Sonntag, 19. März 2017

374 »Zwischen den Zeiten«

Teil  374 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein 


An alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim diesjährigen Seminar "Phantastische Phänomene": Meine Aktion "Hilfe für Obdachlose in Bremen" erbrachte insgesamt Euro 155,00. Ich habe "aufgestockt" auf Euro 175,00 und das Geld überwiesen an "Die Bremer Suppenengel e.V." Ich danke allen, die zum Erfolg beigetragen haben. Recht herzlich - Walter.                      

Foto 1: Nach dem Bombenterror!

27. November 1944. Die Britische Luftwaffe lässt ein Inferno über das abendliche Freiburg hereinbrechen. 150.000 Bomben werden abgeworfen, die Innenstadt versinkt in Schutt und Asche. Wie durch ein Wunder bleibt das Münster weitestgehend verschont. Keinen einzigen direkten Treffer bekommt das prächtige Gotteshaus ab. Nur der Chorumgang und das Dach des Hochchores werden durch Bombentreffer im Bereich des Münsterplatzes beschädigt. Auch nach dem himmlischen Bombardement, das Zeitzeugen freilich mehr an einen Ausbruch der Hölle erinnerte, steht stolz der Westturms des Münsters, der auch heute noch das Wahrzeichen von Freiburg im Breisgau ist. Gläubige Christen dankten der Patronin des Gotteshauses. War es der Beistand Marias, der das Münster den massiven Bombenabwürfen trotzen ließ? Oder war es der Zufall? In keiner Stadt haben britische Bomberverbände auch nur den Versuch unternommen, die ältesten sakralen Bauten zu verschonen.

Dem Haupteingang des Münsters zu Freiburg nähert man sich durch das Erdgeschoss des mächtigen Westturms. Und schon steht man vor, nein in einem dreidimensionalen »Bilderbuch«, dessen Detailfreudigkeit mehr als nur erstaunt. Man ist umgeben von einer Fülle von Figuren, von denen es zu viele gibt, als dass man sie wirklich erfassen könnte. Für wen wurden sie geschaffen und, banal gefragt, warum, zu welchem Zweck? Wollte man Ende des 13. Jahrhunderts den leseunkundigen Besuchern des beeindruckenden Gotteshauses so etwas wie eine Bibel, die ohne das geschriebene Wort auskommt, bieten?

Foto 2: Der Haupteingang.
Wir stehen vor dem Mittelpfeiler des Westportals. Maria, sie ist die Patronin des Münsters, begrüßt uns. Sie steht zwischen den Türflügeln, die – so erklärt mir ein rundlicher Mönch verschmitzt lächelnd - »erst 1606 geschaffen wurden«. Zu ihren Füßen schläft Jesse, Vater von König David. Aus seinem Leib heraus wächst eine Pflanze. Es ist der Stammbaum Jesu, der im frommen Kirchenlied so umschrieben wird:

»Es ist ein Ros' entsprungen
Aus einer Wurzel zart,
Wie uns die Alten sungen
Von wundersamer Art;
Und hat ein Blümlein bracht
Mitten im kalten Winter,
Wohl zu der halben Nacht.«

Ich tippe diese Zeilen am Abend des 5. Januar 2017. Der Kölner »Express« vermeldet online (1): »Düsseldorf. Die Altstadt. Die Mauer neben dem ›Kom(m)ödchen‹. Grablichter flackern im Wind. Worte  an der Wand: ›Wir bitten um eine Kranzspende.‹ Obdachlose weinen. Sie trauern um ihre ›Elli‹, die  am 28. Dezember hier auf dem Boden in eisiger Kälte starb.«  Was für eine Schande für unser reiches Land. 150 Euro sind gespendet worden, für einen Kranz für »Elli«, die mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht erfroren ist, im Alter von 48 Jahren. Es fällt mir schwer, an meinem Text weiter zu schreiben.

Aus dem Hause Davids musste, so die christliche Überzeugung, der Messias kommen. Das soll der schlafende Jesse mit dem aus seinem Leib wachsenden Stammbaum darstellen. Direkt darüber: die »Trumeau-Madonna« mit dem Jesuskind auf dem Arm. Als »Trumeau« bezeichnet man den mittleren Steinpfeiler eines Portals, auf dem das Tympanon zu ruhen scheint. Der Ausdruck »Tympanon« beschreibt eine Schmuckfläche, wie man sie im Halbrund von Kirchenportalen findet.

Foto 3: Das Tympanon
Wir heben den Blick zum Tympanon. »Mein« rundlicher Mönch erklärt mir: »Beachten Sie  das Tympanon über der Tür. Aus welchem Material mag es gefertigt sein?« Ich antworte: »Aus Holz…« Mild lächelt der kundige Mönch: »Der Eindruck kann entstehen, ist aber falsch. »Das Tympanon besteht aus sechs Steinplatten, die jeweils 45 Zentimeter dick sind. Das heißt: dick waren. Denn aus diesen Steinplatten hat man die filigranen Figuren reliefartig herausgearbeitet.«

Das Tympanon zeigt nicht etwa ein Bild, sondern eine ganze Reihe von Einzelbildern, die in mehreren »Etagen« übereinander aneinander gereiht sind. Man könnte von Einzelbildern aus einem Filmstreifen sprechen, der eine Geschichte erzählt. Oder ist ein anderer Vergleich treffender? Entstanden ist die Szenenfolge im späten 13. Oder frühen 14. Jahrhundert. Ursprünglich waren die säuberlich gemeißelten Figuren braun-grau, im 19. Jahrhundert wurden sie farblich gefasst. In den Jahren 1999 bis 2004 wurden sie aufwändig gereinigt. Umweltschmutz hatte sich im Laufe der Jahrhunderte wie ein Schleier über die steinernen Bildnisse gelegt.

