Sonntag, 19. November 2017

409 »Karl May über das ›Zivilisieren‹ und Luther über Märtyrer«

Teil 2 von »Von einem, der auszog, um Pfarrer zu werden«,
Teil  409 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Und Friede auf Erden
»Es kann mir nicht beikommen, ein einzelnes Land, eine einzelne Nation anzuklagen. Aber ich klage die ganze sich ›zivilisiert‹ nennende Menschheit an, daß sie trotz aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch heutigen Tages nicht wissen will, daß dieses ›Zivilisieren‹ nichts anderes als ein ›Terrorisieren‹ ist!« (1)

Diese Worte stammen aus der Feder von Karl Friedrich May (1842 - 1912), eigentlich Carl Friedrich May. Vor über 113 Jahren kritisierte der berühmte Sachse mit spitzer Feder alle jene, die meinen der wahren Zivilisation weltweit zum Sieg verhelfen zu wollen, die aber Angst und Schrecken verbreiten. »Und Friede auf Erden« erschien bei Ernst Fehsenfeld in der Erstauflage zu 5.000 Exemplaren anno 1904. Die »Reiseerzählung von Karl May« ist natürlich auch heute noch erhältlich. Hier wird man fündig: »Karl Mays Gesammelte Werke«, in der berühmten grünen Ausgabe, Band 30, herausgegeben vom »Karl-May-Verlag Bamberg (2).

Anno 1904 kritisierte Karl May das »Zivilisieren« als »Terrorisieren«. Tatsächlich entstand weltweit immer wieder größtes Elend, wenn man einer fremden »Zivilisation« die eigene aufdrängen wollte. Den »Indianern« Nord Amerikas zum Beispiel brachten die Fremden aus Europa Tod und Verderben. Die »Civilisatoren« – so nennt sie May – gaben gern vor, den vermeintlich unzivilisierten »Wilden« die »wahre« und »segensreiche« Zivilisation zu schenken. Die Weltgeschichte scheint vorwiegend aus Unterwerfung und Kampf gegen Unterwerfung zu bestehen. Die Besiegten können sich zu Siegern entwickeln, die genau so rücksichtslos unterwerfen, just wie sie selbst einst unterworfen worden sind. Dabei sehen sich die Starken und Siegreichen stets als die Guten. Und natürlich ist es immer ein Kampf der angeblichen »Civilisatoren«, gegen die vermeintlich »Primitiven«, denen man huldvoll die Segnungen der Zivilisation schenkt. Und wenn sich die Unterworfenen gegen die Zivilisation wehren? Dann wird eben brachiale Gewalt eingesetzt.

Oder man erklärt sich zum »Rechtgläubigen«, der dem »Ungläubigen« den angeblich »wahren Glauben« bringt. Natürlich ist man auf das Seelenheil der Verlierer bedacht. Würden diese doch in der Hölle schmoren, so man sie nicht vom vermeintlich richtigen Glauben überzeugt.

Was aber ist der »wahre«, der »richtige Glaube«? In der Regel ist es immer der, der die Region dominiert, in die man zufällig hineingeboren wird. Natürlich hält jeder den eigenen Glauben für den einzig wahren. Daraus leitet man gern ab, dass man das Recht dazu hat, dem anderen den eigenen Glauben aufzuzwingen.

Foto 2: Und Friede auf Erden.
Als Student der Theologie regte ich einmal in einem Kreis von Theologiestudenten der Ausrichtung christlich, Unterabteilung evangelisch, Unterunterabteilung evangelisch-lutherisch, eine Diskussion an: Eine außerirdische Zivilisation spioniert mit Minisonden das religiöse Leben auf Planet Erde aus. Schließlich hat man alle Informationen über alle Religionen gesammelt. Welche Schlussfolgerung ziehen die Außerirdischen? Zu welchem Resultat kommt ein Gremium außerirdischer Wissenschaftler? Die Diskussion war kurz und nicht ergiebig. Schließlich stellte ich eine These zur Diskussion: Die Außerirdischen können keine Religion als die richtige erkennen. Abrupt endeten die sowieso schon gereizten Gespräche.

