Sonntag, 25. Februar 2018

423 „Eine Apokalypse, zwei Zauberer und fliegende Steine“

Teil  423 der Serie Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Steinerner "Tempel" von Nan Madol.

Die mysteriösen Bauten von Nan Madol wirken je nach Licht unheimlich-düster oder trotz der Masse geradezu grazil, wie von Riesenhand spielerisch aufgetürmt. Einheimische munkeln von fliegenden Schiffen, von Wesen, die "von oben" kamen und von Magiern, die tonnenschwere Steinsäulen zum Schweben bringen konnten. Anders als mit Hilfe von wissenden Zauberern seien die Bauwerke auf den künstlichen Inselm von Nan Madol doch gar nicht zu erklären, von den massiven steinernen Fundamenten der künstlichen Eilande ganz zu schweigen.

Foto 2: Pandanus.
Pandanus wächst »unkrautartig« auf Pohnpei. Ihre Früchte wurden schon vor Jahrhunderten von den Seefahrern geschätzt. Gebacken oder zu einer Paste verarbeitet dienten sie auf langen Seereisen als Kraftnahrung für die Seeleute. Das üppige Blattwerk bietet einen angenehmen Schutz vor der  grellen Sonne. Ein mildes Halbdunkel breitet sich aus. Das Auge gewöhnt sich an die neue, angenehme Situation. Obwohl die Luft feucht und warm ist und überall kleine oder größere Tümpel ideale Brutstätten für Moskitos wären, gibt es diese bösen Plagegeister hier nicht. Überall taucht zwischen Wurzeln und Farnen  das typische Nan-Madol-Mauerwerk auf.  Lange sechs- oder achteckige Säulen sind da aufeinander getürmt. Meist sind die Mauern nicht sehr hoch, erinnern eher an rudimentäre Fundamente als an Wände. Wurden alte Gebäude weitestgehend abgetragen, wenn neue errichtet wurden? Wie wurden sie transportiert? Auf Kähnen über die Wasserstraßen?
    
Deutlicher noch sind Mauern zu erkennen, die  die Kanäle begrenzen. Oder sind es die Fundamente der künstlichen Inseln, an denen wir vorbeifahren? Auch im Wasser liegen Basaltsäulen. Wurden sie beim Transport verloren? Oder sind es Reste von Bauten, die hier einst standen? Wurden sie abgetragen, als neue künstliche Eilande angelegt wurden? Angeblich wurde mehrere hundert, vielleicht sogar tausend Jahre an der Inselwelt gebaut. Imme neue Architekten verwarfen alte Pläne und entwickelten neue. Sie ließen wieder abtragen, was Generationen zuvor errichtet hatten. Immer wieder soll Magie im Spiel gewesen sein. Zaubersprüche wurden angeblich benutzt, um die Riesensäulen leicht zu machen.
    
Foto 3: Massives Inselfundament.

Hastig huschen Fischschwärme am steinigen Boden dahin. Manchmal dringt ein Sonnenstrahl durch das Blattwerk bis auf den Grund des niedrigen Kanals. Golden blitzen Fische auf. Sie fliehen vor dem leise tuckernden, langsam dahingleitenden Motorboot.

Immer wieder sind die Spuren von schmalen Kanälen auszumachen, die einst seitlich von der »Hauptwasserstraße« wegführten. Sie sind aber verschlammt, zugewachsen und für Boote nicht mehr passierbar. »Vielleicht gibt es hier im Morast noch Reste der alten Schleusen!« mutmaßt der tüchtige Guide. »Man müsste sie ausgraben, freilegen! Aber wer soll das bezahlen?« Dann mahnt Lihp Spegal ernst zum Aufbruch: »Wir müssen umkehren! Noch ist Flut, bei Ebbe schaffen wir den Rückweg nicht! Dann ist an manchen Stellen das Wasser zu seicht!«
     
Foto 4: Massive Steinsäulen unter Wasser.