Foto 4: Die Hirten auf dem Felde.
Heute halten engmaschige Netze Tauben von den sakralen Darstellungen fern. So wichtig der Schutz der  rund 800 Jahre alten Kostbarkeiten auch ist, die Netze stören beim Betrachten doch erheblich, besonders wenn man Details erkennen möchte. Fotografieren wird nicht einfacher durch diese Maßnahme. So entstehen viele Aufnahmen, die die kunstvollen Figuren des Tympanons in den Hintergrund rücken und die engen Maschen in den Vordergrund stellen.

Der sakrale Comicstrip beginnt mit »Bild 1« rechts unten. Wir erkennen, was dargestellt werden soll: Den »Hirten auf dem Felde« wird die Geburt des Heilands verkündet. Ein Engel (?) bläst in ein gewaltiges Horn, ein Engel verkündet die »frohe Botschaft«. Ein Hirte geht am Stock, führt seinen Hütehund an der Leine und blickt empor zum Engel, der ein kurzes Schriftband hält. Wenig beeindruckt zeigen sich die Schafe, die munter äsen. Vorsicht ist geboten. Die Bilder des Tympanons sind – anders als bei unseren heutigen Comics – nicht voneinander getrennt, sie gehen teilweise ineinander über. Die Totenköpfe über der idyllischen Szene haben mit den Hirten nichts zu tun. Links schließt sich schon die nächste Szene an. Wir wissen, was dargestellt werden soll. Auf dem prächtigen Bett, das so gar nicht in einen ärmlichen Stall von Bethlehem passt, ruht natürlich Maria, die »Gottesmutter«. Sie liebkost zärtlich das reichlich groß geratene Jesuskind. Das Baby mit lockigem Haupthaar wirkt eher wie ein Erwachsener als ein Neugeborenes. Ochs und Esel stehen dabei.

Foto 5: Jesu Geburt im Stall von Bethlehem.

Was »erzählt« uns das Bild? Die biblische Geschichte von Jesu Geburt. DIE Geschichte gibt es nicht. Lesen wir nach bei Lukas (2):  »Und als sie dort (in Bethlehem, der Autor) waren, da kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.« Weitere Angaben zur Geburtsstätte Jesu finden sich nicht bei Lukas. Als Europäer assoziieren wir allerdings  »Krippe« mit »Stall«. Von einem Stall aber ist bei Lukas nichts zu lesen, auch nicht bei Matthäus. Matthäus (3) weiß nur etwas von einem „Haus“. Wurde Jesus nun in einem Stall oder in einem Haus geboren? Das Tympanon lässt keinen Zweifel aufkommen: Es versetzt die Geburt Jesu in einen Stall, Ochs und Esel schauen zu. In den Evangelien der Bibel freilich gibt es derlei Beschreibungen nicht. Wie kamen nun Ochse und Esel ins fromme Bild? Die braven Tiere werden von den Evangelisten an keiner Stelle erwähnt.

Foto 6 Das große »Jesusbaby«.
Die Erklärung: Begierig suchte man auch noch Jahrhunderte nach Jesu Tod am Kreuz im Alten Testament nach Hinweisen auf Jesus. Bei Habakuk wurde man fündig (4): »Herr, ich habe die Kunde von dir gehört, ich habe dein Werk gesehen, Herr! Mache es lebendig in naher Zeit, und lass es kundwerden in naher Zeit.« Man muss schon über eine ausgeprägte Fantasie verfügen, damit man hier auch nur einen Hauch von Jesus erkennt. Für den frommen Interpreten heißt die Aufforderung, Gott möge sein Werk lebendig machen, er möge seinen Sohn Jesus schicken. Wann? Schaut man ins Hebräische und übersetzt wörtlich, liest man (5): »Jahwe, ich hörte von dir, ich stehe in Furcht vor deinem Wirken inmitten der Jahre. Erneuere es inmitten der Jahre.«
    
»Inmitten der Jahre« könnte auch »inmitten der Zeiten heißen« oder »zwischen den Zeitaltern«. Von irgendwelchen Tieren ist keine Rede. Im Griechischen der Septuaginta-Bibel (nicht in der lateinischen Ausgabe!) wird der Anlass zur Verwechselung geboten! Wo von »zwischen den Zeitaltern« gesprochen wird, steht da »zoe«. Und Tier heißt »zoon«. Die Ähnlichkeit führte zu einer sinnentstellenden, falschen Übersetzung. Jetzt ist nicht mehr von »zwischen den Zeiten«, sondern »zwischen den Tieren« die Rede! Und weil »zwischen Tieren« zu allgemein formuliert war, entschied man sich, um die Geschichte plastischer und konkreter werden zu lassen, für Ochs’ und Esel.
    
