Sonntag, 29. März 2015

271 »Hexen und ein Steinerner Mann«

Teil 271 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der Dom zu Verden. Teilansicht. Foto W-J.Langbein
»Wir stehen hier im Zentrum von Verden an der Aller!«, schwadronierte der wütende Mann. Mir kam er wie ein Lehrer vor, der seiner Klasse beim Schulausflug kruden Unfug erzählte. »Und dieser Felsbrocken hier, das ist der Lögensteen! Man bezeichnet ihn auch als Lugenstein! Warum?« Die Schulkinder kicherten verlegen. »Das habe ich euch doch schon genau erklärt!« Der Lehrer wurde sichtlich ärgerlich. »Ich habe euch doch intensiv auf unseren Besuch hier vorbereitet! Der Steinbrocken trägt den Namen Lugenstein oder Lügenstein, weil…..« Jetzt setzte ein bebrillter Schüler ein: »…weil hier die Heiden gelogen haben!« Die Stimmung des Lehrers hellte sich auf. »So ist es! Die Heiden hatten einen falschen Glauben! Sie versammelten sich hier am Lügenstein und feierten ihre Feste. Ihr Glaube war natürlich die reine Lüge!« Einige Schüler lachten, einige zischten »Streber!«

Dom zu Verden. Innenansicht. Foto W-J.Langbein
Richtig ist, dass es einst im heutigen Verden an der Aller einen »Lugenstein« gab und gibt. Der Name leitet sich aber nicht von der »Lüge« ab, sondern geht über das Sächsische auf den lateinischen Begriff »Lex«, »Gesetz«, zurück. Es gab zu heidnischen Zeiten im heutigen Verden an der Aller einen markanten Stein am Gerichtsplatz, wo in vorchristlichen Zeiten Recht gesprochen wurde. Karl der Große soll dann just an dieser Stelle »Recht« gesprochen haben.  Zutreffender dürfte die bis heute gebräuchliche Bezeichnung »Blutgericht« von Verden sein. 4500 Sachsen, die sich weigerten, zum Christentum zu konvertieren, wurden anno 782 angeblich von Karl dem Großen zum Tode durch Enthaupten verurteilt und hingerichtet. Die Leichen habe man in die Aller geworfen. Das Wasser des Flusses sei vom vielen Blut rot geworden.

1921 gab es in Verden Notgeldscheine zu 25 Pfennig, 50 Pfennig, 75 Pfennig und 1 Mark. Auf dem 1-Mark-Schein wurde der »weltgeschichtlichen Hinrichtung der 4500 Sachsen bei Verden durch Karl den Großen 782« gedacht.

Notgeld von Verden. Archiv Langbein

Ob es sich beim heutigen »Lugenstein« um das Original aus vorchristlichen Zeiten handelt, muss dahingestellt bleiben. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein kurioser Monolith, der vor Jahrzehnten gesprengt und später ins örtliche »Heimat-Museum« geschafft wurde. Es könnte sich dabei um einen Opferstein gehandelt haben. Das, freilich, ist reine Spekulation. In der Schulwissenschaft besteht ja die Neigung, geheimnisvolle Objekte sogleich als »Kultobjekte« zu identifizieren.

Wie viele der rebellischen Sachsen in Verden ihr Leben lassen mussten, ist und bleibt umstritten. Waren es tatsächlich, wie lange allgemein angenommen, 4500 Tote, oder doch nur »einige wenige Dutzend«? Oder waren es zwischen 400 und 500 Hingerichtete?

Fest steht: Es gab einst im heutigen Areal von Verden eine Gerichtsstätte und ein heidnisches Heiligtum. Das heidnische Heiligtum dürfte auf Befehl Karl des Großen zerstört worden sein. Und just dort wurden gleich zwei kleine christliche Kirchen aus Holz gebaut.

Tikal in Guatemala. Foto W-J.Langbein
Während sich die Christen von Verden mit zwei bescheidenen Holzbauten begnügen mussten, ragten in einem anderen Teil der Welt weitaus beeindruckendere Bauten aus Stein in den Himmel. Im nördlichen Guatemala erlebte zu jener Zeit die Mayastadt Tikal einen glanzvollen Höhepunkt.

Allein im zentralen Bereich der Stadt – Fläche etwa 16 Quadratkilometer – gab es mehr als dreitausend Gebäude. Und die größten Stufenpyramiden Mittelamerikas ragten stolz in den Himmel. 100 Stufen mussten erklommen werden, wollte man das Heiligtum von »Ah Cacao« (»Tempel des Jaguars«) erreichen. Die Priesterastronomen waren Experten in Sachen Kalendererstellung. Sie beobachteten mit religiöser Inbrunst den Verlauf der Sonne, richteten die steinernen »Kultbauten« mit unglaublicher Präzision aus. Im späten 9., vielleicht erst im frühen 10. Jahrhundert endete abrupt die Bautätigkeit in Tikal. Die Stadt wurde aufgegeben und verlassen. Der Urwald eroberte die einst so glanzvolle Metropole zurück. Bis heute wurde erst ein kleiner Teil der Stadt von Archäologen ausgegraben. Besonders im riesigen Außenbereich der Stadt wurde erst ein Bruchteil der Bauten freigelegt.

Der Turm des Doms. Foto Langbein
Unklar ist, warum in Verden gleich zwei Holzkirchen in unmittelbarer Nähe gebaut wurden. Waren zwei christliche Gotteshäuser erforderlich, um das weit ältere heidnische Heiligtum zu übertrumpfen? Beide Sakralbauten fielen Bränden zum Opfer, um 850 der erste, um 950 der zweite. Ein erster Bau aus Stein folgte einige Jahrzehnte später, zu Beginn des elften Jahrhunderts. Wieder kam es zu einer Brandkatastrophe. Im späten zwölften Jahrhundert wurde – wieder just dort, wo einst die »Heiden« ihren Göttern gehuldigt hatten - zu Verden ein steinerner Dom gebaut. Lange bestand das Gotteshaus nicht.  Es wurde Ende des dreizehnten Jahrhunderts durch einen Brand zerstört. Die unteren Geschosse des wuchtigen Turms trotzten der Katastrophe und wurden als Basis für den »neuen« Turm genutzt. Vollendet wurde das Gotteshaus 1829.

»Wir stehen hier im Zentrum von Verden an der Aller!«, schwadronierte der Lehrer wieder vor seiner Schulklasse. Er reckte seine Arme prophetengleich gen Himmel. »Gott hat bewiesen, dass nach seinem Willen an dieser Stelle sein Haus stehen sollte! Der Teufel wollte das verhindern! Der Fürst der Finsternis hat alles unternommen, um den Bau des Doms zu verhindern. Zuletzt prozessierte er sogar gegen den Dom… und verlor!« Satan selbst soll gegen den Dom prozessiert haben? Der Pädagoge bezog sich wohl auf einen kuriosen Rechtsstreit, der vor einigen Jahren ausgetragen wurde.

Schon Wilhelm Busch konstatierte: »Musik wird störend oft empfunden, derweil sie mit Geräusch verbunden.«  In diesem Sinne zog eine Dame aus Verden vor den Kadi. Die langjährige Anwohnerin hatte zunächst vor dem Landgericht zu Verden auf Unterlassung des Orgelspiels im Dom geklagt. Was gemeinhin als sakrale Musik empfunden wird, das empfand sie als »unzumutbare Geräuschabsonderung«. Sie unterklag in erster Instanz vor dem Landgericht von Verden und in zweiter Instanz vor dem Oberlandesgericht Celle. Das Urteil der ersten Instanz wurde bestätigt. Die »Lärmimmission« müsse nach dem »Empfinden eines Durchschnittsmenschen« als zumutbar gewertet werden. Weitere Schritte unternahm die Dame offenbar nicht. Zu behaupten, dass der Satan auf dem Wege der gerichtlichen Klage »gegen den Dom« vorgehen wollte, das kann nur als Ausgeburt eines außerhalb jeglicher Vernunft arbeitenden Gehirns bezeichnet werden.

Löwe und Einhorn. Foto Walter-Jörg Langbein

Es lohnt sich allemal, den Dom zu Verden zu besuchen. Sehenswert ist der romanische Taufstein aus der Zeit um 1150. Auf der Nordseite des Domes blieb ein romanischer Kreuzweg aus der gleichen Zeit erhalten. Er gehörte einst zu einem Kloster, von dem ansonsten kein Stein auf dem anderen blieb. Löwe und Einhorn zieren die Tür, die in den Kreuzgang führt. Man kann nur erahnen, wie der einst vierflügelige Kreuzgang ausgesehen haben mag. Er wurde anno 1180 angelegt, ist aber leider nur noch fragmentarisch erhalten. Durchschreitet man den Kreuzgang steht man schließlich vor Skulpturen, die einst Bischof Eberhard von Holle  im 16. Jahrhundert hat anfertigen lassen.


Der »Steinerne Mann«. Foto Walter-Jörg Langbein

Anno 1517 begann in Verden an der Aller die grausame Zeit der Hexenprozesse. Es wurde gefoltert, verurteilt und verbrannt: vor der Reformation und nach der Reformation. Mit Einführung der lutherischen Reformation durch Eberhard von Holle endete der Irrsinn der Hexenprozesse keineswegs. Martin Luther selbst befürwortete das Verbrennen der Hexen.

Auf die Anklage folgte die Folter, die Männern und Frauen absurdeste »Geständnisse“ abtrotzte. Sechs angeklagte Frauen wurden so grausam gemartert, dass sie starben, bevor sie verurteilt werden konnten. Fünf weitere Frauen verstarben in der Haft. 26 Frauen und sechs Männer wurden verurteilt und bei lebendigem Leib verbrannt. Einigen Angeklagten, so vermerken es die Akten, gelang rechtzeitig die Flucht.

