Sonntag, 7. Juni 2015

281 »Die verschwundenen Burgen«

Teil 281 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Dom zu Verden
»Was da noch alles zu finden wäre…«, murmelt der alte Herr. »Hier, südöstlich von der Altstadt!« Mit ausgestrecktem Arm weist mich der Mann auf eine »verschwundene Burg«. Enttäuscht winkt er ab. »Leider ist ja die alte Burg nicht mehr zu sehen, zumindest überirdisch…« Ob es unterirdisch noch Reste der »Alten Burg« von Verden zu finden gibt, frage ich skeptisch. »Natürlich! Was da noch alles zu finden wäre… Aber das interessiert ja keinen Menschen mehr!«

Einen Kilometer südöstlich von der Altstadt von Verden gab es tatsächlich einst eine »Burg«. Sie lag auf einer Anhöhe. An zwei Seiten schützten steile Abhänge zum Fluss Aller hin vor möglichen Angreifern. Nach Norden hin war mit viel Aufwand ein  voluminöser Wall aufgeschüttet, parallel dazu ein Graben ausgehoben worden. Den Aushub des Grabens nutzte man zum Bau des Walls. Darüber hinaus wurden große Mengen Baumaterial herangeschafft, um den Wall noch zu erhöhen.

Wie lang die »Alte Burg« noch genutzt wurde? Wir wissen es nicht. 1816 wurde das »Burg-Areal« eingeebnet. 1846 benötigte man für den Bau des Baudamms Füllmaterial. Das holten die Bahnarbeiter aus dem Bereich der »Alten Burg«. Besonders begehrt war die »Füllung« des Walls: Kies. Fast zehn Meter Erdreich und Steine wurden damals abgegraben. Doch damit waren, wie sich herausstellen sollte, immer noch nicht alle Spuren der »Alten Burg« verschwunden. Noch 1959 stießen Arbeiter beim Ausheben von  Kanälen im Auftrag der Stadt auf Überbleibsel des Walls und des Grabens.

Foto 2: Lageplan »Alte Burg«

Es war zu befürchten, dass die Kanalisierungsarbeiten auch diese Überreste der alten Anlage jetzt restlos zerstören würden. Es kam zu überstürzt angeordneten archäologischen Untersuchungen. Die Wissenschaftler kamen zum Ergebnis, dass anno 1816 der Wall der »Alten Burg« noch über fünf Meter hoch  und insgesamt über fünfzehn Meter breit war. Auch die Ausmaße des Grabens wurden ermittelt.  Er war einst vierzehn Meter breit und immerhin über vier Meter tief. Das durch Wall und Graben gesicherte Grundstück der Burg war zweieinhalb Hektar groß. Ob die »Alte Burg« je von feindlichen Angreifern erobert wurde? Darüber ist nichts bekannt.

»Was da noch alles zu finden wäre…«, murmelt der alte Herr. »Hier, südöstlich von der Altstadt!«, wiederholt der alte Herr seufzend. »Mein Vater war 1959 dabei, als die Gräben für die Kanalisation ausgehoben wurden! Mein Vater hat auch für die Archäologen gearbeitet! Ich weiß noch, wie er geflucht hat, als er mit mehreren Kumpels dicke Steine, die einst zum Wall gehörten, für die Archäologen ausgraben und abtransportieren musste!« Er selbst sei als Kind dabei gewesen als »in fast fünf Metern Tiefe« ein »Armbrustbolzen aus Eisen« ans Tageslicht kam. Spärlich waren die Überreste des einst massiven Walls. Im Wall hatten Holzbohlen rund ein Jahrtausend überdauert. Sie wurden mit Hilfe der C-14-Methode auf die Zeit von 895 bis 1045 nach Christus datiert. Älter war ein »Henkelkrug« aus der Zeit um 750 nach Christus.

Fotos 3 und 4: »Olle Scherben« aus der »Alten Burg«

Der alte Herr lacht. »Ich durfte damals als Kind in den Löchern herumkrabbeln, die mein Vater und seine Kumpels im ehemaligen Burghof gebuddelt haben. Die Archäologen hetzten meinen Vater und die anderen Männer ganz schön! Sie hatten Angst, dass durch die Kanalisation alles zerstört werden würde!« Wertvolles wie Gold und Silber habe man leider nicht gefunden, nur »olle Scherben« Er selbst habe gehört, wie einer der Archäologen zu einem Kollegen sagte, die Bruchstücke seien wohl dem »Neoklyptikum« zuzurechnen. Es war wohl von »Neolithikum« die Rede. Demnach waren die »ollen Scherben« mindestens vier bis sechstausend Jahre alt.

