Sonntag, 26. Februar 2017

371 »Von Monstern und Götterwagen«

Teil  371 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Das Münster um 1926
Wir haben gründlich die fischschwänzige »Monsterfamilie« studiert. Direkt daneben wurde vor etwa einem Jahrtausend ein Szenario wie aus einem Fantasy-Film unserer Tage in den Stein geritzt: Da kämpfen Fabelwesen! Ich muss noch einmal Eusebius zitieren, der ganz ähnliche Monster beschrieben hat:

»Menschen mit Schenkeln von Ziegen und Hörnern am Kopfe, noch andere, pferdefüßige, und andere von Pferdegestalt an der Hinterseite und Menschengestalt an der Vorderseite. Erzeugt hätten sie (die Götter) auch Stiere, menschenköpfige, und Hunde, vierleibige, deren Schweife nach Art der Fischschwänze rückseits an den Hinterteilen hervorliefen, auch Pferde mit Hundeköpfen...sowie andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte, dazu weiter auch allerlei drachenförmige Unwesen und Fische und Reptilien und Schlangen und eine Menge von Wunderwesen, mannigfaltig gearteten und untereinander verschieden geformten.«

Es ist endlich an der Zeit, dass ein Katalog erstellt wird mit all‘ den Kreaturen, den Monstern, die immer wieder weltweit dargestellt wurden! Man möchte gern diese Horrorkreationen ins Reich der Märchen verbannen, möchte hoffen, dass es sie nie gegeben hat...doch in fast allen Museen der Erde finden sich Abbildungen, präzise Darstellungen jener Wesen. So werden im französischen Louvre Miniaturen aufbewahrt, etwa 4200 Jahre alt, die menschenköpfige Stiere darstellen.

Im Eingangsbereich des Ägyptischen Museums von Kairo sah ich in einer Glasvitrine das in Stein gearbeitete Halbrelief fremdartiger Monster. Ihre Leiber erinnern an Pferde , sie haben Löwenfüße, auf unnatürlich langen Hälsen sitzen verhältnismäßig kleine Köpfe, die an Löwenhäupter erinnern. Angriffslustig stehen die beiden Wesen einander gegenüber, scheinen gleich einander angreifen zu wollen. Noch hindern sie kleine, sehr naturgetreu dargestellte Wesen daran, zerren an Stricken...

Monstermischwesen sind auch auf der Osterinsel dargestellt, und zwar in Halbreliefs in Stein, halb Vogel, halb Mensch. Und Monsterwesen wurden vor fast einem Jahrtausend in den Eingang zur einstigen Nikolauskapelle eingearbeitet. Wurden diese rätselhaften Kunstwerke eigenes für das Freiburger Münster gefertigt? Oder wurden sie von einem älteren Bauwerk – etwa einem Tempel – übernommen? Detlef Zinke schreibt in seinem Beitrag zum opulenten Band »Das Freiburger Münster« (1):

Fotos 2-4:  Links die Monsterfamilie, rechts Duellanten

»Dass der aktuelle Versatz der Werkstücke kaum der ursprünglich beabsichtigte ist und einiges wohl erst baulich passend gemacht werden musste – unmotiviert erscheinende Schnittkanten sprächen dafür -, dürfte ohnehin ein übergreifendes Verständnis erschweren.« Wurden also die rätselhaften Reliefs tatsächlich aus einem älteren Bauwerk übernommen und für den Eingang zur einstigen Nikolauskapelle erst passend gemacht? In Südamerika hat man häufig erstaunlich präzise zugeschnittene Steine aus Inkatempeln in christliche Kirchen eingebaut. Auch hier fehlt ein wissenschaftlicher Katalog mit präzisen Auflistungen, in welchen christlichen Kirchen (etwa in Peru!) wo wie viel Inka-Mauerwerk eingebaut wurde. Die Inkas haben ihrerseits ältere Bausubstanz übernommen.

Foto 5: Die zwei Paare von Duellanten von Freiburg

Die sorgsam gearbeiteten Reliefs kommen mir jedenfalls wie Fremdkörper vor, die nicht so recht in den Kontext des Portals zur einstigen Nikolauskapelle passen. Es will mir so scheinen, als habe man diese Elemente irgendwo heraus gesägt, passend gemacht und neu eingesetzt. Glatte, flach polierte Schnittflächen könnten darauf hinweisen, dass nur Teile der Reliefs übernommen wurden. Womöglich erschien die Originalsubstanz der Reliefs den Steinmetzen vielleicht zu unchristlich und wurde in Teilen bewusst zerstört? Haben die mysteriösen Reliefs also womöglich einen heidnischen Hintergrund? Detlef Zinke jedenfalls konstatiert (2): »Eine Art magischer Wirkung geht noch immer von ihnen aus.«

Foto 6: Die zwei Kampfszenen von Freiburg

Kurz und bündig merkt »Das Münster zu Freiburg im Breisgau« (3) an: »Am Kapitell … eine fischgeschwänzte Sirenenfamilie, daneben zwei Kampfszenen zwischen einem Menschen und einem Greifen und zwei geflügelten Kentauren.« Biblisch ist die Darstellung auf keinen Fall, mir ist auch kein mythologischer Stoff bekannt, der hier in Stein verewigt sein könnte. Insgesamt sind zwei Paare von Duellanten zu erkennen: 

Foto 7: Greif contra Mensch
 Da ist einerseits ein mächtiger Vogel Greif, der sich mit einem Menschen duelliert. Der Vogel Greif: ein Mischwesen, eine Mixtur aus Löwe und Greifvogel. Der Mensch hält zur Verteidigung ein Schild vor sich und hebt gleichzeitig sein Schwert hoch über den Kopf. Offenbar fühlt er sich seinem Gegner gewachsen, ja vielleicht überlegen. Wird es ihm gleich gelingen, den Greif – das Untier dürfte in etwa Pferdegröße haben – zu töten?


