Sonntag, 31. Mai 2015

280 »Die Lichterscheinungen von Lügde und anderswo«

Teil 280 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


»Leuchtende« Kilianskirche bei Nacht.

»An der Stelle, wo sich heute die St. Kilianskirche erhebt, soll in ganz, ganz alter Zeit bei den Heiden einst ein Heiligtum, das ›Ewige Licht‹ geheißen, gewesen sein. Hier soll immer ein Licht gebrannt haben und eine Heilquelle aus der Erde gesprungen sein. Aus allen Landen kamen die Heiden hierher. Es mag sich um ein wichtiges Heiligtum gehandelt haben. Die christlichen Missionare haben dieses Heiligtum dann verschüttet und an dieser Stelle eine Kirche errichtet, dem Heiligen Kilian geweiht. Die verschüttete Quelle versank 898 Meter tief und wartet noch heute auf ihre Wiederentdeckung. Es soll eine Salzquelle sein, die überaus heilsam wirken könne.«  So schreibt Heimatforscher Manfred Willeke in der von ihm herausgegebenen »Lügder Sagen-Sammlung«.


Ermordung St. Kilians

Interessant ist die Herkunft des Namens »Kilian«. Sie ist wohl keltischen Ursprungs. Aus dem keltischen »Ceallach« wurde wohl Kilian. »Ceallach« ist alles andere als christlich und bedeutet »Krieg, Kampf und Kämpfer«. Kam »St. Kilian« wie vermutet, aus dem keltischen Raum, um auch im Raum Lügde zu missionieren? Oder verbirgt sich etwas Heidnisches hinter der christlichen Fassade? 1972 wurde Ausgrabungen vor Ort durchgeführt, die interessante Spuren zutage förderten. So stießen Archäologen auf ein »prähistorisches Kindergrab« (2), aus der Zeit um Christi Geburt und auf eine »Abfallgrube« aus der gleichen Zeit. 

Die Kelten hinterließen eine Vielzahl von Anlagen, zum Beispiel die »Keltenschanzen« von Holzhausen (Bayern) und der »Herlingsburg« (unweit von Lügde). Innerhalb dieser von Erdwällen umgebenen Stätten gab es sehr häufig recht tiefe Schächte, in denen »organisches Material« entdeckt wurden. Offenbar handelte es sich dabei um Opferschächte, in die Gaben für die Götter geworfen wurden. Was manchmal despektierlich als »Abfallgrube« bezeichnet wird, kann sehr wohl auf heidnische Kulte hinweisen.

Dr. Günther Wieland studierte Vor- und Frühgeschichte. Der promovierte Wissenschaftler darf als einer der führenden Experten in Sachen »Keltenschanzen« gelten. In »Keltische Viereckschanzen« versucht er zusammen mit namhaften Kollegen einem uralten Rätsel auf die Spur zu kommen (3). Dr. Wieland schreibt zur Thematik der »Schächte« (4): »Die mehrfach in Viereckschanzen nachgewiesenen Schächte waren eines der Hauptargumente, alle diese Anlagen kultisch zu deuten und werden immer noch kontrovers diskutiert.«

Als ich in Erlangen evangelische Theologie studierte, hielt ich im Hause des »Martin-Luther-Bundes« einen Vortrag über »heidnische Wurzeln christlicher Stätten«. Meine Hinweise darauf, dass es dort, wo heute christliche Wallfahrten enden, einst schon Heiden ihre Kultfeiern zelebrierten, stießen auf wenig Begeisterung. »Sie interpretieren da zu viel hinein, Bruder Langbein!«, ermahnte mich mit strengem Blick ein Professor der Kirchengeschichte. »Verschwenden Sie doch nicht Ihre Zeit mit derlei Überlegungen! Wenn irgendwo im Erdreich Reste von Tieren ausgegraben werden, muss das mit altem heidnischen Brauchtum nichts zu tun gehabt haben. Vielleicht waren das nur Abfälle, die man vergraben hat! Und Sie geheimnissen da Religiöses hinein!« 

Teil des Walls einer Keltenschanze (Holzhausen)

In Holzhausen, Raum München, wurden in einer »Keltenschanze« drei Schächte ausfindig gemacht. Der älteste war immerhin ursprünglich 35 Meter tief. Dieser 35 Meter tiefe Schacht war teilweise handwerklich geschickt verschalt worden. Archäologen entdeckten am Grunde des verschütteten Schachts ein geschnitztes, scheibenförmiges Holzobjekt, vermutlich ein Kultobjekt aus heidnischen Zeiten. Im sechs Meter tiefen Schacht von Holzhausen stand einst auf dem Boden ein ins Erdreich getriebener Pfahl. Solche Pfähle versinnbildlichten in »primitiven« Zeiten nicht selten Gottheiten. Zu Zeiten des Alten Testaments, als Jahwe schon längst offizieller Gott war, wurden noch Pfähle angebetet, stellvertretend für Göttinnen. So war das Bild der Göttin Aschera alias Astarte ein Pfahl. Aschera alias Astarte war eine der wichtigsten Fruchtbarkeitsgöttinnen.

