Sonntag, 6. Januar 2019

468 »Der Gott mit dem Fisch«

Teil 468 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Krodo auf dem Großen Burgberg
Der Mann – der Überlieferung nach ein Gott – ist nicht mehr der Jüngste. Seine Haare sind lang, der Bart wirkt fast verwegen. Haartracht und Gewand deuten darauf hin, dass es sich um einen alten Germanen handeln könnte. In seiner Rechten hält der schlanke Mann so etwas wie einen Eimer, mit der Linken hebt er ein Rad mit sechs Speichen gen Himmel. Er steht auf einer Säule, genauer gesagt auf einem großen Fisch auf einer Säule. Das mysteriöse Bild findet sich in der »Sachsenchronik« von Conrad Bothe, erschienen anno 1492. Conrad Bothe beschreibt den Mann als den Sachsengott Krodo (andere Schreibweise: Crodo).

Detailgetreu wurde die Zeichnung aus der Sachsenchronik in eine Statuette. Sie lockt bis heute Touristen und Heimatforscher nach Bad Harzburg. Das Krodo-Denkmal steht bei der Ruine der einstigen Kaiserburg »Harzburg«, von der nur noch Reste der einst mächtigen Grundmauern und der  stolzen Türme erhalten sind.

Auch der Brunnen der Burg ist noch vorhanden. Wen oder was stellt die Zeichnung aus der »Sachsenchronik« dar? Ist es wirklich Gott Krodo? Darüber werden auch heute noch zum Teil heftige Kontroversen geführt.

Jacob Grimm, Germanist und Mythenforscher, schreibt zum Thema Gott in seinem dreibändigen Standardwerk »Deutsche Mythologie«(1): »In allen deutschen zungen von jeher ist das höchste wesen einstimmig mit dem allgemeinen namen Gott benannt worden.« In allen deutschen Dialekten wurde, so Historiker und Volkskundler Grimm, das höchste Wesen Gott genannt. Bitter beklagt Jacob Grimm, dass kein einziger Schriftsteller den Versuch unternommen hat (2) »die überreste des heidnischen glaubens zu sammeln«. Vielmehr habe man danach getrachtet (3) »die letzten eindrücke des verhaßten heidentums zu tilgen statt zu bewahren«. Es sei viel von  (4) »unserer mythologie unwiderbringlich entzogen«. Gerade deshalb ist es Jacob Grimm hoch anzurechnen, dass er mit unglaublichem Fleiß eine erstaunliche Fülle an Informationen über die alten vorchristlichen Götter zusammengetragen hat.

Foto 2: Wichtiges Standardwerk!
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Studiert man sein auch heute noch beeindruckendes Werk »Deutsche Mythologie« so erkennt man schnell, dass da zwischen dem christlichen Gott einerseits und den heidnischen Göttern andererseits unterschieden wird. Das Heidentum freilich verschwand nicht spurlos von heute auf morgen. So wurden die heidnischen Götter nicht einfach von den Missionaren des Christentums ausgetilgt. Aber Christus wurde ähnlich wie zuvor die heidnischen Götter umschrieben (5). Diese Strategie führte zu einem Teilerfolg der christlichen Missionierung: Christus und die heidnischen Götter wurden gleichzeitig verehrt. Ethelbert von Kent (um*552;†616) regierte über drei Jahrzehnte seine Grafschaft im Südosten von London. Ethelbert ließ sich taufen und erlaubte den christlichen Missionaren, nach eigenem Gutdünken christliche Gotteshäuser zu errichten. Freilich wollte er keinen übergroßen Zwang ausüben. Vermutlich befürchtete Ethelbert von Kent, Zwangsmissionierung könnte dazu führen, dass sich die Heiden gegen den König erhoben. Und deshalb durften neben christlichen Altären heidnische »Götzenbilder« stehen. Es wurden also in christlichen Gotteshäusern auch noch »heidnische Idole« verehrt und angebetet. Offenbar waren den Missionaren »halbe Christen« lieber als »ganze Heiden« (6). Die Existenz heidnischer Götter wurde nicht bestritten (7): »Auch in christlicher zeit traut man den heidnischen göttern manche fähigkeit zu.«

