Sonntag, 5. März 2017

372 »Vom Mönch, vom Wolf und von einem Sonnengott«

Teil  372 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Portal zur Nikolauskapelle
Mit Ingeborg Diekmann stehe ich vor dem Eingang zur einstigen Nikolaus-Kapelle im Münster von Freiburg. Die Lichtverhältnisse sind etwas problematisch. Links sehen oder erahnen wir gespenstische Szenen: Eine merkwürdige Familie – Vater, Mutter, Kind – von Wesen mit Fischschwänzen und Kampfgetümmel zwischen einem Menschen und einem Monster und zwischen zwei Monstern. Mächtig dröhnt die Orgel durch das gewaltige Schiff des Münsters, die eigentlich eine Kathedrale ist.

Wir blicken durch die Gittertür in die Dunkelheit dahinter. Hier schloss sich einst die Nikolaus-Kapelle an. Rosa Enderle schreibt kurz und bündig in ihrem vorzüglichen Werk »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben« (1): »Das Kapellen-Innere war einst farbig ausgemalt und vom Licht durchflutet. Ein Rankenfries mit Lebenssymbolen durchzieht die ganze Kapelle.« Von der einstigen Farbenpracht ist nichts mehr geblieben. Aus der mysteriösen Kapelle ist ein Durchgangsraum geworden.

Wir wenden uns der rechten Seite zu. Auch hier gibt es niedrige Säulen mit Kapitellen, auch hier wurden mysteriöse Szenen in Stein verewigt, die so gar nicht in eine christliche Kirche passen. Aufschlussreich sind drei Buchstaben, die sorgsam in den glatt polierten Stein eingraviert wurden: »ABC«. Das Licht fällt von der Seite auf das Steinrelief, das knapp über Augenhöhe angebracht worden ist. Licht und Schatten lassen das Szenario geheimnisvoll erscheinen. Unter dem »ABC« sieht man einen Mönch in seiner Kutte. Er sitzt auf einem Schemel. In seiner rechten Hand hält der Mönch so etwas wie einen Stock. Ihm gegenübersitzt auf seinen Hinterläufen ein wilder Wolf, der die Zähne fletscht. Der Mönch hält dem Wolf so etwas wie eine Schiefertafel hin. Offenbar will er dem Tier die Kunst des Schreibens beibringen, droht ihm Strafe an. Auch der Wolf hat eine Pranke an der Schreibtafel. In der anderen hält er so etwas wie einen Griffel. Sehr aufmerksam ist »Schüler Wolf« freilich nicht. Er blickt vielmehr nicht in Richtung seines Lehrers, sondern über die Schulter in Richtung eines Schafs.

Foto 2: Die Wolfsschule. »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«

Auf dem nächsten Bild hat sich der Wolf dem Mönch zugewendet. Aber tut er das freiwillig? Zieht er das Raubtier an einem Riemen in seine Richtung? Der Wolf freilich hat andere Interessen als der Mönch. Hat er doch jetzt das Schaf gepackt, wohl um es gleich zu fressen. Bilder 1 und 2 nehmen Comicstrips vorweg, und das um viele Jahrhunderte. In Comicstrips werden Geschichten erzählt: als Folge von Einzelbildern. Am Portal zur einstigen Nikolaus-Kapelle erwartet man nun eigentlich, wie die Geschichte mit dem Mönch, dem Wolf und dem Schaft weiter geht. Das aber erfahren wir nicht. Bild 3 zeigt eine Szene aus einer ganz anderen Geschichte, aber aus welcher?

Foto 3: Die Wolfsschule und ein Löwenkampf.

Wir sehen einen Kampf zwischen einem Mann und einem Löwen. Zwei Erklärungen für dieses Bild gibt es: »David kämpft mit dem Löwen!« und »Samson kämpft mit dem Löwen!« Einigkeit herrscht: Gerungen wird mit einem Löwen. Aber wer ist der wackere menschliche Kämpfer? Ist es etwa David?  Tatsächlich überliefert das Alte Testament ein Gespräch zwischen David und Saul (2): »David aber sprach zu Saul: Dein Knecht hütete die Schafe seines Vaters; und kam dann ein Löwe oder ein Bär und trug ein Schaf weg von der Herde, so lief ich ihm nach, schlug auf ihn ein und errettete es aus seinem Maul. Wenn er aber auf mich losging, ergriff ich ihn bei seinem Bart und schlug ihn tot.«

