Sonntag, 4. Juni 2017

385 »Die ›Augen der Wüste‹ - und eine ›neue‹ Erklärung«

Teil 385 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Bahnen kreuz und quer.

Das Kreuz und Quer der Linien von Nazca, Peru, erinnert mich an die Bahnen, die Flugzeuge an den Himmel zaubern. Ihre Kondensstreifen muten manchmal wie das Gewirr auf der mysteriösen peruanischen Ebene an. Sollte es eine Verbindung geben zwischen den geheimnisvollen Riesenbahnen, den Tierdarstellungen in gigantischer Größe? 1992 flog ich zum ersten Mal in einer kleinen Propellermaschine über das bei Nazca in den trockenen Wüstenboden gescharrte Riesenbilderbuch.

»Mein« Pilot, ein gewisser Eduardo, machte mich auf die »Augen der Wüste« aufmerksam. Aus der Luft betrachtet wirken sie weniger wie »Augen«. Sie kommen mir wie gestanzte Löcher oder wie kleine »Wendeltreppen« vor, die ins harte Erdreich gebohrt wurden. An anderen Stellen sehen sie wieder ganz anders aus, so als habe es einen unterirdischen Raum gegeben, der eingebrochen sei.

»Welchem Zweck dienten diese ›Augen der Wüste‹?«, wollte ich von Eduardo wissen. »Schau’n Sie sich die Dinger doch an, lassen Sie sich hinfahren! Sie werden staunen!« Das habe ich auch getan. Ich war der erste Sachbuchautor, der über das Geheimnis der »Löcher« geschrieben hat, anno 1996 in meinem Buch »Bevor die Sintflut kam« (1).

Foto 2: Ein »Auge der Wüste« reiht sich ans andere.

Am Boden studierte ich diverse dieser »Wüstenaugen«. Man kann sie tatsächlich am ehesten mit in den Boden gegrabenen Wendeltreppen vergleichen. Und wohin führen sie? Zu einem unterirdischen Tunnelsystem, zu einem Röhrensystem unter dem Wüstenboden. Das – ich konnte mich davon überzeugen – kristallklare Wasser fließt in einer Tiefe von bis zu 19 Metern.Was ich nach mehreren Besuchen vor Ort zutiefst bedaure: Leider habe ich mich nicht sehr viel tiefer in das unterirdische System gewagt. Naja, das Wasser war schon recht kalt. Wer mutiger ist möge ruhig einmal in so einen Tunnel krabbeln, bäuchlings in kaltem Wasser. Wer weiß, wo er wieder ans Tageslicht kommt?

Ich berichtete 1996 (2): »Ich selbst habe mehrere Schächte inspiziert. Sie lagen etwa fünf Meter tief. Die unterirdische Wasserleitung hatte einen Querschnitt von 60 mal 120 Zentimetern. Die Teilstücke verliefen in Zickzacklinien von Schacht zu Schacht.

Ich könne ruhig hineinkriechen, meinten Einheimische. Auf dieses Abenteuer verzichtete ich lieber. Ich nahm auch keinen Schluck vom kristallklaren Wasser, das angeblich sauberer als das Leitungswasser in der Stadt sein soll. Fische, ich glaube es sind Welse, gedeihen jedenfalls prächtig darin. Wer hätte gedacht, daß unter dem Wüstenboden von Nazca Fische in einem Tunnelsystem leben, das vor mehr als zwei Jahrtausenden angelegt wurde.«

Foto 3: Eines der »Augen der Wüste«. Foto Walter-Jörg Langbein

Die Bahnen, Linien und Riesenbilder im Wüstenboden von Nazca sind in der Tat bis zu 2.000 Jahre alt. Das Wasserleitungssystem darunter muss älter sein, denn sonst wären ja die Scharrzeichnungen beim Bau beschädigt worden. Die Röhren, so tief sie auch liegen, wurden nicht gebohrt. Vielmehr hat – wer auch immer – Gräben ausgehoben, unten dann die wasserführenden Schächte angelegt und mit massiven Steinplatten abgedeckt und anschließend die Gräben wieder verschüttet. Die berühmten Bilder von Nazca wurden später angelegt.