Frühestens im sechsten Jahrhundert nach Christus, als die Arbeiten an den Texten des Neuen Testaments längst abgeschlossen waren, entstand der sogenannte »Pseudo-Matthäus«. In Teilen der frühen Kirche wurde der apokryphe Text auch im Gottesdienst gelesen. In die Bibel wurde er aber nie offiziell aufgenommen. Im Pseudo-Matthäus lesen wir (6): »Dann trat Maria in einen Stall, legte das Kind in der Krippe nieder, und Ochse und Esel beteten es an.« Es mag ernüchternd sein: Das uns so vertraute Bild vom Jesusbaby in der Krippe zwischen Ochs‘ und Esel, seit Jahrhunderten nachgestellt in unzähligen Krippen, basiert auf einem Übersetzungsfehler. Im Tympanon wird uns das im Volksglauben verankerte Bild, wie wir es aus Krippen kennen, gezeigt.

Foto 7: Ochs' und Esel
Am Fußende des Betts hockt nachdenklich ein bärtiger Mann. Vermutlich soll das Joseph sein, dem womöglich noch immer nicht so recht klar ist, wie denn Maria, seine junge Frau, zum Kinde kam. Am Kopfende steht eine weitere Gestalt mit einer goldenen Krone. Sie hält eine Kerze, erleuchtet das Szenario im Stall von Bethlehem. Ist es eine Königin? Gehört sie zu den »Drei Heiligen Königen«? Oder stammt sie aus dem Umfeld der hartherzigen Menschen, die Maria und Joseph nur einen Platz im Stall, nicht aber in der Herberge zuwiesen? Aber warum trägt sie dann eine Krone? Die »theologische« Erklärung: Hier steht die allegorische Verkörperung der heiligen christlichen Kirche.

Fußnoten
1) http://www.express.de/25480844
2) »Das Evangelium nach Lukas« Kapitel 2, Verse 6 und 7
3) »Das Evangelium nach Matthäus« Kapitel 2, Vers 10
4) »Prophet Habakuk« Kapitel 3, Vers 2
5) Übersetzung aus dem Hebräischen durch den Verfasser
6) Daniel-Rops, Henri: Die apokryphen Evangelien des Neuen Testaments, Zürich 1956, S. 58

Foto 8: Joseph und Engel
Zu den Fotos
Foto 1: Nach dem Bombenterror! Freiburg 27.11.1944. Fotograf unbekannt. Archiv Langbein
Foto 2: Der Haupteingang. Foto wikimedia commons/ Todor Bozhinov
Foto 3: Haupteingang Freiburger Münster/ Tympanon. Foto wiki commons/
Daderot
Foto 4: Die Hirten auf dem Felde. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Jesu Geburt im Stall von Bethlehem. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6 Das große »Jesusbaby«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Ochs‘ und Esel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Nachdenklicher Joseph und ein Engel. Foto Walter-Jörg Langbein




375 »Tod und Teufel«,
Teil  375 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 26.03.2017



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Sonntag, 12. März 2017

373 »Alexander fliegt in den Himmel«

Teil  373 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1-3: Das Münster zu Freiburg 1931-1944

»Hören Sie endlich auf, sich mit diesem Österreicher zu beschäftigen!«, ermahnte mich streng der Leiter eines christlichen Studentenheims nach meinem Vortrag über den Schweizer Erich von Däniken und seine »Astronautengötter«. »Der Mann schreibt doch nur Unsinn! Warum haben Sie denn in Ihrem Vortrag nicht darauf hingewiesen, dass nach diesem Däniken der Weihnachtsbaum eine Rakete darstellt? Es war Ihnen wohl auch peinlich, dass dieser Scharlatan die Glaskugeln am Weihnachtsbaum für Nachbildungen von UFOs hält?« Höflich wies ich darauf hin, dass nirgendwo in Erich von Dänikens Büchern so ein Unsinn steht und dass Erich von Däniken auch nicht in seinen Vorträgen derlei hirnrissige Thesen vertritt. »Oder haben Sie das irgendwo bei Däniken gelesen?« Der Leiter des Studentenheims winkte ab. »Ich und Däniken lesen? Ich bitte Sie! So etwas unterstellen Sie mir?«

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte habe ich immer wieder erlebt, dass gerade die schärfsten Gegner dänikenschen Gedankenguts wenig oder gar nichts von E.v.D. gelesen zu haben. »Mein« Pfarrer ließ sich durch Fakten nicht beirren. Er schwadronierte weiter: »Diese Himmelfahrten von Alexander dem Großen und Menschen wie Henoch und Elias hat es nicht gegeben!« Ich hatte in meinem Vortrag auf das weltweit auftretende Phänomen von Himmelsreisen hingewiesen.

Foto 4: Freiburg kurz vor Kriegsende 1944.

