Montag, 16. Januar 2017

Maria Schell: Nur die Liebe zählt – Teil 2

Maria Schell im Interview mit Walter-Jörg Langbein

> Fortsetzung von Teil 1

Foto 1: Maria Schells Memoiren
WJL: Müssen Sie sich als Schauspielerin mit einer Rolle identifizieren können?
Maria Schell: Sie meinen moralisch?
WJL: Ja.
Maria Schell: Ich muss eine Rolle verstehen können. Nehmen wir zum Beispiel »Die alte Dame« von Dürrenmatt. Ich musste mir einen Weg suchen, musste feststellen, in welcher Ecke meines Herzens ich so sein könnte. Ich habe zur »alten Dame« von Dürrenmatt einen anderen Schlüssel als meine Kolleginnen gefunden, die diese Rolle auf den Hass allein aufgebaut haben. Mein persönlicher Zugang zur Rolle war die Verletzung des Weiblichen. Da ist eine Frau, am Rande der Weiblichkeit, die keine Kinder mehr bekommen kann, eine Frau, die sich total an dem Mann rächt, der ihr das Kind genommen hat.

WJL: Was für Filmangebote würden Sie ablehnen?
Maria Schell: Solche mit sinnloser Brutalität, mit Gewalt, die einfach unnötig ist, die nicht gezeigt werden bräuchte. Es sei denn, die Gewalt zeigt einen Weg auf, der für ein Stück, ein Theaterstück oder einen Film, unerlässlich ist. Ich würde auch an keiner Pornoproduktion mitwirken, in solch einem Film möchte ich nicht drinnen sein, das sind zweitrangige Instinkte des Menschen, die ich nicht fördern möchte.

WJL: Wie stehen Sie zu Ihrer Rolle im Superman-Film? Hat Ihnen der Film gefallen? Sie waren ja die Mutter Supermans.
Maria Schell: Gefallen? Gar nicht!

Foto 2: Maria Schell spielte Suprmans Mutter
WJL: Warum haben Sie dann mitgewirkt?
Maria Schell: Ich habe den Film gemacht, weil mir sehr viel Geld gegeben wurde. Die Filmleute wollten so viele berühmte Namen wie nur möglich und haben dafür viel Geld bezahlt. Ich nenne solche Filme Telefonfilme. Alle zwei Jahre mache ich einen solchen Telefonfilm. Wissen Sie, ich vertelefoniere viel Geld mit meinen Kindern. Wenn ich dann einen riesigen Batzen Geld bekomme, für zwei, drei Tage Dreharbeit, für gar nichts, dann nehme ich solch ein Angebot an, zahle das Geld auf ein besonderes Konto und bezahle dann davon die vielen teuren Telefonate.
Aber es war natürlich eine große Freude mit Marlon Brando zusammenzuarbeiten. So klein die Szene auch war, der schauspielerische Austausch mit Marlon Brando war sehr faszinierend.

WJL: Sie beschreiben in Ihrem Buch »Die Kostbarkeit des Augenblicks« eine abenteuerliche, wahrhaft halsbrecherische Autofahrt mit Marlon Brando. War die wirklich so dramatisch, wie Sie das beschreiben?
Maria Schell: Aber natürlich. Ich gebe im Buch dieser Episode ja eine humorvolle Note.

WJL: Frau Schell, welche Filmpartner waren besonders wichtig für Sie?
Maria Schell: Viele, wirklich viele.

WJL: Können Sie einige Namen nennen?
Maria Schell: Gary Cooper, der war unheimlich wichtig; auch Yul Brünner, Curd Jürgens, Paul Scofield, mit dem ich »1919« drehte.