In der Dommauer gefangen... Foto Walter-Jörg Langbein

Einst, so wird überliefert, veruntreute ein Küster Dom-Gelder und verprasste alles. Man kam ihm auf die Schliche und forderte Rechenschaft von dem Mann. Frech bestritt er bei einer Anhörung im Dom seine Diebstähle! »Ich habe die Wahrheit gesagt!«, soll er frech ausgerufen haben. »Und wenn ich lüge, soll mich der Teufel holen!« Satan soll daraufhin versucht haben, den Dieb durch das Domgemäuer zu zerren. So sehr er es auch versuchte, es gelang ihm nicht vollends. Der Küster blieb in der Dommauer stecken und wurde zu Stein.


Das ist nicht der »Steinerne Mann«. Foto Walter-Jörg Langbein

Den »Steinernen Mann« übersieht man leicht. Man findet ihn im Innenhof, an einer Ecke des nördlichen Seitenflügels, hoch oben, ein Stück unter dem Dach. Ich selbst hätte die kuriose Steinplastik fast verwechselt… mit einem seltsamen »Steinkreuz« auf dem Dach, das tatsächlich einer menschenähnlichen Gestalt ähnelt. Hat man dieses »Kreuz« erspäht, lässt man den Blick nach unten wandern und findet… den »Steinernen Mann«.

Der Kreuzweg von außen. Foto W-J.Langbein

Der Lugenstein. Foto W-J.Langbein
272 »Die Bremer Stadtmusikanten kamen nie nach Bremen«
Teil 272 der Serie

»Monstermauern, 
Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       

erscheint am 05.04.2015 

Und übernächsten Sonntag geht's um einen
»runden Geburtstag«....


273 »Erich von Däniken zum 80. Geburtstag«,
Teil 273 der Serie 
»Monstermauern, 
Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       

erscheint am 12.04.2015


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Mittwoch, 25. März 2015

Bürgerforum »Wohin mit dem Atommüll?«

»Ein Buch lesen!« ist schließlich AUCH ein Literaturblog, darum bietet es sich an, dass ich meinen Beitrag mit einem Zitat aus dem Zauberlehrling von Johann Wolfgang von Goethe beginne:

»Die ich rief, die Geister,
Werd’ ich nun nicht los

Ein Bild mit Symbolkraft:
Teilnehmer des Bürgerforums
im Spiegel der Weltkugel
auf dem Markplatz Wittenberg
Ende November 2014 erreichte mich ein Anruf von »uzbonn – Gesellschaft für empirische Sozialforschung und Evaluation«, und ich wurde freundlich eingeladen, am ENTRIA - Bürgerforum zum Thema »Wohin mit unserem Atommüll?« teilzunehmen. 

»Wohin mit dem Atommüll?« - eine gute Frage und einem Zufallsprinzip ist es zu verdanken, dass ausgerechnet ich zu den Bürgerinnen und Bürger gehöre, die auf diese Frage eine Antwort finden soll. Für mich gibt es keine Zufälle, für mich hat alles was geschieht einen tiefen Sinn, ist Bestandteil meines Lebensweges. 

Erinnerungen wurden wach. Es war in den 1980er Jahren. Damals wohnte ich näher an der Stadt Ahaus, als ich heute lebe. Das BZA war in der Bauphase, gegenüber auf der anderen Straßenseite hatte die Bürgerinitiative »Kein Atommüll in Ahaus e.V.« einen Bauwagen geparkt und Mahnwachen wurden abgehalten. Ich erinnere mich, wie ich an einem Abend dort ausharrte, es war kalt und der Fieselregen suchte sich seinen Weg durch meine Kleidung. Autos fuhren vorbei. Manche Fahrer hupten, um Protest kundzutun, andere fuhren vorbei, ohne nach rechts oder links zu blicken, als würde es sie nichts angehen. Aber ich bekam auch den einen oder anderen Vogel zu sehen (Stinkefinger waren zu der Zeit noch nicht so gebräuchlich!).

Arbeitsgruppe Bürgerforum
Und ich erinnere mich an einen anderen Tag, an dem das Wetter angenehmer war und das BZA zum Tag der offenen Tür eingeladen hatte. Es gab Erbsensuppe kostenlos und Völkerstämme waren in Bewegung. Nicht in Richtung des Bauwagens! Wobei diese Volksfeststimmung kippte im Laufe der folgenden Zeit, die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl dürfte dazu beigetragen haben.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich gefragt worden bin, als AKWs Thema wurden. Wäre ich denn damals von den Verantwortlichen auch klar informiert worden? Ich denke nicht! Sicher möchte auch ich billigen Strom, ich bin doch meinem Geld nicht böse. Nur mittlerweile dürfte es sich herumgesprochen haben, dass wir uns aus Kernspaltung gewonnene Energie nie hätten leisten können. Was kostet ein Menschenleben? Diese Frage ist berechtigt, nach Tschernobyl, spätestens nach Fukushima. Die Kosten der Sicherheitstransporte, nicht zu vergessen diese möglichen Folgekosten, Kosten der Polizeieinsätze. Dann die Verletzten auf beiden Seiten und wir wissen nicht, wohin mit dem Müll. Was gewiss sicher sein dürfte, es wird der Hexenmeister dem Zauberlehrling nicht zu Hilfe eilen: 
»In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid’s gewesen«.

Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen werden
vorgestellt und besprochen
Genug der persönlichen Anmerkungen! Natürlich bin ich nach Wittenberg gefahren, ich bin schließlich kein nachtragender Mensch und ich habe es nicht bereut!

Wie hätten Sie eigentlich reagiert? Immerhin hätte der Zufallsgenerator auch Sie auswählen können. Hätten Sie drei Urlaubstage geopfert? Hätte Ihnen Ihr Arbeitgeber frei gegeben? Was hätten Ihre Familienangehörigen gesagt, wenn Sie drei Wochenenden lieber über Atommüll und dessen Entsorgung debattieren wollten, statt im Kreis Ihrer Lieben Ihre kostbare Zeit zu verbringen? Wie hätten Sie das Ihren Kindern erklärt? Denken Sie mal darüber nach, denn außer Unterbringung, Verpflegung und Erstattung der Fahrtkosten war mit nicht mehr als einem »Danke für die Teilnahme« zu rechnen.

Eine Bürgerin und ein Bürger
übergeben das Gutachten
an Michael Müller, SPD 

Und wenn Sie sich entschlossen hätten, an dem Bürgerforum »Wohin mit dem Atommüll?« teilzunehmen, welche Argumente hätten Sie beigetragen? Wäre das Bürgergutachten dann anders ausgefallen? Die Formulierungen schärfer oder weichgespülter? Ich denke, Sie sollten sich darüber Gedanken machen und sich die Frage stellen: Wie hätte ich mich verhalten?

Hier der Link PDF Bürgergutachten.
Auf die Diskussion mit Ihnen freue ich mich.

Sylvia B.




Fotos: Sylvia B.

Lesen Sie zu diesem Thema auch: Bürgerbeteiligung: das Feigenblatt für die Atomlobby? Atommüll: Bürgergutachten, quo vadis? …

Zwei Filmbeiträge möchte ich Ihnen empfehlen:
ARTE »Albtraum Atommüll«

und:



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Sonntag, 22. März 2015

270 »Von Mäusen, Schlangen und Drachen Teil 2«

Teil 270 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Vézelay.. Erschreckende Kirchenkunst...

Dr. Götz Ruempler weist in seinem wichtigen Werk auf Mäuse in einem der schönsten Gotteshäuser überhaupt hin. Sie befinden sich  in der Basilika Sainte-Marie-Madeleine. Dr. Götz Ruempler schreibt (12): »An der Basis der linken Säule des Hauptportals der Kathedrale Sainte-Madeleine in Vézelay (Burgund) richten sich Mäuse genauso auf wie die Maus im Bremer Dom.«

Mein Vater Walter Langbein sen. Unterrichtete am »Meranier-Gymansium Lichtenfels« Englisch und Französisch. Er bereiste England, Frankreich und die USA, arbeitete auch in Frankreich und in den USA als Lehrer. Intensiv sind meine Erinnerungen an die Basilika von Vézelay. Der wuchtige Turm beeindruckte mich sehr. Ausführlich erklärte mir mein Vater  die kunstvollen Kapitelle, die alle in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstanden sind.

Da gab es eine Mühle zu sehen, in die Moses Getreide schüttet. Ein Mann steht bereit und nimmt das Mehl an. Konnte das Volk vor rund 900 Jahren die Bilder wie ein Buch lesen und verstehen? Angeblich gab es einst eingravierte kurze Erklärungen zu den einzelnen Bildern, die allerdings irgendwann entfernt wurden.

An eine weitere Darstellung kann ich mich erinnern: Da liegt ein bärtiger Mensch auf einem Bett, offenbar auf seinem Totenlager. Auf seinem Leib steht ein furchteinflößendes Wesen mit weit aufgerissenem Maul. Es scheint zu schreien. Oder will es mit seinen mächtigen Zähnen zubeißen? Rechts daneben steht eine weitere Kreatur, die ebenfalls ein kräftiges Gebiss zur Schau stellt. Das linke Monster hat den Arm eines Menschen gepackt, mit beiden Händen zerrte es daran. Will die Kreatur den Menschen fressen? Das Monster rechts piesackt den Menschen mit einem Marterwerkzeug. Laut den Erklärungen eines befragten Priesters ist das Szenario wie folgt zu verstehen: Auf dem Bett liegt ein Toter. Seine Seele hat soeben seinen Leib verlassen und wird von zwei teuflischen Kreaturen in Empfang genommen. So wird der Tote für seine zu Lebzeiten begangenen Sünden bestraft.

Eva mit Schlange?

