Sonntag, 24. Mai 2015

279 »Die Marienwunder von Lügde«

Teil 279 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die Marienkirche von Lügde.

Wie alle Jahre rollten auch am Ostersonntag 2015, am Abend des 5. April, sechs brennende »Osterräder« von einer Anhöhe ins Tal. Sie kamen gut voran, was nach altem Volksglauben auf reiche Ernte für die Landwirtschaft hinweist. Heimatforscher Manfred Willeke berichtet (1):


»Wie alt dieser Brauch ist, und woher er ursprünglich stammt, ist weithin unbekannt. Die alten Lügder berichten lediglich davon, daß zwei Jungen einmal einige ausgediente Wagenräder mit Stroh hätten laufen lassen, was den Leuten sehr gut gefallen hätte und schließlich zur Tradition geworden wäre.«

Ein brennendes Rad rollt ins Tal, Ostersonntag in Lügde

Mir erscheint diese Erklärung wenig plausibel zu sein. Ich halte es für nicht glaubwürdig, dass »zwei Jungen« aus einer spielerischen Laune heraus zentnerschwere Wagenräder auf einen Berg geschafft haben und ins Tal haben rollen lassen. Es ist alles andere als wahrscheinlich, dass sich aus einem kindlichen Spiel ein bis in unsere Tage zelebrierter Brauch entwickelt hat. Eine ebenfalls von Manfred Willeke publizierte Lügder Sage datiert den Ursprung der Feuerräder in vorchristliche Zeiten zurück (2):

»Vor vielen hundert Jahren wurden die Osterräder zu Lügde verboten, da sie der Kirche in dieser Zeit nicht mehr genehm waren und auch nicht in die Zeit gepasst hätten… Die Lügder aber hingen sehr an diesem Brauchtum und suchten den Kontakt zur Kirche. Nach langen zähen Verhandlungen einigte man sich schließlich darauf, die Räder weiterhin unter christlicher Vorstellung zu Ehren des auferstandenen Herrn Jesus Christus laufen zu lassen. Zu diesem Zweck wurden die Räder mit den vielen Speichen abgeschafft und nur noch zwei Speichen in die Räder gesetzt, welche wie ein Kreuz aussahen. So war die Kirche und auch das Volk zu seinem Recht gekommen und der Lauf der Osterräder gesichert.« Wurde also ein uralter heidnischer Brauch (»Feuerräder«) christianisiert (»Osterräder«), so dass die Kirche die Fortführung der österlichen Zeremonie dulden konnte?

Feuerräderlauf zu Lügde... Ostersonntag
Dass die »gute alte Zeit« so wirklich gut nicht immer war, beweist auch die Geschichte meiner neuen »Heimatstadt« Lügde (3). In den Jahren 1447, 1548 und 1797 kam es zu katastrophalen Stadtbränden, bei denen fast nur die Befestigungsanlagen und die Kilianskirche erhalten blieben. Große Überschwemmungen suchten Lügde 1539, 1775 und zuletzt 1946 heim. Zu Kriegsschäden kam es besonders im 17. Jahrhundert (4). 1632 standen die Schweden vor der Stadtmauer Lügdes. Die feindliche Übernahme stand unmittelbar bevor. Den Lügdern grauste es vor einem möglichen blutigen Ende. Hatten sie die »Magdeburger Hochzeit« vor Augen? 1631 war Magdeburg von 26.800 kaiserlichen Soldaten belagert wurden. Am 10. Mai 1631 wurde Magdeburg förmlich überrannt. Es kam zu Plünderungen, Morden und Vergewaltigungen. Kinder wie Greise, Frauen wie Männer, Zivilisten wie Soldaten wurden in einem fürchterlichen Gemetzel förmlich abgeschlachtet. Rund 20.000 Tote waren zu beklagen, ein Großteil der gesamten Bevölkerung. Überlebt haben reiche Magdeburger, die sich freikaufen konnten. Überlebt haben zweitausend, vielleicht sogar viertausend Menschen, die im Dom Zuflucht gesucht hatten. Sie wurden vom Heerführer Johann Graf von Tilly verschont. Würde den Lügdern wenige Monate nach dem grausamen Gemetzel von Magdeburg ein ähnlich schlimmes Schicksal widerfahren?

