Sonntag, 8. November 2015

303 »Von der Kreuzigung zum Teufelsarsch«


Teil 303 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: See zu Füßen der Externsteine

In der Zeitschrift »Wünschelrute – Ein Zeitblatt« entdeckte ich (1) eine alte Sage. Werner von Haxthausen (* 11. Oktober 1744 im Fürstbistum Paderborn; † 23. April 1823 in Bökendorf bei Brakel) hat schriftlich festgehalten, was damals – zu Beginn des 19. Jahrhunderts –  noch von Kundigen erzählt wurde. Die »Sage vom Externsteine« verdeutlicht, dass die Externsteine noch ein heidnischer Kultort gewesen sein müssen, als das Christentum bereits weitverbreitet war. Ich darf zunächst die Sage zitieren (2):

Foto 2: Das mysteriöse Kreuzabnahmerelief der Externsteine

»Als das Kreuz Christi bey uns gepredigt wurde, so ärgerte sich der Teufel, daß er immer eine Gegend nach der andern verlor. Er hatte lange die Gegend vom Externsteine nicht besucht und hoffte immer, daß es über den Damm nicht herüber könnte. Da er aber überall flüchten mußte, so wollte er sich nun nach dem Externsteine zurückziehen.«

Mit anderen Worten: Das Christentum hatte sich schon weitestgehend durchgesetzt, da gab es an den Externsteinen noch eine »lebende« Kultstätte, deren Anhänger mit dem Teufel gleichgesetzt wurden. Im »III. Reich« zeigten die Nazis – allen voran - »Reichsführer-SS« Heinrich Himmler – großes Interesse an den Externsteinen. Sie sahen den mysteriösen Ort als »germanischen Kultort«. Archäologische Grabungen um 1933 erbrachten freilich keinerlei stichhaltigen Beweis für germanisches Urbrauchtum an den Externsteinen.

Nach dem Ende des II. Weltkriegs wurde offenbar jeder Hinweis auf vorchristliche Nutzung der Externsteine tabuisiert (3). Die Sage – 1818 zu Papier gebracht – sieht das Heidentum an den Externsteinen durch das Christentum bedroht. Sie beschreibt – in der Sprache der Sage – den Sieg des Christentums und die Niederlage des »Teufels« (also des Heidentums) (4):

Foto 3: Teufelsfratze, Externsteine
»Er (der Teufel) kam an und sah eine große Menge Menschen, die vor dem Kreuze niederfielen, das man noch an den Felsen ausgehauen sieht, und die zu der Capelle auf der Spitze des steilsten Felsen und zu dem Grabe am Abhange des vordersten Felsen eine Procession hielten.«

Die Christen pilgerten also zu den Externsteinen, sie beteten vor dem Kreuzabnahmerelief, das heute noch hunderttausende Besucher anlockt. Umstritten ist aber bis heute, ob das beeindruckende Bildnis von Anfang an ein christliches Kunstwerk war, oder ob nicht vielleicht doch ein älteres, sprich heidnisches Relief umgearbeitet wurde. In der Tat ist das untere Drittel des Reliefs sehr viel stärker verwittert. Das dargestellte Menschenpaar, von einem Lindwurm (?) umschlungen, könnte durchaus heidnische Wurzeln haben. Lesen wir weiter in der Sage (5):

»Das verdroß den Teufel. Er sah einen Priester mit einem Cruxifix von der Capelle kommen, er ergriff ein großes Felsenstück und schleuderte es nach ihm. Aber die Macht des Kreuzes gab dem Steine eine andere Richtung und er blieb auf einer Felsenspitze hängen.«

Foto 4: Der »Wackelstein« auf Felsen IV

Der »Wackelstein«, das angebliche Wurfgeschoss des Teufels, befindet sich auch heute noch in luftiger Höhe auf »Felsen IV«. Angeblich konnte ihn ein einzelner Mensch zum Schaukeln bringen, es sei aber unmöglich gewesen, ihn vom Felsen zu stürzen. Die lippische Fürstin Pauline sicherte den Koloss durch Metallklammern in den Jahren 1835 bis 1836, später wurde er noch mit Beton am Untergrund fixiert.

Folgen wir weiter der Sage (6): »Da sprach der Priester den Fluch über ihn (den Teufel) aus, und der Teufel flüchtete bey dem ausgehauenen Kreuze vorbey, an dem untersten Abhange des Berges zu dem Grabe. Hier faßt er mit seinen Krallen hinein, die noch deutlich darinn zu sehen sind, konnte es aber nicht zerstören. Da stemmte er sich gegen den großen Felsen, um ihn niederzuwerfen. Er drängte so gewaltig, daß er ein tiefes Loch in den Felsen drückte, und die Flamme schlug daran in die Höhe, wie noch deutlich zu sehen. Der Felsen blieb aber unbeweglich stehen, weil das Kreuz daran ausgehauen war. Da ging der Teufel fluchend fort und drohte, der Stein, den er zuerst gegen den Priester schleuderte, der solle noch einmal eine Bürgerfrau aus der Stadt Horn umbringen. Die Bürger aus Horn gaben sich alle Mühe, diesen Stein herunterzubringen, der ganz lose zu liegen scheint, es war ihnen aber bis jetzt unmöglich. Seit einem Jahre geht die Landstraße zwischen dem, worauf der Stein liegt, und einem andern Felsen durch.«

Foto 5: Das steinerne Grab am See der Externsteine

Das »steinerne Grab« könnte als Nachbildung des Grabes Jesu gedacht sein. Es ist möglich, dass Prozessionen vom Kreuzabnahmerelief zum Steingrab gingen. Vielleicht legten sich Gläubige auch in das Steingrab, um sich besonders intensiv in Jesu Leid und Tod einzufühlen. Oder das Steingrab  ist vorchristlichen Ursprungs? Direkt beim Steingrab stießen Archäologen auf drei Skelette. Sie waren vollständig… bis auf die Füße. Wurden hier – diese These wird auch vertreten – Druiden eingeweiht? Vollzogen sie in geheimen Ritualen den Kreislauf des Lebens… von Tod und Auferstehung? Ein »Archäologe« vor Ort erklärte mir, bei den Skeletten ohne Füße handele es sich um verstoßene Kelten. Man nahm ihnen die Füße, so die Erklärung, um sie daran zu hindern ins Jenseits, in die »Anderswelt«, zu wandern.