Foto 3: Filmpartner Yul Brünner
WJL: Kann der Film Ihrer Meinung nach eine positive Wirkung auf die Zuschauer haben?
Maria Schell: Aber unbedingt. Nur leider gehen nicht mehr so viele Menschen ins Kino wie früher. In Frankreich, da gibt es am Donnerstag, Freitag, Samstag und vielleicht am Sonntag keine Kinofilme im Fernsehprogramm. Als Folge strömen die Menschen wieder ins Kino. Es wäre fantastisch, wenn so etwas auch bei uns möglich wäre, aber die Fernsehmenschen sind doch froh, wenn sie die alten Filme zeigen können.

WJL: Sehen Sie sich Ihre alten Filme an?
Maria Schell: Wenn ich Sie lange nicht mehr gesehen habe, dann ja.

WJL: Sind Sie selbstkritisch?
Maria Schell: Natürlich bin ich das. Seit drei Jahren habe ich einen Videorekorder, besitze sechzig Filme von mir, ich schaue sie an, prüfe sie, wie weit sie schauspielerisch gelungen waren. Und ich kann sagen, dass ich zufrieden bin. Ich hab‘ weniger, weit weniger Filme, die der Zeit nicht standhalten als solche, die vor der Zeit bestehen können, die der Zeit standhalten.

WJL: Haben Sie Wünsche an Bühnenstücke, Filmprojekte?
Maria Schell: Ich würde gern »Die Betrogene« von Mann machen, das ist eine wunderschöne Novelle. Und vieles, was ich mir wünsche, das kann ich auch verwirklichen. So mache ich beispielsweise einen Film über eine Orgelspielerin, »Requiem für eine Orgel« heißt der Film, auch eine wunderschöne Geschichte. Verhandlungen sind im Gange über eine Fernsehserie, eine heitere Sache wäre das. Und nächstens wirke ich mit in einem Porträt von mir.

(Anmerkung: 1985 wurde »Zweimal 30 – Maria Schell Special« verwirklicht. Auch die von Maria Schell angesprochene Fernsehserie wurde produziert und mit großem Erfolg 1987 bis 1991 in 49 Folgen ausgestrahlt: »Die glückliche Familie«. Ob »Requiem für eine Orgel« in den Kinos oder im Fernsehprogramm lief, kann ich nicht mehr in Erfahrung bringen.)

Fotos 4, 5 und 6: Maria Schells erfolgreiche TV-Serie »Die glückliche Familie«

WJL: Wenn Sie in der Öffentlichkeit spazieren gehen, erkannt werden, freut Sie das dann oder fühlen Sie sich eher belästigt oder eher bestätigt?
Maria Schell: Also früher war das ganz schlimm. Da konnte ich nicht einmal eine Zahnbürste kaufen. Auch heute werde ich noch viel erkannt, auch im Ausland, in den USA etwa. Aber dieses Erkennen, die Reaktionen der Menschen, das hat sich gewandelt, ist von einer anderen Qualität. Es kommt nicht mehr zu Hysterie, nicht mehr zu Aufläufen. Da ist eine Wärme, eine große menschliche Wärme, die mir entgegengebracht wird, die ich spüre. Das ist keineswegs Belästigung.

WJL: Gibt Ihnen diese Wärme etwas, Kraft für Ihre Arbeit?
Maria Schell: Durchaus, durchaus.

WJL: Viele Zeitgenossen fürchten sich vor einem Krieg. Steht Ihrer Meinung nach ein großer Krieg, der die ganze Welt heimsucht, bevor?
Maria Schell: Ich hoffe, dass von dem Tag an, als wir zum ersten Mal vom Mond aus die Erde sahen, den blauen Planeten, auf dem wir alle leben müssen, von dem keiner runter kann, etwas bewusst oder unbewusst entstanden ist, das diesen Garten Eden behüten will.
Da ist dieses Es, die geistige Substanz, von der wir gesprochen haben, die sich wie eine Wolke formiert zum Schutz dieser Welt, in den Wünschen von uns allen. Der Wunsch nach Frieden ist sehr groß, nicht nur nach Frieden im Sinne von in Ruhe gelassen zu werden, sondern als Verteidigung dieser herrlichen Welt, in der wir leben, die zugekleistert wird von negativen Nachrichten, Tag für Tag, weil die sich gut verkaufen. Leider lesen ja die Menschen Tag für Tag am Anfang jeden Tages nur von Dingen, die einen für den ganzen Tag traurig stimmen müssten. Man erfährt ja tagtäglich nur das Schrecklichste, die entsetzlichen Meldungen.
Daher halte ich die Angst, die vorherrscht, für eine zum Teil künstliche Angst. Die Welt ist uns sehr verteufelt worden durch die übelste Berichterstattung, die alles an Negativ-Superlativen groß herausbringt. Warum? Damit vielleicht die Negativschlagzeile von gestern noch gesteigert werden kann.

