Sonntag, 26. April 2015

275 »Ein mysteriöses Kompendium in Stein«

Teil 275 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Das »lebende Kreuz« von Verden, Foto W-J.Langbein

Die geheimnisvolle »Gestalt« auf dem mysteriösen Sakralbau von Verden…. Sie wirkt wie ein lebendes Kreuz, wie eine lebende Pflanzenkreatur, wie ein Mischwesen aus uralten Zeiten. Albert Einstein äußerte sich wie folgt: »Der intuitive Verstand ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ist ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.« Ich halte es für wichtig, dass wir wieder das »heilige Geschenk des intuitiven Verstands« achten und als Werkzeug des Denkens einsetzen. Bemerkenswert ist ja, dass Einstein Intuition und Logik nicht als unvereinbare Gegensätze ansieht. Vielmehr ordnet er Intuition auch dem weiten Feld des Verstandes zu.

Die Gestalt in Stein.
Uralte Sakralbaten des christlichen Abendlandes bieten eine Fülle von Kunstwerken, die – so habe ich in unzähligen Kirchen von örtlichen Führern gehört – vor allem für die große Masse der Menschen gedacht waren, die vor Jahrhunderten eben nicht ein Buch lesen konnten! Viele religiöse Darstellungen, wie wir sie aus Kirchen kennen, bieten Geschichte, die jeder Christ sofort versteht. Das Jesuskind in der Krippe, umringt von Maria und Joseph, den »Heiligen Drei Königen« und Ochs‘ und Esel, bedarf keiner weiteren Erklärung. Auch wenn das fromme Idyll meist eher in einen Stall aus dem rustikalen Bayernland als ins »Heilige Land« verlegt wird… die Geschichte von der Geburt Jesus im Stall von Bethlehem erkennt wohl jeder Zeitgenosse, der jemals die Weihnachtsgeschichte vernommen hat.

Andere sakrale Darstellungen allerdings sind sehr mysteriös. Nicht immer passt die offizielle Erklärung, wie sie beispielsweise in Führern suggeriert wird, wirklich zu den religiösen Kunstwerken. Oft ist Spekulation gefragt, wenn man die Botschaft der religiösen Darstellungen verstehen will. Das trifft in besonderem Maße für die Basilika von Vézelay zu, die man mit zahllosen Halbreliefs über dem Haupteingang bis hin zu den Säulenkapitellen überreich ausgestattet hat. Als Kind empfand ich diese Kunstwerke nicht als märchenhaft oder gar erbaulich, sondern als oftmals geradezu furchteinflößend!

Vézelay... auf dem »Heiligen Hügel«

Schon die Basilika von Vézelay selbst empfand ich als bedrohlich auf einer Anhöhe über dem kleinen Dörfchen Vézelay thronend, wie eine riesige Verschachtelung von Monstermauern, die wohl Mumien und Mysterien bieten würden. Unheimlich war ein kurzer Besuch in der Krypta, beim schwachen Schein einzelner Glühbirnen, war unheimlich wie ein alter Stummfilm über das »Phantom der Oper«. Spinnen hatten wohl schon vor Ewigkeiten ihre Netze aufgegeben, in denen sich längst keine Insekten mehr verfingen. Von irgendwo her kamen Geräusche von tropfendem Wasser. Ob es noch weitere, bislang unentdeckte Räume gab, hinter dicken steinernen Mauern? Würde man dort die Gebeine verschmachteter Gefangener finden, die irgendwo lebendig eingemauert worden waren?

Die Basilika von Vézelay
Hier in der Krypta wurden einst angeblich die Gebeine der Maria Magdalena bestattet. Der Glaube an diese ganz besondere Reliquie machte Vézelay zum vielleicht wichtigsten Pilgerziel Europas! Der Legende nach erreichte Maria Magdalena nach Jesu Tod am Kreuz auf dem Seeweg über das Mittelmeer Saintes-Maries-de-la-Mer in der Provence. Dort habe sie, als Apostelin der Apostel, das Christentum gepredigt und sei schließlich in der Fremde, fern der Heimat, gestorben. Ein Mönch, so besagt es die Legende weiter, schaffte die Gebeine der Maria Magdalena, die nach den Schriften des Neuen Testaments übrigens keine Prostituierte war, nach Burgund. Vézelay galt allgemein als besonders gesegnet… durch die Gebeine der Heiligen Maria Magdalena.