Foto 3: Krodo, älteste Darstellung, 1492
So war das auch im Alten Israel, als ganz offiziell längst der Monotheismus eingeführt worden war. Mit der Einführung des Jahwe-Kults verschwanden nicht plötzlich die alten Göttinnen und Götter ins Nichts. Konkreter: Falsch ist die Vermutung, dass Salomons Tempel (Hauptheiligtum des jüdischen Monotheismus!) ausschließlich der Verehrung Jahwes diente. Der salomonische Tempel bestand 370 Jahre. Immerhin 236 Jahre davon, also fast zwei Drittel der Zeit, beherbergte er eine Ascherah-Statue. Wie war das möglich? Hatte doch Jahwe angeblich selbst nicht nur das Anbeten fremder Götter im Allgemeinen verboten, sondern ganz konkret gefordert (8): »Du sollst dir keinen Holzpfahl als Ascherahbild errichten bei dem Altar Jahwes!« Genau das aber geschah immer wieder! Jahrhunderte lang war Ascherah fester Bestandteil im religiösen Leben der jüdischen Stämme. Konkretem göttlichem Gebot zum Trotz stand ihre Statue im Allerheiligsten im Salomonischen Tempel neben  Jahwes Altar.

Zurück zum mysteriösen Gott Krodo. Betrachten wir uns die Zeichnung aus der Sachsenchronik und das geheimnisvolle Denkmal bei der Harzburg näher. Wir erkennen gleich drei uralte »Symbole« (9)!

Foto 4: Krodo steht auf einem Fisch.

Der Fisch, auf dem Gott Krodo steht, ist eines der ältesten Symbole überhaupt. Ausführlich äußert sich Professor Hans Biedermann (*1930; †1989/1990) in seinem »Lexikon der Symbole«. (10). Er sieht den Fisch als Zeichen für Fruchtbarkeit, für die Kraft die das Leben erhält (11): »Fische bevölkern die Wasserflut …, die mit Fruchtbarkeit und den lebenspendenden Kräften der inneren ›Mütterwelten‹ zu tun haben.« In diesem Zusammenhang muss ein ganz besonderer Fisch aus uralter Mythologie erwähnt werden: Der Sage nach haust er im oberfränkischen Staffelberg. Damit er in den Berg passt, muss er sich in den eigenen Schwanz beißen. Der namenlose Staffelbergfisch, der auch in einigen südamerikanischen Pyramiden hausen soll, hat ein Pendent, nämlich »Uroboros« (Foto 7). Uroboros, eine mythologische Schlange, beißt sich ebenfalls in den eigenen Schwanz.

Foto 5: Krodos Rad
Dieses Motiv ist uralt und stellt, so Biedermann (12), »den Kreis in seiner Verkörperung der ›ewigen Wiederkehr‹ tiergestaltig dar und deutet an, dass dem Ende ein neuer Anfang in ständiger Wiederholung entspricht.« Diesen ewigen Kreislauf des Lebens symbolisiert natürlich auch das Rad, das Gott Krodo empor hält. Denken wir an das zyklische Weltbild der Mayas, die den Ablauf der Zeit als ein sich ständiges Drehen von »Rädern« sahen und in Milliarden und Abermilliarden von Jahren rechneten!


Das »ewige Leben« der Mayas bestand in der ewigen Wiederholung von zyklischen Zeitabschnitten. Vielen heutigen Christen ist nicht bekannt, dass der Fisch das älteste Symbol für den Messias Jesus und somit auch für Auferstehung und ewiges Leben ist. 

Es gibt recht unterschiedliche Symbole für den ewigen Kreislauf des Lebens. Eines findet sich im Paderborner Dom: Im berühmten »Dreihasenfenster« (Foto 8) bilden drei Hasen, die sich drei Ohren teilen, auch so etwas wie ein sich ewig drehendes Rad. Wobei der Hase wiederum ein uraltes Symbol der Fruchtbarkeit ist.