Hellhörig machte mich der Hinweis des alten Herrn auf eine »alte Abfallgrube« innerhalb der »Burganlage«. Handelte es sich ja offenbar bei der »Burg« nicht um eine Burg im herkömmlichen Sinne, sondern um eine Anlage á la Keltenschanze. Die Keltenschanzen, wie die »Herlingsburg« unweit von Lügde, waren durch Wall und Graben geschützte Einfriedungen.

Nicht entschieden ist die Streitfrage, ob diese »Keltenschanzen« ausschließlich sakrale Bedeutung hatten... oder ob es sich um weltliche Siedlungen mit integrierten Tempeln gehandelt hat. Im Kommentar zu den Ausgrabungen im Bereich der Viereckschanzen von Holzhausen (München) lesen wir über die dortige Wallanlage (1): »Wegen der Grundrißgestaltung lag es nahe, dieses Gebäude als Vorläufer der späteren gallorömischen Umgangstempel zu sehen. Aufgrund von Forschungen der letzten Jahre sind die Viereckschanzen als ein Charakteristikum des ländlichen Siedelwesens der Spätlatenzeit (2) zu sehen. Ihre Funktion kann vielfältige Aspekte aus dem kultischen und profanen Bereich umfaßt haben. Dies im Denken des vorgeschichtlichen Menschen eng verflochtenen Bereiche heute im Einzelbefund sicher zu trennen, bereitet größte Schwierigkeiten.«

Foto 5: Moderne Verkehrswege im Konflikt
mit einst heiligen Bergen...

Die »Alte Burg« von Verden an der Aller ist vollkommen von der Erdoberfläche verschwunden. Wegen der Einebnung des Areals und tiefgreifender Abtragung des Erdreichs dürfte es auch unterirdisch keine Spuren mehr geben. Eine Datierung der »Alten Burg« ist nicht mehr möglich. Auch diverse Funde erlauben keine halbwegs sichere zeitliche Einschätzung des Alters der Anlage, an die heute nur noch Straßennamen erinnern: Die »Alte Burg« beginnt im »Burgfeld« und hat die Seitenstraße »Alter Ringwall«.  Eine »Alte Burg« wurde vermutlich um das Jahr 800 gebaut. Sie hatte aber Vorgänger, die – wann auch immer – auf der von der Natur vorgegebenen Anhöhe errichtet worden sind. Zwei schroff abfallende Hänge erleichterten den Bau der Anlage. So musste nur ein Teil des Areals  mit einer Wall-Graben-Kombination gesichert werden. Es ist durchaus möglich, dass schon jener Ort die Menschen angelockt hat und schon vor Jahrtausenden für sakrale Handlungen genutzt wurde. Antworten gibt es wenige, Fragen bleiben viele offen.

Unklar ist, ob die Wallanlage von Verden von den Kelten geschaffen wurde oder nicht. Vom Aufbau erinnert sie allerdings sehr an die »Viereckschanzen« der Kelten. Bestimmte Orte wurden über Jahrtausende hinweg immer wieder von Menschen aufgesucht und besiedelt. Längst sind alle Spuren der Vergangenheit verschwunden. Sie wichen Feldern und Wiesen, wurden zuletzt von Straßen, Wohnhäuser und Gärtchen verdrängt

Foto 6: Blick vom Staffelberg ins Tal.

Besondere Plätze werden immer wieder und das seit Jahrtausenden genutzt. Ein Beispiel von vielen ist der Staffelberg im schönen Oberfranken. Vor Jahrzehnten hieß die idyllische Region dort noch mit Recht »Gottesgarten«. Eine autobahnartige Rennstrecke aber hat das Maintal inzwischen wie mit einem Messer durchschnitten. Der 539 Meter hohe Berg war wiederholt besiedelt – von der Jungsteinzeit (etwa 5 000 v.Chr.) bis zur »Römischen Kaiserzeit« (bis etwa 420 n.Chr.). Auf Steinzeitmenschen folgten die Kelten, die auf dem Plateau eine Wehranlage mit Wall und Graben bauten. 