Im späten 13. Jahrhundert aber, verlor Vézelay schlagartig seine Bedeutung, als die lange angebeteten Gebeine nicht mehr als echt angesehen wurden. Der gewaltige Pilgerstrom, der sonst unzählige Gläubige nach Vézelay geführt hatte, versiegte. Vézelay versank in der Bedeutungslosigkeit. Auch wenn die Reliquien der Maria Magdalena heute nicht mehr als echt gelten, so finden sich auch zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends immer wieder Pilger, die vom Mysterium Maria Magdalena angelockt den Weg nach Vézelay finden. Das Gotteshaus und der Hügel, auf dem die Basilika und die mächtigen Wehranlagen erbaut wurden, wurden 1979 zum »UNESCO-Weltkulturerbe« ernannt.

Ausschlaggebend für den Niedergang Vézelay war Mitte des zwölften Jahrhunderts die Entdeckung neuer Gebeine der Maria Magdalena in St. Maximin, in der Provence. Die angeblich wirklichen Reliquien befinden sich in einer Krypta unter der Basilika »Ste.-Marie-Madeleine de Saint-Maximin-la-Sainte-Baume«. Ich jedenfalls fand den mir riesenhaft erscheinenden Bau als unheimlich und schön zugleich. Er war in meinen Augen so etwas wie mittelalterliche Burg und lichtdurchflutete Kirche zugleich.

Ein wehrhafter Eingang zur Basilika

Ein örtlicher Führer wisperte meinem Vater damals zu, es gebe Geheimgänge von den unterirdischen Gewölben in der Unterwelt, die weit hinab in die einstige Stadt Vézelay führten. Von einer einst Tausenden Menschen Wohnraum schenkenden Stadt war so gut wie nichts mehr erhalten. Ein kleines Dörfchen schmiegte sich an die Anhöhe, auf der sich die Basilika im Lauf der Jahrhunderte breit gemacht hatte. Wo hörte der Sakralbau auf? Was waren steinerne Mauern des Gotteshauses, was Überbleibsel von einst stolzen Häusern reicher Bürger von Vézelay, die so nah wie möglich an der Basilika leben und sterben wollten? Was gehört zur Basilika, was zu den imposanten Schutzmauern?

Die massive Eingangstür des Hauptportals war verschlossen, eine kleine, unscheinbare seitlich versteckte Tür aber ließ sich knarzend öffnen. Noch aber befand man sich nicht im eigentlichen Gotteshaus, sondern in einem beeindruckenden Vorraum. Wie man zu wissen meint, versammelten sich hier wahrscheinlich die Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostella. Hier versammelten sich im Jahr 1190 die Gefolgsleute von König Philipp II August und von König Richard Löwenherz zum Aufbruch. In diesem Jahr ging’s zu dritten Kreuzzug ins »Heilige Land«!

Johannes der Täufer
Wie so oft sind es, zum Beispiel im Hauptschiff,  die Säulenkapitelle, die die Aufmerksamkeit der Besucher verdienen. In zwölf Metern Höhe wurden da Szenen aus dem Leben von Heiligen in den Stein gemeißelt, es wurden aber auch biblische Episoden in Stein verewigt. Leicht zu erkennen ist zum Beispiel Johannes der Täufer. Und es gibt Darstellungen, die nicht leicht zu interpretieren sind. Nach christlichem Verständnis war er der Verkünder von Jesu Bedeutung als Messias. Die steinerne Figur trägt das Lamm vor sich her, als Symbol für Jesus. Das Kreuz soll auf den Opfertod Jesus hinweisen.

Vieles aber bleibt rätselhaft. Der klösterliche Führer, der meinem Vater das »gotische Gotteshaus« erklärte, verwies verschämt auf »heidnische Einflüsse«.

Offenbar sollten im frühen 12. Jahrhundert auch heidnische Besucher der Basilika von Vézelay angesprochen werden. Ihnen vertraute Bilder sollten den neuen Glauben für sie schmackhafter machen. »Heidnisch ist zum Beispiel das steinerne Halbrelief auf einem der Säulenkapitelle, das Odysseus und die mythologische Sirene zeigt. Ein sehr ähnliches »Duo« sah ich, leider im Stadium der Auflösung befindlich, in der einstigen Kaiserkirche von Kloster-Schloss Corvey an der Weser.

