Sonntag, 6. August 2017

394 »Auf der Suche nach der ältesten Pyramide«

Teil  394 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Chiclayo, Peru

»Es ist sehr, sehr lange her. Es geschah in uralten Zeiten, die so lange her sind, dass man es gar nicht ausdrücken kann, wie lange das Geschehen zurückliegt in der ältesten Vergangenheit. Und da kam einer, ein Familienoberhaupt, ein großer, ein wahrer Held, ein Mann mit edelsten Eigenschaften. Er kam aus dem Norden. Er kam mit seinem Gefolge, mit wackeren Helden, mit seiner Frau Cheterni. Cheterni war seine Hauptfrau. Mit ihm kamen aber zahlreiche Konkubinen. Sie alle, sie folgten ihm, ihrem Oberanführer, ihrem Herrscher. Die tapfersten seiner Männer aber, sie waren seine Offiziere, vierzig an der Zahl.

Er aber, der sie alle anführte und dem sie alle folgten, sein Name war Ñaymlap. Ninagintue war sein Mundschenk.  Occhocalo war sein Koch. Fonda Sidges Amt bestand darin, die Wege, auf denen Naymlap zu wandeln gedachte, zu fegen. Ollopopoc bereitete Naymlap das Bad, Xam Muchec war für Farben, Salben und Öle verantwortlich, die für Ñaymlaps Antlitz bestimmt waren.

Mit einer Flotte von Balsaflößen kam er, Ñaymlap, herunter aus dem Norden und er landete in der Mündung des Flusses Fakislanka, von da aus gingen sie an Land und gingen ins Landesinnere und als sie eine halbe Stunde Wegs zurückgelegt hatten, da bauten sie nach ihrer Art und Weise einen Palast und weitere Paläste. Und den Ort nannten sie Chot. Und in den Palästen, aber auch in allen Häusern, da beschworen sie ein Idol, dem sie ehrfürchtig huldigten.

Dieses Idol hatten sie auf ihrer Reise mit sich geführt und sie hatten es nach dem Bildnis Ñaymlaps gefertigt aus grünem Stein. Und dieses Idol nannten sie Yampallec, was so viel heißt wie ›Statue nach dem Bildnis des Ñaymlap‹.« (1)

Ausgerechnet ein katholischer Geistlicher hat mir die Legende von Ñaymlap erzählt, die angeblich bereits im 16. Jahrhundert ein gewisser Miguel Cabello de Balboa aufgezeichnet haben soll. Der Gottesmann war mit mir im altersschwachen Taxi unterwegs, und zwar auf dem berühmten »Pan American Highway«, die auch die mysteriöse Ebene von Nazca durchquert. (Siehe Foto 2!)

Foto 2: Highway und Nazca
Von Chiclayo ging es weiter gen Norden. In Lambayeque verließen wir den Highway, fuhren nach Westen und erreichten schon bald Chotuna. »Wir hätten uns auch von Chiclayo aus nordwestlich halten können. Aber die dreizehn Kilometer auf schlechtesten Straßen sind wirklich nicht zu empfehlen. Und man gerät da leicht in die Fänge von den Männern vom Leuchtenden Pfad. Diese Terroristen nehmen gern auch in ›Friedenszeiten‹ ausländische Geiseln und lassen sie gegen Lösegeldzahlungen, oft erst nach Monaten oder einigen Jahren frei. Auf dem ›Pan American Highway‹ ist man sicherer.«

Auf der Fahrt erzählte mir der Gottesmann die Legende vom Heros Ñaymlap, ließ dazwischen aber immer wieder Warnungen vor dem »Leuchtenden Pfad« einfließen. Damals – Anfang der 1980er Jahre – war diese maoistische »Rebellengruppe« sehr aktiv in Peru. In den 1980ern und 1990ern töteten die Terroristen vermutlich Tausende. Stolz erklärte mir »mein« Priester: »Wir Geistlichen versuchen den Menschen christliche Werte zu vermitteln, durch Predigten, persönliche Gespräche, aber vor allem durch ein möglichst christliches Leben. Bischof Luis Armando Bambarén Gastelumendi steht auch auf der Todesliste der Mörder vom ›Leuchtenden Pfad‹, wie so viele von uns Geistlichen, die die Morde dieser Terroristen Morde nennen!«

Die Legende von Ñaymlap war meinem Geistlichen wohlvertraut. Auch viele der »Einheimischen« kennen sie noch, sehr zum Ärger der örtlichen Geistlichkeit. Seit Jahrhunderten, so erfuhr ich, versuchten die katholischen Priester Naymlap in Vergessenheit geraten zu lassen, aber vergeblich. Warum? Warum war Ñaymlap den christlichen Theologen so verhasst. Erstaunliches bekam ich zu hören. Einst gab es, so raunte mir der Priester mit Verschwörermiene zu, gab es einen Mann, der sich als Ñaymlap ausgab. Dieser Mensch aus Fleisch und Blut behauptete der göttliche Ñaymlap zu sein und wurde – vor Jahrhunderten – als Autorität anerkannt. Er kommandierte, die Menschen in den Gefilden von Lambayeque gehorchten. Wer wollte schon ungehorsam sein, wenn ein Gott etwas forderte?

