Sonntag, 26. Juni 2016

336 »Das verschwundene Schloss«

Teil 336 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: »Keltenschanze 2«, Holzhausen

Zugegeben: »Keltenschanze 2« von Holzhausen, Gemeinde Straßlach-Dingharting im Landkreis München, kann nicht mit. Monstermauern aufwarten. Zugegeben: Eine Weltsensation ist die über zwei Jahrtausende alte Keltenschanze nicht. Je intensiver ich mich aber mit Keltenschanzen beschäftige, desto mehr beeindruckt mich die »Keltenschanze 2« von Holzhausen. Sie ist nämlich sehr viel besser erhalten als ihre meisten »Kollegen«, die entweder – leider – so gut wie gar nicht mehr wahrnehmbar oder vollkommen verschwunden sind.


Foto 2

Vom Ferienhof »Zum Damerbauer« in Holzhausen, wo ich logierte, zur Schanze sind es nur einige wenige Minuten. Immer wieder habe ich das Relikt aus uralten Zeiten besucht, morgens, mittags, nachts. Und viele Stunden saß ich in meiner gemütlichen Ferienwohnung über Bergen von Unterlagen in Sachen Keltenschanzen. Folgen Sie mir bitte weiter auf weiteren Spurensuchen. Vielleicht finden Sie Geschmack und machen sich selbst auf die Suche?


Foto 3

»Die Flurnamen in der Gemeinde Schlangen machen ein alte Natur- und Kulturlandschaft sichtbar, die sich im Übergangsbereich von Teutoburger Wald, Senne und Paderborner Hochfläche über Jahrhunderte hinweg entwickelt hat«, so schreibt Annette Fischer in »Heimatland Lippe« (1). Und weiter: »Heute können die Flurnamen als Geschichtsquelle gelesen werden.«

Das gilt nicht nur für die Gemeinde Schlangen, sondern ganz allgemein. Bei meinen Recherchen in Sachen Keltenschanzen führten mich immer wieder Flurnamen auf die richtige Spur. Flurnamen mit »Burg« führen oft zu Jahrtausende alten Anlagen der Kelten. Einige Beispiele mögen genügen!

Foto 4

»Die Pfaffenburg im Großen Mühlholz« in meiner fränkischen Heimat findet sich im Landkreis Kitzingen, Unterfranken, unweit der Ortsmitte von Willanzheim. Laut Klaus Schwarz war der Wallkörper vor fünfzig Jahren (2) »nur noch an wenigen Stellen erhalten«. Vor einem halben Jahrhundert war kaum noch etwas von der einst stolzen Keltenschanze zu sehen, heute dürfte sie vollkommen verschwunden sein. Ein oberfränkischer Theologe und Heimatforscher, der anonym bleiben möchte im Gespräch mit dem Verfasser: »Die Bezeichnung ›Burg‹ deutet darauf hin, dass man die Keltenschanze für die Überbleibsel einer alten Burg hielt, die im Laufe der Zeit verschwunden war. Die Kombination mit der Bezeichnung ›Paffen‹ lässt auf eine ursprünglich sakral-religiöse Bedeutung der Anlage  schließen.«


Foto 5
»Der große Burggraben« lautet der Flurname, der in entsprechende Karten von Riedenheim, Landkreis Würzburg, eingetragen ist. Keltenschanzen waren von Wallanlagen umgeben. Wollten Angreifer so eine Keltenschanze erobern, mussten sie erst einen oftmals tiefen Graben überwinden, bevor sie sich überhaupt an den schützenden Wall heranwagen konnten. Und oben stand ja die Abwehr nicht gerade untätig herum! Von Keltenschanzen blieben manchmal die Wälle, manchmal die Gräben übrig. Besonders tiefe Gräben waren manchmal noch zu sehen, wenn von der übrigen Keltenschanze nichts mehr übrig war. Wieder glaubte man, dass eine Burg längst abgetragen worden, der große Burggraben übriggeblieben sei.

Die Gemeinde Bachern im Landkreis Friedberg (Schwaben) hat auch einen interessanten Flurnamen aufzuweisen: »Die alte Burg im Heilachwald«. Das Areal ist leicht zu finden, 1.000 Meter südwestlich der Kirche. Von der einstigen Keltenschanze indes ist wenig übrig geblieben.

Klarer sind Hinweise auf ehemaligen Keltenschanzen wie die Bezeichnung »Erdburg«. Dort gab es einst eine der ominösen Keltenschanzen, anno 1588 hieß sie »Erdburg«,1753 wurde sie offiziell »Bauernschantz« genannt (4).