Niemand wollte zugeben, dass sich eine der irdischen Zivilisation haushoch  überlegene Zivilisation womöglich alle irdischen Religionen für schlichten Aberglauben halten könnte. Gar nicht erst diskutiert wurde die Frage, wie denn die Vertreter der unterschiedlichen Religionen auf das Auftauchen von Außerirdischen reagieren würde. Was wäre, wenn sich zeigen würde, dass alle großen Religionen darauf zurückzuführen sind, dass einst Außerirdische zur Erde kamen und für Götter gehalten wurden? Wie werden die Vertreter der Religionen auf eine solche Enthüllung reagieren?

Noch eine Frage: Als was kommen die kosmischen Besucher aus dem All? Vielleicht gar als die »Civilisatoren«, die Karl May so heftig kritisierte? Werden sie die Menschheit unterwerfen? Werden sie mit uns Menschen so umgehen, wie zum Beispiel wir Europäer, die Nord-, Mittel- und Südamerikaner »zivilisierten«? Wenn sie sich so verhalten wie wir Menschen das im Verlauf der Geschichte getan haben, löschen sie dann die Menschheit aus?

Foto 3: Und Friede auf Erden.
Ich darf noch einmal Karl May zitieren (3): »So lange die Erde steht, hat das Heilige dem Unheiligen, die Menschenliebe der Eigensucht, die Zivilisation der Rücksichtslosigkeit als Vorwand gedient.« Während meines Studiums lernte ich keinen Professor kennen, der auch nur zarte Kritik am Verhalten mächtiger »christlicher« Herrscher geübt hätte. Ganz im Gegenteil: Es galt die Lehre des »Heiligen Martin« (gemeint ist Martin Luther, kein bundesweit bekannter Politiker aus den Reihen der SPD): Jeder Mächtige, so hörte ich immer wieder, verdankt seine Position Gott höchstpersönlich.

Für Martin Luther waren die Bauernkriege keine Revolten der maßlos ausgebeuteten Bauern gegen die oft brutale irdische Obrigkeit allein, sondern auch gegen Gott. Da die Obrigkeit von Gott eingesetzt war, war man ihr absoluten Gehorsam schuldig. Natürlich konnte es vorkommen, dass diese Obrigkeit Unrecht tat. Dann stand es aber nur Gott selbst zu, diese Bösewichter zu bestrafen. Sie würden beim jüngsten Gericht zur Rechenschaft gezogen, nicht von Menschen, sondern von Gott.

Die Bauern hatten in den frühen 1520er Jahren gehofft, Luther würde auf ihrer Seite stehen. Luther freilich zeigte deutlich seine Gesinnung (4), als er gegen die »mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern« wetterte und forderte, »man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollwütigen Hund erschlagen muss«. Mir fiel nach dem Studium diverser Texte von Luther auf, dass sich der Reformator erst massiv gegen die Aufständischen wandte, als deren Sache verloren war. Luther unterstützte die mächtigen Sieger der Bauernkriege, gegen die die Bauern keine Chance hatten.

In seiner Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« hat Martin Luther (1483-1546) in geradezu »essenischer Tradition«,  obwohl der Reformator keine Ahnung von der Glaubensgemeischaft vom Toten Meer gehabt haben dürfte, propagiert: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Ding und niemandem untertan.« Und in »Eine treue Vermahnung zu allen Christen« (1522) schrieb er: »Also, die Lügner, die verstockten Tyrannen, magst du wohl hart antasten und frei tun wider ihre Lehre und Werk, denn sie wollen nit hören.« Davon wollte Luther nichts mehr wissen und forderte zum Töten der Aufständischen auf.

Foto 4: Und Friede auf Erden.
Luther vergleicht die Bauernaufstände mit einer Feuersbrunst. So wie jeder gute Christ dazu angehalten sei, alles zu tun, um einen Brand zu löschen, so müsse er auch mit Gewalt gegen die aufständischen Bauern vorgehen. Im Kampf gegen die Bauern sei jedermann »Oberrichter und Scharfrichter« zugleich. Von Mord könne nicht die Rede sein, wenn Bauern getötet würden, das seien vom Teufel Besessene: »Ich mein, dass kein Teufel mehr in der Helle sei, sondern allzumal in die Baurn sind gefahren.«