Mir hat sich besonders intensiv eine mysteriöse Abbildung auf einem der Kapitelle eingeprägt. Eine Gestalt meinte ich sofort erkennen zu können: Einer weibliche Person, offenbar nackt, wird von einer Schlange angegangen. Das Tier windet sich um die Beine der Frau, klettert empor. Das musste Eva sein. Wer aber war die zweite Person? Die Gestalt aus Stein, ebenso nackt, neigt sich nach hinten. Sie hat den Mund, auch die Augen, weit aufgerissen und stößt offenbar einen lauten Schrei aus. Mit beiden Händen umklammert die Gestalt den Griff eines Schwertes, den sie sich in den Leib rammt. Ein Priester erklärte, dargestellt sei nicht die Eva, sondern die personifizierte Wollust. Der nackte Mann mit dem Schwert versinnbildliche die Verzweiflung. Mir eingeprägt hat sich das schmerzverzerrte Gesicht der »Verzweiflung«.

Mann mit Schwert?

Wie viele Mausdarstellungen mag es in christlichen Kirchen geben, die bis heute nur einem kleinen, eingeweihten Kreis bekannt sind? Ob alle diese Mäuse die »christianisierte« Form jener Artgenossen sind, die in heidnischen Zeiten Göttern wie Cernunnos zugeordnet wurden? Für mich ist Cernunnos ein »alter Bekannter«. Zum ersten Mal sah ihn schon vor Jahrzehnten bei meinem ersten Besuch im norditalienischen Val Camonica. Dort wurde die Gottheit als riesenhafte Göttergestalt in den Stein geritzt. Daneben sehen wir ein kleines Menschlein mit erhobenen Händen. Ober zu Cernunnos betet? Der Gott selbst hat auch die Arme gen Himmel gereckt. Vielleicht begrüßen sich Mensch und Gott? Die vergleichsweise hünenhafte Gottheit trägt ein Geweih.  Deutlich auszumachen ist eine Schlange am Arm.

Kessel von Gundestrup

Auch auf dem berühmten keltischen Kessel von Gundestrup wurde Cernunnos mit Geweih und Schlange verewigt. Anno 1891 fand man das silberne Kultobjekt im Fuchsmoor bei Gundestrup im dänischen Himmerland. Datiert wird er auf das fünfte bis erste Jahrhundert vor Christi Geburt. Ich sprach mit einem Kurator des »Dänischen Nationalmuseum Kopenhagen«. Nach Überzeugung des Wissenschaftlers wurde der Kessel vor gut zwei Jahrtausenden bewusst zerstört und zerteilt. Die Teilstücke wurden im Moor abgelegt. »Von wem?«, wollte ich wissen. Mein Gesprächspartner vom Museum meinte, mehrere Antworten seien denkbar. Er selbst favorisiere zwei Erklärungen, die sich seiner Meinung nach anböten.

Cernunnos von Gundestrup

These 1: Nachdem man sich vom »heidnischen« Glauben abgewandt hatte, sollte das alte Kultobjekt beseitigt werden. Aus Respekt vor dem einst sakralen Kessel zerlegte man ihn in seine Einzelteile – dreizehn Platten aus Silber – und bestattete sie im damals schon ausgetrockneten Moor.

These 2: Der Kultkessel sollte davor bewahrt werden, Feinden in die Hände zu fallen. Deshalb versuchte man ihn, in Sicherheit zu bringen, zu verstecken… und hat ihn zerlegt. Auf diese Weise verlor er – vorübergehend – seine magische Macht. Jederzeit konnte er wieder ausgegraben und zusammengesetzt werden.

Cernunnos im Val Camonica
 Die Steingravur von Cernunnos mit der Schlange im Val Camonica ist eindeutig keltisch beeinflusst, wenn nicht gar von Kelten selbst in den Stein gemeißelt worden. Auch Cernunnos vom legendären Kessel hält eine Schlange. Das mysteriöse  norditalienische Tal hat über einen Zeitraum von zehn Jahrtausenden immer wieder Menschen unterschiedlichster Kulturkreise angezogen, die dort siedelten und hunderttausende Kunstwerke schufen.

Auch das (bei Cernunnos göttliche) Attribut Schlange findet sich – wie zum Beispiel die Taube –  im christlichen Glauben wieder, allerdings als teuflisch-böses Tier. Aus der Taube der Göttin Venus und anderer weiblicher Gottheiten wurde die Heilige Geistin, die wiederum zum männlichen Heiligen Geist gewandelt wurde. Immer wieder zeigt es sich, dass positive göttliche Attribute im Christentum im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt wurden: aus der positiv besetzten Schlange wurde der Teufel, aus dem einst göttlichen Drachen wurde ein Monster.

Der kleine Drache von Urschalling
Wer kennt sie nicht, die Darstellungen vom Heiligen Drachentöter hoch zu Ross. Der Drache zu Urschalling am Chiemsee ist als Wandmalerei nur noch zum Teil erhalten. Man erkennt allerdings, dass das sterbende »Monster« im Vergleich zum Pferd des Heiligen Georg klein war.

In Marienmünster erfährt der Drache eine Verwandlung… zum Teufel in Menschengestalt, mit »Drachenflügeln« am Kopf. Vergessen wir nicht, dass in vorbiblischen Zeiten der Drache eine Urgöttin der Meere war, die hoch angesehen und angebetet wurde. In Marienmünster jedenfalls sollte auf möglichst anschauliche Weise verdeutlicht werden, was da nach christlicher Theologie geschah! Da kämpfte kein irdischer Heros gegen einen bemitleidenswerten Drachen in Dackelgröße, da waren himmlische Kräfte am Wirken... gegen den Teufel selbst.

Drachenteufel von Marienmünster

Dr. Ruempler weist auf eine ganz besonders interessante Kombination hin. Auf einer Miserikordie des Chorgestühls im Dom zu Köln entdeckte er Mysteriöses (13): Ein Drache mit weit ausgebreiteten Flügeln hält in seinen Klauen eine Maus. Miserikordien waren Gesäßstützen, auf die man sich zwar nicht wie auf einen Stuhl setzte, die aber doch beim langen Stehen während des Gottesdienstes die Beine entlasteten. Vorbehalten waren derlei Erleichterungen der Geistlichkeit oder hohen Würdenträgern. Auf der Unterseite dieser nach oben und unten klappbaren hölzernen Stützen waren oft Schnitzereien angebracht. Groteske Gestalten wurden da verewigt, auch plastische Darstellungen von Lastern, Sphingen und andere Fabelwesen. Im 14. Jahrhundert stellten Künstler in derlei Schnitzereien oft dar, was ansonsten in Gotteshäusern nicht offen gezeigt werden durfte. Auch wenn diese offenbar oft drastischen Abbildungen vom normalen Gottesdienstbesucher nicht gesehen werden konnten, wurden viele dieser interessanten Kunstwerke im Verlauf der Jahrhunderte aus den Gotteshäusern entfernt.

Eine ganz ähnliche Kreatur entdeckte Dr. Ruempler im oberen Kreuzgang der Marienburg bei Danzig. Auf einem Schlussstein sieht man ein ganz ähnliches Fabelwesen, wiederum mit einer Maus in den Klauen. Dr. Ruempler identifiziert es als Fledermaus. Es könnte aber ebenso ein Drache sein.

Dr. Ruempler bietet eine Erklärung an für die kombinierte Darstellung von Maus und Drache und von Maus und Fledermaus (14): »Fledermaus und Drache als Symbol für das Böse, für Hexen und Teufel werden durch ihre Darstellung unwirksam gemacht, gleichsam gebannt, und beide halten die Maus fest im Griff – die Maus als Sinnbild für Hexen. Auch der Nager wird dadurch kraftlos, hilflos. Gier wird also der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben! Das Böse hat – sinnbildlich – seine Macht verloren.«

Wir müssen uns fragen: Was ist der Ursprung von Symbolen wie Drache, Fledermaus und Maus? Sie wurden nicht von christlichen Theologen erfunden. Sie sind sehr viel älter als das Christentum, ja als das »Alte Testament«. Sie stammen – davon bin ich überzeugt – aus älteren Religionen. Aus den Göttinnen von einst wurden Drachen und Meeresungeheuer. In »christlichen« Symbolen leben sehr viel ältere Bilder weiter. Die Taube des »Heiligen Geists« war zum Beispiel ursprünglich die Taube der Göttin Venus und ihrer Kolleginnen!

Ein Riesensymbol von Nazca, Peru
Die alten Symbole sind Wegweiser auf einer Reise zu den Ursprüngen der Menschheit. Und das weltweit.. von Bremen bis Peru! »Alles fließt!«, soll Heraklit (etwa 520 v.Chr. bis 460 v.Chr.) verkündet haben. Fließend sind die Übergänge von Religion zu Religion, und das seit ungezählten Jahrtausenden. Nur wer stur auf eine ganz bestimmte Ausprägung einer Religion fixiert ist, kann zum gefährlichen Fanatiker werden. Wer aber die Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten, wer die ältesten Quellen und Ursprünge sucht, der erkennt vielleicht den Weg des Friedens, fern von fundamentalistischen Doktrinen jeder Art.

Es ist an der Zeit, dass alle Darstellungen in christlichen Kirchen, die eventuell einen heidnischen Ursprung haben, gesucht, gesichtet und katalogisiert werden! Ich vermute, dass so manches Kleinod wie die Dom-Maus von Bremen versteckt angebracht wurde.

Mein Vorschlag: Liebe Leserinnen und Leser, besuchen Sie doch Ihre Kirche vor Ort und suchen Sie nach Schlangen-, Drachen- und Mausdarstellungen! Fragen Sie den örtlichen Geistlichen, den Küster und Führer. Oft wissen örtliche Heimatforscher mehr als die »offiziellen« Stellen und freuen sich über Interesse!

Sollten Sie fündig werden, würde ich mich über eine Benachrichtigung sehr freuen! Im Voraus vielen Dank!

