Sonntag, 28. Februar 2016

319 »Heidenzauber unter der Kirche«

Teil 319 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Heidenzauber?
»Schade…«, meinte der Geistliche bedauernd. »Haben Sie Ihren Entschluss auch reiflich überlegt? Sie sind doch schon so weit gekommen im Studium!« Ich hatte meiner Meinung nach zu lange gezögert. Meine Zweifel waren stetig gewachsen, der Glaube war stetig geschwunden. »Schon der Respekt vor dem gläubigen Christen erlaubt es mir nicht, Pfarrer zu werden!« Verblüfft sah mich der Geistliche an. »Jeder Mensch, der in einen Gottesdienst kommt, jeder Gläubige, der sich mit seinen Sorgen an seinen Pfarrer wendet, muss davon ausgehen können, dass der Pfarrer selbst von seiner Religion überzeugt ist! Wer nicht wirklich glaubt, der darf auch nicht Glauben predigen…«

Der Geistliche nickte. »So ernsthaft machen sich nicht viele Studenten Gedanken…« Er wechselte das Thema. »Sie interessieren sich doch für Archäologie, für ungelöste Rätsel….«  Ich nickte. »Ich mich auch!« Es war schon spät am Abend. Die Glocken vom Kirchturm würden schon bald »Mitternacht« läuten. Das eine oder das andere Gläschen Wein hatten wir auch schon getrunken. Plötzlich stand der Geistliche abrupt auf. »Kommen Sie! Ich muss Ihnen etwas zeigen!«

Von der gemütlichen Studierstube stiegen wir eine schmale Treppe hinab in die »Unterwelt«.  Für Licht sorgten mehrere flackernde Öllampen.»Die stammen noch von meinem Vorvorgänger…«, erläuterte der Geistliche. »Der unterirdische Gang ist noch viel, viel älter!« Knarrend öffnete er eine niedrige, unscheinbare Holztür. Eine alte Taschenlampe lag bereit und ließ einen recht niedrigen Gang mehr erahnen als erkennen. Wir musste beide in die Knie gehen, konnten nur nach vorn gebeugt einen Zusammenstoß mit dem steinernen Gewölbe verhindern. Nach einigen Metern machte sich ein muffig-feuchter Geruch bemerkbar.

»Vorsicht! Jetzt müssen wir abbiegen!« Der Gang wechselte Abrupt seine Richtung. Wieder standen wir vor einer niedrigen Tür. Wieder erklang ein Knarzen. Wir standen in einem kleinen, eher unscheinbaren »Keller«. »Ich vermute, dass es einst unter unserem Gotteshaus eine Krypta gab. Sie mag einsturzgefährdet gewesen sein. Jedenfalls wurden neue Wände und eine ›neue‹ Decke eingezogen. Man erkennt, dass das Mauerwerk nicht besonders alt ist. Mein Vorgänger jedenfalls versicherte mir, dass er nicht für diese Baumaßnahmen verantwortlich sei.« Und der wiederum hat von seinem Vorgänger nichts Nennenswertes über die »Unterwelt« erfahren.

Mein geistlicher Guide durch die Unterwelt hat die kirchlichen Unterlagen durchforstet »soweit sie noch vorhanden waren und im Krieg nicht verbrannt sind«. Er fand keinen Hinweis auf die »Krypta«, von Maurerarbeiten in neuerer Zeit ganz zu schweigen. Der Lichtstrahl der Taschenlampe glitt über das Mauerwerk, tastete sich durch die Dunkelheit. Schließlich blieb er an einem schlichten steinernen Altar hängen. »Wie alt der Altar ist, weiß ich nicht. Ob hier je Gottesdienste abgehalten wurden, das weiß ich auch nicht. Viele Menschen passen ja nicht in den unterirdischen Raum!«

Einst, so erfuhr ich weiter, gab es eine Verbindung zwischen »Krypta« und Gotteshaus. So konnten die Geistlichen vom Pfarrhaus direkt ins Innere der Kirche gelangen. Doch der von der Krypta aus weiterführende Gang wurde verfüllt und zugemauert. Angeblich hatten sich wiederholt Steine aus Wänden und Decke gelöst und waren auf die zur Kirche führenden Treppe gestürzt. Auf dem Rückweg in die Studierstube im Pfarrhaus erfuhr ich noch vom Pfarrer, dass er gern den Aufstieg von der »Krypta« ins Gotteshaus wieder freilegen würde. »Selbst mache ich mich da aber nicht an die Arbeit, so sehr es mir auch in den Fingern juckt. Das ist einfach zu gefährlich! Und wer weiß, was da alles passieren kann!« In der Studierstube setzten wir unser Gespräch fort. »Am Schluss würde noch die Kirche zusammenbrechen…«, wandte ich scherzend ein. »Und das wollen wir doch wirklich nicht!«

Nach einem deftigen Käsebrot, begleitet von dem einen oder anderen weiteren Glas Frankenweins, legte der Pfarrer ein Geständnis ab. Er hatte »an anderer Stelle im Gotteshaus« gegraben, und das natürlich heimlich. An verschiedenen Stellen im Mittelgang, der zum Altar führt, hat der neugierige Priester Steine gelockert und aus dem Boden gelöst. Ob er etwas gefunden habe, das wollte er mir zunächst nicht verraten. Ich ließ aber nicht nach, bohrte fragend weiter.