Nach Luther ist es also die Pflicht der Obrigkeit, die Bauern zu töten. Wer das nicht tut, macht sich seiner Ansicht nach ebenso schuldig wie die aufrührerischen Bauern selbst: »So soll nun die Obrigkeit hie getrost fortdringen und mit gutem Gewissen dreinschlahen (dreinschlagen).«

Luther nahm die Denkungsweise islamischer Fundamentalisten vorweg, die aus Kämpfern gegen die »teuflischen Ungläubigen« Märtyrer machen. Luther: »Also kann’s geschehen, dass, wer auf der Oberkeit Seiten erschlagen wird, ein rechter Märterer (Märtyrer) für Gott sei, so er mit solchem Gewissen streit, denn er geht in göttlichem Wort und Gehorsam. Wiederum, was auf der Bauren Seite umkommt, ein ewiger Hellebrand ist, denn er fuhret das Schwert wider Gottes Wort und Gehorsam und ist ein Teufels Glied.« Mit anderen Worten: Wer für die Fürsten kämpfend stirbt, ist ein Märtyrer, wer auf Seiten der Bauern umkommt, ist des Teufels.

Gelernt habe ich in meinem Studium der evangelisch-lutherischen Theologie vieles. Abgestoßen hat mich vor allem die autoritäre Vermittlung von Glaubensdoktrinen, die widerspruchslos hinzunehmen waren. Je intensiver indoktriniert wurde, desto mehr wandte ich mich von der Theologie ab. Es wurde mir unmöglich, den Beruf des Geistlichen noch weiter anzustreben. So entschloss ich mich, den Sprung ins »kalte Wasser« zu wagen. Statt eine lebenslange Sicherheit im Schoße der evangelisch-lutherischen Kirche wählte ich die sehr viel riskantere Freiheit des unabhängigen Schriftstellers. Zweifel kamen mir manches Mal ob meiner Entscheidung. Ich bin aber überzeugt, dass es die richtige für mich war.

Fortsetzung folgt

Foto 5: Karl-May-Autograph.


Fußnoten
1) May, Karl Friedrich: »Und Friede auf Erden«, Erstveröffentlichung Freiburg 1904, zitiert nach der bei Ernst Fehsenfeld, Freiburg i.Br., erschienenen Erstauflage, 1.-5. Tausend.
2) Das Zitat über die verheerende Wirkung des »Zivilisierens« wurde vom Karl-May-Verlag nicht bearbeitet, sondern buchstabengetreu beibehalten. Es findet sich hier in der berühmten »Bamberger Ausgabe«.  May, Karl: »Und Friede auf Erden«, Karl-May-Verlag Bamberg, 267. Tausend, Bamberg, ohne Jahresangabe Seite 252, Zeilen 10-16 von oben.
3) May, Karl: »Und Friede auf Erden«, Karl-May-Verlag Bamberg, 267. Tausend, Bamberg, ohne Jahresangabe, Seite 127, Zeilen 8-11.
4) Zitate aus Luther, Martin: »Wider die räuberischen und  mörderischen Rotten der Bauern«
Luther, Martin: »Traktate in Bibliothek deutscher Klassiker-Hutten, Müntzer,
Luther«, Band II, Berlin 1989. Zitiert wurde aus: Von der Freiheit eines
Christenmenschen, S. 114-138/ Eine treue Vermahnung zu allen Christen, sich zu hüten vor Aufruhr und Empörung, S. 139- S.153/ Von Kaufshandlung und Wucher, S. 184- 245/ Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern, S. 259- S. 265


Foto 6: Karl-May-Unterschrift auf einer Ansichtskarte.


Zu den Fotos
Foto 1: Und Friede auf Erden, Karl-May-Verlag, Radebeul bei Dresden.
Foto 2: Und Friede auf Erden.
Foto 3: Und Friede auf Erden.
Foto 4: Und Friede auf Erden, modernere »Bamberger Ausgabe«.
Foto 5: Karl-May-Autograph.
Foto 6: Karl-May-Unterschrift auf einer Ansichtskarte.


410 »Hesekiels Himmelswagen«,
Teil 3 von »Von einem, der auszog, um Pfarrer zu werden«,
Teil  410 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 26.11.2017


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