1632 drohte die Stadt Lügde von einem übermächtigen Truppenkontingent der Schweden eingenommen zu werden. In einer alten Lügder Sage wird das Marienwunder beschrieben (5):

Marienkirche zu Lügde
» Als im Jahre 1632 die Schweden die Stadt Lügde angriffen, geschah ein großes Wunder. Machtlos standen die Bewohner Lügdes der angreifenden Übermacht der Schweden gegenüber. Als sie keinen Ausweg mehr wußten, fingen sie in dieser allerhöchsten Not an zu beten und riefen die Hilfe der Stadtschutzpatronin, der Muttergottes, an.

Der Beschuß der Schweden wurde aber immer heftiger und schon flogen die ersten Kanonenkugeln über die Stadtmauer. Immer wilder tobte der Kampf um Lügde. Da erschien an der Stelle, wo heute die Muttergottes in den Stadtmauer steht, eine ›weiße Frau‹ auf der Mauer und blickte den Schweden mutig ins Auge. Sie verschwand trotz des starken Beschusses nicht von der Mauer und schaute furchtlos zu den Schweden. …

Da wichen die Schweden entsetzt zurück und ergriffen die Flucht vor dieser ›weißen Frau‹. Erleichtert sanken die Lügder auf die Knie und stimmten ein Loblied zu Ehren der Muttergottes an, die ihnen doch einen rettenden Engel geschickt – oder ihnen selbst geholfen hatte ????« (Ende des Zitats)

Reste der Stadtmauer von Lügde

Nach meinem intensiven Quellenstudium bin ich zur Überzeugung gelangt, dass bereits rund ein halbes Jahrtausend vor der Belagerung durch die Schweden eine Muttergottes-Figur in einer Nische der Stadtmauer von Lügde verehrt wurde. Nach der wundersamen Rettung durch die »Weiße Frau« nahm die Marienverehrung in Lügde noch zu. Mit großem Eifer dankte man Maria. Wie? Angeblich war es fromme Sitte, zu Ehren der »Heiligen Jungfrau« Kerzen anzuzünden. Die Lügder, als Lipper ansonsten nicht gerade für Verschwendungssucht bekannt, sollen allen Geiz vergessen und voller religiöser Inbrunst zahllose Kerzen in unmittelbarer Nähe der Statue abgebrannt haben. Über die Jahrhunderte sei die »Muttergottes« schwarz geworden. Kleine Kinder sollen sich gar vor der verehrten Statue gefürchtet haben. Also wurde beschlossen, die alte, schwarze Statuette gegen eine neue, ansehnlichere auszutauschen. Das soll Ende des 19. Oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschehen sein.

Die neue Statuette von Jesu Mutter sollte an die Stelle der alten treten. Die alte sollte verschwinden. Ausgediente Heiligenfiguren wurden auf besondere Weise »entsorgt«. So wurde die schwarze Madonna von Lügde einem »Heiligenfeuer« anvertraut….(7) »Doch die Muttergottes verbrannte nicht, sondern strahlte ein viel helleres Licht als das des Feuers aus. Da nahmen sie die Kinder wieder an sich und brachten sie zum Vater. Dieser war zornig und schimpfte die Kinder aus, daß sie das alte Ding nun doch wieder mitgebracht hätten. In seinem Zorn packte er sich die Figur und lief damit zur nahen ›Kleinen Emmer‹, in die er sie hineinwarf. Wenn er nun aber gedacht hatte die Lösung des Problems gefunden zu haben, so hatte er sich geirrt, denn die Muttergottes bewegte sich nicht von der Stelle, ja ging auch nicht unter. Da ergriff ihn ein Gefühl tiefer Ehrfurcht und er fischte die Muttergottesstatue wieder aus der ›Kleinen Emmer‹. Zuhause angekommen reinigte er sie gründlich und räumte ihr einen besonderen Ehrenplatz in der sogenannten Wohnstube ein. Nach vielen Jahren hörte Pfarrer Vogel (1922-40) davon und er bekam die Muttergottesstatue für die Kirche, wo sie noch heute steht.«

Wundersame Statue, Marienkirche, Lügde

Drei Marienwunder werden seit alten Zeiten in Lügde überliefert: Maria verteidigt die Stadt Lügde im Dreißigjährigen Krieg gegen eine überwältigende Überlegenheit der schwedischen Belagerer, die Lügder Muttergottesstatue übersteht auf wundersame Weise die Flammen eines Heiligenfeuers und auf nicht minder wundersame Weise versinkt sie nicht in den Fluten der »Kleinen Emmer«.

