Sonntag, 2. April 2017

376 »Ochs‘ und Esel und das Blut des Pelikans«

Teil  376 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Das Freiburger Münster
Auf meinen Reisen im In- und Ausland begegneten mir immer wieder religiöse Darstellungen in Kapellen, Kirchen und Kathedralen. Oft zierten sie den Eingangsbereich von Gotteshäusern aus alten Zeiten. Immer wieder bekam ich zu hören: »Diese Bildwerke waren für Menschen gedacht, die des Lesens unkundig waren. Ihnen sollte auf dem Weg der bildlichen Darstellung der christliche Glaube vermittelt werden!«

Diese Erklärungen leuchten natürlich ein. Freilich erschließt sich die Bedeutung steinerner Reliefs oder hölzerner Schnitzwerke nicht ohne weiteres von selbst. Man muss die Geschichten kennen, die dargestellt werden. Dann – und nur dann – weiß man zum Beispiel mit dem Tympanon über dem Haupteingang zum Münster von Freiburg etwas anzufangen.

Wenn da Ochs und Esel im Stall zu sehen sind, wie sie andächtig Heu fressen, während eine Frau auf einer Bettstatt liegend ein Baby liebkost, dann verstehen wir, worum es da geht: Um die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem. Wir erkennen das künstlerisch schön gestaltete Szenario in seiner Bedeutung, weil wir die Weihnachtsgeschichte von Bethlehem kennen. Wäre sie uns unbekannt, so könnten wir mit der Bildergeschichte nichts anfangen. Mit Fantasie könnten wir sogar ganz unterschiedliche Aussagen hineininterpretieren.

Foto 2: Ochs' und Esel im Tympanon
Wir kennen die christliche Vorstellung, dass auf jeden Mensch nach seinem Tode das »jüngste Gericht« wartet. Die Guten gelangen in den Himmel, die Bösen kommen in die Hölle. Betrachten wir nun das Tympanon von Freiburg, so wissen wir, was da geschieht: Zur rechten Seite von Jesus schleppt ein Teufel Menschen an einer schweren Eisenkette in den Höllenschlund, das sind die Sünder, die für ihre Untaten büßen müssen. Denen zur rechten Seite Jesu geht es viel besser, das sind die Gerechten. Es müssen die Gerechten sein, sagt uns unser Wissen. Zufrieden sehen sie aus, in der Erwartung auf Belohnung für ein gutes Leben nach den Regeln des christlichen Glaubens.

In Cuzco zeigte mir ein Geistlicher den »Nebenraum« einer alten Kirche. Da verstaubte ein Ölgemälde von bemerkenswerten Ausmaßen vor sich hin. Zwei mal drei Meter mag es gemessen haben. Große Teile des Bildes waren unter einer Schmutzschicht nicht einmal mehr zu erahnen. Andere Partien hatte man »gereinigt«, so dass wieder einiges zu erkennen war. In der Mitte stand eine Art Kreuz. Zur linken Seite des »Kreuzes« hingen Menschen aufgehängt an den Ästen eines weit ausladenden Baumes. Zur rechten Seite hingegen hatte sich eine ganz andere Schar Menschen versammelt. Im Gegensatz zu ihren Artgenossen auf der anderen Seite, die in Lumpen gehüllt waren, trugen sie sehr saubere, ordentliche Kleidung und sprachen fast  wie im »Schlaraffenland« allen möglichen Speisen zu.

Foto 3: Unterwegs in Cuzco
Was aber zeigte mir das Gemälde? Das »Jüngste Gericht« etwa, die Bestrafung der Sünder und Belohnung der Guten? Spielte das Geschehen im Jenseits, nach dem Tode, oder doch im Diesseits? Waren es auf der einen Seite die Inkas, die sich den Spaniern widersetzten und dafür aufgehängt wurden? Sollten dann die Menschen auf der anderen Seite die im Überfluss lebenden Inkas sein, die ihren Widerstand gegen die Eroberer aus Europa aufgegeben hatten und entsprechend belohnt wurden? Mit einem Geistlichen unterhielt ich mich kurz über das Werk. Es schien ihm Spaß zu machen. Mich zu irritieren. Dargestellt wurde womöglich etwas ganz anderes. Aber was? Schmunzelnd bot der Geistliche eine kurios anmutende Variante: »Das Geschehen spielt auf einem Kontinent, bevor er im Meer versank. Die Menschen hassten einander. Die einen lebten im Überfluss und stopften sich Taschen und Mäuler voll. Die anderen lebten in Armut und wurden für selbst kleine Vergehen mit dem Tode bestraft.«

Was mir das Gespräch mit dem Geistlichen von Cuzco verdeutlichte? Bilder ohne Worte können oft nicht nur auf eine Weise interpretiert werden. Ein Maler mag eine ganz bestimmte Aussage im Sinn gehabt haben, als er sein Werk schuf. Wer das Bild aber betrachtet, ist auf seine Fantasie angewiesen. Er erkennt, was er zu kennen meint.