Foto 8: Greif gegen Greif
Und da sind andererseits – Paarung Nummer 2 – zwei Kentauren. Auch sie tragen einen mörderischen Zweikampf aus. Sie haben Pferdeleiber mit spitz zulaufenden Flügeln und menschliche Oberkörper. Beide sind mit runden Schilden ausgestattet – und mit Schwertern. Eine der beiden Kreaturen holt mit der Waffe zum Schlag aus, die andere zum Stich. Es gelingt ihm, am Schild vorbei zu stoßen. Der linke Kentaur, scheint mir, wird den Kampf gewinnen. (Foto 8!)

Mischwesen sind mir auf meinen Reisen immer wieder begegnet, zum Beispiel in Indien. Der mächtigste Gott Indiens war – und ist – Shiva. Shiva hatte einen göttlichen Sohn, Ganesha. Ganesha wird schon seit »ewigen Zeiten« als Vermittler zwischen seinem Vater Shiva und den Menschen angesehen. Er wird als Mischwesen dargestellt: auf dem Körper eines Menschen sitzt der Kopf eines Elefanten. Wer Shivas göttlichen Beistand sucht, bittet Ganesha um Hilfe als Kontaktler zwischen einem Irdischen und dem Höchsten. Als besonders glücksbringend gilt es, von einem Elefanten »gesegnet« zu werden. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, diese huldvolle Geste zu empfangen, die schon kleine Elefanten spenden. Sanft legte so ein jugendlicher Repräsentant Ganeshas seinen geschmeidigen Rüssel auf mein Haupt.

Noch ein Beispiel: Auch wenn die Einzelheiten auch in der Bevölkerung der Osterinsel umstritten sind: Es wurde ein »Vogelmensch-Kult« zelebriert, dessen Ursprung in Vergessenheit geraten ist. Bei Orongo stellte man die geheimnisvollen »Vogelmenschen« dar: Seltsame, fast monströs wirkende Mischwesen aus Mensch und Vogel wurden in den Stein geritzt, oft direkt neben Darstellungen des fliegenden Gottes Make Make. Wer waren diese »Vogelmenschen«? Hatten sie einen Bezug zum fliegenden Gott Make Make und den gigantischen Statuen der Osterinsel? Und wann wurden die monströsen Figuren und kuriosen Ritzzeichnungen geschaffen? Und warum finden sich derlei Fabelwesen im Münster zu Freiburg?

Fotos 9 und 10: Der Küstentempel von Mahabalipuram. Göttervehikel in Stein

Die Kentauren der griechischen Mythologie gelten als unbeherrschte, lüsterne Wesen. Zur Begrüßung der Gläubigen am Eingang einer Kapelle in einem christlichen Gotteshaus sind sie denkbar ungeeignet. Die Kentauren Griechenlands gehen auf hinduistische »ashvins« zurück. Und das waren göttliche Wesen, die zwischen Himmel und Erde pendelten. Ausgiebig werden sie im altindischen Epos »Rig Veda« beschrieben. 

Die meiner Meinung nach beste Übersetzung stammt von Hermann Grassmann (Foto 11). Im uralten Epos erfahren wie viel über die Götter uralter Zeiten. Wann sich – zum Beispiel – die geschilderten Himmelsschlachten ereigneten, ist in der Welt der Wissenschaft umstritten und wird heftig diskutiert.

Foto 11: Übersetzung Grassmann
Sehnsüchtig hoffen die Menschen damals darauf, dass die Himmlischen zu ihnen kommen. Die (5) »Götterverlangenden«, so heißt es, warten auf den »Götterwagen«.  Der »Götterwagen« transportiert die Himmlischen zur Erde. Und die Götter halten sich gewöhnlich (6) im »weiten Luftraum« oder im »Lichtraum des Himmels« auf. Zur großen Schar der himmlischen Götter gehören die göttlichen Ashvin-Zwillinge Dasra und Nasatya. Mit ihrem goldenen Wagen fahren sie durch die Luft (7). Das darf nicht verwundern, sind die beiden doch »Herren des Himmels«, die auf ihren Reisen aus himmlischen Gefilden zu den Menschen durch die Lüfte den »Glanz ihres Wagens leuchten« lassen (9). Keinen Zweifel lassen die Hymnen an Götter wie die Ashvin-Zwillinge an der Fortbewegungsart der Götter aufkommen: Sie fliegen! Ihr (10) dreiteiliger Wagen ist »schneller als der Gedanke«, mit ihm fliegen die Götter durch die Lüfte, nach der Landung aber rollt er »wenn er zur Erde kommt«.

So führen uns die Fabelwesen im Münster zu Freiburg in die mythische Vergangenheit Indiens. Steinerne Tempel Indiens, wie die von Mahabalipuram, sollen die fliegenden Göttervehikel darstellen. Wie und warum die Kentauren als kunstvolles Relief in ein altehrwürdiges, christliches Gotteshaus gelangten, wir wissen es nicht.

Foto 12: Übersetzung Geldner
Fußnoten
1) Freiburger Münsterbauverein (Hrsg.): 
»Das Freiburger Münster«, 2. Auflage, 
Regensburg 2011, S. 186
2) ebenda
3) Freiburger Münsterbauverein (Hrsg.): »Das Münster zu Freiburg im Breisgau«, bearbeitet von Heike Mittmann, 4., überarbeitete Auflage, Lindenberg 2007
Anmerkung: Achten Sie beim Quellenstudium darauf, dass Sie mit
einer Übersetzung des Rig Veda arbeiten und nicht mit einer Nacherzählung.
Wenn es um Details geht, sind Nacherzählungen wenig hilfreich. Ich persönlich ziehe ältere Übersetzungen vor. Es ist aber an der Zeit, dass ein technisch versierter Übersetzer eine Neuübersetzung wagt.
4) »RIG VEDA. Übersetzt und mit kritischen und erläuternden Anmerkungen
     versehen von Hermann Grassmann in zwei Theilen«, Band 1 Leipzig 1876
(5) Liedkreis 7, Hymnus 2, Vers 5 (Verkürzt 7, 2, 5)
(6) Liedkreis 3, Hymnus 6, Vers 8 (Verkürzt 3, 6, 8)
(7) Liedkreis 1, Hymnus 139, Vers 4 (Verkürzt 1, 139, 4)
(8) Liedkreis 6, Hymnus 62, Vers 1 (Verkürzt 6, 62, 1)
(9) Liedkreis 6, Hymnus 62, Vers 2 (Verkürzt 6, 62, 2)
(10) Liedkreis 1, Hymnus 183, Verse 1 und 2 (Verkürzt 1, 183, 1 und 2)

