Freitag, 5. Juni 2015

Die Bahn: »Das Zeug ist so alt … «

Freitagskolumne von Ursula Prem

Ursula Prem
Wo hoch differenzierte Systeme größeren Ausmaßes am Werk sind, kann es zu Pannen kommen, das ist allzu menschlich. Und so ist auch der durchschnittliche Bahnkunde mit einem gewissen Fatalismus ausgestattet, wenn er sein Ticket löst. Haben es notorische Meckerer im Leben nicht schwerer? Warum also nicht einfach darauf bauen, dass schon alles klappen und der vielleicht anstehende Termin rechtzeitig erreicht werden wird, wenn man sich einem angemessen frühzeitig abfahrenden Zug anvertraut? – Die früher hohe, heute immer noch leidliche Trefferquote dieses Denkens und der daraus resultierende Vertrauensvorschuss erfahren jedoch einen empfindlichen Dämpfer, wenn sich das Risiko des Misslingens in einer Weise realisiert, dass sich ein simpler Ausflug zur Tortur einer gefühlten Weltreise summiert.

Wer mit der Bahn (Regionalexpress) von Allersberg (Rothsee) über Ingolstadt nach München (Hbf.) fährt, hat laut Plan mit einer Fahrzeit von einer Stunde und 28 Minuten zu rechnen. Genau das Richtige also für einen entspannten Ferientag, realisierbar mit dem beliebten Bayern-Ticket. Soweit die Theorie. Wie dieser Plan in der Praxis aussehen kann, wenn es richtig schlecht läuft, durfte ich am 3. Juni 2015 am eigenen Leibe erleben.


Kleine Weichenstörung


Die Abfahrt des etwas überfüllten Zuges in Allersberg erfolgte planmäßig um 9:23 Uhr, zwei Stehplätze auf dem Gang waren noch relativ leicht zu erobern, durchaus auszuhalten bis zur planmäßigen Ankunft um 10:51 Uhr. Doch zu dieser kam es leider nicht: Um etwa 10:30 Uhr hielt der Zug im Vorfeld von Dachau auf freier Strecke. Es handle sich um eine kleine Weichenstörung, die Technik sei bereits dabei, das Problem zu beheben, informierte eine beruhigende Durchsage. Zur Ermittlung der Tatsache, dass es sich doch um ein umfangreicheres Problem handelte, benötigte die Bahn etwas Zeit: Erst um kurz vor zwölf Uhr war klar, dass der Zug zur vorherigen Haltestelle zurückfahren würde, die Fahrgäste würden gebeten, dann von Petershausen aus um 12:32 Uhr mit der S-Bahn nach München Hauptbahnhof weiterzufahren, informierte die Durchsage. Ärgerlich, aber trotzdem eine gute Nachricht für Fahrgäste wie uns, die, auf der sonnigen Seite des Zuges stehend, auf kleiner Flamme inzwischen fast gar gekocht waren. So kamen wir dann doch noch planmäßig an, allerdings dem Plan des Münchner S-Bahn-Netzes entsprechend, um 13:11 Uhr, nachdem wir drei Stunden und 48 Minuten für eine Reisestrecke von 142 Kilometern gebraucht hatten, zwei Stunden und 20 Minuten länger als geplant. – Wir beschlossen umgehend, die Sache sportlich zu nehmen und uns den schönen Tag von solchen Widrigkeiten nicht verderben zu lassen. Nach einer kleinen Stärkung noch am Hauptbahnhof stürzten wir uns ins Getümmel und genossen den Ausflug, denn vom Ablauf der bevorstehenden Rückreise hatten wir zum Glück noch keine Ahnung. 


»Indische Verhältnisse zu deutschen Preisen«


Da unser ursprünglich ins Auge gefasster Rückreisezug mit seiner Abfahrt um 15:10 Uhr durch die Verspätung obsolet geworden war, ermittelten wir einen Regionalexpress um 19:10 Uhr als Alternative. Nach den Erfahrungen des Vormittags waren wir bereits frühzeitig am Bahnhof und schafften es tatsächlich, zwei Sitzplätze in einem Großraumabteil zu ergattern. In der nächsten halben Stunde füllte sich der Zug, Ausdrücke wie »Sardinenbüchse« und »indische Verhältnisse zu deutschen Preisen« schwirrten durch die Luft, die Stimmung stieg. Dumm nur, dass die Lüftungsschlitze unter den Fenstern nur mäßig Sauerstoff nachlieferten und sich die kleinen Belüftungsfenster auch noch als zugeschweißt erwiesen. Meinen spontanen Gedanken, den Zug freiwillig wieder zu verlassen, erkannte ich aufgrund der nachdrängenden Menschen sofort als undurchführbar.

