Sonntag, 1. März 2015

267 »Mumien und eine geheimnisvolle Unterwelt«

Teil 267 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Blick in die »Mumien-Krypta«, etwa 1905
Was haben ein Maya-Tempel in Mexiko und ein romanischer Dom des christlichen Abendlandes gemeinsam?

Der berühmte »Tempel der Inschriften« von Palenque, Mexiko, wurde 690 vollendet. Auf einer Stufenpyramide thront ein Tempel. Unter der Pyramide befindet sich eine Grabkammer, die erst 1952 geöffnet wurde.

Majestätische Dome wie das jener in Bamberg wurden als »Gottesburgen« angelegt. Aber wo? Sehr häufig wählte man Stätten aus, die schon in vorchristlichen Zeiten als »heilig« angesehen wurden. Unter den Gotteshäusern wurden in der Romanik (10./ 11. Jahrhundert) Krypten angelegt, vergleichbar mit der Gruft unter dem Tempel der Inschriften.

Die christlichen unterirdischen Kammern waren streng genommen Kirchen unterhalb von Kirchen. Die Grabkammer von Palenque dürfte bei den Mayas als nicht minder heilig gegolten haben.

Abstieg in die »Unterwelt« von Palenque, Mexiko

In Palenque steigt man auch heute noch in die Krypta unter dem Tempel der Inschriften, so wie man auch in christlichen Gotteshäusern in Krypten gelangt. In Palenque ist klar zu erkennen, dass die unterirdische Kammer als letzte Ruhestätte für König Pakal gedacht war. Dort steht auch heute noch der kolossale Sarg des Herrschers. Die Krypten unter christlichen »Gottesburgen« dienten ursprünglich als geschützter Ort für »heilige Gebeine«. Ein Dom verstärkte durch Reliquien seine besondere Bedeutung – und Kraft. Leider lassen viele Besucher den Respekt vor den sakralen Stätten vermissen, beim Abstieg in die Krypta von Palenque sehr viel mehr als in christlichen Gotteshäusern.

Mit »heiligen Reliquien« wurde zeitweise ein schwunghafter Handel betrieben. Heute kann man Reliquien im Internet erwerben… oder staunend in altehrwürdigen Domen bestaunen. Anno 965, so wird überliefert, kehrte Erzbischof Adaldag von einer sehr erfolgreichen Pilgerreise nach Rom zurück. Vom Papst hatte der Kirchenmann damals sehr begehrte Reliquien zum Geschenk erhalten, nämlich die Knochen der Heiligen Kosmas und Damian. Die beiden christlichen Ärzte sollen im dritten Jahrhundert Wunder bewirkt haben, sehr zum Verdruss der Konkurrenz, und das vollkommen unentgeltlich. Besonders die Transplantation eines Beines soll unzählige Patienten vom christlichen Glauben überzeugt haben. Der römische Präfekt befahl den Tod der beiden Brüder. Sie überlebten ab diverse Versuche, sie hinzurichten. So konnten sie weder ertränkt, noch verbrannt werden. Sie ließen sich weder steinigen noch mit Pfeilen erschießen. Alle diese tödlichen Anschläge auf ihr Leben verpufften wirkungslos, bis sie schließlich enthauptet wurden.

Eingang zur »Unterwelt«

Anno 965, so wird überliefert, kamen die besonderen Reliquien nach Bremen, wurden in der Krypta des Doms eingemauert und offenbar vergessen. Erst 1334 wurden sie auf mysteriös-wundersame Weise wieder entdeckt. Romanische Krypten waren unter Kirchen angelegte Räume zur Aufbewahrung von Reliquien. Nach und nach verloren aber die alten Reliquien an Bedeutung. Der Reliquienkult aber lebte weiter, allerdings verehrte man anstatt der Märtyrer aus frühchristlicher Zeit neuzeitlichere Heilige, und das nicht mehr in den Krypten, sondern im Kirchenschiff selbst. Dort bekamen die »neuen Heiligen« eigene Altäre, in denen oftmals die verehrten Knochen für das Volk der Gläubigen zur Schau gestellt wurden. Damit verloren die Krypten ihre Bedeutung. Sie gerieten teils in Vergessenheit, teils wurden sie für recht weltliche Zwecke missbraucht. In der Ostkrypta des Doms zu Bremen wurden Bleibarren gelagert. Die Bremer waren weitsichtig. Man benötigte das Blei fürs  Domdach. Da Brände oder Stürme regelmäßig das Dach beschädigten oder zerstörten, legte man ein Bleilager in der einstigen Krypta an. Die hieß dann profan nicht mehr Krypta, sondern Bleikeller, Bleikammer oder Bleigewölbe.