Die »Wendeltreppen« - zu welchem Zweck mögen sie angelegt worden sein? Eine Vermutung liegt zumindest nahe. Gehen wir einmal davon aus, dass wir unter der Ebene ein Bewässerungssystem vorgefunden haben. Dann könnten die »Wendeltreppen« genutzt worden sein, um zum fließenden Wasser hinab zu steigen und Wasser zu schöpfen. Dieser Gedanke drängt sich auf. Nun liegt aber oft ein solcher Zugang direkt neben dem anderen, reiht sich ein »Auge der Wüste« unmittelbar an das andere. So viele »Wasserschöpfstellen« nebeneinander machen nicht wirklich Sinn.

Bei zwei meiner Erkundungstouren in Nazca »Unterwelt« machte ich eine Beobachtung, die mir kurios vorkam. Ich maß ihr aber keine Bedeutung zu. Die Sonne stand hoch über mir am Himmel. Ich hockte schwitzend vor einem der »Wassertunnel«. Und plötzlich spürte ich so etwas wie einen Lufthauch, einen Windzug. Woher er wohl kam? Aus dem Röhrensystem im Untergrund etwa, oder von oben?

Foto 4: Windfang oder Eingang?

Dieser Tage flatterte ein sehr interessanter, aufschlussreicher Artikel auf meinen Schreibtisch. Er stammt aus der wissenschaftlichen Publikation des »Archaeological Institute of America«, erschien am 19. April 2016. Rosa Lasaponara arbeitet am angesehenen »Institute of Methodologies for Environmental Analysis«. Dort widmet man sich systematisch der Erforschung von Methoden der Analyse von Umwelteinflüssen. Sie geht davon aus, dass die »Wendeltreppen« nicht in erster Linie dem Wasserschöpfen dienten, sondern einem ganz anderen Zwecke erfüllten, nämlich einer ganz konkreten Umweltbeeinflussung. Demnach sollten die über den Wüstenboden dahin streichenden Winde in die Tiefe, in die Wasserröhren gelenkt werden, um das Wasser in Bewegung, im Fluss, zu halten.

Ich darf noch einmal aus meinem Buch »Bevor die Sintflut kam« zitieren (4): »Pater Bernabe Cobo beschäftigte sich schon Ende des 17. Jahrhunderts intensiv mit der Kosmologie des Inka-Volks. 1653 schrieb der Kirchenmann, daß darin die Milchstraße eine besonders wichtige Rolle spielte.

Fotos 5-8
Bis in unsere Tage haben sich Glaubensinhalte aus Inka-Zeiten erhalten, die im Kern bis in jene Zeiten zurückreichen, als die Riesenbilder von Nazca entstanden sein mögen. So glaubten die Quechua, daß es einen geheimnisvollen Kreislauf gebe – zwischen Himmel und Erde. Sie sahen die Milchstraße als einen himmlischen Fluß, der sich nachts über das Himmelszelt ergießt. Die Gewässer am Himmel finden ihre Entsprechung in Strömen und Flüssen der Erde.«

Meiner Überzeugung nach hat das Tunnelsystem mit seinen »Augen« (Fotos 5-8) unter dem Wüstenboden zumindest auch eine religiös-spirituelle Bedeutung! Nachts fließt das Wasser der Milchstraße über den Himmel, am Tag strömt es in dem technisch perfekten Röhrensystem wieder zurück. Gott Qhatuylla hatte sein Reich im Sternbild des »Großen Bären«. Er entnahm mit einem Krug Wasser aus dem Strom der Milchstraße und ließ es auf die Erde regnen. Qhatuylla, auch Apu Illapa genannt, das – nebenbei erwähnt, trug einen »glänzenden Anzug«.

Die Milchstraße als Wasserstrom? Dieses Bild gab es auch bei den »Alten Ägyptern«. In ihrem Mythos floh Göttin Isis in den »himmlischen Nil«, verfolgt vom Monster Typhon. Schlicht »der Fluss« ( »Al Nahr«) nannte man die Milchstraße in Arabien, »Himmelsfluss« (»Tiene Ho«) in China und »Fluss von Nana« in Indien. Die Inka schließlich kannten die Milchstraße als »Mayu«, als den »Fluss des Himmels«.