Fußnoten

(12): Ruempler, Götz: »Die Bremer Dom-Maus/ Geschichte, Geschichten und ›Mäuse-Latein‹«, Band 3 der Schriftenreihe der Stiftung Bremer Dom e.V., 2. durchgesehene Auflage, Bremen 2010, S. 48
(13): Ruempler, Götz: »Die Bremer Dom-Maus/ Geschichte, Geschichten und ›Mäuse-Latein‹«, Band 3 der Schriftenreihe der Stiftung Bremer Dom e.V., 2. durchgesehene Auflage, Bremen 2010, S. 46 und 49
(14): Ruempler, Götz: »Die Bremer Dom-Maus/ Geschichte, Geschichten und ›Mäuse-Latein‹«, Band 3 der Schriftenreihe der Stiftung Bremer Dom e.V., 2. durchgesehene Auflage, Bremen 2010, S. 46 und 47


Literaturempfehlung

Ruempler, Götz: »Die Bremer Dom-Maus/ Geschichte, Geschichten und ›Mäuse-Latein‹«, Band 3 der Schriftenreihe der Stiftung Bremer Dom e.V., 2. durchgesehene Auflage, Bremen 2010

Rezension durch Walter-Jörg Langbein für amazon
(Fünf  Sterne)

Köstliche Kulturgeschichte … in Sachen Maus im Dom – und mehr!

Götz Ruempler, einer der besten Kenner des Doms zu Bremen, hat mit »Die Bremer Dom-Maus« ein zugleich köstliches wie informatives Büchlein geschrieben. Der Untertitel - »Geschichte, Geschichten und Mäuselatein‹« - verspricht nicht zu viel. Dr. Ruempler nimmt die »Maus im Bremer Dom« zum Anlass, um über eine Vielfalt von Themen zu informieren.

Einige Themenschwerpunkte des erstaunlich tiefschürfenden, durchgehend mit Fotos in Farbe illustrierten Opus seien genannt: »Die Maus in Naturkunde und Medizin bei Hildegard von Bingen«, »Die Maus in der Tierfabel« und »Die Bremer Dom-Maus – keine ›Schnurre‹, sondern ein Hexensymbol«.

Dr. Ruempler, Zoologe und Experte für mittelalterliche Tierdarstellungen, danke ich für wirkliches Lesevergnügen, für kurzweilige und stets fundierte Informationen! Lesen Sie, staunen Sie über die kleine »Bremer Dom-Maus« und ihre Artgenossen in zahlreichen anderen Kirchen! »Die Bremer Dom-Maus« ist für jeden Besucher des Doms zu Bremen ein Muss… und für jeden Zeitgenossen, der sich für »versteckte Geheimnisse« uralter sakraler Kultbauten interessiert.

Dr. Ruempler ist es glänzend gelungen zu beweisen, wie lesenswert, alles andere als langweilig, sondern unterhaltsam ein kulturhistorisches Werk sein kann!

Verfasser: Walter-Jörg Langbein


Fotos

Vézelay.. Erschreckende Kirchenkunst... wiki commons/ Vassil
Da gab es eine Mühle zu sehen... wiki commons/ Vassil
Eva mit Schlange? wiki commons/ Vassil
Mann mit Schwert? wiki commons/ Vassil
Kessel von Gundestrup: wiki commons/ Magnus Manske
Cernunnos von Gundestrup: wiki commons/ Magnus Manske
Cernunnos im Val Camonica: Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Der kleine Drache von Urschalling: Foto Walter-Jörg Langbein
Drachenteufel von Marienmünster: Foto Walter-Jörg Langbein
Ein Riesensymbol von Nazca/ Peru: Foto Walter-Jörg Langbein
Buchcover Ruempler: Verlag/ amazon

271 »Hexen und ein Steinerner Mann,«
Teil 271 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 29.03.2015


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Sonntag, 15. März 2015

269 »Von Mäusen, Schlangen und Drachen Teil 1«

Teil 269 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Der Dom zu Bremen birgt manches Geheimnis....

Pastor Schellenberg kam aus Hamburg. Gern predigte der überzeugte Lutheraner vor uns Studenten des Martin-Luther-Bund zu Erlangen mit dem Eifer eines nordischen Propheten. Und er liebte die großen und kleinen Kirchen seiner Heimat. So erfuhr ich in den 1970er Jahren von der Maus in der Marienkirche zu Lübeck. Im  Abendmahlrelief, aus Sandstein kunstvoll gefertigt, findet sich die Darstellung einer Maus, die an einem Rosenstock nagt. Eine Maus in christlichem Rahmen? Ob sich da vor einem halben Jahrtausend ein Künstler einen Scherz erlaubt hat? Oder gibt es in der Bibel einen Hinweis auf die Kombination Maus-Rosenstock? Machen wir uns auf die Suche….

Kultobjekt Bundeslade...

Die Geschichte der Bundeslade ist spannend wie ein Krimi. Die Bibel schildert sie als kostbares sakrales Objekt mit wundersamen, ja magischen Eigenschaften. So verwundert es nicht,  dass sich auch die Filmindustrie der mysteriösen Truhe annahm. 1981 kam »Raiders of the Lost Ark« (deutscher Titel: »Jäger des verlorenen Schatzes«) in die Kinos. George Lucas schrieb das Drehbuch, Regie führte Steven Spielberg. Harrison Ford stellte den inzwischen zur Kultfigur aufgestiegenen »Indiana Jones«. Wie so oft von Hollywood zelebriert, kämpfen böse Nazis gegen rechtschaffene Amerikaner. Die Nazis wollen unbedingt in den Besitz der Bundeslade gelangen, um so die Welt militärisch unterwerfen zu können. Warum? Weil angeblich eine Armee, die die ominöse Bundeslade vor sich hertragen lässt, angeblich unbesiegbar sein soll. Diesen perfiden Plan will natürlich Indiana Jones vereiteln. Letztlich obsiegt natürlich der Held. Die Welt ist gerettet. Die Bundeslade aber wird zum »top secret«-Objekt und wird in einem scheinbar riesigen Lager deponiert, der amerikanische Geheimdienst untersagt eine wissenschaftliche Untersuchung des biblischen Heiligtums.

In der wechselhaften Geschichte der Bundeslade, wie sie von der Bibel erzählt wird, sind es die Philister, die die »Lade des Bundes« rauben (1). Große Freude löst das Beutestück aber nicht aus. So wurde das Volk von Plagen heimgesucht. Böse Beulen und eine Mäuse-Epidemie peinigen das Volk, die Fürsten des Landes fordern eine Rückgabe der Lade an das Volk Israel (2). Ein »tödlicher Schrecken« – so vermeldet es die Bibel – kam über das Volk und raffte viele dahin. Schließlich wird das unheimliche Kultobjekt an die Israeliten zurück geschickt, zusammen mit einer »Sühnegabe«. Fünf goldene Mäuse sind Teil der kostbaren Zusatzgabe. Sie sollen die Mäuseplage beenden, was offenbar auch geschieht. Fünf Mäuse aus Gold deuten auf eine kultische Bedeutung der Maus hin, deren wahre Bedeutung weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. Auf eine einst positive Bedeutung der Maus deutet die heldenhafte Rolle hin die die Maus im byzantinischen »Katz-Mäusekrieg« spielt. Nach Plinius d. Älteren wurden Mäuse vor zwei Jahrtausenden als dämonisch angesehen. Außerdem billigte man ihnen prophetische Fähigkeiten zu.

Göttertriade von Reims

Im französischen Reims fanden Archäologen ein mysteriöses Artefakt. Das steinerne Relief könnte einst Teil eines heidnischen Tempels gewesen sein. Auf dem kunstvollen, leider zum Teil beschädigten plastischen Bild sieht man drei Götter. In der Mitte sitzt ein himmlisches Wesen, als würde es meditieren. Ganz ähnliche Darstellungen kennt man aus der Indus-Region. Die Verwandtschaft mit Shiva ist unübersehbar. Sollte Cernunnos also aus der Indusregion zu den Kelten gelangt sein? 

Die Gestalt im Schneider-Sitz trug wohl einst ein Geweih, das zum Großteil dem Zahn der Zeit zum Opfer fiel. War es wirklich der ominöse Zahn der Zeit, der an dem antiken Kunstwerk nagte? Oder wurden Teile bewusst abgeschlagen? Mit dem Geweih stützte der Gott einst das Tempeldach. Ein Großteil des Geweihs fehlt heute. Seit wann? Wir wissen es nicht. Zurück blieben lediglich zwei kleine Stückchen davon am Kopf, die jetzt den einstigen Gott wie einen Teufel nach christlicher Vorstellung aussehen lassen.

Göttertriade von Reims. Rechts hervorgehoben: die Maus

Aus einem Füllhorn ergießt sich Nahrung für zwei nicht näher identifizierbare Tiere, die vor seinem Götter-Thron stehen. Offenbar handelt es sich bei dem Gott um Cernunnos, der bei den Römern als Pluto verehrt wurde. Pluto war der Gott der Gaben. Rechts und links vom Thron sitzen zwei weitere Götter, nämlich Merkur und Apollon. Gott Cernunnos dürfte eine Art Naturgott gewesen sein, verantwortlich für das Leben auf Erden.

Direkt über Cernunnos, quasi im Himmel, ist eine Maus auszumachen. Interessant ist die vorchristliche, »heidnische« Göttertriade… mit Maus. Warum befindet sich Cernunnos, der gehörnte Gott, auf keltischen Darstellungen immer wieder in Gesellschaft einer Maus? Mäuse sah ich im Britischen Museum zu London zusammen mit Apollon und Aphrodite auf Münzen und Gemmen. Was bedeutet die Triade Gott-Göttin-Maus? In japanischen Volkssagen begegnet uns wieder die Maus, als Symbol von Daikaku, Gott des Reichtums. Hatte die Maus einst göttlichen Status?

Ich mutmaße: Einst hatte die Maus eine geradezu sakral-kultische Bedeutung. Das kleine Nagetier galt wohl nicht immer in erster Linie als Schädling, sondern als Symbol oder Attribut von Göttern und Göttinnen.

