Sonntag, 3. Mai 2015

276 »Adam, Eva und Dämonen«

Teil 276 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Basilika und Festung...

Eine Fülle von Bildern, in Stein gemeißelt, zieht an meinem geistigen Auge vorüber, wenn ich an meinen Besuch vor Ort in der Basilika von Vézelay denke. An einzelne kunstvoll reliefartig gearbeitete Szenen kann ich mich sehr gut erinnern. Da waren zum Beispiel zwei Männer zu sehen, die genüsslich Weintrauben verzehrten. Andere Kapitelle wiederum boten »nur« kunstvoll ausgearbeitete Ornamente oder Blattwerk. An die »Bremer Stadtmusikanten« erinnerte mich die Darstellung musizierender Tiere.


Adam und Eva von Höxter
Manch‘ biblisches Motiv ist ganz eindeutig zu verstehen. Da waren, ich erinnere mich sehr genau, Adam und Eva zu sehen, beide – angedeutet – nackt. Der unbekannte Künstler von Vézelay vermied einen Fehler, der bis heute immer wieder gemacht wird! Was viele Zeitgenossen nicht wissen: 

Die falsche Frucht
Der biblische Bericht vom »Sündenfall« spricht nicht von »Äpfeln«, sondern allgemein von Früchten, die Adam und Eva nicht verzehren durften. Im Säulenkapitell von Vézelay sind es Weintrauben, die den ersten Menschen zum  Verhängnis werden.Adam und Eva von Höxter (Foto links) haben eindeutig die falsche Frucht konsumiert (Foto rechts).

Nach der »Vertreibung von Adam  und Eva aus dem Paradies durch einen Engel mit Flammenschwert« suchte unser mönchischer Führer vergeblich. Er fand die Darstellung nicht, versicherte uns aber immer wieder, sie »erst gestern« gesehen zu haben. Heute bezweifele ich, dass es eine solche Darstellung in Vézelay überhaupt gibt. Jedenfalls habe ich nirgendwo in der – allerdings spärlichen – Literatur einen Hinweis auf eine solche Szene in der Basilika von Vézelay ausfindig machen können.

Vertraut war mir damals beim Besuch vor Ort die Geschichte von David und Goliath. Nachdem der kleinwüchsige David den hünenhaften Goliath mit seiner Steinschleuder außer Gefecht gesetzt hatte und der Riese zu Boden gestürzt war, hatte David leichtes Spiel. Er lieh sich das Schwert des Besiegten und hieb ihm das Haupt vom Rumpf. Was die kleine kunstvolle Illustration zur biblischen Erzählung von David und Goliath so interessant macht? Fast im Stil eines heutigen Comicstrips wird dargestellt wie David gerade seine Steinschleuder schwingt. Und dann sieht man den besiegten Goliath, dem David just den Kopf vom Leibe trennt. Beide, zeitlich natürlich aufeinander folgenden Szenen, wurden vom unbekannten Künstler in Vézelay in einem Bild aus Stein vereinigt.

David und Goliath von Vézelay

Andere Darstellungen haben überhaupt keinen erkennbaren biblischen oder auch allgemein religiösen Hintergrund. Mich beeindruckte der Kampf zwischen zwei Rittern. Unser frommer Führer erklärte, die beiden Ritter symbolisierten Streit und Zwietracht. Spannend fand ich Mythologisches. Da gab es zum Beispiel einen muskulösen Zentauren. Das Fabelwesen aus der griechischen Mythologie, halb Mensch, halb Pferd, war mit Peil und Bogen ausgestattet und zielte auf einen riesigen Vogel. Mir tat damals das potentielle Jagdopfer sehr leid. Saß es doch ahnungslos an einem Baum und pickte friedlich an den Zweigen herum.

Beängstigend war ein bemerkenswerter Zweikampf, den eine Mann und eine Frau austrugen. Der Mann war, so schien es, auch eine Art Zentaur. Oder war es ein Mensch der auf einem monströsen Fabelwesen ritt? Die Frau war wohl – auch? –  eine Art Zentaur. Sie hatte den Leib eines Vierbeiners, eher eines Rindes als eines Pferdes, ansonsten war sie irdisch-verführerische Frau.