Zu den Fotos
Foto 13: Rekonstruktion eines Göttervehikels.
Foto 1: Das Münster um 1926. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein 
Fotos 2-4:  Links die Monsterfamilie, rechts Duellanten. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die zwei Paare von Duellanten von Freiburg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Die zwei Kampfszenen von Freiburg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Greif contra Mensch. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Greif gegen Greif. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 9 und 10: Der Küstentempel von Mahabalipuram. Göttervehikel in Stein. Fotos Walter-Jörg Langbein 
Foto 11: Rig Veda in der Übersetzung von Hermann Grassmann. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Eine weitere Übersetzung des »Rig Veda«. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 13: Rekonstruktion eines Göttervehikels. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein






372 »Vom Mönch, vom Wolf und von einem Sonnengott«,
Teil  372 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 05.03.2017

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Sonntag, 19. Februar 2017

370 »Familienidyll mit Monstern«

Teil  370 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein       
                


Foto 1: Unterwegs zur »Nikolauskapelle«.
Foto Walter-Jörg Langbein

»Landeskunde online« schreibt kurz und bündig in einer »digitalen Enzyklopädie des Kulturerbes« (1): »Die Nikolauskapelle im Untergeschoss des südlichen Hahnenturms gehört mit zum ältesten Baubestand des um 1200 begonnenen romanischen Münsterneubaus. Sie wurde im 14. Jahrhundert als Zugang zum neuen Chorumgang auch nach Osten hin aufgebrochen.«

Bevor das Münster zu Freiburg der Heiligen Mutter Gottes geweiht wurde, soll es unter dem Schutz des Heiligen Nikolaus gestanden haben. Diese These ist freilich umstritten und lässt sich nicht wirklich belegen. Sollte das Portal zur einstigen Nikolauskapelle auf einen längst vergessenen Kult hinweisen? Halten wir uns an die Fakten aus Stein, die rätselhaft genug sind!

Foto 2: Die mysteriöse »Familie«.
Mit Ingeborg Diekmann stehe ich vor dem Portal zur ehemaligen Nikolauskapelle. Links steht stolz eine Muttergottes mit dem Jesusknaben auf dem Arm. Die große Mondsichel könnte auch auf eine vorchristliche Mondgöttin hinweisen. Zu unserer Linken sehen wir auf niedrigem Säulenkapitell eine nur auf den ersten Blick idyllische Szene. Zwei Gestalten sind zu sehen. Eine davon hält ein Baby auf dem Arm, gibt dem kleinen Wicht die Brust. Die zweite Gestalt, vom Betrachter aus links, scheint die Hände zum Gebet zu heben. Sieht man näher hin, erkennt man ein weit profaneres Geschehen. Die linke Kreatur hält so etwas wie einen Fischschwanz noch oben. Und der gehört zum weiblichen Wesen mit dem Baby auf dem Arm. Wir treten näher und erkennen Monströses: Es ist ein Mischwesen mit dem Oberkörper einer menschlichen Frau und gleich zwei kräftigen Fischschwänzen als Unterleib. Die Mutter mit Baby an der Brust hat zwei Arme, zwei Beine.

Im großformatigen, opulent bebilderten Werk »Das Freiburger Münster« (2) lesen wir: »Linkerhand hat eine sogenannte Sirenenfamilie die beiden Eck-Kapitelle besetzt: fischschwänzige, nackte Kreaturen als sitzende Mutter mit Kind und eine dritte Figur, die eines der beiden Schwanzenden des Weibes emporhält.«

Biblisch ist diese Darstellung nicht, auch nicht im Entferntesten auch nur christlich angehaucht. Mich lässt diese mysteriöse Reliefarbeit im Freiburger Münster an Monstrositäten denken, die laut Historiker Eusebius von den Göttern geschaffen wurden:

Foto 3: Wesen mit Fischschwänzen...
»Menschen mit Schenkeln von Ziegen und Hörnern am Kopfe, noch andere, pferdefüßige, und andere von Pferdegestalt an der Hinterseite und Menschengestalt an der Vorderseite. Erzeugt hätten sie (die Götter) auch Stiere, menschenköpfige, und Hunde, vierleibige, deren Schweife nach Art der Fischschwänze rückseits an den Hinterteilen hervorliefen, auch Pferde mit Hundeköpfen...sowie andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte, dazu weiter auch allerlei drachenförmige Unwesen und Fische und Reptilien und Schlangen und eine Menge von Wunderwesen, mannigfaltig gearteten und untereinander verschieden geformten.«

Das Mutterwesen ist – wie bei Eusebius zu lesen –  »menschenleibig und nach Art der Fische beschwänzt«. Die Beschreibung des Eusebius trifft exakt auf das Relief im Freiburger Münster zu. Das Mutter-Wesen hat einen Menschenleib mit Armen und Beinen wie ein Mensch und es ist zusätzlich noch »nach Art der Fische beschwänzt«. Es ist also kein typisches Mischwesen, denn dann hätte es den Oberkörper eines Menschen und als Unterleib einen Fischschwanz, vergleichbar mit einer Nixe. Detlef Zinke mutmaßt (3), die Frau »reicht dem Kleinen die Brust, gleichsam als Parodie des dem Christentum vertrauten Madonnentypus der nährenden Mutter«.