Foto 6

Foto 7

Aussagekräftiger sind Flurnamen wie »Im Schanzfeld« (5), »Schwedenschanze« (6), »Römerschanze« (7) und »Das Viereck« (8). Keiner Interpretationen bedürfen Flurnamen wie »Die Schanze«, die – manchmal leicht variiert – häufig vorkommen (9).

Schanzen gab es wohl bundesweit sehr viele. Von den meisten sind nur kärgliche Reste zu finden. An manche erinnern nur von Generation zu Generation überlieferte Erzählungen. So berichtet der Keltenschanzenexperte schlechthin, Klaus Schwarz über die Maierhof-Schanze (10): »Die Schanze ist um 1880 abgetragen worden. Sie wäre heute ohne ältere Nachrichten nicht mehr auffindbar. Die Höhenflurkarte von 1885 läßt Orientierung und Größenverhältnisse noch erkennen.«

Vielen Schanzen, die rund zwei Jahrtausende überstanden hatten, ging es im 19. Jahrhudert an den Kragen, als immer größere Gebiete landwirtschaftlich erschlossen wurden. Keltenschanzen wurden abgetragen und in Ackerland verwandelt. So beklagt Karl Schwarz das traurige Los eines Keltenbaus im Bereich der Gemeinde Mainburg, Landkreis Kehlheim, Niederbayern (11): »Die Schanze ist durch Überpflügen fast bis zur Unkenntlichkeit verschleift. Sie wird jedoch in der topographischen Karte vom Jahre 1869 noch im Grundriß wiedergegeben.«

Und immer wieder sind es mündliche Überlieferungen, die man leider oft nur mitleidig belächelt. Ich machte vor Jahren auf einer Studienreise durch Deutschland – rein zufällig – in Marxheim, Landkreis Donau-Ries, im Schwabenländle gelegen, Rast. Eine von schwerer Arbeit gebeugte und stolze alte Bäuerin berichtete mir mit leuchtenden Augen, dass es einmal »ganz in der Nähe« ein herrliches Schloss gegeben habe (12):

Foto 8
»Es war ein prachtvoller, glanzvoller Bau, der den Neid vieler Menschen aus nah und fern auf sich zog. So mussten die edlen Herren des Schlosses, so friedlich und ohne Arg sie auch waren, auf der Hut vor bösen Feinden sein. Sie mussten sich also schützen, denn des einen Hab und Gut lockt den bösen anderen herbei. Das machte sie traurig. Hatten nicht ihre Altvorderen weniger besessen und doch glücklicher gelebt? Wussten sie doch, dass sie durch den erforderlichen Schutz auch von guten und lieben Menschen getrennt sein würden. Alle Bedenken halfen nichts. Wollten sie sich nicht leichtsinnig der Gefahr aussetzen, dann mussten sie handeln. So beratschlagten sie, wie denn ihr Schloss am besten zu verteidigen sei. Betrübt stellten sie fest, dass durch die Anlagen zum Schutze die Schönheit des Schlosses nicht mehr sichtbar sein würde.

Sie errichteten also um ihr herrliches Schloss herum einen tiefen, tiefen Wall. Und außerdem gruben sie rundherum einen tiefen, tiefen Graben. Die Untertanen der hohen Herrschaften halfen bereitwillig, das Werk zu vollenden. Waren doch die Herrschaften ob ihrer Güte, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit weithin beliebt. Als alles vollendet war, da feierten alle noch einmal im Schloss, die Herren, die edlen Damen, die fleißigen Bauern und braven Knechte.

Foto 9
Die Schutzanlage freilich ließ das Schloss zu einem noch begehrteren Ziel von Neidern und habgierigen Menschen werden, die nach dem Eigentum anderer trachten. Die sprachen, wer so ein Schloss auf diese Weise so gegen Angreifer rüstet, der muss viel Hab und Gut besitzen.

Die Anstrengungen aber haben alle nichts genützt. Mit List und Tücke ging ein neidiger Graf ans Werk. Er kam als Gast, wollte bis zum Morgen bleiben und öffnete nachts das Tor für seine Kumpane. Seine bösen Burschen strömten lachend hinein ins Schloss. Sie schlugen, mordeten und raubten. Das Schloss wurde geplündert, dann niedergebrannt. Bald schüttete man mit dem Erdreich des Walls den tiefen Graben zu. Die mächtigen Steine trug man davon.

Geblieben sind nur Erinnerungen an das Schloss von einst. Die Namen derer, die darin lebten und jener, die es erstürmten, brandschatzen, sie sind vergessen.«

Foto 10
Ein »Schloss« hat es im Raum der Gemeinde Marxheim, nie gegeben, von einem Gemetzel ganz zu schweigen, wohl aber eine Keltenschanze. Sie ist weitestgehend verschwunden. Vor  etwa 100 Jahren – also um 1916 –  sind angeblich noch Wälle zu erkennen gewesen. Wo? 1800 Meter nordöstlich der Ortsmitte. Der Flurname? »Das Viereck«.