Nicht minder mysteriös ist ein ganz und gar nicht christliches Fabelwesen mit Schwimmhäuten an den Füßen. Vor dem angsteinflößenden »Tier« flieht entsetzt eine Art Vogel. Dieses Monster hat drei Köpfe.  Ganz in der Nähe postiert wurde eine aus der griechischen Mythologie entliehene Sirene (Mischwesen aus Frau und Vogel), versehen mit einer Schlange am »Allerwertesten«.

Der »Vorraum« wurde nachträglich angefügt. Die wuchtigen Kreuzgewölbe, die steinernen Rundbögen und die massiven, vertrauenerweckenden Pfeiler und beeindruckende Emporen lassen den »Vorraum« eher wie eine kleine Kirche vor der großen erscheinen. Eine steinerne Statue des legendären Vorläufers von Jesus gab dem »Vorraum« einen würdevollen Namen: »Kirche des Heiligen Johannes des Täufers«. Johannes trägt das Lamm mit dem Kreuz vor sich her, also das Symbol für den Messias, der nach christlichem Verständnis den Opfertod am Kreuz sterben wird.

Von den vielen Säulenkapitellen ist mir eines besonders im Gedächtnis geblieben: Da öffnet ein gefährlicher Drache seinen Schlund, aus dem so etwas wie ein gewaltiger Strahl schießt… gegen eine Frau. Kein Zweifel, der böse Drache trachtet der Frau nach dem Leben. Nach offizieller theologischer Sicht steht der Drache -  natürlich? –  für den Teufel, die Frau für »Mutter Kirche«. Der Teufel will die Gemeinschaft der Gläubigen vernichten.

Fratze, schreiend, mit Flammenhaar

Aufgefallen sind mir damals beim Besuch mit meinem Vater vor Ort immer wieder  menschliche (?) Gestalten mit sehr eigenartiger Haartracht. Das Haar fällt nicht etwa mähnenartig wallend zu den Schultern herab, es erinnert am ehesten an hoch auflodernde Flammen, die von den Köpfen gen Himmel schießen. Passend zu den schauerlichen Haaren sind oft die Fratzen, die die häufig schmerzhaft verrenkten Gestalten schneiden….

Kann man die unzähligen Reliefs auf den Säulenkapitellen wie ein Buch lesen? Wer die steinernen Rätsel zu entschlüsseln vermag, entdeckt ein ganzes Kompendium, das ohne einen geschriebenen Buchstaben auskommt! In unseren Breiten gibt es zahlreiche Darstellungen von Geschichten aus dem Neuen Testament, die wir auch ohne erklärenden Text sofort verstehen. Krippenszenen, zum Beispiel, sind uns bestens vertraut. Wir verstehen ihre Bedeutung sofort. Zahllose Darstellungen in Vézelay aber sind und bleiben rätselhaft. Hilft uns die intuitive Fantasie beim Verstehenwollen weiter? Was mag die mysteriöse Szene um die Mühle von Vézelay bedeuten? (Fotos weiter unten!)


Fotos

Die »Mühle« von Vézelay...
Das lebende Kreuz von Verden:
Foto Walter-Jörg Langbein

Die Gestalt in Stein:
Foto Walter-Jörg Langbein

Vézelay... auf dem »Heiligen Hügel«:
Foto wiki commons/ amarant

Die Basilika von Vézelay:
Foto wiki commons/ Jean-Pol Grandmont

Ein wehrhafter Eingang zur Basilika:
Foto wiko commons/ pymouss gross

Johannes der Täufer:
Foto wiki commons/ vassil

Fratze, schreiend, mit Flammenhaar:
Foto wiki commons/ vassil

Krippenszene... uns wohlvertraut.
Die »Mühle« von Vézelay...: Foto wiki commons/ vassil

Krippenszene... uns wohlvertraut: Foto
Walter-Jörg Langbein



276 »Adam, Eva und Dämonen«,
Teil 276 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       

erscheint am 03.05.2015

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