»Von mir wird niemand etwas erfahren, bekundete ich eifrig. Jahrzehnte lang hütete ich das Geheimnis. Inzwischen ist der Geistliche verstorben. Und erst seit kurzer Zeit habe ich eine Vorstellung, um was es sich bei dem Fund des Priesters wohl gehandelt haben mag.

Direkt unter einem der Steine, den der neugierige Gottesmann aus dem Boden gelöst hatte, lag ein seltsames Objekt. Nach einigem Bitten und Betteln holte der Priester seinen mysteriösen Fund, den er in einem Bücherregal hinter staubigen Wälzern mit den »Tischgesprächen Martin Luthers« verwahrte. Ich durfte das »Ding« nicht fotografieren, ja nicht einmal in einer Zeichnung verewigen.

Kopf der »Kreatur«
Das Objekt war etwa dreißig Zentimeter lang und aus sehr dunklem, offenbar sehr hartem Holz geschnitzt. Es war lang und schmal, lief nach unten spitz zu. An den drei abgeflachten Seiten der »Spitze« waren geometrische Figuren zu erkennen, die mich an Schlangen erinnerten. Diese Spitze machte ungefähr eine Hälfte des Fundobjekts aus. Die obere Hälfte bestand aus dem sorgfältig geschnitzten Oberkörper eines menschlichen Wesens, offenbar eines Mannes.

Bemerkenswert war der Kopf der Kreatur. Sie hatte drei Gesichter, die alle recht harte Konturen hatten und streng ja fast wütend drein blickten. Auf dem dreigesichtigen Haupt ruhte so etwas wie eine hohe Krone. Offensichtlich waren da und dort Stückchen abgebrochen. Ich war und bin mir nicht sicher, ob das Wesen wirklich eine Krone trug. Oder war es doch etwas anderes, vielleicht ein Federschmuck? Erst Jahrzehnte später machte ich eine Entdeckung, die mich an den Fund des Geistlichen erinnerte. Sollte ich recht haben mit meiner Vermutung, dann passt der Fund des Geistlichen ganz und gar nicht in ein fränkisches christliches Gotteshaus, sondern eher nach … Tibet!

Wie aber soll ein »Kultobjekt« aus Tibet wann auch immer ins Frankenland gekommen und unter einem Fußbodenstein in einer kleinen Kirche versteckt worden sein? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Vielleicht brachte ein Missionar das »Ding« von einer Reise mit nach Hause? Und warum wurde es dann und von wem im Gotteshaus versteckt?

»Unterteil« des »Dings«
»Mein« Geistlicher meinte jedenfalls damals, dass es sich bei dem Schnitzwerk »wohl um irgendetwas Heidnisches« gehandelt habe und dass irgendwann ein frommer Christ aus Angst vor dem Verbotenen das »Ding« unter dem Fußboden des Gotteshauses versteckte. »Vielleicht war das Ding ein Fetisch, ein Heidenzauber? Vielleicht sollte die Kraft des Gotteshauses den Heidenspuk bannen? Ja vielleicht war der unterirdische Raum einst ein Heidentempel? Christliche Kirchen wurden ja oft an solchen Orten errichtet, um das Heidnische zu verdrängen!« Jahrzehnte später entdeckte ich, dass der Geistliche aus seiner Sicht so unrecht gar nicht hatte!

Ich habe mich vor Jahrzehnten im Studierzimmer des Geistlichen zu Verschwiegenheit verpflichtet. Ich versprach niemals zu enthüllen, um welches Gotteshaus es sich handelt und wer der Geistliche war. Daran habe ich mich bislang gehalten und werde das auch weiterhin tun.

Meine Recherchen über den Verbleib des kuriosen Objekts sind im Sand verlaufen. Und doch machte ich kürzlich eine erstaunliche Entdeckung!

Zu den Fotos: In meiner Sammlung sakraler Gegenstände befindet sich ein Objekt, das dem Fund des Priesters recht ähnlich sieht. Eine Spur führt uns nach Tibet! Vom Objekt (»Heidenzauber«) liegen mir weder Fotos noch Zeichnungen vor. Die Fotos sollen nur einen Eindruck vermitteln, wie in etwa der merkwürdige Gegenstand ausgesehen hat.

Alle Fotos: Walter-Jörg Langbein

320 »Der Engel auf dem Feuerstrahl«,
Teil 320 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 06.03.2016



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