Fußnoten

1) Fischer, Annette: »Flurnamen der Gemeinde Schlangen«, erschienen in »Heimatland Lippe«, April 2016, Seite 16
2) Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 96, Kapitel »Willanzheim«
3) Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 106, Kapitel »Bachern«
4) Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Kapitel »Bütthard, Schanze 2«, Seite 98
5) Gemeinde Arberg, Landkreis Ansbach, Mittelfranken. Quelle: Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 86, Kapitel »Eyburg«
6) Gemeinde Thalmässing, Landkreis Roth, Mittelfranken. Quelle: Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 92, Kapitel »Thalmässing«
7) Gemeinde Eurasburg, Landkreis Aicach-Friedberg, Schwaben. Quelle: Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 107, Kapitel »Eurasburger-Forst«
8) Gemeinde Marxheim, Landkreis Donau-Ries, Schwaben. Quelle: Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 104, Kapitel »Graisbach«
9) Gemeinde Egling, Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, Oberbayern. Quelle: Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seiten 47 und 48, Kapitel »Endlhausen«
Gemeinde Rottenburg an der Laaber, Landkreis Landshut, Niederbayern. Quelle: Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 75, Kapitel »Schaltdorf«
10) Gemeinde Ruhstorf a. d. Rott, Landkreis Passau, Niederbayern. Quelle: Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 56, Kapitel »Maierhof«. Die Rechtschreibung wurde unverändert übernommen und nicht der heutigen Rechtschreibung angepasst.
11) Quelle: Schwarz, Klaus: »Atlas der spätkeltischen Viereckschanzen Bayerns Textband«, München 2007, Seite 65, Kapitel »Sandelzhausen«
12) Reisenotizen von Walter-Jörg Langbein, Datum nicht mehr feststellbar.

Zu den Fotos: Alle Fotos zeigen »Keltenschanze 2« von Holzhausen.
Alle Fotos: Walter-Jörg Langbein

Literatur zum Themenkreis »Kelten«
Teil 2

Krause, Arnulf: Von Göttern und Helden/ Die mythische Welt der Kelten
     Germanen und Wikinger, Stuttgart 2010
Lehner, Thomas (Hrsg.): Keltisches Bewusstsein/ Wissenschaft, Musik, Poesie,
     München 1985
Lengyel, Lancelot: Das geheime Wissen der Kelten/ enträtselt aus druidisch-
     keltischer Mystik und Symbolik, 3. Auflage, Freiburg i.Br. 1985
Machalett, Walter: Die Externsteine/ Das Zentrum des Keltentums, Maschen 
     1963 (kleines Heftchen)
Markale, Jean: Die keltische Frau – Mythos, Geschichte, soziale Stellung,
     München 1984
Markale, Jean: Die Druiden – Gesellschaft und Götter der Kelten, München
     o.J.
Menghin, Wilfried: Kelten, Römer und Germanen/ Archäologie und
     Geschichte in Deutschland, Augsburg 1980
Meyer, Jürgen: Die Kelten/ geheimnisvoll und mystisch, Reutlingen 2012
Monroe, Douglas: Merlyns Vermächtnis, Freiburg 1997
Monroe, Douglas: The Lost Books of Merlyn, St. Paul 2002
Pennick, Nigel: Die heiligen Landschaften der Kelten, Engerda 1998
Protter, Eric und Nancy: Celtic Folk and Fairy Tales, New York 1966
Reiser, Rudolf: Götter und Kaiser/ Antike Vorbilder Jesu, München 1975
     (keltische Vorbilder Jesu, siehe Register!)
Reiser, Rudolf: Die Kelten in Bayern und Österreich, Rosenheim 1992
Reiser, Rudolf: Bayern und Salzburg um Christi Geburt/ Die keltisch-römische
     Vergangenheit, München 2001
Resch-Rauter: Auf den Spuren der Druiden, Wien ohne Jahresangabe
     (besonders Keltischer Festtagskalender, S. 285-370)
Resch-Rauter, Inge: Unser Keltisches Erbe/ Flurnamen, Sagen, Märchen und 
     Brauchtum als Brücken in die Vergangenheit, Wien 2007
Resch-Rauter, Inge: Keltische Gegenwart/ Eine Spurensicherung/ Von
     Bergbau, Kampf und Himmelskunde, erhalten in Sagen, Brauchtum und
     Ortsnamen, Wien 2008

Zu den Fotos: Alle Fotos zeigen »Keltenschanze 2« von Holzhausen.
Alle Fotos: Walter-Jörg Langbein



337 »Dreizehn Schanzen«,
Teil 337 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 03.07.2016




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