Foto 4: Befremdliches »Monster-Idyll«

Eine »Parodie des dem Christentum vertrauten Madonnentypus« vermag ich freilich nicht zu erkennen. Warum sollte man auch in einem altehrwürdigen Gotteshaus vor rund einem Jahrtausend Jesu Mutter Maria parodiert haben, und das ausgerechnet im »Münster Unserer Lieben Frau«, das doch zu Ehren der Maria errichtet wurde? Die »nährende Mutter« Maria nannte man im Kirchenlatein »alma mater«. Die christliche »alma mater« freilich ist eine Kopie der heidnischen, der nährenden und segenspendenden Gottesmutter, die auch »magna mater«, also »Große Mutter« genannt wurde. Im christlichen Sprachgebrauch ist mit »alma mater« in der Regel die »Gottesmutter Maria« gemeint, im Römischen Reich war »alma mater« ein ehrender Beiname von Ceres, Tellus und Venus. Ceres war die römische Göttin der Fruchtbarkeit, auch des Ackerbaus. Auch wenn der Name »Tellus«  im Lateinischen männlich ist (4), so stand er doch für »terra mater«, für die mütterliche Erde. Ihr Pendant in Griechenland war »Gaia«. Und Venus – wie »Ceres« und »Tellus« trug auch sie den Beinamen »alma mater« - war die Göttin der Liebe (mit der Taube als Symboltier). Ceres, Tellus und Venus bilden ein feminines Dreiergespann, eine weibliche Trinität.

In Esther M. Hardings Werk »Frauen-Mysterien, einst und jetzt« (5) stieß ich auf eine mysteriöse Tradition. Demnach gebiert eine göttliche »Fisch-Mutter« den himmlischen »Sohn der Fischmutter«. Auch das Baby hat einen schuppigen Unterleib. Stellt also das rätselhafte Relief am Eingangstor zur einstigen Nikolauskapelle eine »Fisch-Mutter« und ihren »Sohn der Fischmutter« dar?

Foto 5: Melusine
Ich habe versucht, einer möglichst frühen »Fisch-Mutter« auf die Spur zu kommen. In der 4. Dynastie – also etwa 2620 bis 2500 v.Chr. – wurde »Hatmehit«, alias »Hat-Mehit«, verehrt, und zwar als eine Mischwesen aus Frau und Fisch. Geht also die aus heutiger Sicht monströse Fisch-Menschenfrau- oder Menschenfrau-Fisch-Gestalt auf ein göttliches Wesen zurück, das Jahrtausende vor Christi Geburt verehrt wurde? In der Heraldik ist die Melusine (Foto 5, rechts!) bekannt, angeblich ein mythologisches Wesen aus vorchristlichen Zeiten: weiblicher Oberkörper, zwei Fischschwänze als Unterleib. Meist hebt sie die Fischschwänze mit beiden Händen hoch.

Eine kuriose Parallele gibt es: Schon bei meinem ersten Besuch auf der Osterinsel anno 1992 zeigte man mir im Archiv des kleinen Museums einige Manuskripte. Die älteren stammten aus dem 19. Jahrhundert. Sorgsam ausgearbeitet waren angeblich exakte Kopien der bis heute nicht entzifferten Schriftzeichen (6) der Ur-Osterinsulaner. Immer wieder taucht ein seltsames Zeichen auf, das den wichtigen Gott Make Make darstellen soll: als Wesen mit halbwegs menschlichem Kopf und Oberkörper und dem Unterleib eines Fisches!

Fotos 6 und 7: Das Baby hält den Vogel

Zurück zu den Kapitellen am Eingang zur einstigen Nikolaus-Kapelle im Freiburger Münster. Links neben der Frau mit dem doppelten Fischschwanz und einem fischschwänzigen Baby an der Brust steht eine weitere Fisch-Mensch-Kreatur. Während die Mutter recht dominant wirkt, viel Platz einnimmt und auf einer Art Thron (?) zu sitzen scheint, steht die fischschwänzige Kreatur daneben, wie ein helfender Diener, der einen der Fischschwänze der Göttin (?) anhebt und hält. Detlef Zinke spekuliert vorsichtig (7): »So mag man, moralisierend, in ihnen (den Mischwesen) Personifikationen der Triebhaftigkeit und der Unzucht erblicken.« Mag ja sein, dass man dergleichen sieht, wenn man eine »Theologenbrille« trägt. Der unvoreingenommene Betrachter freilich vermag kein Anzeichen von personifizierter Triebhaftigkeit und Unzucht zu erkennen. Vielleicht bezeichnen wir die Kreaturen etwas voreilig als »Monster«, einfach weil sie auf uns sehr befremdlich wirken. Aber bei der dargestellten Familie der Fischschwanzträger geht es doch idyllisch-gesittet zu.


Fotos 8 und 9: Der Vogel – Symbol oder was?

Konzentrieren wir uns nun auf das Baby, das an der Brust der Dame mit Menschenleib und zwei Fischschwänzen liegt. Man übersieht leicht, dass das kleine Wesen mit einer Hand etwas festhält, nämlich einen Vogel. Der Vogel, vom fischschwänzigen Kind an den Beinen gepackt – was mag er darstellen? Christliche Interpreten vermuten, dass der Vogel für die Seele steht. Für welche Seele? Für die Seele des Babys? Hält das Baby die eigene Seele fest, weil es noch lange leben möchte?

Wir stehen vor einem kleinen, rätselhaften Relief, das wir nicht verstehen. Es ist, als würden wir ein Bild betrachten, zu dem es einst einen erklärenden Text gab, der freilich verschwunden ist. Verzichten wir darauf, uns eine »Erklärung« aus den Fingern zu saugen,  für ein »Familienidyll mit Monstern«!

Wenden wir uns den anderen Reliefs zu. Sie sind nicht weniger rätselhaft! Da gibt es zum Beispie den Kampf mit einem Fabelwesen! Fortsetzung folgt in einer Woche!