Foto 4: Der Engel mit der Waage
Wenden wir uns wieder dem Tympanon in der Turmvorhalle zu. Wir picken uns eine kleine Szene heraus. Da stehen zwei Gestalten. Der eine ist unschwer als Engel zu erkennen. Er hält eine Waage. In der einen Waagschale sitzt ein Kind. In der anderen hockt ein kleines Wesen. Das Kind ist schwerer als das Wesen auf der anderen Seite, sinkt nach unten, ist also schwerer. Das Wesen ist offenbar leichter, freilich hängt sich ein Teufel an seine Waagschale und versucht, sie nach unten zu ziehen. Was ist dargestellt? Ein Engel entscheidet, ob eine Seele in den Himmel oder in die Hölle kommt. Wer als zu leicht befunden wird, hat verloren. Geht es um das »schwere Kind«, um die Seele eines Menschen? Sitzt in der anderen Waagschale ein Teufel, zerrt ein zweiter Teufel an der Waage, weil er die Seele des Kindes für sich beansprucht? Rechts neben der Waage steht ein Teufel, der zum Engel blickt. Warum faltet der Teufel die Hände wie zum Gebet?

Foto 5: Blick auf das Tympanon
Guido Linke ist Kunsthistoriker. Er lebt in Freiburg. Sein Spezialgebiet ist die historische Bauforschung.  Er kann sich kompetent zum Tympanon äußern. Ich darf zitieren (1):

»In der Mitte des Streifens ist der Erzengel Michael bei der Seelenwägung zu sehen (Foto 4). In einer Waagschale sieht man ein Menschlein, während zwei Teufelchen die andere Schale herabzusenken versuchen. Daneben steht der ob seiner zusammengelegten Hände fälschlich so genannte ›betende Teufel‹. Tatsächlich betet er nicht, er ringt die Hände, da er sieht, dass die Waagschale sich zum Guten neigt und ihm diese Seele wohl entkommen wird.«

Die Turmvorhalle des Freiburger Münsters bietet im Tympanon eine Folge von Szenen in mehreren Etagen, wobei wir die Bedeutung der meisten Bilder zu kennen meinen. Aber liegen wir mit unserer Voreingenommenheit richtig? Oder interpretieren wir in die Darstellungen hinein, was wie für richtig halten? Könnte es sein, dass die Künstler der Gotik da und dort ganz andere Vorstellungen hatten? Weil die einzelnen Teilszenen oftmals förmlich ineinander übergehen und zudem auch nicht chronologisch geordnet sind, können wir uns durchaus auch täuschen!

Foto 6: Jesus am »Baum-Kreuz«

Im Zentrum steht das Kreuz. Es ist kaum größer als Jesus, der Gemarterte. Und es ist ganz anders gestaltet als wir das sonst aus Kirchen kennen. Der senkrecht stehende Balken ist nicht zu sehen, wird vom Körper Jesu verdeckt. Der sonst waagrecht angebrachte Querbalken erinnert an eine Irminsul, also an einen Lebensbaum. Es kommt mir so vor, als habe man Jesus an einem Baum gekreuzigt, die Arme an zwei massive Äste genagelt. Ich meine, man sieht zahlreiche Ansätze von kleinen Ästen und Zweigen, die man abgesägt hat. Über dem Haupt Jesu ist etwas auszumachen. Vor Ort in Freiburg hielt ich es für die Dornenkrone Jesu. Beim Betrachten meiner Fotos erkenne ich aber, dass es sich bei dem goldenen Flechtwerk um ein Vogelnest handelt. Ganz klar sind zwei Jungvögel im Nest zu sehen, darüber könnte ein großer Vogel verewigt worden sein.

