichen Versuchen verzweifelter Maurer konnte man nach längerer Zeit das »Teufelsloch« bis auf einen schmalen Spalt verschwinden lassen. Wie war das möglich? Es wurde, so die gruslige Überlieferung, eine schwarze Katze mit eingemauert. Außerdem kam eine Bibel als »Verschlussstein« zum Einsatz. Die Bibel sei noch viele Jahre zu sehen gewesen. Offensichtlich traute man einer Bibel geradezu magische Wirkung zu.

Zu den Fakten: Mitte des 11. Jahrhunderts wurde in Goslar die »Stiftskirche St. Simon und Judas« errichtet. Die Weihe nahm Erzbischof Hermann von Köln am 2. Juli 1051 vor. Die heute noch als kärglicher Rest des einst so stolzen Gotteshauses erhaltene nördliche Vorhalle wurde erst um das Jahr 1200 angebaut. 1819 bis 1822 wurde der Dom fast vollständig abgerissen. Erhalten blieb lediglich die Vorhalle, die es zu Zeit der »Teufelsschlacht« noch nicht gab.

Foto 4: Stechen und Hauen im Gotteshaus

Endlich war ich am Ziel angekommen, beim Dom der, so der Taxifahrer, »weg« war. Es war kalt, stockdunkel und begann auch noch zu regnen. Mein Taxifahrer deutete fast triumphierend auf die Domvorhalle. »Vom eigentlichen Dombau ist nichts mehr erhalten. Der alte Dom ist weg. Was Sie hier sehen, das ist ein, jüngerer Anbau. Man hat ihn zu Beginn des 19. Jahrhunderts stehenlassen, weil er angeblich die wertvollsten Schätze des Doms beherbergte.«

Da stand ich also im Regen, hastete auf zwei mit Eisengittern versperrte schmale Tore zu. Viel zu sehen war nicht. Über den Torbögen machte ich zwei Reihen von Nischen aus, die scheinbar steinerne Plastiken enthielten. »Die stehen,«, dachte ich »anders als ich, im Trockenen!« Bei näherem Hinsehen, ich war inzwischen völlig durchnässt, erkannte ich, dass es sich lediglich um insgesamt sechs Reliefs und zwei gemalte Bildnisse handelte. In der oberen Reihe identifizierte ich ohne Mühe in der Mitte Maria mit dem Jesusbaby. Rechts und links von ihr flankierten zwei gemalte Engel die Gottesmutter.

Foto 5: Der Krodoaltar im Dom
Näheres erklärt wikipedia (3): »Darunter in der Mitte der Apostel Matthias, der seit der Überführung von Reliquien aus Trier jahrhundertelang als Stadtpatron Goslars verehrt wurde und auf den Münzen der Stadt abgebildet war; zu seinen Seiten die Kirchenpatrone Simon und Judas; außen zwei Kaiser, von denen der linke, der ein Kirchenmodell trägt, als Heinrich III. identifiziert werden kann, während die Identität des rechten, der ein profanes Bauwerk hält, unsicher ist.«

Ich spähte durch die Eisenstangen der eisernen Gitter der beiden Portale hindurch, konnte aber nichts erkennen.

»Mein« Taxifahrer wartete noch, wurde aber langsam ungeduldig. »Wollen Sie hier bleiben? Wenn sie noch länger im Regen stehen möchten, nur zu. In mein Taxi lasse ich Sie dann aber nicht mehr einsteigen. Sie versauen mir ja sonst nur die Polster.« Ich folgte dem Wink mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl und ließ mich zum Bahnhof zurückbringen. Die Rückfahrt erfolgte auf direktem, also viel kürzeren Weg. Am Bahnhof angekommen hatte ich Glück. Nur wenige Minuten später konnte ich meine Fahrt fortsetzen. Zuhause stellte sich eine deftige Erkältung ein, die ich mit Unterstützung meiner Frau schon nach einer Woche bezwungen hatte.

Zuhause recherchierte ich weiter. Im Dom zu Goslar, so las ich immer wieder, wurde einst der Altar von Krodo (alias Crodo) aufbewahrt. Der Krodo-Altar sieht erstaunlich modern aus, wurde aber ohne Zweifel bereits im späten elften Jahrhundert ausschließlich aus Bronze angefertigt. Er soll der einzige erhaltene metallene Kirchenaltar der Romanik sein. Von innen ließ sich der metallene Kubus mit symmetrisch angebrachten runden Löchern beleuchten.

Foto 6: Der Krodoaltar im Museum
Getragen wird der schlichte Metallkasten von vier mysteriösen Gestalten an den Ecken. Bei den vier knienden Figuren könnte es sich um recht muskulöse Atlanten handeln. Mag sein, dass sie ursprünglich je einen Erdglobus trugen. Die Muskelprotze stammen offensichtlich aus dem Reich der griechisch-römischen Mythologie. Die Titanen waren Riesen in Menschengestalt. Sie waren damals mächtige Götter, stolze Nachkommen der Göttin Gaia und des Uranos. Unter ihrem Anführer Kronos kämpften die göttlichen Riesen mit Zeus und einigen seiner Geschwister. Das geschah in der »Goldenen Ära«, lange bevor es Menschen gab. Im Epos »Titanomachia«, verfasst von Thamyris, wird wohl dieser Götterkrieg ausführlich beschrieben. Das Werk ging aber verloren.

Der »Krodo-Altar« wurde irgendwann, spätestens beim Abbruch der Stiftskirche, entfernt. Heute befindet er sich im Goslaer Museum am »Museumsufer« (4).


Foto 7: Ohne Worte
Fußnoten
(1) Klaus Kinski (*1926; †1991)
(2) http://www.sagen.at/texte/sagen/deutschland/allgemein/gottschalck/teufelsschlacht.html (Stand 5.12.2018)
(3) Wikipedia-Artikel »Goslaer Dom« (Stand 5.12.2018)
(4) Goslaer Museum, An der Abzucht, Königstraße 1, 38640 Goslar, Tel. 05321 43394, E-Mail goslarer-museum@goslar.de (Stand 5.12.2018)

Zu den Fotos
Foto 1: Domvorhalle, Goslar. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Der Dom zu Worms. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Gemetzel im Dom von Goslar. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Stechen und Hauen im Gotteshaus (Ausschnitt von Foto 3).
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Krodoaltar im Dom.
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Der Krodoaltar im Museum. Foto wikimedia commons Rabanus Flavus
Foto 7: Ohne Worte. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

471 »Die unendliche Geschichte der Religionen«,
Teil 471 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 27. Januar 2019



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