Foto 3: Ñaymlap vor einer Pyramide

Als Ñaymlap schließlich starb, forderten seine Nachfolger weiter strikten Gehorsam von den Menschen. Ihre Autorität basierte auf der Göttlichkeit Ñaymlaps. Deshalb vertuschten sie den Tod des Herrschers und ließen seine Leiche verschwinden, hatte der doch behauptet, unsterblich zu sein. Nur wenn sie die Lüge von Ñaymlaps Unsterblichkeit aufrecht erhielten, wurde auch ihre Autorität weiter anerkannt.

»Wenn Ñaymlap ein normaler sterblicher Mensch war, dann muss doch die Kirche keine Angst vor ihm haben?«, so fragte ich provokant. Mein Gesprächspartner winkte ab. Der Geistliche wurde langsam ärgerlich. Als die Spanier nach Südamerika kamen, hielt der Herrscher der Azteken, Mocetzuma II., den Spanier Hernán Cortés für den wiederkehrenden Quetzalcoátl. Und der hatte doch bei seinem Abschied prophezeit, er werde zwar entschwinden, der einst aber wieder zurückkommen, und zwar aus dem Osten. Der Glaube an die Göttlichkeit des Hernán Cortés wurde rasch auf eine harte Probe gestellt, als der Spanier morden und plündern, foltern und rauben ließ. Seine geradezu krankhafte Gier nach Gold passte ganz und gar nicht zu einem überirdischen Gott, sondern nur zu einem verbrecherischen Menschen. Als die Azteken ihren Irrtum erkannten, war es zu spät.

Fotos 4 und 5: Soll das Ñaymlap sein?
Auch wenn Peru offiziell »katholisch« ist, so erlebte ich immer wieder auf meinen Reisen, dass auch unter einer äußeren »christlichen« Übermalung alte vorchristliche Gottheiten weiter leben und auch in der Bevölkerung weiterhin verehrt werden. So dürfte der Ur-Ñaymlap ein »heidnischer« Gott gewesen sein, der auch heute noch in der Bevölkerung Verehrung genießt. Der Legende vom unsterblichen, sprich göttlichen Ñaymlap kann nur der Gar ausgemacht werden, wenn es gelingt, seine Gebeine ausfindig zu machen und öffentlich zu präsentieren. Nach den Aufzeichnungen von Cabello de Balboa aus dem Jahr 1586 haben die engsten Vertrauten des Ñaymlap seinen Leichnam in jenem »Palast« beigesetzt, der dem angeblich »Göttlichen« zu Lebzeiten als Palast und Regierungssitz gedient hatte.

Auf Geheiß Ñaymlaps wurde seinem Volk mitgeteilt: Der göttliche Herrscher hat uns verlassen, er ist davon geflogen. Als sein Nachfolger wurde Ñaymlaps Sohn Cium anerkannt. Als Sohn eines Gottes musste Cium ja auch göttlich sein. Auch Cium plante über seinen Tod hinaus. Auch seine Nachkommen sollten als Götter verehrt und als Herrscher anerkannt werden. Auch Cium wurde angeblich heimlich beigesetzt, angeblich in einer »unterirdischen Gruft«. Wie Ñaymlaps Grab wurde auch die letzte Ruhestätte Ciums bis heute nicht gefunden.

Wo soll sich der »Palast« von Ñaymlap ausgesehen haben? Wir wissen es nicht. Wo soll er sich befunden haben? Als »heißer Kandidat« gilt die große Pyramide von Chotuna. Einst gab es im Gebiet von Chotuna »Pyramiden«, »Paläste« und »Mauern«. Viel ist heute von der alten Pracht nicht mehr zu sehen. Die meisten, einst stolzen Bauten, wurden abgetragen. Auch die »Große Pyramide« von Chotuna ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Intensive Grabräuberei macht es unmöglich, das einst majestätische Denkmal zu rekonstruieren.

Foto 6: und Foto 7: Kuriose »Comics« von Túcume

Vermutlich gab es oben auf der Pyramide einst eine Plattform und darauf Bauten. Stand dort auf der Pyramide einst der Palast des Ñaymlap? Nach Cabello de Balboa hieß der Palast-Komplex Ñaymlaps »Chot«. Sollte sich daraus der Name »Chotuna« entwickelt haben? Sollte Naymlap in der Großen Pyramide von Chotuna bestattet worden sein? Wissenschaftliche Ausgrabungen wurden durchgeführt, es wurden Reste von Keramiken gefunden, aber keine Gruft. Festzustehen scheint, dass an der kolossalen Pyramide mehrere Jahrhunderte gebaut wurde. Sie war wohl einst über dreißig Meter hoch.