An der Decke: Mumifizierte Hühner....
Nach meinen Recherchen wurden die Mumien erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts zufällig entdeckt. Von da an wurde der einstige Bleikeller zum Mumienkeller... und zur Touristenattraktion.  Im frühen 19. Jahrhundert zeigten tüchtige Kaufleute aus Bremen Interesse an der einstigen Bleikammer. Sie wollten sie als Lager für ihre Waren verwenden. Mit brachialer Gewalt wurde von außen ein Eingang in die Krypta geschlagen, um so den Kaufleuten den direkten Zugang zur gemieteten Räumlichkeit  zu ermöglichen. Die Kirche vermietete also den einst von Gebeinen von Heiligen »bewohnten« Raum gegen Bares an Kaufleute. Anno 1823 wurden die Mumien umgesiedelt, sie wurden in die »Kohlenkammer unter dem Konferenzzimmer« geschafft. Anno 1984 wurden die Mumien ein weiteres Mal in ihrer schon lange nicht mehr beschaulichen Ruhe gestört. Weil manche Besucher der Mumien offenbar  die Stille des Gotteshauses  störten, siedelte man die Mumien samt »Bleikeller« ein – bisher – letztes Mal um, nämlich in ein Nebengebäude des Doms.

Heute ist die Ostkrypta wieder ein »Ort der Stille« geworden, was ja dem Charakter des altehrwürdigen Gotteshauses mehr entspricht als ein Gruselkabinett der Mumien. Pietätvoll ist man mit den sterblichen Überresten nicht immer umgegangen. Nach meinen Recherchen sind die Mumien nicht mehr vollständig. Touristen sind ja dafür bekannt, dass sie gern Erinnerungsstücke mit in die Heimat zurück nehmen. So wurden den bedingt durch die geringe Luftfeuchtigkeit eingetrockneneten Toten ganze Haarbüschel ausgerissen und Finger abgebrochen. Einer dieser Finger und eine mumifizierte Kinderhand fanden ihren Weg nach Weimar, ins Goethehaus, als Geschenk für den Dichterfürsten.  Vergeblich hoffte man in Bremen, auf diese Weise die Neugier Goethes zu wecken. Der aber blieb Bremen fern und schenkte die makaberen Gaben seinerseits seinem Sohn August. Erst seit Ende der 1960-er Jahre sind die Mumien vor Zugriffen durch Besucher geschützt, in ihren »Schneewittchen- Särgen«.

Mumien in Särgen, ein Katzenskelett und ein Schädel...

Heute ist die Ostkrypta wieder ein Ort der Andacht geworden. Das ist meiner Meinung nach auch wirklich gut so. Die mysteriöse Krypta war ja auch nie als Ausstellungsraum für Mumien gedacht, sie sollte niemals eine Art Gruselkabinett werden. Unzählige Besucher standen schaudernd vor den offenen Särgen mit den erstarrten Mumien, genossen in gruseliger Atmosphäre frei erfundene Geschichten über die Toten. Dabei wurden die eigentlichen Geheimnisse der Krypta übersehen. Erstaunliche Kunstwerke aus der Zeit der frühen Gotik – 12. Jahrhundert – fanden keine Beachtung. Unter dem Putz warteten die wahrscheinlich ältesten Malereien Bremens darauf, wieder entdeckt und fachgerecht restauriert zu werden. Wurde bis heute wirklich alles Verborgene wieder sichtbar gemacht?

Mumiensärge der Chachapoyas, Peru

Unterwegs zu den großen Mysterien unseres Planeten begegneten mir immer wieder Monstermauern und Mumien. Es scheint so, als hätten alle großen Kulturen in grauer Vorzeit spielerisch mit gewaltigen Steinblöcken umgehen können. Die Kolosse wurden in Peru wie in der Türkei, auf der Osterinsel wie in Ägypten, in Bolivien wie in der Südsee bearbeitet, transportiert und oft wie Bauklötze im Riesenformat zu »Tempeln« oder wahren »Monstermauern« aufeinander getürmt. Nicht selten sehen die Steinriesen wie gegossen aus, so als habe man die Verschalungen eben abgenommen.

Mumien der Chachapoyas, Peru
 Und immer wieder begegneten mir Mumien, in den Hochanden Perus bei den Chachapoyas, den Wolkenmenschen… in Ägypten. Altehrwürdige Mumien der Chachapoyas waren aus den Begräbnisstätten an nur unter Lebensgefahr erreichbaren Steilwänden geholt worden. Sie warteten in einer Art Lagerraum in Pappkartons auf den letzten »Umzug« in ein Museum.