Wasser ergoss sich über die Milchstraße, kam zur Erde und floss unter dem Wüstenboden zurück. So entstand ein Kreislauf des Wassers und des Lebens, im übertragenen Sinne Symbol für Tod, Leben und Wiedergeburt? Die Tunnels wären in diesem Bild die Unterwelt, die Ebene von Nazca das Reich der Lebenden und der Himmel das der Jenseitigen. Wollten die Menschen von Nazca mit ihren gigantischen Riesenzeichnungen etwa von Tieren die himmlischen Götter kontaktieren, auf sich aufmerksam machen? Ist das die Erklärung für die unterirdischen Tunnels von Nazca? (Fotos 9-11)

Unzählige Erklärungen für das mysteriöse Nazca wurden bislang angeboten. Immer wieder kommen neue hinzu. Und immer wieder tauchen Schlagzeilen in den Medien auf, etwa: »Das Rätsel von Nazca – endgültig gelöst!« Langlebig waren derlei Theorien bislang nie. Erich von Däniken schreibt zutreffend (5): »Was also hat es mit dem Rätsel Nazca auf sich? Ist irgendeine der vielen Nazca-Theorien die richtige? Oder ist uns allen etwas Entscheidendes entgangen?«

Fotos 9-11
Einst soll es Jahrhunderte lang so gut wie überhaupt nicht geregnet haben. Einst war die Wüste von Nazca wirklich eine Wüste. Die klimatischen Verhältnisse scheinen sich aber rapide zu ändern, so dass inzwischen doch Niederschlag zu verzeichnen ist. Unzählige Rinnsale bahnen sich ihren Weg und bedrohen das Weltwunder von Nazca, das mit Recht zum Weltkulturerbe gehört.

Um in profanere Bereiche unseres Lebens zurückzukommen: Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Nacht in Nazca, unter herrlich klarem Himmelszeit. Mit einigen Freunden trank ich ein mysteriöses Mixgetränk mit reichlich Pisco. Leider war irgendwann die Flasche leer. Damals hatte ich das Gefühl, mit noch etwas mehr von dem Zaubertrunk im Blut würde ich wie im Traum über der rätselhaften Ebene von Nazca fliegen können. Und das ganz ohne Flugzeug.

Leben wir, wie viele Forscher glauben, am Anfang einer klimatischen Apokalypse? Ist die nahende Katastrophe, die vehement angekündigt wird, so sie denn kommt, menschengemacht oder ein Ereignis, dass sich auf unserem Planeten immer wieder wiederholt, regelmäßig? In einer zunehmend agnostischen Welt beichten und bekennen wir die Sünden, die zur Klima-Erwärmung führen. Oder erleben wir einen natürlichen Zyklus als Gegenbewegung zur letzten Kälteperiode? Wie dem auch sei: Auch die Azteken glaubten – wie die Mayas – an eine sich zyklisch wiederholende Geschichte, zu der auch »Weltunterhänge« gehörten. Erleben wir den Beginn der nächsten Apokalypse?

Fußnoten
Foto 12: Die Wüste von Nazca …
1) Langbein, Walter-Jörg: »Bevor die Sintflut kam«, München 1996, Kapitel 25,
     »Ein Bilderbuch für die Götter«, S. 284-295 (Rechtschreibung  im Zitat
     unverändert übernommen, nicht an die Rechtschreibreform angepasst!)
2) ebenda, Seite 292 unten und Seite 293 oben (Rechtschreibung  im Zitat
     unverändert übernommen, nicht an die Rechtschreibreform angepasst!)
3) »Archaeology/ A publication of the Archaeological Institute of America«,
     Tuesday, April 19, 2016
4) Langbein, Walter-Jörg: »Bevor die Sintflut kam«, München 1996, Kapitel 25,
     »Ein Bilderbuch für die Götter«, Seite 291 (Rechtschreibung  im Zitat
     unverändert übernommen, nicht an die Rechtschreibreform angepasst!)
5) Däniken, Erich von: »Zeichen für die Ewigkeit/ Die Botschaft von Nazca«,
     München 1997, S. 115



Literaturempfehlung
Däniken, Erich von: »Zeichen für die Ewigkeit/ Die Botschaft von Nazca«, München 1997

Foto 13: … birgt noch viele Geheimnisse.

Zu den Fotos
Foto 1: Bahnen kreuz und quer. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ein »Auge der Wüste« reiht sich ans andere. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Eines der »Augen der Wüste«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Windfang oder Eingang? Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 5-8: »Augen der Wüste«. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 9-11: Blick in die Unterwelt von Nazca. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Die Wüste von Nazca … Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 13: … birgt noch viele Geheimnisse. Foto Walter-Jörg Langbein

»Nichts als heiße Luft«,
Teil  386 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 11.06.2017




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