Eine gewaltige Rampe führte einst bis nach oben. Interessant: Es wurden drei »unterirdische Korridore« entdeckt, zwei im Osten, eine im Süden der Pyramide. Wohin führten sie einst? Unter die Pyramide? Ins Innere der Pyramide? Nur: Es gab keine Spur – mehr? – von einer Grabkammer oder einem Erdgrab. So bleibt es spekulativ: Ist Chotuna der Ort, wo sich einst der Palast des Ñaymlap befand? Im Bereich des Spekulativen sind auch Überlegungen, wie der einstige göttliche Herrscher ausgesehen haben mag. Vereinzelte archäologische Fundstücke könnten den mächtigen Mann zeigen, oder auch nicht. Teppichmotive zeigen »fliegende Götter«. Von Ñaymlap wurde behauptet, er sei davon geflogen. Stellen also uralte Teppichmotive Ñaymlap dar?

An Mauerwerk im Túcume-Komplex (2) fanden sich erstaunlich gut erhaltene Reliefs. Was sie darstellen, auch darüber kann nur spekuliert werden. Stehen die mysteriösen Bildnisse im Zusammenhang mit Ñaymlap? Die an Comics erinnernden Darstellungen geben Rätsel auf. Sie stellen Fragen, die bis heute nicht beantwortet werden können.

Foto 8: Comics von Túcume

Bis zum heutigen Tag wird nach dem Grab des Ñaymlap gesucht. Bislang vergeblich! Viele grundlegende Fragen konnten bis heute nicht beantwortet werden.

Wann wurden die ersten Pyramiden in Peru gebaut? Auch wenn sie so aussehen, als seien sie so alt wie die Welt, so sind die Pyramiden von Túcume und Sipán verhältnismäßig jung. Die Pyramiden von Sipán mögen, vorsichtig datiert, 700 n.Chr., die von Túcume um 1000 mach Christus entstanden sein.

Im »Casma Tal«, fast direkt an der legendären Pan-American-Schnellstraße, beim Städtchen Casma gelegen, bahnt sich eine wissenschaftliche Sensation an. Da gab es ein riesiges, bebautes Areal von der Größe von 250 Fußballplätzen. Von den einstigen Prachtbauten von Sechín ist leider so gut wie nichts mehr erhalten geblieben. Archäologen stießen bei ihren mühseligen Grabungen auf das Fundament einer steinernen Pyramide. Ihr Alter wird auf 3200 v. Chr. geschätzt! So recht weiß man nicht, welchem Zweck die diversen Bauten dienten. Dann spricht man ja gern von »Kulten«, »Riten« und »Zeremonien«.

Foto 9: Reste einer uralten Kultur in Sechín.

Die Suche nach der ältesten Pyramide von Peru ist noch nicht beendet. Wir müssen uns auf Überraschungen, ja Sensationen gefasst machen. Freilich hat es sich gezeigt, dass besonders extreme Datierungen von uralten Bauten gern bei Seite geschoben werden, um das lieb gewordene Bild von der Vergangenheit Perus nicht zu erschüttern. Und doch gibt es immer wieder Funde, die dazu zwingen, das Alter der ersten Kultur von Peru immer früher anzusetzen. Und nicht nur das. Offensichtlich konnten und wussten die Menschen vor Jahrtausenden im Raum der Küste Perus mehr als wir ihnen zutrauen möchten!

Beispiel: Im Norden von Lambayeque, dem Land der fantastischen Riesenpyramiden, entdeckten Archäologen bei Licurnique einen gewaltigen Monolithen mit geheimnisvollen Zeichnungen und Symbolen. Sie entstanden 1500 v.Chr., wahrscheinlich sogar schon 2000 v.Chr., und stehen im Zusammenhang mit astronomischen Beobachtungen (3). Die »ersten Peruaner« beobachteten offensichtlich Sonne, Mond und Sterne. Rampen an ihren Pyramiden erinnern an die alten Observatorien in Indien, wo vor Jahrtausenden Sterne angepeilt wurden.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die älteste Pyramide Perus noch nicht gefunden wurde. In den Wüstenregionen an der Pazifik-Küste Perus dürfte noch so manche Überraschung auf die Archäologen warten! Ich bin davon überzeugt: Auch die älteste Pyramide der Welt wurde bislang noch nicht ausfindig gemacht. Und wer weiß: Vielleicht wurde die älteste Pyramide unseres Sonnensystems gar nicht auf Planet Erde gebaut!


Fußnoten
1) Aufgezeichnet von Walter-Jörg Langbein. Reisenotizen, Peru 1982
2) Silverman, Helaine und  Isbell, William: »Handbook of South American Archaeology«, Springer, 2008
3) Holloway, April: »Archaeologists find stone engraved with 3500-year-old astronomical symbols in Peru«, »Ancient Origins«, 27. Juli 2014


Zu den Fotos
Foto 1: Chiclayo, Peru. Foto wikimedia commons/ chiclayonortea
Foto 2: Moderne Schnellstraße durchschneidet die Ebene von Nasca. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3:
Ñaymlap vor einer Pyramide/ Foto Walter-Jörg Langbein/ Collage Ursula Prem
Fotos 4 und 5: Soll das Ñaymlap sein? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 6: und Foto 7: Kuriose »Comics« von Túcume. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Comics von Túcume. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Reste einer uralten Kultur in Sechín. Foto wikimedia commons/ Sylvain2803


Walter-Jörg Langbein
395 »Fische im Berg und die Osterinsel-Connection«,
Teil  395 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 13.8.2017



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