Sehr beeindruckt hat mich, ich erinnere mich genau, an einen riesenhaften Adler, der ein kleines Menschlein entführte und durch die Lüfte davontrug. Sollte als Vorlage alte Mythologie gedient haben? Dann war der Adler kein Geringerer als Gott Jupiter höchstpersönlich, der in Gestalt eines Adlers Ganymed verschleppt hat. Wie auch immer: Eine hässliche Fratze beobachtete wohlgefällig, ja zufrieden grinsend das Geschehen. Von solchen Bildnissen wollte uns unser ansonsten sehr geduldiger Führer immer wieder weglocken, um uns biblische Darstellungen zu zeigen und zu erklären.

Moses, das Goldene Kalb...
Immer wieder gab es Darstellungen von zwei aufeinander folgenden Szenen, die auf den Säulenkapitellen zu einem Bild vereinigt wurden. Ein weiteres Beispiel: Moses hatte Gott höchstselbst auf dem »Heiligen Berg« getroffen und die berühmten beiden steinernen Tafeln mit den »Zehn Geboten« erhalten. Als Moses mit diesen konkreten Vorschriften Gottes vom Berg herabkam, musste er entsetzt feststellen, dass sich das Volk längst heidnischem Glauben zugewendet hatte. Aus Goldschmuck hatten die Undankbaren ein Standbild gefertigt, das »Goldene Kalb«, dem sie tanzend und frohlockend huldigten. Diesem Idol opferten sie.

Auf dem Säulenkapitell sieht man nun Moses mit den Gesetzestafeln, das Kalb, einen Menschen, der auf seinen Schultern ein Opfertier heranträgt… und über dem Kalb frohlockt jubilierend, die Arme begeistert gen Himmel reckend, den Mund weit zum  triumphierenden Schrei aufgerissen, ein böser Dämon. Der teuflische Unhold hat – wohl als kennzeichnendes Merkmal für höllische Gestalten – wild gen Himmel stehende Flammenhaare! Solche Dämonen wurden immer wieder auf Kapitellen von Vézelay verewigt!

Höllische Kreaturen – Dämonen – tauchten, so ich mich recht entsinne, immer wieder auf, auf den Säulenkapitellen. Mit brachialer Gewalt peinigten sie ihre Opfer. Da waren in einer Darstellung gleich drei wahrlich bösartige Teufel zu sehen… nach erfolgreichem Verbrechen! Sie hatten soeben ein Menschlein von einem hohen Turm gestürzt. Einer der drei höllischen Unholde wollte wohl auf »Nummer Sicher« gehen und versetzte dem zerschmettert am Boden liegenden Sünder einen wuchtigen Hieb auf den Kopf.

Eine Art Drachen – eine Mixtur aus verschiedenen Tieren – und eine riesige Heuschrecke saßen einander gegenüber. Laut klösterlichem Führer sei die Riesenheuschrecke – warum auch immer – als die bekehrte Heidenwelt zu verstehen, die sich dem Christentum zugewendet hatte. Das furchteinflößende Drachenmischwesen wiederum, das die Neu-Christen zu attackieren gedachte, sei leicht als der Teufel selbst zu erkennen. Weitschweifig erklärte der Gottesmann, dass der Teufel immer wieder versuche, Neubekehrte Christen vom wahren Glauben abzubringen und wieder zu Heiden zu machen. Kurzum, der Teufel missioniere für Irrglauben und brächte Verderben, Tod und ewige Höllenqual.

Vézelay als Briefmarkenmotiv, Frankreich 1946

Dieser »ewige Kampf« zwischen den göttlich-himmlischen und den teuflisch-bösen Mächten sei vielfach auf den Säulenkapitellen von Vézelay zu sehen. Das Böse locke mit Sünde, sprich mit den Verlockungen schöner Frauen. Auf einem der Kapitelle sah man eine schöne Frau, die einen jungen Mann bezirzen will. Ob das »böse Weib« den Jüngling vom rechten Pfad abbringen kann? Die steinerne Reliefarbeit ließ das Ende der Geschichte offen. Daneben gab es noch zwei Menschlein undefinierbaren Geschlechts, die sich – verliebt – an den Händen hielten. Der manchmal etwas sehr grimmige Mönch wertete die Darstellung als »Sünde des Fleisches«. Er zeigte auch wiederholt große Bedenken, als mir mein Vater seine Erklärungen übersetzte. Er meinte wohl, dass ich zu jung sei, um von derlei »Sündenpfuhl« zu erfahren.