Foto 7: Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg

Seit 1653 dient die Adelgundiskapelle an just jener exponierten Stelle als Ziel von Wallfahrern und Pilgern. In meiner Jugend stieg ich oft mit meinem Vater auf den Staffelberg, besuchte die Adelgundiskapelle und nahm eine Brotzeit in der einstigen Einsiedlerklause ein. Wir blickten schweigend hinab ins Maintal und spürten die besondere Atmosphäre eines uralten Kultorts.

Eine Felsgrotte – leider von respektlosen Besuchern vermüllt – erinnerte uns an Sagen um den Staffelberg, die von Schätzen in seinem Inneren erzählen und von Zwergen (»Querkele« genannt), die einst von bösen Menschen vertrieben wurden. Wer zum rechten Zeitpunkt vor Ort war, so heißt es, konnte in das Innere des Berges gelangen, aber auch für hundert Jahre gefangen bleiben, wenn er ihn nicht rechtzeitig verlassen hatte. 

Ganz offensichtlich gibt es auf unserem Planeten Orte, die warum auch immer geradezu magisch anziehend auf uns Menschen wirken. Das gilt auch für Verden an der Aller.

So hatte der mächtige steinerne Dom zu Verden bescheidene hölzerne Vorgänger. Gleich zwei einfache Kirchlein sollen bereits im achten Jahrhundert Christen als Orte der Andacht und des Gebets gedient haben.  Der Platz ist nicht willkürlich gewählt worden! Die allererste Holzkirche machte einer heidnischen Kult- und Gerichtsstätte Konkurrenz. Mittelpunkt der heidnischen Zusammenkünfte war der Lugenstein (3), nur wenige Meter vom heutigen Dom entfernt. Und der altehrwürdige Dom zu Verden war von einer »Domburg« umgeben, die wie die »Alte Burg« seit Jahrhunderten verschwunden ist.

Fotos 8, 9 und 10: Der Lugenstein aus verschiedenen Blickwinkeln

Fußnoten

(1) Wieland, Günther: »Die Ausgrabungen in der Viereckschanze 2 von Holzhausen/ Grabungsberichte von Klaus Schwarz zusammengestellt und kommentiert von Günther Wieland«, Rahden/ Westf. 2005, Orthografie wurde nicht der heutigen Schreibweise angepasst (Rechtschreibreform), sondern
Buchstabengetreu übernommen.

(2) Latenzeit, etwa 450 v.Chr. bis um Christi Geburt

(3) Der Name »Lugenstein« leitet sich nicht etwa von der »Lüge« ab, sondern geht über das Sächsische auf den lateinischen Begriff »Lex«, also »Gesetz«, zurück. Es gab zu heidnischen Zeiten im heutigen Verden an der Aller einen markanten Stein am Gerichtsplatz. Karl der Große soll dann just an dieser Stelle »Recht« gesprochen haben.


Foto 11: Blick auf den Dom zu Verden

Zu den Fotos:


Foto 1) Dom zu Verden: Man erkennt den Turm des Doms. Der Turm ist das älteste Stück des Doms. Foto: Walter-Jörg Langbein

Foto 2) Lageplan »Alte Burg«: Archiv Langbein. Vom Verfasser leicht bearbeitet.

Fotos 3 und 4) »Olle Scherben« aus der »Alten Burg«: Foto Sammlung Langbein

Foto 5) Moderne Verkehrswege im Konflikt mit einst heiligen Bergen...: Im Hintergrund sieht man den Staffelberg. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 6) Blick vom Staffelberg ins Tal: Historische Ansichtskarte. Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 7) Adelgundiskapelle auf dem Staffelberg: Historische Ansichtskarte. Archiv Walter-Jörg Langbein

Fotos 8, 9 und 10) Der Lugenstein aus verschiedenen Blickwinkeln: Fotos Walter-Jörg Langbein

Foto 11) Blick auf den Dom zu Verden. Foto (aufgenommen Anfang März 2015) Walter-Jörg Langbein

282 »Mönch und Monster«,
Teil 282 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 14.06.2015


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