An meinen Vortrag, den ich Mitte der 1970er in Erlangen gehalten habe, erinnere ich mich lebhaft, als ich mit Ingeborg Diekmann vor dem Eingang zur einstigen Nikolaus-Kapelle im Münster zu Freiburg stehe. Da wurde nämlich in den Stein eine seltsam anmutende Szene gemeißelt. Die präzise ausgearbeitete Darstellung zeigt einen Menschen, der in einer Art Bottich oder Gondel sitzt. Rechts und links sieht man zwei große Greifvögel, die – an Schnüren angebunden – den Menschen in die Lüfte tragen. Sind es Adler? Oder sollen zwei Exemplare des mystisch-mythischen »Vogel Greif« gemeint?

Fotos 5 und 6: Alexanders Himmelfahrt

Nach übereinstimmender Meinung der Experten handelt es sich bei dem Mann um keinen Geringeren als Alexander den Großen. Als Vorlage für die Reliefarbeit vom Freiburger Münster diente wohl eine sehr alte, zunächst mündlich überlieferte Sage, die schließlich im dritten Jahrhundert in Alexanders Vita eigearbeitet wurde. Verschiedene Fassungen der Geschichte von Alexanders »Himmelfahrt« sind im byzantinischen Reich nachweisbar, wo sie schon im 4. nachchristlichen Jahrhundert kursierten. Noch im 7. Jahrhundert sollen Alexander-Biografien fabuliert worden sein.

Foto 7: Alexanders Himmelfahrt.

Das Pfarrhoftor von St. Peter und Paul in Remagen ziert eine »Himmelfahrt« Alexanders, an einem der niedrigen Säulenkapitelle am Eingang zur einstigen Nikolaus-Kapelle sehen wir ein ähnliches Szenario. Mit List gelingt es Alexander, die Greifvögel dazu zu bringen, ihm als treibende Kraft zu helfen und in den Himmel zu fliegen. Alexander hält in beiden Händen je einen Spieß mit einem Hasen als Lockmittel. Die Greifvögel wollen natürlich die Hasen vertilgen und versuchen sie zu fangen. Doch wie hoch sie auch fliegen, der scheinbar so leicht erreichbaren  Beute an den Spießen kommen sie keine Handbreit näher. So sehr sich die mächtigen Vögel auch anstrengen, Alexander hält die beiden Spieße eisern fest. So bleibt der Abstand von den Hasen zu den Schnäbeln der Adler immer gleich.

Fotos 8 und 9: Prinzip Lukas der Lokomotivführer.

In Michael Endes »Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer« kommt das gleiche Prinzip zum Einsatz. Lukas, der Lokomotivführer befestigt an der eisernen Lokomotive Emma ein Gestänge mit einem Magneten am Ende. Der Magnet zieht die Lokomotive zu sich heran, das Gestänge hält aber den Magneten immer in gleichbleibender Distanz. So fährt und fliegt Emma, die wackere Lokomotive, immer in Richtung Magnet. Sie kann ihn aber nie erreichen, da das Gestänge immer für den gleichen Abstand sorgt. Der Magnet, darauf beruht das Lukas-Prinzip, zieht die Lokomotive zu sich heran, das Gestänge aber schiebt den Magnet gleichzeitig weiter weg, und so bewegt sich die Lokomotive, auf den Wogen des Meeres, in der Wüste wie in den Lüften. Freilich funktioniert die Lokomotive als »perpetuum mobile« nur in der »Augsburger Puppenkiste«.

Foto 10: Alexanders Himmelfahrt

Die Darstellung von Alexanders Himmelfahrt hat auf den ersten Blick wirklich nichts Christliches an sich. Für Strenggläubige ist sie sogar blasphemisch, denn ein heidnischer Regent darf doch nicht wie später Jesus in den Himmel aufgefahren sein! Warum wurde die heidnische Legende in einem christlichen Gotteshaus angebracht? Wenn man keine plausible Erklärung für ein Kunstwerk anzubieten hat, dann greift man gern zum Begriff »Allegorie«. Zieren geschnitzte Darstellungen von heidnischen Göttinnen den rätselhaften Altar im Kirchlein »St. Michael« zu Kirchbrak, dann sind das natürlich allegorische Darstellungen. Im damals jugoslawischen Crikvenica kam ich mit einem Kirchenrestaurator ins Gespräch. Er zeigte mir an einem beachtlichen Säulenkapitell in einer eher kleinen, dörflichen Kapelle ein kleines kurioses Relief. Es stellte eine bärtige Person darf, die – auf einer Art  sitzend – von zwei gewaltigen Adlern in den Himmel getragen wurde. Hoch über dem Geschehen waren noch drei oder vier Sterne zu erkennen, die einst golden angemalt waren. »Sieht aus wie ein Astronaut!«, lachte der Restaurator. »Aber das hört man hier nicht gern. Also erklärt man die Darstellung zur Allegorie. Wenn etwas Allegorie heißt, darf alles in einer Kirche gezeigt werden!«

Offen gesagt: Der Mann auf der Wolke erinnerte mich überhaupt nicht an einen Astronauten. Zudem waren Teile seines Körpers nur noch zu erahnen oder schon ganz weggebröckelt. Aber unbestreitbar war, dass da jemand gen Himmel geflogen wurde.