Zurück bleibt die märchenhaft schöne, verträumte Zauberwelt der künstlichen Inseln des steinzeitlichen Venedigs der Südsee. »Morgen kommen wir wieder!« Mehr als strapaziös ist der Weg  zu den mysteriösen Ruinen. Doch wer einmal hier war, ist vom geheimnisvollen friedlich-idyllischen Zauber fasziniert, der möchte immer wieder in dieses Paradies zurückkehren. Es sind nicht die erstaunlichen Ruinen allein, die faszinieren. Es ist nicht die üppige Pflanzenpracht allein, die es auf anderen Südseeinseln in bunteren Variationen gibt, die den Besucher fesselt. Es ist die dichte Atmosphäre, die von begabten Hollywoodregisseuren mit noch so vielen Dollars nicht realisiert werden könnte, die den Besucher in ihren Bann zieht: Hier sind Mythen und alte Sagen förmlich greifbar. Man spürt sie geradezu körperlich, ohne sie zu verstehen.

»Nan Douwas« (Siehe Foto 9, Lageplan, unten!) ist das am besten erhaltene steinerne Riesenbauwerk von Nan Madol. Furchteinflößende Kräfte gewaltigen Ausmaßes haben freilich dem hohen Außenwall zugesetzt. Die imposanten Basaltsäulen, die heute nur mit starken Kränen bewegt werden könnten, wurden umhergewirbelt, so als handele es sich um ein überdimensionales Mikado-Spiel. Wer oder was brachte Teile der monumentalen Mauer teilweise zum Einsturz? Ein Erdbeben? Ein Orkan? Eine Riesenwelle? Oder fielen sie von Menschenhand, in einem Krieg?

Foto 5: Pedro Fernandez de Quiros.
Anno 1595 betrat Pedro Fernandez de Quiros als erster Weißer Nan Madol. »Nan Douwas« imponierte ihm sehr. Solch eine gewaltige Festungsanlage, so schlussfolgerte der recht materiell denkende Seemann, musste doch immense Schätze bergen. Vergeblich suchte er nach Wertvollem und verschwand enttäuscht. Anno 1686 sahen sich Spanier »Nan Douwas« an. Sie beanspruchten den gesamten Inselkomplex als Besitz der spanischen Krone. Auch die neuen Herren suchten vergebens nach kostbaren Schätzen.

Anno 1826 landete James O’Connel als Schiffbrüchiger. Ihm wurde ob der Einheimischen Angst und  bange. Freilich erwiesen sich seine Befürchtungen als unbegründet. Der wackere Ire kam erst gar nicht auf den Speiseplan der einheimischen Kannibalen, die damals angeblich noch der Menschenfresserei huldigten. Er heiratete eine Einheimische und ließ sich am ganzen Körper tätowieren. Die Meister jener Kunst genossen es, die weiße Haut mit komplizierten Motiven zu überziehen. (Später zog O’Connel mit einem Zirkus um die Welt und ließ sich gegen Barbezahlung bestaunen.) Wenn je ein Außenstehender das Vertrauen der Einheimischen genossen hat, dann war es der einstige Schiffbrüchige. Auch er erfuhr freilich nichts von einem Schatz auf »Nan Douwas«.
    
Foto 6: Nebeneingang von Nan Dowas.

»Nan Douwas« ist freilich nur eine steinerne Anlage der mysteriösen Art von vielen. Sie alle wurden einst auf einer künstlichen Inseln errichtet.

»Dapahu« gilt heute als eines der ältesten künstlichen Eilande, soll etwa 230 nach der Zeitwende erbaut worden sein. Solche Datierungen sind freilich fragwürdiger denn je. Gewiss, es fanden sich hier mehr auswertbare Spuren als sonst wo in Nan Madol: unzählige Töpferwaren. Ist es aber nicht eher unwahrscheinlich, dass in den angeblich ältesten Bauwerken die meisten Spuren der einstigen Bewohner gefunden wurden? Wahrscheinlicher ist es doch, dass dort, wo besonders viele Tonwaren gefunden wurden, historisch gesehen zuletzt gesiedelt wurde. Dann aber wäre »Dapahu« nicht die älteste, sondern die jüngste Anlage. Dann müssten folgerichtig die anderen noch älter sein.
    
