Sonntag, 6. Dezember 2015

307 »Nikolaus und die goldenen Äpfel«

Teil 307 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Vierzehnheiligen anno 1909

Es war ein bitter-kalter Abend im schweizerischen Solothurn. Bei einem leckeren Käsefondue und »geistigen« Getränken erzählte unser freundlicher, sympathischer Gastgeber: »Wir haben heute den 6. Dezember. Bei euch in Deutschland spricht man vom ›Nikolaus-Tag‹!« Den Nikolaus soll es wirklich gegeben haben, konnte ich einwerfen. Genauer gesagt vereint der Heilige Nikolaus angeblich zwei historische Persönlichkeiten in sich: den Bischof Nikolaus von Myra (vermutlich 4. Jahrhundert) und den Abt von Sidon gleichen Namens. Im 6. Jahrhundert wurde aus diesen beiden realen Persönlichkeiten der fiktive wundertätige Bischof von Myra.

»Bei uns in der Schweiz heißt der ›Heilige Nikolaus‹ allerdings ›Samichlaus‹!«, so fuhr unser Gastgeber fort. »Und der hat seinen Ursprung in vorchristlichen Zeiten!« Das stimmt! »Samichlaus« lässt sich vom keltischen Samonios herleiten, dem Allerseelen der Heiden. Am 1. November gedachten die Kelten der Toten. Das Halloween-Fest ist übrigens keine Erfindung der Amerikaner. Es stammt aus dem Keltischen, wurde durch Auswanderer in die »Neue Welt« gebracht.

Der Heilige Nikolaus von Worms
Zu Samonios wurden die lebensnotwendigen Herdfeuer gelöscht und wieder entzündet. Auf diese Weise wurde der »sterbenden« und wieder neu »auflebenden«  Natur gedacht. »Samichlaus« alias Sami-Klaus, war ein keltischer Heiliger, der das Samonios Fest zelebrierte (»Sami«) und der in einer »Klause« lebte.  

Zunehmend stehen zu Halloween auch in unseren Breiten gespenstisch wirkende hohle Kürbisköpfe in Fenstern und vor Türen, mit leuchtenden Augen und Mündern. Das »Feuer« in hohlen Kürbissen mit eingeschnitzten Gesichtern mag an diesen alten heidnischen Brauch erinnern.

Im »Samichlaus« (alias »Nikolaus«) der Schweiz lebt uralter heidnischer Glaube weiter, wenn auch stark christlich übertüncht! Auch in Österreich hat der ach so katholisch-fromme Nikolaus ältere, sprich keltische Wurzeln. Georg Rohrecker schreibt in seinem Buch »Die Kelten Österreichs – Auf den Spuren unseres versteckten Erbes« (1): »Wo heute in den Ostalpen Nikolauskirchen stehen, waren ursprünglich Kultplätze, bei denen es um Fruchtbarkeit und ewiges Leben ging. Wobei Nikolaus .. insbesondere auch die Rolle eines schützenden Begleiters der verstorbenen Seelen und Garanten für ihre Wiedergeburt zufiel.«

Der keltische Bewahrer des Lebens und der Wiedergeburt lebt auch heute noch in christlichen Bildnissen weiter. Auf frommen Gemälden beschenkt der Heilige Nikolaus die drei Heiligen Jungfrauen mit goldenen Äpfeln. Eigentlich ganz unchristlich bietet er den drei Heiligen Jungfrauen das ewige Leben an. Er präsentiert es ihnen in christlichem Gewand. So verwundert es nicht, dass der Heilige Nikolaus nach frommer Legende Tote wieder zum Leben erwecken konnte. Nach einer alten Überlieferung kehrten einst drei Studenten in der Herberge eines Gastwirts ein. Der erschlug die jungen Männer, beraubte sie und zerstückelte ihre Leichname und pökelte sie zusammen mit Schweinefleisch ein.

Kurz darauf erschien der Heilige Nikolaus als Gast. Dienstbeflissen setzte ihm der mörderische Wirt Pökelfleisch vor. Nikolaus erkannte sofort, was Grausiges geschehen war und erweckte die zerhackten und eingepökelten Mordopfer wieder zum Leben. Da muss man wohl wirklich von einem echten Wunder sprechen!

Nach einer anderen Legende hatte einest ein armer Mann drei Töchter. Da er ihnen keine Aussteuer mitgeben konnte, wollte er sie zur Prostitution drängen. Davon freilich erfuhr der Heilige Nikolaus. Er schenkte dem Vater drei goldene Äpfel, so dass den drei Töchtern das Schicksal der Prostitution erspart blieb.