Eindeutig identifiziert ist damit aber die Kampfszene Mensch-Löwe nicht. Gibt es doch eine weitere kurze Beschreibung im Alten Testament, nämlich im Buch Richter (3): »So ging Simson hinab mit seinem Vater und seiner Mutter nach Timna. Und als sie kamen an die Weinberge von Timna, siehe, da kam ein junger Löwe brüllend ihm entgegen. Und der Geist des Herrn geriet über ihn, und er zerriss ihn, wie man ein Böcklein zerreißt, und hatte doch gar nichts in seiner Hand. Er sagte aber seinem Vater und seiner Mutter nicht, was er getan hatte.«

Foto 4: Mönch und Schüler Wolf.

Simson, der in manchen Bibelübersetzungen Samson heißt, wurde zur Symbolfigur mystisch-magischer Kraft. Er war eine Art biblischer »Superman« der als Vertreter Israels gegen die feindlichen Philister kämpfte. Simson, der in wütender Raserei eintausend Männer mit einem Eselsknochen erschlagen hatte (4), geriet in die Gefangenschaft der Erzfeinde. Die Philister beraubten ihn seiner märchenhaften Kraft, stachen ihm die Augen aus und zwangen ihn zu demütigender Arbeit. Mit Gottes Hilfe erstarkt Simson wieder und bringt eine Festhalle zum Einsturz. Er selbst und dreitausend Philister starben (5). Offenbar war Simson ursprünglich sehr viel mehr als nur ein muskelbepackter menschlicher Held, nämlich ein einstmals angebeteter Sonnengott. »Simson« ist die Verdeutschung des hebräischen Namens Schimschon, und der lässt sich übersetzen mit »von der Sonne«, aber auch »Kleine Sonne« oder »Sönnchen« übersetzen. Meine Vermutung: Weil Simsons Wirken als himmlischer Heros nicht in Vergessenheit geriet, degradierten ihn biblische Autoren vom Sonnengott zum menschlichen Superhelden. Seine Taten finden sich noch heute im Buch der Richter (6) ausführlich beschrieben. Samsons gewalttätiges Leben endete gewalttätig (7):

Foto 5: Der Wolf will das Schaff fressen.

»Das Haus aber war voller Männer und Frauen. Es waren auch alle Fürsten der Philister da, und auf dem Dach waren etwa dreitausend Männer und Frauen, die zusahen, wie Simson seine Späße trieb. Simson aber rief den Herrn an und sprach: Herr, denke an mich und gib mir Kraft, Gott, noch dies eine Mal, damit ich mich für meine beiden Augen einmal räche an den Philistern. Und er umfasste die zwei Mittelsäulen, auf denen das Haus ruhte, die eine mit seiner rechten und die andere mit seiner linken Hand, und stemmte sich gegen sie.  Und sprach: Ich will sterben mit den Philistern! Und er neigte sich mit aller Kraft. Da fiel das Haus auf die Fürsten und auf alles Volk, das darin war, sodass es mehr Tote waren, die er durch seinen Tod tötete, als die er zu seinen Lebzeiten getötet hatte.«

Foto 6: Der Wolf hat das Schaf gepackt ...

Ich meine, dass man den Löwenbezwinger vom Fries am Eingang zur ehemaligen Nikolaus-Kapelle als Simson identifizieren kann. Überliefert uns doch das Buch der Richter Simsons Geheimnis. Da enthüllt der Kraftprotz der verführerischen Delila (8): »Wenn ich geschoren würde, so wiche meine Kraft von mir, sodass ich schwach würde und wie alle andern Menschen.« Auf dem Relief am Eingang zur einstigen Nikolaus-Kapelle ist der Löwenbesieger mit sehr langen Haaren dargestellt, die ihm bis in die Kniekehlen gereicht haben dürften. »Ketzerische Frage«: Erinnert ein Relief im Münster zu Freiburg an einen alten Sonnengott, der in einen irdischen »Superman« verwandelt wurde? I m sogenannten Tympanon des Haupteingangs jedenfalls prangt ganz oben in der Spitze – eine Sonnenscheibe, als Symbol für den Sonnengott von einst?