Der Alexander der Große von Freiburg, der bei seiner Himmelfahrt zu den Sternen geschafft wird, stellt – als Allegorie – natürlich keinen realen Aufstieg von der Erde in den Himmel dar. Da klingen nicht etwa Erinnerungen an kosmische Reisen in grauer Vorzeit an, das wäre ja nicht christlich. Im übersichtlichen Führer »Das Münster zu Freiburg im Breisgau« heißt es klipp und klar (1): »Auf dem Kapitell ist die Himmelfahrt des mazedonischen Königs Alexander sinnbildlich für den menschlichen Hochmut dargestellt.« (2)

Foto 11: »Allegorische Darstellungen« von Kirchbrak.

So ganz aus der Luft gegriffen ist diese Erklärung zunächst nicht. »Das große Kunstlexikon von P.W. Hartmann« weiß Interessantes zu berichten (3): »Der Sage nach ließ sich Alexander der Große von einem Adler- oder Greifengespann Richtung Himmel bringen, wurde aber von einem geflügelten Wesen zur Umkehr gezwungen. Im Mittelalter galt das Motiv als Symbol für den Hochmut.« Pius Enderle schreibt (4): »Die Umformung der geschichtlichen Taten Alexanders des Großen in das Reich der Sage setzte schon innerhalb der hellenistischen Zeit ein. Im Mittelalter fand die Legende von der Greifenfahrt Alexanders des Großen in der Literatur und Kunst zahlreiche Darstellungen, in welche sich die Freiburger Skulpturengruppe einreiht.« (5)

Nach Enderle wurden historische Begebenheiten aus dem realen Leben Alexanders in Sagen verarbeitet. Ich frage mich wie so oft beim Betrachten sakraler Kunstwerke und bei der Lektüre uralter Mythen, ob es heute noch möglich ist, den realen Hintergrund hinter märchenhaft-mythologisch anmutenden Darstellungen zu erkennen. Konkreter: Ist es möglich, dass es vor Jahrtausenden kosmische Besucher auf unserem Planeten gab, die als Götter in Mythen Eingang fanden und auf »religiösen« Darstellungen verewigt wurden? Haben die Reisen Alexanders und Fausts in den Himmel einen realen Hintergrund?

Für christliche Interpreten begeht Alexander, der in den Himmel reisen möchte, eine der sieben klassischen »Todsünden« (6). Der Begriff der »sieben Todsünden« ist theologisch eigentlich falsch, theologisch korrekt ist der Begriff »Hauptlaster«. Im Verlauf der vergangenen eineinhalb Jahrtausende gab es verschiedene, leicht voneinander abweichende Listen dieser besonders schweren Sünden. Die klassischen »7 Todsünden« – ich verwende den im Volksglauben weit verbreiteten Begriff – sind Superbia (Hochmut), Avaritia (Geiz), Luxuria (Wollust), Ira (Zorn), Gula (Völlerei), Invidia (Neid) und Acedia (Trägheit).  Aus christlich-theologischer Sicht war Alexander der Große hochmütig und beging die schwere Sünde der Hoffart und die steht für den Theologen (7) »am Anfang aller menschlichen Laster«.

Foto 12: Allegorie oder Göttin?

Was die Theologie verteufelt, priesen die frühen Alexander-Romane als höchst positive Eigenschaft (8): »Mit Wissensdurst und positiver Neugier wurde hier die unerhörte Tat Alexanders begründet, doch galt sie, insbesondere in Klerikerkreisen, auch und vor allem als Zeugnis eines sündhaften Hochmuts.« Religiöser Fundamentalismus macht den Menschen klein. Er hat nicht voller Forscherdrang nach wissenschaftlicher Erkenntnis zu suchen. Vielmehr hat er zu glauben und nicht etwa zu hinterfragen, was in »seinem« vermeintlich göttlich-heiligen Buch steht, sei es das Alte Testament, sei es die Bibel als Ganzes, sei es der Koran. Für den religiösen Fundamentalisten ist es sinnlos, außerhalb des jeweils gültigen »heiligen Buches« nach der Wahrheit zu suchen. Man hat sich darauf zu beschränken, die vermeintlich göttliche Offenbarung zu studieren und zu verinnerlichen, nicht etwa anzuzweifeln.

Wer daran glaubt, dass ein »heiliges Buch« die göttliche Wahrheit bietet, sieht gern menschliches Streben nach eigener Erkenntnis als sündhaften Hochmut an. Ein wie auch immer geartetes »heiliges Buch« verbietet geradezu eigenes Nachdenken, zweifelt man doch Gottes Wahrheit an, wenn man sich selbst auf die Suche nach Wahrheit macht und nicht davor zurückschreckt, logisches Denken dem Nachplappern vermeintlich göttlicher Wahrheiten vorzuziehen.