Kurios mutet eine Darstellung der Geschichte vom Nikolaus, den drei Schwestern und den drei goldenen Äpfeln aus dem frühen 16. Jahrhundert an. Man sieht den gramgebeugten Vater. Er scheint noch zu überlegen, wie er seinen drei Töchtern den Weg in die Prostitution ersparen kann. Die drei Töchter allerdings sind schon recht freizügig dargestellt. Es sieht so aus, als würden sie ihre Reize schon zur Kundenwerbung einsetzen. Ob das Kunstwerk aus Salzburg eine Vision des Vaters darstellt, von der befürchteten Zukunft seiner Töchter? Gerade rechtzeitig noch erscheint der Nikolaus. Er ist dabei, einen der goldenen Äpfel zu werfen.

Wie stark heidnisches Glaubensgut war, das beweist die Vitalität der alten keltischen Schutzgottheiten. Da sie nicht wirklich aus dem Volksglauben verdrängt werden konnten, wurden sie »christianisiert«. So wurden aus alten Schutzgöttern der heidnischen Art christliche »Nothelfer«. Die »Vierzehn Nothelfer« werden in zahlreichen Regionen verehrt. Besonders bekannt ist »Vierzehnheiligen« im oberfränkischen »Gottesgarten«.

Der Fachmann erkennt unschwer im Heiligen Dionysius den heidnischen Dionysos/ Bacchus wieder. Keltenexperte Georg Rohrecker (2): »Da Dionysos/ Bacchus von offiziell christlichen Herrschern nicht verehrt werden konnte, wurde mit Dionysius ein Hybride aus ›heidnischen‹ und katholischen Komponenten geschaffen.« So lebt also ein heidnischer Gott als »Saint Denis«, alias »Dionysius«, alias »Dennis« alias »Denys« im katholisch-christlichen Heiligenhimmel weiter. Einst wurde er als Heros der Mond- und Sternengöttin verehrt. Später stieg er in der Hierarchie zum Gott der Fruchtbarkeit und des Weins auf. Er wurde als Sohn des Zeus und Mondgöttin Semele verehrt. Dem erstarkenden Christentum sollte er weichen, blieb dann aber ob seiner Beliebtheit als christlicher Nothelfer erhalten.

Der christianisierte Dionysius, in Frankreich brachte er es zum Nationalheiligen, endete als Märtyrer. Auf dem Montmatre (zu Deutsch: »Märtyrerberg«) wurde ihm, dem ersten Bischof von Paris, das Haupt abgeschlagen. Noch im Tod bewirkte er, so überliefert es die fromme Legende, ein Wunder: Er hob seinen Kopf auf und marschierte noch ganze sechs Kilometer gen Norden. Und wo er schließlich sein abgeschlagenes Haupt ablegte, so die Legende weiter, ließ der fränkische Dagobert im frühen 7. Jahrhundert die erste Abtei »St. Denis« bauen.

Dionysius, Corvey.
Der frommen Legende nach stellte Dionysius in der Disziplin »Gehen nach Enthauptung« den Piraten Klaus Störtebeker in den Schatten. Nach einer alten Legende machte der Bürgermeister von Hamburg Kersten Miles dem zum Tode verurteilten Piraten Klaus Störtebeker ein gruseliges Angebot. Er werde allen Piraten die Freiheit schenken, an denen Störtebeker nach seiner Enthauptung vorbeigehen würde. Klaus Störtebeker, so heißt es weiter, akzeptierte und wankte nach seiner Hinrichtung kopflos an elf seiner Gefährten vorbei. Der Henker brachte den Piraten zu Fall. Und der Bürgermeister brach sein Versprechen, alle 73 Seeräuber wurden geköpft. Während Dionysius sechs Kilometer kopfloses Gehen geschafft haben soll, brachte es Störtebeker dank der Hinterlist des Henkers nur auf wenige Meter.