Foto 7: Mönch, Wolf und Schaf.
Wer Biblisches und Vorbiblisches in einen Topf wirft, handelt der wie ein Ketzer?
Oder wie einer, der den Quellen biblischer Überlieferungen auf den Grund geht? Wer etwa Jesus mit einer uralten Sonnengottheit in Verbindung bringt, verfälscht der da christlichen Glauben? Oder zeigt er auf, aus welchen Quellen das Urchristentum schöpfte? Zur Zeit Konstantin des Großen (274-337) wird Jesus in der frommen Kunst entweder als Mann mit kurzem oder mit lockigem Haar gezeigt. Er ist jugendlich, ja maskulin schön in diesen Darstellungen, die ganz offensichtlich von Bewunderern Jesu geschaffen wurden. Offenbar war man der Ansicht, dass Gottes Sohn auf Erden nur schön gewesen sein kann.

In jener Zeit kursierten zahlreiche bildliche Darstellungen von Göttern aus dem Mittelmeerraum. Sie werden gern in heldenhafter Pose dargestellt. Besonders beliebt war anscheinend der Sonnengott Helios. Offensichtlich gab es in der Götterwelt Konkurrenzdenken. Und Jesus wurde als Rivale angesehen. Jesus sollte natürlich nicht nachstehen, also schufen christliche Künstler Jesus als Helios im Sonnenwagen. In einem Grabmal ausgerechnet unter der Peterskirche legten Archäologen eine ansprechende künstlerische Arbeit frei. Sie vereint »heidnische« Götterwelt und christliches Missionsstreben. Also verewigte man Jesus als Apollo, der mit starker Hand seinen himmlischen Sonnenwagen durch die himmlischen Lüfte führt. Doch auch der heldenhafte Jesus verschwand wieder aus der Kunst und wich einem älteren Jesus, der mehr an einen sorgenvollen guten Hirten als einen olympischen Gott erinnert.

Foto 8: Wer kämpft da mit einem Löwen?

Tauchte vor rund einem Jahrtausend ein uralter Sonnengott im Fries des Eingangs zur einstigen Nikolaus-Kapelle wieder auf? Kam vorchristliches Glaubensgut – Sonnengott als Simson – wieder aus der Versenkung? Glaubenswelten haben oft sehr, sehr tiefe Wurzeln. Vermeintlich »neue« sakrale Bilder werden häufig immer wieder übernommen und überleben so manchen Wandel zu »neuen« Religionen!


Foto 9: »Superman« Simson mit langen Haaren.
Fußnoten
1) Enderle, Rosa: »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«, Freiburg 1987, S. 41.
Insgesamt sind vier Bände von »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben« im Verlag Schillinger, Freiburg, erschienen. Das Zitat stammt aus Band I
2) 1. Buch Samuel Kapitel 17, Verse 34 und 35
3) Richter Kapitel 14, Verse 5 und 6
4) Das Buch der Richter Kapitel 15, Vers 15
5) Das Buch der Richter Kapitel 16, Verse 27 und 29
6) Das Buch der Richter Kapitel 13-16
7) Das Buch der Richter Kapitel 16, Verse 27-30
8) Das Buch der Richter Kapitel 16, Vers 17


Zu den Fotos
Foto 10: Ein Engel hält eine Sonne im Tympanon.
Foto 1: Das Portal zur einstigen Nikolaus-Kapelle. Ich danke dem Verlag Schillinger für die Abdruckgenehmigung des Gemäldes von Pius Enderle, erschienen in  »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«, Band III, Schillinger
Verlag Freiburg i.Br., 1993, S. 23. Ich danke dem Verlag Schillinger für die Abdruckgenehmigung des Gemäldes von Pius Enderle. Telefonat: 30.11.2016, vormittags.
Foto 2: Die Wolfsschule. »Aus Kunstgeschichte und Heiligenleben«, Band II Schillinger Verlag Freiburg i.Br. 1990, S. 8. Ich danke dem Verlag Schillinger für die Abdruckgenehmigung des Gemäldes von Pius Enderle. Telefonat: 30.11.2016, vormittags.
Foto 3: Die Wolfsschule und ein Löwenkampf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Mönch und Schüler Wolf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Wolf will das Schaff fressen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Der Wolf hat das Schaf gepackt ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Mönch, Wolf und Schaf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Wer kämpft da mit einem Löwen? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: »Superman« Simson mit langen Haaren. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Ein Engel hält eine Sonne im Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Die Sonne im Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein


Foto 11: Die Sonne im Tympanon.




373 »Alexander fliegt in den Himmel«,
Teil  373 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 12.03.2017


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