Foto 13: Allegorie oder Göttin Venus mit Taube?
Fußnoten
1) »Freiburger Münsterbauverein« (Hrsg.): »Das Münster zu Freiburg im Breisgau«, 4., überarbeitete Auflage, Lindenberg 2007, Seite 40, rechte Spalte, Zeilen 4-6 von oben
2) Siehe hierzu auch  Farnell, Lewis R.: »Greek Hero Cults and Ideas of Immortality«, Oxford 1921
3) http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_275.html (Stand 3.12.2016)
4) Enderle, Pius: »Der Neue David und das Neue Jerusalem/ Zur Typologie-Symbolik am Freiburger Münster«, Verlag Karl Schillinger, Freiburg 1983, S. 36
5) Anmerkung des Verfassers: Die Bezeichnung »Skulpturengruppe« ist irreführend. Es handelt sich nicht um Skulpturen, sondern kleinformatige Flachreliefs.
6) Buterus, Alexandra et.al. »Die 7 Todsünden/1.700 Jahre Kulturgeschichte zwischen Tugend und Laster«, Münster 2015
7) Freiburger Münsterbauverein (Hrsg.): »Das Freiburger Münster«, 2. Auflage,
Regensburg 2011, S. 188
8) ebenda


Zu den Fotos
Fotos 1-3: Das Münster zu Freiburg 1931-1944. Foto 1 1931, Foto 2 Foto 1940, Foto 3 1944. Fotos Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Freiburg kurz vor Kriegsende 1944. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein 
Fotos 5 und 6: Alexanders Himmelfahrt. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Alexanders Himmelfahrt. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Prinzip Lukas der Lokomotivführer. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Alexanders Himmelfahrt aus Pius Enderles Der Neue David und das Neue Jerusalem Zur Typologie-Symbolik am Freiburger Münster Verlag Karl Schillinger Freiburg 1983. Abdruckgenehmigung telefonisch eingeholt.

Foto 11: »Allegorische Darstellungen« von Kirchbrak. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Allegorie oder Göttin (Kirchbrak). Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 13: Allegorie oder Göttin Venus mit Taube? (Kirchbrak) Foto Walter-Jörg Langbein

An alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim diesjährigen Seminar "Phantastische Phänomene": Meine Aktion "Hilfe für Obdachlose in Bremen" erbrachte insgesamt Euro 155,00. Ich habe "aufgestockt" auf Euro 175,00 und das Geld überwiesen an "Die Bremer Suppenengel e.V." Ich danke allen, die zum Erfolg beigetragen haben. Recht herzlich - Walter.

374 »Zwischen den Zeiten«,
Teil  374 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 19.03.2017


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Sonntag, 5. März 2017

372 »Vom Mönch, vom Wolf und von einem Sonnengott«

Teil  372 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Portal zur Nikolauskapelle
Mit Ingeborg Diekmann stehe ich vor dem Eingang zur einstigen Nikolaus-Kapelle im Münster von Freiburg. Die Lichtverhältnisse sind etwas problematisch. Links sehen oder erahnen wir gespenstische Szenen: Eine merkwürdige Familie – Vater, Mutter, Kind – von Wesen mit Fischschwänzen und Kampfgetümmel zwischen einem Menschen und einem Monster und zwischen zwei Monstern. Mächtig dröhnt die Orgel durch das gewaltige Schiff des Münsters, die eigentlich eine Kathedrale ist.

Wir blicken durch die Gittertür in die Dunkelheit dahinter. Hier schloss sich einst die Nikolaus-Kapelle an. Rosa Enderle schreibt kurz und bündig in ihrem vorzüglichen Werk »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben« (1): »Das Kapellen-Innere war einst farbig ausgemalt und vom Licht durchflutet. Ein Rankenfries mit Lebenssymbolen durchzieht die ganze Kapelle.« Von der einstigen Farbenpracht ist nichts mehr geblieben. Aus der mysteriösen Kapelle ist ein Durchgangsraum geworden.

Wir wenden uns der rechten Seite zu. Auch hier gibt es niedrige Säulen mit Kapitellen, auch hier wurden mysteriöse Szenen in Stein verewigt, die so gar nicht in eine christliche Kirche passen. Aufschlussreich sind drei Buchstaben, die sorgsam in den glatt polierten Stein eingraviert wurden: »ABC«. Das Licht fällt von der Seite auf das Steinrelief, das knapp über Augenhöhe angebracht worden ist. Licht und Schatten lassen das Szenario geheimnisvoll erscheinen. Unter dem »ABC« sieht man einen Mönch in seiner Kutte. Er sitzt auf einem Schemel. In seiner rechten Hand hält der Mönch so etwas wie einen Stock. Ihm gegenübersitzt auf seinen Hinterläufen ein wilder Wolf, der die Zähne fletscht. Der Mönch hält dem Wolf so etwas wie eine Schiefertafel hin. Offenbar will er dem Tier die Kunst des Schreibens beibringen, droht ihm Strafe an. Auch der Wolf hat eine Pranke an der Schreibtafel. In der anderen hält er so etwas wie einen Griffel. Sehr aufmerksam ist »Schüler Wolf« freilich nicht. Er blickt vielmehr nicht in Richtung seines Lehrers, sondern über die Schulter in Richtung eines Schafs.