Foto 10: Kampf mit einem Fabelwesen

Fußnoten

1) http://www.zum.de/Faecher/G/BW/Landeskunde/rhein/freiburg/muenster/nikolauskapelle1.htm (Stand 24.11.2016)
2) Freiburger Münsterbauverein (Hrsg.): »Das Freiburger Münster«, 2. Auflage, 
     Regensburg 2011, S. 188
3) ebenda
4) Im Lateinischen ist die Endung »us« männlich, wie in »dominus«, der Herr. Die 
     Endung »a« ist weiblich - »domina«, die Herrin, Endung »um« ist Neutrum.
5) Harding, M. Esther: »Frauen-Mysterien, einst und jetzt«, Zürich 1949. Die 
     deutschsprachige Ausgabe ist gelegentlich in Antiquariaten erhältlich. Die US-
     Ausgabe soll demnächst – noch 2017? – neu aufgelegt werden.
6) Umstritten ist die interessante Publikation von Egbert Richter-Ushanas, der
     behauptet, die Urschrift der »sprechenden Hölzer« der Osterinsel entziffert zu
     haben. Richter-Ushanas, Egbert: »Die Schrifttafeln der Osterinsel in der Lesung
     Metoros und Ure Vaeikos«, Bremen 2000
7) Freiburger Münsterbauverein (Hrsg.): »Das Freiburger Münster«, 2. Auflage, 
     Regensburg 2011, S. 188

Foto 11: Kämpfende Fabelwesen
Zu den Fotos
Foto 1: Unterwegs zur »Nikolauskapelle«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die mysteriöse »Familie«. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Wesen mit Fischschwänzen... Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Befremdliches »Monster-Idyll«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Melusine. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 6 und 7: Das Baby hält den Vogel. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Der Vogel – Symbol oder was? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Kampf mit einem Fabelwesen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Kämpfende Fabelwesen. Foto Walter-Jörg Langbein

371 »Von Monstern und Götterwagen«,
Teil  371 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 26.02.2017



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Sonntag, 12. Februar 2017

369 »Auf der Suche nach Alexanders Himmelfahrt«

Teil  369 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: »Schönster Turm« und das Portal

Das »Münster Unserer Lieben Frau« zu Freiburg im Breisgau wurde anno 1827 zur Bischofskirche und somit zur Kathedrale. Die »Kathedra« ist als Bischofsthron Symbol der hohen Stellung des Bischofs. Bereits um 1200 wurde der sakrale Bau begonnen, 1513 wurde er offiziell abgeschlossen. So präsentiert sich das mächtige Gotteshaus im romanischen, aber auch im gotischen Stil. Anno 1869 pries der Kunsthistoriker den 116 Meter hohen Turm als Schönsten auf Erden. Noch älter als das »Freiburger Münster« sind Reste des steinernen Fundaments einer Pfarrkirche, die wohl um 1130 errichtet wurde. Bald aber wurde das Gotteshaus zu klein. Berthold V, er starb im Jahr 1218 ordnete den Bau einer großen Kirche im Stil des Basler Münsters an.

Marktfrauen bieten geschäftstüchtig Gemüse an. Kaufwillige rempeln Fotofreunde an, die einen imposanten Brunnen im Bilde festhalten wollen. Sie bleiben geduldig mitten im Gedränge stehen, hoffen auf einen freien Blick auf den Brunnen. Ob sie für einen Augenblick freie Sicht auf den Brunnen haben können? Doch schon schieben sich wieder Menschen vor die Linsen. Andere Fotografen möchten ein Stück näher an den Brunnen rücken, brave Müßiggänger möchten sich auf den Rand des Brunnens setzen. Und dazwischen drängen sich Marktbesucher, die ihre großen Taschen mit frischem Gemüse füllen wollen.

Foto 3: Bunte Figuren erzählen die Geschichte Jesu

Einige Marktfrauen beäugen uns Fotografen skeptisch bis missmutig, weil wir die potentielle Kundschaft behindern. Die Einkäufer fühlen sich durch uns Fotografen behindert, weil sie den Zugang zu den Buden erschweren. Nicht sonderlich beliebt sind geführte Menschengruppen, weil die nichts kaufen und viel Platz einnehmen. Die meisten Marktfrauen aber sind gut gelaunt, lachen fröhlich und preisen ihre Erzeugnisse an. Unbeliebt macht sich der eine oder der andere »Störenfried« mit Fahrrad.

Endlich sind wir durch das Getümmel hindurch zum Portal vorgedrungen. Wir stehen vor dem Turmportal. Das mächtige Tor ist »taubensicher« gemacht. Ein feinmaschiges Netz verhindert das Eindringen der symbolträchtigen Vögel. Ob der »Heilige Geist« – er wird in zahlreichen Darstellungen gern als Taube gezeigt – trotzdem eingelassen wird? Freilich war die heilige Taube schon das Sinnbild der Liebesgöttin Venus. Und: der »Heilige Geist« war ursprünglich weiblich. Wir betreten die Vorhalle zum Münster im Turmerdgeschoss. Hoch über unseren Köpfen nehmen wir eine Fülle von Figuren wahr, die uns die biblischen Geschichten näherbringen sollen. Zahlreiche bunte, liebevoll detailreich herausgearbeitete Figuren erzählen uns die Geschichte Jesu. Da sehen wir die Hirten auf dem Felde, denen die Geburt des Heilands verkündet wird. Da liegt Maria, die Mutter Jesu, auf einer Liegestatt, die so gar nicht in einen Stall von Bethlehem zu passen scheint.

Foto 4: Hirten auf dem Felde, die Geburt Jesu.

Wir haben uns durch das Menschengetümmel vor dem Münster hindurchgezwängt. Langsam nähern wir uns dem Haupteingang. Säulenheilige fallen kaum auf. Grimmige Blicke ziehen wir uns zu, weil wir uns zwischen Buden auf womöglich verbotenen Wegen dem Gotteshaus nähern. Ich geb’s ja zu: Ich kann es nicht abwarten, endlich die in Stein verewigte Himmelfahrt von Alexander dem Großen zu sehen.