Foto 7: Jesus und das Nest
Guido Linke erklärt (2): »Der Gekreuzigte überragt die Beistehenden und sprengt die Streifenordnung des Tympanons. Der Schädel Adams zu seinen Füßen zeigt ihn als Überwinder des Todes. Auf dem oberen Ende des Kreuzes, das mit Astansätzen als Lebensbaum gestaltet ist, sieht man ein Vogelnest. Hier wird die mittelalterliche Tierfabel vom Pelikan als christologisches Symbol eingesetzt. Nach dem Lehrbuch des Physiologus erweckt der Vogel seine toten Jungen mit seinem Blut zum Leben, indem er sich die Brust aufreißt. Ebenso habe Christus am Kreuz durch das Opfer seines Blutes für die Menschheit den Tod überwunden.«

Tatsächlich gibt es mittelalterliche Legenden, die in ihren Aussagen voneinander abweichen. Da heißt es zum Beispiel, dass »Mutter Pelikan« sich die eigene Brust aufriss, um ihre Jungen mit ihrem Blut zu füttern, sobald sie keine Nahrung mehr für die Kleinen finden konnte. Da heißt es aber auch, dass »Mutter Pelikan« mit ihrem Blut ihre toten Jungen zu neuem Leben erwecken konnte. In der christlichen Symbolik wurde Jesus zum Pelikan, der sich opfert, um die Toten aus dem Totenreich ins Leben zu holen.

Foto 8: Der »Pelikan« füttert seine Jungen mit Blut
In Cuzco erklärte mir »mein« Geistlicher, das Kreuz des Christentums sei vergleichbar mit einem wichtigen Maya-Symbol. Es stehe für die Unterwelt (Reich der Toten), die Welt der Lebenden und den Himmel.  Es wurzelt in der Unterwelt, Stamm und Querbalken symbolisierten die Welt in der wir leben und der darüber hinausragende senkrechte Teil verweise auf den Himmel. Ich musste an Exkursionen ins Land der Mayas denken. Auf Reisen erfuhr ich lebhafter und mehr als aus Büchern über die alte Mythologie der Mayas (3). Wichtig war ihnen der Ceibabaum. Die Maya von Yucatán verstanden ihn als Weltachse. Seine Wurzeln, die sich tief ins Erdreich graben, versinnbildlichten die Unterwelt, sein mächtiger Stamm entspricht der Welt der Lebenden und seine Krone dem Himmel. Dieses kosmische Symbol erkenne ich auch in alten Gotteshäusern des Christentums: Die Krypta steht für die Unterwelt, das Reich der Toten, das Kirchenschiff mit den Gläubigen bildet die Welt der Lebenden ab und der Turm ragt in den Himmel.

So können christliche Symbole und Bilder weit über die Grenzen einer Konfession hinaus gedeutet und verstanden werden. Die Frage ist nur, ob die Vertreter aller Religionen dazu bereit sind, die Gemeinsamkeit mit anderen Religionen zu sehen. Das könnte zu einer Verständigung zwischen den Religionen führen. Aber ist eine solche Verständigung überhaupt erwünscht? Da habe ich meine Zweifel. Gerade in unseren Tagen sieht es ganz so aus, als ob sich – speziell im Islam – radikalere Interpretationen durchsetzen, die die eigene Sichtweise zur allein gültigen erklären.


Fotos 9-11: Der heilige Baum der Mayas - Symbol für die Welt

Fußnoten
1) Linke, Guido: »Freiburger Münster/ Gotische Skulpturen der Turmvorhalle«,
     Freiburg, 1. Auflage 2011, Seite 29, rechte Spalte unten und Seite 30, linke
     Spalte oben
2) ebenda, Seite 31, linke Spalte oben
3) Siehe hierzu Schele, Linda und Freidel, David: »Die Unbekannte Welt der Maya/
     Das Geheimnis ihrer Kultur entschlüsselt«, Augsburg 1994

Zu den Fotos
Foto 1:  Das Freiburger Münster - Turm. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein 
Foto 2: Ochs' und Esel im Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Unterwegs in Cuzco. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4 Der Engel mit der Waage. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Blick auf das Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Jesus am »Baum-Kreuz«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Jesus und das Nest. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der »Pelikan« füttert seine Jungen mit Blut. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 9-11: Der heilige Baum der Mayas - Symbol für die Welt. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Der geheimnisvolle »Lichtbringer«. Foto Walter-Jörg Langbein


Foto 12: Der geheimnisvolle »Lichtbringer«


377 »Der Teufel im Stall von Bethlehem«,
Teil  377 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 09.04.2017


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