Wir finden die wundersame Statue der Muttergottes heute am rechten Pfeiler gegenüber der Kanzel in der Lügder Marienkirche. Es fällt auf, dass sie ein großes Zepter in der rechten Hand hält, von Aussehen und Größe mit dem von Karl dem Großen. Das »Jesuskind« scheint – bei genauerem Hinsehen – gar nicht von der Mutter gehalten zu werden. Es ist, als ob der Miniaturerwachsene mit ernster Miene vor der linken Seite seiner Mutter schwebt. Der Erwachsene in Kindergröße hat auch keine babytypische Haltung. Seine Beine sind angewinkelt, so als ob er auf einem Thron sitzt. In seiner Hand hält er die Weltkugel, als Zeichen dafür, dass Jesus Christus nach christlichem Glauben Herr der Welt ist. Seine rechte Hand ist zum Segensgruß erhoben.

Das »Jesuskind« von Lügde
Übrigens: So wie in Lügde sorgte im gleichen Jahre – anno 1632 – ein Marienbild in Mengen nach altem Volksglauben, dass schwedische Truppen trotz militärischer Überlegenheit auf den siegreichen Angriff verzichteten und abzogen. Derlei sagenhafte Überlieferungen sind, speziell bei älteren Menschen, auch heute noch fest im Volksglauben verankert. Ich sprach im Laufe der letzten fünfunddreißig Jahre wiederholt mit alten Einwohnern Lügdes, die fest an die Wunder »ihrer« Maria glauben. Für diese Katholiken ist der Glaube an Maria Gewissheit und gibt ihnen Sicherheit und. Sie fühlen sich beschützt, so wie wahrscheinlich schon vor Jahrzehntausenden Menschen, deren Muttergöttinen nur einen anderen Namen trugen. Maria, die Muttergottes, übernimmt mehr und mehr die Rolle der schon vor Jahrtausenden im Zentrum des Glaubens stehende Muttergöttin.

Der vermeintlich aufgeklärte Mensch mag zu Beginn des 21. Jahrhunderts altehrwürdige Überlieferungen wie jene von den Marienwundern von Lügde als »Aberglauben« belächeln und ablehnen. In einer aufgeklärten Zeit sollte aber in religiösen Fragen Toleranz herrschen. Jeder sollte den Glauben seines Nachbarn tolerieren und achten. Und niemand sollte versuchen, seinem Nachbarn den eigenen Glauben aufzudrängen, schon gar nicht mit Gewalt. Wer meint, mit Gewalt seinen Glauben durchsetzen oder auch nur »schützen« zu müssen, der beweist nicht die Richtigkeit seines Glaubens. Vielmehr verdeutlicht so ein Mensch nur, wie schwach in Wirklichkeit sein eigener Glaube ist.

Fußnoten

Blick in die Marienkirche
(1) Willeke, Manfred: »Lügder Sagen-Sammlung/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1988, S. 103, Orthographie blieb unverändert
(2) ebenda, S. 102, das Zitat wurde wortwörtlich übernommen, blieb – Orthographie – unverändert!
(3) Geboren wurde ich 1954 im oberfränkischen Michelau. Anno 1979 zog es mich nach Lügde ins Exil, der Liebe wegen … zu meiner Frau!
(4) Und zwar in den Jahren 1621 folgende, 1632 folgende und 1638 folgende!
(5) Willeke, Manfred: »Lügder Sagen-Sammlung/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1988, S. 26, Orthographie blieb unverändert
(6) Horstmann, Heinrich von: »Lügde, Stadt der Osterfeuerräder - Entstehung, Werden und Sein einer alten westfälischen Stadt«,  Bad Pyrmont 1970, S. 17 und 18
(7) Willeke, Manfred: »Lügder Sagen-Sammlung/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1988, S. 28, Orthographie blieb unverändert

Literaturempfehlungen

(8) Linsbauer, Helga Marie: »Marienlegenden/ Zeugnisse der Marienverehrung aus vielen Jahrhunderten«/ Titel innen: »Marienlegenden/ Erzählungen von den Wundertaten der Gottesmutter aus 13 Jahrhunderten«, Augsburg 1989


Jubiläumsschrift zum 100. Geburtstag von St. Marien
(9) Hierzenberger, Gottfried und Nedomansky, Otto: »Erscheinungen und
Botschaften der Gottesmutter Maria/ Vollständige Dokumentation durch zwei Jahrtausende«, Augsburg 1993

(10) Kurte, Andreas (Hrsg.): » St. Marien Lügde 1895 – 1995«, Lügde 1995

Zu den Fotos:

Jubiläumsschrift zum 100. Geburtstag von St. Marien (links): Archiv Walter-Jörg Langbein.

Alle übrigen Fotos: Walter-Jörg Langbein



280 »Die Lichterscheinungen von Lügde und anderswo«
Teil 280 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 31.05.2015







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