Ganz eindeutig zu erkennen waren ein hold lächelnder Engel und ein Teufel mit grässlicher Fratze. Engel und Teufel seien die mächtigen Vertreter von Gut und Böse. Der hämisch grinsende, hasserfüllt die Zähne fletschende Satan hatte nur das ewige Verderben der Menschen im Sinn. Der Engel, als Vertreter der Himmelsmacht, hingegen wollte verhindern, dass die Menschen den »sündigen Verlockungen« aus der Höllenwelt zum Opfer fielen.

Zu den schönsten Darstellungen gehören die Reliefarbeiten an einem der Kapitelle im südlichen Seitenschiff. Aus der Vorhalle kommend sieht man rechts eine imposante Säule. An der Westseite dieser Säule kämpfen im Kapitell zwei mythologische Fabelwesen miteinander. An der Südseite der Säule wird im Kapitell ein Hirte von einem Adler durch die Lüfte entführt. An der Ostseite des Säulenkapitells musizieren Tiere. Thema der Nordseite des Säulenkapitells: Judas Tod am »Galgen« und Abtransport des toten Verräters.

Adam und Eva von Vézelay
Geht man weiter nach Osten in Richtung Chor, steht man vor der nächsten Säule, deren Kapitelle sehr interessant sind. An der Nordseite ist im Kapitell eine der vielen grausamen Mordtaten des Alten Testaments verewigt. Abschalom (zu Deutsch: »Vater des Friedens« oder »Der Vater ist Frieden«) lässt seinen Halbbruder Amnon (zu Deutsch: »Treue«) aus Rache ermorden. Amnon hatte sich krank gestellt, Abschaloms Halbschwester Tamar war ans Krankenlager geschickt worden, um den heimtückischen Amnon verköstigen und zu pflegen. Amnon nutzte die Gelegenheit und vergewaltigte Tamar. Da traf es sich gut, dass Amnons Vater kein Geringerer als der legendäre König David war. So wurde Amnon nicht, wie es das mosaische Gesetz eigentlich forderte, hingerichtet. Abschalom sann auf Rache. Als er gemeinsam mit Amnon ein rauschendes Fest feierte, ergab sich eine günstige Gelegenheit. Als Amnon betrunken war, ließ ihn Abschalom von Gefolgsleuten töten. Das Relief am Säulenkapitell zeigt den gewaltsamen Tod Amnons.

Die Ostseite des Säulenkapitells bietet angeblich eines der schönsten Kunstwerke von Vézelay. Auf den ersten Blick wurde hier das wohl bekannteste Paar der Bibel im steinernen Relief hoch oben am Ende der Säule verewigt. Wir erkennen zwei Menschen, beide sind nackt, beide hantieren mit großen Blättern. Beide sind wohl im Begriff, ihre Blöße mit den Blättern zu bedecken. An den Beinen der Nackten klettert eine Schlange empor. Das alles kennen wir aus dem Schöpfungsbericht. Die Schlange hat Eva verleitet, gegen das göttliche Verbot zu verstoßen... Im 1.Buch Mose (Kapitel 3, Verse 6 und 7) lesen wir:

»Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.

Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.«

Just dieses Szenario, so scheint es, wird hoch oben am Säulenkapitell dargestellt. Ein weiteres Detail deutet auf »Adam und Eva« hin.....

Ein weiteres Detail...

Daszu mehr in der nächsten Folge.... Und noch ein Detail... Rätsel über Rätsel in Vézelay.....

Fotos

Basilika und Festung: Foto wiki commons/ Ziegler175
Adam und Eva von Höxter: Foto Walter-Jörg Langbein
Die falsche Frucht: Foto Walter-Jörg Langbein
David und Goliath von Vézelay: Foto wiki commons/ Vassil
Moses, das Goldene Kalb..: Foto wiki commons/ Vassil
Vézelay als Briefmarkenmotiv, Frankreich 1946:
Foto Archiv Langbein
Adam und Eva von Vézelay: Foto wiki commons/ Vassil
Ein weiteres Detail: Foto wiki commons/ Vassil
Und noch ein Detail (Foto links!): Foto wiki commons/ Vassil

277 »Maria Magdalena, Heilige und falsche Märtyrer«
Teil 277 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 10.05.2015

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