Foto 2: Die Wolfsschule. »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«

Auf dem nächsten Bild hat sich der Wolf dem Mönch zugewendet. Aber tut er das freiwillig? Zieht er das Raubtier an einem Riemen in seine Richtung? Der Wolf freilich hat andere Interessen als der Mönch. Hat er doch jetzt das Schaf gepackt, wohl um es gleich zu fressen. Bilder 1 und 2 nehmen Comicstrips vorweg, und das um viele Jahrhunderte. In Comicstrips werden Geschichten erzählt: als Folge von Einzelbildern. Am Portal zur einstigen Nikolaus-Kapelle erwartet man nun eigentlich, wie die Geschichte mit dem Mönch, dem Wolf und dem Schaft weiter geht. Das aber erfahren wir nicht. Bild 3 zeigt eine Szene aus einer ganz anderen Geschichte, aber aus welcher?

Foto 3: Die Wolfsschule und ein Löwenkampf.

Wir sehen einen Kampf zwischen einem Mann und einem Löwen. Zwei Erklärungen für dieses Bild gibt es: »David kämpft mit dem Löwen!« und »Samson kämpft mit dem Löwen!« Einigkeit herrscht: Gerungen wird mit einem Löwen. Aber wer ist der wackere menschliche Kämpfer? Ist es etwa David?  Tatsächlich überliefert das Alte Testament ein Gespräch zwischen David und Saul (2): »David aber sprach zu Saul: Dein Knecht hütete die Schafe seines Vaters; und kam dann ein Löwe oder ein Bär und trug ein Schaf weg von der Herde, so lief ich ihm nach, schlug auf ihn ein und errettete es aus seinem Maul. Wenn er aber auf mich losging, ergriff ich ihn bei seinem Bart und schlug ihn tot.«

Eindeutig identifiziert ist damit aber die Kampfszene Mensch-Löwe nicht. Gibt es doch eine weitere kurze Beschreibung im Alten Testament, nämlich im Buch Richter (3): »So ging Simson hinab mit seinem Vater und seiner Mutter nach Timna. Und als sie kamen an die Weinberge von Timna, siehe, da kam ein junger Löwe brüllend ihm entgegen. Und der Geist des Herrn geriet über ihn, und er zerriss ihn, wie man ein Böcklein zerreißt, und hatte doch gar nichts in seiner Hand. Er sagte aber seinem Vater und seiner Mutter nicht, was er getan hatte.«

Foto 4: Mönch und Schüler Wolf.

Simson, der in manchen Bibelübersetzungen Samson heißt, wurde zur Symbolfigur mystisch-magischer Kraft. Er war eine Art biblischer »Superman« der als Vertreter Israels gegen die feindlichen Philister kämpfte. Simson, der in wütender Raserei eintausend Männer mit einem Eselsknochen erschlagen hatte (4), geriet in die Gefangenschaft der Erzfeinde. Die Philister beraubten ihn seiner märchenhaften Kraft, stachen ihm die Augen aus und zwangen ihn zu demütigender Arbeit. Mit Gottes Hilfe erstarkt Simson wieder und bringt eine Festhalle zum Einsturz. Er selbst und dreitausend Philister starben (5). Offenbar war Simson ursprünglich sehr viel mehr als nur ein muskelbepackter menschlicher Held, nämlich ein einstmals angebeteter Sonnengott. »Simson« ist die Verdeutschung des hebräischen Namens Schimschon, und der lässt sich übersetzen mit »von der Sonne«, aber auch »Kleine Sonne« oder »Sönnchen« übersetzen. Meine Vermutung: Weil Simsons Wirken als himmlischer Heros nicht in Vergessenheit geriet, degradierten ihn biblische Autoren vom Sonnengott zum menschlichen Superhelden. Seine Taten finden sich noch heute im Buch der Richter (6) ausführlich beschrieben. Samsons gewalttätiges Leben endete gewalttätig (7):

Foto 5: Der Wolf will das Schaff fressen.

»Das Haus aber war voller Männer und Frauen. Es waren auch alle Fürsten der Philister da, und auf dem Dach waren etwa dreitausend Männer und Frauen, die zusahen, wie Simson seine Späße trieb. Simson aber rief den Herrn an und sprach: Herr, denke an mich und gib mir Kraft, Gott, noch dies eine Mal, damit ich mich für meine beiden Augen einmal räche an den Philistern. Und er umfasste die zwei Mittelsäulen, auf denen das Haus ruhte, die eine mit seiner rechten und die andere mit seiner linken Hand, und stemmte sich gegen sie.  Und sprach: Ich will sterben mit den Philistern! Und er neigte sich mit aller Kraft. Da fiel das Haus auf die Fürsten und auf alles Volk, das darin war, sodass es mehr Tote waren, die er durch seinen Tod tötete, als die er zu seinen Lebzeiten getötet hatte.«

Foto 6: Der Wolf hat das Schaf gepackt ...