Foto 7: Gab es einst eine »Apokalypse« in der Südsee?

Diese Annahme wird auch durch die örtliche mündliche Überlieferung bestätigt! Auf Dapahu sollen einst die Speisen für die ersten Herrscher von Nan Madol zubereitet worden sein. Besonders hohes Ansehen genossen die Schiffsbauer. Die Besten der Besten arbeiteten für die hohen »Chefs«. Sie hatten auf Dapahu ihre Werkstätten. Oder sollte man besser sagen: ihre Büros? Denn die Herrscher mieden allem Anschein nach wo immer das möglich war jeden Kontakt mit der »niederen Bevölkerung«.

»Pahn Kadira« war, so mutmaßt man, das logistische Zentrum. Von hier aus wurden die Baumaßnahmen gesteuert. Hier wohnten die besten Steinspezialisten. Sie waren es, die die riesigen Basaltsäulen, die im Norden von Temuen aus dem Boden wuchsen, »fällten«. Allein das erforderte schon erstaunliches Können. Die gewaltigen Kolosse mussten nicht nur »geschlagen« werden. Sie mussten mit enormen Kraftaufwand niedergelassen, zum Boden abgesenkt werden, ohne dass die viele Tonnen schweren »Steinstämme« zerbrachen. Wie wurden sie abgesägt? Schließlich stand den Spezialisten damals angeblich kein Metall zur Verfügung!

Foto 8: Auch die Osterinsulaner sollen von einem »Atlantis« der Südsee gekommen sein.

In einer kleinen Privatbibliothek in Kolonia durfte ich einige erstaunliche Werke einsehen, die die Ursprünge von Nan Madol zu ergründen versuchten.  Dr. Campbell, ein Schiffsarzt, der anno 1836 Nan Madol besuchte, mutmaßte, dass die künstlichen Inseln von einer Rasse bebaut wurden, über die nichts mehr in Erfahrung gebracht werden könne. Es gebe nicht nur auf den künstlichen Inseln, sondern auch auf Ponape alias Pohnpei erstaunliche Bauten. Längst seien sie vom Urwalddickicht verschlungen und kaum noch zu finden.

Zweimal bekam ich vor Ort eine Legende erzählt, demnach kamen einst siebzehn Frauen und Männer aus einem Land weit im Süden und schufen die Fundamente der »Tempel«. Erst sehr viel später kamen die Zwillingsbrüder Olisihapa und Olsohapa in einem »riesigen Kanu«. Die Heimat der beiden Zauberer, so wird überliefert, wurde in einer katastrophalen Apokalypse zerstört und versank schließlich im Meer. Kanamwayso könnte mit der Urheimat der Osterinsulaner identisch sein. Auch die Mythologie der Osterinsel kennt ein uraltes Königreich im Pazifik, das in den Fluten versank. Der fliegende Gott Make Make soll dem Priester Hau Maka sozusagen im letzten. Moment, als neue Heimat die Osterinsel gezeigt haben. Olisihapa und Olsohapa konnten, so weiß es die mündlich  weitergereichte Mythologie, riesige Steinsäulen durch die Luft schweben lassen und zu Monstermauern und Riesentempeln auftürmen.

Foto 9: Nach wie vor mysteriös - die Osterinsel.

Zu den Fotos
Foto 1: Steinerner "Tempel" von Nan Madol. Foto um 1898, Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Pandanus. Foto Wikimedia commons/ public domain/ Luke Skywalker
Foto 3: Massives Inselfundament. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Massive Steinsäulen unter Wasser. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Pedro Fernandez de Quiros. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Nebeneingang von Nan Dowas. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Gab es einst eine »Apokalypse« in der Südsee? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Auch die Osterinsulaner sollen von einem »Atlantis« der Südsee gekommen sein.
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Nach wie vor mysteriös - die Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Hier liegt Dapahu. Foto Wiki commons, Hobe/ Holger Behr
(Siehe unten!)


Foto 10: Hier liegt Dapahu. Foto Wiki commons, Hobe/ Holger Behr

»Wo die Reise endet - Künstliche Inseln und das kleine Volk«,
Teil  424 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 04.03.2018




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