Den »Heiligen Nikolaus« identifiziert Georg Rohrecker (3) als »ehemaligen Wasser- und Fruchtbarkeits-Heros«. Selbst der angebliche Geburtsort des Nikolaus – Patara – wurde mit Bedacht gewählt. In Patara, heute Türkei,  nahm der Apollon-Kult seinen Ausgangspunkt. Apollon Patroos lockte Volksmassen nach Patara. Unzählige Menschen pilgerten zu seinem Orakel. Rohracker (4): Nikolaus »wurde daher sicher mit voller Absicht in die großen Fußstapfen des antiken Licht-, Weisheits- und Heilergottes Apollon gestellt, den Caesar mit dem keltischen (Gott) Belenus verglich.«

Bis heute gibt es meiner Meinung nach keinen einzigen Lehrstuhl an einer Universität, der sich meiner Meinung nach mit Recht mit dem Namen »Theologie« schmücken dürfte. Theologie bedeutet übersetzt und sinngemäß übertragen »Wort von Gott«, oder »Reden von Gott«. Ein Lehrstuhl, der diese Bezeichnung verdienen würde, dürfte nicht konfessionell gebunden sein. In Erlangen, zum Beispiel, wird keineswegs christliche Theologie im allgemeinen Sinn betrieben. Es wird vielmehr ein ganz spezielles Christentum gelehrt. Katholische Theologie bleibt außen vor. In Erlangen beschäftigt man sich ausschließlich mit evangelisch-lutherischer Theologie, also mit einem verschwindend  kleinen Segment von Theologie.

Auch in Vierzehnheiligen, Oberfranken,
Ich wünsche mir eine überkonfessionelle Theologie, die sich wertfrei mit allen möglichen, unterschiedlichen Formen des religiösen Glaubens auseinandersetzt. Konfessionell gebundene Theologie kann gar nicht wissenschaftlich sein, weil sie Dogmen hat, an denen nicht gerüttelt werden darf. Wissenschaft aber muss stets dazu bereit sein, bislang als richtig angesehene Erkenntnisse über Bord zu werfen. Wissenschaft hinterfragt sich stets selbst. Theologie tut das nicht. Oder besser gesagt: Wissenschaft sollte stets dazu bereit sein, sich zu hinterfragen und neue Erkenntnisse zu akzeptieren. Das aber tut sie nur ungern. Sie ist in gewisser Hinsicht… theologisch.

Im Vergleich zur »Theologie« des Islam ist allerdings die christliche geradezu revolutionär und fortschrittlich-wissenschaftlich. Da wird offen darüber diskutiert, welche Jesus-Worte aus dem »Neuen Testament« wirklich echt sind. In der christlichen Theologie an den Universitäten wird versucht zu ergründen, welche »Jesus-Zitate« in Wirklichkeit erst später Jesus in den Mund gelegt wurden. Eine ähnlich kritische Auseinandersetzung mit dem Koran kommt in manchen, vom Islam dominierten Ländern einem Selbstmord gleich. So wagt es kein muslimischer »Theologe« auch nur eine Sure wissenschaftlich zu hinterfragen.

Der »Heilige Nikolaus«, heute oftmals in Personalunion mit dem Weihnachtsmann und als »Coca-Cola-Santa-Claus«, beschenkt die Kinder. Der »Heilige Nikolaus« schenkte einem armen Vater mit drei Töchtern drei goldene Äpfel. Ur-christlich ist diese Geschichte nicht. Sind doch die drei goldenen Äpfel Symbol der heidnischen Muttergöttinnen-Dreifaltigkeit. Die Äpfel sind aus heidnischer Mythologie hinlänglich bekannt, als Äpfel des ewigen Lebens. Helden wie Herkules versuchten in den Besitz dieser Wunderäpfel zu gelangen. Und der prall mit Gaben gefüllte Sack, den Santa Claus heute da und dort noch in die guten Stuben schleppt, ist ebenso ein uraltes heidnisches Symbol: für die unerschöpfliche Fülle, die die Muttergöttin zu bieten hat… und für das ewige Leben.

... werden die »Vierzhen Nothelfer« angerufen
Fußnoten


1) Rohrecker, Georg: »Die Kelten Österreichs – Auf den Spuren unseres versteckten Erbes«, Wien 2003, S. 143
2) Rohrecker, Georg: »Kelten, Götter, Heilige – Mythologie der Ostalpen«, Wien 2007, S. 124 unten und S. 125 oben
3) ebenda, S. 159
4) ebenda



Vierzehnheiligen, vom Zug aus fotografiert

Zu den Fotos

Die beiden Innenaufnahmen von Vierzehnheiligen (»Auch in Vierzehnheiligen, Oberfranken,werden die ›Vierzehn Nothelfer‹ angerufen«) stammen von Ingeborg Diekmann, Bremen. Alle übrigen Aufnahmen: Walter-Jörg Langbein und Archiv Walter-Jörg Langbein.

308 »Das Grauen der Osterinsel«,
Teil 308 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 13.12.2015

 
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