Als nach christlichem Verständnis das sündige Leben auf der Erde durch eine »Sintflut« ausgetilgt wurde, überlebten die Fische. So würden auch die Christen einst überleben und nicht dem ewigen Tod anheimfallen. In zunehmendem Maße bekennen sich heutige Christen mit einem Fischsymbol an ihrem PKW zum christlichen Glauben. Noch einmal Prof. Biedermann, der reale »Symbologe«, echtes Pendant zum fiktiven Professor Langdon (13): »In vielen alten Religionen werden Fische mit den Göttinnen der Liebe und der fruchtbaren Natur in Verbindung gebracht.«

Foto 6: Krodos Rosen
Krodo alias Crodo hält mit der rechten Hand so etwas wie einen Eimer. Darin befinden sich Rosen. Seit ewigen Zeiten sind Rosen das Symbol der Liebe, die den Tod überdauert. Mike Vogler fasst in seinem sehr empfehlenswerten Werk »Rätsel der Geschichte« (14) sachkundig zusammen (15):

»Die dargestellte Symbolik verweist auf Krodos Bedeutung als Fruchtbarkeitsgott. Der Fisch versinnbildlicht das Element Wasser sowie Nahrung, unverzichtbare Bestandteile des Lebens Auf Erden. Das Rad erinnert an das Verrinnen der Zeit, dem Werden und Vergehen alles Lebens. Die Rosen stehen für die Fruchtbarkeit sowie der Menschen als auch der Natur. Zusammenfassend kann man sagen, dass Krodo das Leben als solches symbolisiert.«

Zur Lektüre empfohlen:
Garbe, Burckhard: »Die schönsten Sagen zwischen Harz und Weser«, Kassel 2002 (Der Götze Krodo in Harzburg, S.91-95)
Vogler, Mike: »Hexen, Teufel und Germanen/ Teufelsglaube und Hexenwahn als Folge der Christianisierung/ Beispielhaft verdeutlicht am altsächsischen Gott Krodo«, Leipzig 2012

Fußnoten
(1) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage,
Berlin 1875-78, Band 1, Seite 11 ganz oben, Rechtschreibung unverändert übernommen.
(2) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage,
Berlin 1875-78, Band 1, Seite VIII, Zeilen 15 und 16 von oben. V Rechtschreibung unverändert übernommen.
(3) ebenda, Zeilen 18 und 19 von oben
(4) ebenda, Seite IX, Zeile 8 von unten
(5) Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage,
Berlin 1875-78, Band 1, Einleitung S. 7 oben

Foto 7: Uroboros, 17. Jahrhundert.


(6) Siehe hierzu Grimm, Jacob: »Deutsche Mythologie«, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz 1968, dreibändige Faksimile-Ausgabe der 4. Auflage,
Berlin 1875-78, Band III, Einleitung, Seite 7 oben!
(7) ebenda, Seite 4 Mitte
(8) Das 5. Buch Mose Kapitel 16, Vers 21
(9) Ich fasse den Begriff »Symbol« bewusst sehr weit. So zähle ich die »Elemente« aus verschiedenen Weisheits-und Geheimlehren auch zu den Symbolen!
(10) Biedermann, Hans: »Knaurs Lexikon der Symbole«, München 1989, Seiten 142-145
(11) ebenda Seite 142, rechte Spalte unten und Seite 143, linke Spalte oben.
(12) ebenda, Seite 455, linke Spalte unten, Stichwort  »Uroboros«
(13) ebenda, Seite 143, linke Spalte Mitte
(14) Vogler, Mike: »Rätsel der Geschichte«, eBook, Dresden 2014
Voglers Buch ist Teil 1 einer inzwischen auf 5 Bände angewachsenen Reihe. Es ist sowohl als Taschenbuch als auch als eBook erhältlich!
(15) ebenda,  Seite 4, Pos. 31

Foto 8: Drei Hasen bilden ein Rad


Zu den Fotos:
Foto 1: Krodo-Statue auf dem Großen Burgberg bei Bad Harzburg. Foto wiki commons/ Kassandro 
Foto 2: Wichtiges Standardwerk! FotoVerlag
Foto 3: Krodo, älteste Darstellung, 1492.
Foto 4: Krodo steht auf einem Fisch. Foto wiki commons/ Kassandro 
Foto 5: Krodos Rad. Foto wiki commons/ Kassandro 
Foto 6: Krodos Rosen. Foto wiki commons/ Kassandro
Foto 7: Uroboros, 17. Jahrhundert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Drei Hasen bilden ein Rad, Dom zu Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein 

469 »Der Kaiser, Kelten und Gott Krodo«,
Teil 469 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 13. Januar 2019


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