Ich meine, dass man den Löwenbezwinger vom Fries am Eingang zur ehemaligen Nikolaus-Kapelle als Simson identifizieren kann. Überliefert uns doch das Buch der Richter Simsons Geheimnis. Da enthüllt der Kraftprotz der verführerischen Delila (8): »Wenn ich geschoren würde, so wiche meine Kraft von mir, sodass ich schwach würde und wie alle andern Menschen.« Auf dem Relief am Eingang zur einstigen Nikolaus-Kapelle ist der Löwenbesieger mit sehr langen Haaren dargestellt, die ihm bis in die Kniekehlen gereicht haben dürften. »Ketzerische Frage«: Erinnert ein Relief im Münster zu Freiburg an einen alten Sonnengott, der in einen irdischen »Superman« verwandelt wurde? I m sogenannten Tympanon des Haupteingangs jedenfalls prangt ganz oben in der Spitze – eine Sonnenscheibe, als Symbol für den Sonnengott von einst?


Foto 7: Mönch, Wolf und Schaf.
Wer Biblisches und Vorbiblisches in einen Topf wirft, handelt der wie ein Ketzer?
Oder wie einer, der den Quellen biblischer Überlieferungen auf den Grund geht? Wer etwa Jesus mit einer uralten Sonnengottheit in Verbindung bringt, verfälscht der da christlichen Glauben? Oder zeigt er auf, aus welchen Quellen das Urchristentum schöpfte? Zur Zeit Konstantin des Großen (274-337) wird Jesus in der frommen Kunst entweder als Mann mit kurzem oder mit lockigem Haar gezeigt. Er ist jugendlich, ja maskulin schön in diesen Darstellungen, die ganz offensichtlich von Bewunderern Jesu geschaffen wurden. Offenbar war man der Ansicht, dass Gottes Sohn auf Erden nur schön gewesen sein kann.

In jener Zeit kursierten zahlreiche bildliche Darstellungen von Göttern aus dem Mittelmeerraum. Sie werden gern in heldenhafter Pose dargestellt. Besonders beliebt war anscheinend der Sonnengott Helios. Offensichtlich gab es in der Götterwelt Konkurrenzdenken. Und Jesus wurde als Rivale angesehen. Jesus sollte natürlich nicht nachstehen, also schufen christliche Künstler Jesus als Helios im Sonnenwagen. In einem Grabmal ausgerechnet unter der Peterskirche legten Archäologen eine ansprechende künstlerische Arbeit frei. Sie vereint »heidnische« Götterwelt und christliches Missionsstreben. Also verewigte man Jesus als Apollo, der mit starker Hand seinen himmlischen Sonnenwagen durch die himmlischen Lüfte führt. Doch auch der heldenhafte Jesus verschwand wieder aus der Kunst und wich einem älteren Jesus, der mehr an einen sorgenvollen guten Hirten als einen olympischen Gott erinnert.

Foto 8: Wer kämpft da mit einem Löwen?

Tauchte vor rund einem Jahrtausend ein uralter Sonnengott im Fries des Eingangs zur einstigen Nikolaus-Kapelle wieder auf? Kam vorchristliches Glaubensgut – Sonnengott als Simson – wieder aus der Versenkung? Glaubenswelten haben oft sehr, sehr tiefe Wurzeln. Vermeintlich »neue« sakrale Bilder werden häufig immer wieder übernommen und überleben so manchen Wandel zu »neuen« Religionen!


Foto 9: »Superman« Simson mit langen Haaren.
Fußnoten
1) Enderle, Rosa: »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«, Freiburg 1987, S. 41.
Insgesamt sind vier Bände von »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben« im Verlag Schillinger, Freiburg, erschienen. Das Zitat stammt aus Band I
2) 1. Buch Samuel Kapitel 17, Verse 34 und 35
3) Richter Kapitel 14, Verse 5 und 6
4) Das Buch der Richter Kapitel 15, Vers 15
5) Das Buch der Richter Kapitel 16, Verse 27 und 29
6) Das Buch der Richter Kapitel 13-16
7) Das Buch der Richter Kapitel 16, Verse 27-30
8) Das Buch der Richter Kapitel 16, Vers 17


Zu den Fotos
Foto 10: Ein Engel hält eine Sonne im Tympanon.
Foto 1: Das Portal zur einstigen Nikolaus-Kapelle. Ich danke dem Verlag Schillinger für die Abdruckgenehmigung des Gemäldes von Pius Enderle, erschienen in  »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«, Band III, Schillinger
Verlag Freiburg i.Br., 1993, S. 23. Ich danke dem Verlag Schillinger für die Abdruckgenehmigung des Gemäldes von Pius Enderle. Telefonat: 30.11.2016, vormittags.
Foto 2: Die Wolfsschule. »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«, Band II Schillinger Verlag Freiburg i.Br. 1990, S. 8. Ich danke dem Verlag Schillinger für die Abdruckgenehmigung des Gemäldes von Pius Enderle. Telefonat: 30.11.2016, vormittags.
Foto 3: Die Wolfsschule und ein Löwenkampf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Mönch und Schüler Wolf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Wolf will das Schaff fressen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Der Wolf hat das Schaf gepackt ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Mönch, Wolf und Schaf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Wer kämpft da mit einem Löwen? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: »Superman« Simson mit langen Haaren. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Ein Engel hält eine Sonne im Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Die Sonne im Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein


Foto 11: Die Sonne im Tympanon.




373 »Alexander fliegt in den Himmel«,
Teil  373 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 12.03.2017


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