Foto 6: Autor Langbein meditiert im Felsengrab (Foto Inge Diekmann)

In der Mythenwelt der Kelten gab es Schwellenorte, an denen ein Übergang zur anderen Welt besteht. An diesen ganz besonders heiligen Orten ist nach Keltenglauben die Kontaktaufnahme mit der jenseitigen Welt möglich. War das Felsensteingrab also keltischen Ursprungs? Legte man sich in die mumienförmige Kuhle, um Kontakt mit den Toten aufzunehmen? Das Felsengrab liegt an einem kleinen, künstlich angelegten See. Die Kelten glaubten an Tore zur Anderswelt. Solche Übergänge gab es in ihrer Glaubenswelt zum Beispiel unter Seen. Nun liegt das Steingrab der Externsteine nur wenige Meter von einem künstlich angelegten See entfernt. In seiner heutigen Form wurde er erstmals von der lippischen Fürstin Pauline in den 1830er Jahren in Auftrag gegeben. Gab es vielleicht just an jener Stelle schon sehr viel früher einen See?

Foto 7: Felsengrab (senkrechter Pfeil), Teufelsarsch /wagrechter Pfeil)

Lassen Sie mich spekulieren: Fakt ist, dass sich unterhalb der Externsteine eine vermutlich natürliche Höhle befindet. Man sieht sie in der Regel nicht, weil ihr Eingang weitestgehend unter dem Spiegel des Sees liegt. Kombinieren wir: Wenige Meter vom Sargstein entfernt gibt es unter dem Wasserspiegel eines Sees eine Höhle. Ist es reiner Zufall, dass dieses Szenario exakt keltischen Vorstellungen entspricht? Die Höhle wäre dann die Unterwelt… oder der Eingang in die Unterwelt… unter einem See! Keltischer geht es kaum noch.

Zu dieser Höhle gibt es eine sehr interessante Sage…Die Höhle wird in der Regel beschönigend als »Teufelssloch« bezeichnet. Ihr eigentlicher Name aber lautet, deutlich derber »Teufelsarsch«. Doch lauschen wir der Sage! Die Sage erklärt, wie es zum Namen kam! Der Teufel war ob des christlichen Treibens an den Externsteinen mehr als empört. Er (7) »konnte nicht leiden, daß etwas Gutes daselbst verrichtet wurde, derowegen  hat er sich unterstanden, mit Gewalt den Stein umzustoßen. Die Alten weiseten daselbst, an welchem Ort des Steins der Teufel angefangen. Und er hat sich mit aller Macht dagegen gestemmt, hat ihn aber nicht umwerfen können. So mächtig aber hat er sich dagegen gedrängt, daß sich sein Hinterer tief in den Stein gedrückt hat, wie man noch sehen kann.«

Foto 8: Keltisch oder christlich? Kreuzabnahmerelief... unter dem Kreuz

Mit anderen Worten: Der Teufel höchstselbst wollte den Stein mit dem Kreuzabnahmerelief umwerfen. Und weil er sich mit unglaublicher Gewalt mit seinem Allerwertesten gegen den Stein presste, entstand die Höhle. Eine Vermutung liegt nahe: Die Höhle wurde in vorchristlichen Zeiten für kultische Handlungen der heidnischen Art verwendet…. der keltischen vielleicht? Für die frommen Christen jedenfalls war das böses, gegen den christlichen Glauben gerichtetes Teufelswerk! Und deshalb wurde die heidnische (keltische??) Höhle zum – pardon – »Teufelsarsch«!


Fußnoten

Foto 9: Externsteine vom See aus, etwa 1910 (Archiv W-J.Langbein)
1) Hornthal, Peter von (Herausgeber): »Haxthausen, Werner von: ›Sage vom
Externsteine‹«, Göttingen 1818, Nr. 11, S. 43 (Rechtschreibung unverändert aus
der Quelle übernommen!)
2) ebenda!
3) Siehe hierzu…. Braun, Wolfgang: »Geheime Orte in Ostwestfalen/ Ein
     Ausflugsführer«, Berlin 2015. (Externsteine, Tour 2, Die Externsteine lassen viele
     Fragen offen, S. 42-49)
Foto 10: Der »Wackelstein«
4) Hornthal, Peter von (Herausgeber): »Haxthausen, Werner von: ›Sage vom Externsteine‹«, Göttingen 1818, Nr. 11, S. 43 (Rechtschreibung unverändert aus
der Quelle übernommen!)
5) ebenda
6) ebenda
7) Mundhenk, Johannes: »Forschungen zur Geschichte der Externsteine, Band II,
     Untersuchungen zur Jüngeren Geschichte der Externsteine«, Lemgo 1980, S
     127/28 (Orthographie nicht angepasst!)

Zu den Fotos
Fotos 1-5: Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Ingeborg Diekmann
Fotos 7 und 8: Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Archiv Langbein (etwa 1910)
Foto 10: Walter-Jörg Langbein 

304 »Die Externsteine und das Blutloch«,
Teil 304 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 15.11.2015


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