Vergeblich suchte ich in der Literatur nach archäologischen Auswertungen der »Abfallgrube« von Lügde aus der Zeit um Christi Geburt. So lässt sich die Frage, ob es sich dabei um Spuren ritueller Kulthandlungen und Opferungen vor rund zwei Jahrtausenden gehandelt hat, nicht mehr beantworten. Manfred Willeke hält es für möglich, dass dort, wo heute die altehrwürdige Kilianskirche zu Lügde steht, schon in vorchristlicher Zeit religiöse Feiern abgehalten wurden. So schreibt er(5): »Wenn es sich dabei tatsächlich um ein Heiligtum der Sachsen (Heiden) gehandelt hat, wäre die Errichtung einer Kirche darüber durchaus möglich, wie uns die Fachliteratur berichtet.«

Maria Licht
 Vor Jahren kam ich in der Kilianskirche zu Lügde mit einem Schweizer Ehepaar aus dem Dörfchen Acladira (Kanton Graubünden, in der Nähe von Trun) ins Gespräch. Interessiert lauschten die sympathischen Eidgenossen meinen Hinweisen auf die Lichterscheinung, die nach der alten Sage zum Bau der ersten Kilianskirche führte. »Unser Kirchlein in Acladira heißt Maria Licht!«, erklärte mir der Mann. Auch hier wird von einer geheimnisvollen Lichterscheinung berichtet. In vorgeschichtlichen Zeiten gab es ein prähistorisches Heiligtum. Ein mächtiger Findling überlebte die »Christianisierung«. Angeblich war der Stein noch im 20. Jahrhundert Ziel christlicher Pilger. Ob es schon zu heidnischen Zeiten das seltsame helle Licht gab? Wurde just dort, wo heute zu »Maria Licht« gebetet wird, eine Göttin verehrt? Am Chorbogen wird die Aufmerksamkeit der Besucher auf ein großes Fresko gelenkt. Es zeigt den »Triumphzug Marias«. Maria wird auf einem Wagen von Benediktinern gezogen.

Auf dem Altarbild, so erfuhr ich, sei einst eine »Heimsuchungsszene« zu sehen gewesen. Sollte das Kunstwerk den frommen Christen im 17. Jahrhundert zu anrüchig gewesen sein? Es wurde in den Jahren 1681 bis 1684 »durch eine bekleidete Madonna« (6) ersetzt. Die christliche Weihe erfolgte erst am 4. Juli 1672 durch Bischof Ulrich VI. de Mont zu Ehren der Jungfrau »Maria zum Licht«. Heidnische Weihen dürfte der sakrale Ort schon Jahrtausende früher erhalten haben. Das namensgebende Licht wurde von der christlichen Gemeinde als »göttliche Botschaft« gedeutet. Auch das im 17. Jahrhundert gefertigte Gemälde im Chorhimmel kann als »verchristianisierte« Fassung eines heidnischen Opferrituals gedeutet werden. Da fließen das Blut Jesu und die Milch der Gottesmutter zusammen: in einer Opferschale. Blut und Muttermilch lassen Erinnerungen an einen uralten Kult aus dem Matriarchat aufkommen.

Maria auf der Mondsichel in Lügdes Marienkirche

Zu den ältesten Gottheiten überhaupt gehören mit dem Mond verbundene Göttinnen. Barbara Walker weiß zu berichten (7): »Die Menschen glaubten schon seit ihren frühesten Kulturen, daß die geheimnisvolle Magie der Schöpfung dem Blut innewohne, das Frauen in offensichtlicher Harmonie mit dem Mond von sich gaben.« In »Harmonie mit dem Mond« wird sehr häufig auch in christlicher Sakralkunst Maria, die Gottesmutter, gezeigt. In zahllosen Darstellungen – zum Beispiel in der Marien-Kirche zu Lügde, steht sie auf einer Mondsichel. Die christliche Muttergottes setzt so eine uralte Tradition fort, die irgendwann in grauer Vorzeit ihren Ursprung nahm.  In Mesopotamien zum Beispiel wurde die Muttergöttin Ninhursag verehrt, die Menschen wie der biblische Gott aus Lehm geschaffen haben soll. Diese Kreationen bekamen das »Blut des Lebens« eingetrichtert…. 

»Ägyptische Pharaonen,« so lesen wir im Lexikon »Das geheime Wissen der Frauen« (8), »wurden göttlich, indem sie ›Blut der Isis‹ zu sich nahmen«. Dürfen wir in diesem Zusammenhang an das »Blut Christi« denken, das beim christlichen Abendmahl rituell verabreicht wird?