Maus von Lübeck

Kehren wir zur Maus der Marienkirche zu Lübeck zurück. Nach einer alten Sage gedieh einst ein Rosenbaum an der Marienkirche, der prächtig gedieh. Bald erreichten seine Zweige, Blätter und herrlichen Blüten das Dach. Eines Tages aber starb der herrliche Rosenbaum ab und verdorrte. Schuld sei, so die Sage, eine Maus gewesen, die ihr Nest im Wurzelwerk der Rose gebaut habe. Laut Pastor Schellenberg müsse man die Rose als Symbol des christlichen Glaubens ansehen… und die Lübecker Maus als Bedrohung für eben diesen Glauben! An diese christliche Erklärung erinnerte ich mich wieder, als ich im Dom zu Bremen wiederum auf eine Maus stieß! Die Maus der Lübecker Kirche wird als böse angesehen, als Gefahr für den Glauben. Und dennoch soll es Glück bringen, wenn man den Nager berührt. Das scheinen unzählige Besucher der Marienkirche von Lübeck auch heute noch zu glauben. Mehr oder minder verstohlen greifen sie nach der Relief-Maus, die inzwischen durch ungezählte Hände schwarz wurde.

Leicht ist die Maus von Bremen nicht zu finden. Viele, vielleicht sogar die meisten, Dombesucher gehen achtlos an ihr vorbei. Ja nicht wenigen Bremern ist sie unbekannt. Sie existiert aber, man findet sie – wenn man nur gründlich genug sucht – auf dem Ostchor am Fuße des Portals an der rechten Seitenwand. Da scheint sie an einer Säule nach oben zu klettern. Was aber hat die Maus im Dom zu Bremen zu suchen? Geschaffen wurde sie im elften Jahrhundert.

Ich habe seit Jahren immer wieder nach aussagekräftigen Hintergrundinformationen zur Maus vom Bremer Dom gesucht. Eher prosaisch mutet die knappe »Erklärung« auf der Internetseite des Doms an. Demnach ist »ihre Bedeutung … ungeklärt. Wahrscheinlich diente sie als Zeichen der Werktätigkeit einer bestimmten Handwerkergruppe.« Offen gesagt: Ich empfinde diese Lösung nicht wirklich als einleuchtend. Warum sollte es nur ein einziges »Zeichen der Werktätigkeit einer bestimmten Handwerkergruppe« im Dom zu Bremen geben? Frei erfunden ist eine andere Erklärung: Demnach wurde die Kirchenmaus vom Dom angebracht, damit Handwerksburschen »beweisen« konnten, dass sie wirklich in Bremen waren! Und wie soll das geschehen sein? Wer in der Fremde von der Maus im Dom berichten konnte, musste in Bremen gewesen sein, weil er sonst nichts von der Maus gewusst hätte. Einleuchtend ist das nicht.

Die Dommaus von Bremen

Nach weiterem Recherchieren wurde ich endlich fündig. Zoodirektor a.D. Dr. Götz  Ruempler, anno 1936 in Wilhelmshaven geboren, hat sich intensiv mit der mysteriösen kleinen Maus beschäftigt. Dr. Ruempler, in Bremen aufgewachsen, war von 1987 bis 1989 Präsident des Verbands deutscher Zoodirektoren. Aus seiner Feder stammt das wirklich bemerkenswerte Büchlein »Die Bremer Dom-Maus« (4). Dr. Ruempler weist darauf hin, dass die Bremer Kirchenmaus lange Zeit nur einheimischen Eingeweihten bekannt war (5): »Bis vor 30 Jahren war die Dom-Maus außerhalb des St. Petri-Doms unbekannt. Etwa 1955 erfuhr ich als Domchorsänger, daß es im Dom an versteckter und wenig auffälliger Stelle eine Maus aus Stein gibt.  Als ich sie endlich gefunden hatte und dem Informanten begeistert davon berichtete, nahm er mir das Versprechen ab, darüber nicht öffentlich zu reden um das Wissen um die Maus als Geheimnis der ›Eingeweihten‹ zu bewahren.«

Was hat diese Geheimniskrämerei zu bedeuten? Warum sollte die Existenz der Dom-Maus nur Eingeweihten vor Ort bekannt sein? Dr. Ruempler bietet eine christlich-theologische Erklärung für die Dom-Maus an (6): »Damit handelt es sich bei den Ostchor-Portalen ursprünglich um Eingangspforten in den alten Dom. Hier hatte die Dom-Maus ihre besondere Bedeutung: Sie sollte Hexen und Teufel, für die im Mittelalter Maus und Ratte sinnbildlich standen, am Betreten des Gotteshauses hindern, sollte dem Bösem, Dämonischen den Zugang verwehren – also praktisch ein Bannzeichen, um Kirche und Gläubige vor allem Schlechten, vor der Sünde, vor Teufelswerk zu bewahren.«

Nehmen wir an, dass die Maus am Eingang des Doms zu Bremen sozusagen Wache schob und dem Bösen den Eintritt ins Gotteshaus verwehrte. Dann muss die Maus aus christlicher Sicht als eine positive Kraft verstanden worden sein. Positiv war die Maus wohl auch als Tier des Cernunnos. Stammt also die Maus als christliches Symbol aus sehr viel älteren, sprich heidnischen Quellen? Wie dem auch sei… Die Dom-Maus von Bremen ist keineswegs eine exotische Rarität, wie man vielleicht meint. Dr. Ruempler weist eindrucksvoll nach (7), dass Darstellungen von Mäusen in Kirchen gar nicht so selten sind! Wo finden sich Mäusedarstellungen in Kirchen? Einige Beispiele sollen genügen…..

»Auf dem Chorgestühl der Kirche St. Pierre in Poitiers (Westfrankreich) aus der Mitte des 13. Jahrhunderts ist das Motiv von Katze und Maus sehr lebensnah in Holz geschnitzt.« (8)

»Auf einer Wandkonsole der gotischen Deutschhauskirche in Würzburg entdecken wir eine Katze beim Mäusen.« (9)

»Das Münster in Ulm hält auf seinem Chorgestühl aus dem 15. Jahrhundert eine Überraschung bereit: Eine Eule trägt eine erbeutete Maus in ihren Fängen.« (10)

»Kirche Les Jacobines in Toulouse; Maus im Eichenblattwerk des Südportals (13. Jahrhundert).« (11)

Fußnoten

(1): Siehe 1. Buch Samuel Kapitel 5, Vers 1
(2): ebenda, Vers 11
(3): Siehe 1. Buch Samuel Kapitel 6, Verse 1-18
(4): Ruempler, Götz: »Die Bremer Dom-Maus/
Geschichte, Geschichten und ›Mäuse-Latein‹«,
Band 3 der Schriftenreihe der Stiftung Bremer
Dom e.V., 2. durchgesehene Auflage, Bremen 2010
(5): ebenda, Seite 9
(6): ebenda, Seite 45
(7): ebenda, Seiten 37-44, Kapitel »Mäuse in Kirchen vom Spätmittelalter bis in unsere Zeit«
(8): ebenda, S. 38
(9): ebenda, S. 39
(10): ebenda, S. 40
(11): ebenda, S. 43

Fotos

Der Dom zu Bremen birgt manches Geheimnis.... : Foto Walter-Jörg Langbein
Kultobjekt Bundeslade: gemeinfrei, 16. Jahrhundert, Umbrien
Göttertriade von Reims: wiki commons/ Garitan
Maus von Lübeck: wiki/ public domain
Die Dom-Maus von Bremen: wiki commons/ Godewind
Buchcover Ruempler: Verlag/ amazon

270 »Von Mäusen, Schlangen und Drachen Teil 2«
Teil 270 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 22.03.2015






Sonntag, 8. März 2015

268 »Monsterwölfe, Teufel und der Höllenschlund«

Teil 268 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die Krypta von Bremen birgt noch manches Geheimnis...

Auf der offiziellen Internet-Seite des Doms zu Bremen lesen wir (1): »Dieser einheitlich frühsalische Raum ist in seiner ursprünglichen Gestalt unverändert geblieben. Schon Erzbischof Bezelin wird ihn 1042 angelegt und Erzbischof Adalbert die Bauarbeiten fortgesetzt haben. Unter Erzbischof Liemar (†1101) erhielt die Ostkrypta ihre endgültige Gestalt. Im Zuge der zweiten großen Domrestaurierung fand der Altar 1984 seinen Platz wieder am ursprünglichen Ort – direkt unter dem Altar des Hochchors im Dom – im von vier romanischen Säulen getragenen Mitteljoch der Ostkrypta.«

Was sonst gern verschwiegen wird, wird in der Beschreibung eines Rundgangs durch den Dom zu Bremen konkret ausgesprochen (2):

»Besondere Beachtung verdienen die Kapitelle der Säulen im Altarbereich. Heidnisch/germanische Symbole wie der Fenriswolf, die Midgardschlange sind hier vermutlich dargestellt. Blüten- und Blumenmotive ergänzen das Bildprogramm. An anderer Stelle sind Pentagramm und Maske zu finden. Die mit einem Schachbrettmuster versehenen Kämpfer lassen auf lombardischen Einfluss schließen.«

Die Schlange und der Wolf von Bremen.

Der Fenriswolf galt in der nordischen Mythologie als gefährlicher Dämon. Seine Verwandtschaft muss man als illuster bezeichnen: Vater war kein Geringerer als Loki selbst, Mutter die Riesin »Kummerbringerin« (»Angrboda«). Hel und die Midgardschlange waren seine Geschwister. Den Asen-Göttern schließlich soll es gelungen sein, den Fenriswolf zu fesseln… mit List und Tücke. Tyr überzeugte den Fenriswolf von den friedlichen Absichten der Götter, indem er seine Hand ins Maul des Fenriswolfs legte. Das kostete den Gott seine Hand, Fenris allerdings die Freiheit.