Wir durchschreiten die Vorhalle und betreten das eigentliche Gotteshaus. Wir bleiben kurz stehen, orientieren uns. Aus der Hektik des Markts kommend tut die Stille im Münster gut. Der hektische Alltag ist außen vorgeblieben. Wir sehen, zwischen imposanten Säulen, den Hochaltar. »Wo ist denn hier die Nikolauskapelle?«, frage ich flüsternd. »Gibt’s gar nicht mehr!«, lautet die Antwort einer hageren älteren Frau. »So ein Unsinn!«, widerspricht ein Herr in dunklem Anzug. »Sie müssen in Richtung Hochaltar gehen, immer geradeaus, dann halten Sie sich rechts, gehen in Richtung Sakristei. Wenn Sie kurz vor der Sakristei stehen, dann wenden Sie sich nach links. Dann sehen Sie auch schon den Eingang zur Nikolauskapelle!« Die ältere Frau widerspricht, fast etwas energisch. »Die Nikolauskapelle gibt es doch schon seit ewigen Zeiten nicht mehr!« Mächtiges Orgelgebraus setzt ein, übertönt jedes Gespräch.

Foto 5: Unterwegs zur Nikolauskapelle.

Gehen wir gemeinsam weiter, und zwar nach rechts, vorbei am Lammportal, weiter in Richtung Hochaltar. Nach meinem Grundriss vom Münster, sind wir auf dem richtigen Weg. Vorbei an der Kanzel. Vorbei an der wunderschönen Madonna mit Mondsichel. Königlich wirkt sie, die »Gottesmutter«, stolz trägt sie ihre Insignien, Krone und Zepter. Auch das kleine Jesuskind hat eine Krone auf dem Haupt. Aber weiter geht es in Richtung Sakristei, zur Nikolauskapelle.

Um das Jahr 1200 wurde die Nikolauskapelle angelegt: im Untergeschoss des »südlichen Hahnenturms«. Anno 1507 freilich wurde die Stirnwand der Kapelle entfernt, aus der Kapelle wurde ein Durchgangsraum zwischen Querhaus des Münsters und dem Umgangschor. Der Kapellencharakter ging so verloren. Somit gibt es die Nikolauskapelle seit einem guten halben Jahrtausend nicht mehr als geschlossenen Raum. Erhalten geblieben ist allerdings das Portal zur einstigen Nikolauskapelle. Und das hat es wirklich in sich! Warum hat man diese mysteriösen Kunstwerke am Portal zur einstigen Nikolauskapelle belassen und nicht entfernt? Die Motive, die wir an den Kapitellen, etwa in Kopfhöhe, sehen, sie sind alles andere als »christlich«. Sie sind wohl die ältesten sakralen Kunstwerke im Münster zu Freiburg. Hat man aus Respekt vor dem Alter nicht gewagt, diese geheimnisvollen Darstellungen zu zerstören? Hat man sie aus einem älteren Bau übernommen?

Foto 6: Schlüssel zu den Geheimnissen
Fotografieren lassen sich die faszinierenden Kunstwerke nicht so ohne weiteres. Blitzlicht darf nicht eingesetzt werden, schärft mir ein aufmerksamer Wächter ein. Ein Großteil des Eingangs in die Nikolauskapelle liegt im Halbdunkel. Eines der Reliefbilder wird von einem kleinen Strahler erleuchtet. Das Licht an der einen Stelle lässt die Dunkelheit an den anderen noch intensiver erscheinen. Ein Reliefbild  liegt vollkommen im Dunkel. Durch das Gittertürchen in die ehemalige Kapelle fällt Licht, wirft Schattenmuster auf die zwei übrigen Reliefs. Sie wirken dadurch noch geheimnisvoller, ja irgendwie magisch. Es kommt mir so vor, als würden wir in eine heidnische Vergangenheit blicken, in eine Zeit vor der Christianisierung. Die Reliefs könnten aus einem uralten Tempel stammen, als Überbleibsel eines religiösen Kults, über den wir überhaupt nichts wissen. Sie wirken wie Momentaufnahmen aus einem Film, der an willkürlich gewählter Stelle gestoppt wurde. Wir sehen die Bilder, verstehen sie aber nicht. Können wir versuchen, sie zu interpretieren?

Theologische Interpreten neigen dazu, auch heidnische Motive in der sakralen Kunst so zu deuten, dass die eigene Lehrmeinung bestätigt wird. Christliche Theologen sehen gern auch in heidnischen Symbolen christliches Gedankengut. Jeder meint, über den richtigen »Schlüssel« zu verfügen, mit dem man die »wahre Bedeutung« sakraler Kunstwerke wie einen Geheimcode dechiffrieren kann. Die Reliefs am Eingang zur ehemaligen Nikolauskapelle freilich haben so gar nichts Christliches zu bieten: ein Familienidyll mit Monstern, die Himmelfahrt Alexander des Großen, kämpfende Mischwesen und einen Wolf, der keine Lust hat, die Kunst des Schreibens zu erlernen. 