Pünktlich zur planmäßigen Abfahrtszeit erfolgte dann eine leicht genervte Durchsage, der Zug sei zu 150 % belegt und werde deshalb nicht abfahren. Ob und wie das Problem gelöst werden könnte, sagte die Stimme nicht: Sie beschränkte sich weitgehend auf die Aufforderung, die Türen zu schließen. Ob noch draußen stehenden Fahrgästen aufgrund der sich abzeichnenden Verspätung die Reiselust schwand oder aber die Zugbegleiter knallharte diesbezügliche Verhandlungen führten, entzieht sich meiner Kenntnis: Aus irgendwelchen Gründen verließ der Zug dann doch noch mit einer Verspätung von etwa einer halben Stunde den Bahnhof. Die Aussicht auf die nun anstehende Fahrt bei echtem Sauerstoffmangel und steigender Hitze ließ mich erstmals im Leben erahnen, wie es zum Ausbruch einer Massenpanik kommen kann. Wie es wohl denen ergangen sein mag, die die Reise ganz oben in den Ablagen für das Großgepäck hinter sich gebracht haben? Mir fehlte die Energie, sie zu fragen, wollte ich mich doch ganz auf das Atmen konzentrieren.


Zugeschweißte Fenster und mäßige Belüftung


Wie auch immer er das wohl geschafft haben mag: Irgendwann hatte sich ein tapferer Zugbegleiter vorangekämpft. Auch ihm mangelte es bereits sichtlich an Energie, nach den Fahrkarten fragte er erst gar nicht. Gute Entscheidung, denn alles andere hätte den Unmut der Fahrgäste mit Sicherheit empfindlich steigern können. Ich erkundigte mich, ob es ihm möglich sei, die Leistung der Belüftungsanlage zu steigern. Seine Antwort möchte ich unseren Lesern nicht vorenthalten:   

»Die läuft bereits auf voller Leistung, die Fenster lassen sich leider auch nicht öffnen. Das Zeug ist so alt, ich bin froh, dass es überhaupt funktioniert!«

Ob ich ihn damit zitieren dürfe, wollte ich von ihm wissen. Da dürfe ich ruhig auch alle seine Kollegen zitieren, meinte er, ehe er seine Klettertour fortsetzte. Was bin ich froh, dass ich in meiner Tasche einen leeren Zettel fand und mir seine Worte sofort notiert habe. Sonst würde ich es heute wohl selbst nicht mehr glauben.

Liebe Freunde von der Leitungsebene der Bahn, ich bin sicher, Sie kennen das Bahnnetz sehr gut, haben Sie die Gleisanlagen doch vielfach aus den First-Class-Bereichen aller gängigen Fluglinien heraus betrachten können, sodass Sie einen Überblick gewonnen haben. Ihren ersten Impuls nach Lektüre dieses Artikels kann ich mir gut vorstellen: Wäre es nicht toll, den Zugbegleiter ausfindig zu machen, der Bahnkunden mit derartig geschäftsschädigender Ehrlichkeit begegnet? Diesen Wunsch aus dem Reich der unreflektierten Instinkte jedoch sollten Sie zum Wohle des Ganzen unterdrücken, denn: Noch toller wäre es, den Bahnreisenden, wenn es schon mal etwas länger dauert, wenigstens ausreichend Sauerstoff zur Verfügung zu stellen. Hand aufs Herz: Wer ungehindert atmen kann, sitzt manches Problem einfach aus. Erst wenn dieses Thema vom Tisch ist, sollten Sie darüber nachdenken, den allzu ehrlichen Zugbegleiter ausfindig zu machen. Um ihm eine Gehaltserhöhung zu geben.



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Kommentare:

  1. Wer das Geld für die Instandsetzung und den behindertengerechten Ausbau maroder Züge und Bahnhöfe sucht, der muss nach Stuttgart fahren. Dort wird es zur Zeit verbuddelt. Dort wurde auch vielen engagierten Steuerzahlern und Kunden die Grenzen ihrer Freiheit mit aller Macht aufgezeigt.

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  2. Es wird immer schwieriger zu unterscheiden, ob aktuelle Widrigkeiten beim Bahnverkher Folge eines Streiks sind... oder als alltägliche Situation im Normalbetrieb angesehen werden müssen. Häufige Bahnstreiks führen letztlich dazu, dass der Reisende verstärkt auf Alternativmöglichkeiten zurückgreift.

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