Der Fenris-Wolf hat apokalyptische Bedeutung. Der Untergang des mythologischen Kosmos kündigt sich dadurch an, dass es dem furchteinflößenden Dämon gelingt, sich loszureißen und Odin zu töten. Odins Sohn Vidar rächt den Vater und tötet Fenrir, den Fenriswolf. Der Wolf ermordet also Gott-Vater und wird seinerseits von Gott-Sohn umgebracht. Der Fenris-Wolf der Skandinavier entspricht dem  Nordpol-Hund der Philosophenschule der der Kyniker (etwa 500 v.Chr.), die sich das wilde Tier vermutlich bei den Etruskern ausgeliehen haben. Freilich war das mythologische Tier bei den Etruskern noch weiblich. Die Lupa der Etrusker – Pomeroy Brewster weist in seinem Werk über Heilige und Feiertage in der Christlichen Kirche darauf hin (3) – war ein mächtiges, überirdisches Wesen. Zum Ende des Jahres frisst die Wölfin die alte Sonne und bringt deren Inkarnation, die neue Sonne, zur Welt.

Auch die Kirche von Urschalling bietet Geheimnisvolles....

Unschwer ist zu erkennen, dass es sich bei der Urüberlieferung um die Wölfin um eine Erinnerung an uralte Sonnenkulte handelt. Unsere Altvorderen hatten eine zentrale Angst, nämlich dass mit der Eiseskälte des Winters alles Leben sterben würde. In kultisch-magischen Zeremonien wurde das Fortbestehen des Lebens beschworen, vor allem natürlich die Wiederkehr der in der Kälte »gestorbenen« Sonne im Frühjahr.

Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang die nordische Mythologie. Die Götter wissen nach alter Überlieferung, dass große Gefahr vom Fenris-Wolf ausgeht, der die Götter bedroht. Um das prophezeite Desaster zu vermeiden, wird der Wolf übertölpelt. Die Asen wollen unbedingt verhindern, dass der gefräßige Wolf zubeißen kann. Deshalb (4) »fesseln ihn die Asen mit List und sperren ihm den Rachen durch ein Schwert«. Man muss sich also den Fenris-Wolf mit weit aufgerissenem Maul vorstellen, wobei zwischen den Kiefern ein Schwert steckt.

Der Monsterwolf von Urschalling.
Ohne dieses schmerzhafte Utensil im Schlund ist der Fenris-Wolf in der Ostkrypta unter dem Dom zu Bremen dargestellt. Wütend beißt er da auf einem der Säulenkapitelle in einen Schlangendrachen. Mit der göttlichen »Maulsperre« ist das heidnische Tier etwa 1390 von einem unbekannten Künstler dargestellt worden: als Fresko in der kleinen Kirche zu Urschalling am Chiemsee. Idyllisch hebt sich das Weiß des kleinen Gotteshauses vom blauen Himmel Bayerns ab. Betritt man es, erkennt man, dass der zierlich-leichte Eindruck täuscht. Meterdicke Mauern muss man durchschreiten, um dann in den tiefer gelegten Raum zu gelangen. Das romanische Gotteshaus war wohl ursprünglich ein rein weltlicher Bau, eine kleine Burganlage. Sie wurde umgebaut, ein Turm hinzugefügt. Sehr früh – schon im 13. Jahrhundert – wurde mit der Ausmalung begonnen. Nach heutigem Wissenstand entstanden die ersten Freskomalereien spätestens im frühen 13. Jahrhundert. Auf die romanischen Bildwerke folgten Ende des 14. Jahrhundertes, wiederum von unbekannten Künstlern angefertigt, mittelalterliche Kunstwerke sakraler Art.

Kreuzabnahme von Urschalling.

Leider ließ man die einzigartigen Kostbarkeiten bald unter Putz verschwinden. Und als schließlich Fenster eingebaut oder vergrößert wurden, zerstörte man unbeabsichtigt und unwiederbringlich älteste Zeugnisse sakraler Malerei. An der Südwand, zum Beispiel, schlug man eine hässliche Fenster-Lücke in die comicstilartig dargestellte Leidensgeschichte Jesu. Wir erkennen sofort Jesu Einzug in Jerusalem auf einem Esel, Jesus beim Beten auf dem Berg Gethsemane, den Verrat Jesu durch Judas, seine Verhaftung und Kreuzigung bis hin zur Abnahme vom Kreuz und die Sarglegung.
Fritz Fenzl weiß zu berichten (5):

Maria Magdalena von Urschalling
»Die Kirche ist aus der Zeit der Kreuzzüge, birgt damit das Geheimnis der Templer um aufgeladene und für immer versiegelte Kultstätten – und sie ist in anderer schwarz-magisch aufgeladener Zeit nach ihrem Geheimnis befragt worden (1941/42).« Den Tempelrittern wird ja nachgesagt, dass sie über Geheimkenntnisse verfügt haben sollen, die mit der allgemein gültigen Lehrmeinung der katholischen Kirche nicht übereinstimmten. Sie sollen sehr an Maria Magdalena interessiert gewesen sein, auch was eine womöglich erotische Liaison mit Jesus betrifft.

Anno 1220 soll der deutsche hochrangige Tempelritter Hubertus Koch auf der Heimreise aus dem »Heiligen Land« eine bemerkenswerte Vision gehabt haben. Ihm und seinen Reisebegleitern sei unweit der Stadt Ninive im heutigen Irak keine Geringere als Göttin Isais erschienen. Im Auftrag der Göttin, so trug die Himmlische ihm auf, solle er an einem bestimmten heiligen Berg ein Haus errichten. 1221 erreichten Hubertus Koch und sein kleines Gefolge nach abenteuerlicher, lebensgefährlicher Reise ihr Ziel, den mysteriösen Untersberg, auf der Grenze zwischen Bayern und Salzburg. Dort wurde das von der Göttin gewünschte Haus erbaut. Ein zweites Haus folgte.. und in einer der Höhlen der »Isais-Tempel«.

Isais, Schwester der Athene, soll einer Überlieferung zufolge Hubertus Koch den »Heiligen Gral« ausgehändigt haben. Von einer kostbaren Statuette aus Gold, besetzt mit Edelsteinen ist die Rede. Unzählige mysteriöse Überlieferungen mögen reichlich fantastisch anmuten, vielleicht von fantasiereichen Forschern ausgeschmückt und verfälscht. Ich gehe aber davon aus, dass die Templer wirklich intensiv an Maria Magdalena und einer vorchristlichen Göttin interessiert waren. Hatten die Templer bei der Gestaltung der St.-Jakobus-Kirche ihre Hände im Spiel? Brachten sie die Idee von einer »Heiligen Geistin« bei der Ausmalung des kleinen Gotteshauses ein?

In der Tat lässt sich die »Geistin« auf eine der ältesten Göttinnen überhaupt zurückführen, nämlich auf eine Muttergottheit. Erinnern wir uns: Venus war ein Name von vielen, die sich auf die Urgöttin des Lebens und der Fruchtbarkeit bezogen. Und das Symboltier vieler dieser Göttinnen war die Taube. Als Taube stieg nach Überlieferungen des »Neuen Testaments« der »Heilige Geist« vom Himmel.

Sprachwissenschaftlich betrachtet war aber der »Heilige Geist« eine »Geistin«, so wie im Kirchlein von Urschalling dargestellt.

Der Höllenschlund von Urschalling... mit zwei Teufeln.

Wie dem auch sei…. Betritt man die St.-Jakobus-Kirche von Urschalling, dann fällt der Blick auf ein merkwürdig anmutendes Motiv. Großformatig reißt da ein monströses Wesen seinen gierigen Schlund auf. Einige Menschen entsteigen gerade dem Maul der Kreatur. Ein örtlicher Führer deutete das Wesen als jenen Walfisch, der Jona laut Bibel verschlungen und wieder ausgespien haben soll. Diese Erzählung wird von Theologen gern jesuanisch interpretiert. Jona überlebte im Leib des Wals drei Tage, bevor er vom »Riesenfisch« an Land gespuckt wurde. Das sei ein prophetischer Hinweis auf Jesus, der drei Tage lang im Reich des Todes weilte, bevor er wieder ins Land der Lebenden zurückkehrte. Laut meinem Führer stellt das Bild vom Fabelwesen eben jenen Wal dar, sinnbildlich für das Totenreich. Jesus selbst errettet die vom Tod verschlungenen Menschen, die mit seiner Hilfe aus der Finsternis ins Leben zurückkehren.

Im Kirchenführer von Walter Brugger und Lisa Bahnmüller lesen wir (6): »Ganz besonders gern zeigt die abendländische Ikonographie dieser Zeit die Hölle als großen Tierrachen, dem die Gerechten des Alten Bundes entsteigen, so auch hier in Urschalling, an der Nordwand des Mitteljoches, die ganz der Verherrlichung Christi und seiner Mutter gewidmet ist, gruppiert um das alte vermauerte romanische Portal.  Den Rachen des Ungeheuers, sinnbildlich für Gefangenschaft, hat Christus mit seinem Kreuzstab geöffnet, besser: gesprengt.«

Jesus steht ganz vorne am Maul des Tieres. Nur nach einem Wal sieht das furchteinflößende Wesen ganz und gar nicht aus. Die Reißzähne, Augen und Ohren der Kreatur passen nicht zu einem Wal, auch dann nicht, wenn ein sehr ungeschickter Maler am Werk gewesen sein sollte, der nicht wusste, wie so ein Riesensäuger der Meere ausgesehen hat. Meiner Meinung nach ist da ein Wolf dargestellt, und zwar nicht irgendeiner. Wir erkennen Jesus, der kraftvoll das Wesen daran hindert, sein Maul wieder zu schließen und seine Opfer erneut zu verschlingen.

Er hält so etwas wie eine Lanze in der Hand (Foto rechts!), die ein Schließen des Mauls unmöglich macht. Es könnte aber auch ein stilisiertes Schwert sein, das am oberen Ende dezent als »Kreuz« gestaltet wurde. Präziser: Der kurze Schwert-Griff wurde als Kreuz gestaltet, wobei ja der Handgriff eines jeden Schwerts wie ein Kreuz aussieht. Wenn man Haare spalten möchte, kann man von einem Langschwert sprechen, mit kreuzförmigem, kurzen Griff.