Foto 7
Zu den Fotos
Foto 1 Der »schönste Turm der Welt«. Foto wikimedia commons/ Daderot
Foto 2: Das Portal mit dem Tympanon. Foto wikimedia commons Foto Todor Bozhinov
Foto 3: Bunte Figuren erzählen die Geschichte Jesu. Foto wikimedia commons/ dr. avishai teicher
Foto 4: Hirten auf dem Felde, die Geburt Jesu. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Unterwegs zur Nikolauskapelle. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 6: Wer hat den Schlüssel zu den Geheimnissen? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Grundriss des Münsters, Weg zur Nikolauskapelle, gelb eingezeichnet. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein (links)

370 »Familienidyll mit Monstern«,
Teil  370 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 19.02.2017


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Sonntag, 5. Februar 2017

368 »Faust und Alexander der Große fahren in den Himmel«

Teil  368 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Blick ins Freiburger Münster
Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Es ist Nacht. Sie liegen im Bett, können aber nicht schlafen. Sie wälzen sich ruhelos hin und her, denken über die Geheimnisse nach, die der unendliche Kosmos wohl zu bieten hat. So manches Buch haben Sie zu diesem spekulativen Thema schon gelesen. Plötzlich nehmen Sie ein gewaltiges Brausen wahr. Die Fensterläden werden auf und zu geschlagen. Auch Ihre Zimmertür wird wie von unsichtbarer Hand geöffnet und kracht wieder ins Schloss. Schließlich stehen Sie auf, gehen ans Fenster und blicken in die Nacht. Da sehen Sie es, ein fliegendes Ding, das sich vom Himmel herab senkt. Stellen Sie sich vor, dass Ihnen der fliegende Apparat einen gehörigen Schrecken einjagt. Sie bekommen es mit der Angst zu tun, versuchen zu fliehen. Vergeblich! Irgendwie werden Sie in das Innere dieses »Dings« geschafft. Sie fliegen an Bord ins All, sehen schließlich aus großer Höhe Planet Erde tief unter sich. Sie erkennen die Erdteile. Eine Woche dauert Ihr ungewöhnliches Abenteuer. Am 8. Tag sind Sie wieder zuhause, Sie sind erschöpft und schlafen drei Tage.

Aus der UFO-Literatur sind Ihnen derlei Berichte natürlich bekannt. »Alien abductions«, also Entführungen durch Außerirdische, gehören schon seit Jahrzehnten zur UFO-Literatur. Prof. John E. Mack nahm derlei Berichte ernst und ging von realen Entführungen durch Außerirdische aus. Sein Buch zum Thema Entführungen sorgte weltweit für Aufsehen (1). Stellen Sie sich vor, Ihnen würde Ähnliches widerfahren. Würden Sie an Ihrem Verstand zweifeln? Oder würden Sie Ihr Erlebnis für eine echte Begebenheit halten – oder doch nur für einen »komischen Traum«? Ob die Lektüre von SF-Romanen oder von mehr oder minder seriöser UFO-Literatur zu Ihrem »Traum« geführt hat? Haben Sie vielleicht zu viele SF-Filme gesehen, die Entführungen durch Außerirdische zum Thema hatten? Oder haben Sie vielleicht doch so etwas wie eine Abduktion durch Außerirdische erlebt?

Foto 2: Fausts Himmelfahrt.

Anno 1587 erschien beim Frankfurter Verleger Johann Spies »Das Volksbuch vom Doctor Faust«. Von diesem Original soll nur ein einziges Exemplar erhalten geblieben sein. 1884 wurde, basierend auf dieser Rarität, eine »revidierte Fassung« veröffentlicht. Robert Petsch wiederum verdanken wir eine vollständige Neuausgabe vom »Volksbuch«, basierend auf der Erstausgabe von 1587. Fakt ist (2): »Seit dem ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts erregte an verschiedenen Stellen des deutschen Landes ein Mann großes Aufsehen, der sich geheimen Wissens und wunderbarer Kräfte rühmte und der sich mit seinem latinisierten Familiennamen Georgius Sabellicus, häufiger aber, wohl im Hinblick auf einen älteren Zauberer des Namens, Georg Faustus (›iunior‹) nannte. Er hatte eine mindestens halbgelehrte Bildung genossen und erhob wissenschaftliche Ansprüche.«

Das 25. Kapitel des Volksbuches vom Faust (3) trägt den Titel »Wie Doct. Faustus in das Gestirn hinauff gefahren«. Diverse Ausgaben des mysteriösen Volksbuches sind seither erschienen, freilich sind nicht alle komplett. Vollständig – und leichter zu finden – ist die seriöse Reclamausgabe von 2012. Liest man den Text, so  wie er Ende des 16. Jahrhunderts – 1587 – erschienen ist, so erkennt man – trotz gewisser Probleme mit der ungewohnten Sprache – die Schilderung eines fantastisch anmutenden Erlebnisses. Am ehesten lässt sich der über vier Jahrhunderte alte Text mit uns heute wohlbekannten Entführungsgeschichten vergleichen.

Foto 3: Faust konnte nicht schlafen ...

Faust konnte nicht schlafen und grübelte vor sich hin. Er dachte über die Beschaffenheit des Firmaments nach, als er ein »ungestümes Brausen« hörte und ob eines gewaltigen Windes erschrak, der auf sein Haus »zuging«. Fensterläden und Kammertür wurden aufgeschlagen. »Darob ich nit ein wenig erschrack.« Faust vernahm »eine brüllende Stimm« und schaute schließlich aus dem Fenster. Was er da erblickte muss ihn schockiert haben: Ich »sahe einen Wagen mit zweyen Drachen herab fliegen, der war Hellischer Flammenweiß zu sehen.«


Foto 4: Fantasie oder Entführung durch Außerirdische...

Faust sah also ein Vehikel vom Himmel herab kommen, eine »Fuhr«, einen Wagen, getragen von zwei Drachen. Mit Grausen versuchte er, so heißt es weiter im Bericht, zu fliehen, doch vergeblich. Die fliegenden Drachen trugen ihn empor. Lautes Rauschen war zu vernehmen, Feuerströme waren zu sehen. Lesen wir da die Fantastereien eines unbekannten Schreiberlings? Oder liegt dem kuriosen Bericht vielleicht doch so etwas wie eine »Entführung durch Außerirdische« zugrunde? Lassen wir noch einmal Faust zu Wort kommen: »Je hoeher ich kame, je finsterer die Welt  war, unnd gedauchte mich nicht anders, als wenn ich vom hellen Sonnentag in ein finsters Loch fuehre. Sahe also vom Himmel herab in die Welt.«

Foto 5: Faust blickt aus dem All auf die Erde.