Foto 7 Blick vom Mond zur Erde

Aber viele Menschen wollen, mögen diese Sensationsmache nicht, wollen nach innen leben. Weil sie alle spüren, dass die Grenze des Erlebbaren nicht erweitert werden kann. Ich kann mir vorstellen, dass der Wille zum Frieden sehr stark wächst. Dabei ist es schon gar nicht leicht, mit dem Frieden fertig zu werden. Warum haben wir denn all‘ diese Aggressionen, diese Terroristen? Weil viele Menschen nicht mit dem Frieden fertig werden. Dazu sind noch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten gekommen. Viele junge Menschen stehen heute vor dem Problem dass sie nichts verändern dürfen. Trotzdem: der Wille zum Frieden ist groß. Die ersten Zeichen der Verständigung werden sichtbar. Ich hoffe, dass wir, weil wir aus dieser Erde unsere Lebenskraft beziehen und von ihr leben, zu einem größeren Miteinander als zu einem Gegeneinander finden.

WJL: Das ist Ihre feste Überzeugung?
Maria Schell: Ja. Letzten Endes entscheidet sich der Mensch für das Gute und nicht für das Böse. Der Mensch entscheidet sich nicht willentlich für das Böse, sondern für das Gute.

Foto 8: Paul Scofield, Filmpartner in »1919«
WJL: Stehen Sie einer bestimmten Religion näher als den anderen?
Maria Schell: Das ist schwer zu sagen. Ich bin streng katholisch erzogen worden. Ich glaube Christus ist der Weiseste der Weisen. Weil er eine Formel gefunden hat, die ich für genial halte: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Letztendlich ist das der einzig gangbare Weg. Wobei die Betonung nicht so sehr auf »Liebe« liegen muss, sondern auf »Nächsten«. Der »Nächste«, das ist der, der da ist, mit dem du zusammen bist, der dich braucht, der vor dir liegt, weil er gestürzt ist, weil er sich verletzt hat.
Liebe den Nächsten, den, der neben dir ist. Das ist die einzige Schwelle, über die wir alle gehen müssen, die Kommunisten, die Schwarzen, die Weißen, die Sozialisten, die Demokraten, alle. Diese Schwelle ist die Liebe. Dieser eine Satz enthält Verhaltensregeln für Jahrtausende. Dieser Satz ist wichtig, nicht das Zurückziehen ins Nirwana, nur die Liebe zählt. Und Jesus Christus hat diesen Gedanken der Nächstenliebe gelebt.

Zu den Fotos
Foto 1: Maria Schells Memoiren/ Buchcover Langen Müller Verlag
Foto 2: Maria Schell spielte Suprmans Mutter/ amazon
Foto 3: Yul Brynner/ Foto wikimedia commons/ Stevan Kragujević
Fotos 4, 5 und 6: Maria Schells erfolgreiche TV-Serie »Die glückliche Familie«
Foto 7 Blick vom Mond zur Erde/ Foto NASA/ Bill Anders
Foto 8: Paul Scofield, Filmpartner in »1919«/ Foto wikimedia commons/ Allen Warren
Foto 9: Grabstätte von Maria Schell, Friedhof Preitenegg, Gemeinde Preitenegg, Bezirk Wolfsberg, Kärnten, Österreich. Foto wikimedia commons/ Johann Jaritz





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