Die Mumien vom Dom zu Bremen sind im Vergleich dazu würdevoller untergebracht. Vor allem liegen sie nun hinter Glas und sind so vor Berührung durch pietätlose Besucher geschützt. Die Ostkrypta bietet wirklich Rätselhaftes, vor allem auf den Säulenkapitellen! Vorchristliche, also heidnische Symbole finden sich in großer Zahl. Immer wieder sehe ich, besonders im Altarbezirk der Ostkrypta an der Südwand, den Drudenfuß. Für die Druden war er heilig, die Tempelritter haben ihn übernommen und in großen Kathedralen verewigt. Der Drudenfuß – Pentagramm – gilt als magisches Zeichen. Er soll das Böse abwehren. Was ist nur schöne Ornamentik, was Symbolik? Verschmilzt da ein Ewigkeitssymbol mit dem Drudenfuß? Was haben die kleinen maskenhaften Gesichter zu bedeuten, die in Kapitelle neben rätselhafte Symbole in den Sandstein gemeißelt wurden? Sollen die Fratzen das Böse darstellen, das durch den Drudenfuß ferngehalten wird? Oder sind Seelen Verstorbener gemeint?

Schlangendrache gegen Fenriswolf

Mich interessieren besonders seltsame Tierdarstellungen. Da kämpft ein Wolf gegen ein Schlangenwesen. Hilft uns die nordische Mythologie weiter. Der Fenriswolf war das erste Kind des Gottes Loki und der Riesin Angrboda. Ein weiteres Kind war die Midgardschlange. Aus der Midgardschlange wurde ein geflügelter Drache. Was hat es zu bedeuten, dass in der Krypta der Kampf zwischen den Geschwistern Fenriswolf und Midgardschlange gezeigt wird? Stellen sie das Böse da, im Gegensatz zum häufig in der Krypta dargestellten Sonnensymbol? Was hat die doppelköpfige Schlange zu bedeuten?

Die alten Kirchen und Dome Deutschlands mussten im Verlauf der letzten tausend Jahre immer wieder restauriert, oft weitestgehend neu aufgebaut werden. Was Brandkatastrophen und alle möglichen Kriege überstanden hatte, das wurde bis zum Ende des »Zweiten Weltkriegs« Ziel von Angriffen aus der Luft. Alliierte Streitkräfte verwüsteten auch Gotteshäuser. Die unterirdischen Krypten überstehen die sinnlos wütenden Kräfte der Zerstörung seit vielen Jahrhunderten. Die Ostkrypta des Doms zu Bremen sieht heute wohl genauso aus wie vor einem Jahrtausend. In dieser »Unterwelt« atmet man den Geist der Ewigkeit. Könnte man nur die Symbole in dieser Unterwelt wie ein Buch lesen....

Anmerkung

Die Geschichte der »Dom-Mumien« ist teils widersprüchlich überliefert, teils spekulativ oder frei erfunden. Die historischen Hintergründe, die die Geschichte der »Dom-Mumien« immer wieder massiv beeinflusst haben, sind zu komplex, um in einem Artikel hinreichend gewürdigt zu werden. Wirklich exakt-konkretes Wissen über die »Dom-Mumien« gibt es weitestgehend keines. Um die unheimliche Attraktion für Besucher interessanter zu machen, wurde viel erfunden.

Unter dieser Grabplatte ruhte die »Mumie von Palenque«...
Fotos

Blick in die »Mumien-Krypta«, etwa 1905 -
Vermutlich handkolirierte Aufnahme, um
1905. Archiv Walter-Jörg Langbein

Abstieg in die »Unterwelt« von Palenque,
Mexiko - Foto Walter-Jörg Langbein

Eingang zur »Unterwelt« -
Archiv Walter-Jörg Langbein

An der Decke: Mumifizierte Hühner.... Aufnahme um 1900. ArchivWalter-Jörg Langbein

Mumien in Särgen, ein Katzenskelett und ein Schädel...:
historische Aufnahme, Archiv Walter-Jörg Langbein

Mumiensärge der Chachapoyas, Peru - Foto Walter-Jörg Langbein

Mumien der Chachapoyas, Peru - Foto Walter-Jörg Langbein

Schlangendrache gegen Fenriswolf - Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

Unter dieser Grabplatte ruhte die »Mumie von Palenque«... - Foto Walter-Jörg Langbein

268 »Monsterwölfe, Teufel und der Höllenschlund«,
Teil 268 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.03.2015


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1 Kommentar:

  1. Viele Grüße vom 20. Seminar PHANTASTISCH PHÄNOMENE aus Bremen.... Walter

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