Die christliche Erklärung: Jesus hat den Tod überwunden und für alle Menschen den Tod besiegt. Vermutlich sind es Johannes der Täufer, Adam, dann Eva und weitere Frauen, die dem Schlund des Todes entsteigen. Maul und Schlund wurden im Urschalling als »Hölle« eingesetzt, aus der – dank Jesu Hilfe – Tote steigen.

Links im Bild: Teufel im Maul,
rechts im Bild Teufel auf dem Kopf des Wolfs.

Ein Teufel sitzt auf dem Kopf des Untieres (Foto oben rechts im Bild!). Im Lauf der Jahrhunderte nagte der Zahn der Zeit am Bildnis. Der Teufel ist aber noch gut zu erkennen, inklusive Schwanz am Allerwertesten. Was hält er in seiner Linken? Einen Menschen? Oder ein Tier?

Der zweite Teufel sitzt im Maul des Wolfs (Foto oben, links im Bild!). Geradezu listig lugt er hervor. Ein Horn wächst aus seiner Stirn, die andere Gesichtshälfte ist nicht zu sehen. Beeindruckend ist die klauenbewehrte Pranke, deren Konturen deutlich auszumachen sind. Die Teufel, so scheint es, hausen im Monsterwesen, wo sie die Seelen von Toten gefangen halten. In dieses Reich kommen alle Verstorbenen, nicht nur die Bösen. Auch Johannes der Täufer wurde – wie erwähnt – an jenen Ort verbannt.

Fenriswolf, isländische Darstellung aus dem 17. Jahrhundert.

Rekapitulieren wir: Nach heidnischer Urüberlieferung gab es einst die Fenris-Wölfin, die die sterbende Sonne verschlang, um die neu aufsteigende junge Sonne zu gebären. Die Fenris-Wölfin holte nicht in einem einmaligen Akt der Gnade die Toten aus der Hölle ins Leben zurück. Sie sorgte Jahr für Jahr dafür, dass – ganz heidnisch – der ewige Kreislauf des Lebens nicht unterbrochen wurde, dass auf Winter wieder ein Frühling folgte, dass das erstarrte Leben wieder aufblühte. In kultisch-magischen Zeremonien wurde das Fortbestehen des Lebens beschworen, vor allem natürlich die Wiederkehr der in der Kälte »gestorbenen« Sonne im Frühjahr. Das heidnische Weltbild war zyklisch. Sinnbild für das Leben war das sich ewig drehende Rad, das nie zum Stillstand kommen durfte.

Dreifaltigkeit von Urschalling.
In der Mitte: Heilige Geistin

Es fällt dem unvoreingenommenen Erforscher ältester Glaubenswelten auf, dass uralter heidnischer Glaube bis in unsere Tage in »christianisierter« Form fortlebt. So symbolisierten die heidnisch-keltischen Göttinnen Ambet, Borbet und Wildbet den Kreislauf des Lebens von Geborenwerde, Leben und Sterben. Ambet war in vorchristlicher Zeit die jungfräuliche Erdgöttin, Borbet eine mütterliche Sonnengottheit und Wilbet eine Mond- und Glücksgöttin. Verchristianisiert wurden die Drei zu Einbeth, Warbeth und Wilbeth. Im südlichen Tirol sind sie noch heute als die »drei Saligen« bekannt. Darüber hinaus existieren noch weitere Namensvarianten. Selbst die »Heiligen drei Könige« könnten als die christianisierte Form der drei einstigen Göttinnen verstanden werden.

Albert Einstein äußerte sich wie folgt: »Der intuitive Verstand ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ist ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.« Wir können versuchen, uns an das »Geschenk« der Intuition zu erinnern, wenn wir uns darum bemühen, die Aussagen uralter Kunstwerke zu verstehen. Ich bin davon überzeugt, dass die alten Künstler ihre Werke bewusst so geschaffen haben, dass sie die Intuition der Betrachtenden ansprechen würden. Bedenken wir, dass vor wenigen Jahrhunderten auch in unseren Gefilden die Kunst des Lesens nur von wenigen Menschen beherrscht wurde. Konnten unsere Altvorderen die alten Meisterwerke intuitiv wie ein Buch lesen und verstehen?

Jesus betet, Jesus wird verhört.
Urschalling.

Ich bin davon überzeugt, dass so manches christliche Kunstwerk uraltes Wissen in abgewandelter Form zeigt, das sehr viel älter als das Christentum ist. Die alten heidnischen Darstellungen wurden vom Christentum übernommen, allerdings mehr oder minder um-interpretieren. Zum konkreten Fall: Auffällig ist, dass die Asen-Götter dem Fenris-Wolf das Maul genauso aufsprengen wie Jesus dem höllischen Untier von Urschalling! Der Fenris-Wolf »lebt« seit Jahrtausenden, wandert von Mythos zu Religion. Zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends beschränkt er sich nicht mehr auf seinen kultischen »Lebensraum«. Wer sich noch nie mit theologischen Fragen auseinandergesetzt hat, kennt ihn aus der Romanreihe »Geisterjäger John Sinclair«.  Im Hörspiel soll er für wohliges Gruseln sorgen, in Folge 55 der Reihe, betitelt »Fenris, der Götterwolf«.


Fußnoten

(1): http://www.stpetridom.de
(2): ebenda
(3): Brewster, Pomeroy: »Saints and Festivals of the Christian Church«, New York 1904
(4): Brunner, Hellmut, Flessel, Klaus et.al.: »Lexikon Alte Kulturen«, Band 1, Mannheim, Wien, Zürich., S. 688, rechte Spalte, Artikel »Fenrir« (Fenriswolf)
(5): Fenzl, Fritz: »Orte der Liebe in Bayern/ An magischen Plätzen die Liebe entdecken«, München 2006, S. 115
(6): Brugger, Walter und Bahnmüller, Lisa: »Urschalling«, 4. Auflage 2012, S. 28

Zu den Fotos...

»Die Krypta von Bremen birgt noch manches Geheimnis...« - historische Aufnahme, Archiv Langbein

»Die Schlange und der Wolf von Bremen.« - historische Aufnahme, Archiv Langbein
Anmerkung: Es könnte sich auch um einen Drachen handeln, oder um einen Schlangendrachen.

»Fenriswolf, isländische Darstellung aus dem 17. Jahrhundert.« - historische Aufnahme, Archiv Langbein

Alle übrigen Fotos: Walter-Jörg Langbein

269 »Von Mäusen, Schlangen und Drachen - Teil 1«
Teil 269 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 15.03.2015

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Sonntag, 1. März 2015

267 »Mumien und eine geheimnisvolle Unterwelt«

Teil 267 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Blick in die »Mumien-Krypta«, etwa 1905
Was haben ein Maya-Tempel in Mexiko und ein romanischer Dom des christlichen Abendlandes gemeinsam?

Der berühmte »Tempel der Inschriften« von Palenque, Mexiko, wurde 690 vollendet. Auf einer Stufenpyramide thront ein Tempel. Unter der Pyramide befindet sich eine Grabkammer, die erst 1952 geöffnet wurde.

Majestätische Dome wie das jener in Bamberg wurden als »Gottesburgen« angelegt. Aber wo? Sehr häufig wählte man Stätten aus, die schon in vorchristlichen Zeiten als »heilig« angesehen wurden. Unter den Gotteshäusern wurden in der Romanik (10./ 11. Jahrhundert) Krypten angelegt, vergleichbar mit der Gruft unter dem Tempel der Inschriften.

Die christlichen unterirdischen Kammern waren streng genommen Kirchen unterhalb von Kirchen. Die Grabkammer von Palenque dürfte bei den Mayas als nicht minder heilig gegolten haben.

Abstieg in die »Unterwelt« von Palenque, Mexiko

In Palenque steigt man auch heute noch in die Krypta unter dem Tempel der Inschriften, so wie man auch in christlichen Gotteshäusern in Krypten gelangt. In Palenque ist klar zu erkennen, dass die unterirdische Kammer als letzte Ruhestätte für König Pakal gedacht war. Dort steht auch heute noch der kolossale Sarg des Herrschers. Die Krypten unter christlichen »Gottesburgen« dienten ursprünglich als geschützter Ort für »heilige Gebeine«. Ein Dom verstärkte durch Reliquien seine besondere Bedeutung – und Kraft. Leider lassen viele Besucher den Respekt vor den sakralen Stätten vermissen, beim Abstieg in die Krypta von Palenque sehr viel mehr als in christlichen Gotteshäusern.

Mit »heiligen Reliquien« wurde zeitweise ein schwunghafter Handel betrieben. Heute kann man Reliquien im Internet erwerben… oder staunend in altehrwürdigen Domen bestaunen. Anno 965, so wird überliefert, kehrte Erzbischof Adaldag von einer sehr erfolgreichen Pilgerreise nach Rom zurück. Vom Papst hatte der Kirchenmann damals sehr begehrte Reliquien zum Geschenk erhalten, nämlich die Knochen der Heiligen Kosmas und Damian. Die beiden christlichen Ärzte sollen im dritten Jahrhundert Wunder bewirkt haben, sehr zum Verdruss der Konkurrenz, und das vollkommen unentgeltlich. Besonders die Transplantation eines Beines soll unzählige Patienten vom christlichen Glauben überzeugt haben. Der römische Präfekt befahl den Tod der beiden Brüder. Sie überlebten ab diverse Versuche, sie hinzurichten. So konnten sie weder ertränkt, noch verbrannt werden. Sie ließen sich weder steinigen noch mit Pfeilen erschießen. Alle diese tödlichen Anschläge auf ihr Leben verpufften wirkungslos, bis sie schließlich enthauptet wurden.