Lautes Rauschen und Feuerströme passen zur Beschreibung eines Fluges ins All – per Raumschiff. Völlig zutreffend ist auch der Hinweis, dass es immer finsterer wurde, je höher Faust empor – ins All – getragen wurde. Und schließlich wagte Faust aus der Schwärze des Himmels – aus dem All? – einen Blick auf die Erde. Aus einer Höhe von 47 Meilen, so verrät es der Text in den Worten Fausts, »da sahe ich viel Koenigreich, Fuerstenthumb unnd Wasser, also daß ich die ganze Welt, Asiam, Aphricam und Europam, gnugsam sehen kondte.«

Foto 6: Das Münster anno 1897.
Der gute Faust kam aus dem Staunen nicht heraus. Ein hilfreicher Geist musste ihm erklären, welche Länder und Reiche 47 Meilen unter ihnen zu sehen sind: »Sicilia, Polen, Dennmarck, Italia, Teutschland« und »Asiam, Aphricam Item, Persiam und Tartarey, Indiam und Arabiam«, »Pommern, Reussen und Preussen, desgleichen Polen, Teutschland, Ungern und Osterreich«. Die Länder wiederholen sich immer wieder in der Auflistung, als ob Faust in einem hoch fliegenden Raumschiff immer wieder die Erde umrundet hätte. Aus gewaltiger Höhe konnte Faust sehen, wo die Sonne schien und wo Unwetter ganze Landstriche heimsuchten. Erstaunt notierte Faust noch eine weitere Beobachtung: zwischen ihm und der Erdoberfläche gab es »das Gewuelcke«, also das »Gewölk«, »dick wie eine Mawer (Mauer)«. Aus dieser Wolkenschicht regnete es auf die Erde.

Das 25. Kapitel des Volksbuches vom Faust (3) trägt den Titel »Wie Doct. Faustus in das Gestirn hinauff gefahren«. Was ist mit dem »Gestirn« gemeint? Und darf, ja muss man »in das Gestirn« wörtlich nehmen? Ist also Faust nach oben, in große Höhe geflogen – in das »Gestirn« hinein? Könnte es sich um eine riesige Raumstation gehandelt haben, in die Faust entführt wurde? Poetisch mutet seine Rückkehr zur Erde an: »Im herab fahren sahe ich auff die Welt, die war wie der Dotter im Ey, und gedauchte mich die Welt were nicht einer Spannen lang, und das Wasser war zwey mal breiter anzusehen.«

Der Text aus dem Jahr 1587 ist nicht immer leicht zu verstehen. Sprache und Rechtschreibung wirken auf uns Heutige befremdlich. Ob der unbekannte Verfasser, der unter dem geheimnisumwitterten Namen zu Tinte und Feder gegriffen hat, überhaupt begriffen hat, was er uns mitzuteilen versuchte? Gut möglich ist es, dass der angebliche »Faust« gar nicht selbst erlebt hat, was wir da heute im 25. Kapitel im »Volksbuch vom Faust« lesen. Unbestritten ist: Es wurden ältere Quellen benutzt, wie zum Beispiel die mysteriöse Enzyklopädie »Elucidarium«. Eine isländische Fassung dieses Opus soll um 1200 entstanden sein, also lange vor Faustens Zeiten. Auch die »Schedelsche Weltchronik«, anno 1493 zu Nürnberg in einer deutschen und einer lateinischen Version erschienen, soll als eine Quelle gedient haben. Wie alt aber mögen die ältesten Quellen sein, aus denen für das Volksbuch geschöpft wurde?

Foto 7: Die Turmsilouette des Münsters.
Was mich aufhorchen ließ: Nach dem »Volksbuch vom Doctor Faust« dienten »zwey Drachen« als Antrieb für das mysteriöse Flugvehikel, das Faust »in das Gestirn hinauff« in die Dunkelheit (des Alls?) brachte. Und just dieses Szenario lockte mich in das altehrwürdige Münster von Freiburg im Breisgau. Da schleppen nämlich zwei Drachen keinen Geringeren als Alexander den Großen empor, ermöglichen ihm eine Himmelfahrt. Freilich bediente sich Alexander der Große einer List, die auch –  in vergleichbarer Form –  Lukas der Lokomotivführer anwandte. Alexander der Große machte sich auf in den Himmel, und das bei lebendigem Leibe, nicht als entleibte Seele in irgendwelche himmlischen Jenseits-Gefilde. Laut dem präzise ausgearbeiteten Relief am Eingang zur Nikolauskapelle im Münster zu Freiburg erlebte Alexander der Große eine Himmelfahrt wie Faust!

Besuchen wir gemeinsam das Freiburger Münster!


Fußnoten
1) Mack, John E.: »Abduction/ Human Encounters with Aliens«, Boston 1994.
Mack, John E.: »Entführt von Außerirdischen«, Essen 1995, Taschenbuchausgabe München 1997
2) Petsch, Robert (Hrsg.): »Das Volksbuch vom Doctor Faust/ Nach der ersten Ausgabe, 1587«, 2. Auflage, Halle a.S. 1911, S. VI
3) ebenda, S. 54-58
4) Füssel Stephan und Kreutzer, Hans Joachim (Hrsg.): »Historia von D. Johann Fausten/ Text des Druckes von 1587/ Kritische Ausgabe«, Reclam, Ditzingen, 2012, S.56-59

Foto 8: Himelfahrt von Alexander, genannt der Große. Foto Walter-Jörg Langbein

Zu den Fotos

Foto 1: Blick ins Freiburger Münster. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Fausts Himmelfahrt. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Faust konnte nicht schlafen ... Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Fantasie oder Entführung durch Außerirdische... Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Faust blickt aus dem All auf die Erde. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Das Münster anno 1897. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Die Turmsilouette des Münsters. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Himmelfahrt von Alexander, genannt der Große. Foto Walter-Jörg Langbein

369 »Auf der Suche nach Alexanders Himmelfahrt«,
Teil  369 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 12.02.2017



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