Maria Eck

Vom Schweizer Acladira zur Wallfahrtskirche Maria Eck im Traunsteiner Land. Das kleine Kirchlein ist auch heute noch, 882 Meter hoch gelegen, eines der beliebtesten Ziele des Chiemgaus. Vor dem Gnadenbild beten Zigtausende. Ob sie alle wissen, dass am Anfang eine mysteriöse Lichterscheinung den Ort heiligte? Auch die Maria der Wallfahrtskirche »Maria Eck« wird seit alters her in frommer Kunst gern wie eine Mondgöttin, also stehend auf der Mondsichel, gezeigt. 100 000 Pilger besuchen jährlich Maria Eck. Wie viele mögen wissen, dass »ihre« Gottesmutter uralten Mondgöttinnen entspricht?

»Mondgöttin« von Maria Eck

Leider fehlt bis heute eine wissenschaftliche theologische Erforschung der vernachlässigten Zusammenhänge: Welche Marienheiligtümer wurden auf heidnischen Kultstätten gebaut? Wo gab es mysteriöse Lichterscheinungen, die solche Orte der Kraft markierten? Bestätigten Lichterscheinungen die richtige Auswahl von Orten für den Bau von Tempeln oder Kirchen? Oder wurden sakrale Bauwerke dort gebaut, wo geheimnisvolle Lichterscheinungen aufgetreten sind?

Maria Locherboden

Ich fürchte, für viele heilige Orte werden sich diese Fragen nicht mehr beantworten lassen, weil das vorchristliche Erbe über Jahrhunderte hinweg negiert, verdrängt und zerstört wurde. So wissen wir von der Wallfahrtskirche Maria Locherboden über dem Inntal am Mieminger Plateau (Österreich), dass bei der christlichen Weihe anno 1901 Lichterscheinungen aufgetreten sein sollen. Aber wann wurde dieses Phänomen zum ersten Mal beobachtet? Fakt ist: Schon bevor die Kirche gebaut wurde, gab es Wallfahrten und – angeblich – Wunderheilungen. Die Kirche Maria Locherboden wurde ja errichtet. Weil just jene Stelle schon seit Jahrhunderten von christlichen Pilgern besucht wurde.


In den Monaten Mai bis Oktober findet immer am 11. Des Monats eine Lichterprozession statt… in Erinnerung an mysteriöse Lichterscheinungen? Ich fürchte, die Zusammenhänge zwischen heidnischen oder/ und christlichen Kultorten und mysteriösen Lichterscheinungen lassen sich in vielen Fällen nicht mehr erforschen. Wir sollten aber endlich die vorhandenen Quellen – Sagen, zum Beispiel – nutzen und auswerten, die Antworten auf just diese Fragen anbieten. Bislang entsteht aber der deutliche Eindruck, dass eine solche Forschung nicht wirklich erwünscht ist. Warum? Weil jeder Gläubige gern davon ausgeht, dass die eigene Religion allein die Fragen des Lebens beantworten kann.

St. Kilian zu Lügde
Leider gibt es aber bisher nicht einmal einen zusammenfassenden Überblick, wo und seit wann denn überall als göttlich angesehene Leuchterscheinungen aufgetreten sind. Ebenso wenig gibt es einen Überblick über alle »heidnischen« Stätten, die von christlichen abgelöst wurden. Die von mir angeführten Beispiele sind nur eine winzige Auswahl… Wie viele mag es insgesamt geben, im christlichen und darüber hinaus überhaupt im religiösen Bereich? Das sind Fragen, die Theologie, die diesen Namen auch verdient, endlich zu beantworten versuchen sollte!


Fußnoten

(1) Willeke, Manfred: »Lügder Sagen-Sammlung/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1988, S. 81, Orthographie blieb unverändert
(2) ebenda, S. 82
(3) Wieland, Günther (Hrsg.): Keltische Viereckschanzen/ Einem Rätsel auf der Spur, Stuttgart 1999
(4) ebenda, S. 44
(5) , Manfred: »Lügder Sagen-Sammlung/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1988, S. 81, Orthographie blieb unverändert.
Anmerkung des Verfassers: Meine Schlussfolgerungen sind »auf eigenem Mist gewachsen« und nicht mit Herrn Willeke abgesprochen. Es soll nicht der Eindruck entstehen, als ob meine Vermutungen von Herrn Willeke geteilt werden.
(6) Wikipedia-Artikel zu »Maria Licht«, Stand 14. April 2015
(7) Walker, Barbara: »Das geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 698
(8) ebenda, S. 700

Zu den Fotos:

»Leuchtende« Kilianskirche bei Nacht: Foto Walter-Jörg Langbein
Ermordung St. Kilians:Archiv Walter-Jörg Langbein
Teil des Walls einer Keltenschanze (Holzhausen): Foto Walter-Jörg Langbein
Maria Licht: wiki commons/ Adrian Michael
Maria auf der Mondsichel in Lügdes Marienkirche: Walter-Jörg Langbein
Maria Eck: wiki commons/ Schizoschaft
»Mondgöttin« von Maria Eck: ca 1850, Archiv Walter-Jörg Langbein
Maria Locherboden:wiki commons/ Kries
St. Kilian zu Lügde: Walter-Jörg Langbein

281 »Die verschwundenen Burgen«
Teil 281 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 07.06.2015

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