Eingang zur »Unterwelt«

Anno 965, so wird überliefert, kamen die besonderen Reliquien nach Bremen, wurden in der Krypta des Doms eingemauert und offenbar vergessen. Erst 1334 wurden sie auf mysteriös-wundersame Weise wieder entdeckt. Romanische Krypten waren unter Kirchen angelegte Räume zur Aufbewahrung von Reliquien. Nach und nach verloren aber die alten Reliquien an Bedeutung. Der Reliquienkult aber lebte weiter, allerdings verehrte man anstatt der Märtyrer aus frühchristlicher Zeit neuzeitlichere Heilige, und das nicht mehr in den Krypten, sondern im Kirchenschiff selbst. Dort bekamen die »neuen Heiligen« eigene Altäre, in denen oftmals die verehrten Knochen für das Volk der Gläubigen zur Schau gestellt wurden. Damit verloren die Krypten ihre Bedeutung. Sie gerieten teils in Vergessenheit, teils wurden sie für recht weltliche Zwecke missbraucht. In der Ostkrypta des Doms zu Bremen wurden Bleibarren gelagert. Die Bremer waren weitsichtig. Man benötigte das Blei fürs  Domdach. Da Brände oder Stürme regelmäßig das Dach beschädigten oder zerstörten, legte man ein Bleilager in der einstigen Krypta an. Die hieß dann profan nicht mehr Krypta, sondern Bleikeller, Bleikammer oder Bleigewölbe.

An der Decke: Mumifizierte Hühner....
Nach meinen Recherchen wurden die Mumien erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts zufällig entdeckt. Von da an wurde der einstige Bleikeller zum Mumienkeller... und zur Touristenattraktion.  Im frühen 19. Jahrhundert zeigten tüchtige Kaufleute aus Bremen Interesse an der einstigen Bleikammer. Sie wollten sie als Lager für ihre Waren verwenden. Mit brachialer Gewalt wurde von außen ein Eingang in die Krypta geschlagen, um so den Kaufleuten den direkten Zugang zur gemieteten Räumlichkeit  zu ermöglichen. Die Kirche vermietete also den einst von Gebeinen von Heiligen »bewohnten« Raum gegen Bares an Kaufleute. Anno 1823 wurden die Mumien umgesiedelt, sie wurden in die »Kohlenkammer unter dem Konferenzzimmer« geschafft. Anno 1984 wurden die Mumien ein weiteres Mal in ihrer schon lange nicht mehr beschaulichen Ruhe gestört. Weil manche Besucher der Mumien offenbar  die Stille des Gotteshauses  störten, siedelte man die Mumien samt »Bleikeller« ein – bisher – letztes Mal um, nämlich in ein Nebengebäude des Doms.

Heute ist die Ostkrypta wieder ein »Ort der Stille« geworden, was ja dem Charakter des altehrwürdigen Gotteshauses mehr entspricht als ein Gruselkabinett der Mumien. Pietätvoll ist man mit den sterblichen Überresten nicht immer umgegangen. Nach meinen Recherchen sind die Mumien nicht mehr vollständig. Touristen sind ja dafür bekannt, dass sie gern Erinnerungsstücke mit in die Heimat zurück nehmen. So wurden den bedingt durch die geringe Luftfeuchtigkeit eingetrockneneten Toten ganze Haarbüschel ausgerissen und Finger abgebrochen. Einer dieser Finger und eine mumifizierte Kinderhand fanden ihren Weg nach Weimar, ins Goethehaus, als Geschenk für den Dichterfürsten.  Vergeblich hoffte man in Bremen, auf diese Weise die Neugier Goethes zu wecken. Der aber blieb Bremen fern und schenkte die makaberen Gaben seinerseits seinem Sohn August. Erst seit Ende der 1960-er Jahre sind die Mumien vor Zugriffen durch Besucher geschützt, in ihren »Schneewittchen- Särgen«.

Mumien in Särgen, ein Katzenskelett und ein Schädel...

Heute ist die Ostkrypta wieder ein Ort der Andacht geworden. Das ist meiner Meinung nach auch wirklich gut so. Die mysteriöse Krypta war ja auch nie als Ausstellungsraum für Mumien gedacht, sie sollte niemals eine Art Gruselkabinett werden. Unzählige Besucher standen schaudernd vor den offenen Särgen mit den erstarrten Mumien, genossen in gruseliger Atmosphäre frei erfundene Geschichten über die Toten. Dabei wurden die eigentlichen Geheimnisse der Krypta übersehen. Erstaunliche Kunstwerke aus der Zeit der frühen Gotik – 12. Jahrhundert – fanden keine Beachtung. Unter dem Putz warteten die wahrscheinlich ältesten Malereien Bremens darauf, wieder entdeckt und fachgerecht restauriert zu werden. Wurde bis heute wirklich alles Verborgene wieder sichtbar gemacht?

Mumiensärge der Chachapoyas, Peru

Unterwegs zu den großen Mysterien unseres Planeten begegneten mir immer wieder Monstermauern und Mumien. Es scheint so, als hätten alle großen Kulturen in grauer Vorzeit spielerisch mit gewaltigen Steinblöcken umgehen können. Die Kolosse wurden in Peru wie in der Türkei, auf der Osterinsel wie in Ägypten, in Bolivien wie in der Südsee bearbeitet, transportiert und oft wie Bauklötze im Riesenformat zu »Tempeln« oder wahren »Monstermauern« aufeinander getürmt. Nicht selten sehen die Steinriesen wie gegossen aus, so als habe man die Verschalungen eben abgenommen.

Mumien der Chachapoyas, Peru
 Und immer wieder begegneten mir Mumien, in den Hochanden Perus bei den Chachapoyas, den Wolkenmenschen… in Ägypten. Altehrwürdige Mumien der Chachapoyas waren aus den Begräbnisstätten an nur unter Lebensgefahr erreichbaren Steilwänden geholt worden. Sie warteten in einer Art Lagerraum in Pappkartons auf den letzten »Umzug« in ein Museum.

Die Mumien vom Dom zu Bremen sind im Vergleich dazu würdevoller untergebracht. Vor allem liegen sie nun hinter Glas und sind so vor Berührung durch pietätlose Besucher geschützt. Die Ostkrypta bietet wirklich Rätselhaftes, vor allem auf den Säulenkapitellen! Vorchristliche, also heidnische Symbole finden sich in großer Zahl. Immer wieder sehe ich, besonders im Altarbezirk der Ostkrypta an der Südwand, den Drudenfuß. Für die Druden war er heilig, die Tempelritter haben ihn übernommen und in großen Kathedralen verewigt. Der Drudenfuß – Pentagramm – gilt als magisches Zeichen. Er soll das Böse abwehren. Was ist nur schöne Ornamentik, was Symbolik? Verschmilzt da ein Ewigkeitssymbol mit dem Drudenfuß? Was haben die kleinen maskenhaften Gesichter zu bedeuten, die in Kapitelle neben rätselhafte Symbole in den Sandstein gemeißelt wurden? Sollen die Fratzen das Böse darstellen, das durch den Drudenfuß ferngehalten wird? Oder sind Seelen Verstorbener gemeint?

Schlangendrache gegen Fenriswolf

Mich interessieren besonders seltsame Tierdarstellungen. Da kämpft ein Wolf gegen ein Schlangenwesen. Hilft uns die nordische Mythologie weiter. Der Fenriswolf war das erste Kind des Gottes Loki und der Riesin Angrboda. Ein weiteres Kind war die Midgardschlange. Aus der Midgardschlange wurde ein geflügelter Drache. Was hat es zu bedeuten, dass in der Krypta der Kampf zwischen den Geschwistern Fenriswolf und Midgardschlange gezeigt wird? Stellen sie das Böse da, im Gegensatz zum häufig in der Krypta dargestellten Sonnensymbol? Was hat die doppelköpfige Schlange zu bedeuten?

Die alten Kirchen und Dome Deutschlands mussten im Verlauf der letzten tausend Jahre immer wieder restauriert, oft weitestgehend neu aufgebaut werden. Was Brandkatastrophen und alle möglichen Kriege überstanden hatte, das wurde bis zum Ende des »Zweiten Weltkriegs« Ziel von Angriffen aus der Luft. Alliierte Streitkräfte verwüsteten auch Gotteshäuser. Die unterirdischen Krypten überstehen die sinnlos wütenden Kräfte der Zerstörung seit vielen Jahrhunderten. Die Ostkrypta des Doms zu Bremen sieht heute wohl genauso aus wie vor einem Jahrtausend. In dieser »Unterwelt« atmet man den Geist der Ewigkeit. Könnte man nur die Symbole in dieser Unterwelt wie ein Buch lesen....

Anmerkung

Die Geschichte der »Dom-Mumien« ist teils widersprüchlich überliefert, teils spekulativ oder frei erfunden. Die historischen Hintergründe, die die Geschichte der »Dom-Mumien« immer wieder massiv beeinflusst haben, sind zu komplex, um in einem Artikel hinreichend gewürdigt zu werden. Wirklich exakt-konkretes Wissen über die »Dom-Mumien« gibt es weitestgehend keines. Um die unheimliche Attraktion für Besucher interessanter zu machen, wurde viel erfunden.

Unter dieser Grabplatte ruhte die »Mumie von Palenque«...
Fotos

Blick in die »Mumien-Krypta«, etwa 1905 -
Vermutlich handkolirierte Aufnahme, um
1905. Archiv Walter-Jörg Langbein

Abstieg in die »Unterwelt« von Palenque,
Mexiko - Foto Walter-Jörg Langbein

Eingang zur »Unterwelt« -
Archiv Walter-Jörg Langbein

An der Decke: Mumifizierte Hühner.... Aufnahme um 1900. ArchivWalter-Jörg Langbein

Mumien in Särgen, ein Katzenskelett und ein Schädel...:
historische Aufnahme, Archiv Walter-Jörg Langbein

Mumiensärge der Chachapoyas, Peru - Foto Walter-Jörg Langbein

Mumien der Chachapoyas, Peru - Foto Walter-Jörg Langbein

Schlangendrache gegen Fenriswolf - Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

Unter dieser Grabplatte ruhte die »Mumie von Palenque«... - Foto Walter-Jörg Langbein

268 »Monsterwölfe, Teufel und der Höllenschlund«,
Teil 268 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.03.2015


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